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Ein Gefühl des Elends riss ihn zu dunkelster Stunde aus dem Schlaf. Ein Gefühl, welches seine Seele tief belastete und leiden ließ. Gedanken breiteten sich in seinem Verstand aus, so düster, verheerend. Minuten vergingen, aber sie gaben ihm keine Ruhe. Seine Hand zitterte und glitt über den Stoff des Bettes. Aus dem Stoff an seinen Fingerspitzen wurde plötzlich kaltes Metall, ein Griff. Er konnte sich nicht erinnern, dass er solch einen Gegenstand in dem Bett hatte liegen lassen, aber er scherte sich nicht darum. Nach und nach umklammerten seine Finger diesen, bis seine Hand sich zu einer Faust formte und er ein vertrauliches Gefühl bekam; als würde er diesen Griff kennen und nicht zum ersten Mal halten. Jeglicher Muskel in dieser Hand, in seinem gesamten Körper wurde angespannt. Er spürte seine nicht allzu kurzen Fingernägel, die sich durch seine Haut bohrten und tiefe Abdrücke hinterließen. Ein ruhiges Atmen gelang durch sein Gehör. Sein Kopf drehte sich und blickte zu der Frau, die neben ihm schlief. Seine Frau, seit knapp zwei Jahrzehnten. Allmählich breitete sich Schweiß an dem Griff aus, den er noch immer feste in der Hand hielt. Er wusste, was getan werden musste. Sein Arm erhob sich, mitsamt der Bettdecke. Aus den ruhigen Atemgeräuschen wurden mühsame Laute. An ihren Augen bildeten sich kleine Tropfen, die allerdings nicht an ihren Wangen hinunterliefen. Der Griff verschwand aus seiner Hand, als wäre er nie dort gewesen. Das Gefühl des Griffes aus Metall hatte ihn verlassen, als hätte er nie existiert.

„Was ist los?“, fragte sie mit einer müden Stimme.

„Ich muss auf‘s Klo. Wollt‘ dich nicht wecken.“

Sie gab ihm ein kleines Grinsen und schloss darauffolgend wieder die Augen. Ob sie sich an dem nächsten Tag hieran erinnern würde? Falls nicht, würde es vermutlich nicht an ihrem Gedächtnis liegen. Mit recht schnellem Schritt eilte er in das Badezimmer, aber nicht, weil er seine Blase oder seinen Darm entleeren musste. Er brauchte einen Ort, in dem er nachdenken konnte. Nachzudenken – das ist, was er brauchte. Angekommen in dem Raum, schloss er hinter sich die Türe und drehte den Schlüssel, bis der Riegel einrastete. Den Lichtschalter ließ er unberührt. Das einzige Licht stammte von den Straßenlaternen, die durch das winzige Fenster schienen. Er trat vor dieses und sah hinaus. Seine Hand schliff über das Glas, den Fensterrahmen und schlussendlich den Griff. Den kalten Griff. Metall. Erneut fühlte er den Griff, den er vorhin in seinem Bett bereits hielt. Der Schweiß an diesem blieb haften. Er sah zu dem Griff herüber und erkannte nun, um welchen Gegenstand es sich die ganze Zeit über handelte. Die Klinge war sauber, schien wie frisch poliert; vermutlich auch frisch geschliffen. Ein Verlangen durchströmte seinen Kopf. Das Verlangen, diese Klinge schmutzig werden zu lassen. Sehr schmutzig.

„Schmutzig. Bedeckt mit vielen roten Flecken. Flecken, die auf den Griff, deine Hand tropfen. Worauf wartest du noch? Beseitige deine Probleme, für allemal. Du weißt, was zu tun ist.“

Die Stimme klang einfühlsam, so vernünftig. Es schien, als würde sie ihn vollkommen verstehen, ihm beistehen. Er blickte auf die Klinge und hob seine freie Hand. Mit dem Zeigefinger berührte er langsam die Spitze, als sich ein winziger Bluttropfen bildete. Sie war scharf, sehr scharf. Das Blut, welches bereits seinen halben Finger hinunterlief, rieb er an das Metall. Es blieb haften. Rote Flecken, wenn auch nur kleine. Sein Kopf hämmerte, als wolle jeglicher finstere Gedanke aus diesem ausbrechen und tun, was er wollte. Er wusste, was sie von ihm verlangten, aber er wusste auch, dass er sie nicht lassen konnte.

„Ich bin in dir drin. Ich wurde aus dir erschaffen. Du kannst versuchen mich aufzuhalten, aber es gibt nur einen Weg. Du kennst den Weg. Geh‘ den Weg.“

Weitere Gedanken schossen ihm in den Kopf, kein Stück weniger finster; vielleicht sogar mehr, als die Vorherigen. Allerdings irrte sich die Stimme. Es gab mehrere Wege, mehrere Pfade. Sie führten zwar zu dem selben Ziel, aber jeder war verschieden, so einzigartig. Faszinierend. Er wollte, dass sein Weg kurz war. Ohne allzu langes Warten, ohne allzu viel Leid. Sein Blick fiel wieder auf die Klinge, dessen Spitze ihn bereits anstarrte, direkt unter sein Kinn. Das Blut auf dem Metall fing an zu trocken, tropfte nicht auf den Griff, nicht auf die Hand. Es war dafür zu wenig. Es brauchte mehr. Wie er dies bekam, wusste er. Doch er wusste noch etwas anderes. Etwas wichtiges, was er bislang vergaß.

„Sorge dich nicht um ihn. Wofür du dich auch immer entscheidest, er wird es sehen. Er wird schreien. Er wird vermutlich auch weinen. Aber nicht ewig.“

Die Klinge wandte sich wieder von ihm ab. Die Hand, aus welcher der Griff vor Schweiß beinahe herausfiel, ließ locker und taumelte an seinem Becken. Mit seinem Daumen glitt er über die Schneide. Eine lange Wunde bildete sich an dem Finger. Er sah sie nicht, aber spürte es. Das Blut rieb er wieder an die Klinge, das kühlende Metall. Er brauchte keinen Blick darauf zu werfen, um zu wissen, dass die Flecken klein waren. Zu klein, noch immer. Die Klinge müsste komplett in Fleisch versinken, um völlig mit Blut bedeckt zu sein. Die Brust seiner Frau, die anscheinend friedlich schlief… noch. Aber jemand würde geweckt werden. Jemand, den er erneut fast vergaß. Es würde wohl sinnvoller sein, sich zuerst um ihn zu kümmern. Zuerst um ihn kümmern, um ihn Leid zu ersparen. Leid, welches er nicht zu erleben brauchte. Aber auch Leid, welches er nicht erleben musste, ihm erspart bleiben könnte. Die Spitze der Klinge blickte wieder zu ihm. Sie sahen sich beide an. Ein Grinsen formte sich in seinem Gesicht.

„Eine Entscheidung muss fallen.“

Eine Entscheidung war gefallen.

Am Morgen wurde die Frau geweckt, von einem Schrei. Ein Schrei ihres Sohnes.

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