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Ich liebe die Magie, die Kunst der Illusionen. Der Magier erschafft für sein Publikum eine Welt, von der sie zwar wissen, dass sie nicht echt ist, aber von der sie sich doch nicht erklären können, wie sie funktioniert. Der Mensch war schon immer fasziniert und verängstigt zugleich von dem was er nicht versteht, was über die Grenzen seines Verstandes reicht.

Ein wahrhaft großer Magier schafft es dabei sogar die Illusion so real wirken zu lassen, dass er selbst für einen Moment vollkommen vergisst, dass  er nicht wirklich zaubert, er verliert sich vollkommen in der von ihm geschaffenen Fantasiewelt. 

Ich selbst habe diesen Effekt schon oft erlebt, wenn ich auf meiner eigenen Bühne mein Publikum verzaubere. 

Anfangs war die Magie noch eher ein Hobby, welches ich neben meinem Beruf ausführen musste, aber eine größere Erbschaft und mein Erspartes haben es mir ermöglicht, mich vollkommen meiner Kunst zu widmen. 

Tag und Nacht schraube, säge und bemale ich neue Requisiten für meine Show, ständig fallen mir neue Tricks ein, mit denen ich mein Publikum in Erstaunen versetzen kann. 

Und ein- oder zweimal im Monat ist es dann soweit : Showtime! 


Heute ist wieder so ein Tag. Gestern erst habe ich mein Kostüm fertiggestellt : Ein violetter Frack, welchen ich mit hunderten glitzernden Pailletten benäht habe, eine weiße Anzughose und ein weißes Hemd und dazu eine goldene Fliege, die ebenfalls mit Pailletten besetzt ist. Das ganze wird abgerundet durch einen schwarzen Zylinder, einer wie der aus dem schon die frühen großen Illusionisten Kaninchen, Tauben und viele andere Dinge erscheinen ließen. 

Um ein Magier zu sein reicht es jedoch nicht, gute Requisiten und erstaunliche Tricks zu haben, nein, man muss auch als Person überzeugen. 

Das Publikum muss gefangen sein von der schillernden Person des Magiers, von seinem Charisma, seiner Redekunst und nicht zuletzt auch seinem Äußeren. Niemand soll auf den Hintergrund schauen, zu seinem Nebenmann oder zum Ausgang. Es soll für die Zuschauer gar keine andere Möglichkeit in Frage kommen als nach vorn zu sehen, zur Bühne, zum Magier, dem unumstrittenen Herrscher des Saals, wenn auch nur bis zum Ende der Show. 

Auch wenn ich mittlerweile schon einiges an Erfahrung gesammelt habe, bin ich doch vor jedem Auftritt immer etwas aufgeregt. Schließlich weiß ich nicht, wie das Publikum auf die neuen Illusionen reagieren wird. Werden sie sie vielleicht nicht gut finden? Werden sie sie durchschauen?


Für diesen Abend habe ich einen wahren Klassiker der Showmagie vorbereitet: Die zersägte Jungfrau. 

Zweifelsfrei hat jeder bereits von diesem Trick gehört und jeder weiß grundsätzlich wie er funktioniert, aber zur Magie gehört auch das Element der Überraschung und dazu gehört auch, eine falsche Erwartung zu wecken. Wenn das Publikum etwas Bekanntes erwartet ist es einfacher, es mit etwas Neuem zu überraschen. Und natürlich hat meine Illusion eine unerwartete Wendung. 


Ich spiele ein Klingelzeichen ein, damit das Publikum weiß, dass die Show gleich losgeht und begebe mich auf meine Position hinter dem Vorgang. Einatmen, Ausatmen. Ich bin schon unzählige Male vor Publikum aufgetreten und immer ist alles gut gegangen und das wird es auch heute. 


Das Licht geht an, der Vorhang geht auf, das Publikum applaudiert. 

"Guten Abend, meine Damen und Herren ", begrüße ich meine Zuschauer. Das Publikum ist bunt durchmischt, alt und jung, Mann und Frau, dick und dünn. Auch einige Kinder sind dabei. 

"Herzlich Willkommen, in meinem Theater der Illusionen." 

Wieder applaudiert das Publikum. Mein Blick bleibt kurz an dem einzelnen leeren Platz in der ersten Reihe hängen. 

"Heute", fahre ich fort, "präsentiere ich Ihnen eine der ältesten und bekanntesten Illusionen der Welt: Die zersägte Jungfrau!" 


Während das Publikum wieder applaudiert hole ich vom Rand der Bühne den auf Rollen stehenden Kasten, der ein wenig aussieht, wie ein silbrig glitzernder Sarg mit einigen aufgeklebten Goldsternen. 

Darin liegt meine neue Assistentin. Ich habe sie erst gestern eingestellt und es war nicht ganz einfach sie zu überzeugen. Es ist heutzutage schwer Zauberassistenten zu finden und kaum einer arbeitet länger als eine Show für mich. 


Um den ganzen Trick noch dramatischer wirken zu lassen, ist sie gefesselt und hat einen Knebel im Mund. Sie zappelt und tut, als würde sie versuchen zu schreien, was ihr aufgrund des Knebels jedoch nicht gelingt. Im Showbusiness muss man alles an Dramatik rausholen was man kriegen kann, und wenn das heißt, dass die Assistentin echte Panik spielen muss, dann tut sie das eben. 

"Ich präsentiere Ihnen meine wunderschöne Assistentin. ", das Publikum applaudiert ihr, sie bleibt in ihrer Rolle, zappelt und windet sich. 

" Und ich präsentiere Ihnen ", und dabei drehe ich mich um und hole meine Säge hervor, "meine wunderschöne Säge. " 


Die Säge ist tatsächlich ziemlich schön, das Blatt ist so poliert und glatt, dass man sich in der Oberfläche spiegeln kann. Sie ist außerdem natürlich bis aufs Äußerste geschärft, schließlich will ich Authentizität. Der Griff ist aus schwarzem, glänzendem Holz, aus Hartholz, damit er bei der Benutzung nicht abbricht. 

"Und nun ", fahre ich fort," werden Sie sehen was passiert, wenn so eine böse, scharfe Säge auf eine schöne, junge Frau trifft." Ich setze die Säge am dafür vorgesehen Schlitz an. Kurz erhasche ich einen Blick auf den Bauch meiner Assistentin, den das Kostüm, das ich für sie gemacht habe, freilässt. Ihr Atem geht schnell und stoßweise. Sicherlich ist sie nervös, aber das ist wohl normal, denn schließlich tritt sie das erste Mal vor Publikum auf. 


"Ruhig. ", flüstere ich ihr zu, während ich beginne zu sägen. Doch sie beruhigt sich nicht im geringsten. Manche Menschen sind eben für die Bühne gemacht und andere nicht. 

Doch ich lasse mich nicht beirren, ich säge und säge weiter, säge weiter durch das weiche Holz des Kastens, säge weiter auch als ich auf Widerstand stoße, säge weiter auch als die erstickten Schreie meiner Assistentin immer lauter werden (sie geht wirklich ein wenig zu sehr auf in dieser Rolle), säge weiter, bis die Zähne meiner Säge durch den Boden des Kastens brechen und seine beiden Hälften zur Mitte hin umstürzen. 

Das Publikum schweigt. Ob vor Staunen oder Entsetzen lässt sich nicht sagen. 

Doch diese Reaktion kenne ich zur Genüge. Nach dem ersten Teil meiner Vorführung kriege ich sie eigentlich immer. Doch nach dem zweiten Teil ist das Publikum dann restlos begeistert. Ich persönlich nenne diesen zweiten Teil : Das Erwecken. 


Ich gehe zum vorderen Teil des zersägten Kastens und öffne ihn. Die immer noch sehr schöne obere Hälfte meiner Assistentin blickt mir entgegen. 

Ich hebe sie vorsichtig an, mit beiden Armen, nicht dass sie mir herunterfällt,und trage sie zu dem freien Platz in der ersten Reihe, den ich extra für sie freigehalten habe. Ich setze sie hin, achte darauf, dass sie nicht umkippt und löse ihre Fesseln, nehme ihr den Knebel aus dem Mund. 

Ich fixiere ihren Oberkörper mit einem Gurt an dem Sitz, dann nehme ich ihre Hände und befestige sie mit Schlingen an jeweils einer der beiden vor ihr von der Decke hängenden Stangen. Ich betrachte mein Werk noch ein Mal kritisch, bevor ich wieder die Bühne betrete und zu meinem Publikum spreche: "Meine Damen und Herren, passen Sie auf, denn nun wird unsere arme zersägte Jungfrau wiedererweckt!" 

Mit diesen Worten drücke ich einen Knopf auf der Fernbedienung in meiner Hosentasche. 

Und : Meine Assistentin bewegt sich! Sie klatscht, sie applaudiert, so wie auch das ganze Publikum klatscht, von dem sie von nun an immer ein Teil sein wird. 

Sie sieht gut aus neben den anderen Zersägten, Ertrunkenen, Zerhackten und Erstickten, sie alle sind wiedererweckt worden, sie alle applaudieren mir. 


Es stimmt, ein wahrlich großer Magier schafft es Illusionen so real wirken zu lassen, dass er sich selbst vollkommen darin verliert und ich bin über die Jahre zu einem Meister darin geworden, mich selbst zu täuschen. 


Ich bilde mir ein eine alte, leerstehende Lagerhalle wäre mein "Theater der Illusionen" , ich bilde mir ein Haufen Leichen an mechanisch bewegbaren Stangen wäre mein Publikum und ich bilde mir ein ich wäre kein Mörder, sondern ein Magier. 

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