Deutsches Creepypasta Wiki
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„Womit habe ich das verdient?“, fragte ich wimmernd. Sie hielt inne, nahm das Messer von meinem Hals, aus dem ein einzelner roter Tropfen troff. Sie betrachtete mich eine Weile eingehend, wie ein Studienobjekt. Es erschien mir kaum wie eine Besserung meiner Situation.

„Eine gute Frage ...“, murmelte sie sinnierend nach einiger Zeit, die sich zur Unendlichkeit gedehnt hatte.

Ein mildes Lächeln umspielte ihre Lippen, indes sie den Eindruck erweckte, gedanklich an einem fernen Ort zu sein. Da die Klinge weiterhin fest in ihrer Hand lag, sah ich darin jedoch keine Ermutigung etwas Voreilige, womöglich Dummes, vor allem aber Endgültiges zu unternehmen.

„Um nicht zu sagen, eine ausgezeichnete Frage ...“, wiederholte sie und nahm den Akt der Verzweiflung meinerseits zum Anlass, sich ausgiebig zu diesem Thema auszulassen.

„Womit verdienen wir Menschen, was wir bekommen, was uns widerfährt und wie wir leben? Wir werden in das Leben hineingeboren, ohne vorher gefragt zu werden, und dann erwartet man von uns, dass wir das Beste aus dem machen, was uns in die Wiege gelegt wird.

Wir sind von Anfang an Sklaven der Umstände. Umstände wie unserer Herkunft, den Lebensstand unserer Eltern und der Zeit in der wir zur Welt kommen.

Am Anfang können wir dagegen wenig unternehmen. Wir sind klein und wehrlos, unser Schicksal hängt einzig und allein von der Umwelt ab. Kümmern sich meine Eltern oder andere Menschen um uns? Können sie das überhaupt? Überleben sie vielleicht gar nicht lange genug, um dieser Aufgabe nachzukommen? Oder haben wir eine tödliche Krankheit, die unsere Existenz schon im Keim erstickt und gar nicht erst zulässt, dass wir erfahren, was es heißt zu leben?

Sollten wir diesen Widrigkeiten aufgrund günstiger Umstände trotzen, wird uns das Glück zuteil, unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, nicht mehr länger auf die Gnade andere angewiesen zu sein. Nun ja, zumindest machen wir uns das gerne vor, nicht wahr?

Du dürftest das bestätigen können ... Ich meine in diesem Moment, halte ich dein Leben in Händen. Du lebst einzig und allein noch, weil ich es gewähre. So viel also zu dem Thema ...

Wir sind weiterhin Sklaven der Umstände. Sind wir dem Äußeren nach weiblich oder männlich? Welche Hautfarbe haben wir? Wie reagiert unsere Umwelt auf diese Eigenschaften? In was für einer Gegend und Gesellschaft wachsen wir auf? Welche Schule suchen unsere Eltern – oder die Menschen, die für uns zuständig sind – für uns aus? Sind wir, als Mensch geboren, dem alles zu Füßen gelegt wird und brauchen wir uns um nichts zu sorgen, da uns eine glorreiche Zukunft erwartet, oder kommen wir aus armen Verhältnissen und haben zusätzlich das Pech einfach nur strunzdumm zu sein? Was nicht heißen soll, dass es nicht auch andersherum sein kann oder der Arme am Ende des Tages glücklicher ist, als der Wohlhabene.

So oder so aber, entscheidet auch dies über den weiteren Verlauf unseres Lebens. Wo arbeiten wir später und in welcher Position. Arbeiten wir überhaupt? Wird es uns gestattet, ein Freigeist zu sein, oder sind wir gezwungen, das Knie zu beugen? Obrigkeiten unterschiedlicher Art, zwingen uns womöglich dazu, stets entgegen unserer Wünsche zu handeln, weil die Alternativen Degradierung, Freiheitsstrafen oder gleich eine Kugel im Kopf wären ...

Und wenn wir nicht vorher durch weitere Umstände sterben, werden wir irgendwann alt und grau. Haben vielleicht ein glückliches Leben gehabt, vielleicht ein beschissenes, meistens vermutlich eine Mischung aus beidem – immer eine Frage der Perspektive. Wo für den einen ein Albtraum beginnt, mag der andere, im Angesicht der Tatsache, dass es für ihn Alltag geworden ist, nur müde mit den Schultern zucken.

Die Frage dahinter bleibt aber immer noch unbeantwortet: Womit haben wir all das verdient? Womit haben wir es verdient Sklaven zu sein? Womit hast du es verdient auf mich gestoßen zu sein?

Was heißt eigentlich verdienen?

Die meisten Menschen wären wohl der Meinung, ein Kinderschänder verdiene den Tod, aber was, wenn er Familie hat? Hätte seine Tochter – die er nie angerührt hat – es verdient, ohne Vater aufzuwachsen, nur weil andere der Meinung waren ihm das Leben nehmen zu müssen? Und ist nicht genau dies, wieder ein Umstand, der ihr Leben, maßgeblich beeinflusst? Haben Millionen ‚Unschuldige‘ aus unzähligen Kriegen den Tod verdient? Vielleicht nicht, aber die Verantwortlichen haben dies in Kauf genommen. Hat ein guter Mensch, der für alle immer nur das Beste will, sein Glück verdient; während neben ihm eine ähnliche Person am Dreck seiner Nachbarn erstickt?

Welche Instanz steht da über uns und richtet über unser Schicksal? Ist es Gott? Wenn ich sage, ich töte dich jetzt, weil du es verdient hast, spricht dann Gott aus mir, der dich für deine Sünden strafen möchte? Und wenn es so ist, warum straft er dann auch die, die nie etwas getan haben und verschont die, die nur Leid zufügen. Warum richtet er hin und wieder doch die ‚Bösen‘ und wer klassifiziert eigentlich was böse und falsch ist und was nicht?

Nein, ich glaube nicht, dass Gott dafür verantwortlich ist, sofern er denn überhaupt existiert. Wir Menschen und unsere flexiblen Moralvorstellungen sind es, die über uns richten. Gesellschaftliche Normen werden schließlich von Menschen geformt. Solchen, die Sklaven ihrer Umwelt sind. Ein Teufelskreis.

Womit wir zu der Frage kommen, mit welcher Begründung die Menschheit im Allgemeinen es überhaupt verdient zu leben.

Wir lügen und betrügen, sind stets bestrebt, das Beste für unser Ego rauszuholen, töten uns gegenseitig, wenn es sein muss und zerstören ganz nebenbei den Lebensraum, der es uns überhaupt ermöglicht, all dies zu verwirklichen. Wir sind im Grunde genau das, womit wir das ‚Böse‘ über die Jahrhunderte hinweg definiert haben.

Wenn man nun aber die gesamte Menschheit auslöschen wollte, gäbe es sicher wieder einige Stimmen die sagen: ‚Nein, wir können doch nicht alle über einen Kamm scheren! Nicht alle sind schlecht.‘ Und so beginnt das Differenzieren wieder. Wer hat es verdient zu sterben und wer nicht?

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass es auf diese Frage keine Antwort gibt. Jedes Individuum ist Richter und Henker gleichermaßen; richtet, ob bewusst oder unbewusst, über sein eigenes Leben und das von anderen.

Ich sage über mich selbst, ich hätte für meinen Taten den Tod verdient, aber er kommt mich nicht holen. Was für ein Glück ich doch habe ... Und was für ein Pech du, der du mir über den Weg gelaufen bist, die ich entschieden habe, dass du es verdienst, für mich dein Leben zu lassen.

Wer etwas verdient hat und was nicht, ist immer vom einzelnen Menschen und seiner Ansicht abhängig. Es ist abhängig von den Umständen, die ihn zu dem gemacht haben, was er heute ist und in Zukunft sein wird. Was ihm wiederum widerfährt, hängt von der Ansicht anderer und deren Lebensumständen ab, deren Ansicht von Gerechtigkeit, deren Ansicht davon, wer was verdient und was nicht ...

Das Kollektiv Mensch, lebt und stirbt in Abhängigkeit von sich selbst, so einfach ist das. Und nun geh. Deine Frage, so interessant sie auch war, hat mich der Lust beraubt, dir dein Leben zu nehmen“

Damit erhob sie sich, entfernte sich von mir und lief einige Schritte durch den Raum, hin zu einem Fenster wo ihr Blick, auf dem Trubel der Nacht haften blieb.

Unfähig zu verstehen oder mich zu regen, beobachtete ich sie eine Weile lang. Bis sie erneut zu mir sprach: „Ich sage es kein zweites Mal. Geh. Bevor ich mich noch umentscheide.“


Plötzlich erschallte eine laute Stimme über mir: „Ich glaube, er kommt zurück!“

In diesem Moment riss ich die Augen auf und schnappte nach Luft. Ein gleißendes Licht, direkt über mir, blendete mich, weswegen ich nur schemenhafte Gestalten, mit ernsten, besorgten Gesichtern erkannte. Eines davon seufzte erleichtert. „Oh Gott sei Dank.“

„Nein“, widersprach ich der Schwester krächzend, die neben dem Arzt stand und mich verständnislos betrachtete. „Gott hat damit nichts zu tun. Das Kollektiv Mensch hat entschieden, dass ich das Leben verdiene.“

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