Notiz des Autors: Dies ist die Fortsetzung von Containment Project 1, sowie DN-AGE Erinnerungen

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CONTAINMENT PROJECT AUSWERTUNG

DATENLOG 40

Name: Qar’Ek Da’qu

Verwaltungsbereich: Leiter Historische Auswertungen der Containment Project-Anlagen auf SOL-00I

Datum: 25. Tag des neunten Monats, Jahr 372 nach Gründung der Republik

Berechtigung: ERTEILT

|:| Guten Tag, allerseits. Sagt mal, kennt ihr dass, wenn irgendwer etwas Dummes vorschlägt, oder man von irgendeiner komplett hirnrissigen Sache hört und man sich dann denkt „So dumm ist doch niemand!“ oder „Das machen Leute doch nicht wirklich, oder?!“- nun ja, so erging es uns, als wir von den Machenschaften des DN-AGE Konzerns erfuhren. Lest diesbezüglich bitte Datenlog 4 für nähere Informationen.

Um es auf den Punkt zu bringen, reden wir hier von „Kinder“-Prostitution. Der Geschlechtsverkehr mit Minderjährigen war bei den Bewohnern dieses Planeten zwar immer noch ein schweres Vergehen, doch öffnete der DN-AGE Konzern…neue Möglichkeiten, um Leuten mit derartigen Neigungen zu „helfen“. Da man das physische Alter eines Menschen nun nach Belieben ändern konnte, ließen sich zahlreiche volljährige, zumeist arme Mädchen, in ihr minderjähriges Ich zurückverwandeln, um damit eine gigantische Klientel zu bedienen. Loli-Dolls, nannten sich diese Mädchen und es entstand dadurch eine regelrechte Industrie, zugeschnitten auf allerlei Perversitäten und perversen Neigungen.

Dann hatte DN-AGE allerdings eine „glorreiche“ Idee: man konnte die Genstruktur, welche die Bewohner dieses Planeten altern ließ, in eine Art „Quantenzustand“ versetzen. Das Ergebnis: junge Mädchen, welche nie alterten und somit auch keines natürlichen Todes sterben konnten. Doch irgendwann sah man diese Praxis als unethisch an und man warf die sogenannten „Lifer“(weil sie sich eben für den Rest ihres Lebens dazu verpflichtet hatten) regelrecht auf die Straße. Und dort wurden sie natürlich zur Beute und zum Spielball der zahlreichen Jungendbanden, die es in fast allen Städten zu dieser Zeit gab.

Und wir reden hier wirklich über alles: körperliche, psychische, wie auch sexuelle Gewalt. Man benutze sie als Sexspielzeug, oder als billige Sklaven in den zahlreichen Fabriken. Dort laugte man sie gewissermaßen aus, bis man sie entweder tötete oder zum verhungern einfach entsorgte. Einigen Lifern gelang es jedoch, aufs Land zu flüchten und von dort eine regelrechte Armee aufzubauen. Ich erspare euch hier die Details, aber grob gesagt zettelten sie mit der Hilfe einiger Banden, die den Lifern freundlich gesinnt waren, einen Bürgerkrieg an, der bald das ganze Land und in kürzester Zeit die ganze Welt erfasste.

Woher wir das alles wissen und was es mit dem Containment Projekt zu tun hat? Nun, um die erste Frage zu beantworten: wir haben mit ihnen geredet. Zweihundert Jahre nach dem endgültigen Zerfall der Kulturen auf diesem Planeten – und sie sind immer noch hier. Und um die zweite Frage zu beantworten, nun ja. Zum Glück fanden wir auch hier einige Schriftstücke, die uns mehr über den ersten Kontakt der Lifer mit den Bewohnern verraten. Interessant ist hierbei, dass alle Personen aus D. E. 1920, wie auch aus D. R. -44 nach dem Zusammentreffen mit den Lifern scheinbar das eigentliche Datum der Welt außerhalb der Kuppeln übernommen haben. |:|

AUFZEICHNUNG DES MAGISTRATEN TERTIO

18. Kalende des Maius

3043 a. u. c.

Es ist vollbracht. Wir sind nun frei. Wir können tun und lassen, was wir wollen. Glücklicherweise zogen die meisten Menschen es jedoch vor, in dieser – ihrer – Stadt zu bleiben. Ich als Magistrat wollte jedoch eine Antwort. Eine Antwort auf eine Frage, die mich schon seit einer sehr, sehr, SEHR langen Zeit umtreibt: wenn außerhalb der Kuppeln alles verlassen worden war – wer hielt diese ganze Anlage am Laufen?

Seitdem ich Caelia gefangen hatte, wusste ich natürlich, wie ich die zentrale Kuppel kontaktieren konnte. Caelia verwies diesbezüglich auf ein sogenanntes…Handy. Eine Apparatur, mit dem man die zentrale Kuppel „anrufen“ konnte. Hierbei handelt es sich scheinbar um eine Art Fernkommunikation der Welt außerhalb der Kuppeln. Zugeben, ich hatte seit meiner Rückkehr aus Aylefield mit dem Gedanken gespielt, die zentrale Kuppel zu kontaktieren, jedoch hatte sich der richtige Moment noch nie geboten. Bis jetzt.

Nach der Hinrichtungen der Vigiles nahm ich das merkwürdige Gerät in die Hand und tat so, wie mir Caelia gezeigt hatte. Ich drückte auf ein Symbol auf der glasartigen Oberfläche und hielt es an mein linkes Ohr. Daraufhin ertönte ein komischer Ton, wie von einer dumpfen Trompete, ehe eine Stimme fragte: „Ja? Wer ist das? Wer sind Sie?!“ Was würdet ihr sagen, wenn ich euch sagen würde, dass die Stimme, die aus dem Gerät kam, sich wie ein junges Mädchen anhörte?

Juno Inferna, kein Witz! Es hörte sich wie ein junges Mädchen an, vielleicht zwölf oder dreizehn Jahren alt. Natürlich dachte ich zunächst, dass es wohl ein Versehen war. Dass irgendwo ein Kind das Gerät ihres Vaters genommen hatte oder etwas dergleichen. Allerdings wurde ich…zurückgerufen, wie man es nennt, und ich nahm den…Anruf entgegen.

„Ja, ha…hallo?“ fragte ich zögerlich und die Mädchenstimme gab zurück: „Wer zum Fick sind Sie? Von wo rufen Sie an?! Woher haben Sie überhaupt diese Nummer?!“ Daraufhin wurde ich etwas sicherer in meiner Wortwahl und gab zurück: „Mein Name ist Publius Septimus Tertio, Magistrat von Mons Petrae. Sie wissen schon, D.R. -44.“

„Ja, ich weiß in welcher Kuppel das liegt. Was wollen sie? Sie sind kein Ranger, nehme ich an.“ Dann kam eine Weile gar nichts, ehe die Mädchenstimme fortfuhr: „Das ist die Nummer von Donald Pem…ich meine Quintus Caelius. Was geht da vor sich?“

„Caelius ist tot. Und seine Hure von Tochter ebenfalls“, gab ich wütend zurück: „Hören Sie, ich weiß nicht, was Sie sich bei dem ganzen kranken Scheiß, den Sie mit uns hier seit sechzig Jahren oder so abgezogen haben, gedacht haben, aber ich habe ein Angebot für Sie!“

„Ich höre“, kam es selbstsicher von der anderen Leitung.

„Entweder, Sie schaffen ihren Arsch sofort in meine Basilica und stellen sich ihrer Verwantwortung – oder wir kommen zu Ihnen und bringen es zu Ende!“

Daraufhin erhielt ich für einige Sekunden keine Antwort. Ich hatte schon mit dem Gedanken gespielt, einfach aufzulegen, dann Nora, Carlisle, sowie die Bewohner der beiden Kuppeln zu informieren und uns auf den Weg in die zentrale Kuppel zu machen, als ein einfaches „Hallo“ aus dem Handy erklang. „Also“, sagte ich selbstbewusst: „Was soll’s sein?“

„Du bist es also wirklich! Nach all den Jahren!“ kam erneut eine Mädchenstimme von der anderen Leitung. Diese hörte sich jedoch vollkommen anders an, als die Stimme zuvor. „Was meinen Sie?!“ rief ich empört: „Wer beim Jupiter sind Sie?!“

„Entschuldigung, das kannst du ja nicht wissen“, sprach die Stimme ruhig und fast schon tröstend: „Ich bin Freckles, bürgerlich bekannt als Robin O‘ Grear. Ich bin deine Tante.“

AUFZEICHNUNG DES MAGISTRATEN TERTIO

18. Kalende des Maius

3043 a. u. c.

Ich muss zugeben, dass es…etwas befremdlich war, die Leute aus der zentralen Kuppel zum ersten Mal entgegenzutreten. Und ja. Es stellte sich tatsächlich heraus, dass es sich bei dem Willkommenskomitee tatsächlich um eine Schar junger Mädchen handelte, alle im Alter zwischen zwölf und sechzehn. Sie schienen Teil eines unbekannten Kultes zu sein, trugen sie doch alle das gleiche: ein braunes, ledernes Oberteil und dazu eine hautenge, hellblaue Hose. Letztere hatten wir bereits in Carlisles Kuppel ebenfalls gesehen. Das Markanteste an ihnen war jedoch die blaue Farbe, mit denen sie ihre Hände, ihren Körper und selbst ihr Gesicht bemalt hatten. Einige hatten das Blau sogar in Puderform in ihren Haaren kleben.

Angeführt wurde die Truppe von einem Zwillingspaar, welche sich als Vanilla und Lavender vorstellten. Letztere war es auch, welche scheinbar als Einzige Latein beherrschte, übernahm sie doch das Wort für die Restlichen. Leider bekamen wir nach der Vorstellung den ersten Dämpfer verpasst: Entgegen meiner Vermutung waren SIE nicht für das Containment Projekt verantwortlich. „Die eigentlichen Verantwortlichen“, ließ Lavender uns wissen: „sind schon seit Jahren tot. Ein paar davon haben so ins Gras gebissen – bei den Anderen mussten wir nachhelfen.“

„Und wieso habt ihr uns nicht sofort kontaktiert?“ fragte Carlisle energisch, woraufhin sich Lavender auf die Unterlippe biss und meinte: „Naja…menschliches Versagen halt. Das hatten wir tatsächlich vorgehabt, haben allerdings nie den richtigen Zeitpunkt gefunden. Unser Fehler, ‘schuldigung.“

„Okay, genug gelabert!“ kam es auf einmal von einem der Mädchen: „lass mich dich ansehen!“ Daraufhin kam eines der älteren Mädchen auf mich zu und fing an mich aufs Unangenehmste zu mustern. Doch nicht nur mich. Auch meine Frau und meine Kinder wurden Opfer ihrer…Begaffung. „Auch ein Rotschopf, interessant“, meinte sie nur, als sie Darya betrachtete: „Genau wie dein Onkel und ich! Blut ist scheinbar doch dicker als Wasser!“ Ich vermutete, dass dies das merkwürdige Mädchen war, welches sich zuvor als meine Tante bezeichnet hatte. Ich nagelte sie diesbezüglich an Ort und Stelle fest und sie fragte mich, ob ich denn von den Verjüngungs- bzw. Alterungskuren von DN-AGE wusste. Diesbezüglich hatte Caelia mich (im Übrigen mehr als mir lieb gewesen war) aufgeklärt, weswegen ich mit einem ernsten Nicken antwortete. „Dann führ‘ ich dich mal durch den Grad der Verwandtschaft“, meinte sie daraufhin: „Deine Mutter hatte einen Sohn, das bist du. Deine Großmutter hatte eine Tochter, deine Mutter. Deine Großmutter hatte NOCH eine Tochter, bevor man sie in diese Kuppel einsperrte. Eine Tochter, die im Waisenhaus aufwuchs, mehrere Pflegefamilien durchlaufen hatte und sich mit Anfang zwanzig dem Lifer‑Programm von DN-AGE verschrieb. Das bin ich.“

„Was? Lifer?“ fragte Nora, welche die Verwirrung aller teilte: „Wer oder was seid ihr? Woher kommt ihr?“

„Kommt mit uns“, meinte Lavender mit einem freundlichen Lächeln: „wir erzählen euch mal, was in den letzten zwanzig Jahren so abgegangen ist!“

ANMERKUNG:

Ab diesem Punkt erzähl P. S. Tertio von der Geschichte der Lifer und den Machenschaften des DN‑AGE Konzerns. Da ich allerdings zu Beginn dieses Datenlogs alles Wichtige darüber gesagt habe, habe ich mir als Leiter der historischen Auswertung der CP-Anlagen die Freiheit genommen, diesen Teil der Einträge wegzulassen. Der folgende, relativ kurze Eintrag von Carlisle McAvin, schildert.

 

Eintrag 46

27. Mai 2290

Hatten uns heute zusammengesetzt um zu bereden, was mit D. M. 1340 geschehen soll. Ich, Nora, Lavender, Publius und dieser…Divinus waren anwesend. Es steht außer Frage, dass die Leute aus dieser Kuppel, kulturell weder mit uns, noch mit der römischen Kuppel koexistieren können. Immerhin reden wir hier von einem Christentum vor dem Humanismus. Vor der Aufklärung. Vor dem Erscheinen der Naturwissenschaften. Und es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass die Bewohner dieser Kuppel sofort versuchen würden, ihre antiquierte Form dieser Religion zu verbreiten.

So berieten wir, was wir mit dieser Kuppel und ihren Bewohner machten sollten. Nora und Publius vertraten die Ansicht, dass wir einfach hineinstürmen und alle erschießen sollten. Schnell, schmerzlos und gründlich. „Das könnten wir tun“, sagte ich, widersprach jedoch mit den Worten, dass auch in dieser Kuppel nur die Autoritätspersonen wüssten, was hier abging. Das einfache Volk war immer noch so ahnungslos, wie wir bevor wir uns befreit hatten. Lavender schlug daraufhin vor, dass wir jeden Ein- bzw. Ausgang aus der mittelalterlichen Kuppel versiegelten. Mit Beton, zuschweißen – ganz egal. Erst überhaupt keinen Kontakt entstehen lassen, die Bewohner erst gar nicht von unserer Existenz in Kenntnis setzen. 

„Oder“, sprach Divinus, welcher von Publius übersetzt wurde: „wir bieten ihnen eine große Show!“ Wir fragten ihn, was er damit meine und er teilte uns daraufhin seine… „originelle“ Lösung vor. Da man Tages- und Nachtzeit, das Wetter, Feuchtigkeit, kurz, so ziemlich alles in jeder Kuppel einstellen konnte, schlug er vor, das Licht in der mittelalterlichen Kuppel komplett auszuschalten. Kein Sonnenlicht, kein Mondlicht – totale Finsternis. Für drei Monate. Dann würde er als Dionysos mit lautem Getöse und Licht in die Kuppel einziehen und auch hier die Menschen zu Dionysos bekehren.

Wie gesagt – der Plan klang recht…originell und zugegeben etwas verwegen, doch stimmten wir nach Abstimmung dafür, genau dies zu tun.

|:| In den folgenden Einträgen möchte ich mich erneut mit Miss Nora Cayden befassen – vor allem mit ihrer Aufzeichnungen bezüglich Aylefield und ihren Eindrücken kurz nach der Hinrichtung der Ranger. Und ja, ich weiß, dass es neben Nora Cayden und Carlisle McAvin noch andere Bewohner gibt, die ebenfalls Dokumente hinterlassen haben. Aber da ich das erste Datenlog über das Ende der CP-Anlagen mit ihr begonnen hatte, möchte ich es auch mit ihren Einträgen enden lassen. Und zudem weißt Miss Nora Cayden bezüglich ihrer neugewonnenen Freiheit eine äußerst interessante Reaktion auf.

Eintrag 14

01. Juni 2290

Dieser Ort ist einfach nur der Wahnsinn! Nicht nur die Technologien, die sich hier befinden, sondern auch der Aufbau der Stadt an sich! Aylefield liegt etwa eine Stunde Fußmarsch östlich der CP‑Anlagen – genau wie Caelia es uns gesagt hatte. Während unsere Wanderung zu diesem seltsamen Ort wurden wir von den Lifern begleitet – was für merkwürdige Leute das sind! Sie sehen aus wie junge Mädchen, haben dieselbe Sprachhöhe wie sie, aber wenn man anfängt, sich mit ihnen zu unterhalten, merkt man schnell, dass etwas nicht stimmt. Sie unterhalten sich über Psychologie, Genetik (was ich auch erst mal verstehen musste!), Geschichte, Kunst und so weiter-eben Dinge, mit denen sich kleine Mädchen wohl weniger beschäftigen.

Aber egal, zurück zu Aylefield. Schon als wir den Ort betraten, hatte nicht nur ich ein mulmiges Gefühl. Und wir verstanden auch schnell, woher dieses Gefühl kam: Aylefield war eine exakte Abbildung von Muntun, bzw. Mons Petrae! Kein Scheiß, wir hatten es sogar überprüft! Kirche, bzw. Jupitertempel standen am gleichen Ort, so auch das Rathaus/Basilica, das Kino, der Pub, Mr. Dillard’s Schneiderei (in Aylefield lediglich ein Modegeschäft), Scheiße, sogar meine Apotheke stand genau am gleichen Ort! Dies galt auch für Carlisle’s Autowerkstatt, welche in Wirklichkeit „Abbot’s Auto“ hieß und neben der Werkstatt ein kleines Museum hatte, in dem man Stücke aus der unterirdischen Abtei ausstellte. Was das bedeutet könnt ihr im Eintrag 4 vom „9. Juni 1980“ nachlesen.

Als die anfängliche Verwunderung und das Staunen nachgelassen hatten, stand es uns frei, den Ort auf eigene Faust zu erforschen. Dafür hatten die Mädchen uns jeweils mit einer Schusswaffe und einer Nahkampfwaffe ausgestattet. Wer wusste schon, was – oder wen – man hier finden würde?! Wobei wir eigentlich auch schon beim Punkt wären. Nachdem ich einige Häuser und Geschäfte erkundet hatte, entdeckte ich ein ländlich anmutendes Haus. Wie alle Anderen, war es schon stark verwildert, doch ich konnte mir vorstellen, wie schön es einmal gewesen sein musste.

Ich fragte mich, wem dieses Haus früher einmal gehört hatte und meine Frage wurde beantwortet, als ich auf den Briefkasten schaute: PEMBRIDGE.

Bitte, was?! Das konnte nur ein Dummer Zufall sein! Hierbei musste es sich um einen Nebenzweig der Familie handeln! Ich versuchte mir alles Mögliche zusammenzureimen, doch als ich das Haus betrat, hatte ich es schwarz auf weiß. Überall an den Wänden und eingerahmt auf den Kommoden und Beistelltische hingen (bzw. standen) Fotos von Caelia…also Alexis Pembridge zusammen mit ihrem Vater. Ich erkundete das Haus, sah mir alles an, Und ich muss gestehen, dass in mir etwas Wehmut und Mitleid aufkam, wenn ich daran dachte, was wir ihnen angetan hatten. Vor allem die wunderschönen (und wohl heimlich gemachten) Landschafts- und Stadtaufnahmen von D.R.-44 ließen mich immer wieder an unsere Entscheidung zweifeln. Doch dann erinnerte ich mich an die Tatsache, dass beide ihre Arbeit und über ihren Verbleib in der Kuppel freiwillig gemacht und entschieden hatten. Ich erinnerte mich an das, was Caelia und gesagt hatte. And das, was die Lifer uns in den vergangenen Tagen über das Containment Project erzählt hatten und dies ließ die Wut in mir wieder steigen.

Und so nahm ich den eisernen Baseballschläger, für den ich mich entschieden hatte, und schlug alles kaputt. Die Bilder, die Aufnahmen, Dekorationen, Möbel, technische Geräte. Ich zerschnitt Alexis‘ Kleider mit einem Küchenmesser, zerschmetterte den Badezimmerspiegel mit einem Hammer, schlug das Duschglas mit dem Duschkopf ein. Ich hatte sogar mit dem Gedanken gespielt, das Haus anzuzünden, doch dann wäre vermutlich der ganze Ort abgefackelt!

Natürlich hatte man den Krach gehört und natürlich machte man sich Sorgen. „Alles in Ordnung?“ fragte mich Lavender, als ich mit zerzausten Haaren und verschwitzter Stirn, den Baseballschläger fest in der Hand haltend, das Haus verließ. „Alles bestens“, gab ich genervt zurück: „Ich geh‘ wieder heim. Kommt jemand mit? “

EINTRAG 18

10. Juni 2290

Es ist circa eine Woche her, seitdem wir alle Ranger erledigt, Kontakt zu den Lifern aufgenommen und Aylefield zum ersten Mal besucht haben. Und dennoch fühle ich trotz diesen Veränderungen…nichts. Eigentlich sollte ich doch Freudensprünge machen und mich toll fühlen – aber das ist nicht der Fall. Ich fühle mich leer. Antriebslos. Als ob mir meine ganze Kraft geraubt worden ist. Lavender meint, es liege daran, dass meine Wunschvorstellungen an der Realität gescheitert sind. Bevor sie zum Lifer wurde, hatte sie Psychologie studiert. Habe zwar schon mal von Freud gehört, ihn auch teilweise schon gelesen – aber ehrlich gesagt, ist das ein bisschen zu hoch für mich.

Aber vielleicht hat sie ja auch recht und um ehrlich zu sein, habe ich mir wohl doch zu viel von all dem erhofft. Ich hatte angenommen, dass wir nach unserer Befreiung alle zusammen die Kuppeln verlassen und draußen in der echten Welt ein neues Leben anfangen würden. Doch der erhoffte Massenexodus blieb aus. Und die Rache an den eigentlichen Verantwortlichen, den Urhebern des Containment Projects? Die hatte bereits jemand Anderes vollzogen.

Zudem nimmt Lavender an, dass meine…Depression, wie sie es attestiert, auch daher rührt, dass ich mit der Befreiung meiner Sonderstellung innerhalb meiner Gesellschaft verloren habe. Nun kann ja jeder machen, was er oder sie möchte – ich habe nun also keinen Grund mehr, besonders hervorstechen zu müssen. Zudem muss ich euch leider mitteilen, dass meine Beziehung zu Carlisle in die Brüche gegangen ist. Doch dafür gibt es zwei einfache Erklärungen, wie ich schmerzlich feststellen musste.

Zum Einen lag es daran, dass Carlisle und ich mit unserem Wissen über das Containment Project etwas verband – so zweckmäßig, wie diese Verbindung auch war. Und zum Anderen musste ich mir auch eingestehen, dass wir beide (vor allem was Beziehungen anging) ziemlich unerfahren waren und außer Händchen halten, kuscheln und knutschen war körperlich auch nicht viel mehr gewesen. Ich meine, ich hatte noch nie…aber das gehört hier nicht hin.

Und mal ehrlich: wenn Ersteres das Einzige gewesen war, was unsere Beziehung zusammengehalten hatte, dann gab es keinen Grund mehr, zusammen zu sein. Was meine…Depression angeht, unter der ich laut Lavender leide, hatte sie mir vorgeschlagen, ich solle doch morgen mit ihr in die zentrale Kuppel gehen und dort mein bereits Geschriebenes auf den zentralen Rechner übertragen. Sie meinte, mich mit dem Vergangenen zu beschäftigen und gleichzeitig neue Technologien zu entdecken würde eine wirksame…Therapie darstellen, was immer das auch ist.

|:| Wie bereits in Datenlog 26 erwähnt, hatte Miss Nora Cayden diese Therapieform in die Tat umgesetzt und wie bereits erwähnt, ist dies auch der einzige digitale Eintrag, welchen wir von ihr selbst gefunden haben.

Wie schon in den anderen Datenlogs, die sich mit den Containment Project Anlagen beschäftigen, erwähnt, fanden wir die Anlagen in genau dem Zustand vor, wie sie in den meisten bereits gezeigten Einträgen beschrieben werden. Die Tatsache, dass wir keine Vermischung der Kulturen vorgefunden haben (etwa Strom in D. R. -44 oder römische Tempel oder Graffiti in D. E. 1920) deutet daraufhin, dass das Ende relativ schnell gekommen sein muss. Glücklicherweise haben wir einen einzigartigen Augenzeugenbericht, der das Ende hautnah miterlebt hat und davon berichten kann. Und so möchte ich den Rest des Datenlogs nutzen, um den vollständigen Bericht von Lavender, mit welcher wir (wie in meiner Einleitung bereits vermerkt) bereits Bekanntschaft gemacht haben. |:|

CONTAINMENT PROJECT AUSWERTUNG

SPEZIALBERICHT NR. 482

Name: Patricia „Lavender“ Langley

Verwaltungsbereich: Historische Auswertungen der Containment Project-Anlagen auf SOL-00I

Datum: 14. Oktober 2490

Berechtigung: VORRÜBERGEHEND ERTEILT

Hallo. Mein Name ist Lavender. Das heißt, eigentlich hieß ich nicht immer so. Bevor ich das wurde, was ich nun bin, hieß ich Patricia Langley. Zusammen mit meiner Zwillingsschwester Catherine „Vanilla“ Langley stieg ich 2265 ins Lifer Programm von DN-AGE ein. Meinen vollständigen Bericht könnt ihr unter | DN-AGE Datensammlung > Lifer-Programm > Lifer-Register > Lavender | nachlesen. Zwanzig Jahre später übernahmen ich und unsere Schwestern die CP-Anlagen östlich von Doncaster, wo wir die ursprünglichen Verantwortlichen erschlugen und die Leitung der Anlage übernahmen. Da sie uns Kulturell am nächsten standen, nahmen wir zu den Menschen in DOME STONEAGE 8000 BC als erstes Kontakt auf und etablierten innerhalb dieser Kuppel eine Basis. Aber hiervon möchte ich am Ende dieses Datenlogs nicht erzählen.

Das endgültige Aus für das Containment Project und dessen Bewohner begann etwa einen Monat nach den Ereignissen des Frühlings und Frühsommers 2290 in den unterirdischen Gängen, welche die Anlage wie Ameisentunnel durchziehen. Nachdem deren Existenz bekannt wurde, wurde es für Kinder und Jugendliche zur Mutprobe, alleine diese Tunnel zu durchwandern. Die Eingänge zu D. M. 1340 waren komplett abgeriegelt und die Eingänge zu D. S. -8000 strengstens bewacht, also machte man sich keine Gedanken. Doch irgendwann fanden einige der Kinder unterhalb der Gänge einen versteckten Raum, welcher weder ausgeschildert, noch irgendwo in den Akten des CPs vermerkt war. Hierbei handelte es sich um einen kleinen IT-Raum mit Computer und anderen technischen Geräten.

Bei unserer Übernahme hatten wir die Betreiber dieser Anlage genötigt, alle Passwörter abzuschalten, damit wir vollen Zugriff auf alle Systeme hatten. Wie man sich vorstellen kann, fingen die Kinder daher sofort nach der Entdeckung damit an, am Computer herumzuspielen. Doch diese Kinder stammten aus der römischen Kuppel, konnten kein Wort Englisch. Und daher verstanden sie nicht, was sie aktivierten, als sie sorgenfrei diese wundersame Maschine bedienten und dabei etwas freisetzten, das Auswirkungen auf fast alle Bewohner der Anlagen haben würde.

Es nannte sich „PROJECT SPIRES “ – Project SPIder Spores.

Wenige Stunden nachdem die Kinder zurückgekehrt waren, breitete sich in der römischen und schottischen Kuppel ein dichter Nebel aus. Er überzog Felder, drang durch Wälder, umhüllte beide Städte so stark, dass man seine ausgestreckte Hand bald nicht mehr sah. Zunächst dachten wir uns nichts dabei, gingen davon aus, dass entweder mit der Technik etwas nicht stimmte, jemand bei der Arbeit in D. CNTRL gepatzt hatte oder uns irgendjemand einfach einen dummen Streich spielte. Wir lagen so falsch!

Am folgenden Tag bildete sich auf der Haut aller Erwachsenen ein großflächiger, rötlicher Ausschlag am Bauch, den Oberschenkeln, im Brustbereich und am Hals. Daraufhin litten alle an Erbrechen und Schwindel. Zunächst dachten wir uns nichts dabei. Wohl eine merkwürdige Art von Magen-Darminfektion oder etwas Ähnliches. Das änderte sich jedoch am darauffolgenden Tag, als die rötlichen Stellen bei allen (und ich meine wirklichen allen!) infizierten Personen hart wurden. Und ich meine nicht hart im Sinne von ledrig. Sie wurden hart wie ein Panzer, man konnte sogar mit den Knöcheln auf ihnen klopfen!

„Crab Belly“ nannten wir es, da die Panzerung zuerst am Bauch anfing und sich dann gleichmäßig auf Beine und in Richtung Brustbereich bewegt. Auf die Panzerung der rötlichen Stellen folgten dann zwei Tage extremer und intensiver Schmerzen. Die Schreie! Bei Helix, die Schreie! In jedem Haus, in jeder Straße, in jeder Ecke sah man die Erwachsenen, wie sie schrien und weinten, sich krümmten, vor Schmer verzerrten und ihr Blut beim Husten überall verteilten. Zweihundert Jahre und ich höre sie noch immer in meinem Kopf! Der endgültige Tod trat dann innerhalb von Minuten auf, nachdem die infizierte Person anfing nach Luft zu schnappen.

Aber warum wurden nur die Erwachsenen davon befallen? Nun, wie wir irgendwann herausgefunden hatten, wirkten die Sporen auf einer hormonellen Basis – ein Hormon, dass sich erst während der Pubertät bildet. Da unser Alterungsprozess eingefroren ist, konnten wir und die Kinder in den Kuppeln es nicht bekommen. Und je älter man war, desto schneller starb man. Zuerst die Kranken und Alten. Dann die breite Masse der Zwanzig- bis Vierzigjährigen. Die älteren Jugendlichen (also 15 – 17 Jahre) starben als letztes. Ebenso Carlisle, dessen Mutation ihm einen kleinen „Aufschub“ gewährt hatte. Divinus hatte sich selbst gerichtet, nachdem Nora gestorben war. Die beiden waren kurz davor zusammengekommen.

Nachdem alle Erwachsenen gestorben und beerdigt worden waren, folgte für uns die schwerste Aufgabe: die verbliebenen Kinder zu töten. So schwer es uns fiel, wir mussten es tun. Waren sie zwar nicht infiziert, trugen sie jedoch die Sporen mit sich herum – was bedeutete, dass diese früher oder später in den Kindern aktiv werden würden. Wie wir es getan haben? Wir gaben ihnen allen während den Malzeiten in unregelmäßiger Reihenfolge eine Überdosis an Schlaftabletten und verbrannten ihre Köper, ehe wir sie ebenfalls beerdigten.

Daraufhin nahmen wir bei uns eine gründliche Dekontaminierung vor. Wir verbrannten unsere Kleidung, unsere Waffen, schoren uns unser wunderschönes, langes Haar ab und wuschen uns mehrmals mit den entsprechenden Mitteln zur Säuberung. Wir hofften, dass wir dadurch diese Sporen für immer los werden würden.

Wir lagen falsch.

Einige Tage, nachdem wir wieder unsere Basis in D. S. -8000 betraten, fing das Ganze dort erneut an. Der Ausschlag und das Erbrechen. Das Härten und das Schreien. Das blutige Husten und der Tod. Wir zogen nach dem Martyrium in dieser Kuppel endgültig von den CP-Anlagen ab. Wir versiegelten jede Kuppel, schweißten jeden Eingang fest zu und blockierten jede Möglichkeit, in die Kuppeln hineinzugelangen. Was aus DOME MEDIEVAL 1340 nach unserem Abzug geworden ist, das wussten wir lange Zeit nicht. Lest diesbezüglich die Berichte von Da’qus Kollegen, wenn ihr mehr wissen wollt.

Warum es sich „Project Spider Spores“ nennt? Nun, was das letzte Stück angeht, wisst ihr (denke ich mal) bescheid. Aber was hat das mit Spinnen zu tun? Nun, während des großen Sterbens schafften wir heimlich einige Leichen beiseite, um sie zu sezieren. Um zu sehen, was denn mit den Verstorbenen während der Krankheit passierte. Sie waren alle… innerlich zersetzt worden! Als wir mit unseren Skalpellen vorsichtig den Bauchpanzer einer der Toten entfernten, fanden wir darunter nichts anderes als eine dicke, klebrige, blutige Soße!

Jetzt werdet ihr euch wohl fragen: wer würde ein derartiges Virus entwickeln? Welcher kranke Bastard würde so etwas mit seinen eigenen Testsubjekten machen? Nun, die Antwort diesbezüglich ist relativ einfach: Clarence O‘ Callaghan. Dieser Mann war der Urheber des Containment Projects und sein Team erfand die technischen Geräte, mit denen man die Gedankenmanipulation an den Testsubjekten vornahm. Mit denen man ihnen das Know-How der einzelnen Perioden einflößte und ihnen die Sprachen der einzelnen Kuppeln beibrachte. Er hatte diese…Massenvernichtungswaffe zusammen mit dem britischen Militär erschaffen und sie sollte als absolute Notlösung fungieren. Im Falle einer feindlichen Übernahme Großbritanniens – sei es durch terrestrische oder gar außerirdische Kräfte – würden die Ranger der jeweiligen Kuppel informiert und abgezogen werden. Man würde die Kuppeln luftdicht versiegeln, O‘ Callaghan würde per Fernsteuerung das Virus entfesseln und die Bewohner wären ihrem Schicksal überlassen worden. Zudem hoffte man natürlich, dass die Gegnerischen Streitkräfte auf die Kuppeln stoßen und sich selbst mit dem Virus infizieren würden.

Doch es lief alles ganz anders. Anstatt eines feindlichen Angriffs geschah die Zerschlagung der Gesellschaftsstruktur durch einen Konflikt im Inneren. Anstatt, dass die CP-Anlagen geräumt wurden, existieren sie weiter und wären vermutlich die Keimzelle einer neuen Gesellschaftsordnung geworden. Und anstatt als Eroberer, kamen die ersten Außeridischen als Entdecker auf die Erde. Als Wissenschaftler mit der Mission, jeden lebensfähigen Planten und dessen Bewohner zu studieren und zu dokumentieren. Dies ist auch der Grund, warum Qar’Ek Da’qu und seine Spezies nicht von dem Virus befallen wurden.

Sie sind…nun ja, eben außerirdisch im wahrsten Sinne. Ihre Genstruktur besteht aus vier, statt aus zwei Basenpaaren. Eine Pubertät, wie wir sie kennen, existiert bei ihnen nicht. Wie bei Insekten oder Amphibien werden sie aus Eiern geboren und sind nach dem Schlüpfen körperlich voll entwickelt. Sie können auch nicht Sex haben wann sie wollen. Sie besitzen eine feste Paarungszeit und jede ihrer Frauen ist daher nur eine kurze Weile fruchtbar. Ich könnte noch mehr über diese faszinierenden Leute schreiben, aber dafür reicht der Platz in diesem Eintrag nicht mehr aus.

Es genügt zu sagen, dass wir bei ihrer Ankunft skeptisch waren und es bedurfte eine lange Weile sprachlicher Hürden und Gespräche, bis sie uns versichern konnten, dass ihr Interesse an uns Menschen und unserem Planeten wirklich nur wissenschaftlicher Natur war. Aber nun dienen wir, die Lifer, die vermutlich letzten Menschen auf dieser Insel (vielleicht sogar der Welt) ihnen als Anker. Als Referenz dafür, wenn sie etwas nicht begreifen – und manchmal verstehen wir es nicht einmal! Und ja, ich habe gesagt „letzten Menschen auf dieser Insel“. Denn wie wir aus mehreren Einträgen wissen und auch schon selbst beobachtet haben – aus den Kuppeln brechen immer wieder Kacheln heraus. Nicht sehr oft, aber es geschient.

Und in den letzten hundert Jahren, haben wir immer weniger und weniger andere Menschen zu Gesicht bekommen…

Teil 4 - Bromios

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