Deutsches Creepypasta Wiki
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Eine Kurzgeschichte von Terence Sherwood



Der Stundenzeiger der Uhr über der Tafel scheint zu stehen.

Gefangen in einer Furche unermesslicher Wehmut.

Es geht nicht weiter, mit dem Schwinden der Zeit, und die Kinder wippen tobsüchtig mit den Beinen heimlich unterm Tisch. Wenn der Sekundenzeiger nach oben rattert, der Stundenzeiger auf die Zwölf tickt, dann werden die Kinder schleunigst mit überhitztem Rummel ihre kleinen, unschuldigen geschrubbten Patschehändchen überstrapazieren und mit hastigen Bewegungen ihre Unterlagen in die Schulranzen pressen.

In weiter Ferne, Mittelwestens, über den warmen Asphalt hinaus, über Highways und Felder, da warten sie im Haus, auf den kleinen Josh. Josh ist in der ersten Klasse, gerade sieben geworden. Ein kleiner, braver Knabe, aufmerksam und nett. Er ist einer der Knaben, die von einem unheimlichen Mann auf dem Weg nach Hause angesprochen werden könnten. Und wenn solch ein Mann mit einem weiten Grinsen (bis die kleinen, geraden und sauberen Weisheitszähne entblößt werden) dem glücklich hüpfenden jungen Josh über dem Weg läuft, würde er ihn vermutlich ansprechen, ihn anhalten wollen. Josh würde mit großen runden Augen vor der glitzernden Gürtelschnalle stehen und aufsehen, das frohmütige Lächeln verlieren, die Grübchen entwinden.

»Hallo, kleiner Mann«, könnte der Mann mit seichter, behutsam warmer Stimme zu ihm sagen. Klingt wie ein Glas warme Milch. Josh ist nett. Josh ist immer nett. Und er ist schlau, er könnte etwas Böses erahnen, dem Mann mit verzogener Miene und zitteriger Stimme sagen, er solle ihm nichts tun. »Aber nein!«, sagt der Mann. »Ich tue dir nichts. Aber he …« Das Grinsen des Mannes wird breiter, es reicht bis zu den Ohrläppchen. Der Mann ist groß und hat schmierige, ölige Haare, zieht schlürfend Sabberfäden zurück in den Mund. »Magst du Mickey Mouse, Donald Duck?« Ja. Natürlich. Welches Kind tut es nicht? Josh würde wissen, der Mann, der sich vor ihm als gesträubte Ratte mit windschiefen Schneidezähnen entpuppt, sich vor ihm gegen das Tiefblau des Himmels als ein großer, riesiger Schatten enthüllt, hätte mit ihm nichts Gutes im Schilde zu führen. Er weiß es. O ja, das täte Josh.

Doch aus Höflichkeit antwortet er, ein bisschen zerbissen und spindeldürr in die thermisch gespickte Riefe der Luft:

»Ja, Sir. Ich schau’ Mickey Mouse und Donald Duck … Ich mag’s.«

»Gut. Sehr schön«, sagt die Ratte mit vor anbiederndem Appetit triefenden Argusaugen ungeduldig und zimperlich, aber die Ruhe bewahrend. »Ich habe kleine Minifiguren von Donald, Mickey und … und ja! Sogar von Goofy, Spongebob und allen Figuren, die du dir nicht einmal in fliegenden Träumen vorstellen könntest! Träume fliegen, oder? Träume fliegen, und schwimmen nicht. Ich habe sie alle in meinen Hosentaschen, und ich kann sie dir gerne schenken …« Jedes andere Kind in Joshs Alter wäre vor glücklich hüpfendem Herz im Leibe aufgesprungen, hätte aufgeschrien, mit den Armen in der Luft gekurbelt und sie zerteilt. Aber Josh nicht. Er hätte es nicht getan und mit Tränen im Gesicht gesagt:

»Sir … Ich bydde sie, tun sie mir nychds …« Die böse Ratte weiß, der Junge ist schlau.

»Dann lass es einfach über dich ergehen, Junge. Es wird auch für immer unser kleines Geheimnis bleiben. Versprochen. Ich versprech’s auf meine Mutter.« Eigentlich hätte er (was er immer tut, wenn er einem kleinen schmächtigen Jungen über den Weg läuft) bei einer gesprungenen Erwiderungen des Jungen so etwas gesagt wie: »Ich werd’ dir die Minifiguren nur schenken, wenn wir da drüben ins Gebüsch gehen.« Klar. Die anderen Jungen hätten lächelnd genickt – vielleicht ein wenig verwundert, und sie hätten sich gefragt: Wieso will der Mann mir die Minifigurann im Gebüsch geben? Vielleichd weil es ein Geheimnis isd. Meine Eltern würden denken, ich hätt’ sie gestohl’n.

Und wenn er mit einem der Jungen ins Gebüsch verschwunden wäre, hätte er seine Hose hinabgelassen und gesagt, er solle erst das da anfassen, bevor er sie bekäme … Bevor er sie alle bekäme. »Sei doch so gut, mein Junge, und nimm ihn auch noch in deine süße Knabenschnute, damit’s besser flutscht«, könnte die Ratte sagen, nachdem er ihn angefasst hätte.

Aber Josh nicht.

Deshalb hätte er ihn wohl ins Gebüsch zerren müssen.

So etwas jedoch, würde Josh nie widerfahren. Er begegnete vermutlich nie so einer dreckigen, verpesteten Ratte auf dem Heimweg. Vor allem, da Josh (wie die meisten Kinder in der ersten Klasse) immer nach zwölf von seiner geliebten, schönen Mutter mit dem Auto abgeholt wird. Jeden Tag in der Woche nach zwölf rennt klein Josh mit dem wackelnden federleichten Ranzen auf dem kurzen Rücken in den leichten Turnschuhen tapsend aus der Klasse, durch die Menge der anderen Kinder hindurch, schlüpft wie ein Mäuschen durch sie, ohne sie zu berühren bis zur Ausgangstür, vor der die Eltern warten (Meistens die Mütter – immer die Mütter). Die meisten filigranen von ihnen haben zur Liebe ihres Kindes die Arbeit aufgegeben und sich lediglich der Abhaltung der Hausarbeit erklärt, das Sorgen ums Kind, während die Männer anarchistisch aufs Kraftwerk steigen, auf dem Bau Zement für Lehmziegelmauern schleppen, oder im Büro sitzen und sich die Krawatten auf halb acht richten, das Hemd ein wenig aufknöpfen und sich Fächer aus Akten basteln. Manche von den Büromenschen vögeln womöglich irgendeine Sekretärin im Kopierraum und vernachlässigen den Geschlechtsakt mit der eigenen Frau.

Joshs Vater vollzieht Abhaltungen mit desolatem Entgelt auf einer Manufaktur für Herstellung von Chemiefeinkost-Aromen. Ein hochgewachsener, durchtrainierter Mann (ein Marlon Brando Typ), der arbeiten kann wie ein Agrarier in den 20ern auf Plantagen jätete, und am Sonntag mit der Weidengerte zum Bach ging, um Forellen zu fischen. Einer dieser Sorte Männer, der sich unentbehrlich ein warmes Loch suchen muss, wo er ihn reinstecken kann, wenn seine Frau nicht mehr wäre.

Joshs Mutter ist so eine, die zu Gunsten der geistigen Fragilität ihren Sohn abholt. Ganz gleich, ob der Sturm dem wie Gummi einknickenden Baum in der prallen Krone Todeslieder heult, der Graupelschauer sich in die Häute aller Lebewesen einfrisst wie seichte, kleine blitzende Stalaktiten. Sie ist immer da, immer pünktlich und schön. Wie sie manchmal im Türrahmen von Joshs Zimmer steht, mit ihrer Locke so braun wie frische Kastanie, die sittsam ihre rechte Augenbraue streift, ihr fast bis zum Lid reicht. Die Arme verschränkt, die Augen funkelnd vor lyrischer Liebe zu ihrem Sohn, dem die Ratte nicht über den Weg laufen wird. Mit dem leichten Lächeln auf den Lippen steht sie oft da, späht zu ihrer ebenso hübschen Ausbeute, wie sie mit dem schlanken Bauch auf dem Bett liegt, die Beine in die Lüfte schwingt und fleißig in ein auf der Matratze aufgeschlagenes Buch für die Schule liest, sich auf den kleinen Patschehändchen abstützt.

»Lern´ nicht zu viel«, sagt sie immer. Und wer muss das schon zu seinem Kind sagen?

»Nur noch eine Seitö, Mami«, kommt oft als strahlende übermütige Antwort ausgepustet, mit der hohen zügellosen jungfräulichen Stimme eines Jungen, der später die beste Uni besuchen wird, der sich später durch Fleiß und Intelligenz den besten Abschluss für Medizin einholen wird, ein Mädchen kennenlernt, heiratet, Kinder kriegt, einen Haufen Kohle verdient und irgendwann an Krebst stirbt. Ohne Fleiß kein Preis!, sagt seine Omi, wenn sie das vernachlässigte Familienprivileg nachholt und auf ein flüchtiges Tässchen Tee vorbeischaut. Sie wird Josh ganz oben auf ihrem Testament eintragen lassen. Omi ist bisweilen hysterisch, wenn sie sich im Treibsand der Plauder-Stunde versinken lässt. Aber Josh liebt sie. Jawohl. Das tut er.

»Na gut. Aber nicht, dass du vom ganzen Lernen noch ganz plötzlich müde wirst, mein Haselwurz.« Jedes Mal, wenn er von seiner Mutter so genannt wird, muss er glucksen, wird rot.

»Hör auf, Mami«, schluchzt er glucksend die gefügige Hand vorm Mund haltend, mit runden purpurroten Wangen vor Lachen. »Ich hab dich ganz doll liep, Mami«, sagt er.

»Und ich dich erst.« Der Raum ist bis zur Schwelle von Glückseligkeit geschwängert. »Ich hab dir Pancakes mit Nutella gemacht, Haselwurz.«

»Ist das nychd ungesunt?«, fragt er lasziv und verdutzt zugleich mit runzelnden Augenbrauen, die noch nicht wirklich Augenbrauen sind. Kleiner, schmächtiger Junge, mit femininer Ästhetik ins Gesicht gelegt. Noch so klein und unschuldig, resistent gegen jegliche Widerstandskraft. Seine Mutter nickt. Tat sie immer, wenn er so etwas sagte. Poetisch. Für sein Alter. Schlau. Er könnte eins von den Wunderkindern sein, die schon mit Vierzehn oder Fünfzehn die (beste!) Uni besuchen und das (beste!) Medizinstudium abschließen, mit diesem dämlichen Spansionshut doof in die Kamera hinter Schultern anderer Studenten hervorgucken, lächeln und nicht wissen, dass sich der Tumor bereits in der Magengrube gemütlich wie eine listige Maus im Käsegewebe eingenistet hat und grinst und streut, sich langsam durch die Organe nagt und immer, immer dicker wird, sich wie eine Biene vorm Stechen aufplustert; wie aus einem Samen ein ganzer Baum wächst.

Und jetzt, wo der Minutenzeiger der Klassenuhr über der Tafel bebend auf Elf steht, derweil der Stundenzeiger kurz vor Zwölf wartet, der Sekundenzeiger Tick-tack macht, sitzt Josh und wartet. Wartet und wartet wie alle anderen Kinder auch. In fünf Minuten wird die ohrenbetäubende Hektik losgehen, und alle Kinder sind ein Sturm im Wasserglas.

Josh auch.

Denn Josh hat heute in der einen Stunde Kunst bei Miss March mit dem bunten, Blümchen übersäten Kurzrock etwas ganz Fantastisches gebastelt. Sie konnten basteln, was sie wollten, und er hat aus grüner Pappe einen Frosch gebastelt. Er hat der Pappe mit der stumpfen Schere eine Eierform verpasst, gekrümmte, lange Beine geschnitten, zwei Arme, sie mit einer Ladung Tuben-Kleister zusammengeklaubt. Mit dem Filzstift hat er dem Frosch große runde Glubschaugen geschenkt, ein weit grienendes Maul mit roter Farbe und mit einem dunkelgrünen Filzstift hat er seinem Frosch dunkle Flecken auf dem breiten Bauch gemalt. Eine ausgeleierte, rosa Zunge hatte er aus einem seiner abgeschnittenen Schnürsenkel an den linken Mundwinkel geklebt. Weiße Turnschuhe mit rosafarbenen Senkeln. Die trägt er am liebsten. Sie waren eigentlich für Mädchen in seinem Alter, die ihm im Schaufenster eines Schuhgeschäfts sofort ins Augenlicht gefallen waren. Er hat seine Mutter gebeten, sie ihm zu besorgen, und natürlich hat sie es getan. Mit denen flitzt er oft stolz über Wiesen und lässt Drachen steigen.

Sein Vater liebt ihn wirklich sehr. Gegebenenfalls nicht so sehr, wie ihn seine Mutter liebt, die sich sofort ein Schälmesser in die Hauptschlagader rammen würde, wenn das Leben ihres Sohnes auf dem Spiel stünde. Sein Vater hatte eines Abends seine Mutter beiseite genommen, die Küchentür angelehnt und ihr die Leviten gelesen. Josh hatte etwas lauschen können. Es waren viele aufgebrachte Worte über ihn gefallen; alle kamen aus dem Mund seines Vaters. Und Josh schien ein für ihn bis dato völlig fremdes Wort gehört zu haben: Schwul.

Er konnte nicht alles hören, aber er brachte die vielen Dialogfetzen schleierhafter Wörter folgendermaßen in wirre assoziierende Relation: Du hast ihm Mädchenschuhe gekauft? Du hast meinem Sohn Mädchenschuhe gekauft? Wenn er schwul wird, dann werd’ ich dich verlassen, Heather. Ich werd’ ihn mitnehmen und ihn reinwaschen. Mein Sohn wird kein Arschficker! Und ganz bestimmt wird er keiner, der von einem Arschficker wie ein Mädchen gevögelt wird! Und wenn doch, setz ich das auf deine Rechnung.

Der Rest jener überschüssigen Worte von Empörung und Abscheulichkeit seines Vaters waren unter den schallenden, unsäglichen Fleischschlägen verebbt, als seine Mutter ihn wieder hinhalten musste, sodass sein Vater draufhauen konnte. Das war der Moment, indem sich Josh unbescholten zu entfernen begann, sich für den Rest des verglimmten Abends ins Zimmer verbarrikadierte und unter der Decke heulte, wie ein Welpe, der vom Auto angefahren wurde und sich humpelnd unter die Veranda geschleppt hat, um dort zitterig wimmernd zu sterben.

Während er ihn bastelte, musste er die ganze Zeit an seine schöne Mutter denken. Er konnte und kann es nur marginal erwarten, sie eine Minute nach zwölf erstmals jenseits der Glasfront des Haupteingangs zu erblicken, wie sie vor der Schwelle des Tores steht, mit der einen kastanienbraunen Lockensträhne über der rechten Augenbraue hängend. Wie sie ihn anlächeln wird, wie sie nach ihm winken wird. Josh hat gelächelt, als er an sie denkt. O ja. Und er wird ihr den Frosch schenken, ganz bestimmt

(ganz bestimmt, zweifellos).

Er kann es kaum erwarten, ihr schönes Gesicht zu erblicken, wie es ihm ins kleine Augenlicht fällt, wie er seine Mutter so sehen wird, wie sie von seinem Vater als Frau gesehen werden muss; von einem Sonnenlichtkegel bestrahlt, die Haare glänzend, die Augen glitzernd. Schön. Sie ist makellos. Wenn er sie sieht, und die Blicke sich kreuzen (wie jeden Wochentag nach zwölf), dann streckt sie die Arme aus, lächelt weiter, bis ihre weiß geschrubbten Zähne das Tageslicht beäugen werden, bis sie ganze Welten lächelt, so schön und makellos. Josh wird toben vor einem innerlichen Tornado von Liebe und freudiger Erregung, er wird stürmen in ihm, blasen und ihn hüpfen lassen, in seinen kleinen Turnschuhen. Mit dem Frosch in der Hand und dem Ranzen auf dem Rücken rennt er mit ausgestreckten Armen auf seine Mutter zu. So wird es passieren. Wie immer.

Er wird so schnell rennen, bis er nur mit jedem zweiten oder dritten Schritt den Grund berührt, so dass er mit seinem schlaksigen Gesicht gegen ihren gertenschlanken Bauch knallen wird, sie wird ihre Hände in sein Haar legen, es streicheln, vor ihm in die Hocke gehen und ihn ansehen, ihm in die Augen sehen und sagen, dass sie ihn liebt. Sie werden sich küssen. Und dann wird er ihr aufgeregt sagen, dass er für sie einen Frosch gebastelt hat. Sie wird staunen, die Hand vorm Mund nehmen und staunen, wie sie es immer tut, wenn er etwas für seine Mami gebastelt hat. Eine ganze Weile streichelt sie seine Wange noch, streicht ihm den dünnen Pony aus der Stirn, bevor sie ihm die Hand reicht. Er reicht ihr die seine manierlich. Sie gehen zum Auto. Sie parkt immer mit dem silbernen Chrysler am gegenüberliegenden Rinnstein des Eingangstors der JOHNNY DREYFUSS ELEMENTARY SCHOOL.

Josh blickt auf die Uhr. Noch drei Minuten, bis es läutet.

Er wippt verstohlen unterm Tisch.

Er denkt an seine Mutter und die kastanienbraune Strähne. Er denkt an ihr schönes Gesicht, ihr Lächeln, wie sie zweifellos bereits hinter der Schwelle des offenen Zauntors wartet, vielleicht wieder mit verschränkten Armen; so, wie sie ihm heute Morgen bei bester Laune mit der Hand über die Brauen als Sonnenschutz nachgesehen hat, wie sie ihm mit der anderen hinterher gewunken hat, als er ein letztes Mal seinen Kopf nach ihr umdrehte, bevor er reinging.

Er hat ihr gefrorenes Lächeln auf den Lippen und die Strähne auf der rechten Augenbraue – vor der die Hand zum Sonnenschutz geformt war – noch im Kopf, wie ein abgelichtetes Foto schimmert seine Mutter vor seinem geistigen Auge. Schön wie eh und je. Sie lächelt. Das tut sie mit Sicherheit in diesem Augenblick ebenfalls, steht da, um auf ihren Sohn zu warten. Lächelnd. Wie ein Foto.

Josh knetet fiebrig mit den Schneidezähnen seine Unterlippe, seine Mundwinkel seitwärts gen Ohren. Er sieht dem Frosch ins Gesicht. Der Frosch erwidert das Lächeln. Für den Rest seines Lebens, wenn er das Antlitz des Frosches sehen wird (sie wird ihn ganz sicher wieder an die Kühlschranktür hängen, wie sie es immer tut, und sie wird es Omi zeigen) wird er an seiner Mutter denken. Es ist, als wären sie miteinander verschmolzen. Assoziieren wird er sie miteinander, wie das Zusammenstecken einer Holzachterbahn in Miniaturgröße. Josh hat eine im Zimmer auf dem Straßenteppich stehen, die er vor kurzem zu seinem siebten Geburtstag von seiner Mutter geschenkt bekommen hat.

Herrgott, wird sich seine Mutter freuen, wenn er seine unschuldige Hand (die Finger pressen den zusammengeschusterten Pappfrosch ganz fest, bis das Weiß hervorquellt, damit er nicht auf den Boden fällt) nach oben zu ihr ausstreckt, hüpft und sagt, dass er den Frosch gebastelt hat. Nur für sie. Nur für Mami.

»Alles isd nur für dych, Mami«, wird er sagen. Ja. Das wird er …

Josh erschreckt.

Um ihn herum schlägt Rascheln von Blättern hervor, Reißverschlüsse von Ranzen werden ruckartig aufgezogen. Whuuuoooot!

Josh kreist den Kopf staunend.

Der Stundenzeiger steht kurz vor zwölf. In der Uhr sieht er das Gesicht seiner Mutter lächeln. Sein Herz beginnt erbaulich im Leibe stark zu hüpfen. Er kann das Pochen bis zum Unterkiefer stoßen fühlen, bis in die Magengrube hinab und wieder rauf. Es wird stärker, wenn er das Gesicht seiner Mutter vor sich umherwabern sieht; wie es ihn anfunkelt mit so viel Liebe. Er denkt: Mami! Ich komm gleich. Ich bin gleich da, und ich schenk dyr mein Frosch! Ich schenk dyr mein Frosch, und ich will mit dyr ´n bysschen spiel’n!

O ja. Das will er. Und das wird er auch.

Die letzte psychedelische Unterrichtsstunde Englisch hatte sich gezogen, sich langatmig ausgerollt wie eine Lakritzstange.

»Na! Wir haben noch nicht zwölf, Kinder«, hört Josh Mr. Irvin sagen. Er steht an der Tafel und zeigt mit dem Stock auf Präsens. Darunter Simple Past. »Wir haben noch eine Minute! Und jetzt holt eure Sachen wieder raus.«

Die Kinder stöhnen um Josh. Josh hat alle Sachen noch gehorsam aufm Tisch liegen. Wie der platte Frosch mit der schrägen Zunge aus seinem Schnürsenkel (manchmal muss man kleine Opfer bringen, die großes bewerkstelligen), der ihn aus flachen matten Augen liebevoll schmunzelnd angafft. Hat irgendwas Schmutziges an sich. Wenn Josh über dreizehn wäre, und mit dem widrigen Wort »Schwul« irgendetwas anfangen könnte, würde er sich unumstößlich vor geistigem Auge vorführen, wie er sich von einer größeren Version des abgeschmackten Froschs hart und heftig auf einer verschmutzten Toilette bei flackerndem Pastellton einer Neonlampe einer abgestandenen Raststätte ficken und mit Wichse besprenkeln lassen würde, während er sich an einem der mit Pestiziden und Salmonellen verpesteten Pissoirs klammert, seinen roten Arsch hinhält und abgehackt stöhnt wie eine russische Pornodarstellerin.

Sonst gibt Josh seinen Kuscheltieren und Figuren immer Namen. Aber diesmal nicht. Nein, diesmal wird er ihn seiner Mutter überlassen. Josh wird bloß wollen, dass der Frosch ein Junge ist. Vielleicht nennt sie ihn Pete, Cole. Vielleicht auch Olli, Ray oder Dogg. Allerdings gibt’s schon viele Rays und Coles. Pete wär’ gut. Pete könnte der Frosch heißen. Aber er wird die Präferenz des Namens ihr überlassen. Nur ihr.

Es isd alles für dych, Mami. Alles isd immer nur für dych.

Schmetterlinge und ganze Kraniche flattern in seinem Bauch, sein Herz schlägt so heftig, dass er glaubt, es könnte einfach aus seiner Brust hüpfen, über die Tische bis zum Boden hinweg, auf Stühle und sogar auf die Köpfe der Schüler. Und vielleicht auch auf das Pult, bis es auf Irvins Kopf schlagend hüpft. Die dicht gesäumte Atmosphäre um ihn trägt eine schwere Ladung von emporreißender Spannung.

Ein kurzes Klick, und der Stundenzeiger langt nach der zwölf.

Die Schulglocke brüllt schrillende, rasselnde Laute, die als Druckluftwellen in die Ohren aller Kinder schlagen. Ganz egal, ob sie es seit einer ganzen Weile schon gewöhnt sind. Sie zucken innerlich jedes Mal zusammen.

Die steinschlagähnliche Stimme von Mr. Irvin flaut unter den wilden Lauten der sich hastig öffnenden Ranzen, den einknickenden Schreien von umherwirbelndem Papier und den snobistischen, fiependen Stimmen der Kinder wie ein schwacher Wind, der westwärts zieht, ab. Sie verprasst die letzten Auskünfte zur Aufgabe für die angehende Unterrichtsstunde nächster Woche. Er redet noch ein bisschen vor der Tafel, bevor seine Blicke über die Kinder wandern, und er mit der rechten Hand eine wegwerfende Gestik macht, seinen Kopf zum Koffer aufm Pult dreht und sich bückt.

Jetzt lässt auch klein Josh keine Hemmung einbüßen und schleudert die Unterlagen übereilt in seinen Schulranzen. Er beißt sich aufs Neue auf seine Lippe. Und jetzt, wo die Glocke geläutet hat, die die aufgewühlte Aufruhr das Klassenzimmer rappeln lässt, und er weiß, er würde in weniger als einer Minute seine Mutter mit der kastanienbraunen Strähne (die die rechte Augenbraue wie üblich küssen wird) vorm Eingangstor stehen sehen, und ihr den Frosch überreichen. Viele Kinder springen vor ihm auf.

Mr. Irvin brüllt irgendwas mit Simple Past und bla bla bla, seine Hände vorm Mund ineinander zum Kreis geformt, den Kopf zu den an ihm vorbeiziehenden Schülern trudelnd. Doch sie rennen beflissen in einer tummelnden Masse zur Tür, reißen sie auf, gelangen in den Flur, wo bereits das Poltern ertönt. Kinder ziehen sich furios vor der Garderobenleiste an der Wand die Hausschuhe aus und schlüpfen aufsässig in Straßenschuhe.

Josh greift nach seinem Frosch und drückt ihn an seine Brust.

Er ist der Vorletzte, der den Klassenraum verlässt.

Der Letzte ist wie immer Carl. Carl ist fett. Fett wie eine Leberwurst in ein Kondom gequetscht.

Als Josh am Pult vorbeigeht, sieht er Mr. Irvin ein letztes Mal nach. Der Lehrer seufzt und blickt auf seinen Koffer hinab. Josh kann den Dopplereffekt der brüllenden Kinder noch ein wenig hören.

»Tschüß, Misda Örwinn«, sagt er lächelnd und etwas beschämt.

»Tschüs, Josh«, grinst Mr. Irvin. Josh verschwindet. Irvin sieht ihm nach. Er vergisst, dass Carl gerade noch dabei ist, sein Sachbuch in seinen viel zu kleinen Ranzen einzustecken. Carl beobachtet den Lehrer. Er sieht, wie er Josh eine ganze Weile nachsieht und grinst. Irvin wendet sich traumverloren ab und langt mit ernster Miene wie ein humorloser Arsch von einem fundamentalistischen Religionsvertreter nach dem aufgestellten Bild aufm Pult, auf welchem er mit seiner Frau und den drei Kindern zu sehen ist. Was für eine Blasphemie … Reine Blasphemie.

Josh wechselt vor der Wand unter der Garderobenleiste überstürzt die Schuhe.

Mit seinen weißen Turnschuhen (dem rechten fehlt der rosa Schnürsenkel) flitzt er den Flur hinab. Seine Sohlen kleben mit jedem Schritt auf dem Linoleumboden. Es quietscht schrill.

Der Pappfrosch flattert in seiner Hand, und er denkt nur an seine eingefrorene Mutter, wie sie ihm nachgesehen hat, am unberührten Morgen, als die ersten warmen Lichtkegel der aufgehenden Sonne die kastanienbraune Strähne seiner Mutter schmusten – wie sie ihr schönes Gesicht glitzern lassen haben, als wäre es ein See voller funkelnder Diamanten auf dem Flussbett, neben Geheimnissen aus aller Welt.

Josh flitzt quietschend, die weiten Hosenbeine seiner Sommershorts mit Flicken von Autos und Käfern übersät, schlackern an seinen schmalen, angespannten Waden. Er rennt, bis ihm die Lunge glimmt und der hechelnde Atem rasselt. Er verliert das Bild seiner Mutter vor Augen nicht. Ebenso wenig wie sein Grienen übers strahlende Gesicht gebreitet. Er biegt den Flur ab. Vor ihm tummeln sich Massen von Schülern gegen die weiten gläsernen Ausgangstore wie Ratten, die bei einer Überschwemmung im wirbelnden Gezeitenstrom der unerlässlichen Panik versuchen, auf den letzten freien Sockel zu gelangen.

Sein Herz hüpft immer schneller, je schneller er der Masse entgegen läuft. Er kann bereits sehen, wie sie auf ihn wartet, mit der kastanienbraunen Locke im glänzenden Gesicht, wie sie die rechte Augenbraue küsst, mit dem milden Grinsen voll mit Liebe angefüllt. Ihm führt das eingefrorene Gesicht seiner strahlenden, schönen Mutter haargenau vor Augen, wie er sie am Morgen gesehen hat. Ein kurzer Ruck nach hinten, ein Blick über die weiche Schulter gewagt, und sie hält ihre Hand zum Sonnenschutz über die Brauen, winkt ihm nach, strahlt mit der Locke. Die Sonne scheint ihr Haar wie eine offene Schatztruhe glitzern zu lassen, wie Josh es aus Piraten-Cartoons kennt. Sie ist ein unerschöpflicher Schatz inmitten eines beduselten Geschwüres einer einzigen Tristesse, kesse gefüllt mit Prohibition jeglicher Einwände zum Wohl einer unerbittlichen Melancholie.

Selbst wenn Josh bereits jetzt Krebs gehabt hätte, wäre er nicht einzig und allein ein wandelndes Wrack, eine leere Hülle, die mit Glatze in der Schlange zum Sterben ansteht. Der Krebs sollte noch ein paar Jahre auf sich warten. Josh wird ein Wunderkind werden. Und wenn er dann zu allem Überfluss mit dem idiotischen Spansionshut über eine der vielen Schultern der Mitstudenten in die Kamera lugt, und dieses ostentative Schmunzeln umsorgt

(nur für den einen Moment),

und noch nicht weiß, dass sich in seiner Magengrube die listige Maus durch den Käse frisst, sich lediglich fragt, woher denn diese Krämpfe kommen, bis ihm der Arzt nach vielleicht zwei oder drei Wochen mitteilt, dass sich der inoperable Tumor bereits durch den größten Teil seiner Organe gefressen hat, dann ist es nur eine schwülstige Fassade, hinter welcher tief verborgen Kummer und Sorgen liegen, hinter welcher all die düsteren Wahrheiten aus aller Welt über der kalten Fuge der alternativlosen Umnachtung wie blinde Traumfänger hängen.

Falls Josh Glück hat, und er keineswegs von der warmen, spöttelten Ratte nahe eines Gebüschs am grauen Trottoir abgefangen wird, die ihm sagen wird, was für eine tolle Sammlung von Minifiguren er in seinen Hosentaschen doch hätte, wonach er nur greifen müsste, die ihn ins Gestrüpp zerren wird, seinen unschuldigen Steiß welken wird, die warmen rauen Hände um ihn legen wird, ihm mit einem feuchten Hauchen sagt, dass er ganz ruhig sein soll, während er seine Unschuld stiehlt … dann würde Josh wohl kein Sonderfall von jenen Kindern mit frühem AIDS sein, die sich eine gemilderte Grippe an einem Herbstnachtmittag einfangen, und in Kürze wie ein graues Skelett am Bett gekettet langsam in den ewigen Schlaf versinken, derweil die Familie einen Kreis um ihn bildet, bevor sein letztes Augenlicht verglimmt und sein kleiner schwacher Kopf kippt.

Josh steht draußen.

Die Masse durchdrungen.

Vor ihm wird sich die tummelnde Masse der Kinder spalten, so wie sich die blinkende Meerstraße vom Vordersteven des Bugs verjüngen lässt. Sie alle werden zu ihren Müttern eilen und spalten, den Weg für Josh frei räumen. Seine Mutter wartet immer am Tor. Seine Mutter wartet immer am Tor; schön, glänzend, lächelnd und gewogen von Schwächeanfällen der untröstlichen Liebe zu ihrem einzigen Sohn … zu dem Wunderkind, zu dem Kind, das mit Vierzehn den Abschluss vom Medizinstudium macht, Krebs kriegt und daran krepiert, niemals Kinder und Frauen haben wird, was er eh niemals hätte erlebt, da er, wie sein Vater weiß, zu eine Schwuchtel heranwachsen würde, mit feuchten Träumen vom nackten eingeölten David Hasselhoff in Gaywatch.

Und hätte er je seinen viskosen Liebesnektar in eine warme Höhle einer Schönheit gespritzt, wäre sein Kind wahrscheinlich als eine Schippe Würmer auf die Welt gekommen. Vielleicht hätten sogar kleine graue Finger aus den leeren Augenhöhlen geragt, die wie seichte Tentakel nach dem Licht der Kupfermünze am Himmel gegriffen hätten. An Stelle der Arme wären Ohren gewesen, oder vielleicht verwachsene Haut. Früher oder Später wäre es dann auch gestorben. Gegebenenfalls sogar schon im Bauch.

Josh hätte gedacht; Yeah! Cool. Was kommt als Nächstes? War das schon die Pointe meines beschissen Lebens? Das I-Tüpfelchen? Was kommt noch … ’n bysschen Schock, hab ich … Sahnehäubchen, Kirsche auf der Torte, das ist mein Kind, eine Missgeburt. Yeah. Wann kommt der Clou zum Tod? ’N bysschen Schock hab ich. Bydde nychd.

Der kleine Kopf von Josh kreist mit runden, großen Augen.

Die Kinder um ihn sind wie dichte Mulden.

Er steht inmitten der kühlen Meerenge und sucht seine Mama. Er steht mit seinen weißen Schühchen und der einen fortdauernden rosa Schlaufe da, die Strümpfe bis zu den Schienbeinen gestülpt, die Säume seiner Shorts stehen still. Sein Herz schlägt schneller. Zuvor schlug es so heftig, dass er dachte, es hüpfte ihm einfach aus dem Leibe, da er immer ans eingefrorene Bild seiner Mutter denken musste, und nicht erwarten konnte, sie zu sehen. Jetzt aber, wo er auf dem Vorderhof der Schule steht, kann er sie nicht finden.

Er fährt zusammen, seine Gurgel füllt sich mit etwas Dickem. Nicht das Ding von der Ratte aus dem Gestrüpp. Wohl eher mit einem gebahnten fetten Kloß. Yeah. Sein Gaumen wird trocken, und er schmeckt Blei mit der dörren Zunge. Seine Augen reißen sich auf, und er merkt, wie ihm das Herz in die Buchse rutscht, wie es da unten stehen bleibt. Sein Kopf fühlt sich jählings schwer an, und er kreist ihn, sucht nach einer glitzernden Locke in der Sonne.

Die Tagesachse hat sich gedreht seit heute Morgen, sie müsste ganze Schätze blinken. Seine Gesichtszüge verformen sich; ein Schwächeanfall brandet über ihn hinweg wie ein heißer Fluss, als wäre ein Feuerhydrant geplatzt, plötzlich ziehen Krämpfe durch sein jungfräuliches Gesicht und schneiden sich ein. Er verzieht es. Er beißt sich auf die Unterlippe. Seine Knie sind Gummi. Nur noch rosa Bubble Gum. Yeah! Bubble Gum schmeckt ’n bysschen guuut.

Er steht kurz davor die Niagarafälle zu heulen, wegen einer weiteren unverbindlichen Lappalie. Er verspürt Todesangst wie eine kurzsichtige Katze im Hundezwinger.

»Mama«, sagt er leise. Ganz still, und die Welt versinkt um ihn herum. Einzig und allein wirbelnde Nuklearfarben, die die Tragweite seines beschränkten Sichtfelds besprenkeln. Einige Köpfe rotieren. Der Pappfrosch mit dem breiten Grienen und dem rosa Schnürsenkel als hängende Zunge zittert in der dünnen brav geschruppten Patschehand. Mama hat ihn im Bad gewaschen, seine Hände gründlich geschrubbt, wie jeden Morgen um halb Sechs. Sie hat ihm die Haare gekämmt, er hat gelacht und übers ganze Gesicht gestrahlt.

»Heut’ nach der Schule spiel’n wir ’n bysschen Lego, Mami!« Sie hatte genickt. Herrgott. Sie war so wunderschön, hat ihm ein Lächeln geschenkt. Sie konnte mit ihrem stummen Gesicht mehr sagen als die Meisten mit Worten. Und sie hat sittsam, warme Worte gesprochen, von der gemütvollen Poesie der verbissenen Liebe um die Nase herumgeführt. Er hat ihre Wangen berührt, und gesagt, er liebt sie. Natürlich hat sie gesagt, dass sie ihn mehr lieben könnte. Für ihn war das nicht möglich.

Bevor sich Josh dem unablässigen Tränenfluss hingibt – der eingeleitet durch die stechenden heißen Nadeln mit den Böen hergeweht in seine empfindlichen Augäpfel, der brennende Schmerz sich um sie schwingt und den Schock in den Knochen unterbreitet –, fügt er sich einer, nein zwei Silhouetten vor dem Tor, und lässt sie durch die verschwommenen Lichter seiner Augen hervorschlagen. Seine Augen scheinen im Meer der Tränen von der bitteren Agonie eines naiven Jungen herbeigeführt zu schwimmen.

Sein Herz beginnt abermals zu hyperventilieren, und ein erneuter Schwächeanfall lässt seine rechte kleine Hand taub werden. Die Lähmung zieht sich vom Arm bis zum Handgelenk in die Finger. Der grinsende Pappfrosch fliegt und schwebt ein kleines bisschen zu Boden. Pete, hätte er ihn nennen können. Seine Mutter hätte ihn so nennen können. Aber Pepe wär’ auch nicht schlecht gewesen. Ganz bestimmt aber hätte er ihr die Namenswahl gelassen.

Er blinzelt, reibt sich mit den geballten Fäusten die zugeschlagenen Lider ganz fest. Er öffnet sie wieder, blinzelt gekränkt, ehe er große Augen reißt und ganze Monde schlägt.

Hitzewellen durchfahren seinen schlanken, zerbrechlichen Körper wie mordende Züge brüllend durch tiefe nasse Tunnel. Neckische Wallungen von Taubheit hetzen ihn. Er braucht einige Sekunden, um zu erblicken, um zu verstehen, wen er am Tor stehen sieht, und er hat das Gefühl, als wäre das imaginäre Bild seiner eingefrorenen Mutter mit dem Lächeln und der Locke auf der Augenbraue plötzlich gestorben, undeutlich versengt.

Sein Vater hat die Hände in die Hüften gestemmt, steht am Tor, und unterhält sich mit Miss King – grauenhafte Lehrerin, schrullenhaftes Miststück. Irrelevant. Die Lehrerin sieht nach unten in die Fuge zwischen Stein und Stein mit dem Schlüssel in der Hand, nickt mild. Sein Vater sieht komisch aus. Etwas Seltsames hat sich in sein Gesicht gelegt wie ein Leinentuch auf die Nachttischlampe gebreitet – der letzte Schwall Licht verdeckt.

Kurzzeitig scheint Joshs Verkrampfung im Gesicht wie ein tosender Wind abzuflauen, als sich der Kopf seines Vaters in seine Richtung dreht, und er sieht, wie sich Vaters Augen weiten, als sich ihre Blicke schneiden, schnürt sich ihm die trockene Kehle zu, einen Augenblick ist alles ganz still, alles ganz still, sein Vater ist steif wie eine pittoreske Statue eines deprimierten Bildhauers.

Keine Verkrampfung mehr. Bloß unsägliche Leere.

So hat er seinen Vater noch nie gesehen. Und er scheint zu bemerken, dass sich etwas vor seinem Jungen über sein Gesicht gebreitet hat, was ihn verschreckt. Er setzt ein komisches Grinsen auf, die Augen noch immer rund wie Teller. Das Bild in der Ferne seines Vaters ist auch gefroren, für all jene Zeit gemartert in den Abgründen seines Geistes. Miss King bemerkt die sich schneidenden Blicke und geht mit gesenktem Kopf davon. Sie sieht Josh nicht einmal nach.

Mit den Bubble-Gum-Knien schwankt er, als stakst er durch nach seinem Corpus greifendem Morast, durch Treibsand. Die Wallungen flauen an und ab, wie Ebbe und Flut im Zeitraffer, bilden einen Gefühlszyklus von Gänsehaut und mitleidlosen Schüttelfrost. Vibration (Stachel), Abklingen (glatt) – Vibration (Stachel), Abklingen (glatt) und so weiter. Er will seine Mutter sehen, aber er kann es nicht. Er sieht nur seinen Vater.

Sein Gang etabliert eine getrimmte, eintönige Schnelligkeit; weder schnell, noch langsam. Er geht im Gähnen der unerlässlichen Lähmung auf seinen Vater zu, mit riesigen Augen, dahingerafften Lippen, aalglatt und stumm.

Vor der glänzenden Gürtelschnalle bleibt seine Nase stehen.

Er blickt nach oben.

Der Kopf seines Vaters ist gesunken, das komische Lächeln verliert er nicht. Es sieht aus, als wolle er hinter dieser pietätlosen erzwungenen Fassade Schock und Trauer gleichzeitig verstecken. Und es war doch die ganze Zeit über so banal evident, was geschehen würde. Die Offenbarung erstreckte sich über jene sich quälende Periode wie ein dunkler lebloser Bach durch die Spalten schwarzer Trümmer und Brandrückstände, und mündete in der Grotte der geisterhaft getünchten Einkerbung der Realität.

Die raue Hand seines Vaters erfasst sein Kinn, presst Daumen und Zeigefinger und streichelt es grob. Josh erblickt, wie die Lippen seines Vaters zu beben beginnen. Seine Augen füllen sich mit hervorstoßenden schimmernden Wellen, als wären seine Augen die Seen mit voller funkelnder Diamanten auf dem Flussbett, neben Geheimnissen aus aller Welt. Böse, böse Geheimnisse.

Vater bemüht sich offenkundig, den Krampf im Gesicht zu halten, doch das Beben auf seinen Lippen reicht, um die dicht hinter den Mund zitternden entsetzten Worte zu stehlen. Plötzlich sieht Josh das Grinsen seines Vaters ganz anders; es hat sich verändert. Es ist kein Grinsen mehr. Die Mundwinkel sind von der Schwerkraft erschlagen worden, und als die ersten warmen Tränen auf Joshs Wangen tröpfeln und sie versalzen, verzieht auch er sein Gesicht wieder.

Vater geht vor ihm auf die Knie.

Er sieht, wie seine kleinen Grübchen in den roten Wangen beginnen zu erscheinen. Er braucht es ihm nicht zu sagen. Auch er kann mit Blicken mehr sagen als jeder andere mit Worten. Er umarmt ihn, umarmt seinen kleinen Schulranzen. Der Druck seines Vaters lässt Abscheu umfangen. Aber eine Weile später fühlt er sich zu seinem Vater hingezogen. Hingezogen und sicher. Er umklammert ihn und plärrt die Niagarafälle in Vaters Hals.

Joshs Kopf ist eine fantastische Stütze für Vaters markantes Kinn. Josh heult, und weiß es, ohne, dass er es erst hätte hören müssen. Denn Vater will es augenscheinlich einfach nicht über die Lippen bringen. Und jetzt, wo er seinen Sohn weinen hört, fließen nicht nur Tränen von profunder Trauer, sondern von Hass zu sich selbst, weil er es ihm nicht sagen konnte. Aber das war nicht nötig.

Josh wird sein Leben lang seine Mutter immer als Foto in Erinnerung behalten; das gefrorene Lächeln, die kastanienbraune Locke, die die rechte Braue küsst; die Hand als Sonnenschutz an der Stirn, als er sich ein letztes Mal zu ihr über die weiche Schulter hinweg dreht, ein letztes Mal zu ihr sieht, ihr ein letztes Mal mit Telepartie gesagt hat, dass er sie über alles liebt.

In weiter Ferne, Mittelwestens, über den warmen Asphalt hinaus, über Highways und Felder, da warten sie im Haus, auf den kleinen Josh – die Kuscheltiere in der Kiste. Nur diesmal ’n bysschen traurig.

Der Pappfrosch liegt aufm Boden.

Bald wird er dunkle Zeiten überdauern, wandelnde Witterungen angrinsen, bis die Farbe abblättert und der Dreck das Grün schmutzig aussehen lässt wie der Tumor in Joshs Magengrube, nachdem sich die Zellen zu teilen und zu paaren begonnen haben, nach ein paar Jahren, nach ein paar Mal im Gestrüpp mit der warmen listigen Ratte, da er von nun an laufen muss, nach ’n bysschen mehr Schock. Und vielleicht ist sein Vater wirklich einer der Sorte Männer, die immer auf ein warmes Loch bestehen, in das sie ihn hineinstecken können. Und wenn seine Frau nicht mehr da ist …

Auf jeden Fall hat Josh ’n bysschen Schock.

’N bysschen Schock und ’n bysschen Krebs.

Yeah!

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