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Inhaltsverzeichnis des "Mehrteilers": Suchende und ihr Pfad zur Erleuchtung

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AUSZUG AUS DEM POLIZEIBERICHT Bearbeiten

 

Aktenzeichen:                        23-0-2279

Datum:                                   7. November 2017     

Zuständiger Kommissar:       Kubinsky, Andreas

19:28 – Notruf-Weiterleitung an Einsatzwagen 127. Tatbestand: Anonymer Anrufer informiert die Zentrale über möglichen Gewaltakt an einer Familie in der Seeburger Straße 67. Kubinsky und der Kollege Reinhart begeben sich zu der besagten Adresse.

19:55 – Ankunft bei der angegebenen Adresse. Auf den ersten Blick sind weder auf der Straße, noch vor dem Einfamilienhaus irgendwelche Spuren eines Verbrechens zu erkennen. Des weiteren sind die Kollegin Grube und der Kollege Griedfeld (Anwärter) ebenfalls bereits eingetroffen.

20:05 – Nach Observation des Geländes kann immer noch kein Verbrechen ausgemacht werden. Die Kollegen nähern sich dem Wohnhaus.

20:06 – Durch die Fensterscheibe der Haustür sind Blut und Teile eines regungslosen Körpers zu sehen. Auf Klingeln oder Rufe reagiert niemand, die Tür ist nicht abgeschlossen. Zentrale wurde informiert.

20:07 – Eintreten in das Haus. Im Flur hängen zwei menschliche Körper, zu diesem Zeitpunkt vermuten wir bereits, dass es sich um Herr und Frau Brandon handelt, den Bewohnern des Hauses. Nach kurzer Untersuchung stellen wir fest, dass die mutmaßlichen Brandons nicht länger am Leben sind. Ein Notarzt wurde vorher dennoch verständigt.

20:15 – Starten grobe Durchsuchung des Hauses. Nach kurzer Zeit wird klar, dass sich niemand Weiteres in dem Haus befindet. Begeben uns zurück in den Flur und warten auf die Spurensicherung.

20:30 – Noch ist niemand eingetroffen – weder der Krankenwagen, noch die Spurensicherung – dafür bekommt Kubinsky einen Anruf von der Zentrale. Seltsamerweise wird der Anruf des angeblichen Sohns der Brendons direkt von dort durchgestellt. „Sven Brendon“ erklärt, dass er sich in diesem Augenblick vor der Wohnung seiner Großeltern befände, jedoch sei die Tür zur Wohnung mit einem Band der Polizei versiegelt worden und er verstehe nicht, was da vor sich ginge.

Tatsächlich erinnerte Kubinsky sich daran, erst vor ein paar Tagen diesen Fall bearbeitet zu haben. Das ältere Ehepaar war ermordet worden, was er dem jungen Brandon so schonend wie möglich beibrachte. (Anmerkung des Kommissars Wellton: So wie ich den kaltherzigen Bastard kenne, hat er dem verstörten Jungen unverblümt die Wahrheit an den Kopf geknallt… Sofern es ein solches Gespräch überhaupt stattgefunden hat. Nach der Anrufliste aus der Zentrale, hat es zu dieser Zeit keinen Eingang gegeben und abgesehen davon, war niemals ein Anruf durchgestellt worden, was – wie es Kubinsky hier erwähnt – auch nicht den üblichen Vorgehensweisen entsprochen hätte.)

Der junge Brandon erklärt, dass er nicht verstehe, er habe doch gerade eben erst noch mit seinen Großeltern telefoniert. Gleich darauf bricht die Verbindung zusammen.

20:35 – Das Licht im Haus der Brandons ist plötzlich ausgefallen. Obwohl noch das Licht der Straßenlaternen durch die Fenster scheinen müsste, ist es in dem Haus stockduster. Ehe wir unsere Taschenlampen hervorholen können, wird das Licht wieder eingeschaltet. Es scheint sich sonst nichts verändert zu haben.

Weiterführung des Kommissars Wellton:

An dieser Stelle endet der Bericht des Kriminalkommissars Kubinsky. Nach Aussage ist er nicht dazu fähig, den Rest niederzuschreiben. Seine mündlichen Berichte sind wirr und unzusammenhängend. Folgend werde ich versuchen, den Fall auf Grundlage seiner Aussagen und dem, was wir am Tatort vorgefunden haben, zu rekonstruieren. Obgleich wir die Rätsel dieses mysteriösen Falls wohl niemals gänzlich lüften können werden…

Wenn wir davon ausgehen, dass sich bis zu diesem Zeitpunkt alles so zugetragen hat, wie Kubinsky es berichtet hat, dann hat sich nach dem kurzzeitigen Stromausfall in dem Haus Brandon einiges verändert. Es hat den Anschein, dass es von einem einfachen Wohnhaus zu einer Todesfalle verkommen ist…

Wie gesagt, wenn wir davon ausgehen, dass der Bericht soweit korrekt ist. Die Wahrheit werden wir vermutlich niemals erfahren, aber darüber soll sich jeder seine eigenen Gedanken machen.

Warten Bearbeiten

Kubinsky stand mit vor der Brust verschränkten Armen an der Wand gelehnt im Flur und wartete. Langsam wurde er ungeduldig. Die Spurensicherung hätte längst hier sein müssen und der Krankenwagen erst recht, doch bisher gab es nicht das geringste Anzeichen von einem der beiden. Nervös tippte er in einem stetigen Rhythmus auf seinen Oberarm, den Blick stur geradeaus gerichtet.

Seinen Kollegen schien es nicht viel besser zu ergehen, naja, mit Ausnahme von dem Neuen. Griedfeld. Er konnte den Kerl jetzt schon nicht ausstehen, aber für wen galt das schon? Den einzigen Kollegen, den er respektierte, war sein Partner.

Reinhart hatte schon so manchen Einsatz zusammen mit ihm erlebt und ihm ein ums andere Mal den Arsch gerettet. Nicht, dass das nicht auf Gegenseitigkeit beruhen würde.

Und was die Grube anbelangte… Tja, sie mochte zwar auf knallhart tun und durchaus bewiesen haben, was sie drauf hat, aber Kubinsky war schon immer der Meinung gewesen, dass Frauen nichts bei der Polizei zu suchen hatten, außer vielleicht in der Verwaltung. Aber was sollte man machen? Er allein konnte sich mit seiner Meinung noch so sehr querstellen, bewirken würde er damit nichts, also akzeptierte er diesen Umstand einfach, was nicht hieß, dass es ihm gefallen musste.

„Hm, das ist seltsam.“

Innerlich seufzte Kubinsky bereits auf. Was hat der Junge jetzt schon wieder entdeckt?

Statt es den anderen gleich zu tun und einfach abzuwarten, wanderte Griedfeld im Flur auf und ab, sah sich die Bilder an den Wänden an, oder machte irgendwelche anderen Dinge, die Kubinsky langsam aber sicher in den Wahnsinn trieben. Anschnauzen wollte er ihn dafür jedoch auch nicht, denn er war für heute Grube’s Schützling und wollte vermeiden, mit ihr in Konfrontation zu geraten.

Selbst wenn sie auch genervt sein sollte, würde sie sich keine Chance entgehen lassen ihn – Kubinsky – zur Sau zu machen.

Eines musste er dem Jungen aber lassen. Für einen Neuling ging er recht gelassen mit den hier hängenden Leichen um. So durch den Flur wandernd, ließ es sich nicht vermeiden, dass er mehrfach zwischen ihnen vorbeilief – und das ohne mit der Wimper zu zucken. Kubinsky hatte schon selbst hartgesottene Polzisten bei einem solchen Anblick zusammenbrechen sehen.

Aber der hier? Nein, gar nichts, keine Reaktion. Fast schon unheimlich.

„Was gibt’s denn, Junge?“, murrte Kubinsky, wo es schon kein anderer machte. Scheinbar waren sie alle – selbst die Grube – von ihm genervt.

„Die Familienfotos“, erklärte Griedfeld bereitwillig. Er schien die lange Pause zwischen seiner Äußerung und der fehlenden Reaktion seiner Kollegen gar nicht bemerkt zu haben. „Die beiden Brandons sind überall auf ihnen zu sehen.“

„Und?“ Kubinsky verstand nicht, worauf er hinauswollte.

„Sie verstehen mich falsch. Nur die beiden Brandons sind auf ihnen zu sehen. Hier und da vielleicht auch noch ihre Eltern, aber keine Kinder.“

Fragend hob Kubinsky eine Augenbraue und zuckte mit den Schultern. „Ich raff‘s immer noch nicht.“

„Sie haben doch eben erst mit dem Sohn der Brandons telefoniert, oder? Sollte dann nicht irgendwo hier wenigstens ein Bild von ihm hängen? Oder mit ihm.“

„Was weiß ich“, seufzte Kubinsky. „Vielleicht sind sie zerstritten… Gott, wo bleibt die verdammte Spurensicherung?“

„Ja“, murrte Reinhart, „so langsam sollten sie mal hier eintreffen. Vielleicht sollten wir noch einmal die Zentrale kontaktieren?“ Nie und nimmer hätte er dies auf eigene Faust entschieden. Er mochte zwar älter sein, kannte Kubinsky aber gut genug, um ihm den Vortritt bei den meisten Entscheidungen zu überlassen.

Die Hand bereits zum Walkie-Talkie geführt und den Kopf leicht zu seiner Schulter geneigt, wo es an seiner Uniform befestigt war, erklärte Kubinsky: „Ich übernehme das.“ Mit einem Druck auf den entsprechenden Schalter, sagte er: „Zentrale, bitte kommen. Wir warten jetzt schon eine geraume Zeit, aber bisher ist nichts von der Spurensicherung zu sehen. Gab es irgendwelche Zwischenfälle, von denen wir wissen sollten?“

Auf der anderen Seite reagierte niemand.

„Zentrale?“

Rauschen.

Kubinsky klopfte gegen das Gerät, auch wenn er keine große Hoffnung hegte, dass das irgendetwas brachte. „Hm, scheint kaputt zu sein.“

„Ich versuch es mal", verkündete Reinhart, hatte allerdings ähnlich mäßigen Erfolg.

„Ein seltsamer Zufall, oder?“, fragte Grube. „Drei Walkie-Talkies, die nicht funktionieren?“

„Drei?“, hinterfragte Kubinsky mürrisch. Allein, dass die Frau sich zu Wort meldete, ging ihm gegen den Strich.

„Allerdings, meines funktioniert ebenfalls nicht.“

Ok, das war seltsam. „Vielleicht hat die Zentrale irgendwelche Probleme. Ich versuch’s mal über Handy.“ Kubinsky holte sein Handy heraus und wählte die Nummer der Zentrale. Indes ging Reinhart auf die geschlossene Haustür zu – die Nachbarn sollten ja nicht direkt in Erfahrung bringen, dass es in ihrer Gegend einen Doppelmord gegeben hatte.

Nach ein paar Augenblicken, in denen sich keine Verbindung aufgebaut hatte, gab Kubinsky es auf und steckte das Handy wieder ein. „Mit Handy geht’s auch nicht. Weiß der Teufel, was da los ist.“

„Es wird noch besser“, murrte Reinhart. „Die Tür ist abgeschlossen.“

„Was?“ Kubinsky glaubte sich verhört zu haben. „Das kann nicht dein Ernst sein.“ Um sich selbst zu überzeugen – oder allen anderen zu beweisen, dass sein Partner nicht dazu in der Lage war eine einfache Tür zu öffnen – ging er selbst auf sie zu. Als er seine Hand auf die Klinke legte und sie herunterdrückte, musste er feststellen, dass Reinhart recht hatte. Die Tür war abgeschlossen worden.

Langsam drehte er sich zu den anderen um. „Ok, wer von euch hat mit dem Schloss rumgespielt?“

Zweifelnd betrachtete Grube ihren Kollegen. „Niemand, und das weißt du auch. Wir waren die ganze Zeit über zusammen, wer hätte da mit dem Schloss herumspielen sollen?“

Kubinsky rümpfte die Nase. Was fiel ihr ein, so mit ihm zu reden? Gerade als er schon eine passende Antwort geben wollte, mischte sein Partner sich ein. „Lasst uns doch einfach die Schlüssel suchen. Sie müssen ja hier irgendwo sein.“

„Oder besser noch“, fügte Griedfeld hinzu, „einen anderen Weg. Was ist mit den Fenstern.“

Den Vorschlag ignorierend, meinte Kubinsky. „Ihr habt Reinhart gehört. Suchen wir den Schlüssel.“ Durch das Fenster klettern? Was glaubte der Junge, wen er hier vor sich hatte?

Bevor sie sich auf den Weg machten, fiel sein Blick ein letztes Mal auf die Leichen der Brandons. Sie waren sich gegenübersehend, mit ausgestreckten Armen, an die Wände genagelt worden, die Nägel durch die Handinnenflächen gejagt. Ob vor oder nachdem man ihnen die Kehlen soweit durchgeschnitten hatte, dass ihnen fast der Kopf von den Schultern fiel, konnte man vermutlich erst nach einer näheren Untersuchung sagen.

Blutspuren verrieten es jedenfalls nicht, da sie nirgends im Haus welche gefunden hatten. Entweder war der Mörder nach seiner Tat recht gründlich durch das Haus gegangen und hatte alles gesäubert, oder aber er hatte die Brandons woanders getötet und dann hierhergebracht.

Zumindest konnten sie sicher sein, dass die beiden den Schlüssel nicht mehr bei sich trugen. Immerhin waren sie nackt und hatten entsprechend keine Kleidung an, in deren Taschen sich der Schlüssel befinden könnte.

„Dann lasst uns mal auf die Suche gehen“, sagte Kubinsky und besiegelte damit ihrer aller Schicksal.

Erster Streich Bearbeiten

In dem Moment, in dem er ausgesprochen hatte, geschahen mehrere Dinge gleichzeitig.

Kubinsky’s Partner Reinhart hatte sich bereits in Bewegung gesetzt, um das Wohnzimmer zu betreten. Kaum hatte er einen Schritt über die Türschwelle gesetzt, war er plötzlich nicht mehr zu sehen. Nichts war mehr zu sehen. Alles in tiefste Schwärze gehüllt.

„Gott verdammt!“, fluchte Kubinsky. „Das Licht ist schon wieder…“ Seine Worte wurden von einem lauten Krachen übertönt, auf das ein überraschter Schrei folgte. Zuletzt war ein Poltern zu vernehmen, dann wurde es still.

Nun, zumindest wollte Kubinsky sich einreden, dass es still war. In Wahrheit jedoch hörte er einige erstickte Laute von irgendwo unter sich. Allerdings weigerte sein Bewusstsein sich konsequent, diese zu verarbeiten, da sie zu viele schreckliche Schlüsse zuließen. Seine eigene Unfähigkeit etwas zu tun lähmte ihn regelrecht. Zwar hatte er aus einem Reflex heraus seine Waffe gezogen und zielte damit jetzt in die Finsternis, doch worauf wollte er schon schießen? Sie waren alleine und abgesehen davon, war es stockdunkel. Er sah die Hand vor Augen nicht, was also konnte er schon groß unternehmen?

Ein klickendes Geräusch schoss durch seinen Gehörgang und ließ Kubinsky zusammenfahren. Mehr noch erschreckte er sich jedoch davor, auf einmal geblendet zu werden. Die Augen zusammenkneifend brüllte er wutentbrannt: „Nehmt das scheiß Licht aus meinem Gesicht!“

Das „scheiß Licht“ war schon längst aus seinem Antlitz verschwunden, doch seine Augen hatten sich immer noch nicht daran gewöhnt, weswegen die Wut weiter anhielt. Als er endlich wieder halbwegs sehen konnte, erkannte er, dass der junge Anwärter eine eingeschaltete Taschenlampe in der Hand hielt. Gerade wollte er ihn schon ein zweites Mal anschnauzen, was ihm einfiel, da wurde er sich der Tatsache gewahr, dass sie  immer noch nicht den Ursprung der seltsamen Geräusche ergründet hatten. Außerdem fiel ihm auf, dass sein Partner Reinhart nicht bei ihnen war.

Hektisch fiel sein Blick in Richtung Wohnzimmer und als der schwache Schein der Taschenlampe die ersten Schlüsse zuließ was sich zugetragen hatte, traute Kubinsky seinen Augen nicht.

Mitten im Eingang zum Wohnzimmer befand sich ein Loch im Boden, so als wäre Selbiger einfach eingebrochen. Es war nicht breit, gerade groß genug, damit ein Mensch ohne Weiteres hindurchfallen konnte, aber wie zum Teufel, war es dort hingelangt? Bei der ersten Durchsuchung hatten sie diesen Raum schon betreten, ohne dass es auch nur das leiseste Anzeichen von morschem Holz oder dergleichen gegeben hätte und jetzt war der Boden einfach eingebrochen?

Ein anderer Gedanke drängte sich zwischen die Unlogik des Bildes vor ihm. Reinhart!

Kubinsky drehte sich zu Griedfeld um. „Gib mir die Lampe!“

Dieser zögerte – zu seinem Glück – nicht lange und händigte die Taschenlampe aus. Daran, dass er selbst eine besaß und mit sich führte, dachte Kubinsky in diesem Moment nicht einmal. Die eingeschaltete Lampe strahlte wie ein Hoffnungsschimmer nach dem er sehnsüchtig griff. Das eben jenes Licht eine Wahrheit offenbaren würde, an die er nicht einmal zu denken wagte, stellte die Ironie des Ganzen dar.

Seit dem Ausfall des Stroms, den polternden Geräuschen und der Erkenntnis über das, was geschehen sein musste, war nicht einmal eine Minute vergangen. Kubinsky kam es jetzt schon wie Stunden vor und dabei hatte der wahre Horror doch noch gar nicht begonnen.

Alle Vorsicht missachtend, ging der Kommissar auf das Loch im Boden zu. An dessen Rand stehend, registrierte er nur unterbewusst, dass das Holz unter seinen Füßen nicht einmal ansatzweise knarzte und weiterhin einen absolut stabilen Eindruck machte. Er leuchtete mit der Lampe hinab in das Loch und da sah er für einen flüchtigen Augenblick seinen Partner.

Reinhart lag am Boden des Kellers, alle Viere von sich gestreckt und das Gesicht frontal auf die steinerne Oberfläche gerichtet. In der einen Sekunde, in der Kubinsky ein Blick auf ihn gewährt war, konnte er nicht ausmachen ob er nur bewusstlos war, oder gar tot. Gleich darauf  wurde der reglose Körper plötzlich rasend schnell weggezogen und verschwand in der Dunkelheit des großräumigen Kellers.

„Was zum…?!“, schrie Kubinsky überrascht auf und leuchtete hektisch in alle Winkel, die er von seiner Position aus ausmachen konnte, sah jedoch nichts mehr – dass er tatsächlich gar nichts sah und dass, obwohl der Keller bei ihrer vorigen Inspektion gerammelt voll gewesen war, schob er wie so manch andere Details in die Tiefen seines Bewusstseins um sich später darum zu kümmern. In diesem Augenblick kümmerte ihn nur eines: Seinen Partner zu finden und hier raus zu schaffen.

Ruckartig drehte Kubinsky sich um und wäre vor Schreck beinahe nach hinten gestolpert und selbst in das Loch gefallen. Vor ihm stand die Grube und musterte ihn scharf. „Was ist passiert?“ Das einer ihrer Kameraden einfach verschwunden war, schien sie überhaupt nicht zu kümmern. Typisch Frau.

„Keine Zeit für Erklärungen“, murrte der Kommissar und stolzierte einfach an ihr vorbei. „Wir müssen in den Keller und Reinhart finden.“

„Sir“, meldete sich der Anwärter zu Wort, wobei er verängstigt, ja regelrecht panisch klang. „Das Protokoll für solche Fälle besagt…“

„Ich scheiß auf das Protokoll!“, fuhr Kubinsky ihn an und marschierte indes weiter. „Mein Partner ist da unten und ich werde nicht eher Ruhe geben, bis ich ihn gefunden habe! Wenn du unbedingt auf die Verstärkung warten willst, bitte! Das heißt, sofern du sie überhaupt erreichst!“ Mittlerweile hatte er bereits die Tür zum Keller erreicht. Er riss sie so stark auf, dass man meinen mochte er wollte sie aus den Angeln reißen und stürmte dann die Treppe hinab, wobei er keinerlei Vorsicht zeigte.

Unten angekommen sollte er schon nach einer kurzen Observation erkennen, dass er zu spät war. Das er nie eine Chance gehabt hatte, seinen Partner noch zu retten. Nicht, dass ihn das davon abhielt zu seinem leblosen Körper zu rennen und zu versuchen diesen von der Wand zu lösen an der er herabhing.

Kubinsky schrie nicht, er war nicht wütend oder verzweifelt. Er war die Ruhe selbst, während er mit schnellen Schritten auf Reinhart zu ging. Dieser hing an einem aus Stacheldraht geflochtenen Strick herab und baumelte leicht hin und her. Der Draht hatte sich bereits tief in seinen Hals gegraben, hatte – vermutlich durch Versuche sich zu wehren – die Halsschlagadern aufgerissen und ihn wohl ausbluten lassen, ehe er erstickt war. Wobei sich das natürlich auf den ersten Blick nicht mit Sicherheit sagen ließ.

Dem Kommissar war es ohnehin egal. Er hatte seinen Partner erreicht, steckte seine Waffe ins Holster, legte die Taschenlampe auf den Boden, gerade so, dass sie noch genug Licht spendete und machte sich daran zu schaffen, den Draht irgendwie zu lösen, um Reinhart davon zu befreien.

Er ruckelte und zuppelte daran, sorgte dafür, dass der Tote in Bewegung geriet und riss sich selbst die Hände an dem Draht auf, ohne es zu bemerken. Des Weiteren hatte er keinen Erfolg. Der Draht war so festgezogen und verknotet, dass es mit bloßen Händen nicht zu schaffen war, was Kubinsky in seinem tranceartigen Zustand jedoch nicht daran hinderte, es weiter zu versuchen.

„Oh mein Gott…“ Die gehauchten Worte hinter sich, hörte Kubinsky zwar, allerdings erreichten sie ihn nur oberflächlich. Es waren Worte ohne Sinn und Bedeutung. Genauso befreit von allem, wie der leblose Körper vor ihm, den er immer noch verzweifelt zu befreien versuchte, wobei der Schock sich langsam zu lösen begann und ihm unbemerkt Tränen die Wangen hinab liefen. Wäre er bei klarem Verstand gewesen, hätte er sich dafür geschämt. In diesem Augenblick jedoch, verspürte er nur ein Gefühl, dass langsam die Leere in ihm erfüllte und ersetzte: Wut.

„Ich werde den Bastard finden, der dir das angetan hat“, flüsterte Kubinsky gefährlich gelassen und kalt. „Und dann werde ich ihn büßen lassen.“

„Andreas…“

Das war der Moment, in dem seine Gefühle explodierten. Kubinsky drehte sich schlagartig zu seiner Kollegin um, die ihn besorgt, aber dennoch distanziert betrachtete. „Halt dein dummes Maul!“

Griedfeld neben ihr zuckte sichtlich zusammen. Seine Miene war unergründlich. Er schien weder besorgt, noch war er im Angesicht eines toten Kollegen erbleicht. Allerdings schien er Angst vor Kubinsky zu haben und dass allein hätte unter anderen Umständen ein zufriedenes Lächeln auf dessen Lippen gezaubert. Für den Augenblick jedoch war ihm der Junge schlicht und ergreifend völlig egal. Solange er die Klappe hielt, konnte er da stehen und ihn anstarren, so viel er wollte.

Die Grube hingegen… Sie entfachte das Feuer seines Zorns nur noch mehr. Allein sie betrachten zu müssen, erfüllte ihn mit dem Wunsch ihr die Fresse zu polieren. So als ob sie Schuld an dem Tod seines Partners wäre. Und wer weiß, vielleicht war sie das ja sogar…

„Ich werde noch einmal versuchen, Kontakt mit der Zentrale aufzunehmen“, erklärte sie und wandte sich ungeachtet des Wutausbruchs ihres Kollegen ab.

Auch wenn es ihm schwerfiel, stürmte Kubinsky ihr nicht hinterher, sondern blieb an Ort und Stelle. Er drehte sich wieder zu seinem Partner um, unternahm jedoch keinen erneuten Versuch, ihn zu befreien. Hinter sich hörte er noch ein paar ausgetauschte Worte, registrierte ihren Inhalt allerdings schon wieder nur am Rande.

„Du bleibst hier. Achte darauf, dass er… nichts Komisches unternimmt, bis die Verstärkung da ist, ok?“

„In Ordnung, Ma’am.“

Kubinsky meinte regelrecht zu hören, wie die Grube fragend eine Augenbraue hob, es dann aber dabei beließ und sich davonmachte. Der Junge hatte definitiv einen Schuss weg.

Der zweite Streich Bearbeiten

„Sir?“ Die Frage riss Kubinsky erneut aus seiner Trance. Wie lange stand er jetzt schon hier und starrte auf seinen erkaltenden Partner? Er wusste es nicht, allerdings wurde er sich der Tatsache gewahr, dass er so niemals seinen Mörder finden und zur Strecke bringen würde. Langsam begann die Maschinerie in seinem Inneren wieder ihren Betrieb aufzunehmen.

„Was ist Junge?“ Irgendwann hatte er gar nicht mehr bemerkt, dass der Anwärter noch bei ihm war. Der Typ war stillschweigend hinter ihm stehen geblieben, nicht einmal sein Atem war zu hören gewesen.

„Es ist schon eine ganze Weile her, dass Kommissarin Grube wieder nach oben gegangen ist, aber weder ist Verstärkung eingetroffen, noch haben wir etwas von ihr gehört. Meinen Sie nicht, wir sollten nach oben gehen und…“

„Ja“, unterbrach Kubinsky ihn. „Lass uns gehen.“ Ein letztes Mal betrachtete er noch etwas genauer die leblosen, hervorgequollenen Augen seines Partners. Der Anblick sollte sich in seinen Geist brennen und seinen Zorn schüren, damit er die Kraft fand, nicht zu ruhen oder zu rasten, bis er den Verantwortlichen gefunden und erledigt hatte.

Als er sich umwandte, musterte er erst noch einmal kurz den Anwärter. Griedfeld stand tatsächlich stocksteif und regungslos da, wartete auf Befehle, oder darauf, dass Kubinsky etwas „Komisches“ machte. Ob aus Pflichtbewusstsein, oder weil er einfach eine Scheißangst hatte, vermochte Kubinsky nicht zu sagen.

Er schritt an dem Jungen vorbei – welcher ihm kommentarlos folgte – und die Treppe hinauf. Oben angekommen, stellte er überrascht fest, dass das Licht wieder angeschaltet worden war, weswegen die Taschenlampe vorerst nicht mehr vonnöten war. Da Kubinsky seine eigene noch besaß, hatte er keinen Platz um die Lampe unterzubringen, weswegen er sich zu dem Jungen wandte und sie ihm zurückgab. Dieser nickte nur knapp, verstaute sie und blickte erwartungsvoll zu dem Kommissar auf.

Vielleicht wird ja doch noch was aus ihm…, dachte Kubinsky mürrisch. Zumindest ist er folgsam.

„So, wollen doch mal sehen, wo die Grube steckt“, murmelte der Kommissar und sah sich flüchtig in dem Flur um. Die Leichen der Brandons hingen immer noch unangetastet an der Wand. Von der Grube war im näheren Umfeld nichts zu sehen.

Gemeinsam mit dem Jungen untersuchte er das Erdgeschoss. Die Tür war noch immer verschlossen, alle Fenster ebenfalls, wie Griedfeld anmerkte – gleichwohl mit dem Kommentar, dass man im Notfall ja die Fenster zerbrechen könnte, um hinauszukommen. Nicht, dass Kubinsky diese Möglichkeit auch nur ansatzweise in Betracht zog. Von der geschätzten Kollegin oder der Verstärkung, die sie angeblich hatte anfordern wollen, war jedenfalls nichts auszumachen.

„Vielleicht ist sie oben.“

„Natürlich ist sie das“, erwiderte Kubinsky genervt. Mittlerweile standen sie an der Treppe, bereit hinaufzugehen und herauszufinden, was die Grube hier getrieben hat, wenn schon keinen Fluchtversuch zu unternehmen, oder Verstärkung anzufordern. „Sie kann sich ja schließlich schlecht in Luft aufgelöst haben!“

Oder vielleicht hatte sie genau das getan. Im übertragenen Sinn natürlich. Kubinsky hatte die Frau nie leiden können. Dass  das vordergründig daran lag, dass er der Meinung war, dass Frauen nichts bei der Polizei zu suchen hatten, ignorierte er für den Moment einfach und begann langsam die Option zu entwickeln, sie für den Tod ihres Partners zu beschuldigen. Vielleicht sogar für den an den Brandons. Wer konnte es schon wissen? Das sie einfach verschwunden war, sprach jedenfalls nicht gerade für ihre Unschuld.

Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr gefiel ihm die Vorstellung. Eine Frau bei der Polizei, von der niemand vermuten würde, dass sie in Wahrheit eine wahnsinnige Psychopathin war, die in ihrer Freizeit gerne unschuldige Familien auslöschte und dann auf den Trichter kommt, während eines Einsatzes ihre Kollegen zu ermorden. Wie sie die Walkie-Talkies und den Strom im Haus manipuliert haben sollte, erschloss sich ihm zwar noch nicht ganz, aber das spielte auch keine Rolle. Er musste nur den Täter finden, nicht ergründen, wie er – oder sie – sein kleines, perfides Spiel gespielt hat.

„Sir?“, fragte Griedfeld nervös. „Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“

„Natürlich ist es das!“, fuhr er ihn an, schalt sich jedoch gleichzeitig selbst. Reiß dich zusammen! Wie lange hatte er jetzt schon wieder hier gestanden, die Treppe hinaufgestarrt und war seiner kleinen Verschwörungstheorie nachgegangen? Die Vorstellung war ja schön und gut, aber ohne stichhaltige Beweise konnte er der Grube schlecht einfach eine Kugel durch den Kopf jagen. Abgesehen davon, mussten sie sie erst einmal finden.

„Komm schon“, erklärte Kubinsky gereizt, als wäre es Griedfelds Schuld, dass sie noch immer hier standen. „Verschwenden wir keine Zeit mehr.“

Zusammen gingen sie die Treppe hinauf und erreichten die erste Etage, über dieser befand sich nur noch der Dachboden. Von dem kleinen Flur, in dem sie jetzt standen, gingen drei Türen ab, allesamt geschlossen.

„Du bleibst hier“, befahl Kubinsky dem Jungen. „Für den Fall, dass die Grube hier vorbeikommt.“

Der Anwärter nickte knapp. „In Ordnung, Sir.“

Eigentlich wollte Kubinsky ihn ja anfahren, dass er endlich aufhören sollte, ihn „Sir“ zu nennen, doch so langsam gewöhnte er sich daran und irgendwie gefiel es ihm.

Die erste Tür führte zu einem kleinen Badezimmer, dem zweiten in diesem Haus. Der Anblick erfüllte Kubinsky mit ein klein wenig Neid. Zwei Badezimmer… Er selbst bewohnte eine kleine zwei Zimmer Wohnung. Zwar hatte er nie viel mehr gebraucht, doch sich den Luxus eines Hauses leisten zu können, hatte schon etwas Verlockendes. Andererseits waren die Bewohner dieses Hauses nun tot und all der Luxus hatte ihnen auch nicht geholfen.

Jedenfalls war die Grube nicht hier, weswegen er die Tür gleich wieder schloss und sich der nächsten zuwendete. Er betrat ein geräumiges Schlafzimmer, welches alleine fast schon so groß wie seine ganze Wohnung war. Der Neid wuchs. Kubinsky betrat den Raum, um in den pompösen, unverschämt riesigen Kleiderschrank zu sehen, welcher bis zum Rand mit teuer aussehenden Kleidungstücken, nicht jedoch mit einer Grube gefüllt war. Da es sonst nicht viel mehr Versteckmöglichkeiten gab, sah er sogar unter das Bett – wobei er sich reichlich albern vorkam – entdeckte jedoch auch dort niemanden. Blieb also nur noch ein weiterer Raum, sowie der Dachboden.

Bevor Kubinsky allerdings auch nur die Chance bekam das Schlafzimmer zu verlassen, ertönte plötzlich ein Rumpeln aus dem Flur, gefolgt von einem erstickten Schrei.

Scheiße!, dachte Kubinsky und stürmte hinaus, gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie Griedfeld wild mit den Beinen zappelnd von der Decke hing.

Während alles wie in Zeitlupe abzulaufen schien, stellte Kubinsky fest, dass das nicht ganz stimmte. Griedfeld hing nicht von der Decke herab. In der Decke, war eine Luke geöffnet worden – welche wohl zum Dachboden führte – und aus dieser hing eine weitere Stacheldrahtschlinge herab, welche sich bereits um den Hals des Jungen gelegt hatte. Allerdings war dieser scheinbar schnell genug gewesen, um die Hände zwischen Hals und Schlinge zu bekommen, weswegen diese zumindest nicht seine Schlagadern, sondern nur seine Hände aufriss, während er verzweifelt versuchte sich irgendwie zu befreien und immer schwerer nach Luft röchelte.

Griedfeld starrte auf Kubinsky herab – er hing etwa einen halben Meter über dem Boden – und formte mit seinen Lippen, einen stummen Hilfeschrei. Endlich erwachte der Kommissar aus seinem ersten Schockmoment und stürmte vor, um den Jungen zu greifen und zumindest so anzuheben, dass er nicht mehr durch sein eigenes Gewicht erstickt wurde. Doch ehe er ihn erreichen konnte, wurde der Anwärter plötzlich hochgezogen und verschwand im Dachboden, dessen Luke sogleich wieder geschlossen wurde.

„Scheiße!“, brüllte Kubinsky, während er die Hände über dem Kopf zusammenschlug und fassungslos nach oben sah. „Scheiße! Scheiße! Scheiße!“ Panisch sah er in alle Richtungen, entdeckte jedoch keine Möglichkeit die Luke zum Dachboden zu öffnen, geschweige denn da hochzukommen.

Ein weiteres Poltern verlangte nach seiner Aufmerksamkeit. Es kam nicht vom Dachboden, sondern aus dem letzten verbleibenden Zimmer.

Grube, dachte Kubinsky kalt und wurde plötzlich ganz ruhig. Der Junge war vermutlich eh nicht mehr zu retten, wahrscheinlich lange tot, bis er eine Möglichkeit gefunden hatte, zu ihm zu gelangen. Aber immerhin konnte er sicherstellen, dass sein Mörder nicht entkam.

Von absoluter Gewissheit und Selbstsicherheit erfasst, langte Kubinsky nach seiner Waffe, zückte sie und bewegte sich langsam auf die letzte Tür zu.

Schreckmoment Bearbeiten

Kubinsky stand mit dem Rücken zur Wand  neben der Tür und legte vorsichtig seine Hand auf die Klinke. Die Grube wusste sehr wahrscheinlich, dass er hier stand, was bedeutete, dass er schnell sein musste, wenn er nicht erschossen werden wollte. Er atmete ein letztes Mal tief durch.

Mit einem Ruck, drückte er die Klinke hinab, stieß die Tür auf und warf sich mit einer geschmeidigen Bewegung in den Rahmen. Die Waffe hielt er erhoben vor sich, erfasste mit seinen durch das Adrenalin geschärften Sinnen augenblicklich die Lage und richtete sie auf die verwirrt dreinblickende Kommissarin.

Die Grube saß in der Mitte des in rosarot gestrichenen Zimmers. Mit einer Hand stützte sie sich ab, um nicht benommen wie sie war, umzukippen, mit der anderen hielt sie sich den vermutlich stark schmerzenden Kopf. Blut lief ihr das Gesicht herab und verteilte sich in kleinen Lachen auf dem weißen, kuschligen Teppich unter sich. Ein Bild der Gegensätze, welche Kubinsky jedoch völlig entgingen.

„Kubinsky, was…“

„Klappe halten!“, brüllte dieser sogleich. „Ich weiß genau, was du hier spielst!“ Doch ungebändigte Wut hin oder her, im selben Augenblick, in dem er das gesagt hatte, war er sich selbst nicht mehr so sicher.

„Was… wovon redest du da…?“ Sie sprach mehr in unverständlichem Genuschel, als in klar artikulierten Worten.

„Der Mord an Reinhart und Griedfeld. Nicht zu vergessen, die Brandons.“ Obgleich er bereits anfing zu zweifeln, war die von ihm konstruierte Wahrheit noch zu präsent, als dass er sie einfach so beiseiteschieben konnte.

„Griedfeld… ist tot? Andreas, was ist passiert?“

„Das solltest doch gerade du ganz genau wissen, also tu nicht so.“ Doch Kubinsky sprach bei weitem nicht mehr so gefasst wie noch vor wenigen Sekunden.

„Ich weiß überhaupt nichts…“, widersprach die Grube. „Nur, dass ich vom Keller nach oben gegangen bin und dann… niedergeschlagen wurde. Als nächstes erwache ich hier und werde von dir bedroht. Wo wir gerade dabei sind, könntest du bitte die Waffe runternehmen?“

„Nein.“

Sie blinzelte irritiert, bis sie endlich begriff. „Moment. Du glaubst, ich bin hierfür verantwortlich?“

Nein, eigentlich glaubte er das nicht mehr. Andererseits, wusste Kubinsky so langsam überhaupt nicht mehr, was er noch glauben sollte und was nicht. Doch das sollte schon gleich nicht mehr wichtig sein. Ein Aufblitzen lenkte Kubinsky’s Aufmerksamkeit, auf etwas anderes.

„Was ist das da?“ Er deutete auf Grubes Brust.

Diese sah verwirrt herunter und erfasste dann den Gegenstand, welcher dort ruhte. Es war ein Schlüsselbund, befestigt an einer Schnur, welche wie eine Kette um ihren Hals lag.

„Das… keine Ahnung.“

„Ist das der Hausschlüssel?“

„Ich weiß nicht… möglicherweise?“

„Du weißt es nicht? Wie kannst du das nicht wissen?“ Kubinsky begann wieder sich in Rage zu reden, war drauf und dran, alle Vernunft über den Rand zu kippen und einfach zu tun, was er für richtig hielt.

„Andreas…“

„Nenn mich nicht so! Und hör auf mich anzulügen. Wie lange trägst du den Schlüssel schon bei dir? Die ganze Zeit? Wolltest du gemütlich hier herausspazieren, nachdem du uns alle erledigt hast? War das dein grandioser Plan?“

„Ich habe keine Ahnung, wovon du da redest, aber wenn du die Waffe runternimmst, dann können wir…“

„Erschieß sie!“ Die Stimme schien von überall gleichzeitig zu kommen. Sie erschallte in Kubinsky‘s Ohren, in seinem Kopf. Und sie erschreckte ihn. Sie ließ ihn zusammenfahren, ebenso wie der Knall, der im gleichen Augenblick ertönte. Vor Schreck hatte er den Finger gekrümmt und den Abzug betätigt.

Jetzt starrte Kommissarin Grube ihn entsetzt aus sterbenden Augen an, ehe sie zur Seite wegkippte. Das Loch in ihrer Brust musste glatt ihr Herz zerfetzt haben. Ihr Blut besudelte den ganzen Raum. Das Kinderbett, das Mobile darüber, die ordentlich aufgereihten Kuscheltiere… Alles in rot getaucht.

Doch Kubinsky sah es nicht. Er sah nur das Funkeln. Sah nur den Schlüssel. Sein Weg raus aus diesem Irrenhaus.

Der Kommissar kniete sich neben die Leiche seiner Kollegin, langte nach dem Schlüssel und riss ihn herunter. Dass er ihn im Grunde genommen immer noch nicht benötigte, um hier herauszukommen, erreichte seinen vernebelten Geist nicht länger. Ehe er sich versah, stand er bereits wieder im Erdgeschoss, vor der Haustür und schob den Schlüssel ins Schloss. Er drehte ihn mühelos um, ein leises Klicken verriet, dass die Tür entriegelt worden war.  

Kubinsky legte seine Hand auf die Klinke und zögerte. Irgendetwas stimmte hier nicht, irgendetwas hatte er übersehen. Aber egal, dafür war es jetzt auch zu spät. Er öffnete die Tür und trat nach draußen. In die Freiheit, in die Sicherheit.

Der Dachboden Bearbeiten

Es war dunkel, schummrig. Kubinsky hatte das Licht von Straßenlaternen erwartet, doch davon war hier nichts zu sehen. Ein sanfter Schimmer durchflutete die Finsternis, seine Augen brauchten einige Sekunden, um sich anzupassen und mit jeder Verstreichenden, sah er mehr und mit jeder Verstreichenden, zweifelte er an seinem Verstand.

Wie kann das sein?

Kubinsky war durch die Eingangstür gegangen und nun auf dem Dachboden gelandet.

Und da baumelte er. Griedfelds lebloser Körper baumelte inmitten des sonst leeren Dachbodens nach links und rechts und dass obwohl kein einziger Windhauch zu spüren war. Unablässig baumelte er, hin und her, hin und her. Und starrte ihn aus seinen hervorgequollenen, toten Augen vorwurfsvoll an.

Du hättest mich retten können, schienen sie zu klagen. Wenn du nur schnell genug gewesen wärst, wenn du dich einfach zusammengerissen hättest. Aber das wolltest du gar nicht, nicht wahr? Für dich war ich nur ein nutzloser, jämmerlicher Anwärter, der es nie zu etwas bringen würde. Deswegen hast du mich sterben lassen. Bist stattdessen lieber deinen Rachegelüsten nachgegangen.

„Aber Sie haben eine Unschuldige ermordet.“

„Was?“, stammelte Kubinsky. Hatte er diese Stimme wirklich gehört? Aber außer ihm war niemand hier, wer also könnte…?

„Ich hänge hier direkt vor Ihnen, Sir, und dennoch sehen Sie mich nicht. Dabei habe ich so große Hoffnung in Sie gesetzt.“

Die Lippen… sie bewegen sich! Kubinsky erstarrte. Sein Blick ruhte auf den blassen Lippen des Toten, der zu ihm sprach. Seine Augen schauten noch immer in die Leere, sein Körper schwang noch immer in seinem steten Rhythmus hin und her, doch allen Naturgesetzen zum Trotz, bewegten sich seine Lippen und brachten lebendige Klänge hervor.

„Ich bin verrückt“, murmelte Kubinsky. „Habe den Verstand verloren.“

„Oh nicht doch, Sir!“, lachte der Tote, doch es klang nicht amüsiert, nur… leer. „Sie sind alles andere als verrückt. Ein wenig durcheinander vielleicht, von Gefühlen vertrieben, ohne Frage. Wie sonst hätten sie ruchlos ihre Kollegin erschießen können?“

„Das war ein Unfall!“, brüllte der Kommissar, glaubte seinen eigenen Worten jedoch nicht. Abgesehen davon: Warum zum Teufel rechtfertigte er sich vor einem Verstorbenen?

„War es das wirklich, Sir? Oder wollten Sie auch sie schlicht und ergreifend tot sehen? Eine Frau, völlig nutzlos in ihrer Berufsklasse?“

Nein, das stimmte nicht. Er konnte sie nie leiden, ohne Frage, aber deswegen hätte er sie nicht einfach umgebracht. Für den Mord an seinem Partner, freilich, dafür hätte sie den Tod mehr als verdient, so sie es denn wirklich war, aber das hatte er ja noch nicht in Erfahrung gebracht. Er hatte sich erschrocken, vor einer Stimme…

„Vor deiner Stimme…“

Der Mund des Toten öffnete sich. Ein tonloses Lachen ertönte, es jagte Kubinsky einen Schauer über den Rücken.

„Was geht hier vor sich?“ Zur Antwort klingelte plötzlich Kubinsky’s Handy. Dieser fuhr erschrocken zusammen, da das Klingeln in dem leeren Dachboden von allen Seiten erschallte. Er holte das Handy hervor und starrte ungläubig auf den kleinen Monitor.

„Gehen Sie schon ran, Sir.“

Auch wenn sich alles in ihm dagegen sträubte, tat er es. Er nahm den Anruf entgegen. „Kubinsky.“

„Andreas“, meldete sich eine vertraute Stimme aus der Zentrale zu Wort. „Wir haben hier einen Anrufer, der zu dir durchgestellt werden will. Einen Moment bitte.“

Nein…, dachte Kubinsky. Er wollte nicht hören, wer da zu ihm durchgestellt wurde. Obgleich er es schon wusste.

„H-Hallo?“, meldete sich eine verunsicherte Stimme auf der anderen Seite. „Mein Name ist Sven Brandon, ich stehe hier vor der Wohnung meiner Großeltern und…“

„Sie sind tot“, unterbrach Kubinsky ihn. „Genauso wie deine Eltern. Sie sind alle tot.“

Stille. Dann: „W-was? I-Ich… Ich verstehe nicht.“

„Du verstehst sehr wohl. Ich habe doch bereits gesagt, dass ich deine Stimme erkannt habe, Griedfeld.“

Erneutes Lachen, sowohl aus dem Handy, als auch aus dem Mund des Leichnams. „Sehr gut kombiniert, Sir, wirklich sehr gut.“ Die Verbindung wurde abgebrochen. Jetzt, da die Wahrheit ausgesprochen war, waren solche Tricks nicht mehr nötig.

„Wer bist du wirklich?“

„Kennen Sie den Kuckuck, Sir?“, fragte Griedfeld ausweichend.

„Lass den Blödsinn Junge und erklär mir einfach, was hier vor sich geht!“

„Der Kuckuck legt seine Eier in das Nest eines fremden Vogels. Dort schlüpft das Junge, wird von den liebevollen Eltern versorgt, während ihre eigentlichen Kinder sterben. Ich musste auf schmerzliche Weise erfahren, dass Menschen nicht so leicht zu überlisten sind. Das Kind der Brandons zu töten hat nicht gerade dazu beigetragen, dass sie den tiefsten Wunsch empfinden, mich bei sich aufzunehmen und sich um mich zu sorgen.“ Der Leichnam zuckte mit den Schultern. „Also habe ich sie umgebracht.“

„Das ist Wahnsinn.“ Kubinsky verstand nur die Hälfte dessen, was der Junge – der Leichnam! – da erzählte und eigentlich interessierte es ihn auch nicht länger. Er wollte nur hier raus, wollte das dieser Irrsinn ein Ende hat. Wollte aus diesem schrecklichen Albtraum erwachen!

„Nein“, widersprach Griedfeld. „Nein, nein, nein. Ich war vielleicht etwas ungehalten, aber wahnsinnig bin ich nicht!“

„Soll mir recht sein“, seufzte Kubinsky. Er hatte zwar noch immer eine Scheißangst, aber nun, da er wusste, wer hier die Fäden zog, konnte er die Leiche einfach nicht mehr ernst nehmen. Er war nur ein Junge, gottverdammt! Ein Niemand! Dass ein solcher Wicht seinen Partner umgebracht hatte, machte ihn eher wütend, als ihn noch mehr Furcht einzuflößen. Strenggenommen legte er selbst seine Angst Schicht für Schicht ab. Dies hier konnte nur ein Traum sein, schließlich redete er mit einer Leiche und vor Träumen musste man sich nicht fürchten.

„Ich muss nur aufwachen.“

„Aber das wird nicht geschehen.“ Plötzlich wurde es stockdunkel, wenn auch nur für einen Wimpernschlag. Doch als Kubinsky wieder sehen konnte, war der hängende Leichnam verschwunden. Stattdessen stand Griedfeld quicklebendig genau vor ihm. Aus einem Reflex heraus hatte Kubinsky seine Waffe hochgerissen und richtete sie auf den Jungen.

„Also bitte, Sir…“ Griedfeld kam noch ein Stück näher, hob die Hand, legte sie auf den Lauf der Waffe, stemmte seine Stirn dagegen. „Schießen Sie ruhig.“

Kubinsky regte sich keinen Millimeter.

„Schießen Sie!“

Da war er wieder, der Schreck. Sein Finger zuckte, die Waffe wurde abgefeuert. Die Kugel durchdrang mühelos Griedfelds Schädel, schoss auf der anderen Seite wieder hinaus, zerfetzte das Hirn, Knochen und Haut, hinterließ nichts als ein klaffendes, durchgängiges Loch. Und trotzdem stand der Junge noch und er grinste.

„Sehen Sie?“, fragte er gelassen und entwendete Kubinsky seine Waffe aus den nunmehr schlaffen Händen.

„Was bist du?“, hauchte der Kommissar. Er glaubte plötzlich nicht mehr an einen Traum, genauso wenig wie er noch daran glaubte, hier lebend rauszukommen.

„Das tut nichts zur Sache, abgesehen davon, dass Sie es sowieso nicht verstehen würden. Sehen Sie mich einfach als einen Kuckuck in Menschengestalt, der sich nichts mehr wünscht, als eine Familie, die ihn liebt und umsorgt.“

Das war verrückt. Und dennoch nickte Kubinsky. Diese Erklärung war so gut wie jede andere. Vor ihm stand eine Bestie, dass erkannte er nun. Eine Bestie, die sich als Mensch tarnte. Diese Bestie würde jeden Moment ihre Krallen ausfahren und ihn zerfetzen, ihn mit ihren Reißzähnen erlegen und alldem ein gnadenvolles Ende bereiten. Er sehnte sich danach. Mit dieser Wahrheit wollte Kubinsky nicht länger leben.

„Aber, aber“, mahnte Griedfeld und wackelte dabei mit seinem Zeigefinger vor Kubinsky‘s Gesicht. „Haben Sie mir denn nicht zugehört, Sir? Ich suche noch immer eine Familie, da wäre es doch dumm, jeden dahergelaufenen Trottel, der mir hinterherjagt einfach umzubringen, finden Sie nicht? Was glauben Sie, warum ich mir die Mühe gemacht habe, Sie alle hierherzulocken? Warum ich persönlich hier war und ihren Partner getötet habe?“

Nicht nur das, du hast auch die Grube getötet.

„Oh nein“, widersprach Griedfeld, der scheinbar seine Gedanken lesen konnte. Und warum auch nicht? Wenn eine Bestie sich als Mensch ausgeben konnte, wieso sollte sie dann nicht auch Gedanken lesen können? Warum sollte sie nicht dafür sorgen können, dass man durch eine Haustür tritt und auf dem Dachboden landet? Oder massiven Holzboden einfach verschwinden lassen? „Sie haben ihre Kollegin getötet, darüber haben wir doch schon gesprochen.“

„Was willst du von mir?“ Schuldzuweisungen  spielten jetzt auch keine Rolle mehr. Offensichtlich wollte Griedfeld ihm nicht die Gnade des Todes gewähren. Was also wollte er dann?

„Ich merke schon, Ihre Aufmerksamkeitsspanne lässt zu wünschen übrig. Also gut. Was ich will, ist simpel: Ich möchte, dass Sie meine Familie werden, Kubinsky.“

Kubinsky hörte die Worte in aller Deutlichkeit. Sie schnitten wie Klingen durch sein Bewusstsein und genauso sehr schmerzten sie. Er sollte die Familie dieses Wahnsinnigen werden? Eher würde er…

„Sterben?“, beendete Griedfeld seinen Gedanken und seufzte dann theatralisch. „Das hatten wir doch schon. Wenn ich Sie tot sehen wollte, hätte ich es schon längst getan. Aber gut, bitte. Wenn sie unbedingt wollen, hier.“

Griedfeld reichte ihm seine Waffe und Kubinsky nahm sie entgegen, ohne zu zögern. Mit einer einzigen fließenden Bewegung nahm er sie hoch, richtete sie sich von unten an die Kehle und drückte ab. Was folgte, war erlösende Dunkelheit.

Zu den Akten gelegt Bearbeiten

 Anmerkung von Kommissar Wellton:

Tja und hier endet Kubinsky‘s mündlicher Bericht. Um fünf vor neun ist die Spurensicherung am Ort eingetroffen, kurz zuvor hatte die Zentrale einen Anruf bekommen, dass aus dem Haus Schüsse zu hören gewesen wären. Wenn wir dem Bericht Glauben schenken, dann sind also binnen nicht einmal zwanzig Minuten vier beziehungsweise drei Polizisten gestorben.

Nur leider weicht die Realität ein wenig von dem Bericht ab.

Als die Spurensicherung keinen der Kollegen am Ort vorfand, riefen sie sogleich die Zentrale, welche Verstärkung schickte. Man entdeckte Reinharts Leiche im Keller, genauso wie von Kubinsky beschrieben. Ebenso fanden sie Grube’s Leichnam im Kinderzimmer der Brandons – die Tochter war erst wenige Wochen zuvor spurlos verschwunden und ist seitdem nicht wiederaufgetaucht. (Vermutlich auch der Grund, warum keine Bilder von ihr an der Wand hingen. Die Eltern hatten sie bereits aufgegeben und wollten die Erinnerungen verbannen). Zuletzt wurde Kubinsky auf dem Dachboden entdeckt. Verstört, katatonisch, aber am Leben. Von Griedfeld fehlt seitdem jede Spur.

Auf Nachfrage hin, was passiert ist nachdem Kubinsky sich – mutmaßlich – erschossen hat, verweigert dieser stets die Aussage. Das Einzige, was wir in diesem Bezug aus ihm herausbekommen haben, sind folgende Worte: „Mein Sohn hat mir verboten darüber zu sprechen.“

Nach reichlicher Untersuchung kamen wir zu dem Schluss, dass Kubinsky während des Falls durchgedreht ist, seine Kollegen ermordet hat und sich danach auf dem Dachboden selbst das Leben nehmen wollte, jedoch aus irgendeinem Grund nicht dazu kam. Naja, das ist zumindest die offizielle Version. So oder so, sitzt Kubinsky mittlerweile in einer Nervenheilanstalt, aus der er wohl nie wieder herauskommen wird und der Fall wurde zu den Akten gelegt.

Was Griedfeld anbelangt: Wenn der Junge noch lebt, ist er untergetaucht. Wir werden ihn vermutlich nie wiedersehen. Die Ereignisse müssen furchtbar für ihn gewesen sein. Das heißt, wenn es sich so zugetragen hat, wie wir vermuten.

Und die Brandons? Gott allein weiß, wer sie auf dem Gewissen hat. Vielleicht war es Kubinsky selbst, vielleicht jemand völlig anderes. Keine einzige Spur führt auch nur zu einem Hauch von Hinweis. Sollte der Täter noch einmal zuschlagen, werden wir ihn finden, wenn nicht, hat er entweder die Lust daran verloren, oder sitzt fest verriegelt in einer Gummizelle.

 

Anmerkung Ende, Unterzeichnet von Kommissar Wellton

 

 

Zusätzliche Anmerkung, Anwärter Griedfeld:

Für eine richtige Familie braucht es mehr, als nur einen Vater und seinen Sohn. Ich denke um diesen Fall zu den Akten zu legen, ist es noch ein wenig zu früh, oder was meinen Sie, Großvater Wellton?

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Hier geht's zum vierten Teil: Wenn Finsternis über die Länder hereinbricht

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