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Sie hielt meine Hand fest gedrückt. „Das wird schon wieder!“, Sie machte mir Mut. Ihr Blick verriet jedoch, dass sie sich Sorgen machte. Dieser verdammte Saufkopf. Gärtnerei Modesa, gelbe Schrift auf dunkelgrünem Grund. Ein Pickup. Mehr wusste ich nicht. Es ging einfach zu schnell und ich konnte mir das Kennzeichen nicht merken. Aber sein Gesicht. Purpurrot, wie das eines klassischen Langzeitsäufers. Er hatte noch rausgesehen, bevor er einfach weiterfuhr. „Die werden sicher schon herausgefunden haben, welcher Fahrer das war.“ Ich hoffte, dass sie Recht hatte.

Der Kerl hatte mich auf meinem Fahrrad so scharf geschnitten, dass mir nichts anderes übrigblieb, als irgendwo in seinen Radkasten zu fahren oder mich seitlich fallen zu lassen. Ich hatte schon Bilder gesehen und Geschichten gehört von Menschen, die ihre Gliedmaßen verloren hatten, weil sie damit in die Radkästen von größeren Autos oder LKW geraten waren. Oder sogar mitgeschliffen und erst nach Kilometern bemerkt wurden. Ich entschied mich für das Fallenlassen. Leider war ich so unglücklich gefallen, dass eine Rippe gebrochen war und nun gegen einen meiner Rückenwirbel drückte. In diesem Zustand lag ich am Straßenrand. Fußgänger alarmierten einen Krankenwagen. Bei der Erstuntersuchung kam dann heraus, wie es um mich stand. Und nun saß ich hier im Rollstuhl. Die Schmerzmittel, die mir das Liegen, welches besonders schmerzhaft war, leichter machen sollten, wirkten nur sehr langsam. Ich wartete darauf, endlich in die Röhre zu kommen, um dort für die Ärzte sichtbar zu machen, ob innere Verletzungen vorlagen.

Eine Tür öffnete sich und eine junge Schwester kam heraus. Sie blickte abwechselnd zwischen einem Zettel ihres Klemmbrettes und mir, hin und her.

„Herr Winter?“ Außer uns dreien war niemand auf dem Krankenhausflur.

„Ja, das bin ich!“

„Ok. Wir sind sofort bereit. Nur einen kleinen Moment, bitte. Wirken die Schmerzmittel bereits?“ In dem Moment, in dem ich verneinen wollte, wurde mir bewusst, dass es tatsächlich schon viel besser war.

„Ja… ich denke schon!“

„Sehr schön!“ Ich konnte ein verstohlenes Lächeln auf ihrem Gesicht ausmachen.

„Dann kann es ja gleich losgehen.“ Sie notierte sich meine Antwort anscheinend auf ihrem Zettel und ging mit hastigen Schritten den Flur hinunter. Ich wunderte mich, dass wirklich niemand anderes hier war. Noch bevor ich ihr hätte nachsehen können, öffnete sich die Tür erneut. Nun kam ein kleiner Mann im weißen Kittel heraus. Dem Stethoskop um seinen Hals nach zu urteilen, musste er der Arzt sein. Dies bestätigte sich, als ich sein Namensschild erkennen konnte. Dr. J. Kumo.

„Herr Winter, richtig?“

„Ja.“

„Wir haben alles für die Computertomographie vorbereitet. Sie können jetzt gerne mitkommen.“ Er sah meine Freundin an.

„Sie möchten auch mitkommen?“ Nach einer ausbleibenden Reaktion schaute er mich an.

„Schatz?“ Sie starrte den Flur entlang. Dort, wo eben noch die Schwester ging, war nun niemand mehr. Sie schien den Arzt nicht gehört zu haben.

„Ja?“, wandte sie sich zu mir.

„Du möchtest doch mit rein, oder?“

„Sehr gerne!“, sagte sie und stand nervös auf.

„Gerne können sie mit reinkommen. Wenn es losgeht, muss ich sie allerdings bitten, wieder hier Platz zu nehmen“, sagte Dr. Kumo. Sie sah mich fragend an. Ich nickte.

„Ja klar, kein Problem“, erwiderte sie, während Dr. Kumo zur Tür wies. Sie schob mich in den dunklen Untersuchungsraum.

Drinnen ging alles relativ schnell. Mit Unterstützung des Arztes konnte ich mich bis auf die Unterwäsche ausziehen und legte mich auf die gepolsterte Liege. Dank der Schmerzmittel war das nicht so schmerzhaft, wie ich erwartet hätte. Meine Freundin musste bereits wieder draußen warten. Sie hatte sich mit einem sanften Kuss verabschiedet und mir dabei etwas ins Ohr geflüstert. Ich hatte es nicht genau verstanden. Irgendetwas wie “Sie hat kein Netz…“ Ich hatte nicht den leisesten Schimmer, was sie mir damit sagen wollte. Ihr trauriger, sorgenvoller Blick machte den Abschied nicht leichter und ließ mich verwirrt zurück. Dafür gaben die Pillen ihr Bestes.

Geblendet den Deckenleuchten erschien plötzlich der Kopf des Doktors, von einer Atemschutzmaske verdeckt, über mir.

„Herr Winter, wir beginnen jetzt. Es könnte ein wenig laut werden. Nicht erschrecken. Das Wichtigste ist, dass sie sich möglichst nicht bewegen.“

„Das bekomme ich hin…“, sagte ich beinahe süffisant. Inzwischen hatte ich überhaupt keine Schmerzen mehr, fühlte mich sogar beflügelt. Zu meiner Belustigung musste ich feststellen, dass ich mich nur sehr behäbig bewegen konnte. Was soll´s? Ich muss ja sowieso ruhig bleiben.

Die Liege setzte sich mit leisem Summen in Bewegung. Ich fuhr mit dem Kopf voran in die Röhre. Diese war etwa zehn bis fünfzehn Zentimeter breiter als die Ausmaße der Liege und meines Körpers. Ich beobachtete das Material, welches direkt vor meinem Gesicht wie in Zeitlupe vorbeizog. Die gesamte Innenbeschichtung bestand aus geschwungenem, hellgrauem Plastik mit einer griffigen Maserung. Eine kleine Kante, sauber aneinandergesetzt, unterbrach die runde Innenfläche. Je weiter die Liege hineinfuhr, umso dunkler wurde es. Ich war nun komplett darin verschwunden. Noch einige Zentimeter und die Liege kam zum Stehen. Das Summen war verstummt. Das Geräusch eines Ladevorgangs begann. Mich erinnerte es an das Aufladen der Photonenlaser bei den Ghostbusters. Der Gedanke ließ mich schmunzeln. Allgemein ging es mir plötzlich erstaunlich gut. Wie gelähmt und wohlig in Watte gepackt konnte ich nicht aufhören zu grinsen. Der Ladevorgang war beendet. Vollkommen unvermittelt setzte ein extremer Lärm ein. Es war sehr laut, aber ich konnte es über mich ergehen lassen. Die Enge machte mir auch nichts aus. Zum Glück. Immerhin lag ich zwei Meter tief in einer schmalen Röhre. Das einzige Licht kam von der Öffnung zu meinen Füßen. Hob ich meinen Kopf an, konnte ich kaum meine Zehen sehen.

Bom-Bom-Bom-Bom…

Ich ließ den Kopf sinken und entspannte mich.

Bom-Bom-Bom-Bom…

Wie lange würde das wohl dauern? Circa 20 Minuten, hatte Dr. Koma… Kuma… arrgh… ich konnte nur noch schwer klar denken.

Bom-Bom-Bom-Bom…

Fünf Minuten hatte ich hoffentlich schon rum. Das laute, eintönige Knallen der Maschine hatte sich schon in mein Hirn gebrannt.

Ich werde das hier schon durch… Meine Gedanken wurden wie das Licht am Ende meines Tunnels unterbrochen. Es war gerade einmal kurz dunkel geworden, so als wäre jemand vorbeigegangen. Ich wollte den Kopf heben und stieß direkt mit der Stirn an. So stark, dass anscheinend ein Alarmton aktiviert wurde. Das Knallen unterbrach und ein sirenenartiges Heulen ertönte. Drei Mal. Das würde Ärger geben. Wahrscheinlich würde eine Schwester kommen und mich ermahnen, dass ich doch still liegen sollte.

Aber es passierte nichts. Wieder ein Schatten. Diesmal hob ich den Kopf vorsichtiger. Ich konnte nicht einmal erkennen, was jenseits der schwarzen Umrisse meiner Füße lag. Ein metallisches Geräusch erklang, als würde jemand Besteck auf einem Stahltablett sortieren.

„Hallo? Ist da jemand? Ich bin leider aus Versehen mit dem…“

Bom-Bom-Bom-Bom…

ging die Röhre ohne Vorwarnung los. Mein Hals war trocken. Gegen dieses Brummen und Knallen schien meine Stimme nicht anzukommen.

„Haaallooo! Tut mir leid, aber ich fühle mich hier gerade etwas unwohl!“ Das war untertrieben. In mir kam Panik auf. Schweiß bildete sich auf meiner Stirn. Meine Körperfunktionen kamen zurück. Ich konnte mich langsam wieder bewegen.

„Hallo? Doktor… Hier muss doch irgendjemand sein!“ Ich versuchte mich nach vorne zu schieben. Die Liege bewegte sich keinen Millimeter. Bom-Bom-Bom-Bom… Mich selbst nach vorne zu schieben war sehr schwer, alleine aufgrund der extremen Enge. Diese schien mir nun immer weiter zuzunehmen. Meine Atmung wurde hastig und schwer. Dann endlich eine Reaktion. Irgendjemand musste vor der Röhre stehen, und ich konnte spüren, dass jemand an der Innenverkleidung hantierte. Gott sei Dank!

„Endlich… hallo? Vielen Dank, ich dachte schon, es hört mich hier gar…“ Die Worte blieben mir im Halse stecken. Ein körpereigener Reflex ließ mich so heftig nach links zucken, dass ich mir das Knie anstieß. Sofort begann das Alarmsignal. Nur blieb das Knallen der Röhre diesmal zusätzlich an. Entlang der Schiene auf der rechten Seite meiner Liege kam etwas auf mich zu. Eine Hand. Keine normale Hand. Eine kleine, deformierte, Hand. Die Haut war dunkel, mit grünen Flecken übersät und wirkte feucht und schleimig, wie bei einer Kröte. Die Finger waren lang, dürr und knochig. Zwischen Daumen, Zeige- und Ringfinger hielt sie etwas und kam damit immer näher. Sie steckte in einem weißen Ärmel und dieser reichte bis zum Eingang der Maschine. Ein albtraumhafter Arm, der zwei Meter lang zu sein schien. Langsam und still rückte er weiter hinauf. Ich versuchte instinktiv danach zu treten, aber diese Hand war bereits auf Höhe meines Knies. Erst jetzt wurde mir klar, welchen Gegenstand sie hielt. Es war eine verdammte Spritze! Ich hätte mit meiner rechten Hand danach schlagen können, aber welcher Idiot schlägt schon nach einer Spritze?

„Was soll diese Scheiße hier!?! Hilfe!!! Hallo? Doctor! Hiiiilfeee!“ Ich schrie wie ein kleines Kind. Die Hand stoppte. Die langen Finger drehten die Spritze grazil und erinnerten mich an Fühler eines Insekts. Die Nadel lag nun an der Haut meines Oberschenkels an. Ich durfte mich nicht bewegen, denn sonst würde sie durch die Haut dringen.

„Hiiillfeeee, Scheiße!“ Ein Stich. Direkt gefolgt von einer überwältigenden Hitze, die durch meine Adern schießt.

„Scheiße, Scheiße, Scheiße...“, das blanke Entsetzen hatte mich gepackt. Ich wollte nur noch hier raus. Ich musste raus aus diesem Loch. Der lange Arm hatte sich nach der Injektion wie eine Schlange aus der Röhre zurückgewunden. Ich kämpfte mich hinaus, inzwischen mit einer gehörigen Portion Adrenalin, und weiß der Himmel, was sich nun in meinem Blut befand. Als ich nur noch den Oberkörper herausdrücken musste, fiel ich, wie ein Kalb bei der Geburt, vollkommen ungelenk auf den grauen PVC-Boden des Raumes. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie eine Seitentür zufiel. Ich hetzte hinüber, so gut mich meine Beine trugen. Sie waren weich wie Gummi. Ich konzentrierte mich. Meine Beine, wie mein gesamter Körper, verströmten inzwischen eine wahnsinnige Energie. Diese richtig einzusetzen fiel mir noch schwer. Die Tür konnte ich gerade so erreichen. Ich riss sie auf, gespannt, was sich dahinter verbarg. Dunkelheit.

Bildete ich mir das jetzt ein? Die einzige Tür des Raumes, zudem die, durch die mich meine Freundin reingeschoben hatte, barg nun nichts als Schwärze. Ein explosionsartiger Knall hinter mir ließ mich straucheln. Die Röhre stand mit einem Mal komplett in Flammen und die Hitze brannte auf meiner Haut. Ich musste hier raus. Als ich durch die Tür wollte, schlug ich mir den Kopf an. Im Türrahmen war etwas wie eine Glasscheibe, die man nicht sah. Ich tastete mit der Hand darüber. Eine glatte, nicht sichtbare Barriere. Etwas lief über mein Gesicht. Als ich danach schaute, merkte ich, dass ich mir beim Aufschlag mit dem Kopf eine Platzwunde zugezogen hatte. Meine Hand war voller Blut und ich schmeckte es auch bereits in meinem Mund. Ich drückte gegen die unsichtbare Barriere. Die Hitze wurde immer intensiver. Ich hatte das Gefühl, ich verbrenne. Ich drückte fester. Die Röhre, diese riesige Apparatur war zerschmolzen. Wie Kerzenwachs. Alles in dem Raum. Ein Stuhl, ein Tisch, alles.

Jetzt schlug ich mit voller Wucht gegen die Dunkelheit und etwas gab nach. Zersplitterte. Unglaubliche Schmerzen durchfluteten mich, als geschwungene Scherben wie Klingen durch meine Unterarme fuhren. Ich fiel in die Dunkelheit. Es wurde angenehm kühl. Einen kurzen Moment hatte ich dieses Kribbeln, welches man hat, wenn man in einer Achterbahn sitzt. Es endete abrupt, als ich aufschlug. Schmerzhaft. Zum ersten Mal spürte ich meine gebrochene Rippe wieder. Ich lag auf einer Art Kellerboden. Nass und schmutzig. Schnell gesellten sich ein paar Blutstropfen zu der schmutzigen Feuchtigkeit. Mein Arm war tief zerschnitten, aber aus irgendeinem Grund blutete er nicht sehr stark. Das musste trotzdem definitiv genäht werden. Aber eine Frage war zu diesem Zeitpunkt viel wichtiger.

Wo war ich? Als ich wieder auf den Beinen war, sah ich mich um und bemerkte, dass ich in einem Gang stand. Gebogen. Wenn ich losgehen würde, wäre es, als würde ich ständig rechts entlanglaufen. In die andere Richtung auch, nur links. Es war sehr dunkel. Alle paar Meter erhellte eine kleine Bauleuchte den nächsten Abschnitt. Ansonsten nur blanke Wände und die Tür… Die Tür war nicht mehr da! Das war doch alles nicht möglich.

„Nuuuuun…“, hallte es durch den Tunnel. Die Stimme war so verstörend und tief. Und sie schien von überall her zu kommen.

„Was!?“ Ich blickte mich verängstigt um.

„Wer ist denn da gekommen, mich zu suchen?“

„Wer sind sie überhaupt? Und wo bin ich?“

„Komm zu mir…“ Die Worte wurden immer tiefer im Ton. Mir wurde kalt und noch unbehaglicher, als es sowieso schon gewesen war.

„Wohin?“ Stille. Ich sah mich erneut um. Es gab offensichtlich nur die Möglichkeit, vor oder zurück, und das anscheinend in einem Kreis, zu gehen. Was soll ich nur machen? Die Entscheidung wurde mir schnell abgenommen. Aus der Dunkelheit hinter mir ertönten Geräusche. Schreckliche Geräusche. Ein schlabberndes Grunzen, immer wieder unterbrochen von einem metallischem Knallen. So als würde man mit einem Spaten auf Beton schlagen. Es wurde schnell lauter und kam näher. Ich wollte nicht herausfinden, was das war. „Komm zu mir…“

„Ja, ich komme!“, schrie ich den Gang hinunter. Ich lief, so schnell ich konnte. Die Laternen mit dem schwachen Licht rauschten an mir vorbei. Es schienen unzählige zu sein. Der breite Tunnel wurde immer schmaler und ich hatte das Gefühl, als ginge es minimal bergab. Bald musste ich seitlich weitergehen. Zu meinem Erschrecken stellte ich fest, dass die Geräusche von dem Etwas, das mich aus der anderen Richtung verfolgte, wieder näher kamen. Meine Schmerzen waren unerträglich, als ich meinen Brustkorb zwischen den Wänden hindurchquetschen musste. Leuchten gab es schon seit einigen Metern nicht mehr und so fand ich mich in absoluter Dunkelheit, verfolgt von einem Ding und eingequetscht zwischen schwarzen Kellerwänden, wieder. In Todesangst holte ich noch einmal tief Luft und ließ dann alles raus, um durch den engsten Abschnitt durchzupassen. Plötzlich fiel ich in die vermeintliche Freiheit.

„Oh, guten Abend! Schön, dass Sie es einrichten konnten.“ Die Stimme war beruhigend und sanft. Ich war in einem gefliesten Raum. Sehr gut ausgeleuchtet. Es schien eine Art Operationssaal zu sein. In der Mitte stand ein Edelstahltisch und darüber befand sich eine enorme Leuchte, die so hell war, dass ich die Gestalt daneben kaum erkennen konnte.

„Moment, ich helfe Ihnen auf.“ Sie kam zu mir und packte mich vorsichtig unter meiner Schulter. Ich hatte das Gefühl, leicht wie eine Feder zu sein. Die Person war offensichtlich ein Arzt in grüner OP-Kleidung. Das Gesicht war nicht erkennbar. Er trug einen Atemschutz.

„Sachte, sachte, junger Mann. Kommen sie hier herüber!“

„Danke.“ Ich konnte kaum sprechen vor Erschöpfung und Verwirrung. Er führte mich zu dem Tisch.

„Vorsicht, ich halte sie. Jetzt noch die Beine, langsam.“ Es fühlte sich an, als würden mich mehrere Personen tragen. Ich lag auf dem Tisch. Der Arzt beugte sich über mich. Außer einer verschwommenen Silhouette konnte ich nichts vor dem grellen Licht der riesigen Lampe sehen. Als ich zur Seite blickte, erkannte ich einige Rollwagen mit Instrumenten. Alles sah aufgeräumt und gewöhnlich aus. Außer den verschweißten Paketen. In etwa ein bis zwei Meter hoch. Dutzende davon standen an die Wände gelehnt oder lagen auf dem Boden. Wie Säulen in Frischhaltefolie eingewickelt. Über mir erschien wieder der Umriss.

„Das sieht ja nicht so gut aus.“ Geschickt überprüfte er meinen Rippenbruch. Es tat weh, aber er ging sehr behutsam vor.

Wie konnte das nur alles sein? Wo war ich? Und woher kam auf einmal dieser Arzt?

Das Namensschild an seinem weißen Kittel war leer. Es war nichts eingraviert. Seltsam.

„Au! Scheiße!“

„Das tut mir leid, ich muss leider ein bisschen improvisieren.“ Seine Stimme hatte sich verändert.

„Ich mache das heute zum ersten Mal.“ Ich wollte mich aufsetzten, aber irgendwas hielt mich unüberwindbar auf den Tisch gepresst.

„Was… Wer sind sie? Wieso… was machen sie mit mir?“

„Pssssst….“ Das war nicht mehr der Arzt, der mir aufgeholfen hatte. Ich konnte den Finger vor seinem Mund erkennen. Er sah aus wie der von der Hand aus der Röhre. Mir fiel auf, dass er immer noch mit einer Hand meinen Brustkorb abtastete, die andere hielt mich auf den Tisch gedrückt. Und eine dritte deutete das Pssst vor seinem Maul. Was zum…?. Er trug doch grün. Jetzt weiß. Das Erschreckendste war jedoch, dass sein Kopf viel größer, dunkler und abstrakt geformt wirkte. Ich musste sofort weg. Ein weiterer, langer Arm mit einer widerlichen, schwarzen, haarigen Hand daran hielt mich unten. Ehe ich mich versah, schnellte ein weiterer mit einem Skalpell in der Hand aus der Dunkelheit hervor.

„Jetzt schön stillhalten…“ Ich wand mich wie wild und schrie, so laut ich konnte. Die eingewickelten Säulen bewegten sich. Wie das Innere einer Made waren unter der Oberfläche Bewegungen auszumachen. Einige so heftig, dass sie umfielen. Stumme Schreie gingen von ihnen aus.

„Ruhe!“, schrie sie das Wesen an. Kleine wurmartige Zungen stießen aus einem mit messerscharfen Klauen bestücktem Maul, wo vorher die Atemmaske war. Unter dem weißen Kittel kam da, wo normalerweise die Beine sind, ein riesiger runder Körper zutage. Jetzt wurde mir bewusst, was es mit den Säulen auf sich hatte. Es war eine Spinne! Eine riesige, verdammte Spinne im Arztkittel.

„Keine Sorge, dich packe ich auch so ein. So bleibt ihr schön frisch. Ich vertilge euch gerne in mehreren Gängen…“ die Worte gingen in ein krankhaftes Kichern über.

„Jetzt hier noch ein Schnitt, und ich bedanke mich im Voraus für das Festmahl ihrer Eingeweide. Sie sterben noch nicht. Das Herz lasse ich immer drin. Das Beste kommt ja bekanntlich zum Schluss…“

„Nein, bitte, ich…“ Es wurde heiß in meinem Hals. Blut sickerte aus meinem Mund und nur ein Gurgeln war zu hören. Anscheinend ließ mich eine innere Blutung verstummen. Mit weit aufgerissenen Augen strampelte ich so sehr ich konnte, aber ich hatte keine Chance. Das Wesen war deutlich stärker. Mir wurde schwarz vor Augen.

Es regnete. Dicke Tropfen trafen auf meine Stirn und mein Gesicht. Stimmen redeten aufgeregt durcheinander. Irgendwo in der Ferne hörte ich eine Sirene. Ich öffnete meine Augen. Ein dicker Mann in schmutzigen Arbeitsklamotten hatte sich über mich gebeugt. Er hielt meine Hand. Seinem aufgedunsenen Gesicht war die Erleichterung anzusehen, als ich mich aufrichtete. Auch viele der Leute atmeten auf. Ich saß auf dem Bürgersteig. Neben mir mein kaputtes Fahrrad. Und ein dunkelgrüner Pick-Up der Firma Modesa.

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