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Der Leuchtschädel

Viele Kunstwerke in unserer heutigen Zeit sind für meinen Geschmack zu fade oder einfach zu belanglos, trist und

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abgedroschen. Vielfach ertappe ich mich dabei, wie ich manch einen Künstler beiseite genommen habe und ihm die Wahrheit direkt ins Gesicht gesagt habe. Es gibt drei Arten von Menschen. Die niedrigste Art von Mensch sind diejenigen die immer auf die Mildtätigkeit und Hilfe anderer hoffen und sich gerne als Opfer sehen. Diese Art von Leute sind meist träge und kennen die Welt kein Stück, weil es sie nicht interessiert, was hier abgeht. Die zweite Art von Menschen, sind meist diejenigen, die die erste Art als Opfer missbrauchen. Das passiert auf zweierlei Art und Weise. Erstens durch körperliche Gewalt, Mord, Raub oder Vergewaltigung oder alles in Kombination - und zweitens durch finanzieller, legaler Weise. Meist gehören Banker, Versicherungsunternehmer oder Vorstandsmitglieder irgendwelcher großen Firmen oder Konzerne dazu. Man kann also sagen, dass die zweite Art, die dritte und niedrige Art größtenteils beherrscht und auch nicht davor zurückschreckt sie ausbluten zu lassen. Dann - zu guter letzt - gibt es Menschen, die über alldem stehen oder zu glauben, dass sie über all diesen Dingen steht. Arrogante Spinner, Künstler, Promis oder Politiker, die meinen die Macht zu haben; was allerdings nicht stimmt.   Meist sind diese Menschen von ihren Projekten sehr begeistert, wenngleich es nicht selten dazu kommt, dass eben diese Projekte sich als größter Mist herausgestellten.

Es war einer der Tage, an denen ich eine übelste Laune hatte und eine Vernissage besuchte, nur um irgendwo abermals einen Künstler zu demütigen, dessen Skulpturen mir nicht im Ansatz gefielen. Warum ist dies tue kann ich nicht mit Sicherheit sagen - nehmen wir einfach mal an, dass ich wieder, wie so oft, Langweile hatte und es deswegen getan hatte. Das ich obendrein noch Kunstkritiker war, machte die Angelegenheit noch faszinierender.

Der Künstler war nur regional bekannt und hoffte durch seine, zweifellos amateurhafte Darbietung, etwas mehr Ruhm für sich selbst einzuheimsen. Presse würde auch da sein und viele Leute, die ich kannte, waren ebenfalls anwesend. Solche Veranstaltungen laufen immer nach dem gleichen Schema ab. Die Besucher kommen, bekommen ein Glas billigen Sekt in die Hand gedrückt und werden dann weitergelassen in die Analen der Galerie. Meist offenbart sich dann das, was der jeweilige Künstler als Kunst ansieht. Die Presse rückt an und macht einige schlechte Fotos, stellt Fragen und notiert sich die Aussage des Menschen, der für diesen Abend im Mittelpunkt steht, während die Besucher mehr gelangweilt als begeistert die Hallen der Vernissage durchlaufen. Hin und wieder werden dem Künstler einige Fragen von der Seite gestellt. Die meisten wagen es nicht, ihm eben die Wahrheit zu sagen. Wenn die Presse dann wieder verschwunden ist, kommt die große Ansprache der Galeristen und Künstler - das übliche Gerede eben.

Die Vernissage war diesmal von merkwürdigen Skulpturen bestückt. Der Meister seines Handwerks war wohl Bildhauer. Jedenfalls stellten seine Ausstellungsstücke Kochen dar, vermutlich von Menschen - waren diese echt? Das erste Mal musste ich feststellen, dass ich wirklich eine Frage auf den Lippen hatte, dessen Antwort mich obendrein noch zu interessieren schien. Ich ging weiter durch die Galerie und hatte den Künstler schon erblickt, wie dieser gerade mit einem der Reporter sprach, der sich hastig Notizen machte. Die beiden standen neben einem brusthohen Podest, worauf ein bläulich leuchtender Schädel zu sehen war. Es waren also doch nur reine künstliche Objekte und keine echten Knochen, schoss es mir durch den Kopf. Der Schädel war schon etwas anderes, als die übrigen Ausstellungsstücke. Er besaß eine nicht definierbare, mystische Aura und als die Presseleute den Saal verlassen hatten, bekam ich die Gelegenheit den Künstler anzusprechen. Er machte auf mich einen beängstigen Eindruck - er schien nicht ganz normal zu sein, was ein Künstler nie ist, doch die Person, die nun vor mir stand, vermittelte in mir ein Gefühl von Unbehaglichkeit und auch ein wenig Angst. Er versicherte mir, dass der Schädel keinesfalls echt sei und aus Stein gefertigt war. Auf die Frage hin, warum dieser Schädel bläulich schimmerte, gab er als Antwort, dass es eine spezielle Farbe wäre, womit dieses Objekt angemalt wurde.

Auf die Frage hin, ob er verkäuflich wäre, erzählte mir der Künstler, dass man diesen Schädel zwar erweben könnte, er aber davon abraten würde, da dieses Kunstwerk schon mehrfach den Besitzer gewechselt hatte. Ich glaubte nicht an Flüche und bezweifelte ernsthaft, dass es so etwas wirklich gibt. Alles in allen war ich recht bodenständig und ich wollte diese Skulptur unbedingt erwerben. Er nannte mir den Preis, der absurd niedrig war und nachdem der letzte Besucher die Galerie verlassen hatte, händigte man mir den Schädel aus - normalerweise müsste man Wochen darauf warten, jedenfalls solange, bis die Ausstellung vorbei gewesen wäre. Doch in meinem Fall machte der Künstler wohl eine Ausnahme.

Eine letzte Warnung des Mannes, der diesen Schädel erschaffen hatte, lag mir noch in den Ohren, als ich nach Hause fuhr.

“Der Leuchtschädel, so nenne ich es, brachte seinen Besitzern nur Unglück. Schicksalsschläge werden kommen. Niemand ist vor ihnen sicher. Noch haben Sie Gelegenheit dieses Kunstwerk loszuwerden und hier in der Galerie zu lassen. Mir brachte der Schädel als einziger Glück, doch jeder, der ihn erwarb, brachte eben diesen nach kurzer Zeit wieder, gezeichnet vom Unglück, das er brachte.”

Während der Autofahrt wurde das bläuliche Leuchten immer intensiver, sodass ich mich während der Fahrt umblicken musste, womöglich aus reiner Neugier. Ich dachte dabei nicht mehr an den Straßenverkehr. Ja -  der Schädel leuchtete und jetzt sogar noch heller als zuvor - das Licht war schon abnormal, sodass ich geblendet wurde und in den Gegenverkehr fuhr.   Das letzte was meine Sinne noch vernahmen, war das ohrenbetäubende  Geräusch einer Autohupe, gefolgt von einem lauten Bremsgeräusch....

ENDE

Poisionskull
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