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Maja betrachtete seufzend die verblassten Graffiti auf der Mauer. Die Farbe war im Laufe der Zeit ein Opfer der äußeren Witterungseinflüsse geworden. Die Seitengasse, in der sie sich befand, welche diese Mauer erzeugte, gehörte zu einem Fabrikgelände, das schon seit einigen Jahren verlassen war. In diesem Bereich des Industriegebietes würde sie niemand überraschen, das wusste Maja ganz genau. Zwei gewaltige Schornsteine, die schwarz-brennend zum Himmel emporragten, waren die einzigen Zeugen. Dazwischen hing die gleißende Sonne. Sie würde bald verschwunden sein und somit wäre ein weiterer Tag vergangen.

Auf dieses anregende Schauspiel wollte und konnte Maja ihre Aufmerksamkeit nicht richten, und ihr war es sowieso egal. Ihre sogenannte romantische Ader lag zerstört unter einem hohen Schuttberg, wie alles andere auch. Stattdessen achtete sie sorgfältig auf die Nadel, die tief in ihrem Arm steckte.

Maja zog scharf die Luft ein, während der chemische Inhalt kochend in die Vene strömte und allmählich Besitz von ihr ergriff. Diesmal stöhnte sie berauscht und ließ die Spritze fallen, darauf folgte atemlose Glückseligkeit, die Maja einnehmende Geborgenheit schenkte. In wenigen Herzschlägen war die Mauer wieder farbenfroh besprüht und sprang ihr in die Augen. Auch wurde die Schwermut mit einem lindernden Balsam überzogen und verkroch sich in eine dunkle Höhle.

Sie kontrollierte ihr Make-up und entschied, einige Stellen auszubessern. Nach wenigen Handgriffen war sie zufrieden mit dem Ergebnis.

Ein wenig später begab sie sich zu ihrem Stammplatz, der an einer Straßenecke lag. Dort wartete Maja auf einen Freier. Sie musste nicht lange warten; bereits nach wenigen Minuten hielt eine schwarze Nobelkarosse neben ihr an. Die Seitenscheibe verschwand surrend und Maja lehnte sich mit gekreuzten Armen auf die Tür.

„Was darf´s denn sein?“ fragte sie einstudiert und setzte einen lasziven Blick auf. Der Mann am Steuer machte den Eindruck, ein hohes Tier in irgendeiner Bank zu sein, stellte Maja fest. Feiner Anzug, natürlich, üblich für das Büro. Wie immer fiel die Kundschaft erst in ihr aufreizendes Dekolleté, erst dann baute sie Blickkontakt auf. Der Unbekannte bildete da keine Ausnahme.

„Kommt darauf an, was du bereit bist zu tun“, erwiderte der Fahrer mit der Schmiere im Haar und dem Dreitagebart. Und fuhr fort: „Ich will richtig Spaß haben.“

„Ausgefallene Wünsche berechne ich separat“, sagte Maja, während sie mit ihrem Zungenpiercing spielte, und die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Insgeheim aber wünschte Maja sich einfach nur eine schnelle Nacht, Kundschaft mit nicht so ausgefallenen Wünschen. Das Übliche eben.

„Mach dir um deine Bezahlung keine Sorgen, Kleine. Du bekommst schon, was du verdienst.“ Maja machte gute Miene zum bösen Spiel und atmete einmal tief durch, stieg zu ihrem Freier in den Wagen. Dieser löste die Handbremse, legte den ersten Gang ein und sie setzten sich in Bewegung.

Einige Kunden und Stunden später trat Maja den Nachhauseweg an. Noch immer spürte sie jede noch so kleine Berührung auf ihrem Körper und fühlte sich schmutzig und benutzt. Sie nahm eine Abkürzung durch das Industriegebiet, und in einer unbeleuchteten Gasse wurde Maja regelrecht von der Finsternis verschlungen. Das klackende Geräusch ihrer High Heels war das einzige Geräusch, das dumpf von den Wänden abprallte. Sie war es schon lange gewöhnt, benutzt zu werden. Begonnen hatte es mit ihrem Vater, der sie nachts in ihrem Kinderzimmer besucht hatte. Anders kannte sie es nicht. Nach einigen Metern wurde der undurchdringliche Schatten von einer Straßenlaterne zurückgedrängt, und bald erblickte Maja den hässlichen Plattenbau. Trostlos ragte das Gebäude in den nächtlichen Himmel, wie auch seine Geschwister in der Nähe. Sie war eine von ihnen, eine Ausgestoßene der Gesellschaft, am Rande der Stadt.

Ein Abfallprodukt.

Mit hängenden Schultern schleppte sich Maja hinauf in den dritten Stock, durch den nach Urin stinkenden Flur. Hier, in diesem perversen Kosmos lebten Fixer und Dealer Tür an Tür, hier begegneten sich Vergewaltiger und Vergewaltigte, tagtäglich.

Am Ziel angekommen schloss sie die Haustüre auf und trat in den Flur der Wohnung. Müde hing sie die Jacke an den Haken an der Wand und verriegelte das Schloss, während sie im Begriff war, das Badezimmer anzusteuern. Sie hielt mitten in der Bewegung inne, da sie verzerrte Stimmen aus dem Wohnzimmer vernahm. Leise streifte sie die Schuhe von den Füßen und folgte dem Stimmengewirr.

Ihre Mutter war vor dem Fernseher eingeschlafen und lag verknotet auf dem Sofa. Auf Majas Gesicht entstand ein warmes Lächeln, während sie die Decke zurechtrückte, die während der Nacht verrutscht war, und den Fernseher abschaltete.

„Du bist noch auf, Spätzchen?“, murmelte sie im Halbschlaf, drehte Maja den Rücken zu und schlief wieder ein.

„Ich geh' auch gleich ins Bett“, flüsterte Maja mit einem trockenen Kehlkopf, zu dem sich ein schmerzender Kloß gesellte. Mit tränenden Augen ließ sie einen Kuss auf der Stirn ihrer Mutter zurück und begab sich nun ins Badezimmer. Dort angekommen warf sie ihr viel zu kurzes Kleid in den Wäschekorb und trat in die Kabine. Das heiße Wasser machte sie noch schläfriger.

Nachdem sie sich abgetrocknet hatte und die Haare geföhnt waren, lag Maja in ihrem eigenen Bett. Dort war keine einseitige Liebe zu finden. Sie kuschelte sich in die weichen Federn, und kurz bevor sie in das Land der Träume abdriftete, blieb ihr Blick an der Geburtstagskarte hängen.

„Herzlichen Glückwunsch zum sechzehnten Geburtstag, mein Spätzchen“, las sie, dann fielen ihr die Augen zur Gänze zu.

Autor: Meike Sommer

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