Es begann an einem heißen Sommertag. Die Temperaturen lagen weit über der 30er-Marke, darum wartete ich auch auf die späten Nachmittagsstunden, um einen, hoffentlich erholsamen, Spaziergang zu starten. Früher hatte ich das sehr oft gemacht, doch mit dem Ende der Schulzeit und dem Einstieg ins Arbeitsleben blieb kaum noch Zeit für mein Privatleben und die wollte ich anders nutzen. Doch da mir in letzter Zeit der Stress immer mehr über den Kopf gewachsen war und ich gehört hatte, dass ein paar Schritte an der frischen Luft der Seele guttun, beschloss ich wieder mit dem Gehen anzufangen.
So trat ich beim letzten Glockenschlag der Kirche, der verriet, dass es nun etwa 18.00 Uhr war, vor die Tür meiner kleinen Wohnung, nur bewaffnet mit einer Trinkflasche in einem gemütlichen Rucksack, meinem Smartphone und meinen Kopfhörern. Letztere koppelte ich an mein Handy, öffnete Spotify und startete meine Lieblingsplaylist. So startete nun der Spaziergang. Schon nach den ersten Schritten meinte ich zu spüren, wie ein Teil meiner Last schlagartig abfiel und Entspannung eintrat. Zuerst mussten einige Häuser mit Wohnungen passiert werden. Dabei grüßte ich diejenigen, die mir entgegenkamen, und sie grüßten zurück, wie es sich in einer kleinen Gemeinde nun mal gehörte. Da ich aber immer schon eine eher menschenscheue Person war, entschied ich mich für einen kleinen Weg abseits der Häuser. Nur noch an einem kleinen Bauernhaus vorbei und schon betrat ich den kleinen Weg.
Dieser wurde sowohl von Fußgängern als auch den Landwirten benutzt, um mit ihren Traktoren zu den Feldern zu fahren, was auch eindeutig an den Spuren im Boden zu erkennen war. Auf der linken Seite befand sich auch ein großes Maisfeld, welches schon sehr schön und hoch gewachsen war. Rechts befand sich ein kleines Waldstückchen, welches immer schön anzuschauen war und eine gewisse Ruhe ausstrahlte.
Immer den Blick herumschweifend und meine Lieblingsmusik in den Ohren ging ich also den Weg entlang. Zwischendurch erblickte ich eine Katze auf der Seite liegen, machte aber sicherheitshalber einen kleinen Bogen um sie. Man weiß ja nie, ob so ein Tier irgendeine Krankheit oder ähnliches hat. Ich habe die Menschen, die jedes fremde Tier, das sie sehen, sofort streicheln müssen, noch nie verstanden.
Obwohl ich den Spaziergang extra spät begonnen hatte, waren die Temperaturen immer noch sehr heiß und ich begann langsam zu schwitzen. Ich nahm meinen Rucksack in die Hand, öffnete ihn, blickte nach unten und nahm meine Flasche heraus. Als ich wieder aufblickte, stockte mir kurz der Atem. Ich hätte schwören können, dass ich an diesem Wegstück schon vorbeigegangen war. Eigentlich müsste ich mich schon ganz woanders befinden - so lange, wie ich schon gegangen war. Einen Schluck Wasser nehmend erklärte ich mir selbst, dass es mir wohl nur so vorkommen würde, als wäre ich schon so weit gegangen. Vielleicht war ich ja auch einfach nur besonders langsam heute. Um mich davon zu überzeugen, blickte ich auf meine Handyuhr, die 18.34 Uhr anzeigte. Das bestätigte mein logisches Denken, und die Entscheidung weiterzugehen stand fest.
Als ich aber dann einige Zeit später nochmal auf meine Uhr sah, ließ ich fast mein Handy fallen. 18.34 Uhr zeigte es. Aber das konnte doch gar nicht sein. Es mussten doch mindestens fünf Minuten seit dem letzten Nachschauen vergangen sein. Plötzlich überkam mich ein sehr bedrückendes Gefühl der Panik, auch wenn es erstmal nur gering war. In meine Angst entschied ich mich, mein Tempo etwas anzuziehen. Bald begann ich langsam zu joggen, doch als das auch nichts brachte, erhöhte ich das Tempo noch mehr. Immer schneller und schneller lief ich, doch ebenfalls erfolglos. Die Schweißperlen, die langsam an meinem Gesicht herunterliefen, lösten das dauerhafte Bedürfnisse aus, eben jene wegzuwischen, und ich hielt an.
Ich scannte die Umgebung und musste mit Schrecken feststellen, dass das Kornfeld, aber vor allem der Wald viel dichter waren als sie normalerweise hätten sein sollen. Man konnte gar nicht mehr durch den Wald hindurchsehen. Fast wie eine Mauer aus Bäumen und Geäst. Weil die großen Bäume einen guten Schatten boten, trat ich erstmal näher zu ihnen und setzte mich hin, um kurz zu ruhen und Kraft zu tanken.
In meiner Verzweiflung zückte ich mein Handy und versuchte meine Freunde zu erreichen. Als meine Anrufe nicht durchkamen, wunderte es mich allerdings nicht. Hektisch trennte ich die Verbindung meiner Kopfhörer zu meinem Handy und aktivierte den Stromsparmodus, um für alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Einen letzten Versuch startend drehte ich mich um und versuchte nun über den gleichen Weg wieder herauszugehen, über den ich gekommen war. Wie ein aufgeschrecktes Reh wirbelte mein Blick hin und her, um alles wahrzunehmen, was mir helfen konnte zu verstehen, was hier los war. Dies blieb allerdings erfolglos. Immer öfter griff ich zu meiner Wasserflasche, deren Inhalt sich schneller leerte, als mir lieb war. Auch wenn es schon bald 19.00 Uhr sein musste, war es unangenehm heiß, was jeden Tropfen wichtig machte. Ich nutzte die kleinen, kühleren Schatten, die durch die Bäume geworfen wurden, traute mich aber nicht näher als einen Meter an den Wald heran. Wer wusste, was hier sonst noch lauerte. Im Wald selbst wäre es sicher angenehm kühl gewesen, aber dieses Risiko konnte ich nicht eingehen. Ich wollte einfach so schnell wie möglich weg von hier.
Eine gefühlte Ewigkeit später war die Flasche bis auf den letzten Tropfen geleert und auch mein Magen meldete sich. Das viele Gehen und zwischenzeitliche Sprinten auf leeren Magen waren wohl keine gute Kombination. Essen hatte ich allerdings keines bei mir, da ich ja auch nicht wissen konnte, dass dieser Spaziergang so lange dauern würde. Mir wurde schmerzlich bewusst, dass das Umdrehen nichts gebracht hatte. Alles sah gleich und fremd aus. Ich war diesen Weg schon oft gegangen und wusste doch eigentlich, wie dieser aussah, doch nun konnte ich ihn kaum wiedererkennen. Mir blieb nichts anderes übrig als weiterzugehen.
Mit der Zeit wurde die Temperatur angenehmer. Zuerst freute ich mich, doch musste ich feststellen, dass die geringere Temperatur daher kam, dass es spät wurde. Meine Handyuhr zeigte immer noch 18.34 Uhr an, doch der Himmel verdunkelte sich. Was auch immer hier falsch lief, Nacht wurde es trotzdem.
Mit jedem Schritt, den ich tat, sank die Sonne ein kleines Stück mehr. Das Licht wurde schwächer und schwächer und die Temperatur wechselte von einer angenehmen Kühle zu einer richtigen Kälte. Mir wurde klar, dass ich hier heute nicht mehr wegkommen würde und die Nacht hier verbringen musste. Während ich weiterging, konzentrierte ich meinen Blick bereits auf mögliche Schlafplätze. Die Äste der Bäume ähnelten dürren Armen, die in meine Richtung griffen. Die Kälte war beißend wie eine Horde Piranhas. Selbst wenn ich einen halbwegs geeigneten Platz gefunden hätte, hätte ich kaum eine Möglichkeit gehabt mich warmzuhalten. Aus diesem Grund entschied ich mich, mich dem Maisfeld zu nähern, und begann alles, was annähernd groß genug war, um zumindest einen kleinen Teil von mir zu überdecken, herauszureißen. Das wollte ich dann als obligatorische Decke verwenden. Viel würde es nicht bringen, aber es war besser als nichts. Allerdings hatte ich Angst, direkt neben dem Feld zu schlafen, und versuchte mich so zentriert wie möglich auf den Weg zu legen. Auch wenn es wohl keinen Unterschied machte, ob ich jetzt direkt beim Feld oder ein kleines Stück weiter weg liege, fühlte ich mich so viel sicherer. Als Polster benutze ich meinen Rucksack und überdeckte mich dann mit dem Herausgerupften. Durch die Anstrengungen der letzten Zeit kam der Schlaf auch überraschend schnell …
Das Nächste, was ich wahrnahm, war ein leichter Druck, der von dem Gestrüpp ausging. Anfangs kaum merklich, aber der Druck erhöhte sich von Moment zu Moment. Das zuvor zerfetzte Material wirkte jetzt wie eine homogene Masse. Man konnte förmlich sehen, wie sich diese Masse bog, nur um näher und näher an den Boden zu gelangen. Mit aller Kraft versuchte ich das Gestrüpp wegzudrücken. Doch gegen diese mysteriöse Kraft hatte ich keine Chance. Das Atmen fiel mir immer schwerer und ich konnte spüren, wie mein Brustkorb zusammengedrückt wurde. Niedergeschlagen und ohne Hoffnung schloss ich meine Augen und hörte auf, dagegen anzukämpfen…
Meine Augen öffneten sich. Mein Körper schnellte nach oben, wobei meine „Decke“ in mehreren Stücken von mir abfiel. War das nur ein Traum gewesen oder wirklich passiert? Was auch immer. Es war eindeutig alles andere als ein gutes Zeichen. Durch das durch Angst freigesetzte Adrenalin war an Schlafen nicht mehr zu denken. Der Mond, der fast voll war, schien überdurchschnittlich hell, wodurch ich alles zumindest halbwegs sehen konnte.
Ein leichter Wind zog vorbei, der die Äste bedrohlich schaukeln ließ und ein lautes, unangenehmes Rascheln im Feld erzeugte. Angstschweiß entstand an jeder Stelle meines Körpers, was mich in der Kombination mit der leichten Brise nur noch weiter herunterkühlte. Ich hatte keine Wahl, ich musste nun die Initiative ergreifen. Wenn ich einfach hier weiter liegen oder den Weg entlang gehen würde, würde ich mein Todesurteil unterschreiben. Eine neue Taktik musste her, doch viele Möglichkeiten gab es nicht. Einerseits das Feld, welches mich entweder im Traum oder in Echt fast erdrückt hätte, oder der dunkle Wald, der einfach nur bedrohlich aussah. Die Entscheidung fiel mir leicht. Das Feld war gefährlich, da war ich mir sicher, aber der Wald könnte der Fluchtweg sein.
Entschlossen stemmte ich mich auf, schaltete meine Handy-Taschenlampe ein und schlang meinen Rucksack um meinen Rücken. Das Handy hatte noch fast die Hälfte seiner Akkulaufzeit. Zumindest ein Problem weniger. Mit langsamen Schritten näherte ich mich dem Wald. Wieder ging ein kleiner Windstoß durch die Luft. Ich nahm meinen Mut zusammen und tat den ersten Schritt und es geschah…
Nichts!
Es war alles normal, ein Wald im dunklen eben. Ein leichtes Gefühl der Euphorie machte sich breit und ich ging Schritt für Schritt immer schneller weiter. Mein Blick fiel dabei vor allem auf den Boden, um nicht über eine der knorrigen Wurzeln zu stolpern. Des Weiteren konnte ich kleine, tiefe Mulden erblicken, als hätten übergroße Spitzen in den Boden gestochen. Es war sehr schwer, alles mit einer kleinen Taschenlampe als Lichtquelle im Blick zu halten. Und dann geschah das, was nicht zu vermeiden war. Ich fiel zu Boden. Zum Glück war ich auf ein kleines Plätzchen mit Moos darauf gefallen, welches meinen Fall gut abfederte. Hastig wirbelte mein Blick nach hinten, um die Wurzel oder Grube zu finden, über die ich gestolpert war. Diese kurze Suche war aber erfolglos. Mein Level an Panik stieg nun in zuvor unbekannte Höhen. Hatte sich da etwas bewegt?
Ich musste weiter. Sofort!
Durch das neue Adrenalin ließ ich mich dazu hinreißen, einen Sprint anzuziehen. Gekonnt mied ich die Äste und andere Hindernisse. Diese Angst setzte eine nie zuvor gespürte Kraft und Reaktionszeit frei, sodass ich trotz der schlechten Sicht und den schlechten Bedingungen ohne Probleme durch den Wald rasen konnte.
Einige Zeit später, doch immer noch im tiefen Wald erblickte ich etwas schemenhaft vor mir. Es schien sich zu bewegen. Nicht so wie Äste im Wind, sondern wie ein Tier. Zögerlich und mit schwerem Atem bewegte ich mich ein paar Schritte nach hinten. Ein Zischen zog durch die Luft. Ich konnte es sehen. Es war ein riesiges Ding, das mit unglaublicher Geschwindigkeit auf mich zukam. So als würde ein Riese eine Keule schwingen. Geistesgegenwärtig sprang ich nach rechts. Kurz dachte ich, dass ich es überstanden hätte, doch ein stechender Schmerz in meinem Bein ließ das kurze Gefühl des Erfolges verschwinden. Ich war getroffen und alles wurde schwarz… Ich erwachte, immer noch am Boden liegend, mit einem schmerzenden Bein. Versuche, aufzustehen waren mit diesem Bein unnötig. Keine Chance. Hier komme ich nicht mehr hinaus.
Ich schreibe meine Geschichte auf meinem Handy auf und hoffe, dass sie als Warnung reicht, um die Menschen vor diesen Weg zu warnen. Ich weiß nicht, warum es mich getroffen hat. Warum ich in diesen Teufelskreis gekommen bin. Ich hoffe nur, ich bin der Einzige, den das getroffen hat, …
„Er hätte durch das Feld gehen sollen“
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