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Ich wollte es nie einsehen, wenn es so war, aber ich hatte Angst - mehr als reichlich. Also versuchte ich, meine Tante anzurufen und mit ihr während meines Weges zu sprechen, um nicht so allein zu sein. Mehrmals versuchte ich, sie zu erreichen, aber niemand nahm den Hörer. "Verdammt! Wieso nicht? In ihrem Haus brennt doch überall Licht!" Zwar regnete es nicht mehr so stark, aber dafür blitzte und donnerte es, sodass es mir nur noch eher in den Sinn kam, mich zu beeilen. Ich konnte es kaum noch erwarten, im trockenen, warmen, gemütlichen Haus zu sitzen und etwas zu essen.

Einige Schritte später machte ich eine merkwürdige Entdeckung. "Warum ist die Haustür nicht geschlossen?" Nun machte ich mir noch mehr Sorgen um meine Tante als ohnehin schon. Ich wusste, dass sie nie einfach so ihre Haustür offen stehen lassen würde - dafür war sie viel zu ängstlich. Irritiert betrat ich den Eingangsbereich und musterte die Umgebung. "Grace sitzt auch gar nicht in ihrem Sessel....", wurde mir klar. "Grace? Wo bist Du? Tut mir leid, dass ich erst jetzt hier bin! Es gab... Komplikationen." Ihr alter Neunzigerjahre-Philips-Fernseher zeigte nur ein einziges blaues Bild und rauschte ununterbrochen. "Grace! Bist du oben?" Ein stumpfes, erschrockenes Poltern ertönte, ansonsten gab es keine Antwort. Stattdessen vernahm ich mit der Zeit ein metallisches, ungleichmäßiges, hallendes Klopfen. "Tante Grace?" Ich ging dorthin, wo mir das Geräusch am lautesten vorkam, öffnete langsam die Kellertür und betastete die Wand nach dem Lichtschalter. Die alten länglichen Leuchtstoffröhren, wie man sie aus Lagerhallen kannte, flackerten für eine längere Zeit und beleuchteten die Treppenstufen und den darauffolgenden langen Gang nur mäßig. Für ein paar Sekunden hielt ich Inne und lauschte dem unbekannten Klopfen. Mir war nicht gerade wohl zumute... Jede einzelne Stufe, die ich hinunterging, ließ mein Herz schneller schlagen.

Als ich dann den gesamten Gang im Blick hatte, sah ich, in welchem Raum als einzigem Licht brannte. "O Mann, das wird mir langsam echt etwas zu ungemütlich. Vielleicht sind es ja nur die Ratten..." Das war das Einzige, was mir gerade durch den Kopf gehen wollte. Als ich mich dem Raum näherte, hörte ich das Klopfen immer deutlicher, aber es klang sehr schwach. Was ich dann sah, traf mich wie ein Faustschlag ins Gesicht - meine hochschwangere Tante saß niedergeschlagen und mit Kabelbindern an die Wasserleitung gefesselt auf dem kalten, dreckigen Kellerboden. "Scheiße! Was ist passiert?!" Ich konnte mich kaum noch beherrschen und blickte mich im Raum nach einer Schere oder ähnlichem um.

Sie war nicht in der Lage, mir zu antworten, sie tippte nur unregelmäßig mit ihrer Uhr an die Wasserleitung, was das Geräusch erzeugte. Es machte mich total fertig, sie so hilflos und mit gesenktem Kopf auf dem Boden sitzen zu sehen. Womit hatte sie das verdient?!

"Eine Schere...!" Meine Verzweiflung erleichterte mir nicht wirklich die Suche. "Hier!" Ich stürmte vom Werkzeugregal zurück zum Stuhl und durchtrennte mit aller Kraft, die ich auf die Schere einwirken lassen konnte, die Kabelbinder. Kurz darauf riss ich Grace den Klebebandstreifen vom Mund.

Mit meiner Hilfe gelang es ihr, halbwegs gerade zu stehen und bis zur Treppe zu taumeln; Graces langes schwarzes Haar fiel mir immer wieder ins Blickfeld. Mir gingen gerade tausend Gedanken durch den Kopf; mir war einfach schlecht und schwindelig. Ich hatte sowas noch nie erlebt. In der Küche angekommen, verschnauften wir, und ich setzte meine verletzte Tante behutsam ab. "Grace! Was ist passiert?!" Sie schien immer noch sehr mitgenommen und machte einen verschlossenen Eindruck. "Grace? Warte... hier - etwas zum Trinken!" Sie zitterte am ganzen Körper und saß, den Blick nach unten gerichtet, am Küchentisch. "I-i-i-ist sie noch hier?" - "Wer?!" "D-die Frau." - "Welche Frau?!" "D-die Frau von oben." Mir lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. Für eine Minute hielt ich meinen Atem an, um dann Grace zu befehlen, einen Krankenwagen und die Polizei einzuschalten.

Mit einem Fleischermesser aus der Küche - es war das Erste, was mir in den Sinn gekommen war - bewaffnet, ging ich auf Zehenspitzen - aber jedoch mit weichen Knien - langsam die Treppe hinauf. Das Schlafzimmer meiner Tante war das zweite von links. Ich konnte immer noch nicht glauben, was passiert war. Es hörte sich für mich alles so seltsam an - aber es war zu real. Je näher ich jenem Zimmer kam, desto deutlicher war für mich ein zischendes Murmeln zu hören. "Nie wieder... nie wieder soll sie glücklich sein... nein... nie wieder, nie wieder... Hehe, nein, nein!" Gepresst klebte ich am äußeren Türrahmen und brachte es nur zu einem gebrechlichen "hey". "Hey!" Waghalsig unterbrach ich das wirre Gemurmel der beängstigenden kleinen Frau, die in der Ecke des Schlafzimmers stand und gegen die Wand redete. Sie drehte sich in Zeitlupe zu mir um, was mir ermöglichte, in ihre seelelosen, jedoch hellblauen Augen zu sehen, und fing an zu lachen. "Na, wer bist Du denn, mein Junge?" - "Was haben Sie meiner Tante angetan?!" Ich war total verunsichert. Ich hatte damit gerechnet, dass eine große, schwarzgekleidete Person seine Tante überfallen haben könnte, aber diese kleine, entstellte Frau änderte alles. Ich traute mich nicht, mich zu bewegen, und musterte die Fremde von oben bis unten mit weit aufgerissenen Augen. Von einem auf den anderen Augenblick verging der Frau in der Zimmerecke jedoch das dreckige Lachen und veränderte sich zu einem Ausdruck des Schmerzes und Hasses. Ich bekam Kopfschmerzen. Diese ganze Situation... Wieso passierte das?! "Grace, warum bist Du hier?!" Ich wendete mich einen Moment von der Frau ab und blickte neben mich.

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Die Frau stürmte urplötzlich zur schwangeren Grace und rammte ihr die langen, dünnen Finger in den Bauch. Grace schrie gequält auf. "Damit Du nie wieder glücklich bist! Nie wieder!" Die Frau, von der man nur annehmen konnte, dass sie irgendeiner Anstalt entflohen sein konnte, bohrte ihre dreckigen Finger schon fast vollständig in das Bauchfleisch der werdenden Mutter und wiederholte ihr gebrochenes Brüllen. Ich stand wie angewurzelt da und konnte nicht mit der Situation umgehen. Was passierte da gerade?! Blut spritzte mir und der vor Wut kreischenden Alten entgegen. Das war der Moment, in dem ich mein Gehirn für einen Moment ausschaltete und wahllos auf sie einschlug. Ihre Finger ließen sich nicht davon abhalten, noch tiefer ins Fleisch zu dringen. Graces zerrissen mein Trommelfell beinahe und mir kamen due Tränen. Auf einmal aber ließ diese Frau von meiner Tante ab, und ich nutzte die Gelegenheit und drückte meiner verletzten Tante schnell meine nasse Jacke auf den Bauch, um die Blutung bestmöglich zu stoppen.

"Warum?! Warum tun Sie das?!" schrie ich. Wir hatten ihr doch nichts getan, oder!? Es war unheimlich: Sie stand einfach nur etwas distanziert vor uns und leckte sich vor Freude die in Blut getränkten Finger. Ihre gelblichen, spitzen Zähne verbissen sich fast in ihrer eigenen schleimigen Zunge. Grace sackte langsam vor Schmerzen nieder und verzog ihr Gesicht; sie hielt sich ächzend den Bauch. "Mein Baby...!" Panik. Grace fühlte keinerlei Bewegung mehr in ihrem Bauch, außer die, des pochenden Gewebes. Die Einbrecherin lauschte und warf einen Blick aus dem Fenster, wo sie in der Dunkelheit draußen sich bewegende Lichter wahrnahm, und trat ein paar Schritte zurück zum Fenster. Sie starrte die kreischende Grace und mich mit einem hasserfüllten, aber zugleich amüsierten Blick an und zeigte mit ihrem blutigen Zeigefinger auf meine Tante. Für ein paar Sekunden herrschte vollkommene Stille im Zimmer, bis ich Grace darauf aufmerksam machte und sie den Kopf hob.

"Erinnerst du dich nicht an mich, Grace? Der ,hässliche Gnom', der ,schnell genug rennen kann'?" sprach Mary emotionslos und zog den rechten Mundwinkel für einen Moment hoch, sodass es nach einem gepressten Lächeln aussah. Graces Augen waren in Tränen getränkt. "Ich... ich..." Meine Tante wusste nun genau, wer vor ihr stand. Sie presste ihre Lippen zusammen und schluchzte. "Ich wollte das nicht! Meine... meine Freundin meinte, es wäre witzig, aber ich wollte, nicht so schnell auf sie zu fahren!" Ich schaute beide an und bekam kein Wort heraus. "Ich werde nie wieder glücklich sein! Du hast mir meinen Stolz und meinen Rest Gesundheit genommen, mich am Straßenrand liegen lassen und dich amüsiert. Ich habe Dir Dein Baby genommen", fuhr die Frau eiskalt fort und musterte Graces Wunden befriedigt. Grace begann, fürchterlich zu schluchzen; ich war total überfordert mit der Situation und setzte mich neben ihr auf den Boden. Ich legte meinen Kopf in meine Hände und fing einfach an zu weinen - ich hatte einfach keine Kraft mehr, mich mit irgendjemandem auseinanderzusetzen. "Wie dem auch sei, Grace, ich lasse mich nicht dafür bestrafen lassen, Auge um Auge und Zahn um Zahn beglichen zu haben", unterbrach die Frau die Stille.

Aus der Ferne hörte man aufheulende Motoren und sah die Reflektion des Blaulichts im Schlafzimmerfenster. Durch ein Megafon wurde der Einbrecherin befohlen, sie mit erhobenen Händen ans Fenster zu stellen; Suchscheinwerferlicht hüllte alles in einem grellen Lichtblitz auf. "Oh nein, dieses Mal nicht...", murmelte Graces Angreiferin wirr und krabbelte mit ihren krummen Gliedmaßen auf die Fensterbank. "Ich wiederhole: Stellen-", der Kommissar hielt Inne als er sah, wie die kleine Frau sich nach vorne fallen ließ. Ich riss meine Augen weit auf und schrie, betend, dass ich aus diesem Alptraum erwachen würde. "Ich sehe dich in der Hölle, du Miststück!", kreischte Grace aus ihrer Kehle heraus, als das dumpfe Aufschlagen des Körpers in der nasses Wiese zu hören war.

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