Angewidert betrachtete Dorian die Polizei bei ihrer Arbeit und verließ die Sicherheit der Schatten.

Das Gebäude wurde komplett umstellt und ließ jeden Fluchtversuch unmöglich erscheinen. Ob es sich um einen weiteren Angriff eines Monsters oder Verbrechers handelte, war noch nicht bekannt. Lediglich das Gerede über ein Massaker, welches sich in dem Gebäude ereignet haben soll, erreichte Dorians Ohr.

Lautlos schwang er sich von Dach zu Dach und vermied es, von nur einer Menschenseele entdeckt zu werden, wobei der Schleier der Nacht ihm half. Als er dem Gebäude nahe genug gekommen war, hielt er inne und suchte nach einem sicheren Eingang. Auch wenn er es nicht gerne zugab, gestand Dorian der Polizei gute Arbeit ein, da er keine Einstiegsmöglichkeit entdeckte.

Nicht zum ersten Mal stand die Polizei seiner Arbeit im Weg. Die Behörden waren auf ihn oder seine Kollegen noch nie gut zu sprechen und wollten jeden einzelnen von ihnen für Selbstjustiz neben die Verbrecher, die sie zur Strecke brachten, ins Gefängnis bringen. Für ein Großteil der Allgemeinbevölkerung galten sie aber nicht als Kriminelle, sondern als unerschütterliche Helden, die jeden Kampf gewinnen konnten. Wenige von ihnen, waren in den Augen der Menschen aber noch viel mehr.

„An alle Ermittler“, dröhnte es aus dem Polizeifunk und riss Dorian aus seinen Gedanken, „wir haben die Bestätigung, dass sich Montum in dem Gebäude aufhält. Halten sie alle Zivilisten auf Abstand und betreten sie auf keinen Fall das Gebäude“

„Was?“, fragte sich Dorian überrascht selbst. „Was machst du hier?“

Er hasste es, wenn sein Sohn nicht auf seinen Rat hörte und sich dadurch unnötig in Gefahr begab. Nun musste er auf ein behutsames Vorgehen verzichten und sich schnellstmöglich Zutritt in das Gebäude verschaffen, bevor die Lage eskalieren konnte.

Dorian zog sich seine Maske ins Gesicht und schwang sich auf das Dach, welches dem Gebäude am nächsten stand. Mit geübter Hand griff er an seinen Gürtel, der mit allerlei Gerätschaften für die verschiedensten Situationen ausgerüstet war, packte seinen kleinen Störsender und benutzte ihn.

Innerhalb einer Sekunde fielen alle elektronischen Geräte in seiner Nähe aus und tunkten den Stadtteil in Finsternis. Während die Polizeitruppen versuchten herauszufinden, was plötzlich mit der Technik los war, schwang sich Dorian an das Gebäude heran und kletterte durch ein offen stehendes Fenster hinein.

In dem Gebäude herrschte nun selbst eine Dunkelheit, die Dorian zwang, dass eingebaute Nachtsichtgerät in seiner Maske zu aktivieren. Vorsichtig bahnte er sich seinen Weg voran und hielt nach jeglicher Spur Ausschau. Dass sein Sohn ausgerechnet hier war, bereitete ihm ein ungutes Gefühl.

Vor zwei Monaten hatten sie hier in dem Gebäude den Schurken Mind gestellt und konnten ihn nur mit größten Verlusten besiegen. Den Geruch von verbrannten Fleisch und das Geschrei der Sterbenden, die während des Kampfes die Flure füllten, peinigten Dorian mit jedem Schritt, den er hier tat. Montum erlitt in dem Kampf schwere Verletzungen, von denen er sich noch immer nicht gänzlich erholt hatte. Jedoch litt er schwerer unter all den Toten, die er nicht retten konnte.

Ohne Zweifel hat dies den Tiefpunkt der Karriere seines Sohnes dargestellt, trotz alledem liebten ihn die Leute noch immer. Er war der Größte unter ihnen. Er war ein Symbol. Und Dorian war lediglich sein Schatten, der ihn aus dem Verborgenen heraus half. Damit ging aber jeglicher Ruhm automatisch an seinen Sohn, womit er nie ein Problem hatte.

„Hilfe!“, brüllte eine junge Frau einige Stockwerke über Dorian.

Fluchend stürmte er zum Treppenhaus und rannte dies empor. Während  er noch die Stufen erklomm, zog er seinen Revolver und lud ihn mit seinen stärksten Patronen. Er musste auf das Schlimmste gefasst sein.

Als er endlich das Stockwerk erreichte, aus dem die Schreie kamen, wäre ihm beinahe selbst ein kurzer Aufschrei entwichen. Überall häuften sich die verstümmelten Leichen der Mitarbeiter, deren schreckerstarrten Gesichter den Terror erahnen ließen, den sie in den letzten Momenten ihres Lebens verspürt haben mussten.

Nachdem sich Dorian von dem kurzen Schock erholt hatte, fing er an, einige der Toten zu untersuchen. Nun überfiel ihn ein noch weitaus größeres Grauen, als der Anblick der massakrierten Menschen.

„Nein“, hauchte Dorian mit brüchiger Stimme, „bitte nicht“

Panisch rannte er den blutgetränkten Flur entlang, bis er eine schnaufende Gestalt in einem Zimmer ausmachte, in dem das Massaker wohl sein Ende gefunden hatte.

„Junge?“, fragte Dorian zögernd.

Langsam drehte sich die Gestalt um, welche vor dem leblosen Körper der Frau stand, die geschrien hatte.

„Vater“, entgegnete Montum unsicher, „du bist hier? Ich … ich war hier, um nachzusehen. Alles war so laut und … ich habe Mind gesehen. Er … er ist hier und …“

„Mind ist tot“, unterbrach Dorian ihn vorsichtig. „Du hast ihn hier vor zwei Monaten getötet“

„Nein, er … er war gerade hier. Wir haben gekämpft und … ich muss die Leute beschützen. Sind sie schon draußen? Wir müssen die anderen anrufen. Sie müssen helfen“

„Es gibt keine anderen mehr. Weißt du das nicht mehr? Wir sind die letzten“

„Stimmt“

Auch ohne das Nachtsichtgerät hätte Dorian erkennen können, wie die Besinnung in die trüben Augen seines Sohnes wiederkehrte. Allmählich fing er an, sich im Raum umzuschauen und stand kurz davor zu erkennen, was er getan hatte.

„Nein!“, stieß Dorian hervor und eilte zu seinen Sohn. „Sieh nicht hin!“

„Vater“, sagte Montum mit schwacher Stimme, „wir sind doch Helden, oder? Ich … ich bin doch noch ein Held?“

„Ja … dass bist du“

Dorian nahm seinen Sohn in den Arm und versuchte seinen Blick von den Toten abzuschirmen. Sie verharrten einige Sekunden, unfähig etwas anderes zu machen. Mit zitternder Hand griff Dorian nach seinem Revolver und drückte ihn an die Brust seines Sohnes.

„Es tut mir leid“, flüsterte Dorian und drückte ab.

Stumm betrachtete er die Leiche seines Sohnes, bevor er seinen Blick auf das Blutbad um ihn herum warf. Er musste einiges verändern, damit man glaubte, dass er das war.

„Du bist als Held gestorben“, versprach Dorian der Leiche seines Sohnes und zog ihm seine Maske wieder auf.

„Du musst als Symbol bestehen, doch dein Schatten kann verschwinden“ 

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