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Der Graf saß an der langen, nur für zwei gedeckten Tafel im Speisesaal seines Schlosses.

Ihm gegenüber saß eine schöne, junge Frau. Es war ein Mädchen aus einem der nahegelegenen Dörfer. Sie war ihm bei einem seiner Streifzüge aufgefallen, sie saß vor dem Haus und nähte, sang ein Lied und ihre Schönheit und Reinheit hatte ihm den Atem geraubt. Er wollte sie, nein, er musste sie haben. Er hatte schon viele vor ihr gewollt, und sie alle hatte er gehabt, und nun wollte er sie und er würde auch sie haben.

Doch zunächst aßen sie, das gebot die Höflichkeit.

Das Mädchen hatte ein anderes Kleid an als das, in dem er sie gesehen hatte, offenbar ein Sonntagskleid für den wöchentlichen Gottesdienst. Das war schade, denn die schlichte, abgenutzte Arbeitskleidung hatte die Wirkung ihrer natürlichen Schönheit noch verstärkt.

Dennoch hatte er ihr natürlich ein Kompliment für ihre Kleidung gemacht, das gebot die Höflichkeit.

Sie war errötet und hatte sich etwas unbeholfen bedankt.

Unbeholfen. Hilflos. So mochte er sie. So hatte er sie alle gemocht.

Seitdem hatten sie geschwiegen, bis ein Diener das Essen brachte.

Kalbsfilet an heimischem Gemüse.

"Ich hoffe, Sie mögen ihr Filet blutig", sagte er.

Sie bejahte nur schüchtern. Fast ängstlich.

Sie war so jung, so schwach, so zerbrechlich.

Selbst wie sie aß, wirkte zerbrechlich. Als könne sie die Gabel kaum zum Mund heben.

Ein Wein wurde aufgetragen, ein edler, französischer Wein. Er hob sein Glas in ihre Richtung. "Auf diesen Abend. Auf das er niemals enden möge", gab er seinen schon so oft gesagten Trinkspruch zum Besten.

Sie antwortete leise etwas, das er nicht verstand, vielleicht auch gar nicht verstehen sollte. Doch auch sie hob ihr Glas und sie beide tranken.

Er erhaschte einen Blick auf ihren Hals, als sie den Kopf zum Trinken etwas zurücklegte, fast wirkte er noch zarter als der Rest ihres Körpers und so dünn, als könne man ihn beinahe mit einer Hand umfassen. Ein Wunder, dass er nicht unter dem Gewicht ihres hübschen Köpfchens abknickte.

Den Rest des Essens verbrachten sie schweigend. Ab und zu warf sie dem Grafen schüchterne Blicke zu, doch sobald er diese erwiderte, schaute sie beschämt zu Boden.

Er bemühte sich, langsam zu essen. Er wollte nicht wesentlich vor ihr fertig sein, das gebot die Höflichkeit.

Es war eine Viertelstunde vor Elf, als sie ihr Mahl schließlich beendeten. Der Diener trug ab und der Graf ging auf seinen Gast zu.

Sie dachte offenbar, dass er sie nun zur Tür geleiten wolle, denn sie begann, sich für die Einladung und das Essen zu bedanken.

Doch er dachte nicht daran, sie gehen zu lassen. Noch nicht. Nicht so.

"Folgen Sie mir bitte!", forderte er sie auf und streckte ihr eine Hand entgegen. Er klang etwas strenger, als er klingen wollte. "Ich möchte Ihnen noch etwas zeigen."

"Zeigen" war in der Tat eine nette Umschreibung für das, was er mit ihr vorhatte. Das, was er schon vorgehabt hatte, als er das Mädchen vor ihrem Haus gesehen hatte.

Die Frau brachte nur ein ersticktes "Ja" hervor. Kurz bewegte sie sich nicht, schien vollkommen erstarrt zu sein, erst dann streckte sie ihm zögerlich eine Hand entgegen.

Er packte sie, fester, als er es gewollt hatte. Als er es bemerkte, lockerte er seinen Griff. Allerdings nur ein wenig, denn er wollte nicht das Risiko eingehen, ihre Hand wieder zu verlieren. Nicht so kurz vor dem Ziel.

Er führte sie hinaus aus dem Speisesaal, durch den Gang, an dessen Ende das Zimmer lag, in welchem er es tun wollte. Er blickte sie nicht an, doch hätte er es getan, hätte er gesehen, dass ihr Blick vollkommen leer, fast apathisch war. Sie zeigte weder Angst noch Verwunderung, sie hatte sich vollkommen dem ergeben, was passieren würde, so schien es.

Der Graf öffnete die Tür zu dem Raum am Ende des Ganges, bei dem es sich um ein Schlafzimmer handelte. Es gab dort nichts außer einem großen Bett, welches frisch bezogen und mit Rosenblättern bestreut war.

Unvermittelt stieß er das Mädchen auf das Bett. Er knallte die Tür zu, die sich von selbst verschloss. Sein Diener würde sie wieder öffnen, wenn er fertig wäre. Das Mädchen blickte ihn an. Ihr Blick war noch immer leer, nicht ängstlich, nicht besorgt, einfach leer. Doch ihn kümmerte das nicht. Ihn kümmerte nichts mehr. Alle Höflichkeit war vergessen, er hatte sie genau da, wo er sie haben wollte. Er würde sich an ihrem jungen Körper vergehen, wie er sich an den anderen vergangen hatte, er würde ihr die Kleider vom Leib reißen, mit ihr seinen Spaß haben und sie anschließend erwürgen, so wie all die anderen, die er hier gehabt hatte. Er leckte sich über die Lippen, als er mit schnellen Schritten auf das Bett zuging. Er warf sich auf das Mädchen, das sein Gast gewesen war, und drückte sie auf das Bett. Seine Hände wanderten von ihren Schultern nach unten in ihr Dekolleté. Er griff nach dem Stoff ihres Kleides, wollte ihn von dort aus aufreißen und... weiter kam er nicht.

Denn plötzlich wurde der Graf mit einer unmenschlichen Kraft vom Bett geschleudert. Er flog quer durch das Zimmer gegen die gegenüberliegende Wand und sank zu Boden.

Ein Fauchen ertönte vom Bett her, nicht wie ein Mensch, nicht wie ein Tier, nicht wie etwas... von dieser Welt.

Zwei riesige, krallenartige Hände streckten sich vom Bett empor, nur um kurz danach auf das Bett herniederzusausen und sich tief in das Polster zu graben.

Ein unheimlich dürrer, jetzt noch blasser wirkender Körper zog sich an diesen nach oben, dem das hübsche Sonntagskleid plötzlich viel zu klein war. Die Gelenke knackten bei jeder Bewegung.

Zuletzt kam der Kopf von dem, was er für eine zerbrechliche, junge Frau gehalten hatte, zum Vorschein, der sich seltsamerweise nicht verändert hatte. Allerdings zierte nun ein freundliches Lächeln ihr Gesicht : "Ich danke Herrn Graf nochmals für die Einladung und das köstliche Essen, es war wirklich ein sehr schöner Abend. Ich fürchte nur, ich bin nicht ganz satt geworden. Erlauben Herr Graf also bitte, dass ich mir ein Dessert genehmige?"

Und kaum hatte sie das gesagt, veränderte sich auch das Gesicht der Frau. Ihre Augen verfärbten sich zu einem Dunkelrot, der Farbe frischen Blutes, und zwei gewaltige, spitze Eckzähne schoben sich aus ihrem Mund hervor.

In einem letzten Moment der Geistesgegenwart versuchte der Graf noch, in Richtung Tür zu kriechen, doch schon war das Ungeheuer mit einem Satz bei ihm und drückte ihn zu Boden. Mit einer seiner Klauen packte es den Kopf des Grafen und drückte diesen zurück, um freie Sicht auf seinen Hals zu haben.

Verzweifelt versuchte der Graf sich gegen den Griff des Monsters zu wehren. Er schlug und trat um sich, schrie um Hilfe, flehte das Wesen an, ihn zu verschonen.

Doch schon riss das Wesen mit einem erneuten unmenschlichen Fauchen sein Maul auf und stieß seine langen Fangzähne tief in den Hals des Grafen. Unerträglicher Schmerz durchfuhr ihn, er versuchte zu schreien, doch brachte er nur noch ein ersticktes Gurgeln hervor.

Das Ungeheuer, das nichts mehr mit der schönen, jungen Frau gemein hatte außer dem Kleid, begann nun unerbittlich das Blut aus der klaffenden Wunde am Hals des Grafen zu saugen.

Seine Gegenwehr wurde schwächer, bis sein Körper schließlich vollkommen erschlaffte. Die schmatzenden Geräusche des Monsters waren das letzte, was er hörte, bevor die Welt schwarz wurde.

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