Der Wagen bremste auf Schrittgeschwindigkeit, als er von der Landstraße in eine von Ästen versteckte Einfahrt einbog. Der Weg führte nun in einen Wald hinein. Dies also soll sie gewesen sein. Der Beginn der Abkürzung, von der Matt gesprochen hatte. Eine ganze halbe Stunde Fahrzeit soll sie einsparen, doch auf dem Navi war dieser Weg nicht sichtbar. Und die Beschaffenheit des Weges, der offenbar mehr für Wanderer als für Autos gemacht war lies Lisa unruhig aus dem Fenster schauen. Die Nacht war angebrochen. Halloween hatte begonnen.
Lisa war als Zauberfee verkleidet. Matt hingegen hatte sich als Zombie rausgeputzt. Sein Gesicht war zu einem Totenkopf bemalt, aus dem widerwärtige Maden hervor quolen. Beide waren auf eine Halloweenparty eingeladen. Doch Lisa und Matt führten eine Beziehung, die kurz vor ihrem Ende stand. Die Tage des Verliebtseins waren schon lange vorbei und Lisa spielte mit dem Gedanken, dass, nach dieser Halloweennacht, Schluss ist. Dementsprechend angespannt war auch die Stimmung im Auto. Es hatte den Anschein, dass Lisa Matts Anwesenheit schon so satt hatte, dass sie Matts Anblick nicht ertragen konnte. Matt hingegen war derjenige von beiden gewesen, der an der Beziehung festhielt und sie unbedingt am Leben halten wollte. Er liebte Lisa immer noch und der Gedanke an eine Trennung war für ihn unvorstellbar. Umso mehr nervte es ihn, dass Lisa mit anderen Männern flirtete und dies sogar offen zugab. Sie blickte die ganze Zeit auf ihr Handy worauf die Eifersucht von Matt Besitz ergriff und sich ihm die Frage stellte mit wem Lisa schrieb.
"Mit wem schreibst du, Schatz ?", fragte Matt, worauf Lisa genervt ihre Augen verdrehte. Sie hasste es, wenn Matt sie Schatz nannte. "Mit einem Freund. Aber das ist meine Sache Matt, das geht dich gar nichts an". Die Äste und Zweige griffen nach dem Auto und kratzen an ihren Fenstern. "Ich will mich auch gar nicht in dein Privatleben einmischen. Es ist nur so, dass ich, als dein Freund, ein Recht darauf habe über gewissen Dinge bescheid zu wissen". Lisa seufzte. "Und die wären ?", entgegnete sie. "Na ja eben in dem du mir von dir erzählst, mit wem du neue Bekanntschaften schließt oder neue Freundschaften...". "Ich schreibe mit Tristan", unterbrach Lisa Matt. Wieder spürte er die Eifersucht in ihm hochkriechen. "Wer ist Tristan ?", fragte er. "Ein Arbeitskollege. Aber wir verstehen uns sehr gut. Kann also sein, dass noch mehr daraus wird". Dieser Satz hatte gesessen. Matt musste sich zusammennehmen, um keinen Streit auszulösen und Lisa nicht furios anzugehen, auch wenn Lisa dies offensichtlich provozierte.
"Du weißt doch, ich mag das nicht, wenn du so über andere Typen sprichst", sagte Matt in einer bemerkenswerten Ruhe. Doch Lisa wollte die Dinge so ansprechen wie sie sind und nicht wie Matt sie sich wünschte. "Matt! Es ist so gut wie Aus zwischen uns. Warum begreifst du das nicht ? Warum verdrängst du die ganze Zeit diese Realität ?". Matt schluckte und atmete vernehmbar tief durch die Nase aus und er starrte nach Vorne. Er hatte nur eins im Kopf, was er auf diese klare Aussage sagen konnte. "Ich liebe dich, Schatz". Nun wurde Lisa richtig wütend. Genervt von Matts blinder Treue zu ihr, wollte sie ihn zur Rede stellen, doch in dem Moment ging eine Whatsapp-Nachricht bei ihr ein. Sie war von Lohan, Lisas bester Freundin. Sie wusste über den heiklen Beziehungsstatus von Lisa bescheid und stichelte mit einem Bild, das eine Schnapsflasche zeigte. Dazu der Text: Wenn du keine Lust hast, aber zu einer Halloweenparty musst.
Matt schaltete das Radio ein, in dem "Don't You" von Simple Minds lief. Der Wagen verlies das Waldgelände und wechselte auf einen Feldweg. Zwischen Matt und Lisa herrschte nun unbehagliches Schweigen. Am Liebsten würde Lisa einfach aussteigen, damit sie nicht auf diese Halloweenparty gehen müsste mit einem Mann, den sie nicht mehr liebte. Der Wagen folgte dem Feldweg, ehe sich vor ihnen ein geschlossenes Holztor offenbarte. "Fahr nicht weg", sagte Matt mit purem Sarkasmus, was Lisa ein kurzes Summen entlockte. Dann stieg Matt aus um das Tor zu öffnen. Am Stacheldrahtzaun, der neben dem Feldweg verlief, hingen zwei weiße Laken, die den Kräften des stürmischen Windes unterworfen waren.
"Ich werde nicht kommen Lohan. Ich kann Matt nicht mehr Sehen und werde mit dem Zug dann nach Hause zurückfahren", schrieb Lisa. "Kann ich verstehen. Ist bestimmt besser so", antwortete Lohan prompt. Als Matt das Tor geöffnet hatte, ging er zum Kofferraum des Autos. Er war sich selbst nicht sicher, ob er seinen Plan jetzt in die Tat umsetzen soll. Doch er beschloss sein Vorhaben umzusetzen, womit er ein Tuch zur Hand nahm, Spritzer einer Flüssigkeit aus einer kleinen Flasche darauf schüttete und er zurück an Lisas Seite, zur Beifahrertür ging. Und bevor Lisa noch etwas sagen konnte, stürzte sich Matt auf sie und drückte das Tuch auf ihr Gesicht. Lisa fuchtelte wild mit den Armen herum, riss ihren Kopf zur Seite und strampelte mit ihren Beinen, um sich zu befreien, ehe sie von einer starken Müdigkeit übermannt wurde und sie kurz darauf bewusstlos wurde.
Als Matt am Zielort angekommen war, stoppte er den Wagen, lies die Scheinwerfer jedoch eingeschaltet. Denn er hatte mit Lisa Schlimmes vor. Er packte sie und zog sie aus dem Beifahrersitz. Dann schleifte er sie über den Boden. Benommen öffnete und schloss sie ihre Augen. Dann brabbelte sie irgendwas, was Matt jedoch nicht verstand. Im Schein der Scheinwerfer legte er sie auf den Schotterweg und ging dann zum Kofferraum zurück, wo er eine Axt hervor holte.
"Gefällt dir die Abkürzung, Schatz? Ich hab sie nur für dich ausgewählt"
Lisas Augen weiteten sich voller Entsetzen, als sie wieder zu sich kam und die Axt erblickte.
"O mein Gott... Hilfe... HILFE!", schrie Lisa so laut sie konnte. Matt lachte.
"Hilfe gibts hier nicht, Schatz. Hier ist weit und breit niemand, der dir helfen wird"
Matt trat einen Schritt auf Lisa zu, die zu Weinen anfing.
"Ich lass nicht zu, dass du unsere Beziehung ruinierst, Schatz. Da bin ich lieber der Erste, der Schluss macht". Er blickte auf die Axt. "... Wenn auch nicht so, wie du es dir vorstellst", fügte er mit einem bösen Grinsen hinzu.
Lisa schrie und hielt schützend ihre Hände vors Gesicht, als Matt mit der Axt ausholte. Doch im selben Moment hörte Matt neben sich das Gebüsch Rascheln. Und was er dort neben sich erblickte, brachte ihn zum Schreien! Denn er erblickte einen von Maden zerfressenen Körper, Silber schimmernde tote Augen und ein Kleid, was mit Erde grässlich verschmiert war. Er sah eine tote Frau im Gebüsch stehen. Durch den grauenerregenden Anblick schreckte Matt sofort zurück und stürzte rückwärts über einen Ast zu Boden.
Lisa nutzte diese Gelegenheit aus und rannte fort. Ihre Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit und wegen des Betäubungsmittels war sie zwar immer noch benommen, doch war sie in der Lage dem Weg schnell zu Folgen.
Als sie erschöpft bei einer Landstraße ankam, hielt sie den nächsten Wagen an und war in Sicherheit.
Matt wurde wegen versuchten Mordes festgenommen. Doch was hatte es mit der geisterhaften Erscheinung auf sich, die Lisa das Leben gerettet hatte? Niemand weiß es, doch ein Polizist zog einen makaberen Vergleich mit einem Mordfall, der vor vier Jahren passierte. Es handelte sich um eine Frau, die mit einer Axt zerstückelt wurde. An einem Ort kaum einen Kilometer von der Stelle entfernt, wo Lisa und Matt die Frau gesehen hatten.