„Mr. Burger, mein Kollege und ich glauben, wir können ihnen helfen“, sagte einer der beiden Wissenschaftler.

Kühl betrachtete Joe die Zwei, welche ihm gegenüber am Tisch saßen. Sie trugen einfache Anzüge und waren Ende zwanzig. Keiner strahlte irgendwelchen Scharm aus, stattdessen wirkten sie wie unbeholfene Kinder, die gerade das Studium abgeschlossen hatten und sich endlich auf ihren ersten richtigen Job stürzen durften. Hinter ihnen standen zwei Wachen, die sicherstellen sollten, dass nichts passieren konnte.

Joe empfand diese Sicherheitsmaßnahme als übertrieben. So reichten die Ketten doch, die seine Hände an den Tisch fesselten. Vor den beiden lag eine dicke aufgeschlagene Mappe, die Bilder von mehreren Tatorten zeigte.

„Ja“, sagte der andere Wissenschaftler mit angewiderter Stimme, als sein Blick über die Bilder schweifte, „wir können Sie heilen und vor der Todesstrafe bewahren“

Nun war Joes Interesse geweckt.

„Wirklich?“, fragte er mit neugieriger Stimme. „Und wie?“

„Ganz einfach“, begann der erste Wissenschaftler, „Sie müssen nur einem experimentellen Eingriff zustimmen und …“

„Eine Lobotomie“, unterbrach Joe, „ihr wollt mich ruhig stellen“

„Nein, das wollen wir nicht“

„Genau“, sagte der zweite Wissenschaftler, der den Anblick von Joes Opfern vorrübergehend verarbeitet hatte, „der Eingriff sieht etwas anderes vor“

„Richtig. Sagt ihnen der Begriff KI etwas?“

Joe antwortete mit einfachen Nicken.

„Künstliche Intelligenz. Hab von gehört. Warum?“

„Nun, wir beschäftigen uns seit Jahren mit Menschen … wie Ihnen und versuchen einen Weg zu finden, ihnen zu helfen. Nach jahrerlanger Forschung haben wir endlich eine Lösung gefunden, die nicht nur Ihnen, sondern auch …“

„Komm zum Punkt“, unterbrach Joe gereizt.

Verunsichert übernahm der zweite Wissenschaftler das Wort.

„Wir sehen vor, ihr fehlendes … Gewissen durch eine KI zu ersetzen. Diese würden wir mit dem Eingriff in ihrem Gehirn … installieren“

„Diese würde Ihnen ein Moralgefühl geben und verhindern, dass sie erneuert … derartige Straftaten begehen können. Wir wollen nicht zu viel erhoffen, aber dank der KI könnten Sie auch ein Empathie Gefühl entwickeln.“

Joe ließ die Worte sich einige Momente auf der Zunge zergehen, bevor er antwortete.

„Ihr wollt damit mein Verhalten steuern, als ob ich eine Puppe wäre“

„Nein“, antwortete der erste Wissenschaftler in einem beschwichtigenden Ton, „daran sind wir nicht interessiert. Wir wollen Ihnen nur helfen. Ich muss aber ehrlich mit Ihnen sein. Die KI ist befähigt einzugreifen, falls sie eine Straftat begehen wollen“

Bevor Joe genauer nachfragen konnte, wie die KI ihn aufhalten würde, setzte der zweite Wissenschaftler fort.

„Wir sind uns bewusst, wie dies auf Sie wirken muss. Der Eingriff ist auch nicht ungefährlich, aber wir haben neben ihrer aufgehobenen Todesstrafe noch etwas, was Sie interessieren sollte“

„Und das wäre?“, fragte Joe belustigt.

„Ihnen wird ein Tag gestattet, in dem sie das Gefängnis verlassen dürfen. Sie können hingehen, wohin Sie wollen und machen, was Sie wollen. Die einzige Bedingung ist, dass Sie am Abend wieder zu uns zurückkehren müssen“

„Und wir bitten Sie, versuchen Sie nicht zu fliehen. Dies wäre eine Straftat und die KI wäre fähig sie aufzuhalten. Genaueres würden wir zum gebührenden Zeitpunkt besprechen. Also, was sagen Sie?“

Die Vorstellung, eine Stimme im Kopf zu haben, die ihm sagen würde, was richtig und falsch ist, erschien Joe als überaus lästig. Jedoch war die Gewissheit, der Todesstrafe zu entgehen und einen Tag aus diesem Loch zu entkommen, überaus begehrenswert. Und was, wenn die KI nicht funktioniert. So könnte er sich ein letztes Mal so richtig austoben. Auch wenn diese nur dies eine Möglichkeit war, erfüllte sie Joe mit Euphorie.

„Einverstanden“

„Und, wie fühlen Sie sich heute Mr. Burger?“, fragte der erste Wissenschaftler.

„Ganz gut“, antwortete Joe knapp.

Die Operation lag inzwischen einige Tage zurück aber noch konnte Joe keine spürbaren Veränderungen an sich bemerken, wenn man die Kopfschmerzen nicht mitrechnete, die ihn nach dem Eingriff quälten. Unzählige Tests wurden an ihm und seinen Gehirn vorgenommen und die Wissenschaftler zeigten sich zufrieden über das Ergebnis und versicherten ihm, dass die KI vollfunktionsfähig ist und er keine Schäden davon tragen würde.

„Sehr gut, dass freut uns zu hören“, sagte der zweite Wissenschaftler mit einem leichten Ekel in der Stimme, der immer auftrat, wenn er mit Joe reden musste. „Die Tests der letzten Tage waren alle zu unserer Zufriedenheit und somit können wir, ihnen den freien Tag gewähren, auf den Sie sicherlich schon gewartet haben“

Nur mit Mühe konnte Joe seine Euphorie unterdrücken. Er war sich aber ziemlich sicher, dass seine Augen seine Freude preisgegeben hatten, so wie der zweite Wissenschaftler ihn anschaute, als er ihm die Nachricht über seinen freien Tag mitgeteilt hatte.

Die nächsten Stunden vergingen wie im Fluge. Man führte noch einmal einige Untersuchungen an Joe durch, um sicherzugehen, dass die KI wirkte. Erneut waren Sie alle überaus positiv.

„So, ich wünsche Ihnen eine gute Zeit“, sagte der erste Wissenschaftler, als sie sich am Ausgang des Gefängnisses von Joe verabschiedeten. „Dieser Bus wird Sie in die Stadt bringen. Dort dürfen Sie tun, was Sie wollen. Niemand wird Sie verfolgen und wir geben Ihnen Geld, was Sie nach Belieben ausgeben dürfen. Die einzige Bedingung ist, dass sie Punkt achtzehn Uhr am vereinbarten Treffpunkt erscheinen und in den Bus einsteigen. Sind Sie damit einverstanden?“

Der Wissenschaftler hielt Joe die Hand hin und wartete darauf, dass er einschlug.

„Jaja, meinetwegen“, sagte Joe mit ungeduldiger Stimme und schüttelte die Hand eilig.

Er konnte es nicht erwarten, endlich in die Stadt zu kommen. Als er jedoch die Hand des Wissenschaftlers schüttelte, spürte er ein kurzes Stechen in seinem Kopf, welches aber bereits nach einigen Sekunden wieder abebbte.

„Ausgezeichnet, Mr. Burger. Dann sehen wir uns achtzehn Uhr. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag“

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, stieg Joe in den Bus ein. Gerade als der Motor angelassen wurde und sich das Fahrzeug in Bewegung setzte, warf er noch einen Blick zurück auf die beiden Wissenschaftler. Während der erste keine sonderliche Veränderung aufzeigte, war das Gesicht des zweiten Wissenschaftlers von einer hämischen Freude erfüllt, die Joes Misstrauen weckte, wenn er an die Abneigung dachte, die der Mann ihm gegenüber hegte.

Joe verschwendete daran aber keinen zweiten Gedanken mehr. Er wollte die Freiheit genießen, die er heute ein letztes Mal erleben durfte. Vor der Operation wurde seine Vorfreude durch all die Menschen geschürt, die er heute endlich töten würde. Als er jetzt aber an das geplante Blutbad dachte, überkam ihm eine leichte Übelkeit, als hätte er sich den Magen mit schlechten Essen verdorben.

Verwundert fragte er sich, ob dass das Werk der KI sei, die ihm einen Riegel vorschieben wollte. Zum ersten Mal kamen in ihm ernsthafte Sorgen auf, dass dieser Eingriff sein Leben weitgreifend verändert hatte. Bevor er sich aber seine gute Laune zunichtemachte, dachte er daran, dass seine Großmutter ihm immer empfohlen hatte, einen kühlen Kopf zu behalten.

So lehnte sich Joe zurück und ließ die Gedanken während der Busfahrt schweifen und fragte sich, wo er zuerst hin gehen sollte. Nach dreißig Minuten war er immer noch zu keinem Ergebnis gelangt und nahm sich einfach vor, die Stadt zu erkunden und zu improvisieren.

Es dauerte eine weitere halbe Stunde, bis der Bus endlich in der Stadt ankam. Der Busfahrer erklärte Joe, dass er hier bis achtzehn Uhr warten würde, aber auch bereit wäre, ihn jeder Zeit zurück zu fahren, falls er früher als geplant aufbrechen wollte. Joe empfand diesen Gedanken als lächerlich. Warum sollte er früher zurück wollen?

Ohne sich zu verabschieden machte er los, verspürte aber erneut diese leichte Übelkeit. Genervt fragte er sich, was der Grund dieser sein könnte, bis er den Busfahrer sah, der ihm zum Abschied zu wank. Zögerlich erwiderte Joe das Winken und die Übelkeit war verschwunden.

Verwundert machte er sich auf, die Stadt zu erkunden. Diese strahlte nur so von Leben. Überall wo man hin blickte, huschten Menschen durch die großen wie kleinen Straßen und gingen ihren täglichen Erledigungen nach, wobei sie einander nur begrenzt Beachtung schenkten. Das perfekte Jagdrevier.

Joe war schier überwältigt von all den Möglichkeiten, die sich ihm boten. Der Drang, sich endlich ein Opfer auszusuchen und zu töten, war fast nicht mehr auszuhalten, aber er musste sich zügeln, damit der Tag kein abruptes Ende finden würde.

Sein zielloses Umherlaufen führte Joe schließlich in den Stadtpark. Dort wusste er, dass er zuschlagen musste. Er hielt sich bedeckt, während er durch den Park lief, bis er eine alte Dame ausmachte, die alleine auf einer Bank bei einem Teich saß. Sie fütterte ein paar Enten mit Brotstückchen und machte einen zufriedenen Eindruck. Um sie herum standen einige Büsche, groß genug, dass man ihre Leiche dort verstecken konnte. Perfekt.

Gerade als Joe sich an sie heranschleichen und töten wollte, überkam ihm eine derart starke Übelkeit, dass er sich zum nächsten Busch retten und dort übergeben musste. Sein Magen verkrampfte sich schmerzhaft und all seine Gliedmaßen zitterten unkontrollierbar. Auf den Beinen konnte er sich nicht mehr halten und er sank auf alle Viere hinab, wobei jede Bewegung von seinem schmerzenden Bauch bestraft wurde. Aber auch wenn die Schmerzen nicht gewesen wären, hätte er sich nicht weiter bewegen können, da ihn jegliche Kraft verlassen hatte und er sich schlapp und schwach fühlte.

In einer derart schrecklichen Verfassung war Joe in seinem ganzen Leben noch nicht. Erst als er sich von der alten Dame entfernte und sich nicht mehr anblickte, ließen die Qualen nach. Nachdem er kriechend hundert Meter zwischen sich und seinem geplanten Opfer gebracht hatte, konnte er sich wieder auf die Beine raffen.

Panisch flüchtete Joe aus den Park und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Zum ersten Mal in seinem Leben, fühlte er wirkliche Angst. Wohin seine Beine ihn trugen, bemerkte er kaum. Er ließ ab und zu sein Blick durch die Menschen schweifen, die an ihm vorbei gingen und versuchte sich, aus reiner Gewohnheit, vorzustellen, wie er sie töten würde. Jedoch sollte ihm auch dies verwehrt bleiben.

Jedes Mal, wenn er seiner Fantasie freien Lauf ließ, überkam ihm wieder eine schwächere Übelkeit, die aber von weiteren Qualen begleitet wurde, welche seine Fantasien wohl bestrafen sollte. Wenn er sich vorstellte, einem Mann den Schädel zu zertrümmern, bekam er schreckliche Kopfschmerzen. Wenn er sich vorstellte, eine Frau zu erwürgen, schnürte sich sein Hals zu und er hatte Atemprobleme. Wenn er sich vorstellte, jemanden den Bauch aufzuschlitzen, explodierten seine Gedärme förmlich vor Schmerzen.

Als er von einer erneuten Welle von Übelkeit getroffen wurde, wollte sich Joe in ein Restaurant retten, um sich dort in der Toilette zu übergeben. Gerade als er die Tür zum Laden öffnete, hielt er diese unbewusst lange genug offen, sodass eine junge Frau neben ihn durch gehen und das Restaurant so verlassen konnte.

„Danke“, sagte sie.

Überrascht drehte sich Joe zu der Frau um, die ihm wieder den Rücken zugekehrt hatte und weiter lief. Die Übelkeit und die Schmerzen waren verschwunden und einem wohligen Gefühl der Genugtuung gewichen. Er war so erstaunt, dass er die Tür weiterhin offen hielt, wodurch eine weitere Person aus dem Restaurant gehen konnte.

„Danke“, ertönte es auch von dieser Gestalt.

Erneut verspürte er dieses Wohlgefühl, welches er sonst nur vom Töten anderer erhielt. Perplex ließ er die Tür los und setzte seinen ziellosen Marsch durch die Stadt fort, wobei er immer wieder Leuten bei Kleinigkeiten half. Und jedes Mal wurde er mit neuer Glückseligkeit belohnt, die mit jeder neuen guten Tat nur an Intensität dazu gewann.

Für Joe hatte sich eine ganze neue Welt aufgetan, an die er früher nie geglaubt hatte. Nachdem er zufälligerweise wieder bei dem Park ankam, in welchem er die alte Dame umbringen wollte, sah er ein Kind, welches gerade umher lief und über sein eigenes Bein stolperte und hin fiel. Anstatt über das weinende Balg zu lachen, wie er es sonst getan hätte, war ihm anders zu mute.

Ihm tat das Kind leid.

Joe hatte endgültig genug und rannte zum Bus zurück. Wortlos stieg er ein und begrüßte den Busfahrer mit einem knappen Kopfnicken. Diese KI hatte alles in ihm verändert, dass wusste er nun. Nichts war mehr, wie es sein sollte. Der Busfahrer sagte Joe, wo sie als nächstes hinfahren würden, jedoch bemerkte dieser es nicht. Er war zu sehr in seinen Gedanken gefangen.

Erst nach einer halben Stunde, in der Joe kaum mitbekam, wie sie fuhren und dann anhielten, wurde er aus seiner Gedankenwelt herausgerissen.

„Und, Mr. Burger“, fragte der erste Wissenschaftler, der am Eingang des Busses stand, „wie hat Ihn der Ausflug gefallen.

Joe gab keine Antwort.

„Nun, ich hoffe er hat Ihnen gefallen. Ich muss Sie nun bitten, mir zu folgen“

Ohne irgendwelche Widerworte zu geben, folgte Joe dem Wissenschaftler. Als sie aus dem Bus ausstiegen, sah Joe, dass sie sich in einer Art Nervenheilanstalt befanden. Dafür sprachen der Maschendrahtzaun, mit dem das Gelände umringt war, und das gigantische Gebäude, bei welchem jedes Fenster vergittert war und in das sie hinein gingen.

Zahllose weiße Flure, die sich in keinem Detail voneinander unterschieden, durchging Joe, bis er mit dem Wissenschaftler in einem kleinen Raum ankam. In diesem befanden sich neben dem zweiten Wissenschaftler noch an die zehn weitere Leute, die alle gekleidet waren, wie Patienten dieser Einrichtung. 

Sie alle saßen an einem Tisch und sprachen mit freudigen Gesichter miteinander. Der erste Wissenschaftler, Aiden, wie ihn die anderen Patienten begrüßten, deutete Joe, Platz zu nehmen und genau das tat er. Ohne sich zu beklagen.

Aber nicht nur das, er beteiligte sich an den Gesprächen. Er erfuhr, dass jeder hier eine KI in seinem Gehirn hat. Mr. Brown hat sie, um seinen Alzheimer zu bekämpfen, Mr. Williams für seine Schizophrenie und Mrs. Johnson um ihre multiplen Persönlichkeiten in Griff zu bekommen. Und das waren nur die leichteren Fälle.

Jeder der Anwesenden hatte durch die KI ihre Geisteskrankheiten besiegen können. Joe war ganz begeistert von den Unterhaltungen, die er mit den Leuten führte. Es interessierte ihn, was sie dachten und empfanden. Er interessierte sich für die Menschen und ihn herum und er war glücklich dabei.

Als er seinen Blick kurz durch den Raum schweifen ließ, erkannte er in einem Fenster sein Spiegelbild und hielt inne.

Nein, dachte Joe, das ist doch nicht richtig! Ich hasse so einen Scheiß eigentlich! Warum sollte es mich interessieren, was diese Schweine denken? Ich sollte sie doch töten wollen und ihnen Leid bescheren, den sie …

Er war weg. Der Gedanke war plötzlich aus Joes Kopf verschwunden. Kurz grübelte er nach, womit er sich eben noch beschäftigt hatte. Es muss wichtig gewesen sein.

Na ja, dachte sich Joe, egal. War wohl doch nicht so wichtig.

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