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Deine Arme fuchtelten aufgeregt durch die Luft. Die spröden Lippen repräsentierten, die ungeheure Wut, die sie tief in deiner Seele für Jahre vergruben hatte. Abgeschottet von der Außenwelt, versteckt hinter einer sorglosen Es-geht-mir-gut-ihr-braucht-euch-keine-Sorgen-um-mich-zu-machen-Fassade. Trotz dessen, dass ich meine Hände fest (so fest, dass die einhergehende Anstrengung sich mit anfänglichen Schmerzen bemerkbar machte) gegen meine Ohren presste, um das androhende Gebrüll deiner tyrannisch-herrschenden Stimme nicht mitanhören zu müssen, drangen einzelne, dumpfe Fetzen in mein Gehör hinein, die mir jene Ansicht offenbarten, welche ich schon seit einer ganzen Weile befürchtet hatte: „VERSCHWINDE! HAU EINFACH AB UND KOMM NIE WIEDER ZURÜCK!“ Doch neben diesen Worten, die mir meine Seele Stück für Stück entzwei gerissen hatten, indem sie dafür sorgten, dass die (wenn auch nur winzigen, ja fast harmlosen) Risse sich ringsum meinen gesamten Geist bildeten, war es letztlich ein einziger Satz gewesen, dessen Wörter ich nie hätte gedacht aus deinem Mund zu hören. So wie ich selbst (kaum hatte der Satz deine Lippen verlassen) den Tränen nun gänzlich nahe war, so hattest du mir mit deinen eignen fließenden Tränen zu erkennen gegeben, wie viel Zorn tatsächlich durch deine vergifteten Venen floss. „Ich dachte wirklich…“, brach deine Stimme, deine wunderschöne nyphengleiche Stimme, während du den Beginn meiner endgültigen, mentalen Zerstörung eingeleitet hattest, „…dass wir für einander bestimmt wären. Das ich für immer mit dir zusammen sein könnte – vollkommen gleichgültig, was die Welt da draußen von uns dachte!“ Aber das kannst du doch! Schrie mein innerer Klang jene Bestätigung hinaus, die du in diesem einen Moment mehr denn je gebrauchen könntest. Jedoch, als mein Sprechorgan sich zu bewegen regte, vermochte es nicht mehr zu Stande zu bringen, als meinen Mund zu öffnen und sogleich wieder zu schließen. In meiner geistigen Vorstellung, spielte ich mit dem Gedanken, meiner Geliebten mit einer zärtlichen Umarmung und einer unter zahlreichen Tränen aufgelösten, Entschuldigung meine Liebe zu ihr zu offenbaren. Ihr zu versprechen, dass ich immer für sie da wäre, vollkommen gleich, was auch geschehen mag. Genauso, wie sie es wollte.



Dennoch wurde mein geistiges Vorhaben, unmittelbar durch den plötzlichen Anflug eines Glases, welches nur knapp an meinem Gesicht vorbei, hinter der Wand, an welcher ich mich angelehnt hatte zerschellte, unterbrochen. Ich konnte das klirrende Geräusch der aufeinanderprallenden, einzelnen Glasscherben wie das scharfe Geheul zweier sich bekämpfenden Wölfe vernehmen, die beide um das Überleben des jeweils einzelnen kämpften. Meine Hände, hatte ich zur schnellen, reflexartigen Reaktion bereits von meinen Ohren genommen, um mich aus dem Regen der nacheinander hagelnden Gläser, die als Hauptziel mein Gesicht zu zerstören drohten, zu entfernen. Wie von einer Tarantel gestochen sprang ich zur Seite, während mich nun das flammende Inferno mit der Bezeichnung „Zorn“ packte und ich meiner Kontrahentin entgegen schrie: „BIST DU VÖLLIG ÜBERGESCHNAPPT, MAYA?!“ Innerlich rechnete ich mit sofortiger Einsicht, dass sie einen Fehler begangen hatte, (einen verdammt großen Fehler), mich mit Weingläsern regelrecht zu bewerfen, doch anstelle dieser Erkenntnis, ignorierte sie meine Beleidigungen und Wutausbrüche, die genauso aus mir herausbrodelten, wie es noch vor wenigen Augenblicken bei ihr der Fall war. Denn, sie lachte. Lachte, als wären meine Aussagen und der verzweifelte Versuch sie zu stoppen, ein verdammter Witz gewesen.



„Denkst du wirklich“, kam es wahnsinnig lachend aus ihr hervor. In ihren Augen, spiegelte sich der pure Wahnsinn wider, welcher durch den verlorenen Glanz und (für gesunde Menschen) viel zu kleinen Pupillen nur umso mehr unterstrichen wurde. „DENKST DU ALLEN ERNSTES“, schrie sie, immer noch in Begleitung von dem kehligen, von purem Delirium getriebenem Lachen im Unterton, „Das ich mich vor dir fürchte? DU, der dafür sorgte, dass ich tagtäglich gefragt worden bin, ob auch alles in Ordnung mit mir sei, wenn man mich mit dir auf der Straße sah? DU, der allein die Verantwortung dafür trug, dass man mir versucht hatte glaubhaft zu machen, dass ein Besuch beim Psychodoc, meine Krankheit kurieren könnte? Und du…“, setzte sie jetzt mit einem von tiefer Trauer begleiteten Beiklang ein, das wahnsinnige Gelächter und der dazugehörige Blick waren gänzlich verschwunden. „…der mit dem ich mir eine Zukunft aufbauen wollte, mit dem ich alt werden wollte und von dem ich mir von ganzem Herzen – wenngleich es keine Chance gegeben hätte, dass es funktionieren würde – Kinder auf die Welt setzen wollte: Denkst du wirklich, dass der Vater unserer Kinder und der Ehemann meiner Träume mir in irgendeiner Art und Weise Angst einjagen könnte?“ Ich konnte sehen, wie ihre Lippen vor erfüllter Niedergeschlagenheit bebten. Inzwischen war sie mit langsamen Schritten zu mir gekommen. Eine Hand ihrerseits versuchte vergebens die meine zu ergreifen, doch war es nicht mehr als die eiskalte Luft, die sich mit schleichender Angespanntheit zwischen uns gelegt hatte, die ihre Hand wahrnahm. Denn ich hatte meinen Blick, kaum hatte sie ihren Annährungsversuch gestartet, von ihr abgewendet. „Nein…“, murmelte sie fassungslos, als würde sie nur allmählich registrieren, was hier vor sich ging. „Nein, nein!“, schrie sie mittlerweile immer wieder. „Ignorier mich nicht! Sieh mich an! Schau mir ins Gesicht! Sieh mich an! SIEH. MICH. AN!“



Doch anstelle ihrer immer lauter werdenden Forderung nachzukommen, signalisierte das innere Inferno meiner Seele, dass mein anfänglicher Zorn mit jedem einzelnen Wort, welches ihr widerwärtiges Mundwerk verlassen hatte, ein wahres Monster der puren Hölle in mir heranwachsen ließ, was letztlich dazu führte, dass sich dieses Monster mit all seiner ungeheuren Wucht auf sie stürzte.



Meine Hände zitterten von purem Hass getrieben, als ich ihre Hand in die meine nahm. Wie aus einem plötzlichen Reflex heraus, umklammerte ihre linke daraufhin die meine. Ihre Augen waren mit so viel Hoffnung und vorsätzlicher Liebe gefüllt, dass es mich schon zum Kotzen brachte. Dennoch ließ ich zu, dass ihre Illusion eine Gestalt annahm. So wie schlussendlich alle ihre Illusionen. „Ja“, hauchte ich ihr zärtlich, beinahe durch pure Begierde getrieben in ihr Ohr. „Eine Zukunft mit dir wäre alles, was ich je wollte. Es wäre unentwegt das einzige, was meinem mickrigen Dasein einen Sinn geben würde, findest du nicht auch?“ Wenngleich sie ihren Kopf auf meine Brust legte, sodass ich ihre Mimik nicht sehen konnte, war es dieses leise, überaus süße Kichern, welches sie immer dann von sich gab, wenn sie glücklich war. Immer dann, wenn sie spürte, dass sie nicht alleine war. Das sie niemand dafür verabscheute oder verurteilte was sie war: Ein unschuldiges, naives, süßes Mädchen, dass ihr Leben manchmal nicht ganz unter Kontrolle hatte. Aber dazu hatte sie mich. Ihren Retter.



„Weißt du, was wir jetzt machen, um unsere Liebe für immer zu besiegeln?“, stellte ich die Frage in den Raum, doch war ich versucht den Kloß in meinem Hals so authentisch wie möglich darzustellen, während ich ihr lieblich über ihre pechschwarzen Haare strich, dessen spröde Existenz davon zeugten, wie sehr meine Liebste sich hat über die Wochen hinweg abschotten lassen. Isoliert von der Außenwelt, von ihren Freunden und am Ende von ihrer Familie, sorgte sie im Schatten ihrer eigenen vier Wände dafür, dass sie nur mich sah, mich roch, mich schmeckte und manchmal – nur manchmal, wenn sie stark genug war und der drohende Kollaps ihrer Psyche es zuließ – mich selbst anfasste und unter ihrer Haut spürte. „Bleib für immer bei mir!“, hatte sie in der aufsteigenden Hitze unserer intimen Zärtlichkeit gekeucht, derweil ich ihr mit einem darauffolgenden, innigen Kuss versicherte, dass es keinen Menschen, kein Gesetz und keine Hölle oder Himmel gab, was uns beide hätte voneinander trennen können. Immer wieder hatte ich ihr klargestellt, wie sehr ich sie liebte; wie viel sie mir über all die Jahre, die wir nun miteinander verbracht hatten bedeutete. Doch es war das Schicksal, welches uns beide (wenn auch gänzlich gegen unseren beider Willen) dazu verleitet hatte, alles was wir uns so sehr erträumt und mit größter Mühe erbaut hatten, mit einem Mal niederzureißen. Bislang war ich immer geduldig gewesen. Wirklich! Ich würde meine Angebetete nie für ihre „Phasen“, wie sie es selbst nannte, verachten oder gar meine Hand gegen sie erheben, wenn sie sich in dieser befand. Wer würde es schon tun, wenn er seine Partnerin über die Grenzen des unmöglichen hinaus liebte? Aber… diese „Phase“, die sie nun an den Tag gelegt hatte, war zu viel für mich gewesen. Selbst für jemanden wie mir, der sie ihre gesamte Kindheit über begleitet hatte.



Also verzeih mir, meine wunderschöne Göttin. Ich flehe dich an, verzeih mir bitte, was ich dir angetan habe…



Ihr Gesicht war von Freudentränen benetzt. Das Zittern meiner Hände war inzwischen weniger geworden. Doch wenngleich sie ihr beben nicht reduziert hätten, würde es ohnehin keinen Unterschied machen, ob meine Prinzessin es wahrnehmen würde oder nicht – ihre Psyche hatte ihrem Ausdruck zufolge Dimensionen erreicht, an der es ihr vollkommen gleich war, ob sie mich spüren konnte oder nicht. Sie würde mir buchstäblich aus der Hand fressen – so, wie ich es immer wollte. „Was denn, mein Liebster? Was werden wir tun, um unsere Liebe zu-“ Ehe sie den begonnenen Satz vollenden konnte, schmetterte ich ihren fetten Schädel mehrfach gegen die in himmelsblaue Tapete, tappezierte Wand. „Das werden wir tun! Das werden wir tun! DAS! DAS! DAS! DAAAAAAAAAAAAAAAS!“, brüllte ich wie von Sinnen und genoss das spritzen ihres Blutes, welches so einen wunderschön-hässlichen Kontrast zu diesem tristen, langweiligem himmelblau bot. Ich keuchte erregt, als endlich ihr Schädelknochen in meinen Ohren brach. Dieses abartige, schmerzhafte und kurze Geräusch ließ mein Herz umso schneller schlagen. Ihrem Anblick nachzuurteilen, welcher sich darin offenbarte, dass ihre Augen sich vollends nach hinten gedreht hatten und ihr Lebenssaft wie ein kleiner, blutroter Fluss über ihr einst bildhübsches Antlitz floss, muss mit dem letzten Schlag das restliche Leben aus ihr gehaucht haben, welches der Träger ihrer inneren Verkommenheit gewesen war. Doch mit ihr, löste sich auch ihr Delirium in langsamen, verblassenden Momenten auf. Meine Haut fing an in ein krankhaftes, den verwesenden Leichen ähnlich, Weiß zu wechseln. Die Luft in meiner Lunge fühlte sich eiskalt und dünn an. So, als würde ich einen Berg hinaufsteigen, dessen sich nährende Ziel mir immer mehr und immer schlimmer die Luft abschnitt, sodass ich sie nur schnappatmend in meine Organe führen konnte. Jedoch versiegte diese Möglichkeit als bald mit der auftretenden Pein, welche sich wie innere Eiszapfen scharf durch meinen gesamten Körper bohrte und mir am Ende meines allerletzten Atemzugs die verschwommene Sicht übrigblieb, welche kurz darauf die Schwärze des Jenseits präsentierte…



Denn ich war und blieb nichts weiter, als das Produkt eines kleinen Mädchens, dass von allen die sie einst liebte, verraten und emotional missbraucht wurde.

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