Deutsches Creepypasta Wiki
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Ungünstig ist es, zurückgelassen auf einer Lichtung zu sich kommen zu müssen. Noch viel mehr ungünstig ist es, nachdem Aufwachen feststellen zu müssen, vollkommen von Wald umringt zu sein. Dazu mitten in der Nacht. Mit verbrauchtem Handyakku und nicht mehr wissend, wo der einstige Weg zurück liegt. Rupert steckt noch im halb schläfrigen Zustand, als er diese Tatsache realisiert. Er verzieht das Gesicht und greift zu seiner Brille. Die bis eben neben ihm, zuvor im nächtlichen Gras gelegen hat.

Rupert muss sich erst einmal an den Kopf fassen. Sich etwas die Schläfen reiben. Es ist ein leichtes Stechen, das zumindest gleichauf etwas nachzulassen scheint. Umso mehr es nachlässt, umso mehr wandelt sich Ruperts gekrümmte Sitzhaltung zu einer mehr aufgerichteten, während er gleichzeitig hin und her schaut.

Rupert zieht unbewusst das Bein etwas an sich und während er das tut, stößt er versehentlich eine der leeren Bierdosen um. Die ein Trottel oder er selbst an sein zuvor schlafendes Bein gelehnt haben muss. Mit dem typisch klirrenden Geräusch rollt die leere Dose der längst erloschenen Feuerstelle entgegen. Die Dose verweist auf die vielen anderen leeren Bierdosen, die sich überall auf der Wiese verstreut haben und sich mit mehrfachem Funkeln zu Wort melden. Nur noch der Steinkreis ist von der Feuerstelle übrig und auch sonst scheint nur wenig ersichtlich, da der helle Tag längst vom Schattenschlund der schwarzen Nacht verschlungen worden ist. So wie immer, nachdem die letzten Sonnenstrahlen den Hügel passiert und sich verabschiedet haben, wie es der tägliche Zyklus verlangt. Einzig ein paar Lücken in den dunklen Wolken lassen etwas Mondlicht hindurch, was sich jedoch nicht wirklich als großartig unterstützenswert erweist.

Wisst ihr; dieser Ort hat bis vor wenigen Stunden noch als Katalysator der guten Stimmung und des sommernächtlichen Saufgelages herhalten müssen. Seine Freunde, sowohl auch Rupert, haben es ordentlich krachen lassen. Oder zumindest „Freunde“ in Anführungszeichen. Denn nicht einer, ist anscheinend auf die glorreiche Idee gekommen, den groß bebrillten Rupert aufzuwecken oder wenigstens Bescheid zu geben, dass sie wieder abziehen. Nicht mal ein anstupsen. Sie dachten wohl; er solle erst mal den Rausch ausgiebig ausschlafen.

Rupert schaut nochmal auf den inzwischen ausgegangen Bildschirm. Das Handy gibt keinen Ton mehr von sich, darum steckt er es wieder weg. Er bemerkt ein leichtes Gewicht um seinen Nacken.

Er tastet an sich runter: Es ist der Polaroid Fotoapparat mit Sofortdruck. Der Fotoapparat, der so gut wie immer um seinen Hals hängt und an einem Lederband befestigt ist. Wobei ihm sein Hobby gleichauf wieder in den Sinn kommt: Die Fotografie.

Egal wo er sich befand, alles mögliche wollte er immer im Fotoformat festgehalten wissen. Schon seit Kindertagen war Rupert so. Seinen ersten Fotoapparat hatte er damals mit acht Jahren bekommen. Es war die alte Kamera des Vaters gewesen, die er damals zum Geburtstag geschenkt bekam. Sein Vater arbeitete als Zeitungsfotograf. Über diese Verknüpfung hinweg hatte der kleine Rupert als Kind schon genau gewusst, dass auch er eines Tages Journalfotograf werden und seine Schnappschüsse in den Tageszeitungen wissen wollte. Später einmal den Beruf mit dem Hobby verbinden zu können, das er so liebt, war schon immer sein Traum gewesen. Und seine Fotos in den Ausgaben der Schülerzeitung können sich stets sehen lassen. Die meisten zumindest. Auch vom Äußerlichen her, mit seiner übergroßen Hornbrille, das dicke, blonde, ordentlich gescheitelte Haar, passen perfekt in diese Optik. Er ist fast schon ein Klischee auf zwei Beinen.

Aus diesen abschweifenden Gedanken taucht Rupert wieder auf, vom Grund alter Erinnerungen und ist als nächstes damit beschäftigt, seine missliche Lage einzuschätzen. Er schaut über die verlassene, kleine Lichtung, deren erstreckte Größe sich durch das Glitzern der vielen Bierdosen wage andeuten lässt, sich allerdings nicht als sonderlich groß herausstellt. Der düstere Wald scheint die Lichtung wie ein Kranz einzukesseln. Und ihm graut vor der Vorstellung - den fast schon in Schwärze getauchten und bedrohlich wirkenden Wald durchqueren zu müssen, um zurück auf den Wanderpfad zu gelangen, der aus dem Wald führt.

Rupert hat kein sonderlich gutes Gefühl bei der Sache. Er ist sich nicht sicher, ob sein Vorhaben wirklich eine gute Idee ist; sich alleine durch den Wald bei Nacht schlagen zu wollen. Doch es hilft alles nichts. Auf keinen Fall möchte er die Nacht hier verbringen, nur um auf den Sonnenaufgang zu warten. Er möchte sich sofort auf den Weg nach Hause begeben.

Damit hat er seinen Entschluss gefasst. Er setzt den ersten Fuß ins nächtliche Dickicht und verschwindet zwischen den Bäumen. Verschwindet im Sumpf der Düsternis...

Das permanente Knacken alter Äste unter seinen Schuhen ist bis jetzt der stetige Begleiter seines Voranschreitens und voran Tastens im Dunkeln. Dabei pausiert er immer wieder, um ein Bild in der Dunkelheit zu schießen. Denn das Blitzlicht des Fotoapparats erwies sich als eine Möglichkeit, Rupert mehr oder weniger für den Bruchteil einer Sekunde Licht zu beschaffen. Das beschafft ihm Orientierung und er weiß wo er ungefähr langläuft. Dadurch kann er bei jedem Schnappschuss den momentanen sowie kommenden Standpunkt ausmachen. Diese Idee ist Rupert vorhin gekommen. Als er Pro und Kontra für das Durchwandern des Waldes abgewogen hat. Der Apparat spuckt Bild für Bild aus. Rupert steckt sie sich allesamt in die Bauchtasche. Er sieht es nicht ein, sie einfach auf dem Boden liegen zu lassen, da später eventuell ein paar interessante Motive dabei sein könnten. Das Ganze funktioniert einigermaßen gut. Stück für Stück bahnt er sich seinen Weg durchs Dickicht, in der Hoffnung, auf den Wanderpfad zurück zu stoßen, der aus dem Wald führen würde. Wo er sein Moped abgestellt hat. Dann würde er in die beleuchtete Kleinstadt fahren. Zurück nach Hause.

Eine Weile irrt Rupert umher. Und als er spätestens nach dreißig Minuten den Waldpfad immer noch nicht erblickt beziehungsweise „erblitzt“ hat, wird ihm so langsam klar: Er hat sich rigoros verirrt. Ein Seufzen durchzieht das viele Laub und Geäst. Rupert muss einmal tief durchatmen. Lehnt dabei seine Schulter an einer alten Birke ab. Ein plötzliches Knacken von links lässt ihn zum einen aufblicken und zum anderen reflexartig ein rasches Foto machen, aus exakt dieser Richtung. Doch da es dort nichts auffälliges zu sehen gegeben hat, tut Rupert es schließlich nur als marodes Holz ab, das auf natürliche weise von selbst geknackt haben muss. Er geht weiter. Auch wenn ihm dabei so langsam ein wenig mulmig zu mute wird...

Aus der Ferne betrachtet, wirkt das Blitzen so, als ob sich flackernde Lichtimpulse durch den ganzen Wald ziehen würden, wie ein Laternenschwarm tanzen und dass sich langsam in einer wiederholten Regelmäßigkeit so etwas wie ein "Weg" herausbildet. Für jemand anderen sieht es vielleicht auch einfach nur aus; als verfolge der aufdringliche Paparazzi gerade den Superstar durch den Wald bei Nacht.

Rupert irrt weiter umher, wird dabei immer gereizter, immer unsicherer und er zuckt zusammen, als der gemeine Vogel in den gärenden Schatten wild flattert. Immer wieder knackt es hier und da, untermalt von den vielen Tiergeräuschen der Nacht, die wie ein Radiosender auf Dauerschleife ertönen. Manchmal knackt es auch im Gebüsch, zur rechten oder zur linken Seite. Gleichzeitig wird Rupert zunehmend das Gefühl nicht los, beobachtet oder verfolgt zu werden. Wenn auch nur aus den Augen der am Blatt kriechenden Schnecke, der vorbeihuschenden Waldmaus oder der anmutigen Nachteule, die den Kopf dreht.

„Blitz. Dunkel.“

„Blitz. Dunkel.“

„Blitz. Dunkel.“

„Blitz. Dunkel.“

„Blitz. Dunkel.“

„Blitz. Dunkel.“

„Blitz. Dunkel.“

„Blitz... Fratze!“ Rupert weicht sichtlich erschrocken zurück. Dabei entgleitet ihm nicht nur die Kamera wie eine glitschige Forelle aus der Hand, auch stolpert er und fällt auf den Hintern. Sein Puls ist so hoch wie lange nicht. An die Existenz von Geistern oder Monstern glaubt er zwar nicht, das hat er nie, gerade eben allerdings hat er sich sichtlich erschrocken. Er rafft sich wieder auf und schießt direkt ein Foto aus besagter Richtung.

Rupert atmet erleichtert durch. Denn nach dem zweiten, prüfenden Kamerablitz stellt sich heraus, dass es sich bei der „Fratze“ in Wahrheit nur um die gesichtsgroße Kerbe in einer alten, wohl von Käfer befallenen Birke handelt, die so eine surreale Form angenommen hat. Rupert geht daran vorbei, als ob nichts gewesen wäre.

Er hat nun eine finstere Fläche erreicht, bei der die Bäume und Zweige im größeren Abstand zueinander stehen. Es folgt Blitz für Blitz, Foto für Foto. Das Motiv ist immer ein ähnliches: Immer handelt es sich um eine Birke mit anderen Birken daneben, auf wucherndem Boden, im Hintergrund die pechschwarze Dunkelheit. Gerade eben hat er mit dem blitzenden Apparat ein davon huschendes Eichhörnchen zufällig erwischt. Rupert hat allerdings kaum noch genügend Nerv und Kraft, um sich darüber zu freuen. Auch die Beine werden langsam schwer. Als besonders sportlicher Typ hat er sich nie entpuppt, er galt immer als Technik-Freak. Langsam aber sicher jedenfalls kommen bei ihm erste Zweifel auf, ob die Entscheidung; sich alleine durch den Wald bei dunkler Nacht zu schlagen, die richtige gewesen ist. Denn der Waldpfad, von dem aus die Gruppe Jugendlicher vor etwa sieben Stunden querfeldein abgesprungen ist, um zur Lichtung zu gelangen, wo die Party stieg, ist immer noch nirgends zu sehen.

Ob Einbildung oder nicht, ist unklar, doch Rupert fühlt sich zunehmend verfolgt. Ihn überkommt ein immer stärkeres Gefühl des Unwohlseins. Er blitzt jetzt auch hier und da mal hinter sich, auch wenn sich dabei nichts verdächtiges bemerkbar macht. Nachdem ein weiterer Ast knackt, - diesmal lauter als all die vorherigen - beginnt Rupert sein Durchwandern zu beschleunigen; was ihn nun so viele Fotos schießen lässt, dass er gezwungenermaßen nun doch einige davon zurück lässt, die rotierend zu Boden gleiten. Rupert dreht sich um die eigene Achse, schaut dabei in jede Blickrichtung, blitzt dabei in jeden Schatten. Er hechelt, röchelt, sein Puls rast und auf einmal beginnt ein bitterböses Lachen durch den ganzen Wald zu schallen.

Rupert hat nun aufgehört mit dem Blitzen, stattdessen rennt er jetzt einfach geradeaus, geradewegs durch die Dunkelheit. Er rennt und rennt. Wie von der Tarantel gestochen. Einige Kratzer und Schürfwunden zieht er sich dabei an Armen, Beinen als auch dem Gesicht zu. Der am Gurt baumelnde Fotoapparat schlägt, während des Laufens, immer wieder an dessen Brust, als wollte dieser böswillig auf Rupert einhacken. Rupert möchte nur noch so schnell wie möglich aus den Fängen dieser irren Vegetation entkommen, die dämonisch nach ihm zu greifen scheint. Er rennt und rennt und kann es nicht glauben, auf was er eben gestoßen ist, nachdem er aus dem Gebüsch hervorspringt...

Rupert torkelt langsam nach vorn, mit großen Augen und offenem Mund. Ein riesiger Stein fällt ihm vom Herzen, denn er ist soeben auf den ursprünglichen Wanderpfad gestoßen, der ihn aus diesem scheiß Wald führen kann. Endlich hat er ihn gefunden. Aus dem Gefühlshoch heraus möchte Rupert ein Foto schießen. Er bemerkt dabei allerdings; dass die Blätter innerhalb der Kamera nichts mehr hergeben. Daher lässt er es sein.

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Er läuft nun einfach geradeaus den Weg entlang. Kann, während er das tut, den Pfad einigermaßen gut erkennen, da über ihm keine weiteren Baumkronen den Nachthimmel verdecken und dieser Umstand die nächtliche Himmelslinie geradewegs verlaufen lässt. Irgendwann meint Rupert, sich an dieses Stück des Naturpfads erinnern zu können. Weitere fünf Minuten vergehen, ehe sich am Ende des Waldwegs so etwas wie ein „Tunnelausgang“ andeutet und dieser Rupert zuwinkt. Was für ihn nur die Erlösung bedeuten kann. Abermals beschleunigt er seinen Gang. Dabei ist er natürlich immer noch vorsichtig. Auch er hat einige Horrorfilme gesehen und weiß natürlich genau, dass der Antagonist immer dann ein aller letztes mal zuschlägt, wenn dieser besiegt geglaubt ist und der letzte Überlebende dem Fehlglauben unterliegt, nun entkommen zu sein. Letztlich folgt immer die aller letzte Aktion des Monsters, aus der vorherigen, trügerischen Sicherheit. Ob dieser typische Twist im Horrorfilm auch irgendeinen fachlichen Begriff hat? Vermutlich schon. Doch wie bereits erwähnt; an so etwas zu glauben, ist für ihn zu albern. Viel mehr fühlt sich Rupert nur noch befreit von der ganzen Tortur. Endlich würde er heimkehren. Er würde sich in sein warmes Bett begeben und sich von den Strapazen erholen können. Auch wenn ihm die Oberschenkel schmerzen wie nie, letztlich hat er sich bis zu seinem Moped schleppen können, welches auf dem Parkplatz am Waldzugang auf ihn wartet. Nahe der bewucherten Ecke, um genau zu sein. Er setzt den Helm auf, betätigt die Zündung, was den Asphalt vom Scheinwerfer zum leuchten bringt und macht sich über die Bundesstraße auf in Richtung Kleinstadt, an dessen Rand er seit jeher als Einzelkind wohnt.

...

Vor etwa zehn Minuten ist Rupert Zuhause angekommen. Alle Lichter in der Wohnung sind aus. Seine Eltern müssen demnach längst schlafen. Was wenig verwunderlich ist, bei der Uhrzeit. Rupert hingegen bleibt noch etwas wach. Er hat sich noch einmal an den Schreibtisch gesetzt, mit angeknipstem Licht, das in diesem Moment seine Foto durchstöbernden Hände in Szene setzt. Dabei das vorderste Bild immer an hinterster Stelle schiebend. Rupert wollte noch einen Blick darauf werfen und sehen, was die „Ausbeute“ so hergibt, bevor er schlafen geht. Jedoch scheinen keine sonderlich interessanten Motive dabei zu sein. Bei den meisten handelt es sich lediglich um eine überkontrastierte, wackelige Aufnahme, auf der sich grelles Unterholz von nachtschwarzem Hintergrund abhebt.

Die interessantesten Motive, auf die er stieß, sozusagen die „Gewinner unter den Verlierern“, waren das huschende Eichhörnchen oder eine interessante Blüte, auf einem der vielen, dahinvegetierenden Äste. Ganz zu schweigen die Fratze, in jener alten Birke, die ihn so erschreckt hat.

Den einen Stapel hat er durch. Er schiebt ihn zur Seite, um Platz zu schaffen – denn Rupert möchte sich noch die Fotos von der Waldparty anschauen. Die Fotos, die er vor seinem Trip durchs Unterholz geschossen hat. Dazu neigt er sich auf dem Stuhl etwas zur Seite, um sich die Fotos aus der Hosentasche zu ziehen. Er legt sie unter die Lampe.

Seine Mundwinkel ziehen sich nach oben und bilden ein Lächeln, während er die Schnappschüsse noch einmal betrachtet; auf denen Rupert zusammen mit seinen Freunden abgebildet ist.

Auf den ersten Abbildungen ist beispielsweise zu sehen, wie sie allesamt um das Lagerfeuer sitzen und in bester Stimmung Bier weiterreichen. Oder es handelt sich um Fotos auf denen sie vereinzelt abgeknipst worden sind, mit zusammengekniffenen Augen, was Lachfalten und Grübchen in deren Gesichter bildet. Die Bilder sagen aus, wie schön das Beisammensein doch sein kann.

Rupert blättert weiter. Und ganz subtil scheint eine Veränderung in der Aussagekraft der Schnappschüsse stattzufinden. Zwischen der guten Laune und dem Herumalbern beginnt langsam eine Saat heran zu keimen, die in den Gesichtern eine gewisse Skepsis und leichte Verwirrung widerspiegelt. Er blättert weiter. Die Skepsis wandelt sich zu Unsicherheit. Die Unsicherheit verwandelt sich in reine Panik, die daraufhin alle, bis auf Rupert, der ein kleines Fläschchen in den Händen hält, die Flucht ergreifen lässt.

Schon die nächsten Bilder verdeutlichen jedoch, dass sie nicht sonderlich weit gekommen sind. Noch auf der Lichtung, kommen allesamt ins Straucheln und fallen um wie die Fliegen.

Rupert ist der einzige übrig gebliebene. Und die nächsten Bilder... Ja, die sind sogar noch aussagekräftiger als alles bisherige.

Auf einem Foto posiert Rupert für ein Selfie mit Guido – dieser liegt im Hintergrund blutüberströmt auf der Wiese. Ein großes Messer steckt in dessen Brust.

Auf einem anderen Foto hat Rupert um Mia kumpelhaft den Arm gelegt. Dabei hängt sie ihren Kopf leblos zur Seite. Eine todbringende, mit Blut behaftete Wunde zeichnet sich an ihrer Schläfe ab.

Auf einem weiteren Foto, diesmal aus der Froschperspektive, beugt sich Rupert über Max, grinst, und hält dabei den Daumen nach oben, zu einer spaßigen Geste. Während Max am Holztisch sitzt und sich dessen toter Oberkörper über die halbe Tischplatte lang macht.

Auf dem nächsten Foto hält Rupert einen abgehackten Arm in den Händen und winkt mit diesem, im Selfiewinkel in die Kamera. Es handelt sich wohl um den Arm von Tom. Der alberne Plastikring aus dem alten Kaugummiautomaten belegt es. Dieser steckt nach wie vor an Tom's Finger.

Ein weiteres Foto zeigt Rupert, wie er mit gelangweilter Mimik auf dem Rücken der tot im Gras liegenden Ann-Kathrin sitzt. Dabei stützt er sein Kinn auf einer Faust ab, was an eine denkerische Pose erinnert.

Wieder ein anderes Foto zeigt Rupert, wie er gerade neben Gustav sitzt. Auch dessen Brust ist mit einem Messer gespickt worden. Auf dessen weißem Hemd kann ein sich ausdehnender Blutfleck betrachtet werden. Gustav und Rupert lehnen entspannt an der Holzbank. Beide halten eine Bierflasche in ihren Händen, der eine tot, der andere lebendig.

Rupert schiebt das letzte Bild nach vorne: Es handelt sich um eine Art „Gruppenfoto“, wieder aus dem Selfie-Winkel geschossen, auf dem er alle zu einem Haufen zusammengepfercht als auch schön hergerichtet hat.

Rupert streicht mit der Fingerspitze über das Gruppenfoto. Betrachtet es für den Moment und beginnt heiter zu grinsen. Denn dieses besondere Foto wird wohl für immer einen Platz in seinem Herzen finden können. Dieses Foto zeigt, wie schön ein Abend doch sein kann. Und alle haben ihn sichtlich genossen, einschließlich Rupert. Er bereut es keineswegs hingegangen zu sein. Trotz all der Strapazen, die danach folgten.

Er ist nun fertig mit dem Betrachten aller Bilder. Er legt sie beiseite. Er verstaut sie direkt neben dem manipulierten Artikel der Schülerzeitung, auf dem Rupert nackt zu sehen ist, von oben bis unten mit Tinte beschmiert, und wie er sich im Duschraum auf dem Boden zusammenkauert als auch blaue Flecken aufweist. Letztlich schaltet er das Licht aus und geht schlafen.

Einmal muss er noch schmunzeln, ehe es ihn in den Schlummer zieht.

Denn - egal ob von den gleichen Mitschülern mit Seife und Tinten gefüllter Socken verprügelt zu werden, die ihn später und zwecks der Wiedergutmachungsversuche, auf Anregung weltfremder Lehrkräfte zur Party auf der Lichtung einladen würden, oder sich durchs Unterholz bei dunkelster Nacht mit Hilfe von Blitzfotografie zu schlagen – so waren es stets urkomische und seltsame Situationen, in die er doch immer wieder geriet. Dies kam ihm im Wald kurzerhand in den Sinn.

Dieser Gedanke war auch der Grund gewesen, weshalb er mitten im Wald einfach so lauthals zu Lachen begonnen hatte. Zuvor, als er sich noch durch den Wald schlug, mit nichts als dem Polaroid-Fotoapparat mit Sofortdruck in den Händen.

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