Deutsches Creepypasta Wiki
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Ah gut, du erwachst. Ruhig jetzt, gerate nicht gleich in Panik. Ich bin mir über deine Irritation aufgrund der Orientierungslosigkeit und meines unbekannten Gesichts, direkt vor dem deinen, durchaus bewusst aber glaube mir, wenn ich dir versichere, dass alles seine Richtigkeit hat und du eben dies, schon sehr bald verstehen und einsehen wirst.

Hey. Hallooooo. HEY! Schon besser, hier bin ich, siehst du nicht meine Hand vor deinem Gesicht wedeln? Doch tust du, also warum ignorierst du mich dann, stierst stattdessen mit panischem Blick Löcher in die Luft und rüttelst verzweifelt an den Fesseln, die du eh nicht lösen kannst?

Und jetzt fängt er auch noch an zu schreien… Meine Güte, ich hätte dich für vernünftiger gehalten. Dein Gebrumme durch den Knebel kann eh keiner hören, geschweige denn verstehen, allen voran, weil dieser Raum hier schallisoliert ist. Oh, JETZT habe ich deine Aufmerksamkeit. Sieh mich bitte nicht so an, hältst du mich etwa für so töricht? Ich habe vor deiner Entführung natürlich entsprechende Vorbereitungen getroffen.

Ups, jetzt ist es raus. Ja, ganz recht, ich habe dich entführt, aber dass hast du dir wohl schon vorher denken können, nicht wahr? Die Dinge mit Namen anzusprechen, gibt ihnen jedoch noch ein wenig mehr… Stofflichkeit, es lässt sie einen besser greifen, sie verstehen. Ich gebe dir den Moment, es dir auf der Zunge zergehen zu lassen. Denk darüber nach, denke gut darüber nach. Lass zu, dass die Bilder, die dir gerade durch deinen Kopf schießen, dein Herz mit Emotionen fluten, eine grässlicher als die andere. Und dabei haben wir gerade erst angefangen…

Ach, jetzt schau mich nicht schon wieder wie so ein treudoofer Hund an. Du wirst von mir keine Gnade erfahren, ganz gleich wie bettelsam dein Blick auch wird. Aber bevor wir weiterreden, lass mich eben diesen Stuhl hier ausrichten und mich hinsetzen, damit wir es wenigstens auf Augenhöhe tun. Ah, schon besser.

Also, wo waren wir gerade? Ah ja. Sicher fragst du dich, wie du hierhergekommen bist oder vielmehr, warum du hier bist, denn das wie habe ich dir schließlich schon beantwortet. Weiterhin versuchst du krampfhaft deinen Geist nach meinem Gesicht zu durchstöbern, in der Hoffnung, mich irgendwo in deinen Erinnerungen zu finden, um eine Argumentationsbasis zu finden. Gib‘ dir keine Mühe, wie kennen uns nicht, nicht persönlich zumindest.

Aber eins nach dem anderen. Warum also bist du hier?

Tja siehst du… Hey, hey, hey, nicht schon wieder abdriften! Hier bin ich, hier, achte auf das Fingerschnippen, jaaaa, schon besser. So ist’s gut. Mach uns diese Angelegenheit nicht schwerer als nötig, ok? Es bringt dir eh nichts, dich nach einem Ausweg umzusehen, es gibt keinen und je schneller wir das hier hinter uns bringen, desto schneller kannst du gehen.

Oh bitte, mach‘ dir jetzt keine falsche Hoffnung, dass hier wird nicht angenehm für dich, keineswegs, aber ja, ich habe nicht vor dich zu töten. Noch nicht. Es kommt unter anderem auf deine Kooperationsbereitschaft an, haben wir uns in diesem Punkt verstanden? Nicke, wenn du verstanden hast? Ja? Gut. Sehr gut.

So, jetzt aber zurück zum Thema, wir verschwenden hier wertvolle Zeit. Was will ich also von dir? Ich will dir ein wenig Verstand in dein verkümmertes Hirn prügeln, das ist alles. Klingt erst einmal bedrohlich und wenn ich ehrlich sein soll, ist es auch so gemeint, aber hey, dass hast du dir selbst zuzuschreiben.

Du magst dich jetzt fragen, womit du dir eine solche Behandlung eingebrockt haben sollst. Welche Verfehlung deinerseits es wert ist, derart abgestraft zu werden. Erlaube mir eine Gegenfrage: Siehst du die Narben auf meinen Armen. Natürlich tust du das. Sie sind dir vermutlich gleich als erstes aufgefallen, nicht? Ich werde gar nicht erst den Versuch unternehmen, dir zu erklären, woher sie stammen, das ist auch nicht von Bedeutung, wichtig ist allein dein Urteil darüber, dass du so bereitwillig bei jeder sich bietenden Gelegenheit in die Welt hinausposaunt hast.

Menschen beklagen sich, dass ist Teil ihres Naturells. Auf der anderen Seite des Zauns ist das Gras immer grüner und Zufriedenheit, richtige Zufriedenheit, um nicht zu sagen Glück, ist ein hehres Ziel, dass wir nie erreichen können. Die Bedürfnisse des Menschen sind unbegrenzt, heißt es doch. Damit schließt sich Glückseligkeit quasi selbst aus.

Dennoch geht es manchen Menschen schlechter als anderen. Es geht immer besser, aber es geht auch immer schlechter, dass ist doch die Meinung, die du vertrittst, nicht wahr? Das ist im Übrigen der Augenblick, in dem du nickst, um… wie bitte? Nein? Oh, dann habe ich wohl den falschen erwischt, verdammt, tut mir echt leid Kumpel! Passiert selbst den Besten mal. Ich werde sogleich deine Fesseln lösen und dich gehen lassen…

Willst du mich eigentlich für dumm verkaufen? Du bist doch life_sucks:dealwithit85 oder nicht? Tja, dein Pech, ich für meinen Teil habe meine Hausaufgaben gemacht. Jedenfalls… oh komm schon! Jetzt fang‘ nicht auch noch an zu flennen! Sei ein Mann, Herrgott noch mal! Das betest du doch sonst auch immer allen anderen vor, die es nicht wissen wollen; dass sie sich zusammenreißen sollen, dass sie sich glücklich schätzen sollten, mit dem, was sie haben, dass es da draußen Menschen gibt, denen geht es hundert Mal schlechter als ihnen!.

Und jetzt hältst du dich nicht einmal selbst daran? Das ist ziemlich erbärmlich, findest du nicht? Na geht doch, so gefällst du mir schon besser. Immer schön stark bleiben und vor allem Stärke zeigen, den anderen ein Idol sein und wer sich nicht einmal darum bemüht, der wird gnadenlos niedergemacht, nicht?

Versuch‘ nicht schon wieder es zu leugnen, ich habe deine Aktivitäten in diversen Foren lange genug verfolgt. Wie du Menschen, die nach Rat suchen, die Hilfe brauchen oder die sich einfach mal auskotzen wollen, den Finger in die Wunde drückst und noch Salz drüber streust.

Stress? Lern‘ erst mal was Stress wirklich bedeutet.

Burnout und Depressionen? Pff, nichts als Ausreden, um nicht arbeiten zu müssen.

Borderline? Erfunden, nicht wissenschaftlich belegt.

Suizid? Was für Feiglinge.

Ich würde dich gerne in die Finsternis, in eines dieser Löcher führen, und sei es auch nur für einen Tag, aber so leicht ist das nicht. Der Abstieg ist lang und beschwerlich, der Weg nach oben häufig kaum zu schaffen. Du gehörst zu den Gesegneten, die dergleichen vermutlich niemals durchleben müssen. Bist überdies mit einer ausgezeichneten Physiologie geboren worden, trägst keinerlei Behinderungen mit dir herum, die dir Tag ein Tag aus, das Leben zur Hölle zu machen potenziell fähig sind. Deine Nase ist vielleicht ein bisschen schief, aber das gibt deinem Gesicht auch einen gewissen Charme, nicht? Was wäre schon Perfektion, ohne einen Makel?

Jedenfalls führt für dich kein Weg hinab, nicht auf diesem Pfad zumindest. Deswegen werde ich… anderweitig ein bisschen nachhelfen, dir die Bedeutung deiner hingerotzten Weisheiten, mit denen du schon so viele Leben um ein paar Tonnengewichte mehr belastet hast, deutlich machen. Solltest du dann immer noch derartige Überzeugungen teilen: Herzlichen Glückwunsch, dann darfst du dich voller Stolz einen Fanatiker nennen. Andernfalls betrachte dich nach deiner Behandlung bei mir als geheilt.

Uuuuund da fängt er wieder an zu schreien. Wie erwartet. Na, brüll dir ruhig die Kehle wund, ich werde mich für heute ohnehin empfehlen, um dir Gelegenheit zu geben, über das Gehörte zu sinnieren, dir über deine Situation bewusst zu werden.

Wir sehen uns morgen. Keine Sorge, das Licht lasse ich an.

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Guten Mor… und es geht direkt weiter. Du lernst es einfach nicht, oder? Soll ich die Tür offen lassen, ja? Ist dir das lieber, schön, mach‘ ich, hier. Brüll ruhig weiter und sieh‘ was es dir bringt. Ich warte. Meine Geduld ist ewig, die Kräfte deiner Stimmbänder hingegen… nun, sagen wir ich wage zu bezweifeln, dass sie noch lange machen, nachdem du gestern schon so viel getobt hast.

Geht’s wieder? Haben wir uns beruhigt? Schön, dann werde ich die Tür jetzt schließen. Der Privatsphäre wegen, du verstehst?

Und sieh mal, ich habe uns was mitgebracht. Bestimmt brennst du schon darauf herauszufinden, was sich in dieser Tasche befindet, nicht? Keine Sorge, du wirst es schon bald erfahren. Vorher aber, will ich mich erst einmal wieder setzen.

So, und nun sag‘ mir, hast du über unser kleines Gespräch gestern gut nachgedacht?

Hm… ich mag mich täuschen, aber meines Wissens nach, bin ich gestern nicht plötzlich zu Luft geworden, also, warum siehst du mich nicht an? Hallooho? Ahh, ich verstehe, du willst mich ignorieren. Glaubst‘ wohl, dass ich dann einfach verschwinde, hm? Schlag‘ dir das gleich aus dem Kopf, ich werde hier bleiben, wenn es sein muss tagelang und ich werde dabei zusehen, wie du langsam an Dehydration verreckst. Willst du das? Wenn nicht, dann sieh mich an, es ist ganz einfach. Dann bringen wir hinter uns, weswegen ich dich hierhergeholt habe und du kommst schneller wieder raus, als du es gerade glaubst. Also, was ist?

Sehr schön, wusste ich doch, dass du Vernunft annehmen würdest. Wie geht es deinen Armen und Beinen eigentlich? So in ihrer Bewegung eingeschränkt, tun sie wohl schon ziemlich weh, was? Ich will dir einen Rat geben, den du dir für die folgenden Stunden und Tage gut einprägen solltest. Denk‘ immer daran: Es könnte schlimmer sein.

Aber gut, wir wollen das Ganze hier nicht unnötig in die Länge ziehen. Du hast getan, worum ich dich gebeten habe, dass will ich mit einer entsprechenden Gegenleistung quittieren und dir präsentieren, was ich heute für uns vorbereitet habe. Mal sehen, wo ist es denn, ah ja, hier.

Okaaay, dass kommt jetzt unerwartet, du weißt doch noch gar nicht, was ich damit vorhabe. Vielleicht will ich auch nur deine Fesseln durchtrennen. Gut, zugegeben, dass ist höchst unwahrscheinlich und würde ich es behaupten, es wäre glatt gelogen, aber dein jämmerliches Gekreisch erscheint mir dennoch höchst übertrieben.

Reiß‘ dich zusammen man! Haha… nein ernsthaft, sei still. SEI STILL HABE ICH GESAGT! Hach, besser, viel besser. Ich weiß Stille wirklich zu schätzen, musst du wissen und dein Gejaule, verschafft mir ganz empfindliche Kopfschmerzen. Du willst nicht, dass ich Kopfschmerzen bekomme, glaube mir, generell willst du nicht, dass sich meine Laune maßgeblich verschlechtert, dass bringt mich nur auf komische Gedanken…

Also, ich werde dir jetzt erklären, was gleich passieren wird und du wirst es wir ein Mann ertragen und zuhören, verstanden? Gut. Ich werde dir mit diesem Werkzeug deinen großen Zeh abtrennen, es wird ganz schnell gehen ver… und da jammert er wieder! Was habe ich gerade gesagt? Hm? HM? Die Tasche ist groß Kumpel, da sind noch ganz andere Werkzeuge drin verteilt, nur für den Fall der Fälle, mach so weiter und es bleibt nicht bei der Lappalie. Ach, diese Sprache sprichst du also, schön, damit kann ich arbeiten.

Wie ich also gerade sagte, ich werde… da fällt mir gerade ein, ich habe mich noch gar nicht für den linken oder rechten entschieden. Hast du irgendwelche Präferenzen? Nein? Oder war das ein Nicken nach rechts? Heißt, dass jetzt, dass du den behalten willst? Ach, so wird das nichts… Ich entscheide das einfach spontan, ok? Die Frage war rhetorisch gemeint, du hast hier nichts mitzureden.

Wie dem auch sei, einer deiner großen Zehen, der linke oder rechte, wird in wenigen Minuten kein Teil mehr von dir sein. Ich werde die Wunde rudimentär versorgen – ich will ehrlich sein, ich bin kein Arzt – und so hoffentlich einer Infektion entgegenwirken. Danach lasse ich dich allein. Während und nach des Prozesses, möchte ich dich bitten, dir einige Dinge immer wieder vor Augen zu führen.

Zum Beispiel, sollst du dir denken, hey, es ist nur ein Zeh und vor allem nur der große. Witziges Detail am Rande: Wusstest du, dass der Mensch, um das Gleichgewicht beim Laufen zu wahren, vordergründig den kleinen Zeh benötigt? Wir kommen mit der Ferse auf, rollen über den kleinen Freund ab und stoßen uns mit dem Ballen weiter. Fehlt das kleinste Glied in der Reihe, stürzen wir ohne Übung im Umgang damit, bevor wir auch nur einen Schritt tun.

Mit anderen Worten: Ich nehme dir einen gar nicht mal so wichtigen Zeh, das ist doch durchaus als positiv zu erachten, oder? Ich meine, andere Menschen verlieren durch Unfälle ihren ganzen Fuß oder durch sagen wir einen ungünstigen Verlauf der Diabetes, nach und nach ihr ganzes Bein, im schlimmsten Fall ihr Leben. Da ist der große Zeh doch vertretbar, oder? Jeder der wegen eines solchen Verlustes rumjammert, sollte sich mal am Riemen reißen!

Ja, langsam begreifst du, woher der Wind weht. Wie ich schon sagte, es ist kein Vergleich zu dem Leid, dass du anderen Menschen zugefügt hast, aber es ist ein Anfang. Ein fester Schlag, der dich, so hoffe ich, wachrüttelt.

Aber genug der Worte, ich werde jetzt anf… Hör‘ auf. Hör‘ auf! HÖR‘ AUF!

Atmen Junge, atmen, ganz ruhig, bloß nicht aufregen, sonst bekommst du nur wieder eine Migräne und vergisst deinen Gast hier unten. Wir wollen doch nicht, dass ihn ein zu jähes Ende ereilt, nicht wahr? Nein, dass wollen wir nicht… Und atmen… Besser.

Entschuldige bitte diese kurze… Eskapade. Ich bin manchmal nicht ganz ich selbst. Wenn du also die Güte hättest, derartige Anfälle nicht durch dein völlig grundloses Gehabe zu provozieren? Damit würde es uns beiden deutlich besser gehen, glaub‘ mir.

Ich werde jetzt jedenfalls anfangen. Denk‘ an meine Worte: Es gibt Schlimmeres auf der Welt.

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Guten Morgen, da bin ich wieder. Hey. Heeey, na komm schon, wach auf alter Junge, ich will dir nichts Böses, sieh, ich streichel‘ dir sogar ganz sanft das verschwitzte Wängchen. Jaaa, so ist es gut. Wie geht es dir? Du siehst ganz schön beschissen aus, wenn ich das mal so sagen darf. Und stinken tust du auch, nach Schweiß, Pisse und deinen eigenen Exkrementen, in denen du schon seit Stunden sitzt. Wie lange bist du jetzt hier? Zwei, zweieinhalb Tage? Halt‘ noch ein wenig durch, ok? Heute Abend bekommst du ein schönes kühles Glas Wasser.

Oho, da reißt er die Augen auf, ja. Wasser, welch ein berauschendes Wort, nicht wahr? Stell dir vor, wie es deine ausgetrockneten Lippen benetzt, wie es die Wüste durchtränkt, die sich dein Hals schimpft.

Ist schon scheiße, auf den regelmäßigen Nachschub des lebensspendenden Nass verzichten zu müssen, nicht? Und jetzt bedenke, dass es Menschen auf der Welt gibt, für die dieser Zustand normal ist. Die bereitwillig die dreckigste, schlammigste Brühe trinken würden, um nicht zu verdursten. Und du beklagst dich, weil du es ein Mal ertragen musst. Ganz schön erbärmlich, findest du nicht?

Überall auf der Welt, gibt es Tausende und Abertausende, die nicht wissen ob sie das Morgen erleben und stumm ihr Leid ertragen, aber du, du sitzt hier unten und planst bereits, wie du mich auf die möglichst grausamste Art umbringen kannst, sobald du erst frei bist. Tu nicht so überrascht, ich sehe es in deinen Augen. Ist ok, ich würde mich an deiner Stelle nicht anders fühlen.

Das ist ja gerade der Witz daran, der ganze, kosmische, urkomische Witz. Wäre ich jetzt an deiner Stelle, ich würde mich zurück in mein von Seelenqualen gepeinigtes Leben wünschen. Es würde mir tausendmal erträglicher erscheinen. Andersrum würdest du gerade vermutlich bereitwillig mit mir tauschen, wenn du dir dafür auch nur ein Schluck Wasser gewährt werden würde. Und als Bonus eine Dusche.

Wir wollen immer, was wir nicht haben können, was uns in unendlich weiter Ferne scheint. Selbst du, du ach so großer Held, der du uns mit Erleuchtung segnest. Mit der unumstößlichen Wahrheit, dass wir alle Luschen sind, die es nicht anders verdienen, als in unseren selbst gebuddelten Gräbern zu verrotten.

Aber weißt du was? Du bist jetzt, in diesem Augenblick, einer von uns. Nichts weiter als ein Schmarotzer, ein Parasit, der sich ans Leben klammert und immerzu nur mehr will, immer mehr und noch mehr.

Ich nehme mich nicht aus dieser Gleichung raus, keineswegs, ich will nur, dass du das verstehst. Allerdings muss ich enttäuscht feststellen, dass du im Begriff bist, weg zu dämmern. Ich will hoffen, dass du mir trotzdem zugehört hast, morgen schreiben wir dazu einen Test… War nur ein Witz, du darfst später lachen.

Und keine Sorge, ich werde mein Versprechen nicht brechen, nachher gibt es ein Glas Wasser. Unsere kleine Lehrstunde ist schließlich noch lange nicht vorbei.

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So, da wären… Oh man, wie schnell sich der Zustand eines menschlichen Körpers doch verändern kann, wenn ihm lebensnotwendige Mittel entzogen werden. Habe ich vorhin gesagt, du siehst bescheiden aus? Ich nehme alles zurück. Vor wenigen Stunden warst du ja noch das blühende Leben. Du hörst mich nicht wirklich, oder? Na, gleich wird’s dir besser gehen. Warte, ich nehme dir nur eben den Knebel ab.

Hier, trink. Aber langsam. Langsam habe ich gesagt! Jetzt schau dir diese Sauerei an. Wollen wir es noch einmal versuchen? Gut, hier. Hör‘ diesmal lieber auf deinen Gastgeber. Ja, so ist es gut. Warte kurz, lass es erst einmal seine Wirkung vollbringen. Du bekommst gleich den Rest.

Wie geht es dir? Nicht sonderlich gesprächig was. Kann ich verstehen, würde mir nicht anders gehen. Aber soll ich dir was sagen? Von den anfänglichen Startschwierigkeiten abgesehen, mit denen ich gerechnet habe, schlägst du dich ganz gut. Wenn du nur noch ein wenig länger durchhältst, hast du es geschafft. Ich will dir keine falsche Hoffnung machen, aber bei guter Zusammenarbeit, könnte es morgen schon so weit sein. Na, was sagst du, würde dir, dass gefallen?

Ja, das dachte ich mir. Ehrlich gesagt, stimmt mich dieser Ausblick auch froh. Dich hier zu beherbergen, stellt eine größere Belastung für mich dar, als ich gedacht habe. Ich denke nicht, dass ich derartiges wiederholen möchte. Unter einer Bedingung versteht sich. Du musst mir, nicht jetzt aber später, versprechen, etwas aus deinem Aufenthalt gelernt zu haben.

Ich sage dir dies, damit du dich darauf vorbereiten kannst, damit du in Gedanken schon mal üben kannst, mich zu überzeugen, denn sind wir mal ehrlich, du hasst mich aus den Tiefen deiner Seele. Du wirst mir diesen Wunsch also kaum aufrichtig erfüllen können. Da mir das bewusst ist, will ich Gnade zeigen und dich mit einem ‚er war stets bemüht‘ ziehen lassen. Das jedoch verlange ich. Ohne nicht wenigstens den Hauch von Ehrlichkeit, kann ich deine Fesseln nicht lösen, dann werde ich dich hier unten so verenden lassen, wie du dich während deines Aufenthalts die meiste Zeit gezeigt hast: Jämmerlich.

So, aber jetzt bekommst du den Rest des Wassers, immerhin musst du für morgen halbwegs fit sein. Es wird ein großer Tag, ein bedeutender. Für dich, für mich… weniger für die Menschheit, weil sie sich nicht einfach mal eben um hundertachtzig Grad wenden wird, aber vielleicht wenigstens für diejenigen, deren Leben du so schonungslos mit Füßen getreten hast. Wir werden sehen.

Bis morgen. Schlaf gut. Erhol dich. Denk‘ gut über alles nach.

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Aufwachen Dornröschen. Genug geträumt, es wird Zeit sich der kalten, bitteren Realität zu stellen. Ich habe dir wieder etwas mitgebracht. Da ist nur eine Sache… Wenn ich gleich zur Seite trete und den Blick auf mein heutiges Präsent freigebe, versprich mir, nicht gleich auszurasten, ja? Gut, braver Junge. Ich bin stolz auf dich.

Oh und eins noch. Vergiss nicht unser Mantra: Es könnte schlimmer sein. Es könnte viel, viel schlimmer sein. Andere Menschen erleben tagtäglich die Hölle auf Erden, dagegen ist das hier… nun, sicher nicht die Erfüllung deiner sehnlichsten Wünsche, aber ein verhältnismäßig kleiner Preis, den ich dir aufzwänge. Ok? Ok. Dann mal los.

Es hat mich einige Zeit gekostet, den richtigen Moment abzupassen, um sie in meine Hände zu bekommen und hierher zu…

Atmen. Atme. Bleib ruhig. Dreh‘ nicht durch. Blende das Gekreisch, das Gezeter und Gebrüll, die unverständlichen Verwünschungen und nicht einlösbaren Versprechungen darüber, dass du einen grausamen Tod sterben wirst, einfach aus. Und At… HALT. DEIN.VERDAMMTES.MAUL!

Ich habe es dir gesagt! Ich habe es dir so oft, wieder und wieder gesagt! Warum zum Teufel hörst du nicht auf mich! Sei still! Sei verdammt noch mal, EINFACH STILL! Oder ich schwöre bei Gott, ich zertrümmere erst ihr und dann dir jeden einzelnen Knochen im Leib! Ich such‘ mir jeden Tag einen aus, einen einzigen, den ich mit einem Hammer bearbeite, bis nur noch Staub davon übrig ist. Ich werde euch leiden lassen, bis euer Leben aus nichts anderem mehr als Schmerz besteht. Verstehst du das? Begreift dein kleingeistiges Hirn, was ich ihm zu sagen versuche?!

Gott… Verdammt! Entschuldige. Entschuldige wirklich, dass… Es ist nur… Argh, du machst mich so, so, so, SO verdammt wütend, wenn du so rumschreist. Ich hatte wirklich geglaubt, wir hätten das abschließend geklärt, dass wir uns verstehen würden, aber offensichtlich habe ich mich geirrt. Mein Fehler, nicht deiner, hätte nachdrücklicher sein müssen. Ist in Ordnung. Wenn du jetzt nur, bitte. Bittebittebitte, einfach die Klappe halten könntest, ja?  

Gut. Oh man. Ich meine hey, ich habe dir versprochen dich hier bald rauszulassen, oder? Führ‘ dir das einfach weiter vor Augen, ja? Dann… dann wird alles… alles… Alles wird gut. Danach wird einfach alles… Nein, nichts wird perfekt sein, nie wieder wird es das. Da wird immer noch nur Dunkelheit sein. Für mich.

Für dich nicht, wenn du Glück hast, wenn du all das hier überwinden kannst. Ich hoffe es für dich, wirklich. Ich wünsche dir nicht, das gleiche Schicksal durchleben zu müssen. Wenn es doch so kommt, kann ich nicht behaupten, dass es mir leidtut, denn wie ich schon sagte, hast du dir das selbst zuzuschreiben, aber wünschen tue ich es dir trotzdem nicht. Warum ich das alles dann hier überhaupt mache? Tja, weil ich es muss. Ich muss einfach. Das kannst du nicht verstehen, ist ok, musst du nicht. Du musst dich nur erinnern, und zwar an das, was ich dir gestern noch erklärt habe. Der Rest, das was danach kommt, liegt allein bei dir und nicht länger in meiner Hand.

Nun gut, ich will dich nicht länger auf die Folter spannen – ha!

Wie du unschwer erkennen kannst, habe ich deine Geliebte hierhergebracht. Sie schläft tief und fest und wird so schnell nicht erwachen. Sie wird nichts, von dem, was hier vorgeht, mitbekommen. Dahingehend brauchst du dir keine Sorgen zu machen.

Bevor wir uns jedoch weiter ihr widmen, möchte ich dir den Grund für ihr und vor allem dein Hiersein erklären. Den wahren Grund.

Weißt du noch, wie ich dir immer wieder von all den Menschen erzählt habe, die du mutwillig verletzt hast? Natürlich tust du das, du bist ja ein cleveres und aufmerksames Kerlchen und weißt, dass mir nicht zuzuhören, nur meinen Zorn entfacht.

Einer dieser Menschen, war ein sehr guter Freund von mir. Ich will gar nicht um den heißen Brei reden, sondern es gleich auf den Punkt bringen. Er ist tot. Wegen dir.

Du solltest dir selbst auf den Schulter klopfen, denn du hattest Erfolg mit deinen großen Reden. Er hat es versucht, weißt du, hat versucht, ‚sich zusammenzureißen‘, hat versucht ‚ein Mann zu sein‘, hat nicht länger geklagt, hat sich nicht mehr beschwert, hat das Leben genommen wie es kam und einfach alles in sich hineingefressen, stumm gelitten, wie man es ja scheinbar von ihm erwartet, weil andere es schwerer haben, weil es anderen deutlich schlechter geht. Weil das Gras auf seiner Seite des Zauns grün genug zu sein hatte, weil er zufrieden zu sein hatte. Glücklich.

Ich habe ihn als erstes gefunden. Bereits aufgedunsen durch das Wasser, welches sich mit seinem Blut vermengt hat. Er ist friedlich dahingedämmert, stumm, ohne einen Laut über die Lippen zu bringen und hat noch Tage danach, niemanden mit sich zu belasten gewagt.

Wie gesagt, du kannst stolz auf ihn sein.

Heute ist es an dir, mich stolz zu machen. Erneut. Ertrage es. Ertrage es stumm und leise und denke immer daran: Andere haben ihre ganze Familie verloren. Durch Unfälle, Kriege, psychotische Arschlöcher. Du verlierst heute einen, nur einen einzigen Menschen, der dir etwas bedeutet. Und das auf eine denkbar schonende Art.

Ich werde ihr die Pulsadern aufschneiden und langsam ausbluten lassen. Sie wird nicht erwachen, keine Sorge. Wird einfach wegdämmern. Wie er es getan hat. Friedlich. Still und leise, ohne sich jemandem aufzudrängen, ohne sich zu beklagen.

Ich bemerke erstaunt, du hältst dich wacker. Oder ist es Resignation, die dich schweigen lässt? Womöglich sogar Hoffnung? Weißt du, mir ist es egal. Selbst wenn es ein Schock ist, der dich die Lippen aufeinanderpressen lässt, solange du dich an unsere Vereinbarung hältst, werde ich es dir gleichtun. Das ist nur fair. Fairness ist immerhin das Motto unserer letzten Tage, nicht wahr? Auge um Auge, sozusagen.

Wollen wir dann? Dein Schweigen nehme ich mal als Zustimmung.

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Sie ist tot. Es ist vorbei.

Du hast ein paar Tränen vergossen, aber keine Sorge, dass nehme ich dir nicht übel. Dass abgesehen davon kein Ton über deine Lippen gekommen ist, rechne ich dir hoch an. Zwar habe ich auf eine gewisse Art ebenfalls dabei zusehen müssen, wie mein Freund von Moment zu Moment immer ein klein wenig mehr gestorben ist, doch der Anblick des physischen Todes ist mir erspart geblieben. Du hingegen, musstest genau das ertragen und hast dies gemeistert, ohne ein einziges Mal  zu klagen. Dass zollt mir Respekt ab, auch wenn du dem vermutlich nicht viel abgewinnen kannst.

Bevor ich dich jetzt jedoch entlassen kann – wobei der eben angesprochene Punkt, dir leider nicht positiv angerechnet werden kann, tut mir leid –, müssen wir noch zu unserer finalen Frage kommen: Sag‘, hast du etwas aus deinen letzten Tagen hier bei mir gelernt? Eine Erkenntnis für dein Leben und deine Zukunft gewonnen.

Sieh‘ mir in die Augen und nicke, dann werde ich beurteilen. Lass dir ruhig Zeit, ich kann warten.

Hm, du überraschst mich. Beinahe möchte ich das Wort erstaunen in den Mund nehmen. Du hast es geschafft mich zu überzeugen, mehr noch, beinahe gelange ich zu der Überzeugung, dass du deine Antwort wahrhaft ernst gemeint hast. Du hast Lehren aus alldem hier gezogen, dass glaube ich aus den tiefen meines Herzens und dafür möchte ich dir danken. Es gibt mir zumindest ein klein wenig Seelenfrieden.

Ich werde jetzt die Tür öffnen und deine Fesseln lösen. Es steht dir frei zu gehen, wann immer du willst. Zuhause wird dich eine Mitteilung in deinem Briefkasten erwarten, nicht heute, sondern… nun, ich schätze in spätestens zwei Tagen, ich versuche es früher einzurichten. In dieser Mitteilung wirst du eine Anschrift finden, wo du wiederum den Leichnam deiner Freundin bergen kannst, um ihr ein anständiges Begräbnis zu ermöglichen. Ich bin schließlich kein Monster und will dir diese Gelegenheit offerieren.

Wenn du die Polizei kontaktieren willst, habe ich dafür volles Verständnis. Ich werde mich nicht beklagen. Menschen sind schon wegen geringeren Verbrechen bestraft und eingesperrt worden. Es würde mir bewusst machen, dass deine Lehre doch nicht so tief ging, wie von mir gedacht, was mir den Boden unter den Füßen wegreißen und eine viel größere Strafe darstellen sollte, als die Gerichtbarkeit der Gesellschaft sie je über mich verhängen könnte, doch auch das, würde ich als gegeben hinnehmen.

Solltest du hingegen planen, mich, sobald ich dich befreit habe, mit meinem eigenen Messer, das hier noch verlockend neben dem erkaltenden Körper deiner Freundin liegt, zu greifen und mich zu attackieren, muss ich dich warnen: Ich werde mich wehren und dich, der du vom Blutverlust und Wassermangel stark geschwächt bist, ohne Gnade töten. Aber vielleicht ist es ja genau das, was du möchtest, in diesem Fall will ich dir diesen letzten Wunsch nicht verwehren.

Natürlich könntest du genauso gut entscheiden später wiederzukommen, um mir unter faireren Bedingungen gegenüberzutreten. Auch dann werde ich mich freilich wehren, jedoch stünden meine Chancen dann vermutlich deutlich schlechter.

Nun, die Entscheidung liegt bei dir.

Schritt eins, Tür öffnen. Erledigt.

Schritt zwei, Fesseln lösen. So, das hätten wir.

Schritt drei, mich auf den Stuhl neben deine tote Freundin setzen und abwarten, was geschieht.

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Ich warte… und warte… und warte… und stelle irritiert fest, dass du immer noch hier sitzt. Was soll das? Stehst du immer noch unter Schock? Willst du mich ultimativ strafen, indem du mir erklärst, dass du rein gar nichts verstanden hast, weil dein Geist sich schon lange verabschiedet hat? Nein, dass kann nicht sein, ich erkenne noch einen Funken Vernunft in deinen Augen.

Was ist es dann? Wartest du nur, dass sich deine Kräfte regeneriert haben? Du schüttelst den Kopf, interessant. Antworten wirst du mir also wohl.

Willst du mich umbringen? Nein.

Habe ich dir deinen Lebenswillen geraubt? Auch nicht…  

Ich komme partout nicht darauf. Was könnte dich dazu bewegen… Halt. Nein, das ist nicht möglich. Oder doch? Kann es sein, dass… dass du hier bleiben willst? Du… du nickst. Aber warum? Was habe ich, was ich dir…

Oh mein Gott…

In Ordnung, wenn dies dein Wunsch ist, werde ich ihn dir erfüllen. Möchtest du noch einmal Auslauf, bevor ich dir die Fesseln wieder anlege? Nein. Gut. Dann lass uns mit der Lehrstunde fortfahren.

Bereiten wir gemeinsam den Weg nach ganz unten vor, bis an den tiefsten Punkt, an dem du nur noch nach oben blicken kannst, an dem alles und wirklich alles, jeder Zustand, jedes Unheil, dir wie ein Segen erscheint, dich mit vollkommener Zufriedenheit erfüllt, weil es eine minimale, winzig kleine Verbesserung darstellt. Weil es niemanden, wirklich niemanden, mehr geben wird, der es schlechter hat als du.

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