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Er sitzt neben mir auf seinen Knien und hält meine Hand. Ich liege auf einem Bett, das wohl eher einer Mülltonne gleicht als einem Ort, der zum schlafen dient. Auf diesem rostigen Gestell mit der stinkenden, verfaulten Matratze liege ich und winde mich. Doch nicht wegen den unmenschlichen Schmerzen, die ich ertrage. Ich winde mich, weil ich mich in einem Zustand der Ekstase befinde.

Vor meinen Augen sehe ich die Decke, die wirkt, als würde sie jeden Moment wegen der Wasserschäden und den Schimmelpilzen auf mich herunterfallen. Ich sehe neben mich und sehe ihn, wie er mich ansieht. Sein Blick ist leer, doch seine Hand ist umso wärmer. Seitdem wir hier sind – ich muss gestehen, dass ich nicht mehr weiß, seit wann oder wie lange wir schon hier sind – hat er kaum gesprochen. Auch jetzt sieht er mich schweigend an und selbst sein Blick oder seine Haltung sagen rein gar nichts.

Mein Blick schweift von ihm ab und nimmt sich nun meinen Körper vor. Nun, es ist eher nur noch eine Masse. Der Anblick erinnert mich an meine Kindheit als ich in den Sommerferien meinen Großeltern auf dem Bauernhof half, das frisch geschlachtete Fleisch zu sortieren und wie dabei Berge aus rohem Fleisch entstanden.

Mit einem leisen Hauchen, dass meinem trockenen, nach Eisen schmeckendem Rachen entflieht, lege ich meinen Kopf auf dem nassen Kissen zurück und sauge den Schmerz in mir auf.

Er sagte, dass mich das umwandeln würde. In meine wahre Form. Ich habe keinen Zweifel. Eher bin ich ungeduldig. So früh wie möglich möchte ich mich frei fühlen, frei sein, überlegen sein. Deshalb ist er heute auch bei mir. Er ist bereits umgewandelt. Er hat die Erscheinungsform eines Engels, die Seele eines Teufels. Eigentlich ist es ja sowieso das gleiche, nicht wahr?

Ich bewege meine linke Hand und lasse sie über die faulige Matratze gleiten, weiter zu meinem entstellten Körper, über das rohe, freigelegte Fleisch. Es ist wie der Schmerz, den man verspürt, wenn man als Kind seinen Finger in eine kleine Wunde gelegt hat. Das Stechen. Die Schmerzen. Die Wohltat. Dieses Aufleben von Körper und Geist. Doch bei mir fühlt es sich an, als wäre meine Hand aus scharfen Glassplittern. Ich ertaste während der Erkundungsreise meiner Hand über meinen Körper meine Innereien. Dickdarm, Dünndarm, Magen. Ich gehe tiefer und ertaste meine Nieren. Bei der Leber angekommen halte ich meine Hand an. Sie ist so warm und weich. Das Gefühlt ähnelt dem, am Abend zu seinem Liebsten ins warme Bett zu steigen. Ein befriedigtes Lächeln breitet sich über meinem Gesicht aus. Ich beiße auf meine Unterlippe und grabe meine langen, dünnen Finger in das warme, dunkelrote Fleisch hinein. Meine Augen weiten sich. Ich reiße meinen Mund knackend auf, jedoch kommt kein Ton heraus. Alles ist still, als wäre ich taub. Das einzige Geräusch sind die klebrigen Tropfen meines Blutes und anderer Körperflüssigkeiten, die auf meinen geschundenen Leib fallen, als ich meine Leber mit meinen Fingern, die wie Nägel in einem Holzbrett sind, aus meinem Körper reiße.

Jetzt kann ich sie spüren. Die Umwandlung. Er hält immer noch meine Hand, noch immer ist sie warm. Es ist, als würde sie glühen. Ich sehe ihn an. Er lächelt und sein Gesichtsausdruck drückt endlich etwas aus. Zufriedenheit.

Er nimmt meine andere Hand am Handgelenk und schwingt sich über mich. Ich sehe ihm direkt in seine hellblauen Augen. Seine mittellangen braunen Haare fallen fast auf mein Gesicht. Kurz lässt er meine linke Hand los und zieht etwas metallenes über den Nachttisch. Ich sehe ihm weiter in die Augen, doch der Augenkontakt wird unterbrochen als er mir etwas vor das Gesicht hält. Es ist eine alte, verrostete Zange. Er streicht mir damit über die Lippen und signalisiert mir, dass ich meine Mund öffnen soll. Das tue ich. Er schiebt seine Zange in meinen Mund und nachdem er alle Zähne gründlich inspiziert hat, entscheidet er sich für meinen linken Eckzahn. Er setzt die Zange an. Die beiden metallenen Glieder der Zange umfassen jetzt meinen Zahn. Der junge Mann über mir beißt sich auf die Unterlippe und ich sehe nur noch, wie sich unter seinem dunkelblauen Shirt seine Muskeln anspannen. KNACK! Ich kann spüren, wie etwas festes, hartes, fast kiesselsteinartiges in meinen Mund fällt. Mein halbierter Eckzahn ist noch an seinem vorgesehenen Platz im Mund, doch der Luftzug, der durch die Spalten der verbogenen Wände des Zimmers kommt, streift auch meinen halben aufgeknackten Zahn. Mein gesamter Kiefer fühlt sich an, als würde er brennen. Das verursacht mir Kopfschmerzen, die meinen Kopf fast zum bersten bringen.

Alles fängt sich an zu drehen. Die pochenden Kopfschmerzen fühlen sich an, als würde mein Gehirn aufgeblasen und gegen meine Schädeldecke schlagen. Ich kneife meine Augen zusammen und mein Sichtfeld füllt sich mit Schwärze.

Meine Augen sind verklebt und ich brauche einige Minuten, um mich des Drecks in meinen Augen zu entledigen. Ich stütze mich auf einer weichen Matratze ab und versuche, mich ein wenig aufzurichten, um zu sehen, wo ich bin. Ich bin in einem schönen Schlafzimmer, das komplett in weiß gehalten ist. Die Fenster gegenüber von mir sind geöffnet und blasen leise die Seidenvorhänge in das Zimmer hinein. Es ist warm. Warm. Sofort kommen meine letzten Erinnerungen wieder hoch. Blut, Gestank, mein aufgerissener Körper, Ekstase. Ich sehe an mir hinunter, doch da ist kein Blut mehr. Alles ist heil. Ich sehe zu meiner Linken einen nackten Mann liegen. Er ist nicht zugedeckt und liegt einfach nur auf der Seite. Bei jedem Atemzug hebt sein gesamter Körper sich leicht an. Bin ich im Himmel?

Ich drehe mich von der Person neben mir ab und stehe vom Bett auf. Als ich sicher stehe, hebe ich meinen Kopf und sehe in einen Spiegel. Geschockt starre ich meinen wieder aufgerissenen Körper an und sehe mir in meine schwarzen Augen. Mein Gegenüber lächelt. Seine Wangen sind aufgeschlitzt. Jedoch nicht zu einem Lächeln, sondern zu einem traurigen Gesichtsausdruck. Trotzdem formt sein eigentlicher Mund ein groteskes Lächeln.

Das Ding, das anscheinend einmal ich war, macht einen Schritt nach vorne und noch einen, bis es direkt vor dem Spiegel steht. Immer noch sehe ich in seine Augen. Ich kann hören, was es sagt. Doch es öffnet den Mund nicht. Wir sind eins! Du musst wieder zurückkommen!

Einen Moment lang wird mir schwindelig und ich falle zu Boden. Der Raum dreht sich und aus dem weißen Schlafzimmer wird langsam ein dunkles, rostfarbenes.

Als sich der Raum aufhört zu drehen, liege ich wieder im Bett. Auf dem Mülleimer. Voller Ekstase. Aber es fühlt sich jetzt anders an, etwas in mir hat sich verändert. Als wäre ich aus einem Traum, einem Delirium erwacht. Da ist jetzt noch jemand in meinem Kopf. Doch er war eigentlich die ganze Zeit schon da, ich war stattdessen nicht da. Es ist nicht mein Geist. Es sind nicht meine Gedanken. Es sind nicht meine Gefühle. Ein Körper, zwei Seelen. Mein Körper gehört nicht mehr mir. Er gehört jetzt ihm und er will, dass ich wach bin, dass ich alles spüre. Und er genießt die Qualen. Ich will schreien. Ich will sterben.

Doch er...er will das nicht.

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