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Cyberpunk Black Alert II.


Im U-Bahnnetz von Helligenstadt, Zugang zum Old-Dover-Station. 5. April, 2085: 23:12 Uhr Ortszeit…

Cyberpunk Black Alert Big Goodbye.png


„Da hast Du aber noch Glück gehabt, dass dich der Wachroboter nicht mit seinem Blaster atomisiert hat“, rief der großgewachsene Glatzkopf namens Steven Goldberg spöttisch zu Bunny rüber. „Bunny“, wie Viktoria von allen liebevoll genannt wurde, gab lediglich einen verächtlichen Blick zurück. In ihren Augen hatte dieser Steven seinen Job eindeutig nicht mit der nötigen Ernsthaftigkeit erledigt und somit die ganze Gruppe aus Schattendieben unnötig in Gefahr gebracht. Sie wollte dem kahlen Hacker gerade etwas sagen, was gegen ihn gerichtet gewesen wäre, als Nik sie noch im letzten Moment zurückhalten konnte.

„Lass gut sein, Bunny,“ sagte Nik mit ruhigem Tonfall. „der Typ ist von sich zu stark eingenommen und denkt, er sei ein Genie. Doch vergiss nicht, er steht auf unserer Seite. Hoffe nur, der nächste Auftrag wird etwas entspannter ablaufen.“

Bunny verzog die Lippen zu einem krampfhaften Lächeln. Ihre Wut über Stevens lasche Art verflog für einen Augenblick, als sie in die tiefblauen Augen von Nik sah. Nik war ihr einziger richtiger Freund. Er konnte ihre Gefühle erraten, bevor sie ihm diese offenbarte. Auch in Situationen, die brandgefährlich waren, konnte sie Nik vertrauen. Beide waren ein gutes Team – gemeinsam im Kampf gegen den Osaka-Konzern. Sie hatten sich kurze Zeit nach dem Ausbruch aus dem Waisenhaus einer Untergrundbewegung angeschlossen, die aus Outsidern bestand. Sie nannten sich „Schattendiebe“, deren gemeinsames Ziel es war, das System aus Korruption und Gewalt zu sabotieren und kleinere Diebstähle zu begehen, deren Ausführung allerdings immer gefährlicher wurde. Wirtschaftlich konnte man den Gods mit ihren Spürhunden und Wachrobotern nur durch Kapitalverlust schaden. Attacken auf Industrieanlagen oder Geschäftsräume hatte die kleine Gruppe, die sich um einen gewissen „Dan“ versammelte, noch nicht begangen. „Dan“, der keinen Nachnamen hatte, war der nachvollziehbaren Meinung, dass auch Worker in den Fabriken zu Schaden kommen könnten, und somit schloss er einen Anschlag auf Räumlichkeiten des Konzerns aus. Steven war da ganz anderer Meinung gewesen und neidete Dan den Posten als Anführer der Schattendiebe. Viktoria ahnte es schon, dass zwischen den Beiden irgendwann ein Konflikt ausbrechen würde, doch noch brauchte Steven Dan – und umgekehrt. Auch wenn sie sich nicht leiden konnten, gaben sie ein gutes Team ab. Dan mit seinem genauen Organisierungstalent und Steven, der Technikspezialist. Manchmal fragte sich Bunny, warum die beiden nicht selbst eine Firma aufmachten, um selbst zu Ruhm und Geld zu kommen. Doch diese Gedanken waren hinfällig, wenn man die Reden von Dan hörte, der mehr ein Idealist auf der linken Seite war; und Steven? – er hatte als Worker am Computer gearbeitet und war aufgrund mangelnder Disziplin gegenüber seinen Vorgesetzen und Kollegen entlassen worden. Jeder der Schattendiebe hatte einen Grund, dem Konzern zu schaden, und dies schweißte alle irgendwie zusammen.

„Entspannter ablaufen?!“, entgegnete Bunny und sah weiterhin wütend zu Steven rüber.

„Solange Steven sich nicht an die Absprachen hält und sein eigenes Ding macht, werden wir immer wieder unnötig in Gefahr geraten!“

„Bitte bleib ruhig! Du hast ja Recht, doch wir sollten dies vor Dan besprechen“, flüsterte Nik eindringlich.

Als die kleine Gruppe den Nebentunnel der Old-Dover-Station erreichte, bemerkte Steven, dass abermals eine rote Fahne über dem Eingang hing. Diese rote Fahne war ein Zeichen dafür, dass wieder ein Schattendieb in Ausführung seines Jobs gestorben war. Die Drei hielten kurz inne und betraten den Nebentunnel, der als Basis für die Organisation der Schattendiebe diente.

Grünes Licht erhellte den Tunnel, an dessen Seiten kleine Nischen eingelassen waren, die zu Schlafplätzen umgebaut worden waren. Insgesamt lebten hier 12 Schattendiebe – nein – es waren nur noch 11 Schattendiebe, denn ein gewisser „Fox“, kaum älter als Bunny, das heißt sechsundzwanzig Jahre, war heute von einem Wachroboter getötet worden, als der Schattendieb einen Bankterminal knacken wollte.

Das wusste jeder augenblicklich, wenn man den Tunnel betrat, in dessen Mitte ein Hologrammprojektor stand, der ein Abbild des jungen Fox zeigte, über dessen Augen in roter Schrift die Wörter „died on duty“ eingeblendet wurden. Direkt daneben war ein Computerterminal, der von einer etwas untersetzen Person bedient wurde.

„Sieht nicht gut aus, Leute!“, rief dieser Typ am Terminal den drei Ankömmlingen entgegen.

„Fox hat es eindeutig zu früh erwischt – war ein guter Mann.“

Viktoria trat vor und fasste dem Mann am Computer sanft an die Schulter:

„Es ist nicht deine Schuld, Dan. Fox war risikobereit und er wusste um die Gefahr. Dass wir sterben könnten, ist eben unser Berufsrisiko.“    

„Bunny – ich weiß. Doch leider war es für Fox noch viel zu früh. Er war erst ein paar Monate bei uns, und das war sein erster Alleingang. Ich hätte ihn nicht da rausschicken dürfen.“

„Über die verschissene Angelegenheit lohnt es sich nicht weiter zu diskutieren. Im Gegensatz zu Fox hatten wir Erfolg und…“

„Wie kannst Du nur so scheiße über Fox reden?!“, empörte sich Nik, der sich mit geballten Fäusten vor Steven aufbaute. Sein sonst bleiches Gesicht bekam eine leicht rötliche Färbung.

Steven beeindruckte das nicht wirklich: „ Was?! Du? Was willst du Stricher von mir?“

Nik Cameron reagierte darauf eher gelassen – er wusste, dass Steven mehr ein Sprücheklopfer war und sich vor körperlicher Gewalt eher zurückzog. In seiner verführerischen Art machte er sich einen Spaß daraus, die homophoben Ansichten seines Gegenübers auf die Spitze zu treiben, wie auch jetzt:

„Vielleicht verlangt es dein Körper mal, so einen „Stricher“ auszuprobieren – na? Wie wäre es mit uns beiden heute Nacht?“, sagte Nik mit einer höchst ruhigen und erotischen Stimme, die Steven zum Schwitzen brachte.

„Es reicht jetzt!“, rief Viktoria. „...wir sollten hier nicht streiten. Ich kannte Fox zwar kaum, doch es ist nicht ok, wenn man über ihn so abfällig redet. Denkt immer daran, dass es jeden von uns auch mal treffen kann!“

„Sicherlich, Bunny. Ich bin da ganz neutral. Doch Steven hier anscheinend nicht. Der schwitzt sich gerade die Hosen voll.“ In Niks Stimme lag eine Spur von Ironie.

„Man nennt dich nicht umsonst Liebesdieb. Deine schmeichelhafte Art hat uns bei manchen Situationen schon gut weitergebracht“, sagte Dan.

„Vergiss auch nicht seine Kenntnis über Handfeuerwaffen. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie er…“, warf Viktoria ein, bevor sie schroff von Steven unterbrochen wurde.

„Ja, ja, ja – Nik Cameron, DAS Multitalent. Der Liebesstricher soll mir bloß vom Hals bleiben.“

„Liebesdieb!“, berichtigte Nik mit einem hämischen Lächeln.

„Wie dem auch sei,“ fuhr Dan weiter fort, „Wir benötigen dringend Pounds. Da Fox seinen Auftrag nicht erledigen konnte, müsst ihr noch einmal auf Tour gehen.

„WAS?! Ich glaube, ich habe mich verhört“, empörte sich Steven.

„Halte deine Fresse, Steven!“, antwortete Viktoria bestimmend.

Dan räusperte sich: „Es ist ein wichtiger Auftrag, der eigentlich erst in einer Woche passieren sollte. Doch die Not ist nun einmal größer. Wir sollten keine Zeit verlieren. Die Nacht ist günstig. Ihr werdet das Golddepot des Osaka-Konzerns infiltrieren und eine gewisse Menge an Goldbarren daraus stehlen.“

Er hatte kaum ausgesprochen, da flackerte ein neues Hologramm auf und zeigte den Gebäudekomplex des Golddepots. Das Gebäude lag im Reichenviertel von Helligenstadt. Moonsville-Nord.

„Bist du nun vollkommen verrückt, Dan!?“, schrie Steven wütend in den Raum, so dass seine Stimme manche Schattendiebe weckte, die in ihren Nischen geschlafen hatten. „Das ist nicht mal so eben eine kleine Bank oder ein Terminal, den man so einfach knacken kann.“

„Das ist mir bewusst, Leute. Daher haben wir auch im Inneren einen Spitzel, der uns bei unserem Vorhaben unterstützen wird“, erklärte Dan gelassen.

„Wer ist es?“, wollte Nik wissen.

„Anne Petton. Sie ist dort als Sekretärin angestellt und wird die Alarmanlage und die Kameraüberwachung ausschalten, wenn ihr dort ankommt.“

„Es ist riskant und du weißt das, Dan…“ gab Viktoria zu bedenken.

„Wer sagt denn überhaupt, dass diese Tusse uns helfen wird? Die arbeitet für den Konzern – mehr Befangenheit geht ja nicht, oder?“, es war Steven anzusehen, dass ihm nicht wohl bei der Sache war.

„Ich kenne sie seit Jahren. Ich habe ihr zu diesem Job verholfen, und glaube mir, sie wird uns helfen“, sagte Dan.

„Okay – vertrauen wir dieser Dame mal. Wie soll es jetzt weitergehen?“, fragte Bunny, die sich noch immer nicht sicher war, ob der Plan eine gute Idee war.

„Ihr werdet um 01:00 Uhr am Südtor einen Lüftungseingang vorfinden und dort einsteigen. Anne wird bis dahin die Anlage ausgeschaltet haben, und ihr habt bis zur zentralen Kammer freien Zugang. Den Code zur Öffnung der Kammer bekommt ihr von Anne übermittelt, sobald ihr die Konsole der Kammer erreicht habt. Wenn ihr dann drin seid, holt euch die Barren aus Container B14!. Es reicht schon, wenn wir lediglich zehn Barren entwenden – das müsste genügen, um über Jahre hinweg sich um Geld keine Sorgen mehr machen zu müssen.“

„Warum jetzt das Ganze? Wir hätten diesen Plan schon vor Monaten durchführen können.“ Erwartungsvoll starrte Nik Dan an. Ihm behagte die Situation auch nicht gerade. Doch ein sanfter Blick von Dan verschaffte ihn ein Gefühl von unbändigem Vertrauen.

„Leider nicht – Nik. Anne konnte erst vor kurzem soviel Vertrauen aufbauen, dass sie den Code für die Hauptkammer bekam. Nach dieser Aktion wird ein Platz bei uns für sie sicher sein. Sie ist auch eine heimliche Schattendiebin, wenn du verstehst, was ich meine.“

Viktoria sah sich das rot leuchtende Hologramm des Goldspeichers genauer an. Sie überlegte und wechselte Blicke mit Nik, der ihr nur kurz zuzwinkerte; dann wandte sie sich zu Dan, der sie kaum wahrnehmbar anlächelte.

„Wir sind bereit“, sagte sie mit einem entschlossenen Blick und setzte dabei ihre Hasenmaske auf.

PART II


  Moonsville-Nord – Depotanlagen des Osaka-Konzerns 06.04.2085 00:58 Uhr Ortszeit….

Auch wenn es ein riskantes Unternehmen war, würde der Gewinn bei Erfolg wohl der Größte sein, den die Schattendiebe seit Gründung der Gang jemals gehabt hatten. In den letzten zwei Jahren war einiges schiefgelaufen und der Konzern hatte seine Sicherheitsmaßnahmen verbessert und die Anzahl der Wachroboter erhöht. Der Konsum der Stadt wurde durch den Osaka-Konzern regelrecht dominiert und man konnte intern sich nicht erlauben, diesen Konsum durch irgendwelche Hacker oder Saboteure zu gefährden. Dan wusste dies nur zu gut, deswegen hatte er Anne Petton als Spion in den Konzern geschmuggelt, damit sie alle überhaupt eine Chance hatten, in die empfindlichen Bereiche vorzudringen. So war Dan nun einmal – ein Stratege und der Mastermind der Schattendiebe.

Die Untergrundbahn brachte Steven, Nik und Bunny in eine dunkle Seitenstraße, die nicht weit entfernt vom besagten Gebäudekomplex lag. Nebel tat sich auf und man konnte nur schwer die Straße erkennen, die zum Zugangspunkt führte. Bevor sie aufgebrochen waren, hatte Dan allen drei jeweils einen schwarzen Overall gegeben, der eine Tarnvorrichtung beherbergte. Auf Knopfdruck konnte man diese aktivieren und für eine Minute unsichtbar werden. Der Nachteil war, dass nach dieser Minute die Akkumulatoren im Inneren der Kampfanzüge aufgebraucht waren und die Tarnung nicht mehr funktionierte. Es war mehr eine Notfallvorrichtung, die nur in extremen Situationen Verwendung finden sollte. Nik war als erster am Zugang und blickte sich um, ob nicht doch noch ein Wachroboter zu finden war; in der einen Hand hielt er eine Halbautomatikpistole und winkte mit dieser seinen Begleitern zu. Das war das Zeichen, dass alles „ok“ war, und so näherten sich Bunny und Steven eiligen Schrittes seiner Position.

„So Steven, jetzt zeig mal, was du kannst“, sagte Nik herausfordernd, wenngleich er wusste, dass Steven zwar ein Arsch war, doch von Computern und Cybernetzen eine Menge verstand.

Auch in diesem Augenblick warf Steven lediglich einen verachtenden Blick zu Nik rüber und schloss seinen Laptop an die Konsole der Schleusensteuerung an.

„Sollte nicht lange dauern. Wenn diese Anne die Alarmanlage wirklich gekappt hat, dann sollte sich dieses kleine Tor ohne Probleme öffnen.“

„Beeil dich! Zwar ist die Anlage abgestellt, doch die Wachbots sind immer noch hier draußen – ich möchte nicht von einem dieser Dinger gesehen werden“, gab Viktoria zu bedenken und schaute sich nervös um. Ihr war anzumerken, dass sie enorm angespannt war.

„Nur noch dieser eine Code und dann…“

Mit einem leisen Zischen öffnete sich Schleuse und gab den Blick frei auf einen schmalen, kreisrunden Gang, der ins Innere des Gebäudes führte.

„Sesam, öffne dich!“, sagte Steven mit überheblichem Unterton zu seinen beiden Begleitern.

Nik war weniger begeistert und stieg mit einem Bein durch die Schleuse:

„Das war dein Glück, Alter. Wäre nicht auszudenken gewesen, wenn du doch noch den Alarm ausgelöst hättest.“

„Hört auf, ihr Beiden! – wir sollten uns beeilen, wer weiß, wann der nächste Wachroboter hier vor der Tür stehen wird“, warf Bunny hastig ein.

Nachdem Bunny, Nik und Steven sich durch die Schleuse gezwängt hatten, schloss sich der Mechanismus wieder und die drei Schattendiebe schalteten ihre Taschenlampen ein, die sich auf den Schultern der Overalls befanden. Ein weiteres praktisches Utensil, welches die Anzüge beherbergten. Nik ging voran und öffnete die Stahltür, die den Zugang zum Korridorsystem freigeben sollte. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass die Luft rein war und kein Roboter hier seine Runden drehte, winke er Bunny und Steven zu sich.

„Hoffe nur, du hast einen Schalldämpfer an deiner Pistole, Nik….“, gab Bunny zu bedenken. Nik lächelte nur: „Keine Sorge – das Baby hier kann selbst eine Fledermaus nicht hören – absolut geräuschlos, neuste Waffentechnik.“

„Ist ja ganz toll…. Weiter jetzt!“ , erwiderte Steven, dem die ganze Sache sichtlich unangenehm war. Schweiß bildete sich auf seiner Stirn, ein Zeichen dafür, dass er alles andere als gelassen und ruhig war. Mit steigender Nervosität verschwand seine vorlaute Klappe, was Nik nur recht war.

Innerhalb der Depotanlagen – Goldkammer – 06.04.2085 01:12 Uhr Ortszeit….

„Wie lange dauert das noch, Steven?“, zischte Nik unruhig. Sie hatten die Wand zur Goldkammer erreicht und den das Terminal, der das die gepanzerte Tür öffnen sollte, gehackt. Steven meinte schon zu Anfang, dass es nicht einfach werden würde, schließlich lagerten Tonnen von Gold hinter dieser Tür. Inzwischen war er schon seit über fünf Minuten am tippen und musste die eine oder andere virtuelle Barriere überwinden.

„Lass einen Künstler arbeiten, Loverboy!“, entgegnete er Nik und sah dabei erregt auf den Bildschirm seines Laptops.

„Nik – komm schnell hierher!“, flüsterte Bunny Nik zu. Dieser huschte schnell und leise zu ihr hin. Sie hatte die ganze Zeit den langen Gang beobachtet und ihr fiel nun auf, dass sich ein Wachroboter ihrer Position näherte.

„Siehst du das? Ich fürchte, wenn das Ding diesen Kurs weiter beibehält, dann wird er uns entdecken.“

Nik sah durch sein Laserzielfernohr, das an seiner Pistole befestigt war. Nach einem kurzem Moment murmelte er angespannt: „Hmmm ja, du hast Recht. Ein T99 Wachbot mit einer „Gatling Minigun“ – der pustet uns schneller über den Haufen, als wir Arschloch sagen können.“

„Was machen wir denn jetzt?… Wie weit ist Steven?“

„Hoffe, er wird bald fertig – doch wie dem auch sei: Dieser Bot hat eine Schwachstelle und dies ist seine Zielsteuerungs-Komponente“, Nik runzelte die Stirn. Abermals sah er durch sein Zielfernrohr.

„Was meinst Du damit?“, wollte Bunny wissen.

„Das kleine rote Licht, was in der Mitte seines Kopfes angebracht ist, ist eine Zielsteuerungsvorrichtung. Trifft man diese, explodiert sein Kopf, soviel ich weiß. Ein sauberer Schuss und das Ding ist lahmgelegt.“

„Ich hoffe, du hast Recht – wir haben nur den einen Versuch“, in Bunnys Stimme lag zum allerersten Mal so etwas wie Angst. Dieser T99 würde aus ihnen Hackfleisch machen, wenn Nik nicht treffen würde. Ihr ganzes Vertrauen ruhte nun auf den Schießkünsten ihres Freundes.     

Ein leises Ploppen war zu vernehmen und kurze Zeit später hörte man am anderen Ende des Korridors ein Zischen mit anschließendem metallischem Scheppern. Nik hatte getroffen und der Wachroboter fiel in sich zusammen. Anerkennend klopfte Bunny ihrem Freund auf die Schulter:

„Klasse Arbeit. Ein Jahrhunderttreffer - Gehen wir zu Steven! Hoffe nur, dass er auch Erfolg hatte.“


Innerhalb der Goldkammer – 06.04.2085 01:20 Uhr Ortszeit….

„B10, B11, B12….und…hmmm B13…. Ja hier! Hier ist B14 – Container B14. Sieht kleiner aus, als die anderen – womöglich ein Ersatzcontainer?“, Bunny wandte einen fragenden Blick zu ihren Begleitern. Diese konnten nur mit den Schultern zucken.

„Naja – jedenfalls funke ich jetzt diese Anne an. Die sollte uns den Code für die Entriegelung geben können. Anne? Bitte kommen, Over.“

Ein leises Piepen und ein kurzes Rauschen waren zu hören – mehr nicht. Bunny wiederholte das eben gesagte – wieder nichts.

„Irgendetwas stimmt hier nicht“, brummte Steven verärgert.

Steven hatte kaum seine Worte ausgesprochen, da wurde die Kammer mit einem hellen, gelben Licht überflutet und für einen kurzen Moment wurden die Schattendiebe, außer Bunny, geblendet. Augenblicklich sprang sie in eine Ecke, die nicht vom Licht berührt wurde und versteckte sich hinter einem der Container, die in mehreren Reihen innerhalb der Kammer standen.

Steven rieb sich schmerzverzerrt die Augen und Nik ließ seine Waffe unwillkürlich fallen und blinzelte mit seinen Augen. Es war nur eine kurze Zeit, in der sie orientierungslos waren, doch diese Zeit reichte aus, um sie an der Flucht zu hindern, denn kurz nach Aufkomme des Lichtschwalls wimmelte es in der Goldkammer von Robotern, die alle ihre Waffen auf die beiden verdutzten Schattendiebe richteten. Bunny konnte ihnen nicht helfen und war dazu verdammt, die Situation aus der Ferne zu beobachten. Zwei weitere Personen betraten die Kammer und stellten sich demonstrativ arrogant vor Steven und Nik. Die eine Person war eine rothaarige Frau mit Nickelbrille. Neben ihr stand ein asiatisch aussehender, junger Mann mit Glatze und Oberlippenbart. In der einen Hand hielt er eine Maschinenpistole, die er lässig schwankend auf ihre Freunde hielt. In seinem Gesicht konnte man kaltblütige Entschlossenheit erkennen, gepaart mit einem Ausdruck von Siegesgewissheit.

„Na – wen haben wir denn da? Zwei Ratten, die sich an meinem Gold bereichern wollen?“, fing der Asiate das Gespräch an. „So mitten in der Nacht und voller Hoffnung, sie könnten hier noch heile herauskommen. Was sagst Du dazu, Anne?“

Er wandte seinen Blick auf seine weibliche Begleitung, die mit einem Schmunzeln die Eindringlinge musterte.

„Keine Ahnung Boss. Jedenfalls waren sie dumm genug zu glauben, dass ich ihnen dabei helfen würde.“ In Annes Stimme lag eine Spur von verräterischer Überheblichkeit.

„Anne Petton? Hätten wir wissen müssen, dass eine Verräterin nicht nur einmal Verrat begeht“, sagte Nik spöttisch und zählte dabei die Roboter, die um ihn herumstanden. Es waren einfach zu viele.

„Ihre kleine „Informantin“ hatte sich viele Monate hier gut eingelebt. Welchen Grund hätte sie denn dazu, sich eurer kleinen, erbärmlichen Bande anzuschließen, wenn sie ein großzügiges Gehalt und eine gute Wohnung in Moonsville-Nord bekommen könnte? Kurz gesagt – sie hat mir euren Plan, den Goldspeicher zu berauben, offenbart und wir waren alle hier drauf vorbereitet. Die Fische sind ins Netz gegangen.“ Mit einem leichten Kichern beendete der Asiate seine Ausführungen und richtete nun seine Waffe auf Steven, der ihn nur schüchtern ansehen konnte.

„Anne kennen wir nun… und wer sind sie?“, wollte Nik wissen.

„Wie unhöflich von mir“ , erwiderte der Asiate mit gespielter Freundlichkeit.

„Mein Name ist Davido Nakamura und meiner Familie gehört der Osaka-Konzern. Doch der Name wird dir nichts mehr bringen. Ebenso wie dein Freund hier wirst du sterben.“

Bei diesen Worten lösten sich mehrere Schüsse aus der Maschinenpistole von Nakamura und trafen Steven ins Gesicht, der daraufhin leblos und blutend zu Boden fiel. Von seinem Gesicht war nur noch ein Fleischklumpen übrig. Innerlich schrie Bunny auf, als sie dies aus ihrem Versteck beobachten musste; es war ihr augenblicklich klar, dass dieser Davido Nakamura auch Nik töten würde, wenn sie nichts unternehmen würde. Sie überlegte kurz, nahm ihre kleine Pistole, die sie bis jetzt noch nie einsetzen musste, in die Hand und aktivierte den Tarnschirm ihres Anzuges.

„Sie verdammtes Schwein! Sie haben ihn umgebracht! Sie…!“

„Schnauze, Kleiner! Er hat es schnell hinter sich gebracht, im Gegensatz zu dir. Ich habe ein wenig Bock zu spielen heute Nacht. Diese Waffe ist noch recht neu, verstehst du… ich will mal sehen, was sie so alles anrichten kann!“, verrückt lächelnd richtete Davido die Waffe nun auf Nik Cameron, der zitternd auf die Knie ging. Innerlich hatte er schon mit seinem Leben abgeschlossen und konnte nur hoffen, das seine Freundin, Viktoria Masterson, diese Hallen lebend verlassen würde.

Mehrere Schüsse trafen Niks rechten Arm, der schreiend zu Boden ging. Weitere Schüsse trafen abermals seinen Arm. Er schrie wieder auf. Es war höchste Zeit, dass Bunny nun einschritt. Sie hatte sich ungeachtet der Situation mit Hilfe der Tarnung hinter Davido Nakamura geschlichen, die Pistole entsichert und auf dessen Hinterkopf gerichtet. Noch 10 Sekunden… 5 Sekunden…

„Oh Davido – er blutet wie ein Schwein…“, gluckste Anne schadenfreudig. „Sieh mal, wie er sich vor Schmerzen windet.“

„Ja, die neue MP109 ist schon eine Wucht. Werden wir im nächsten Monat auf den Markt werfen. Hat eine erstaunliche Feuerrate, dieses Teil hier. Naja – hatte meinen Spaß. Jetzt wird es Zeit, „Gute Nacht“ zu sagen….“

Nakamura legte zum finalen Schuss an, doch gerade als er abdrücken wollte, spürte er etwas Metallisches, Kaltes, das auf seinen Schädel drückte. Es war der Lauf einer Pistole, die eine weibliche Person mit Hasenmaske auf ihn richtete.

„Wage es nur… und deine Gehirnmasse wird sich auf den Boden verteilen“, sagte Bunny mit wütender Stimme.

„Wo kommt die denn auf einmal her?!“ rief Anne entsetzt. Ihre anfängliche Überheblichkeit schien nackter Panik gewichen zu sein.  

„Halte deine falsche, verräterische Schnauze, du Schlampe!“, Bunny wollte abdrücken, doch dann würde sie die einzige Fahrkarte aus der Hand geben, die ihre Flucht ermöglichen würde. Solange Davido noch lebte, würden die Roboter nicht einschreiten und das Feuer auf sie eröffnen. Das wusste Viktoria. Besorgt sah sie zu Nik, der noch immer seinen Arm festhaltend am Boden lag. Doch er lebte und konnte sie hören.

„Nik! Komm zu mir rüber! Gehe zum Ausgang!“ – bestimmend und schroff musste sie wirken, wenngleich sie alles andere als selbstsicher war. Sie wusste – nur ein Fehler und es wäre aus.

„Lasse deine Waffe fallen, du elendes Arschloch!“, sagte sie zu Davido, der ihrer Aufforderung augenblicklich nachkam.

„Damit kommst du nie im Leben durch“, sagte der Asiate wütend.

„Ist das so? Du Schwein möchtest doch noch so lang wie möglich am Leben bleiben, oder? Ich denke, deswegen haben deine Roboter noch nicht reagiert.“


Ein bösartiges Schnauben entfuhr den Lippen des eben noch so selbstsicheren Firmenbosses.

Nik hatte den Ausgang erreicht und sah mit schmerzverzerrtem Gesicht rüber zu Bunny, die sich ein, zwei Schritte von Davido entfernte, noch immer die Waffe auf seinen Hinterkopf gerichtet.

„Wie willst du mit deinem Freund nun hier rauskommen? Sobald du mir den Rücken zudrehst, wirst du von meinen Wachrobotern gekillt!“

„Eine Schattendiebin hat immer einen Trick parat, mein lieber Nakamura!“ – kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, da betätigte sie eine der Rauchkapseln, die an ihrem Gürtel befestigt waren, und füllte den gesamten Raum mit einem dichten Nebel, der alle Anwesenden mitsamt der Wachroboter einhüllte. Nakamura stieß vor Wut einige Flüche aus und Anne kreischte hysterisch.

Bunny schnappte sich Nik, und sie rannten beide aus der Goldkammer und verriegelten die schwere Panzertür hinter sich. Zum Glück war die Alarmanlage noch immer abgestellt gewesen, wenigstens dies hatte Anne zu tun eingehalten. Somit erreichten sie die Ausgangsschleuse und liefen in die kalte Nacht hinaus – weit weg von diesem schrecklichen Ort, der zum Grab ihres Kollegen Steven wurde.

Untergrund-Labor, Medizinische Abteilung der Schattendiebe 07.04.2085, 11:22 Uhr Ortszeit…

Dan verfolgte besorgt die Operation, die die Medibots an Nik Cameron durchführten. Sein halber rechter Arm war so zerschossen worden, dass die Roboter ihn nicht mehr retten konnten. Deswegen mussten sie den gesamten Arm amputieren und durch einen mechanischen Cyborg-Arm ersetzen. Viktoria kam auf Dan zu und sah ihm tief in die Augen:

„Was glaubst Du? Wird er es überstehen?“ – Dan schaute auf, ihre Blicke trafen sich. Tiefe Sorgenfalten bildeten sich auf seiner Stirn.

„Körperlich wird er, dank der Cyborg-Technologie, wieder auf dem Damm sein. Ich mache mir da eher Sorgen um seine Seele.“

Viktoria trat näher an die Scheibe und legte eine Hand auf deren Oberfläche:

„Ich hoffe, er bleibt bei uns. Er hätte allen Grund dazu, sich von uns loszusagen. Hoffe, ich kann ihn dahingehend noch zurückhalten.“

„Ich hätte es besser wissen müssen. Anne war die falsche Wahl. Überall sehe ich diesen Verrat und diese Korruption. Ihr hättet alle draufgehen können.“ – Dan schaute betroffen zu Boden. Viktoria nahm seine Hand und drückte sie fest.

„Es war ein guter Plan. Du konntest nicht wissen, dass Anne ein doppeltes Spiel spielt. Das wir Steven verloren haben, ist nun einmal passiert und es tut mir ebenso leid wie dir. Er war ein guter Mann, trotz seiner Sprüche.“

„Mit Verlusten müssen wir leben. Doch in letzter Zeit waren es einfach zu viele. Erst Fox, dann Steven… wer kommt als nächstes?“ Stille folgte… man hörte nur noch das Beatmungsgerät und das Piepen einiger Geräte, die Niks Gesundheitstand überwachten.


2 Jahre später….2087 – in der Old-Dover-Bar, 19:32 Uhr Ortszeit…  

Es dauerte ein halbes Jahr, bis Nik wieder richtig einsatzfähig war. Zwar konnte er körperlich alles durchstehen, was ihm aufgetragen wurde, doch in seinem Blick sah man, dass er nicht mehr der Alte war. Selten ging er noch zusammen mit Bunny durch die Straßen von Helligenstadt. In der Art und Weise, wie er auftrat und agierte, konnte man seine Verbitterung, versagt zu haben, erkennen. Er wurde übervorsichtig; wenngleich er nun mit seinem rechten Roboter-Arm mehr Kraft aufbringen konnte, so fühlte er sich nur noch wie ein „halber“ Mensch, ein Krüppel, der nicht mehr als vollwertig anzusehen war.

An diesem Abend saß er zusammen mit Viktoria in der Old-Dover-Bar und schlürfte ein Bier. Sein leerer Blick fiel auf die Wanduhr, die schon seit Jahren nicht mehr die richtige Zeit anzeigte; dabei ließ er seine Robotergelenke knacken. Viktoria musterte ihn besorgt. Innerlich ahnte sie schon, was er wollte und was der Sinn für ihre Zusammenkunft an diesem Abend war. „Bunny?,“, begann Nik das Gespräch. Viktoria horchte auf und konnte an seiner Stimme erkennen, dass er sehr niedergeschlagen war.

„..es wird Zeit, dass sich unsere Wege trennen. Ich habe mir diesen Schritt schon sehr lange überlegt. Es gibt nichts mehr, was mich bei den Schattendieben hält.“

„Hast Du dir das auch gut überlegt?“, wollte Viktoria wissen.

„Ich hatte beinahe zwei Jahre Zeit dafür, darüber nachzudenken. Ich habe es versucht, der Organisation und auch dir immer weiter zur Seite zu stehen, doch ich merkte es innerlich, dass es nicht mehr so sein würde wie früher“, er nahm einen kräftigen Schluck aus dem Bierkrug und steckte sich eine Zigarette an. Nach einigen Augenblicken fuhr er fort:

„Es gibt leider keinen anderen Weg… Bunny... ich muss gehen.“

„Dann...“, sagte Viktoria zögerlich, „…ist das wohl der Abschied?“ Sie war den Tränen nahe.

„Es ist ein großer Abschied. Ich glaube nicht, dass wir uns wiedersehen werden“, seine Stimme versagte bei den letzten Worten. Er pustete den letzten Rauch seiner Zigarette aus dem Mund und zerdrückte den Klimmstängel in einen der Aschenbecher. Danach zwinkerte er Viktoria noch einmal zu, die ihn mit glasigen Augen traurig ansah. Nik stand auf und strich ihr noch einmal zum Abschied über die Wange, bevor er die Bar verließ.

Lange starrte sie noch hinter ihm her, mit der traurigen Gewissheit, dass sie nun ihren besten Freund verloren hatte. Doch so war das Leben – eine Reihe von Schicksalen, die wir nicht immer beeinflussen können. Würde sie Nik jemals wiedersehen? Wo würde er nun hingehen? Sie wischte alle Fragen beiseite, trank ihren Drink aus und machte sich auf, abermals durch die Gegend zu ziehen. Dies war ihre Stadt und ihre Straßen – die Straßen von Helligenstadt.

ENDE


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