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„Ich will dich essen."

„Du weißt schon, dich schmecken, wie süß du bist."

„Wie süß du bist,  Ja wenn du Angst hast."

„Doch vor was genau hast du Angst? Dem Tod?"

„Keine Sorge, der kommt schon früh genug."

Und da sitzt sie, gefesselt an einen Stuhl in dem sie nicht sitzen sollte. Er war für mich bestimmt, und doch. Sie sitzt jetzt dort und ihre Aura füllt den Raum.

Nein, nicht ihre Aura. Ihr widerliches, teures Parfüm. Es brennt in meiner Nase, wenn ich an ihr rieche. Wo hatte sie das her? Sie riecht doch so gut.

Ich frage mich, wie sie wohl schmeckt. Ob das Parfüm ihre Haut durchdrang und das Blut mit dem Gestank des Reichtums ertränkte? Ihre Augen weiten sich, wenn ich sie ansehe. Liebt sie mich etwa?

Ist das Vergebung in ihren Augen? Sie schillern so schön im Mondlicht, braun wie Erde. Fruchtbare Erde, aus der immergrüne Pflanzen sprießen. Erde, die nährt. Ich muss mir ein Lachen verkneifen, wobei mein Gesicht vermutlich einem ekstatischen Grinsen zum Opfer fällt. Sie bewegt sich ein wenig, windet ihre verbundenen Hände, erfolglos. Sie gibt auf. Das Schillern überflutet ihre Augen, nun kann man die Erde nicht mehr erkennen, sie weicht einem wunderschönen Stausee, begrenzt allein durch ihr zartes Lid. Die Schleuse öffnet sich, alles Wasser strömt ab, hinab die bleiche Haut, bis es unter dem Klebeband verschwindet. Zurück bleibt Erde, nasse Erde nach dem Regenfall.

Geräuschlos sinke ich auf die Knie, dicht vor ihrem, vor meinem Stuhl. Minutenlang wage ich es nicht, mich zu bewegen. Schließlich erhebe ich meine Hand, die rechte. Ich streiche ihr durch das lange, schwarze Haar so wie ich mich langsam wieder erhebe. Verdient jemand wahrhaftig den Vergleich mit Schneewittchen, so ist es sie. Ich frage mich, ob ihr Blut wohl auch schwarz ist, oder doch braun, wie Erde. Schillert es, schillert es so schön wie ihre Augen? Ein Meer entsteht auf meinem Handrücken, ein Ozean aus schillerndem Stauseewasser. Ein kalter Wind streift meine Wangen, böenartig, hektisch.

Ein Sturm zieht auf.

Und in diesem Moment kann ich nicht anders, als mich zu fragen, ob ihr Blut wohl so schnell strömt, wie ihr Atem den Lungen entweicht. Ob es so kalt ist, wie der Wind.  Die Dielen unter uns knarren kaum hörbar, und wir schwanken. Ich frage mich, ob ihr Blut wohl auch in den Adern schwankt, links, rechts, links, rechts. Ob ihr Blut auch Geräusche macht, während es sich in ihren Füßen langsam staut, wie ein See.

Ich wende mich ab.

„Ich kann es nicht."

„Dein Blut den Haien überlassen."

„Sie verdienen dich nicht, sie sind nur Tiere. Sie schätzen dich nicht, sie sind nur am richtigen Ort. Sie lieben dich nicht, sie sind nur hungrig."

„Aber ich, ich liebe dich."

„Also bitte, lass mich dich essen. Ich will dich essen."

Ich wende mich ihr erneut zu.

Regungslos starrt sie in die Leere hinter meinen Augen, die Leere über meinem Hals, die Leere tief in meinem Kopf. Sie sucht am falschen Ort nach den falschen Dingen. Ich frage mich, ob ihr Blut sich manchmal verläuft, in einem Wald aus Adern, dick und dünn, groß und klein, weit und eng. Ich fühle, wie der Sturm von mir Besitz ergreift, ihr Sturm. In einer einzigen Bewegung reiße ich das Klebeband von ihrem Gesicht und presse meine Hand an dessen Stelle dagegen.

Sie starrt weiter in die Leere.

Ein warmes Sumpfgebiet liegt zwischen dem austrocknenden Ozean meines Handrückens und ihrem Blut. Der kalte Wind heult auf, sobald er an den Grenzen des Tales abprallt, immer und immer wieder. Wir sind im Auge ihres Sturms. Ich frage mich, ob ihr Blut so warm ist wie der Sumpf. So wie ich meine Hand entferne, platziere ich meine Lippen auf den ihren. Sie sind so furchtbar warm. Und das Sumpfgebiet wird von starkem Regen von oben und dem brennenden Gestank der Fäulnis von unten überflutet. Sie starrt weiter in die Leere, in meinem Stuhl sitzend während ihres Sturmes. Ich frage mich, ob ihr Blut die Leere liebt, ob ihr Blut mich liebt. Ich stehe auf.

„Liebt dein Blut?"

„Mich. Liebt es mich?"

„Vergibst du mir?"

„Lässt du mich dich essen?"

„Es ist mein Stuhl, er gehört mir."

Drei Schritte und ich stehe hinter ihr. Ganz langsam, ganz leise beuge ich mich über sie. Ich rieche an ihr, lasse den teuren Gestank ein weiteres Mal meine Nasenschleimhaut reizen. Noch über sie gebeugt greife ich mit meiner Hand, der rechten, nach ihrer gefesselten Hand, der linken. In einer einzigen blitzartigen Bewegung breche ich das Handgelenk.

Darauf folgt ein Donner. Ihre Stimme ist so furchtbar schrill. Ein weiterer Blitz, die gefesselte Hand, die rechte. Und wieder ein Donner. Ich frage mich, ob ihr Sturm auch ihr Blut zum Donnern bringt. Sachte, ganz sachte, taste ich nach meinem Messer. Ich finde es. Meine Hand, die rechte, wiegt es, hin und her, wie ein wertvoller Schatz. Doch nie so wertvoll wie sie.

Ich durchtrenne die Fesseln um die gebrochenen Handgelenke. Ihre Arme fallen und hängen schlapp an ihrem Körper herunter. Ich frage mich, ob ihr Blut nach ihrem Sturm auch fällt, weit tiefer als die Füße stehen?

Ein Schritt.

Und im Angesicht des Schreckens starrt sie weiter in die Leere.

„Geh."

„Der Stuhl ist mein, ich sitze dort."

„Geh, bevor ich dich esse."

„Bitte, geh."

"Steh auf."

„Ist dein Sturm vorbei?"

"Dann werde ich dich essen."

Eine Bewegung. Meine Hand, die rechte.


Und ihr Blut war nicht schwarz, nicht braun, es schillerte nicht, war nicht geschwankt oder gefallen, es war nicht warm, nicht kalt, es strömte nicht schnell und donnerte nicht, es machte keine Geräusche, verlief sich nicht und es stank nicht nach Reichtum. Doch es liebte mich. So wie ich sie aß, von ihrem Blut umgeben, starrte sie weiter in die Leere. Und ihr Sturm war vorüber.

Nun liegt sie am Grunde des Ozeans, weit unter den kaum hörbar knarrenden Dielen.

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