Deutsches Creepypasta Wiki
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Diesmal ist es keine Berührung, nicht die Nähe eines anderen Wesens, die meine uhrwerkartigen Schreibbewegungen innehalten lässt, sondern das genaue Gegenteil: das unsichtbare, aber nichtsdestotrotz monströse Gewicht der Stille und der Einsamkeit.

Einsamkeit ist tückisch. Zunächst ist sie dein Freund. Lockt dich mit Versprechungen von Freiheit, grenzenlosen Möglichkeiten und ungestörtem Nachdenken. Mit süßen Erzählungen von der Abwesenheit jeglicher Erwartungen, Ansprüche, Angriffe und Schmähungen durch deine Mitmenschen oder Mitgeschöpfe. Und für eine Weile funktioniert es tatsächlich. Eine Zeitlang fühlst du dich, als wärst du endlich wieder bei dir selbst angekommen, als gehöre deine Zeit, ja die ganze Welt, die du so lange teilen musstest, wieder dir.

Doch es dauert nicht lange, bis dir diese Freiheit sinnlos wird, bis jede Entscheidung, jede Richtung, die deine Handlungen oder Gedanken einschlagen könnten, vollkommen bedeutungslos wird. Denn nichts, was du tust, tust du allein für dich selbst. Du magst dich nicht immer direkt nach Anderen richten, aber insgeheim hoffst du dennoch, dass sie das, was du tust und sagst honorieren, verstehen, lieben oder wenigstens hassen. Selbst deine stillen Gedanken, deine inneren Monologe richten sich an eine unsichtbare Chimäre, ein Mischwesen zwischen dir und allen Wesen, mit denen du je gesprochen hast. Die anderen sind deine Bühne und dein Publikum. Wenn sie fehlen, übernehmen irgendwann die trägen Geister der Einsamkeit, foltern dich mit ihren Einflüsterungen und lassen dich um Anerkennung, Aufmerksamkeit und schließlich sogar um Verachtung betteln, während niemand je dieses Flehen hört und du dich mehr und mehr ausdehnst, zerfasert und auflöst wie eine Flüssigkeit, die man im Meer verschüttet.

Meine Waffe, die ich gegen dieses subtile Grauen ins Feld geführt hatte, welches sich in dieser kleinen Kammer viel schneller entfaltete, als gewöhnlich, war der Flow. Wahrscheinlich kennt jeder Mensch das Phänomen, so in einer Tätigkeit aufzugehen, dass alles andere bedeutungslos wird, alle abweichenden Gedanken verstummen, die Zeit jede Bedeutung verliert und man selbst zu dieser Aufgabe wird. Freudig, kompromisslos und mit absoluter Hingabe. Es ist ein schöner Zustand, ein sanfter Drogentrip, eine subjektive Zeitmaschine. Das Problem ist nur, dass ihre Wirkung irgendwann nachlässt, dass man in irgendeinem grausamen Augenblick aus diesem Ich-losen Jetzt in den reißenden Fluss der Zeit geschleudert wird und all die verdrängten Ungeheuer erblickt, die dort geduldig gewartet haben.

Wahrhaft glückliche Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass diese Ungeheuer nicht existent oder klein und flauschig sind. Bei mir hingegen sind sie riesenhaft und sehr real. Und damit meine ich nicht allein das Monster, das in Gebäudegröße vor der Tür dieser Kammer wartet, sondern auch jenes, welches ich selbst erschaffen habe. Das Ungeheuer, das diesen Text niederschreibt und das seine eigene Familie im Stich gelassen hat.

Woher kommen diese Fragen, überlege ich verwundert. Woher kommt dieses Denken, das so anders ist als die Gedanken, die ich in den letzten Stunden gedacht habe? So chaotisch und unklar, so abschweifend und unstrukturiert, dass es einen Teil von mir verängstigt.

Ich merke, wie ich erschaudere und aus diesem Schaudern wird ein nervöses und dann fast krampfhaftes Zittern, welches sich in meinem gesamten Körper ausbreitet. Verzweifelt nach Halt suchend greife ich wie automatisch in meinen Rucksack und als meine Finger die ölige Asche der falschen Lebensmittel durchstoßen und auf etwas Rundes, Kaltes, Glattes treffen, hört dieses Zittern augenblicklich auf. Ich ziehe meinen Arm zurück, wobei die Asche zurück in den Rucksack rieselt und betrachte die schwarze Murmel in meiner Hand.

Dabei steigt meine Verwirrung zunächst ins Unermessliche, bevor sie kippt und sich in eine neue Klarheit sortiert. Das hier – begreife ich – ist ein Teil von mir. Der Teil, den die Glockenmaschine bei meiner Wiedergeburt von mir abgespalten hat. Der Teil von mir, der alles Irrationale und Chaotische – wie Mut, Angst, Liebe, Fantasie und Intuition – in sich aufgesogen hat und der womöglich unwiederbringlich verloren gewesen wäre, wenn nicht ein kleiner, pfiffiger Käferjunge ihn irgendwie in meinen Rucksack geschmuggelt hätte.

Die Glocke hat mich auf ein starr denkendes, weitgehend gleichgültiges und von Zwangshandlungen dominiertes Rumpf-Ich reduziert. Folglich war diese kleine Kugel hier für mich so etwas Ähnliches wie für On-Grarin sein Artian-Re und falls ich sie je verlieren sollte, wäre ICH verloren. Ja, vielleicht würde mein Zustand sogar noch extremer werden, wenn sich die Murmel nicht einmal mehr in meiner Nähe befindet. Selbst in diesem Augenblick bin ich zwar wieder fast der Alte, aber nicht ganz.

Doch auch wenn diese Erkenntnis sehr wichtig für mich ist, wandern meine Gedanken doch schnell zu zurück zu etwas noch viel Wichtigerem: Ich muss meine Familie aus den Klauen dieser Kreatur befreien, wenn es dafür noch nicht zu spät ist. Diese Erkenntnis entflammt mich, beflügelt mich und behauptet sich erfolgreich gegen die nun ebenfalls schlagartig einsetzende, entsetzliche Angst vor der Kreatur dort Draußen.

Ich will diesem heroischen Impuls nachgeben, das Momentum nutzen, aber selbst wenn mein analytisches Denken nicht mehr alles in mir beherrscht, so reicht es doch aus, um mich vor diesem Fehler zu bewahren. Mir ist bewusst, dass ich die Murmel nicht einfach in der Hand halten kann – zu groß wäre die Gefahr sie im Kampf zu verlieren und es ist mehr als wahrscheinlich, dass ich zwei freie Hände benötigen werde. Wenn ich die Murmel jedoch einfach wieder in den Rucksack zurückstecke, wird mein Denken wieder in denselben, unmenschlichen Bahnen verlaufen wie zuvor.

Also nehme ich die Scheuklappen ab, die ich Tarenas Fürsorge zu verdanken habe, konstruiere daraus eine Art Halterung für die „Chaos-Murmel“, wie ich sie fortan nennen will und hänge sie mir wie eine Kette um den Hals. So vorbereitet atme ich tief durch, verstaue meinen Katalog im Rucksack, nehme On-Grarins Peitschenmedaillion in die Hand und gehe zu Tür. Erfüllt von einer Scheißangst und zugleich dem guten Gefühl endlich wieder halbwegs ich selbst zu sein, lege ich meine linke Hand auf den Türgriff, drücke ihn hinunter und trete hinaus in den Supermarkt, der keiner ist.

~o~

Ich bin mir fast vollkommen sicher gewesen, dass sich die Lampengeschöpfe sofort auf mich stürzen und mich wie einen reifen Pfirsich vom Boden pflücken würden, aber genau das geschieht nicht. Der falsche Supermarkt liegt vielmehr gespenstisch still vor mir und weder von den monströsen Wesen, noch von Tarena oder Andy ist auch nur die geringste Spur zu entdecken. Ich blicke zu einer der Deckenlampe, die scheinbar harmlos über mir hängt und die sich nicht im geringsten bewegt und frage mich, wie ich dort hinauf gelangen könnte.

Denn auch wenn ich nicht mit Sicherheit weiß, was mit den Beiden geschehen ist, ob sie tot sind, geflohen oder in Gefangenschaft, so gehe ich doch stark davon aus, dass eines dieser Wesen sie zu sich hinaufgezogen hat, so wie sie es auch mit mir versucht haben.

Vorsichtig und flachem atmend durchstreife ich erneut den falschen Supermarkt. Dabei entdecke ich schließlich ein mit vermeintlichen Obstkonserven gefülltes Regal, das nicht nur stabil genug aussieht, um mich zu tragen, sondern auch hoch genug, um mit dessen Hilfe zur Decke gelangen und sie näher untersuchen zu können. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen, ergreife die höchste Regalreihe, die ich erreichen kann und versuche mich daran hochzuziehen. Der Aufbau schwankt beunruhigend, aber er kippt nicht um und so nutze ich die unteren Regale als eine Art Leiterstufen und wuchte mein Gewicht nach oben, wobei die Konstruktion noch einmal so gefährlich kippelt, dass ich den Halt verliere. In letzter Sekunde nutze ich meine Peitsche, um sie um eine nahe Deckenlampe zu schlingen und zu verhindern, dass ich auf den Boden stürze. Diese Handlung ist so reflexhaft wie dumm, denn mir ist natürlich klar, dass diese Wesen keine Lampen, sondern gefährliche Beutegreifer sind und ihre mysteriöse Zurückhaltung spätestens dann aufgeben werden, wenn ich sie als Halterung missbrauche.

Doch entweder handelt es sich bei dieser speziellen Lampe tatsächlich um einen leblosen Gegenstand oder das Wesen ist in eine Art Schlaf verfallen. Womöglich in einen Verdauungsschlaf, denke ich düster.

Jedenfalls gelingt es mir auf diese Weise auf dem Regal Halt zu finden und mich in eine kniende Position aufzurichten, wobei ich die Decke, die mir nun beunruhigend nah ist, genauer in Augenschein nehme. Sie wirkt wie eine ganz gewöhnliche Decke, verblendet mit weißen glatten Kunststoffplatten, zwischen denen etwas dunklere Verbindungsstreben verlaufen. Ich versuche eine Lücke oder Schwachstelle darin auszumachen und kratze mit den Fingernägeln über das Material, aber natürlich finde ich keine. Das hier ist kein Supermarkt, erinnere ich mich. Das hier ist entweder eine einzige, große Kreatur oder eine Art Nest für eine Gruppe von Lebewesen und in beiden Fällen wird es kein Interesse daran haben, einen ungebetenen Gast in sich aufzunehmen.

„Tarena, Andy, lebt ihr noch?“, rufe ich frustriert jene obligatorische Frage, die sich natürlich nur mit Ja oder gar nicht beantworten lässt, die aber zumindest das Potenzial hat meine Seele ein wenig leichter zu machen.

Doch eine Antwort erhalte ich nicht. Sind sie tot? Sind sie wirklich tot? Und wenn es so ist, gehe ich dann einfach weiter? Nein, entscheide ich und presse dabei die Chaos-Murmel ganz fest gegen meine Brust, um meinen Beschluss nicht ins Wanken geraten zu lassen. Denn rein rational betrachtet, ist hier für mich nichts mehr zu holen.

Die Berührung der Murmel erinnert mich aber deutlich daran, dass es Dinge gibt, die man auch dann tun muss, wenn sie nüchtern betrachtet vollkommen idiotisch sind, einfach, weil sie dafür sorgen, dass man sich nicht fühlt wie ein laufender Haufen Dreck und vor allem, weil es nicht immer nur darauf ankommt, den eigenen Arsch zu retten. Also versuche ich das Einzige, was mir noch einfällt: Ich donnere On-Grarins-Peitsche mit aller Wucht gegen die Decke, in der Hoffnung mir so doch einen Weg ins Innere zu bahnen oder dieses – bzw. diese – Wesen wenigstens zu irgendeiner Reaktion zu verleiten. Zumindest letzteres funktioniert hervorragend, denn plötzlich verschwindet das Regal unter mir mit einem matschigen, feuchten Geräusch, sodass ich ungebremst mit dem Rücken auf den nackten Boden knalle, mein Rückgrat schmerzhaft vibriert und mir der Atem aus der Lunge gepresst wird.

Die Schmerzen und die Benommenheit machen es mir unmöglich aufzustehen. Schwarze Punkte tanzen vor meinen Augen und dennoch erkenne ich, wie die Illusion des Supermarktes sich verflüchtigt und sich über mir eine bräunliche, von starke Muskelsträngen durchzogene Fleischmasse offenbart, die sich tropfenförmig von der Decke ablöst und nach unten senkt. Für einen Moment erblicke ich ein dickes, rötlich schimmerndes, stabiles Skelett, welches wohl Anstelle von Stahlstreben und Stein die Stabilität dieser Konstruktion gewährleistet. Noch immer unfähig auszuweichen oder mich auch nur ordentlich zu bewegen, hebe ich mühsam den Kopf und beobachte, wie sich das von oben kommende Gewebe mit der Masse verbindet, die bisher das Regal geformt hat. Erst vermute ich einen Angriff, einen gewaltigen, vernichtenden Schlag, mit dem mich dieses Ding, bei dem es sich wohl tatsächlich um einen einzigen, großen Organismus handelt, wahlweise verschlingen oder zerquetschen möchte. Doch ich täusche mich. Das Gewebe, welches sich wie Teigmasse aus einer Spritztülle langsam aufschichtet und aufbaut, formt zwar einen grotesken, fast humanoiden Mund ohne Zähne und mit einer dicken, muskulösen Zunge, doch offensichtlich nicht um zu fressen, sondern um zu kommunizieren.

„Verschwinde, Vielgereister!“, erklingt eine raue, blubbernde Stimme aus dem bizarren Maul, begleitet von einem ekelhaft würzigen Geruch, „deinesgleichen hole ich nicht. Geh durch meine Türe und verschwinde. Ich werde dich nicht aufhalten. Geh zu neuen Welten. Geh zurück an deinen Ursprungsort. Geh zu den Mechanikern. Geh, wohin du willst, aber geh!“

Ich kann kaum glauben, was ich da höre. Dieses Ding bietet mir tatsächlich freies Geleit an?

„Wieso sollte ich dir glauben? Vorhin hast du noch versucht mich zu Verschlingen?“, frage ich das Wesen.

„Ein Versehen“, antwortet das Ding, „Beifang. Gesellschaft von Unbeweglichen. Aber nun weiß ich, dass du nicht zu ihnen gehörst. Hast sie mir überlassen. Zum Beobachten. Zum Lernen. Zum Verdauen. Hast eines der Bücher bei dir. Kein Zweifel. Du bist ein Vielgereister. Ein Fortgeschrittener. Und mein Abkommen mit den Mechanikern verbietet mir, sie zu verzehren. Nollotsch hält sich an Vereinbarungen. Meistens. Also geh, bevor ich meine Meinung ändere.“

„Was bist du?“, frage ich die Kreatur – Nollotsch – und habe dabei das dumpfe Gefühl, die Antwort eigentlich zu wissen, auch wenn sie mir im Moment nicht einfallen will.

„Das geht dich nichts an, Vielgereister. GEH NUN!!“, brüllt mich der widerliche Mund an, während mir sein Gestank die Magensäure in die Mundhöhle treibt. Glücklicherweise kann ich meine Muskeln inzwischen wieder bewegen und so stemme ich mich hoch, während der Mund reglos und abwartend verharrt, wohl in der festen und gar nicht so abwegigen Annahme, dass ich sein Angebot annehmen werde. Ein klackendes Geräusch erklingt, als sich das Schloss der Eingangstür wie von Geisterhand öffnet, die Tür schließlich aufspringt und das unnatürlich helle Wüstenlicht hineinlässt. Kurz werfe ich einen Blick in die verlockende und zugleich beängstigende Freiheit. Dann treffe ich eine Entscheidung.

„Ich gehe nicht ohne meine Familie“, sage ich entschlossen, „die Unbeweglichen, wie du sie nennst. Du sagtest, dass du sie beobachten und von ihnen lernen willst, also leben sie sicher noch, nicht wahr?“

„Vielleicht“, erwidert der Mund spöttisch, „aber das hat dich nicht zu interessieren. Was mir gehört, gebe ich nicht mehr her.“

Spätestens in diesem Moment wird mir endgültig klar, dass eine Diskussion mit diesem Nollotsch sinnlos ist. Er wird Tarena und Andy niemals freiwillig herausgeben. Doch leider habe ich auch keine Ahnung, wie ich zu ihnen gelangen kann. Es sei denn…

„Sie gehören dir nicht, Abschaum!“, zische ich wütend, nehme meine Peitsche und ziehe sie so fest über den Mund der Kreatur, dass eine klaffende Wunde entsteht und ein Teil ihrer Zunge auf den Boden fällt, wo sie sich windet wie ein verletzter Wurm.

„Was fällt dir ein!“, keift das Supermarktgeschöpf empört, „das Abkommen schützt dich nicht unbegrenzt, Vielgereister. Flieh, solange du noch kannst oder bereue es und erfahre, wie…“

Ein weiterer Peitschenhieb unterbricht die Worte der Kreatur und matschiges Blut verteilt sich überall im Raum. Diesmal reagiert das Wesen nicht mit Worten, sondern mit einem grauenhaften Schrei, der so laut ist, dass ich meine Ohren mit den Händen abschirmen muss, um nicht taub zu werden. Fast gleichzeitig schlägt die Tür mit einem Donnern zu und zwei der Lampenwesen lösen sich aus der Decke und versuchen nach mir zu greifen, wobei ich ihrem Zugriff durch eine schnelle Drehung knapp entgehen kann. Inzwischen hat das Wesen seinen Mund aufgelöst und das Gewebe in die Decke zurückgezogen, wo sich nun weitere Lampenrochen ausbilden, deren Mäuler gierig auf mich hinabstoßen, wovon sie nur ein entschlossener Peitschenhieb abhält. Dabei will ich mich in Wahrheit von ihnen verschlingen lassen, denn dies scheint mir die einzige Möglichkeit zu sein zu Tarena und Andy zu gelangen. Aber meine Intuition, jener fast verlorene sechster Sinn, der durch die Chaos-Murmel, in mich hinein sickert, sagt mir, dass ich es Nollotsch nicht zu leicht machen darf, dass die Kreatur kein Misstrauen schöpfen darf, dass sie wütend und unvorsichtig sein muss und sich vor allem überlegen fühlen muss, wenn ich dieses Wagnis überleben will.

So wehre ich auch noch vier weitere Angriffe ab, was mir nur gelingt, indem ich die Kette um meinen Hals etwas anhebe und so auf jene mathematische Voraussicht zugreife, die mein unvollständiger Zustand mit sich bringt. Dann jedoch lasse ich die Kette wieder sinken, gerate absichtlich ins Stolpern und lasse mich von dem feuchten, unangenehm riechenden Gewebe eines der Lampenwesen verschlingen.

Während die organische Dunkelheit das kümmerliche Zwielicht verschluckt, und sich die muskulöse Membran enger und enger um mich schließt, verwandle ich die Peitsche zurück in ihre Münzenform und halte sie mit meiner rechten und die Murmel an meinem Hals mit meiner linken Hand fest umklammert.

Für einige Herzschläge verwandelt sich meine kürzlich noch durchlittene Platzangst in Raumangst, da mich das Fleisch der Kreatur nun wie eine zweite Haut umgibt und mir nur noch einen kleinen Hohlraum über meinem Kopf lässt.

Der würzige, fleischige Geruch, der mich nun umgibt und die stickiger werdende Luft sorgen bei mir für einen dumpfen, schleichenden Schwindel und vor allem für das ungute Gefühl einen riesigen Fehler begangen zu haben. So gut es geht, versuche ich die aufsteigende Panik niederzukämpfen und bin kurz versucht die Kette mit der Chaos-Murmel abzunehmen, um mir dieses Gefühl zu ersparen, doch ich will auf keinen Fall riskieren Tarena und Andy erneut im Stich zu lassen, also beherrsche ich mich.

Ich bemerke, wie das Geschöpf mich langsam nach oben zieht und damit ich auch sehe, wohin mich diese Reise führt, aktiviere ich meine Taschenlampe. Das zu tun ist sicher eine der besten Entscheidungen, die ich seit langem getroffen habe.

Ohne den Lichtstrahl, der mir das Innere der kleinen, ovale Fleischtasche enthüllt, in der ich mich gerade befinde, hätte ich den geriffelten, knochigen Legestachel, der sich auf meinen Mund zuschiebt, erst bemerkt, nachdem es zu spät gewesen wäre. Ob es sich dabei wirklich um einen Legestachel im Sinne einer Vorrichtung zur parasitären Fortpflanzung handelt, weiß ich nicht, aber dass diese glasige, harte, spitz zulaufende Röhre etwas in mir ablegen will, steht für mich außer Zweifel.

Die Frage ist nur, wie ich das verhindern kann. Das enge Gefängnis aus Fleisch, welches mich umgibt, macht mir ein Ausweichen unmöglich. Zwar bin ich in der Lage meinen Kopf ein wenig zu drehen, aber ich glaube nicht, dass mir das irgendwie weiterhilft. Kein Ungeheuer, das etwas auf sich hält, würde sich so einfach überlisten lassen. Ich erwäge meine Peitsche einzusetzen. Aber auch wenn sie in der Lage ist automatisch zu zielen und meine eigenen Schläge zu verstärken, so glaube ich doch nicht, dass sie ganz ohne Schwung und in diesem engen Raum genügend Wucht entfalten kann, um mich vor dem Stachel zu bewahren.

Und selbst wenn doch, riskiere ich damit wahrscheinlich nur die Wut der Kreatur. Sie hat Tarena und Andy noch nicht getötet – zumindest hoffe ich das – und wird auch mich nicht sofort töten wollen. Aber wenn ich sie erneut attackiere, überlegt sie es sich vielleicht anders und zerquetscht mich auf der Stelle. Rohe Gewalt und geschicktes Ausweichen fallen also als Strategien aus und dennoch will ich dieses Ding nicht in meinem Mund haben. Selbst wenn es nicht das Ziel hat Eier oder Parasiten in mir zu platzieren, so wird es mich doch zumindest betäuben wollen, wie es etwa Spinnen mit ihrer Beute taten und dann hätte ich keinerlei Aussicht Tarena, Andy oder auch nur mich selbst zu retten. In den gedehnten, schrecklichen Augenblicken, in denen sich der Stachel auf mich zuschiebt, wird mir wieder bewusst, wie vollkommen unausgegoren mein spontaner Plan eigentlich ist. Chaos ist leider doch nicht immer hilfreich. Andererseits ermöglicht es auch Assoziationen und unkonventionelle Einfälle und einer davon rauscht genau in diesem Moment durch meinen Kopf. Wenn ich mehr Glück habe, als ich eigentlich verdient habe, kann er mich vielleicht retten.

Also richte ich meinen Blick fest auf den Stachel und lausche angestrengt, damit mir nicht die leiseste Regung der organischen Röhre entgeht. Als das Ende des Stachels auf meine Lippen trifft, kämpfe ich kurz dagegen an, öffne meinen Mund jedoch schließlich, um Verletzungen zu vermeiden und lasse ihn in mich eindringen.

Was nun folgt, ist eine absolut leichtsinnige Wette auf meine Fähigkeiten und mein Reaktionsvermögen, bei dem nicht weniger als das Schicksal von drei Lebewesen auf dem Spiel steht. Ich unterdrückte einen Hustenreiz, als sich das Ding zentimeterweise in meine Speiseröhre schiebt, handele aber noch immer nicht. Erst, als ich ein ganz leises Zischen wahrnehme, rufe ich einmal mehr die in mir schlummernden telekinetischen Kräfte aus Uranor zur Hilfe und umhülle die austretende Flüssigkeit in einer Blase aus Licht, ohne zu wissen, ob das überhaupt möglich ist. Bislang habe ich höchstens Netze erschaffen und auch das nur auf dem Zenit meiner Fähigkeiten, als mir das gesamte gestohlene Licht von Uranor zur Verfügung stand.

Der Allrichter hat solche Kunststücke natürlich spielend beherrscht und das noch im weit größeren Ausmaß, aber ich bin nun mal nicht er. Dennoch scheint mein Vorhaben zu gelingen, denn auch wenn mir die Geräusche und Vibrationen in dem Stachel eindeutig signalisieren, dass eine Flüssigkeit dort hindurchgeleitet wird, spüre ich weder Feuchtigkeit meine Kehle hinabrinnen noch irgendeine betäubende Wirkung. Lediglich die grauenhaften Kopfschmerzen, die die Anwendung dieser selten genutzten Fertigkeit zwangsläufig mit sich bringt. Doch wie lange wird das so bleiben?

Hatte ich anfangs noch gehofft, dass der Stachel mir nur schnell seine Ladung einflößen und sich dann zurückziehen würde, stelle ich nun fest, dass dem nicht so ist. Die Kreatur – Nollotsch – hört nicht damit auf, irgendetwas in mich hineinpumpen zu wollen und immer dann, wenn für einen Atemzug kein weiß glühendes Eisen in meinen Kopf getrieben wird, frage ich mich, ob meine Kräfte ausreichen werden, um diese Geduldsprobe zu bestehen.

Als ich spüre, wie etwas Trockenes, Kribbelndes meine Kehle gleich an mehreren Stellen berührt, realisiere ich, dass dies nicht meine größte Sorge ist. Mit aller Macht unterdrücke ich meinen Schluckreflex, da ich nicht herausfinden will, wie sich meine improvisierte Lichtblase mit Magensäure verträgt und mein eingequetschter Körper verkrampft sich schmerzhaft. Der Druck auf meine Luftröhre nimmt immer weiter zu und schon jetzt habe ich das Gefühl kaum noch atmen zu können. Ich will schreien, doch das ist mir natürlich erst recht unmöglich.

Noch einmal verstärke ich meine Anstrengungen, verforme die Blase und nehme meiner Kehle so etwas von dem besorgniserregenden Druck. Jedoch bezahle ich dafür einen hohen Preis. Inzwischen besteht mein Kopf fast nur noch aus bestialischen Schmerzen und mein Bewusstsein droht bereits zu schwinden, als sich der Stachel endlich aus meinem Körper zurückzieht. Hoffentlich in der Annahme, sein Werk vollbracht zu haben.

Derweil dämmere ich dahin, kämpfe darum wach zu bleiben, klammere mich an diesem elenden, ekelhaften Zustand fest, nur um nicht die Kontrolle über mein Licht zu verlieren und all die erlittenen Qualen sinnlos werden zu lassen. Als halb besinnungsloser Spielball widerstreitender Hormone und kaum in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen, bemerke ich nur am Rande, wie mich der Fleischkokon mit einem Ruck weiter nach oben zieht und sich schließlich fest mit dem Boden eines engen, niedrigen Tunnels verbindet. Der unnachgiebige Druck auf meinen Körper verflüchtigt sich und die Erleichterung darüber mindert sogar meine grauenhafte „Fädenmigräne“ ein wenig.

Es dauert jedoch noch einige Zeit – vielleicht wenige Minuten, vielleicht auch eine Stunde – bis sie weit genug abebbt, um mir wieder ein einigermaßen normales Denken und Handeln zu ermöglichen. Erleichtert stelle ich fest, dass sich die Lichtkugel mit dem Inhalt des Stachels noch immer in meiner Kehle befindet. Der Drang, sie und vor allem ihren Inhalt endlich aus mir herauszubefördern, wird fast übermächtig, aber zugleich frage ich mich, wie. Ich habe keine Ahnung wie viel dieses Geschöpf in seinem Inneren sehen und wahrnehmen kann, oder ob sich seine Verdauungsaktivitäten seinem bewussten Zugriff entziehen, wie es bei fast jedem mir bekannten Lebewesen der Fall ist.

Nollotsch hatte davon gesprochen, Tarena und Andy beobachten zu wollen, was für eine solche Wahrnehmungsfähigkeit spricht. Da Nollotsch jedoch noch nicht bemerkt zu haben scheint, dass ich mein Bewusstsein nicht gänzlich verloren habe, gehe ich zumindest nicht davon aus, dass er wirklich alles mitbekommt, was in ihm vorgeht.

Trotzdem ist es sicher keine gute Idee, ihm das, was er mir einflößen wollte, einfach entgegenzuspucken. Doch wohin sonst damit? In meinen Rucksack, der noch immer weitgehend intakt an meinem Rücken hängt? Damit würde ich ihn sicher mitsamt meines Kataloges ruinieren und wenn ich Pech hatte, würde das Zeug heraustropfen oder mir gar in den Rücken fallen, falls es sich um etwas mit einer gewissen Intelligenz handeln sollte.

Fieberhaft suche ich nach Alternativen, während mich mein Schluckreflex schier in den Wahnsinn treibt und umklammere in meiner Verzweiflung die Chaos-Murmel mit beiden Händen, sodass sie nicht nur in Kontakt mit meiner Haut, sondern auch mit der Münzvariante von On-Grarins-Peitsche kommt. Plötzlich schießt eine Welle grundverschiedener Emotionen in mich hinein. Eine sperrige, ungenießbare Melange aus Vorfreude, Enttäuschung, Liebe, Hass, Verlangen, Abscheu, Selbsthass, Stolz, Resignation und Tatendrang. Parallel dazu entfaltet sich vor meinen Augen oder vielleicht auch nur in meinen Gedanken ein leuchtendes, wechselhafte Gitternetz aus unzähligen Pfaden und Alternativen, auf denen sich kleine Versionen meines Selbst bewegen und tausende mögliche und unmögliche Dinge vollführen. Dabei ist es nicht wie bei einem Diagramm oder dem Skilltree eines Computerspiels, wo ich mir in Ruhe überlegen kann, welche Wege ich einschlage und welche Vor- und Nachteile sie bieten. Die einzelnen Pfade sind eher wie ausgeworfene Angelruten, die ich mit meiner Intuition, meiner Assoziation, meinem Bauchgefühl ergreifen muss, bevor sie für immer verschwinden, mich zurücklassen und ihren möglicherweise wertvollen Köder wieder mitnehmen. Und so greife ich zu, ziehe einen der Pfade näher zu mir heran und bin ziemlich überrascht über das, was ich dort tue.

Dennoch entscheide ich mich, meinem Zukunftsvorbild nachzueifern, als diese seltsame Vision schließlich ein Ende findet, denn ich spüre, dass ich dem übermächtigen Würgereiz in meiner Kehle nicht mehr länger widerstehen kann.

Also gebe ich ihm nach, huste und räuspere mich, während sich ein bohnenförmige, schimmernde Blase aus Licht wie ein absurder Embryo aus meiner Speiseröhre und schließlich aus meinem Mund hinausschiebt.

Im Inneren dieser Blase schwappt eine zähe, silbrig schimmernde Flüssigkeit, in der sich winzige Dinge wie Kaulquappen oder Spermien bewegen. Der Gedanke daran, was dieses Sekret in den Körpern von Tarena und Andy anstellen könnte und das ich dafür verantwortlich bin, lässt mich vor Schuld fast durchdrehen, aber ich verdränge ihn, da ich nun jeden Funken Konzentration benötige. Während ich das vom Licht eingesperrte, widerliche Sekret auf meinen Lippen balanciere, halte ich mir die Peitschenmünze direkt vor dem Mund, hebe für einen kurzen Moment die Chaos-Murmel von der Brust, um den Winkel genauer bestimmen zu können und korrigiere die Position der Münze leicht, während die Blase meine Lippen verlässt. Kaum da sie die viel kleinere Münze berührt, verschwindet sie einfach in ihr, ohne auch nur in Kontakt mit meiner Hand zu kommen. Alles, was ich sehe, ist, eine kurze, helle Lichtreflektion, die chaotisch um den Rand der Münze tanzt, bevor sie erlischt.

Auch wenn sich die Kopfschmerzen inzwischen fast verflüchtigt haben, ist mein Kopf gefüllt mit Ratlosigkeit. Ich kann nicht für mich in Anspruch nehmen wirklich zu verstehen, was da gerade passiert ist, aber ich ahne zumindest, dass meine Peitsche Fähigkeiten gewonnen hat, deren genaue Natur sich erst noch zeigen wird. Und natürlich habe ich nun deutliche Anhaltspunkte dafür, dass die Chaos-Murmel nicht nur einen Teil meiner Seele in mir verwahrt, sondern auch in der Lage ist etwas zu bewirken, was mir zuvor nicht möglich gewesen ist.

Doch all diese Rätsel müssen zu einem späteren Zeitpunkt gelöst werden, denn nun kommt es vor allem darauf an, Tarena und Andy zu finden.

Zum ersten Mal nehme ich mir die Zeit mich in Nollotschs Körper zu orientieren. Auch wenn hier alles mit organischem Gewebe bewachsen ist, erinnert mich die Umgebung weniger an den Bauch des Wals aus Pinnochio, sondern mehr an eine klassische Zwischendecke oder einen Lüftungsschacht. Wahrscheinlich kein Wunder bei einer Kreatur, die die Form eines Supermarktes angenommen hat. In dieses Bild passt auch, dass der Gang von Strängen durchzogen ist, die in ihrer Entwicklung irgendwo auf halbem Weg zwischen Stromkabeln und Adern stehen geblieben sind. Gelegentlich scheinen sogar Rippenbögen durch, die mal an Beton, mal an Stahl und teilweise tatsächlich an Knochen erinnern.

Der Schacht weist zumindest auf den ersten Blick keine Verzweigungen auf, sondern verläuft schnurgerade, sodass es eigentlich nur zwei Richtungen gibt, die ich einschlagen kann. Da ich jedoch keine Anhaltspunkte dafür habe, in welcher davon ich Tarena und Andy finden kann, verbinde ich erneut die Murmel mit der Münze, in der Hoffnung, einen Rat zu erhalten. Als sich das Gitternetz einmal mehr vor mir entfaltet, kann ich aber lediglich Zukunftsvisionen ergreifen, in denen ich schreiend im Kreis renne, mich nackt auf dem Boden wälze oder mich hinsetze und meditiere. Diese neu entdeckte Fähigkeit scheint also leider nicht immer hilfreich zu sein wie erhofft.

Also verlasse ich mich auf mein ganz gewöhnliches Bauchgefühl und wähle den Gang zu meiner Linken.

Auch wenn ich weder über, noch unter mir Anzeichen für einen der gefährlichen Stachel oder für sonstige Aktivitäten von Nollotsch erkennen kann, bewege ich mich nicht nur gebückt, sondern auch äußerst vorsichtig und achte penibel auf jeden meiner Schritte.

Die seltsame, rötliche Beleuchtung, die hier drinnen vorherrscht und die direkt von den feuchten Wänden zu kommen scheint, erleichtert mir immerhin die Orientierung, sodass ich auf den verräterrischen Strahl meiner Taschenlampe verzichten kann.

Trotzdem rechne ich quasi in jedem Augenblick damit, enttarnt zu werden. Immerhin könnte ich meinen Feind ja gar nicht näher sein, als ich es in diesem Moment bin.

Doch entweder ist das Glück mir ausnahmsweise hold, oder Nollotsch ist weitaus weniger wachsam, als ich erwartet habe, denn ich bringe den niedrigen Gang ohne große Komplikationen hinter mich und erreiche schließlich einen Abschnitt, in dem die Deckenhöhe stetig zunimmt, sodass ich erst bequem gehen kann und mich schließlich sogar dreimal übereinander stapeln könnte, ohne mit dem Kopf an die Decke zu stoßen.

Diese unerwartete Entwicklung lässt mich für einen Moment in meiner Wachsamkeit nachlassen, was sich praktisch sofort rächt, denn so nehme ich nur noch aus den Augenwinkeln wahr, wie eine kleine Gruppe von sechs oder sieben mausgroßen Geschöpfe nur wenige Meter vor meinen Füßen vorbeihuscht, bevor sie spurlos in der Wand verschwindet. Ob sie mich bemerkt haben und Nollotsch davon berichten werden, dass ich nach wie vor bei Bewusstsein bin, kann ich genauso wenig bestimmen, wie das genaue Aussehen der Geschöpfe, auch wenn ich meine, glänzendes, schwarzes Fleisch gesehen zu haben.

Obwohl diese Begegnung erfreulich harmlos verlaufen ist, verzichte ich fortan auf jede Heimlichkeit und beschließe On-Grarins Peitsche in den aktiven Modus zu versetzen, um auf weitere Überraschungen besser vorbereitet zu sein. Diese lassen nicht allzu lange auf sich warten, auch wenn ich keiner davon mit meiner Waffe begegnen kann. So sehe ich zweimal wie sich eine der „Legestachel“ aus der Wand hinausschiebt und wie ein Geist im Boden verschwindet und stolpere einige Male fast, als sich der Boden vor mir zu einer Art Grube wölbt, wobei ich vermute, dass es etwas mit den „Lampenwesen“ oder anderen Elementen des Supermarkts zu tun hat. Gibt es dort unten weitere verirrte Kunden oder muss Nollotsch sich lediglich gelegentlich umsortieren, um seine Form zu optimieren, sich die Langeweile zu vertreiben oder einfach, um nicht einzurosten?

Doch diese Ereignisse sind nicht die einzigen bemerkenswerten Phänomene, mit denen ich unterwegs konfrontiert werde. So tun sich an einigen Stellen wie aus dem Nichts kleine Durchgänge auf, die sich jedoch kurz darauf wieder schließen, nur um sich wenige Sekunden später erneut zu öffnen. Jedes Mal bläst dabei ein frischer, wenn auch nicht gerade wohlduftender Luftzug in mein Gesicht. Womöglich handelt es sich dabei um so etwas wie die Lungen des Geschöpfes, vermute ich und verzichte darauf sie zu erkunden, auch wenn mir die Luftzüge nicht so stark erscheinen, dass sie dies unmöglich machen würden.

Während ich den breiter werdenden Gang durchschreite, glaube ich von Zeit zu Zeit ein leises Flüstern mir vage bekannter Stimmen zu vernehmen. Wann immer dies geschieht, drücke ich die Murmel fester an mich oder hebe sie leicht an, da ich vermute, dass es etwas mit meiner geistigen Stabilität und der Balance zwischen meinen verschiedenen Wesensmerkmalen zu tun hat. Doch schließlich erkenne ich, dass meine Handlungen keinerlei Einfluss auf die Lautstärke der Stimmen haben. Also vermute ich, dass dies kein Zeichen geistiger Instabilität, sondern ein reales Phänomen ist, was mich jedoch nicht unbedingt beruhigt.

Als ich endlich das Ende des Ganges erreiche, ist aus der engen, klaustrophobischen Röhre eine regelrechte Kammer geworden. Dort liegt eine Tür, die mich ein wenig an die Pendeltür im Gebirge von Xakraschidaa erinnert, nur dass diese hier nicht aus Metall, sondern aus Fleisch und knochigem Beton besteht. Zudem gibt es hier kein Pendel, sondern eine große, runde, etwas eingesunkene Fleischfalte. Erst auf den zweiten Blick erkenne ich, worum es sich höchstwahrscheinlich handelt: Um ein großes, aber geschlossenes Auge, welches wie ein Wachhund zwischen den fransigen Türflügeln hockt, die beide mit an Stahl erinnernden Griffen versehen sind.

„Verdammt!“, fluche ich so leise wie möglich, da mein Weg hier offenbar zu Ende ist. Selbst, wenn ich diese Tür aufbekommen sollte, so gibt es doch kein denkbares Szenario, in dem mir das gelingen könnte, ohne dieses verfluchte Auge zu wecken. Das einzige, was mir bleibt, ist den gesamten Weg zurückzulaufen und die andere Richtung einzuschlagen. Mit ungewissem Ausgang.

Abgesehen davon, dass ich es alles andere als reizvoll finde, den gesamten, potenziell gefährlichen und streckenweise sehr engen Weg erneut zurückzulegen, schrecke ich noch aus einem anderen Grund davor zurück. Denn hinter einer Tür, die auf so außergewöhnliche Weise bewacht wird, könnte durchaus so etwas Wertvolles wie meine Familie befinden. Ja, je länger ich darüber nachdenke, um so wahrscheinlicher erscheint es mir.

Doch soll ich wirklich eine direkte Konfrontation mit Nollotsch riskieren? Klug wäre das sicher nicht, doch selbst als ich die Wände in der näheren Umgebung genauer inspiziere, entdecke ich keinen Schleichpfad, keinen Geheimgang, der mich am Auge vorbei in die Kammer führen könnte.

Mehr getrieben von Ratlosigkeit, als von Hoffnung ziehe ich erneut mein unzuverlässiges Gitternetzorakel zurate und werde sofort von einer verwirrenden Anzahl mehr oder weniger absurder Möglichkeiten erschlagen, von denen jene, deren Verlauf ich bis zum Ende verfolgen kann, mit dem Erwachen des Auges und einem sehr unangenehmen Ableben meinerseits enden.

Jedoch gelingt es mir eine „Angelrute“ zu ergreifen, deren Schnur zwar am Ende abreißt, sodass ich die Abfolge der Ereignisse nicht gänzlich verfolgen kann, die mir aber bis zu diesem Punkt relativ erfolgversprechend erscheint. Darin beobachte ich, wie ich mit der Peitsche in der Hand auf das Auge zugehe, es mit einer kurzen, schnellen Folge von Hieben eindecke und danach die Tür öffne, ohne dass der unheimliche Zyklop aus seinem Schlaf erwacht. Unbehelligt trete ich ein und mache ein paar Schritte in die gewaltige, dämmrige Halle, bevor die Szene abrupt endet.

Natürlich, denke ich nach anfänglicher Verwirrung, das Mittel, welches mir gespritzt werden sollte. Offenbar handelt es sich dabei wirklich um so etwas wie ein Betäubungs-, Schlaf- oder auch Lähmungsmittel und diese Substanz wohnt nun in meiner Peitsche, zusammen mit ihren nützlichen Eigenschaften.

Dass ich das Ende der Szene nicht sehen kann, beunruhigt mich ein wenig. Aber genaugenommen galt dies ja für meisten Wege, die ich in meinem Leben eingeschlagen habe. Also entscheide ich mich, es dennoch zu auszuprobieren.

Ich spiele die Szene noch einmal vor meinem inneren Auge ab, was mir nun, wo ich sie einmal „gefangen“ habe relativ leicht fällt, und versuche mir die Abfolge der Schläge genau einzuprägen. Dann gehe ich mit stockendem Atem auf die Tür zu und befürchte bei jedem meiner Schritte den Wächter, der wahrscheinlich direkt mit dem Bewusstsein von Nollotsch verbunden ist, aufzuwecken.

Schließlich stehe ich direkt vor der Tür, wobei das große, noch immer geschlossene Auge sich etwa auf Höhe meiner Brust befindet. Obwohl es sich nur um ein Auge handelt, bilde ich mir ein, dass es mich bereits riechen, hören und vielleicht sogar schmecken kann. Doch da sich die rauen, faltigen Lider nach wie vor nicht regen, tue ich das als Einbildung ab. Mit trockenem Mund und klopfendem Herzen bringe ich meine Peitsche in Position, hebe sie über den Kopf und richte meinen Blick fest auf mein Ziel, während ich kräftig aushole, um …

Plötzlich spüre ich eine Berührung an meiner Schulter, drehe mich um und schwinge die Peitsche, statt wie geplant gegen das Auge, gegen den potenziellen Angreifer. Als ich jedoch meine Drehung vollende, sehe ich in das erschrockene Gesicht von Tarena.

Im letzten Augenblick gelingt es mir On-Grarins-Peitsche zu stoppen, ohne Tarena zu verletzen. Ich atme erleichtert auf, obwohl mich das plötzliche Erscheinen meiner Freundin genauso misstrauisch macht, wie es mich freut.

Warum ist sie auf freiem Fuß? Ist es ihr ebenfalls gelungen nicht von Nollotsch betäubt zu werden oder hat ihre Freiheit andere, düsterere Gründe? So wie sie hier in diesem unwirklichen, rötlichen Licht vor mir steht, erscheint sie mir noch viel fremdartiger als gewohnt, selbst wenn meine Gefühle zu ihr wieder deutlich intensiver sind als zu dem Zeitpunkt, als ich sie und Andy verlassen habe.

„Was machst du hier?“, frage ich sie leise, während ich einen nervösen Blick auf das Auge werfe, welches glücklicherweise nach wie vor schlummert.

„Diese Frage sollte ich dir stellen“, zischt Tarena kaum lauter, aber unverkennbar wütend, „du hast uns nicht nur in diesem Supermarkt eingesperrt, sondern auch im Stich gelassen, als wir deine Hilfe am dringendsten gebraucht haben. Sieht so deine Vorstellung von Liebe aus? Andere aufzuheben und fallen zu lassen, wie es dir gerade gefällt?“

Mehr als der Ton oder der Inhalt ihrer Worte, der nach meinem Verhalten mehr als gerechtfertigt ist, verblüfft mich ihr Sprachstil und vor allem der Klang ihrer Stimme. Natürlich, ihre Ausdrucksweise hat in letzter Zeit enorme Fortschritte gemacht, aber das betrifft vor allem ihre schriftlichen Äußerungen. Tarenas Laute hingegen waren immer ungelenk, rau und abgehackt gewesen, wenn sie überhaupt einmal welche von sich gegeben hatte. Nun jedoch fließen die Worte geschmeidig wie Seide aus ihrem Mund und auch wenn ihnen immer noch eine kantige, beinah metallische Klangfarbe anhaftet, ist dies doch kaum mehr als ein Akzent. Und das bei einem Kehlkopf und Stimmbändern, die bestenfalls halb-menschlich sind.

„Wie … ich meine, wie ist das möglich?“, stottere ich verunsichert.

„Lenk nicht ab“, erwidert Tarena, deren fast mimikloses Gesicht angesichts ihrer Eloquenz nun noch deplatzierter wirkt, ohne auf meine Worte einzugehen, „warum hast du dich umentschieden, Adrian?“

Ich betrachte sie einige Sekunden schweigend und bemerke dabei, dass ihre plötzliche Wortgewandtheit nicht das einzige ist, was sich an ihr verändert hat. Sie wirkt ein bisschen größer. Nicht viel, aber gerade genug, um sicher zu sein, dass es keine Einbildung ist. Vor allem jedoch haben sich ihre Augen verändert. Die einzelnen Facetten, aus denen sie zusammengesetzt waren, scheinen sich miteinander verbunden zu haben. Wobei … Nein, ganz so ist es nicht. Ich kann die einzelnen Trennlinien noch erkennen, wenn ich mich darauf konzentriere, aber sie wirken feiner, blasser, verwaschener, sodass sie aus vielen Betrachtungswinkeln ineinander zu verlaufen scheinen. Ja, auf mich wirken sie fast wie bizarre Versionen deovanischer Augen, wie schillernde, grünlich-rot leuchtende Spiegel. Ist das noch Tarena, nur eine perfide Imitation von ihr oder gar ein Trugbild Nollotschs? Und wenn sie real ist, auf welche Weise hat Nollotsch sie verändert? Betrifft es nur ihr Äußeres und ihr Sprachzentrum oder auch ihren Charakter? Immerhin ist Andy offenbar nicht bei ihr und die Tarena, die ich kenne, würde ihren letzten Sohn nicht einfach so im Stich lassen.

Mit Mühe dränge ich diese bohrende Frage beiseite. Ich würde sie mir später beantworten und darauf achten müssen, dass ich mich von dieser Antwort nicht überraschen lasse. Fürs Erste jedoch werde ich annehmen es mit der echten Tarena zu tun zu haben und die hat weiß Gott ein paar Antworten verdient. Doch gibt es dafür vielleicht geeignetere Orte. Selbst hier oben.

„Ich erkläre es dir“, verspreche ich, „aber lass uns zuerst von hier verschwinden. Ich habe Angst, dass das Auge uns bemerkt.“

„Das wundert mich“, erwidert Tarena süffisant, „immerhin hast du gerade versucht es zu wecken.“

„So war es nicht, ich …“, beginne ich mich zu verteidigen.

„Du hast recht“, unterbricht sie mich, „das besprechen wir lieber woanders.“

Also folge ich Tarena mit gemischten Gefühlen, während sie mich ein Stück zurück durch den Gang führt. Wieder höre ich diese fernen, flüsternden Stimmen, die mir so unheimlich bekannt vorkommen, die ich aber doch nicht zuordnen kann.

„Hörst du diese Stimmen auch?“, frage ich Tarena, nachdem das Auge wieder aus unserem Sichtfeld verschwunden ist.

„Ja“, erwidert sie knapp, „aber sie scheinen zu niemandem zu gehören, also sind sie gerade meine geringste Sorge.“

Ich beschloss dieses Thema später noch einmal aufzugreifen. Immerhin habe ich erfahren, dass ich nicht verrückt bin. Noch nicht. Ihre Antwort bringt mich aber zu einer anderen, weit wichtigeren Frage.

„Wo ist Andy?“, frage ich sie.

„In Sicherheit. Fürs Erste“, antwortete sie knapp und gepresst. Dabei drängt sich mir nicht unbedingt die Assoziation zu einer liebenden Mutter, sondern vielmehr zu einer Film-Bösewichtin auf, die dem Helden nur deshalb nicht mitteilen möchte, dass dessen Sohn schon längst kalt und tot in einem unmarkierten Grab liegt, um dessen Kooperation sicherzustellen. Natürlich ist das lächerlich, aber das sind Assoziationen oft und manchmal erweisen sie sich dennoch als zutreffend.

Immerhin weiß Tarena, von wem ich rede, weswegen ich wohl ausschließen kann, dass sie ein Trugbild oder eine Doppelgängerin ist. Wahrscheinlich zumindest.

Schließlich bleibt Tarena vor einer der Wände stehen, greift mit beiden Klauen hinein und schiebt sie ganz selbstverständlich wie einen Vorhang zur Seite, wobei das Gewebe ein feuchtes, schleimiges Geräusch macht und sich sogar ein bisschen zu wehren scheint, jedoch letztlich nachgibt. Dahinter zeigt sich eine weitere kleine Kammer, deren Fleisch nach einigen Metern schwarz wird, ausdünnt und in ein blankes Metall-Knochenamalgam übergeht. Totes Gewebe, denke ich, während Tarena ansatzlos durch die Öffnung tritt. In mir hingegen sträubt sich vieles dagegen einzutreten. Nicht wegen dieser eigenartigen Form von Nekrose – von mir aus kann Nollotsch auf der Stelle gänzlich verrotten –, sondern weil sich all das verdächtig nach einer Falle anfühlt. Andererseits sehe ich nicht viele andere Möglichkeiten, als den Köder zu schlucken.

Natürlich, ich könnte erneut das Gitterorakel konsultieren. Aber zum einen liefert es mir nicht immer eine brauchbare Antwort und zum anderen habe ich das Gefühl, dass so etwas schnell zu einer fatalen Angewohnheit werden und schlimmstenfalls darin gipfeln kann, dass ich keinen Schritt mehr tue, ohne mir vorher die mögliche Zukunft weissagen zu lassen. Und überhaupt: Konnte es für einen Fortgeschritten – mochte er noch so zerrissen und fragmentiert sein – etwas Schlimmeres geben, als wenn seine Reisen keine Überraschungen mehr bereithalten?

Also trete ich ein und als sich das Gewebe hinter mir schließt und ein Teil des rötlichen Lichts verschwindet, wird es in der Kammer ziemlich finster, da nur das lebendige Gewebe Helligkeit abstrahlt, während der skelettierte Teil weitgehend im Dunkeln liegt.

Nun riskiere ich doch meine Taschenlampe anzuschalten und beleuchte damit Tarena, wobei ich mir alle Mühe gebe, sie nicht zu blenden. Dennoch stechen ihre großen Spiegelaugen im Halbdunkel klar hervor und mit einem Mal fällt es mir noch schwerer mich mit der Person dahinter zu verbinden. Diesmal aber, das glaube ich zumindest, liegt es nicht an mir. Es liegt auch nicht allein an ihrem veränderten Äußeren. Sie riecht falsch. Ihre Pheromone sind verwässert, wie gutes Parfum, das mit zu viel Alkohol gestreckt wurde. Und das ist noch nicht alles. Als mein Blick auf ihren Bauch fällt, stelle ich erschrocken fest, dass sich etwas darin regt. Kein einzelnes, großes Wesen, sondern viele kleine Körper, deren Bewegungen winzige, kreisförmige Vibrationen auslösen, wie Steine, die man in einen Teich wirft.

Mir wird schlecht. Aus Angst und Misstrauen beginnt Panik zu erwachsen.

„Was ist mit dir geschehen? Was hat dieses Ding dir angetan?“, frage ich Tarena, doch sie antwortet nicht. Sie sieht mich nur mit ihren unergründlichen Augen an. Ihre sonst so unbewegten Lippen scheinen zu beben. Dann beugt sich nur herunter und macht sich mit ihren Klauen an dem noch lebendigen Gewebe der Wand zu schaffen.

„Wo ist Andy. Ich will ihn sehen?“, versuche ich es mit einer anderen Frage und kämpfe gegen den Impuls an, aus diesem Raum zu fliehen und diese unheimliche Version meiner Gefährtin zurückzulassen.

„Hier“, sagt Tarena, reißt mit einem Ruck eine zähe, hautartige Schicht des Gewebes auseinander und bringt tatsächlich meinen Sohn zum Vorschein. Oder zumindest etwas, was ihm grob ähnelt. Sein kleiner, humanoider Käferkopf ist zu abnormer Größe angeschwollen und sicher mehr als anderthalbmal so dick wie sein Brustkorb. Seine Beine sind auf fast die doppelte Länge angewachsen und an seinen extrem verdickten Armen hängen zwei flüssigkeitsgefüllte Blasen, deren Inhalt hörbar hin- und herschwappt, während er seine Klauen begrüßend nach mir ausstreckt. Dabei hängen kleine Adern wie organische Schläuche aus jedem seiner Gliedmaßen, seinem Kopf und seinem Rücken, die direkt mit der Wand verbunden sind.

„Papa“, spricht mich mein Sohn zum ersten Mal mit einer Stimme an, die zwar traurig, aber auch erschreckend normal klingt. Fast wie bei einem gewöhnlichen Menschenkind. Sein erstes Wort. Doch mein väterlicher Stolz hält sich in Grenzen.

„Was … was ist das … warum …“, stottere ich und schließlich versagt mir die Stimme und aller Ekel und selbst meine Angst wird von einem heftigen, seelischen Schmerz hinweggefegt. Tränen, echte, heiße, bittere Tränen strömen aus meinen Augen hervor. Das hier hat mein Junge nicht verdient. Das hier hätte nicht einmal ich verdient.

„Es scheint ihm gutzutun“, sagt Tarena nun nicht mehr distanziert, sondern von derselben Trauer und Sorge erfüllt wie ich und nimmt unseren Sohn auf unseren Arm, wobei sich die Adern nach kurzem Widerstand von seinem kleinen Körper zurückziehen und sich die zerrissene Membran wie von Geisterhand wieder schließt, „auch wenn es mir Angst macht.“

Andys aufgedunsenes Gesicht ist erfüllt von Schmerz und Erschöpfung, doch seine Mutter drückt ihn an sich und wiegt ihn tröstend in ihren Armen, wobei sie sorgsam darauf achtet, die Flüssigkeitssäcke nicht einzuquetschen. Letztlich entspannen sich seine Züge etwas und er dämmert hinab in einen leichten, unruhigen Schlaf.

„Was ist hier geschehen?“, frage ich voller Entsetzen, nachdem ich meine Sprache wiedergefunden habe, „was ist mit ihm? Was ist mit dir? Bitte erklär es mir!“

„Ich denke, du solltest anfangen“, verlangt sie, „das bist du uns schuldig.“

„Natürlich“, sage ich erfüllt von Reue und Scham und überlege angestrengt, wo ich anfangen soll.

„Ich glaube, die Glockenmaschine hat mich verändert“, beginne ich schließlich, „Sie hat mich zersägt, zerstört und neu erschaffen, stärker und scheinbar perfekter als zuvor, doch dabei hat sie etwas abgespalten. Einen wichtigen, wertvollen Teil von mir.“

Ich zeige auf die Murmel, die noch immer um meinen Hals hängt.

„Dieses Ding war ein Teil von dir?“, fragt Tarena skeptisch.

„Ja“, stimme ich zu, „zumindest das, was in ihm gespeichert ist. Es enthält meine Intuition, meine Fähigkeit zur Assoziation, mein unkonventionelles Denken, meine Überzeugungen und meine Gefühle. Nicht alle, aber die stärksten und wichtigsten. Eigentlich fast alles, was mich von einem berechenbaren Automaten unterscheidet. Ich persönlich nenne es deshalb ‚Chaos-Murmel‘.“

„Kein schlechter Begriff“, meint Tarena, „ich erinnere mich. Diese Murmel hat Andy entdeckt, nicht wahr? Das erklärt zumindest, warum du dich seitdem so seltsam verhalten hast. Aber du willst mir jetzt sicher nicht erzählen, dass diese Abspaltung der Grund ist, warum du uns eingesperrt und dieser Kreatur überlassen hast, oder?“

„Nein“, antworte ich, „jedenfalls nicht nur. Auch als vollständiger Mensch habe ich häufig verantwortungslos gehandelt. Das ist leider ein Teil meines Charakters. Du hast genug von meinen Taten erlebt und gelesen, um das zu wissen. Aber meine Liebe zu euch ist aufrichtig, so viel kannst du mir glauben und sie hat diesen Makel bislang ausgeglichen. Die Maschine aber hat mich von ihr abgeschnitten und nichts zurückgelassen als Feigheit und Gleichgültigkeit. Alles, was ich noch wollte, war, mich an einen stillen, unveränderlichen, übersichtlichen Ort zurückzuziehen und einfach nur zu atmen, zu schreiben und zu funktionieren, während mich die Welt dort draußen in Ruhe lässt. Und so wäre es geblieben, wenn Andy nicht so vorausschauend gehandelt hätte. Er war es, der die Murmel in meinem Rucksack platziert hat. Er muss gewusst haben, dass ihre Nähe mich retten kann.“

„Hat sie das denn? Dich gerettet?“, fragte Tarena skeptisch und ich denke selbst einen Moment lang über diese Frage nach.

„Nicht ganz“, antworte ich, „ich glaube, dafür müsste sie wieder mit mir verbunden werden, falls das überhaupt möglich ist. Aber ich bin zumindest wieder mehr ich selbst, als noch vor einigen Stunden.“

„Es fällt mir schwer, das zu glauben“, sagt Tarena bitter.

„Wäre ich sonst hier, wenn mir nichts an euch liegen würde?“, entgegne ich.

„Vielleicht warst du lediglich neugierig“, antwortet Tarena abgeklärt und dass sie so über mich denkt, schmerzt.

„Ja, ich bin neugierig“, stimme ich zu, „und deshalb will ich auch endlich wissen, was mit euch passiert ist.“

Tarena sieht mich noch einen Moment lang streitlustig an, wobei ihre veränderten Pheromone eine Emotion irgendwo zwischen Wut und Verzweiflung ausdrücken und lässt dann ein tiefes, rasselndes Seufzen hören, bevor sie zu sprechen beginnt.

„Ich weiß es selber nicht genau“, sagt sie nachdenklich, „dieses Ding ….

„…Nollotsch“, helfe ich aus.

„… Nollotsch“, wiederholt Tarena, „hat uns beide gewaltsam in sich hineingezogen, wie du ja vielleicht noch mitbekommen hast. Ich habe noch versucht Andy festzuhalten, ihn irgendwie zu beschützen und mit meinem Körper abzuschirmen, aber er hat uns voneinander getrennt und mich in eine Art Kokon aus Fleisch eingewoben, bevor er mir irgendetwas verabreicht hat. Ich weiß nicht, was genau es war, aber danach habe ich augenblicklich das Bewusstsein verloren und als ich wieder erwacht bin, lag ich in jener Kammer, die du betreten wolltest, bevor ich dich davon abgehalten habe.

Ich war gefesselt, an die Wand gekettet mit Fesseln aus Fleisch und ich war nicht allein. Neben mir, kaum drei Meter von mir entfernt, sah ich Andy, der in derselben Lage war, wie ich. Aber ich konnte ihn nicht erreichen, so sehr ich mich auch bemühte, da die Fesseln mich unbarmherzig festhielten und jede zu ausgreifende Bewegung mit Schmerzen bestraften. Und ich sah weitere Gefangene, wenn auch zum Teil nur undeutlich, da sie zu weit entfernt und durch die schwache Beleuchtung schwer zu erkennen waren. Aber sie erschienen mir … humanoid … wie du wohl sagen würdest und dir sicher ähnlicher als mir. Manche von ihnen bewegten sich, einige gaben erschöpfte, schrille, irgendwie beängstigende Rufe von sich, die ich nicht verstehen konnte. Andere jedoch erschienen mir ohnmächtig oder sogar leblos, mit Leibern so zerbrechlich und dünn, dass sie nicht mehr wie Körper, sondern eher wie Schatten wirkten, die im Begriff waren von der Wand hinter ihnen absorbiert zu werden.

Mit denen, die noch am Leben waren, versuchte ich zu kommunizieren, brachte jene rauen, einsilbigen Worte hervor, die du bislang von mir kanntest, erhielt aber keine Antwort, genauso wenig wie ich eine Antwort darauf erhielt, was dieses Wesen, was Nollotsch mit uns vorhatte. Das einzige, was mir wirklich greifbar schien, war das omnipräsente Gefühl beobachtet, vermessen und eingeordnet zu werden. Beobachtet nicht von den anderen Gefangenen, sondern von Nollotsch selbst oder zumindest von etwas, dass eine direkte Verbindung zu ihm besitzt.

Nach quälenden Minuten des Grübelns und Rätselns öffnete sich plötzlich die große Tür am Ende der Kammer und etwas kam hinein. In dem schlechten Licht und aus der großen Entfernung nahm ich erst an, dass es sich um einen Avatar unseres Kerkermeisters handeln würde, der nach dem Rechten sehen und sich an unserem Leid ergötzen wollte. Vielleicht stimmte das auch, aber es war kein einzelnes Wesen, sondern viele kleine, schwarze, feuchtglänzende Geschöpfe mit acht dünnen, nach hinten gekrümmten Beinen, drei kleinen, weißen Augen und breiten, weichen, fransigen Mündern, aus deren Zentrum eine breite, transparente Röhre ragte, von der ein angenehm süßlicher, verlockender Duft ausging.

Ich rechnete mit einem Angriff und so versuchte ich sie mit meiner Klaue zu verscheuchen. Doch sie wichen meinen unbeholfenen Verteidigungsversuchen spielend leicht aus. Und als sie auf meinen Schoß krochen, ihre zarten Leiber dehnten und sich vor meinem Mund versammelten, mit weit offenen, gebenden Mündern, wie treusorgende Jägerinnen, die ihre Jungen versorgen wollten, begriff ich, dass dies kein Angriff und auch keine Folter war. Das hier war eine Fütterung. Und ich hatte Hunger. Nun, wo ich den süßen, betörenden Duft ihrer Schlünde erschnupperte, befiel mich ein kaum erträglicher Hunger. Als sie schließlich einen hellroten, wässrigen Nahrungsbrei hervorwürgten, öffnete ich allem Ekel und allen Warnungen meines Verstandes zum Trotz den Mund und empfing, was sie zu geben hatten.

Während ich gehorsam schluckte, befiel mich erneut eine Müdigkeit, die man wohl eher als Entspannung bezeichnen konnte und so nahm ich nur von fern, wie durch einen dichten Schleier hindurch wahr, dass auch Andy gefüttert wurde, auch wenn ich das Gefühl hatte, dass sein Brei nicht süß, sondern salzig und ein wenig bitter roch.

Verklärt und vernebelt blickte ich zu Andy, bevor ich aus diesen ersten, eigenartigen Momenten des Erwachens in einen weiteren, tiefen Schlaf abtauchte.

Als ich erneut zu Bewusstsein kam, spürte ich schmerzhafte Stiche in meinem Bauch, so als hätte ich zu viele xakraschidianische Früchte oder das Fleisch von jungen Gorlingen verzehrt, nur dass ich das dumpfe Gefühl hatte, dass es keine Gase waren, die meine Verdauungsorgane folterten, sondern irgendetwas anderes. Gleichzeitig nahm ich meine Umgebung seltsam verschwommen wahr und mir war fiebrig und elend. Leider schien es nicht nur mir so zu gehen. Andy schrie. Er schrie, brüllte und tobte so heftig, dass es mir schier das Herz zerriss. Ich wollte zu ihm, wollte es um jeden Preis, aber meine Fesseln ließen es immer noch nicht zu. ‚Andy‘, rief ich, ‚Andy mein kleiner Jäger, ich bin bei dir!‘ und dabei fiel mir auf, dass die Worte deiner Sprache, die Worte, deren Aussprache mir bisher so schwergefallen war, leicht wie Nisam-Pollen aus meinem Mund drangen. Und Andy antwortete mir, rief mir ein kehliges aber gut vernehmbares ‚Mutter‘ zu und auch wenn ich es genoss, auf diese Weise von meinem Sohn angesprochen zu werden, war diese Freude vergiftet, nicht nur wegen der Schmerzen und der erzwungenen Trennung, sondern auch wegen der Angst vor dem, was noch kommen mochte. Immerhin waren die Ernährer, wie ich die kleinen Kreaturen, fortan für mich nannte, fürs Erste verschwunden.

Ich habe keine Ahnung, was genau es gewesen war, dass Andy und mich so verändert hat. Vielleicht die falschen Nahrungsmittel aus dem Supermarkt, die wir gegessen haben. Immerhin waren sie ja nichts anderes gewesen, als Nollotschs Fleisch. Vielleicht aber auch das, was der Stachel uns gespritzt hat, der Brei, mit den uns die Ernährer gerade gefüttert hatten oder eine Kombination aus alledem.

Doch was auch immer der Grund dafür gewesen sein mag: Etwas Gutes konnte es nicht bedeuten. Diese neuen sprachlichen Fertigkeiten mochten noch vorteilhaft sein, auch wenn sie zugleich mein Bewusstsein auf eine Art veränderten, die ich weder verstand, noch begrüßte. Doch da war auch noch die verschwommene Sicht und das, was sich in meinem Bauch abspielte und da war vor allem Andy, der alles andere als glücklich wirkte und dessen Äußeres mir auch zu dieser Zeit schon seltsam verändert erschien.

Ich versuchte mit den anderen Gefangenen Kontakt aufzunehmen. Ich sprach sie auf Deutsch, auf Englisch, auf Alt- und Neu-Bravianisch, Rorak, Andrinnisch, Nurott, Cestral und in der deovanischen Handelssprache, sowie in vielen weiteren Sprachen an, von denen ich zuvor zumeist nicht eine einzige Silbe verstanden hätte, die ich nun aber aus irgendeinem Grund flüssig sprach. Dennoch erklang keine Antwort, abgesehen von einem gelegentlichen Stöhnen. Ich fühlte mich einsam, hilflos und verraten und ich kann dir nicht sagen, wie viele finstere, erlesene, vergessene Flüche und Schmähungen ich gegen dich ausgestoßen habe, bevor ich ein weiteres Mal vor Erschöpfung in die Ohnmacht sank.

Als ich wieder erwachte, fühlte ich mich stark und klar, ja fast sogar gut. Die Schmerzen waren verschwunden. Zwar registrierte ich noch immer unnatürliche Bewegungen in meinem Bauch, sie schockierten mich jedoch nicht mehr so sehr wie zuvor, sondern waren eher wie das unwillkürliche Zucken eines Muskels: Lästig und unkontrollierbar, aber auszuhalten. Auch meine Sicht hatte sich geklärt und zeigte sich sogar in einer nie gekannten Klarheit, da die Punkte und Raster, die sie mein ganzes Leben lang beherrscht hatten, sich beinah aufgelöst hatten.

Meine gute Laune schwand aber augenblicklich, als ich sah, was aus Andy geworden war. Was aus meinem kleinen, geliebten Jungen geworden war, der immerhin alles war, was mir in meinem Leben noch blieb. Vielleicht waren es die Sorge und das Erschrecken, womöglich aber auch neu gewonnenen Kräfte, die mir der erzwungene Umbau meines Körpers beschert hatte, aber diesmal riss ich mich erfolgreich von meinen Fesseln los, ohne dabei mehr zu spüren als ein etwas unangenehmes Ziehen.

Sofort stürmte ich auf meinen Jungen zu und nahm ihn in den Arm. Er fühlte sich heiß an. So heiß, dass schon die bloße Berührung schmerzte. So heiß, als würde Nollotsch flüssiges Feuer in seine Venen pumpen. Dennoch ignorierte ich die Schmerzen. Ich wusste, dass ich ihn nicht einfach hierlassen konnte, dass das, was mit ihm geschah, ihm Qualen bereitete, also versuchte ich ihn ebenfalls zu befreien. Und es gelang mir.

Andy sträubte sich gegen meine Bemühungen, schlug um sich, ja versuchte in meiner Panik sogar mich zu verletzen, aber schließlich rissen die organischen Schläuche, die ihn hielten, aus der Wand heraus. Dabei schossen Andys Lebenssäfte für einen grauenhaften Moment wie in kleinen Fontänen aus ihnen hervor, bevor sich die Wunden wie von Zauberhand schlossen. Trotzdem schien Andy sich elend und schwach zu fühlen. Aber auch, wenn sein Zustand mein Mutterherz entsetzte, war er am Leben und wir waren – mehr oder weniger – frei.

Sofort nutzte ich diese relative Freiheit, um unser Gefängnis zu erkunden. Unsere Mitgefangenen, die anfangs zumindest noch gelegentliche Laute von sich gegeben hatten, waren nun entweder tot oder nicht weit davon entfernt. Ansprechbar oder bei Bewusstsein war keiner von ihnen. Ihre Leiber wirkten spindeldürr und ausgezehrt und ich bin mir fast sicher, dass sie nicht von den Ernährern gefüttert worden waren, sondern eher so etwas wie das Futter gewesen waren.

Allem Anschein nach waren wir nicht die ersten Opfer, die Nollotsch in seine Falle gelockt hatte. Nicht mal in letzter Zeit. Und offenbar diente nicht jede Beute demselben Zweck. Sofort verwarf ich jeden Gedanken daran, diese Unglücklichen zu befreien oder mitzunehmen. Im Gegenteil: Jenen, die noch atmeten, schenkte ich einen schnellen und gnädigen Tod, indem ich ihre Halsschlagadern mit meinen Klauen durchtrennte und wünschte diesem Ding von Herzen, dass ihr totes, ausgeblutetes Fleisch ihm ganz und gar nicht bekommen würde.

Danach erkundete ich den Raum weiter, mit Andy auf dem Arm und stellte dabei fest, dass es keinen weiteren Aus- oder Eingang gab, außer den, aus dem die Ernährer gekommen waren. Also wand ich mich diesem zu. Natürlich mit wenig Hoffnung diesen Durchgang auch öffnen zu können, denn welches Gefängnis würde sich schon allein auf die Ketten seiner Gefangenen verlassen und seine Tore unverschlossen lassen? Aber zu meiner großen Überraschung öffnete sich die Pforte ganz ohne mein Zutun, als ich mich ihr näherte. Obwohl ich natürlich von einer Falle oder von irgendeinem grausamen, sadistischen Scherz ausging, ergriff ich diese Chance dennoch, da es mir unerträglich war länger an diesem Ort zu verweilen, als nötig.

Doch weder schlug die Türe zu, kurz bevor ich sie durchschreiten konnte, noch wurde ich von irgendwelchen Häschern ergriffen und auch die organischen Fesseln streckten sich nicht aus, um mich oder Andy zurückzuholen. Meine Überraschung darüber wurde nur noch größer, als ich mich – immer noch misstrauisch – umdrehte und ein riesiges, wässriges, glotzendes Auge in der Tür entdeckte. Das immerhin erklärte das paranoide Gefühl, das mich während meiner Gefangenschaft gequält hatte. Doch auch wenn dieses Auge mich unverhohlen anstarrte und jede meiner Bewegungen registrierte, folgte darauf keine Handlung. Es hinderte meine Flucht nicht, sandte niemanden aus, um mich und Andy zurück in die Zelle zu bringen. Es sah mich einfach nur an.

Natürlich war mir klar, was das bedeuten musste: Das, was Nollotsch mit mir zu tun gedachte oder zumindest die erste Phase davon, hatte er bereits vollendet. Er musste mich nicht länger einsperren, denn sein Einfluss, seine Fesseln, waren nun in mir. Und in unserem Sohn. Dieser Gedanke erschreckte mich, zestörte mich beinah und ich horchte in mir aufmerksam nach verräterischen Stimmen oder Impulsen, nach dunklen Trieben, die zuvor nicht da gewesen waren oder nach dem Wunsch, den Befehlen, dem Willen meines Geiselnehmers zu gehorchen.

In meinem Schwarm gibt es eine seltene, aber gelegentlich auftretende Krankheit, hervorgerufen von den Parasiten, die an manchen der Prädatoren hängen. Bei ihnen saugen sie lediglich Blut, überwintern, verharren im Larvenstadium, doch sobald sie auf einen unserer Jäger treffen, nisten sie sich ein und graben und winden sich langsam zum Gehirn hinauf, wo sie den Infizierten steuern, sich vermehren und ihren Wirt dazu bringen, die Nähe von möglichst vielen seiner Artgenossen aufzusuchen, um dort in Scharen aus ihrem Wirt hervorzubrechen und sich neue Opfer zu suchen.“

Für einen Augenblick verfällt Tarena in nachdenkliches Schweigen und während ihre letzten Worte in mir nachhallen, denke ich an meine Zeit in der Portalmaschine wo ich mich kaum anders verhalten hatte als diese Wirte. Im Grunde hatte die Maschine auch mich gesteuert, hatte mich dafür benutzt, den schrecklichen Fluch, die immerwährende Krankheit, die ein Leben in den Seuchenhöhlen bedeutete, an möglichst viele Unschuldige weiterzugeben.

„Ich habe nichts Ungewöhnliches in mir entdecken können“, fährt Tarena schließlich fort, „mein Hass auf dieses Wesen war so groß wie zuvor, wenn nicht sogar noch viel größer und soweit ich das beurteilen kann, sind meine Gedanken und Handlungen immer noch meine eigenen, abgesehen davon, dass die Worte, in die ich sie kleide, komplexer geworden sind.“

Das haben die Wirte dieser Parasiten sicher auch gedacht, überlege ich düster, beschließe jedoch diesen Gedanken für mich zu behalten.

„Doch viel habe ich davon wohl nicht“, meint Tarena niedergeschlagen, „Andy geht es grauenhaft, wie dir wahrscheinlich nicht entgangen sein wird und auch wenn ich das kleinere Gefängnis verlassen konnte, habe ich noch keine Möglichkeit gefunden, dem größeren hier zu entgehen. Alle Gänge, selbst die verborgenen, enden irgendwann und das Gewebe am Boden ist zu dick, um sich dort mit bloßen Klauen hindurchzuschlagen. Alles, was ich tun konnte, war, nach einem Ort zu suchen, an dem es für Nollotsch zumindest schwerer ist uns zu beobachten. Nach einem Ort wie diesem hier.“

„Das abgestorbene Gewebe?“, vermutete ich.

„Genau. Irgendwie wurde Nollotsch hier eine Wunde geschlagen, die er nicht schließen kann. Ob dies einem seiner früheren ‚Gäste‘ zu verdanken ist oder andere Ursachen hat, weiß ich nicht. Aber ich fühle mich hier in jedem Fall weniger lückenlos überwacht, als in den restlichen Gängen und Kammern. Natürlich wird er trotzdem wissen, wo ich bin, wo wir sind, aber bislang hat er uns noch keinen Besuch geschickt. Wahrscheinlich weiß er, dass wir nicht auf ewig hier ausharren können und dass es keine Möglichkeit zur Flucht gibt. Oder er wartet darauf, dass irgendetwas mit mir oder Andy passiert, das…“

Ihre Stimme erstirbt und sie drückt Andys deformierten Körper fest an sich, bevor sie betreten zu Boden blickt. Wahrscheinlich zum ersten Mal sehe ich Tränen in ihren großen Augen glitzern. Ich spüre das drängende Bedürfnis sie in den Arm zu nehmen, kann mich aber irgendwie nicht dazu überwinden. Womöglich sind es ihre Spekulationen über Parasiten und Einflüsterungen.

„Dass ich hier frei umherstreife, scheint er noch nicht bemerkt zu haben“, warf ich stattdessen ein, „dabei hätte ich eigentlich auch in dieser Zelle landen sollen. Doch bislang hat er noch nicht versucht, mich gefangenzunehmen.“

„Das ist in der Tat eigenartig. Dabei hast du ja geradezu darum gebettelt oder warum sonst hättest du versuchen sollen ihn zu wecken?“, entgegnet Tarena.

„Ich wollte ihn nicht wecken“, verneine ich, „ich wollte lediglich die Tür öffnen. Ich hatte gehofft euch dort zu finden und euch befreien zu können.“

„Das ehrt dich“, sagt Tarena nun längst nicht mehr so feindselig wie zu Beginn unseres Gespräches. Entweder verzeiht sie mir schneller, als ich es verdient habe, oder sie ist einfach pragmatisch genug, um ihre gerechtfertigte Kränkung hinten anzustellen. Die dritte Möglichkeit – nämlich, dass das, was nun in ihr wohnt, einfach nur mein Vertrauen gewinnen will – will ich nicht ernsthaft in Erwägung ziehen. Schon gar nicht hier, nur wenige Zentimeter von ihr entfernt in dieser kleinen Kammer.

„Trotzdem bin ich von dir subtilere Methoden gewöhnt“, fügt Tarena hinzu.

„Etwas hat mir gesagt, dass es funktionieren wird“, erkläre ich.

„Deine Intuition?“, fragt Tarena ein wenig skeptisch.

„Mehr als nur das“, sage ich und ringe mich nach kurzem Zögern dazu durch, ihr von meiner kürzlich gemachten Entdeckung zu berichten. Vielleicht, weil ich einfach daran glauben will, dass sie dieses Wissen nicht gegen mich verwendet, aber auch, weil es vieles einfacher macht.

„Ich habe selbst keine Ahnung, warum und wie genau es funktioniert“, beginne ich zu erklären, „aber wenn ich die Chaos-Murmel und die Peitschenmünze aus Hyronanin miteinander verbinde, eröffnet sich mir ein Blick auf den Verlauf möglicher Zukünfte.“

„Das kann nicht sein“, widerspricht Tarena mit fast heiligem Ernst. „‘Das Land der Zukunft ist ein wuchernder Dschungel bei Nacht‘, sagte man bei uns im Stock oder zumindest lässt sich dieser Gedanke so grob in deine Sprache übersetzen. Und wir sagen das nicht ohne Grund. Wir mochten nicht in allem die Weisesten und Gelehrtesten gewesen sein, aber als Geschöpfe, die noch nicht sehr lange ihrem Kollektiv-Stadium entwachsen sind, haben wir noch immer ein gutes Verständnis davon, wie stark das Handeln eines Einzelnen von dem Handeln aller anderen beeinflusst wird. Es ist unmöglich, einen klaren Weg in die Zukunft zu erkennen und erst recht keinen, der so bestehen bleibt, wie man ihn sich einmal ausgemalt hat.“

„Da ist was dran“, sage ich lächelnd und bemühe mich darum, es nicht überheblich aussehen zu lassen, was bei einer Frau, die inzwischen wortgewandter war als ich wohl gleich doppelt unsympathisch gewirkt hätte, „das Problem ist nur, dass ich erfahren habe, dass es dennoch funktionieren kann. Nicht immer perfekt und zuverlässig, das stimmt, aber diese … Visionen bringen einen auf Ideen, auf die man ansonsten nie gekommen wäre.“

„Zum Beispiel?“, wollte Tarena wissen.

Ich zeige auf die Peitschenmünze in meiner Hand, „Es hat mir vorgeschlagen Nollotschs Sekret, das ich nicht geschluckt, sondern in meinem Mund gesammelt habe, dort hineinzuspucken. Und es hat geklappt. Die Münze hat es vollständig absorbiert und ich vermute, dass die Peitsche nun über betäubende Eigenschaften verfügt. Eine weitere Vision hat mir gezeigt, wie ich das Auge damit ausschalten und die Tür öffnen kann. Ich weiß, dass das alles verrückt klingt, aber ich habe gesehen, wie es funktioniert.“

„Oh, ich zweifle nicht daran, dass es hätte funktionieren können“, erwidert Tarena, „zwar glaube ich nicht, dass es dir gelungen wäre, Nollotsch mit seinem eigenen Gift auszuschalten, aber vielleicht hätte er dich in ebendiesem Glauben gelassen, sich weiter schlafend gestellt und dir die Zellentür geöffnet, bevor sie sich – vielleicht für immer – hinter dir geschlossen hätte. Schon bald darauf wärst du Futter geworden. Oder gefüttert worden, was nicht unbedingt besser ist.“

Mein Blick schweift zu ihrem harten, gespannten Bauch, in dem sich noch immer … Dinge … bewegen. Langsam nur, vorsichtig wie Einbrecher, die versuchen den Alarm nicht auszulösen, aber dennoch unübersehbar. Nein, denke ich mir, dieses Schicksal will ich nicht teilen.

„Danke, dass du mich gerettet hast“, sage ich und drücke die Chaos-Murmel fest an mich, um meinen Worten mehr Aufrichtigkeit und Tiefe verleihen zu können.

„Natürlich“, antwortet Tarena nach langem, nachdenklichen Schweigen, „immerhin sind wir ein Team.“

Der Klang dieser Worte rauscht wie Heroin durch meine Venen, auch wenn sie sie nicht schwülstig ausspricht, ja nicht einmal wirklich emotional. Trotzdem klingen sie nach Vergebung. Und ich realisiere, dass ich danach inzwischen fast süchtiger bin als nach Fernweh. „Noch immer? Trotz allem, was passiert ist?“, entscheide ich mich, ihre Aussage einem Härtetest zu unterziehen.

Tarena seufzt tief mit einer Stimme, die fast vollkommen menschlich klingt, in der aber noch immer das klackende, zirpende Erbe ihres Käferanteils mitschwingt. Vor allem jedoch klingt sie abgeklärt, erwachsen, kalkulierend. Fast mehr wie Sandra, als wie die alte Tarena.

„Ich vergesse dir deine Treulosigkeit nicht“, erwidert sie ernst, „aber ich will sie dir auch nicht heimzahlen. Ich habe mich für dich erklärt und ich wusste immer wie zerrissen du bist, schon bevor dich die Maschine verändert oder neu erschaffen hat. Unser Volk spricht seine Versprechen nicht so leichtfertig und auch, wenn ich ihm den Rücken gekehrt habe, halte ich es ebenso. Ich werde mein Herz für dich offen halten, mit allen Konsequenzen, solange ich einen Sinn darin sehe. Doch solltest du mich oder Andy je verletzen, hast du in mir eine Feindin und solltest du uns noch einmal verlassen, kann es sein, dass du niemanden mehr vorfindest, zu dem du zurückkehren kannst.“

Ein kalter Schauer jagt über meinen Rücken und ich fühle mich mit einem Mal entblößter, beschämter und beschmutzter, als sogar im tiefsten Schlamm von Uranor.

„Jetzt mach nicht so ein Gesicht“, höre ich Tarena etwas sanfter sagen und spüre ihre Umarmung, die ich diesmal nicht ablehne, auch wenn sich ihr Körper unangenehm weich und schwammig anfühlt und sich das Kriechen und Krabbeln in ihrem Bauch auf mich überträgt, „ich habe dich nicht verstoßen, sondern dir gerade noch eine Chance gegeben. Darüber solltest du dich freuen anstatt, mich auch noch mit deiner Trauermiene runterzuziehen. Ich weiß ja ohnehin nicht, wie lange ich noch existieren werde.“

„Noch eine ganze Weile“, entgegne ich, „wir kommen hier raus und dann finden wir auch eine Möglichkeit, das zu stoppen, was Nollotsch dir und Andy angetan hat.“

„Es gibt keinen Ausweg“, sagt Tarena bitter und streicht Andy dabei über seinen deformierten Wasserkopf.

„Das werden wir sehen“, erwidere ich und führe die Münze zu meinem Hals, „du magst nicht viel von Zukunftsprognosen halten, aber wir haben doch nichts zu verlieren, oder?“

„Nein“, stimmt Tarena zu, „versuch es ruhig.“

~o~

Als ich aus meiner Vision zurückkehre, bringe ich ein wenig Hoffnung mit. So zumindest scheint es mir. Zwar ist das Ende des Fadens, den ich ergreifen konnte, auch diesmal abgerissen, aber was ich gesehen habe, bietet zumindest eine Chance.

„In ungefähr zwölfeinhalb Stunden wird sich Nollotsch ein neues Opfer suchen“, erkläre ich Tarena mit einem Blick auf meine Uhr, nachdem das Gitternetz vollständig vor meinen Augen verschwunden ist, „dabei wird kurz eine Schwachstelle in seinem Gewebe entstehen, die wir durchstoßen und durch die wir dann entfliehen können, wenn wir schnell genug sind.“

„Was ist mit diesem Opfer“, fragte Tarena, „wollen wir es mit uns nehmen? Haben wir überhaupt die Zeit dafür?“

„Wir werden tun, was wir können“, gebe ich zurück, „mit deinen Klauen und meiner Peitsche werden wir Nollotsch sicher ablenken können und wenn sein Opfer noch bei Bewusstsein ist, wird es uns bestimmt bei der gemeinsamen Flucht helfen. Oberste Priorität hat für mich aber uns zu retten. Ich hoffe, du siehst das ebenso.“

„Das tue ich“, erwidert Tarena, „Andy … und auch du haben für mich größere Priorität, als jeder Fremde. Falls deine Vision recht behält, könnte das wirklich funktionieren. Ich frage mich nur, ob Nollotsch uns noch so lange in Ruhe lassen wird. Ich glaube zwar, dass er fürs Erste das Interesse an mir verloren hat, aber mit Andy ist er bestimmt noch nicht fertig. Das zeigt sich schon daran, dass er grauenhafte Schmerzen zu erleiden scheint, wenn er zu lang von Nollotschs Gewebe getrennt ist. Vielleicht wird er sich doch noch dafür entscheiden ihn zu holen.“

„Das denke ich nicht“, gab ich zurück, „die Vision hat mir nichts Derartiges gezeigt.“

„Du solltest bei deinen Blicken in die Ferne darauf achten, nicht das zu übersehen, was direkt vor deinen Füßen passiert“, kommentierte Tarena mit einem herzhaften Gähnen, „jedenfalls sollten wir besser wachsam sein und uns auf unerwartete Überraschungen gefasst machen.“

„Natürlich“, antworte ich, „aber die Wachsamkeit übernehme ich. Du gönnst dir besser etwas Ruhe.“

„In Ordnung“, sagt Tarena, der man ihre Erschöpfung nun überdeutlich ansah, und lehnte sich an die gegenüberliegende Wand der kleinen Kammer.

„Du kannst ruhig näherkommen“, biete ich ein wenig enttäuscht an, doch Tarena schüttelte den Kopf.

„Lieber nicht“, sagt sie, „ich traue mir selbst nicht mehr. Sollte ich mich weiter verändern und am Ende feindselig werden, ist es besser, wenn der Abstand zwischen uns dann möglichst groß ist. Aber du kannst Andy zu dir nehmen. Er hat dich ohnehin vermisst.“

„Einverstanden“, erwidere ich, erhebe mich, gehe auf Tarena zu und nehme ihr meinen kleinen, gequälten Jungen ab, wobei ich erleichtert bin, dass mein Mitleid mit ihm größer ist, als mein Ekel, auch wenn die Berührung der flüssigkeitsgefüllten Säcke an meiner Haut nur schwer zu ertragen ist. Behutsam trage ich ihn zur anderen Seite und mache es mir dort so bequem wie möglich, wobei Andy seinen viel zu schweren Kopf auf meine Schulter sinken lässt. Sein Körper fühlt sich wirklich heiß an und ich vernehme ein rasselndes Ächzen aus seinem Mund, so als hätte er Schwierigkeiten beim Atmen.

„Du wirst ihn bald wieder mit Nollotsch verbinden müssen“, erklärt Tarena schläfrig, „leg ihn einfach in die Gewebefalte und decke ihn damit zu. Der Rest geschieht automatisch.“

„Du weißt, dass wir ihn nicht mitnehmen können, oder?“, frage ich sie bitter, „es würde ihn mit Sicherheit umbringen, wenn er schon jetzt nicht mehr als ein paar Minuten von Nollotsch getrennt werden kann.“

„Wir werden ihn mitnehmen“, sagt Tarena entschlossen und etwas gereizt, „ich erspare ihm die Schmerzen der Trennung so lange es geht, aber ich werde ihn diesem Ding auf keinen Fall überlassen. Wir werden eine Möglichkeit finden ihn zu heilen und wenn nicht, wird er es aus eigener Kraft überstehen. Er ist stark. Stärker, als du vielleicht glaubst.“

Mit diesen Worten wird ihr Atem ruhiger und ich weiß, dass sie eingeschlafen ist. Ich beobachte Tarenas exotischen und für mich noch immer begehrenswerten Körper voller Liebe und Furcht, während ihre letzten Worte in mir nachhallen. Auf den ersten Blick waren sie naiv gewesen. Kindliche Wunschgebilde, an denen sich Schlafende nur allzu gerne wärmten. Magisches Denken, das selbst in einer von Magie erfüllten Welt nur selten funktioniert, da es sich nicht darum kümmert, welche Schritte unternommen werden müssen, um den Wunsch auch wirklich in die Realität zu bringen. Doch als ich tiefer blicke, wird mir klar, dass es sich nicht so verhält. Tarena mag natürlich darauf hoffen, Andy retten zu können, aber was ihre Worte wirklich ausdrücken wollen, ist, dass sie Andy lieber tot sehen will, als ihn Nollotsch zu überlassen. Und so grausam das ist, so stimme ich ihr doch zu. Niemand kann so ein Schicksal für sein eigenes Kind wollen. Doch genau da liegt das Problem: Da Andy immer noch nicht mehr von sich gibt als einzelne Worte, können wir ihn selbst nicht fragen, was er will, womit die einzig relevante Meinung in dieser Angelegenheit im Dunkeln bleibt.

Was für eine grauenhafte Last es doch ist, gezwungen zu sein für ein Wesen zu entscheiden, welches nicht einmal gefragt wurde, ob es überhaupt ein Teil dieser Welt sein möchte, sinniere ich und verspüre ein flaues Gefühl in meinem Magen. Niemand sollte so eine Art von Macht haben. Dieser Gedanke stößt fast zwangsläufig einen anderen an. Einen, den ich Tarena sorgfältig verschwiegen habe. Das Opfer, welches Nollotsch sich holen wird, ist ein Kind. Ein junges, hilfloses Mädchen.

Schon wieder fühle ich mich schmutzig, so als würden alle meine Handlungen, so gut die Absichten dahinter auch sein mögen, mich immer auf die Straße des Verrats und der Rücksichtslosigkeit zurückführen. Noch hab ich kein weiteres Mal ein Kind verraten, weder mein eigenes, noch dieses unbekannte. Doch ich weiß, dass ich es wahrscheinlich bald tun werde und diese Last drückt mich nieder, wird schwerer und schwerer, bis sich nur noch der Schlaf als Ausweg anbietet, dem ich jedoch nicht nachgeben will. In meiner Verzweiflung hebe ich die Murmel ein wenig an, doch die strukturierte, abgestumpfte Leere, die mich daraufhin erfüllt ist noch schlimmer als die Schuldgefühle. Also lasse ich sie wieder fallen und flüchte mich in die bewährteste Methode zur Aufrechterhaltung meiner geistigen Gesundheit, die mir überhaupt bekannt ist: das Schreiben.

~o~

„Gute Geschäfte, Geberin Nanita“, sagte Torvilla Nehmer mit kühler, höflicher Freundlichkeit.

Die harmlose Grußformel traf Nanita wie der Strahl einer kalten Dusche. Sie hatte natürlich damit gerechnet, sich früher oder später den Konsequenzen ihres unkonventionellen Manövers in Uranor stellen zu müssen, doch auf manche Dinge konnte man sich einfach nicht vorbereiten.

Genauso wenig wie auf die Wirkung, die dieser Raum auf sie hatte, in den sie Kollom früher von Zeit zu Zeit hatte begleiten dürfen. Der Geschmack der Macht, des Erfolges, der sie damals so berauscht hatte, lag nun bitter und schwer wie Blei auf ihrer Zunge. Natürlich, auch damals hatten die Mitglieder des Aufsichtsrates auf sie hinab gesehen, aber nur ein wenig und nicht mit Verachtung, sondern mit jenem vorsichtigen Blick, mit dem man nur Leute bedenkt, die schon bald zu einer Gefahr werden könnten. Nun jedoch fühlte sie sich nur noch belächelt.

Doch sie durfte sich davon nicht aus der Ruhe bringen lassen, ansonsten hatte sie bereits verloren. Stattdessen bemühte sie sich darum, ihre Situation nüchtern zu analysieren. Und dabei fiel ihr etwas auf. In den Gesichtern der Aufsichtsratsmitglieder – allen voran Torvilla und Travenia – sah sie nicht allein arrogante Verachtung, sondern auch … Neugier. Zudem war Kollom nirgendwo zu entdecken, also hatten sie ihn offenbar gezwungen seinen Manifestor aus der Hand zu geben. Vielleicht war ihre Lage also doch nicht so verzweifelt wie zunächst gedacht hatte.

„Gute Geschäfte, Nehmerin Torvilla“, grüßte Nanita selbstbewusst, aber nicht überheblich, „es freut mich, Sie und die anderen endlich einmal wiederzusehen.“

Diese Aussage – obwohl glatt gelogen, was die Wiedersehensfreude anging – war kein reines Kokettieren. Seit sie praktisch zu Kolloms Leibsklavin degradiert worden war, hatte sie die Mitglieder des Aufsichtsrats tatsächlich nicht mehr zu Gesicht bekommen.

„Diese Freude liegt leider nicht auf unserer Seite“, erwiderte Lun Nehmers Greisenstimme, „Nach allem, was wir wissen, haben Sie der Firma nicht nur horrende Verluste beschert, sondern sich auch noch ohne unsere Zustimmung zum CEO auf Zeit ernannt.“

„Für beides hatte ich gute Gründe“, verteidigte sich Nanita, „mein Vorgesetzter Kollom Nehmer war zu diesem Zeitpunkt handlungsunfähig, weshalb ich mich lediglich auf meine Rechte als seine ehemalige Stellvertreterin berufen habe, um größeren Schaden von MKH abzuwenden. Schaden, der aus einer Situation resultierte, in die Kollom Nehmer unser Unternehmen erst gebracht hatte. Er hat uns ohne Not in einen Konflikt verwickelt, zu dessen Bewältigung ich leider die Prototypen einsetzen musste.“

„Ihnen standen effektive, erprobte und vor allem kostengünstigere Waffen zur Verfügung“, brachte Nural Nehmer vor.

„Waffen, die leider nicht ausreichten, um der Lage Herr zu werden“, entgegnete Nanita.

„Die Frage ist, was hier nicht ausreichte, Geberin Nanita, die Waffen, oder Ihre Fähigkeiten“, stichelte Nural, „immerhin lag Ihre Expertise in letzter Zeit vor allem im Wegräumen von Erdschichten und dem Erbringen von Reinigungsdiensten.“

Nanita wollte etwas erwidern, aber alles was ihr einfiel waren wüste und nicht zielführende Beschimpfungen und so blieb sie still.

„Sie hätten die Notfall-Rückholfunktion nutzen können“, erinnerte Torvilla.

Damit hatte sie leider Recht. Das hätte sie tun können. Die Wahrheit war leider, dass sie in der Hektik damals nicht an diese Möglichkeit gedacht hatte. Vielleicht hatte ihre Schadenfreude gegenüber Kollom Nehmer oder ihr Interesse an Sandra ihr Urteilsvermögen getrübt. Dass Arnin sie nicht an diese Option erinnert hatte, war hingegen nicht verwunderlich. Der Whe-Ann war ein Geschöpf Kolloms.

„Ich wollte meine Befugnisse nicht überstrapazieren“, versuchte Nanita sich rauszureden.

„Das haben Sie auch so schon getan“, meinte Lun Nehmer, „weit mehr, als es Ihr Kontostand zulässt, um genau zu sein.“

Nanita spürte, wie ihr heiß wurde, leider verlief diese Befragung genauso, wie sie es erwartet und nicht, wie sie es sich erhofft hatte.

„Beschreiben Sie uns doch bitte den Zustand von Nehmer Kollom, der Sie nach Ihrer Aussage überhaupt erst zum Handeln gezwungen hatte“, forderte sie Travenia auf und warf ihr damit zumindest einen kleinen Strohhalm hin, den Nanita mit beiden Händen ergriff. Selbst wenn sie gerade dabei sein sollte endgültig unterzugehen, wollte sie diesen Mistkerl Kollom mitnehmen.

„Er hatte intensiven Kontakt mit einer mutagenen Flüssigkeit, die sein Denken nachhaltig beeinträchtigte und ihm die Fähigkeit raubte, rational zu Handeln und zu Sprechen. Ja, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf, so sank sein Intelligenzniveau dadurch weit unter das eines Kleinkindes“, erklärte Nanita.

Den Gesichtern der Aufsichtsratsmitglieder entnahm sie, dass ihre Schilderungen deren Interesse geweckt hatten.

„Nachhaltig, sagen Sie?“, hakte Nural nach, „auf mich wirkte er vielleicht ein wenig unkonzentriert, aber durchaus noch wie ein Erwachsener.“

„Das kann sein“, beeilte sich Nanita zu ergänzen, „er erhielt eine hohe Dosis Gesundheit, was die offensichtlichsten Auswirkungen der Substanz beseitigt und die Symptome seiner Hirnschädigung gelindert hatte. Aber ich bin mir absolut sicher, dass sein Verstand dauerhaften Schaden genommen hat. So hat er etwa mehrere Flaschen Gesundheit und einige andere Objekte, die ich als Schadensersatz im Namen des Unternehmens von unserer Angreiferin beschlagnahmt hatte, an diese zurückgegeben, als er wieder die Führung übernommen hatte. Kein geistig gesunder Deovani würde so handeln.“

„Er hat bei unserer Begrüßung meinen Namen vergessen“, überlegte Torvilla Nehmer laut, „und den Namen des Projekts, an dem er schon so lange arbeitet.“

„Auch sonst habe ich ihn schon weitaus schlagfertiger erlebt“, meinte Lun Nehmer, „womöglich sagt Geberin Nanita die Wahrheit.“

Nanita bemerkte erleichtert, wie die Stimmung kippte. In so manchen Gesichtern sah sie ein zufriedenes, nur unvollständig verborgenes Lächeln. Diese Leute mochten Kollom Nehmer genauso wenig wie sie, erkannte sie und musste ebenfalls ein Lächeln unterdrücken.

„Jemanden, dessen Verstand derart zerrüttet ist, darf unser Unternehmen keinen Tag länger führen“, meinte Travenia und Nanita meinte für einen Moment zu sehen, wie die Bravianerin ihr zuzwinkerte.

„Dem stimme ich zu“, sagte Nural Nehmer, „aber wir brauchen mehr als die Worte einer Dreckschauflerin und ein paar unbedeutende Nachlässigkeiten, um ihn vor Ablauf der Frist loszuwerden und Schadensersatz, sowie weitergehende Wiedergutmachungen von ihm fordern zu können.“

„Vielleicht können wir die bekommen“, überlegte Torvilla, „Geberin Nanita, ich mache Ihnen den folgenden Vorschlag: Sie bringen uns spätestens binnen einer Woche handfeste Beweise, dass Nehmer Kollom unfähig ist seine Position auszuführen und dass er diesen wichtigen Fakt vor uns verheimlicht hat. In diesem Fall lassen wir einen Großteil der Schadensersatzansprüche gegen Sie fallen und erlauben Ihnen den Rest in einer verantwortungsvolleren Position abzuarbeiten. Wenn Sie sich dabei bewähren, erhalten Sie vielleicht sogar die Option erneut die Stellvertreterin des dann amtierenden CEOs zu werden. Wenn Sie jedoch keine Beweise liefern können, werden wir Ihren Körper und Ihren Geist auf den Endmärkten versteigern, jedoch erst, nachdem wir eine Gagitsch-Transformation an Ihnen durchgeführt haben, um die Profitrate zu erhöhen. Sind die anderen Mitglieder mit diesem Vorschlag einverstanden?“

Torvilla erntete allgemeines Nicken.

„Was ist mit ihnen, Geberin Nanita?“, fragte Torvilla.

Nanita schluckte schwer. Eine Gagitsch-Transformation gehörte zu den schlimmsten Schicksalen, die einen in Deovan treffen konnte. Dabei wurde man mit dem Fleisch reifer Larven des Gagitsch, eines fortpflanzungsfähigen Hybriden verschiedenster Spezies gefüttert, der in den Labors von New Day Inc. gezüchtet wurde. Infolge dieser Diät blähte sich der Körper des Gefütterten zu seiner achtzehnfachen Größe auf und entwickelte eine stark Wärme-erzeugenden Stoffwechsel, was ihn zu einer guten, ergiebigen Quelle für Energie und Biomasse machte. Ja, er entwickelte schließlich eine Hitze und Strahlung, die beinah der eines kleinen Sternes entsprach und strahlte diese für seinen restlichen, etwa hunderttägigen Lebenszyklus ab, ohne das eine weitere Fütterung notwendig war. Woher die Energie für diesen Prozess stammte, ob sie aus dem Geflecht oder der subatomaren Ebenen bezogen wurde, war unklar. Nach Ablauf dieser Zeitspanne jedoch implodierte der Gefütterte und ließ ein paar Hundert Gramm stabiles Noridium – ein äußerst seltenes, stabiles und kostspieliges Metall zurück, das dann geerntet werden konnte. Der Gagitsch-Gefütterte blieb bis zum Moment der Implosion bei vollem Bewusstsein und erlebte konstant die Qualen einer nie endenden Verbrennung. Ein wirklich grauenhaftes Los. Trotzdem war das eine ungeahnte Chance ihr Leben zurückzugewinnen, auch wenn die Aufgabe gigantisch und das Risiko extrem hoch war. Es war ihr in all den Jahren ihres niederen Dienstes nie gelungen Kollom Nehmer zu schaden. Andererseits bestand ihre Alternative wahrscheinlich darin, direkt der Transformation unterzogen und zu den Endmärkten geschleppt zu werden.

„Ich akzeptiere“, sagte Nanita gepresst.

„Sehr schön“, sagte Torvilla, „wir werden Sie natürlich mit allen nötigen Technologien und Befugnissen unterstützen, soweit dies in unserer Macht steht und nicht zu einer Offenlegung unserer Absichten führt.“

„Gehört dazu auch, mir die Freiheit vom Manifestor zu schenken?“, fragte Nanita, „als bloße Software in einem Koffer, wird es schwer werden, Kollom im Auge zu behalten.“

„Leider können wir das nicht so einfach riskieren, das würde sofort Kolloms Misstrauen erwecken“, verneinte Torvilla, „es sei denn Sie liefern für Ihre Freiheit eine gute Erklärung.“

„Die werde ich liefern“, versprach Nanita, „geben Sie mir nur eine halbe Stunde. Wenn ich Ihnen bis dahin kein Zeichen gebe, können Sie mich in den Manifestor zurücksenden und wir überlegen uns etwas anderes.“

„Das klingt akzeptabel“, meinte Torvilla, „aber lassen Sie sich nicht erwischen. Die Konsequenzen wären unschön – für uns alle, aber besonders für Sie.“

„Ich werde vorsichtig sein“, versprach Nanita.

„Seien Sie vor allem erfolgreich!“, ermahnte sie Lun Nehmer.

„Und bringen Sie uns Kolloms Kopf“, fügte Travenia weniger förmlich und mit einem bösen Lächeln hinzu.

Oh ja, das werde ich, schwor sich Nanita. Sie würde mit Freunden alles dafür tun, diesen Typen Leiden zu lassen, selbst wenn ihr nicht die Endmärkte drohen würden. Doch wie es aussah, brauchte sie dabei etwas Hilfe.

~o~

„Es ist ein Wunder, dass Sie Ihren Schließmuskel noch unter Kontrolle haben“, sagte Disruptor Yonis ungeschönt, während er sich das 3D-Modell von Kollom Nehmers Gehirn ansah, „Ein Teil Ihrer Hirnmasse ist unnatürlich vergrößert und aufgeschwemmt, in anderen Sektoren nehme ich kaum Aktivität war und im Bereich der Hirnrinde haben sich diverse Perforierungen gebildet. Wahrscheinlich ist es der verabreichten Gesundheit zu verdanken, dass sich die meisten Ihrer kognitiven Prozesse auf die bislang noch intakten Hirnareale verlagert haben. Doch das wird nicht mehr lange funktionieren. Diese Kapazitäten sind praktisch ausgeschöpft. Ich gebe Ihnen noch zwei oder drei Tage, bis Sie Symptome einer schweren Demenz entwickeln und vielleicht eine Woche, bis ihr Atemreflex aussetzt.“

Kollom schluckte schwer. All das, was er aufgebaut hatte, sein Einfluss auf MKH, seine Pläne mit Astrera, ja sogar sein eigenes Leben lag in Trümmern, nur wegen dieser verdammten Gesunderin.

„Können Sie irgendetwas dagegen tun?“, fragte Kollom den Wissenschaftler, dessen Labor er erst aufgesucht hatte, nachdem er sicher war, dass Sandra es verlassen hatte. Die kleine Gruppe unterschiedlich gekleideter Angestellter mit ihren Typ-1, Typ-2 und Typ-3-Markierungen, darunter die fünf klobigen Bleigeweihten, die sich allesamt in Bereitschaftsstarre befanden, wiesen immerhin darauf hin, dass sie ihren Job ordentlich gemacht hatte.

„Mit gewöhnlicher Medizin nicht“, verneinte Yonis, „auch eine weitere Gabe von Gesundheit wäre in diesem Fall nutzlos. Ich sehe eigentlich nur noch zwei Möglichkeiten, um Ihr Bewusstsein zu retten. Die erste bestünde darin, es zu digitalisieren.“

Kaum da Yonis diese Worte ausgesprochen habe, wurde Kollom von regelrechter Panik ergriffen. Die Vorstellung, Arnins Schicksal zu teilen, zu einem berechenbaren, kopierbaren Geist in der Maschine zu werden, ohne Körperlichkeit, ohne reale, fleischliche Genüsse, ohne Kontakt zum Urchaos, ohne die Chance auch nur den Boden unter seinen Füßen zu spüren, hatte ihm bereits finstere Albträume beschert, als sie nur eine substanzlose Angst gewesen war. Nun aber traumatisierte sie ihn regelrecht.

„Eher sterbe ich und nutze zuvor die Chance dem gesamten Aufsichtsrat auf die Schreibtische zu koten“, erwiderte Kollom entschlossen, „wie sieht die zweite Option aus?“

„Die zweite Behandlungsalternative würde mehrere Spender erfordern“, erläuterte Yonis.

Kollom atmete erleichtert auf. Das klang einfacher, als er gehofft hatte. „Dann besorgen Sie welche“, verlangte er von Yonis, „grasen Sie die Endmärkte ab, gehen Sie ins Invisible Land. Irgendwo werden Sie schon Spenderkörper finden, die wir um ihr Gehirn erleichtern können. Bieten Sie den Have-Nons einfach einen ‚High-Rise‘. Viele Non-Haves würden für ein wenig simuliertes Machtgefühl gern ihr verpfuschtes Leben geben. Notfalls können Sie sie auch einfach so mitnehmen. Es fehlt schon niemandem auf. Lassen Sie sich was einfallen!“

„Sie mögen es vergessen haben, Kollom“, sagte Yonis schneidend, „aber ich bin nicht Ihr Laufbursche, sondern Ihr Disruptor und das auch nur hier bei MKH. Bei Astrera sind wir alle gleich. Ich spiele meine Rolle, solange es nötig ist, aber ich würde mich nicht einmal dann auf Ihren Befehl hin ins Invisible Land begeben, wenn Ihnen das Gehirn bereits aus der Nase tropfen würde. Zum Glück muss ich das aber auch nicht. Die Spender, die wir brauchen, sind Sie selbst.“

„Wie meinen Sie das?“, fragte Kollom verwirrt und kam sich noch dümmer vor, als die Aufnahmen seines Gehirns es vermuten ließen.

„Ihr Zeitlinienring“, erklärte Yonis, „Ich kann ihn dafür benutzen, gesundes Hirngewebe mit Ihren Ebenbildern in anderen Versionen unserer Realität zu tauschen.“

„Das ist möglich?“, fragte Kollom verblüfft.

„Ja“, erwiderte Yonis, „dieser Ring ist mächtig. Sie haben ihn früher zum Beispiel genutzt, um falsche Investitionsentscheidungen Rückgängig zu machen. Allerdings birgt diese Methode Risiken. Wenn ich die kognitive Leistung Ihrer alternativen Selbste zu sehr herabsetze, nimmt uns das Ausweichmöglichkeiten, falls unsere Pläne in dieser Zeitlinie scheitern sollten. Außerdem besteht die Gefahr eines ‚Void-Rips‘. Das Geflecht ist hier in Deovan bereits so dünn und ausgezehrt, dass solche massiven Eingriffe zu seinem Einsturz führen könnten. Das Risiko ist nicht sehr hoch: Aktuell schätzungsweise 1:8300, aber es existiert.“

„Was ist ein Void-Rip?“, bat Kollom einmal mehr um Erklärung einer der vielen Vokabeln, die durch sein lädiertes Gedächtnis gerutscht waren.

„Das vollständige Kollabieren einer ganzen Region im Nichts“, antwortete Yonis, „Ganz Deovan mit all seinen Bewohnern würde aus dem Gefüge der Existenz gerissen und nichts als leerer Raum würde übrig bleiben. Schon bald darauf würden das restliche Multiversum vergessen, dass diese Welt je existiert hat. Wollen Sie dieses Risiko eingehen?“

Kollom musste nicht lange überlegen. Wenn er seinen Verstand verlor, wäre nicht nur Deovan, sondern das ganze Multiversum ohnehin für ihn verloren. „Natürlich“, sagte Kollom, „Aber gilt das auch für Sie? Immerhin steht auch Ihre Existenz dabei auf dem Spiel.“

„Das ist mir bewusst“, sagte Yonis, „deshalb würde ich die Folgen der Behandlung auch genauestens im Auge behalten. Der Void-Rip würde nicht von einer Sekunde auf die andere geschehen. Er würde sich durch verschiedene Anzeichen ankündigen und wenn er das tut, würde ich Ihre Therapie sofort abbrechen. Ganz gleich, was dann mit Ihnen passiert. Können Sie das akzeptieren?“

„Ja“, sagte Kollom, ohne zu wissen, ob dies auch der Wahrheit entsprach.

„Gut“, antwortete Yonis, „ich würde für die Behandlung möglichst viele nahe Zeitlinien auswählen, um die Hirnschäden bei Ihren alternativen Instanzen geringer zu halten und um eine gewisse Persönlichkeitsbalance zu gewährleisten. Zuvor benötige ich aber Ihren Ring.“

„Das klingt vernünftig“, meinte Kollom, während er den Zeitlinien-Ring hervorholte und ihn Yonis überreichte.

„Vernünftig ist es nicht“, sagte Yonis, „aber dieses Prinzip hat ohnehin ausgedient.“

„Können wir dann direkt mit der Behandlung beginnen?“, wollte Kollom wissen.

„Nein“, erwiderte Yonis, „es ist eine heikle Operation. Sie erfordert ein paar Vorbereitungen und einige Konsultationen. Ich muss Kontakt mit diversen Mitgliedern von Astrera aufnehmen, die mehr Erfahrung mit derartigen Manipulationen haben und ich brauche auch …“

Plötzlich klopfte es an der Labortür und noch bevor jemand den Besucher hereinbitten konnte, öffnete sich und brachte Torvilla Nehmer zum Vorschein, die Kolloms Manifestor in der Hand hielt.

Kollom wurde eiskalt. Wenn Sie mitbekommen hatte, dass er sich hier gerade von Yonis untersuchen ließ, wäre er erledigt. Ein rascher Blick auf die holografische Projektion zeigte ihm jedoch, dass der Disruptor geistesgegenwärtig genug gewesen war, das Bild seines Gehirns gegen das eines Waffenbauplans auszutauschen. Kollom atmete innerlich erleichtert auf, bemühte sich jedoch darum, nicht ertappt auszusehen. Er versuchte Torvillas Gesichtsausdruck zu entnehmen, ob sie mehr mitbekommen hatte, als ihm lieb war, aber das Gesicht der Nehmerin blieb verschlossen.

„Ich hoffe, ich störe nicht“, sagte Torvilla, „ich wollte Ihnen nur Ihr Eigentum zurückbringen.“

„Ich danke Ihnen“, erwiderte Kollom, während Yonis vorgab sich mit den Bauplänen zu beschäftigen, „stellen Sie meinen Manifestor einfach dort an der Wand ab, ich hoffe die Gespräche mit meinen Angestellten waren aufschlussreich.“

„Oh, das waren sie“, versicherte Torvilla, „wir haben nun ein viel vollständigeres Bild.“

„Hat sich dadurch irgendetwas an der Entscheidung des Rates geändert?“, fragte Kollom.

„Vorerst nicht“, antwortete Torvilla, „aber sollte das geschehen, lassen wir es Sie sofort wissen. Bis dahin sollten Sie sich weiter Ihrer Arbeit widmen. Offenbar gibt es dabei ja sogar noch mehr zu tun, als ich bislang annahm.“

„Wie kommen Sie darauf?“, fragte Kollom.

Torvilla lächelte schwach, „nun, diese Baupläne haben Sie sich schon seit ein paar Wochen nicht mehr angesehen.“

Mit diesen Worten stellte sie den Koffer ab und verließ das Labor.

~o~

„Wir müssen künftig noch vorsichtiger sein und sollten solche Gespräche auf ein Minimum reduzieren oder sie zumindest an geeigneteren Orten führen“, mahnte Yonis, als er sich halbwegs sicher war, dass Torvilla sie nicht mehr belauschte. Sicherheitshalber hatte er dennoch ein zusätzliches Maskiererfeld initiiert, „wir stehen auch so schon genug unter Druck. Wenn der Rat Wind von Ihrer mentalen Lage bekommt oder davon, dass ich Sie decke, stehen wir beide auf der Abschussliste und Astrera wird jeglichen Einfluss auf dieses Unternehmen verlieren, was unsere Pläne um Jahrzehnte zurückwerfen wird.“

„Das ist mir bewusst, verflucht nochmal!“, entgegnete Kollom, „aber ich hatte wohl kaum eine andere Wahl als Sie aufzusuchen. Dennoch haben Sie Recht. Wir müssen dringend unsere Last auf mehreren Schultern verteilen.“

„Diese Schultern gibt es aber nicht“, gab Yonis zu bedenken, „Wir haben keine weitere Astrera-Agenten in der MKH-Zentrale und … warten Sie … Sie wollen doch nicht etwa sagen, dass …“

„Doch“, sagte Kollom, „wir müssen die nötigen Schritte einleiten, um im Notfall abgesichert zu sein. Ich habe nicht die Absicht meine Macht abzugeben, wenn es irgendwie geht. Ich will die neue Freiheit auskosten, von der wir träumen. Und ich will jene verdammt wissen, die mir geschadet haben. Aber es wäre blauäugig nicht vorzusorgen.“

„Es ist noch zu früh“, widersprach Yonis, „viel zu früh!“

„Wir haben nicht die Zeit zu warten“, sagte Kollom, „und ich habe sie schon gar nicht.“

~o~

In Sandras Kopf drehten sich die Gesichter wie in einem finsteren Karussell. Verängstige, ungläubige und wütende, junge und ältere, friedliche und kampfgestählte Gesichter unterschiedlichster Form und Beschaffenheit. Gesichter von Individuen, deren Besitzer sie einer Bestimmung zugeführt hatte, die sie selbst nie gewählt hätten und deren Identität in einigen Fällen in einem unförmigen Bleiklumpen verschwunden war. Die erste Verwandlung hatte ihr am meisten zugesetzt, aber dennoch war jede weitere Erschaffung eines Bleigeweihten ein widerlicher Anblick gewesen, selbst wenn ihr die Abstumpfung ein wenig dabei geholfen hatte es zu ertragen. Trotzdem lasteten diese Gesichter schwer auf ihrer Seele, genau wie die derjenigen, die aufgrund ihrer Kampfkraft und einer eher durchschnittlichen geistigen Begabung als Typ-2-Mitarbeiter eingeteilt wurden. Sie mochten ihre Gestalt beibehalten haben, aber Sandra wusste, dass niemand, der in einem experimentellen Waffentestgebiet eingesetzt wurde, gute Aussichten hatte, gesund zurückzukehren. Lediglich Garwenia und den anderen Typ-1-Einsatzkräften räumte sie eine gewisse Überlebenschance ein, solange Yonis nicht auf die Idee kam, sich den ein oder anderen von ihnen als Snack zu gönnen.

Sie hätte gern mit Garwenia geredet, allein schon um ihr davon berichten zu können, dass sie ihr Leben zu verdanken hatte, aber nachdem Yonis irgendeine mysteriöse Nachricht erhalten hatte, hatte er sie geradezu aus dem Labor gescheucht und ihr mitgeteilt, dass sie bis auf Weiteres Freizeit haben würde, die sie in ihrem Privatraum würde verbringen können. Wo dieser sich befand, hatte er ihr nicht gesagt, aber dank des Identifiers, den Yonis ihr zwar mit Betäubung, aber ansonsten recht lieblos in ihrem physischen Körper implantiert hatte, hatte sie den Weg finden und die Tür öffnen können.

Der Raum war nicht groß. Ein schlichtes, aber recht bequemes Bett bezogen mit Bettwäsche in den Farben des Konzerns füllte ihn beinahe aus. Davon abgesehen gab es einen in die Wand eingelassenen Bildschirm und einen von den Getränkeautomaten, die sie aus dem Manifestor kannte. Ansonsten war der Raum leer. Luxus sah anders aus, aber immerhin war es keine Gefängniszelle.

Noch immer drehten sich die Gesichter vor ihrem geistigen Auge, sprachen stumme und hörbare Vorwürfe und blickten sie anklagend an. Sandra wusste nicht, warum sie plötzlich diese Gewissensbisse plagten. In ihrer Zeit als Sahkscha hatte sie die praktisch nicht gekannt. Vielleicht lag es daran, dass sie dort frei gewesen war. Natürlich hatte sie sich etwas vor einer Aufdeckung Ihrer Menschen-Identität gefürchtet, aber davon abgesehen hatte sie von niemandem Befehle entgegennehmen müssen und ihre Zeit als Söldnerin war schnell vergessen gewesen.

Jetzt aber war sie selber ein Spielball anderer Mächte, sei es nun Kollom, Yonis, Arnin, Nanita oder dieser ihr unbekannte Aufsichtsrat. Sie atmete Willkür und Abhängigkeit und so fiel es ihr natürlich schwer kein Mitleid mit Wesen zu empfinden, die genauso gefangen und ausgeliefert waren wie sie. Aber was hatte sie davon? Wie sie es auch drehte und wendete – Sie wusste, dass diese Gewissensbisse ihr Handeln nicht ändern würden. Sie wusste, dass sie sich nicht zur Kämpferin für die Entrechteten aufschwingen und eine Rebellengruppe anführen würde. Sie würde nicht die Welt, sondern sich selbst retten und es interessierte die Leute, die unter ihr dienten, wahrscheinlich herzlich wenig, ob sie ihnen den Dolch in Adrian-Manier flennend und hadernd in den Rücken stieß oder ihn mit Stolz und Selbstbewusstsein führte. Vielleicht würde es ihr gelingen, sich von all den verhassten Abhängigkeiten zu befreien, aber bis dahin musste sie dringend diese Schuldgefühle loswerden. Da Sandra nicht viel von Psychologen hielt, entschied sie sich für eine Methode, die schon in ihrer Heimatwelt ganz gut funktioniert hatte.

Sie warf einen Blick auf ihre Armanzeige, die 512.940 Dominanten anzeigte. Immerhin in dieser Hinsicht hatte Kollom Wort gehalten. Ein beachtlicher Teil davon gehörte natürlich Nanita, aber das war ihr zum einen gerade herzlich egal und zum anderen hatte sie auch so noch genügend Geld. Sandra stand ruckartig auf, wobei ihr ein wenig schwindelte und ging auf den Automaten zu. Anders als der im Manifestor hatte dieser überhaupt nichts an sich, was auch nur im Entferntesten an ein Bedienelement erinnerte, aber sie entdeckte dafür ein kleines Gitter, welches Ähnlichkeit mit einem Mikrofon besaß. Sandra hatte genügend Star-Trek-Episoden gesehen, um zu wissen, was sie zu tun hatte.

„Einen Thought …“, begann sie, entschied sich dann aber doch anders. Das konzentrationsfördernde und nur extrem leicht berauschende Getränk war nicht wirklich dazu geeignet einen auf andere Gedanken zu bringen. „Was hast du zu trinken?“

„Thought Shots, Wasser, Limonaden und Edge-Drinks“, antwortete eine Computerstimme, genau wie Sandra erwartet hatte.

„Was sind Edge-Drinks?“, hakte Sandra nach.

„Erfrischungen mit berauschender Wirkung auf das zentrale Nervensystem. Sie sind verfügbar in den Stufen eins bis Zehn. Diese Information wird ihnen präsentiert von Explainware United“, erwiderte die Stimme.

Sandras Kalkül riet ihr dazu, darauf zu verzichten, aber die Angst, die Schuld und der Ekel, der nach all den Erlebnissen der letzten Stunden in ihr tobte, verlangten dringend nach Betäubung.

„Gib mir einen Edge-Drink der Stufe acht“, entschied sie sich, auch wenn ein Teil von ihr fast dazu tendierte in die Vollen zu gehen.

„Warnung: Diese Getränke können die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen. Konsum auf eigenes Risiko“, warnte der Automat.

„Da geb ich einen Fick drauf!“, beharrte Sandra.

„Wie Sie wünschen, Geberin Sandra. Welche Geschmacksrichtung soll es sein?“, erkundigte sich die Stimme, „Es gibt 80.000 verschiedene Optionen. Unsere Topseller sind Honrabeere, Krollwurzel, …“

„Kiwi“, sagte Sandra, die dieses Aroma schon immer am liebsten gemocht hatte, „wie viele Dominanten kostet mich der Scheiß?“

„1.530“, erwiderte der Automat, „Soll ich ausschenken?“

„Ja“, bestätigte Sandra und sah zu, wie ein Becher mit einer fruchtig duftenden, grün schimmernden Flüssigkeit gefüllt wurde und der genannte Betrag von ihrem Identifier abgebucht wurde.

Als der Becher gänzlich gefüllt war, nahm sie vorsichtig einen Schluck. Es schmeckte tatsächlich nach Kiwi. Fruchtig, nicht künstlich und ohne auch nur eine noch so feine bittere Note, die auf bewusstseinsverändernde Zusätze hindeutete. Sie nahm einen größeren Schluck und legte sich damit aufs Bett, wobei sie ihren Rücken gegen die Wand lehnte. Wenn sie schon einmal etwas Freizeit hatte, sollte sie sie auch nutzen. Ihre Augen richteten sich auf den Bildschirm.

„Unterhalte mich!“, verlangte sie in einem theatralisch dekadenten Tonfall und spürte bereits, wie ihre Sorgen aus ihrem Kopf vertrieben wurden.

Der Bildschirm erwachte flackernd zum Leben. „Was wollen Sie sehen?“ erschien dort in großen, weißen Buchstaben.

„Etwas, dass zu meiner Stimmung passt“, versuchte es Sandra, die keine Ahnung vom Inhalt des deovanischen Fernsehprogramms hatte und auch keine Lust sich irgendwelche Schlagworte auszudenken.

Die Schrift verschwand und ein schrill geschminkter Deovani mit einem fehlenden linken Ohr, einer großen Narbe im Gesicht, langen, violett schimmernden Haaren und einem weißen Overall erschien auf der Bildfläche. Er kniete in einem cremeweiß gefliesten und tapezierten Raum und hatte die Arme wie zu einer Jesus-Pose ausgebreitet. Seinen Kopf hielt er etwas gesenkt. Auf seinem Overall prangten die Worte „High Church of Thrill Jill“. Hinter ihm sah sie einen Automaten, der leicht an ihren erinnerte, nur dass er etwa dreimal so breit und doppelt so tief war, sowie ein Laufband, wie es – bis auf ein paar Abweichungen beim Design – in jedem irdischen Fitnessstudio hätte stehen können.

„Gute Geschäfte ihr Nehmer und Geber und zukünftigen Have-Nons“, begrüßte er sie und wahrscheinlich noch eine Reihe anderer Zuschauer. Dann ließ er ein halb wahnsinniges und halb freundliches Grinsen sehen, „kleiner Scherz! Bei Thrill Jill seid ihr natürlich alle Gewinner, denn er verwandelt kleine Münzen in großartige Erinnerungen und absurde Fantasien in reale Ereignisse. Alles ist möglich, denn auch wenn alle Welt davon spricht, dass die Götter schweigen, so halten sie doch ihre schützende Hand über diesen verrückten Trader hier. Also, wie darf ich Sie heute erfreuen?“

Plötzlich erschien das Symbol eines sprechenden Kopfes am unteren Bildrand und zwei Textzeilen blendeten sich daneben ein:

Was soll Geber Thrill Jill tun?:

Gebot:

Darunter zählte ein Countdown von zehn auf null herunter. Sandra hatte eine ungefähre Ahnung davon, worauf das hinauslief, aber trotzdem – oder gerade deswegen – entschied sie sich lieber erstmal abzuwarten, bevor sie sich vielleicht beteiligte.

Nach Ablauf des Countdowns verschwand die Eingabefelder und die Top-Fünf der Zuschauereinsendungen erschien auf der rechten Bildschirmseite, jeweils mit dem dazu eingereichten Gebot:

1. Schneiden Sie sich die wertlose Kehle durch – 5.780 Dominanten

2. Singen Sie „Dominance by Ideas“ beim Intensivtraining auf dem Laufband – 1.620 Dominanten

3. Schnupfen Sie vergorene Krollwurzel – 1.311 Dominanten

4. Essen Sie ein rohes Pollop – 900 Dominanten

5. Nehmen Sie ein Bad in Ronnbeerensaft – 540 Dominanten

Als Sandra den ersten Vorschlag las, war sie nicht nur erschrocken, sondern auch verärgert. Sie hatte sich ablenken und keinem öffentlichen Selbstmord beiwohnen wollen. Gerade wollte sie das Gerät angewidert ausschalten, als Thrill Jill ihre Ängste zerstreute.

„Oh, es enttäuscht mich sehr, dass hier jemand daran interessiert ist diese Sendung für immer abzusetzen“, sagte der Mann mit übertriebener Empörung, „allerdings nehme ich nur Deals an, von denen ich auch etwas habe. Deshalb muss ich diesen charmanten Vorschlag leider ablehnen. Also geht es einmal mehr aufs Laufband.“

Sandra atmete erleichtert auf. Also doch nur ein vergleichsweise harmloser Spaß. Auch diese Art von Unterhaltung war nicht unbedingt ihr Niveau, aber dabei zuzusehen wie irgendein Typ sich für Geld zum Affen machte, mochte sie wenigstens etwas von ihrer eigenen Situation ablenken.

Sie nahm einen weiteren Schluck von ihrem Getränk und stellte fest, dass sich flackernde, bunte Lichter wie ein Rahmen um ihr Blickfeld legten, sich zu Blumen, Sternen und Wellenmustern gruppierten und damit begannen sich zu drehen. Sandra nahm es amüsiert hin, während sie Jill dabei zusah, wie er auf das Laufband zuging. Erst jetzt fiel ihr auf, wie unheimlich mager er war. Ein redendes, atmendes Skelett, welches mehr auf das Laufband zu torkelte, als dass es ging. Schließlich erreicht der Mann das Laufband aber doch, klammert sich wie ein Schwerverletzter an dessen Haltegriffen fest und kletterte hinauf. „Uh ich bin wohl etwas aus der Form“, sagte er lächelnd, „aber ein bisschen Sport wird mir sicher guttun.“

Er betätigte einen Schalter und das Laufband setzte sich in Bewegung. Erst langsam. Dann immer schneller. Sandra rechnete fest damit, dass er stolpern würde, doch irgendwie gelang es ihm das zu vermeiden. Jill erhöhte das Tempo weiter und noch weiter. Erst als seine dürren Beine sich so schnell bewegten, wie die eines Sprinters beim Hundert-Meter-Lauf begann er keuchend zu singen:

„I‘m lying in the streets,

all broken and destroyed.

Got nothing more to eat.

Wornout and unemployed.

The death bids for my heart

he‘s greedy for my life,

but i reject its deal,

i‘m willing to survive.

Cause shining in my tears,

i found a ray of light.

My fountain of ideas

is sparkling for a fight.

I yell a single yell

to tell, what‘s on my mind.

What i‘m prepared to sell,

what noone else could find.

No trader can withstand

to invest in my sale.

My dominance will come.

My genius will prevail.“

Schließlich machte sich Jills offenbar miserable Kondition doch bemerkbar. Schon nach wenigen gesungenen Textzeilen glänzte Schweiß auf seinem hageren Gesicht. Etwa nach der Hälfte begann er sich immer wieder an die Stirn oder sogar an die Brust zu fassen und als die letzte Strophe des pathetischen Liedes über seine Lippen gekommen war, brach er hustend und keuchend auf dem Laufband zusammen und lag letztlich still, sodass sein regungsloser Körper wie von dem Band bewegt wurde, als wäre er ein Produkt auf einer defekten Fertigungsstraße. Er ist tot, dachte Sandra und fühlte dabei eine seltsame, befreiende Leichtigkeit. Er ist tot und es ist mir egal. Sie trank noch einen Schluck und hörte sich selbst leise lachen. Lachen ist die beste Therapie, dachte sie und lachte noch lauter.

Plötzlich regte Jill sich doch und rollte sich mühsam von dem Laufband herunter. Mit zitternden Armen stemmte er sich hoch und blickte keuchend in die Kamera, wobei er triumphierend seinen Identifier hochhielt, auf dem in diesem Moment 1.620 Dominanten eingezahlt wurden.

„Das hat Spaß gemacht“, sagte er völlig außer Atem, „auf in die nächste Runde.“

Ich hab ihn erweckt, dachte Sandra albern, mein Lachen hat ihn erweckt. Sie begann Gefallen an der Show zu finden und sah fasziniert zu, wie die nächsten Vorschläge auf dem Bildschirm erschienen. Viele davon stammten noch aus der ersten Runde, aber einige waren neu hinzugekommen und verlangten von Jill unter anderem seine Haare abzurasieren oder einen Tanz aufzuführen. Doch diesmal gewann das Bad in Ronnbeerensaft für ein Gebot von stolzen 2.050 Dominanten. Sandra fragte sich wie er denn ein Bad nehmen wollte, wo sie doch nirgends eine Badewanne oder ähnliches entdecken konnte.

Dann jedoch stolperte Jill auf den Automaten zu und nahm dort irgendeine Eingabe vor, woraufhin dieser eine kleine, silberne Flugdrohne aus seinem Inneren entließ. In ihrer Zeit auf der Erde hatte sie ein solches Gerät natürlich noch nie gesehen. Allerdings hatte Adrian in ihrer gemeinsamen Herrschaftszeit in Konor die Konstruktion solcher Apparate angeregt und ihr erläutert, wie das Prinzip funktionierte, auch wenn er leider keine technischen Details hatte liefern können. Ihre Ingenieure hatten es dennoch halbwegs hinbekommen, wobei die entstandenen Drohnen jedoch zwar stark bewaffnet, aber nicht sehr intelligent waren und immer wieder gern mit den Wänden kollidierten.

Künstliche Intelligenz war nicht die Stärke der Rorak gewesen. Das Gerät hier war zwar nicht mit Waffen ausgestattet, stellte sich dafür aber weitaus geschickter an und begann sofort damit, einen dicken, grauen Plastikfaden auszuspucken, aus dem sie binnen nur einer Minute eine vollständige Wanne konstruierte. Als diese fertig war, begann die Drohne die Wanne mit einer dunkelorangen Flüssigkeit zu füllen. Während sein Bad einlief, hielt sich Jill die Nase zu und rieb sich mehrmals die Augen.

Als die Wanne gefüllt war, verschwand die Drohne wieder im Automaten.

„Ein entspannendes Bad, genau das Richtige jetzt“, sagte Jill und zog sich splitterfasernackt aus. Er war genauso dünn wie sie gedacht hatte. Er schien nur aus Rippen, Beckenknochen und Ellenbogen zu bestehen, die praktisch darauf warteten, seine Haut durchstoßen zu können und die Sandra noch mehr anwiderten als das traurige, verschrumpelte Ding zwischen seinen Beinen.

„Ein Bad für die Götter!“, sagte Jill noch einmal so hochnäsig, dass es einem römischen Kaiser zu Ehre gereicht hätte und stieg in das Bad.

Ein paar Sekunden lang geschah nichts, während Jill sich scheinbar entspannt in seinem Bad räkelte. Dann begann er zu lachen, zu weinen und schließlich zu schreien. Was genau mit ihm passierte, blieb wegen der trüben Flüssigkeit, die seinen gesamten Körper einhüllte, unklar, jedoch sah sie, wie seine Augäpfel feuerrot wurden und zu tränen begannen.

Schließlich hielt Jill es nicht mehr aus. Er sprang pitschnass und nackt aus dem Bad heraus und tropfte den Boden mit orangeroten Pfützen voll. Dabei waren die Pfützen nicht das einzige, was diese Farbe angenommen hatte. Jills gesamter, dünner Körper hatte sich dunkelorange verfärbt und darüber hinaus einen hässlichen, feuerroten Ausschlag mit dicken Beulen ausgebildet. Sofort begann er geradezu hysterisch zu lachen und sich wie ein Wahnsinniger zu kratzen, woraufhin einige Beulen aufplatzten und rotes Blut auf den Boden spuckten, welches sich mit den Saftpfützen vermischte. Immer wenn eine weitere Beule aufplatzte, gab er einen durchdringenden, spitzen Schrei von sich und hörte dennoch nicht damit auf die Beulen und seine ganze Haut mit seinen langen Fingernägeln zu bearbeiten.

„Heilsalbe. Vancure Heilsalbe, schnell!“, brachte Jill schließlich verzweifelt hervor und die Drohne rückte erneut an und sprühte seinen gesamten Körper mit einer weißen, cremigen Substanz ein, wie ein Feuerlöscher einen Brandherd. Schließlich hörte er auf zu schreien, sich zu kratzen und schließlich auch zu lachen.

„Körperpflege ist wichtig“, keuchte er erschöpft hervor und als die Salbe, die sich nach getaner Arbeit von selbst auflöste, von seiner einigermaßen geheilten, wenn auch noch immer geröteten Haut verschwunden war, zog er sich wieder an und Runde drei wurde eingeläutet.

Diesmal brachte Sandra ihren eigenen Vorschlag ein und da ihr nichts Besseres einfiel, forderte sie Jill auf, dreimal mit Anlauf gegen die Wand zu rennen. In jedem gewöhnlichen Zuschauer-Voting hätte ein solcher Vorschlag sicher gnadenlos verloren, aber mit ihrem Gebot von 7.556 Dominanten setzte sie sich knapp gegen die Forderung durch eine Schale Riwad-Kot zu essen und so beobachtete sie prustend vor Lachen, wie Jill immer wieder schwungvoll die Wand liebkoste, bis Blut aus seiner mehrfach gebrochenen Nase tropfte.

Sie dachte gerade über einen interessanteren Vorschlag für die nächste Runde nach, als sich ihre dummerweise unverschlossene Türe öffnete. Ein Überbleibsel ihrer Ratio folterte sie für einen Augenblick mit der schrecklichen Vorstellung, dass es sich um einen wütenden Kollom oder gar um einen rachsüchtigen Yonis handeln könnte, der ihre hilflose Lage gnadenlos ausnutzen wollte. Doch als sie ihre vernebelten Augen der Tür zuwandte und stattdessen Nanita erblickte, die neugierig auf den Bildschirm starrte, schwand ihre Angst etwas. Nicht jedoch ihre Wut.

„Ah, meine Peinigerin. Diesmal sogar in bösem Fleisch und kaltem Blut“, sagte Sandra mit einem halb albernen, halb verzweifelten Lachen, „willst du dir noch etwas Nachschlag holen? Noch ein paar Tränen rausquetschen? Noch ne Runde auf dem Sandramobil drehen, während du dir einen abgrunzt? Noch ein paar Kerben in die kleine zarte Seele schlagen?“

„Es ist schon bemerkenswert, dass Sie sich über die Erfüllung unserer Vereinbarung echauffieren und dann an einer solchen Sendung partizipieren, bei der ein Mann Dinge gegen seinen Willen tun muss“, merkte Nanita an.

„Das ist etwas anderes. Ein harmloser Spaß. Und er tut das hier freiwillig“, verteidigte sich Sandra, die keine Lust hatte sich von ihrer Vergewaltigerin eine moralische Standpauke anzuhören, nicht wo sie es gerade geschafft hatte, ihr eigenes Gewissen zum Schweigen zu bringen.

„Natürlich“, sagte Nanita, „er hat sich freiwillig dafür entschieden, seine Schulden auf diese Weise abzuarbeiten, statt auf den Endmärkten zu landen. Das stimmt sicher. Was die Harmlosigkeit angeht, so fängt es zumeist so an, aber spätestens in der fünften Runde beginnen die Forderungen an ihn, sich Gliedmaßen zu zertrümmern oder Augen zu entfernen, lauter und lukrativer zu werden. Lukrativ genug, um genug Geld für eine wiederherstellende Operation und eine ordentliche Summe Extracash abzuwerfen. Leider sind die Preise auf dem Medizinmarkt stark schwankend und manchmal reicht das Geld dann plötzlich doch nicht mehr, um den Eingriff zu bezahlen. Ziemlich dumm, wenn man sich gerade die eigenen Nieren mit einem Hammer zermatscht hat. Manche trifft es früher, andere später. Aber jeden trifft es irgendwann. Dieser Jill ist der zehnte Host, den ich erlebe und ich verfolge dieses Format wirklich nur äußerst sporadisch. Um es also deutlich zu sagen: Diese Sendung kostet Leben. Das ist ihr Erfolgsrezept. Ich verurteile das nicht, auch wenn ich es nicht allzu interessant finde. Aber mir ist es wichtig zu wissen, wie die Dinge ablaufen. Selbsttäuschung steht niemandem gut.“

„Ach fick dich doch!“, donnerte Sandra lallend und jede deovanische Etikette missachtend. Sie hasste Nanita dafür, dass sie ihr diese Zerstreuung verdorben hatte und sich auch noch anmaßte sich wie ihre verfluchte Mutter aufzuführen.

„Sie haben einen Edge-Drink zu sich genommen, nicht wahr?“, folgerte Nanita, „obwohl das die Arbeitsverträge des Konzerns ausdrücklich verbieten.“

„Und wenn es so ist? Willst du mich dafür bestrafen? Diese Welt will doch das Zentrum der Freiheit sein, oder nicht? Also kann ich sie auch in Anspruch nehmen“, schleuderte Sandra ihr entgegen.

„Ausschalten“, befahl Nanita und das grinsende Gesicht des geschundenen Jill verschwand.

„Hey, was fällt dir ein …“, beschwerte sich Sandra.

„Detox-Protokoll“, fügte Nanita hinzu, „Code 236N.“

Eine winzige Drohne, eine viel kleinere, kaum mehr als mückengroße Version derjenigen, die Sandra in Jills Sendung gesehen hatte, verließ den Getränkeautomaten und steuerte direkt auf Sandra zu. Sie versuchte noch auszuweichen, doch ihre vernebelten Reflexe verhinderten das, sodass sie einen kurzen Stich in ihrem rechten Oberarm spürte. Sofort bemerkte sie, wie der entspannende Rausch wie ein Vorhang vor ihren Augen weggezogen wurde und die harte Wirklichkeit erneut in sie einsickerte.

„Ihre Freiheit endet bei ihren Verträgen“, kommentierte Nanita, „Sie sind meine Investition und ich kann nicht zulassen, dass Sie sich zugrunde richten“, erläuterte Nanita ihre Entscheidung.

„Du richtest mich zugrunde!“, schrie Sandra, der zwar der Rausch, aber nicht der Zorn genommen worden war, „du und dieser verdammte Vertrag. Du und deine dreckigen Berührungen. Du und diese verfluchte Welt!“

Obwohl Sandra es nicht wollte, liefen erneut Tränen über ihre Wangen, die sie sofort wegwischte, als sie in Nanitas verständnisloses, fast peinlich berührtes Gesicht sah und fast dabei zusehen konnte, wie ihre runden Augen ihr Verhalten nüchtern registrierten, analysierten und bewerteten. Die Scham und Erniedrigung, die Sandra dabei fühlte, fachte ihren Zorn nur noch mehr an. Sie wollte ihm Ausdruck verleihen. Nanitas Schädel demolieren und warmes Blut aus ihrem kalten Antlitz hervorlocken, aber sie hatte keine Waffe und so nüchtern wie sie es nun wieder war, riskierte sie es nicht ihr mit bloßen Fäusten zu Leibe zu rücken.

„Du verstehst das nicht, oder?“, fügte Sandra resigniert hinzu, „dir fehlt vollständig die Fähigkeit, dich in ein anderes Lebewesen hineinzuversetzen.“

„Das stimmt so nicht“, sagte Nanita eine Spur weicher, „ein erfolgreicher Trader muss die Wünsche und Ziele seines Geschäftspartners einzuschätzen wissen. Es mag jedoch sein, dass ich diese Regel in letzter Zeit nicht ausreichend beachtet habe.“

„Soll das so etwas wie eine Entschuldigung sein?“, fragte Sandra ungläubig.

„Nein. Dieses Wort ist mir nicht bekannt“, antwortete Nanita verwundert, „und es ergibt auch keinen Sinn, da eine Schuld sich nicht durch ein paar Worte aus der Welt schaffen lässt. Es geht lediglich um eine Neubewertung unseres Binnenverhältnisses aufgrund veränderte Umstände.“

„Ach und welche Umstände sollen das sein?“, fragte Sandra, während sie fast darauf hoffte von Kollom oder Yonis zurück an die Arbeit gerufen zu werden. Dieses Gespräch machte sie krank.

„Ich brauche Ihre Unterstützung“, eröffnete Nanita.

Sandra verfiel in lautes, schallendes Gelächter, welches sich zu einem so heftigen Lachanfall ausdehnte, dass es nahtlos in ein Husten überging.

„Alles in Ordnung?“, fragte Nanita, „falls das Nebenwirkungen des Detox-Protokolls sind, kann ich …“

„Das kann doch nicht dein verfluchter Ernst sein, oder?“, brachte Sandra mühsam hervor, „du bittest mich um Hilfe? Wobei denn? Um eine schnelle Nummer kann es ja nicht gehen. Darum bittest du für gewöhnlich ja nicht.“

„Ich will, dass Sie mich zu Ihrer persönlichen Assistentin ernennen“, erklärte Nanita.

Nun blieb Sandra das Lachen im Halse stecken. „Du willst für mich arbeiten? Zeigst du jetzt deine devote Seite? Soll das so eine Art Rollenspiel sein, damit du auch mal die Erfahrung machen kannst, meine Befehle zu empfangen?“

„Es hat rein sachliche Gründe“, konterte Nanita, „zum einen wäre es für mich momentan ein leichter Aufstieg in der Unternehmenshierarchie. Zum anderen würde es mir dabei helfen Informationen zu sammeln, die zum Sturz von Kollom Nehmer führen könnten. Ein Ziel, welches wir einst teilten, wenn ich mich korrekt erinnere.“

Nanitas Zorn legte sich ein wenig. Nun begann sich das Gespräch in eine interessante Richtung zu entwickeln. Immerhin ging es um die Person, die sie gleich nach Nanita am meisten hasste, „erzähl mir mehr“, verlangte Sandra, „falls du kannst.“

Sie blickte demonstrativ zur Tür.

„Unser Gespräch ist vertraulich“, versicherte Nanita, „der Aufsichtsrat sorgt dafür und er war es auch, der mir den Auftrag gab, Beweise zu sammeln, dass Kollom Nehmers geistige Verfassung zu schlecht ist, um ihm die Führung des Unternehmens zu ermöglichen. Ich kann meine Aufgabe jedoch nur erfüllen, wenn ich mich offiziell außerhalb seines Manifestors bewegen kann. Dafür würde mir diese Anstellung die nötige Legitimation verleihen. Und natürlich wüsste ich auch Ihre Hilfe zu schätzen. Im Sinne unseres gemeinsamen Ziels.“

Sandra fand diesen Gedanken durchaus reizvoll. Sie hatte in Shaktas Höhle selbst mitbekommen, wie Kolloms Geist Schaden genommen hatte und auch sein Verhalten ihr gegenüber war ihr in letzter Zeit weit weniger souverän erschienen als zuvor. Womöglich konnte es ihnen gemeinsam wirklich gelingen, diesen Bastard auf die Straße zu setzen. Natürlich glaubte sie nicht, dass Nanita oder die Mitglieder dieses Aufsichtsrats vertrauenswürdiger waren als er, aber die Gelegenheit einen Feind in den Staub zu treten, konnte sie trotzdem nicht einfach ignorieren.

Zudem konnte es ihre Position stärken, wenn sie dabei half, Kollom dem Aufsichtsrat Kolloms Arsch zu liefern. Und wer weiß: Vielleicht würden sie ihr dann auch dabei helfen zu erfahren, was aus Adrian, Karmon und ihrem Katalog geworden war oder wie sie vielleicht an einen neuen Katalog gelangen könnte. Ihr Fernweh war zwar gerade nur eines von ihren vielen Sorgen, aber auch wenn sie die meiste Zeit in einem Koffer verbracht hatte, hatte sie doch genug von Deovan gesehen, um zu wissen, dass sie hier nicht ihren Lebensabend verbringen wollte. Vor allem jedoch wollte sie sich nicht länger als Spielball benutzen und über den Tisch ziehen lassen.

„Einverstanden“, sagte Sandra, „unter einer Bedingung: Ich will, dass du unseren Vertrag, diesen Freibrief, auflöst.“

„Das werde ich nicht“, verneinte Nanita, „dafür hat mir unsere Intimität zu gut gefallen. Außerdem wäre es unvernünftig solche Optionen so einfach aus der Hand zu geben …“

„Wenn das so ist, kannst du dir deine Anstellung sonst wohin stecken und schön in Kolloms Koffer bleiben!“, unterbrach Sandra sie.

„… aber ich biete Ihnen an, den Freibrief ruhen zu lassen und keine körperliche Zuwendung mehr einzufordern, solange Sie in dieser Angelegenheit mit mir kooperieren. Außer natürlich, Sie entscheiden sich freiwillig, mir beizuwohnen. Ich bin nämlich zu der Überzeugung gelangt, dass es mir doch mehr Freude bereiten würde, wenn es nicht gegen Ihren Willen geschieht“, fuhr Nanita fort.

„Darauf kannst du lange warten“, entgegnete Sandra entschlossen.

„Wir werden sehen“, meinte Nanita schulterzuckend, auch wenn Sandra glaubte, ein wenig Enttäuschung an ihr zu bemerken, „Sind Sie mit diesen Bedingungen einverstanden?“

Sandra war unentschlossen. Dieses sogenannte Angebot war im besten Fall Willkür und im schlimmsten Fall Erpressung und beließ alle Macht in Nanitas Händen. Kein wirklich guter Deal. Genauso gut könnte sie sich auch Kollom anvertrauen und versuchen ihn gegen Nanita auszuspielen.

„Bevor Sie sich entscheiden, sollten Sie die Alternative bedenken. Wenn Sie ablehnen, wird das dem Aufsichtsrat nicht entgehen und die Tage von Kollom Nehmer sind ohnehin so gut wie gezählt, falls es ihm nicht gelingt in zwei Wochen seine Wunderwaffe fertigzustellen und einen Käufer zu finden, was ein praktisch unmögliches Unterfangen ist. Wenn er scheitert, werden Sie als seine Stellvertreterin mitverantwortlich gemacht werden. Falls Sie sich für ihn und gegen mich entscheiden, können Sie also eigentlich nur verlieren.“

Erpressung. Natürlich. Immer lief es auf Erpressung und Zwang hinaus. Wie witzig, dachte Sandra, dass sie sich schon lange nicht mehr so unfrei gefühlt hatte, wie in Deovan, „Ich akzeptierte die Bedingungen“, sagte sie zähneknirschend.

„Das höre ich gerne“, sagte Nanita mit einem freundlichen und unerwartet ehrlich wirkenden Lächeln, „auf unsere Zusammenarbeit.“

Sie streckte ihre Hand aus und nach kurzem Zögern zwang sich Sandra sie zu ergreifen. Immerhin hatte sie schon ganz andere Berührungen von Nanita erdulden müssen.

Sandras Augen weiteten sich verblüfft, als sie sah, wie sich der Kontostand auf ihrem Identifier um fünfzigtausend Dominanten verringerte und die Zahl auf Nanitas Armdisplay im selben Maße anstieg.

„Diese Transaktion war lange überfällig“, sagte Nanita beinah schelmisch grinsend, „Vertrag ist Vertrag.“

~o~

Ein heftiger Ruck ging durch meine Welt und kurz darauf wurde sie in völlige Dunkelheit und Stille getaucht. Getrennt, eingesperrt und verloren trieb ich im Nichts umher, bevor ein erneuter Ruck mich wieder mit Karmons Herz verband und ich das Geschehen erneut durch seine Augen wahrnehmen konnte. Das Enrymobil war zum Stillstand gekommen. Seine rechte Seite war schwer beschädigt und hatte dabei eine breite Kerbe in die Wand der wurmförmigen Tiefgarage gerissen. Weder Enry noch Karmon waren angeschnallt gewesen. Schon allein deshalb, weil es keinen Gurt gegeben hatte, mit dem man dies hätte bewerkstelligen können. Während es Karmon mit seinen spitzen, langen Gliedern jedoch gelungen war, sich im Innenraum zu verkeilen, war Enry aus seinem Sitz geschleudert worden und ein paar Meter über den Boden gerutscht, wo er reglos liegen geblieben war.

„Lauf!“, sagte ich zu Karmon, da ich spürte, dass er noch bei Bewusstsein war, „das ist unsere Gelegenheit. Vielleicht ist er tot. Oder zumindest bewusstlos.“

Doch Karmon hörte wie üblich nicht auf mich, sondern kletterte aus dem ramponierten Wagen, ging direkt auf den regungslosen Enry zu, ergriff dessen rechte Hand und zog ihn auf die Beine, wobei Enry nicht – wie ich eigentlich erwartet hatte – wie eine spannungslose Puppe hin und her schlackerte, sondern ihm sogar half, indem er sich mit seinem Schirm auf dem Boden abstützte.

„Danke“, sagte Enry grinsend, „sehr hilfreich von Ihnen!“, und klopfte sich den Staub von seiner Kleidung. Der vermeintlich bewusstlose Nehmer war also nicht nur bei Bewusstsein, sondern wie es aussah, auch unverletzt. Woher hatte Karmon das gewusst?

„Kein Problem“, sagte Karmon, „ich denke, Sie hatten nicht die Absicht in die Wand zu fahren, oder?“

„Nein, ganz sicher nicht“, antwortete Enry vergnügt lachend, „ich fahre nie eine Unternehmung gegen die Wand“. Dann machte er sich direkt auf den Weg zurück zu seinem verunglückten Enrymobil, um die „Räder“ in Augenschein zu nehmen und drehte dabei seinen unbeschädigten Schirm wie einen Spazierstock in der Hand. Karmon folgte ihm. Und so sah ich, dass die Deovani, die als Räder fungiert hatten, regungslos und mit gebrochenen Gliedern in ihren Aufhängungen hingen. Offenbar waren sie tot, was in ihrem Fall wohl eine Gnade war.

„Sie sind nicht erst beim Aufprall gestorben, oder?“, vermutete Karmon.

„Ich glaube nicht“, sagte Enry und strich mit beiden Fingern über die zerrissenen Gliedmaßen der toten Rädermänner.

„Viel zu dünn“, folgerte er, „Sie sind verhungert oder verdurstet. Es sind ganz so aus, als hätte jemand von meinen Creeps ihre Pflege vernachlässigt, mein Leben gefährdet UND MEINE VERDAMMTE KARRE RUINIERT!“

„Das ist ganz und gar nicht gut. Nein, nein“, sprach Enry psychopathisch säuselnd weiter und klappte die Klingen an der Schirmspitze aus und wieder ein, „da wird ein Mitarbeitergespräch nötig sein. Ein kleines, feines, hübsches, sehr intensives Gespräch.“

Auch ich nutzte die Gelegenheit mir die bedauerlichen Kreaturen genauer anzusehen. Sie waren furchtbar dünn, das stimmte, aber ich erinnerte mich daran, dass sie noch nicht so dünn gewesen waren, als wir losgefahren waren. Außerdem bemerkte ich noch etwas anderes.

„Ich erkenne Einstichstellen, Karmon. Jeweils nahe der linken Schulter. Nicht groß, aber erkennbar, wenn man genau hinsieht. Außerdem sind viel dünner als zu dem Zeitpunkt, als wir sie zum ersten Mal gesehen haben. Und das ist noch nicht alles. An ihren Sehnen, dort wo ihre Beine gerissen sind, sehe ich einige glatte Schnitte. Kein Zweifel: Jemand hat sie vergiftet und verletzt. Das war kein Unfall, sondern ein Anschlag. Sag ihm das“, teilte ich meine Erkenntnisse dem Kwang Grong mit.

Inzwischen rechnete ich schon fest damit von Karmon ignoriert zu werden, doch diesmal war es anders. Er teilte Enry meine Beobachtungen eins zu eins mit, auch wenn er sie natürlich als seine eigenen ausgab.

„Interessante Beobachtung“, erwiderte Enry nachdenklich, „Sie könnten tatsächlich recht haben. Natürlich werde ich den diensthabenden Biotechniker dennoch … zur Rede stellen müssen. Allein schon, um sicherzugehen. Aber ich werde künftig besser die Augen offenhalten. Es gibt zwar ein paar weitere Player im Risk-Entertainment-Sektor, aber bislang dachte ich nicht, dass jemand von ihnen die Ressourcen für eine solche Aktion besitzen würde. Ich habe Sie zwar auch wegen Ihrer scharfen Sinne rekrutiert, aber dass sie so scharf sind, hätte ich nicht erwartet. Es wird wirklich höchste Zeit, dass Sie das Team kennenlernen. Sie werden eine wunderbare Ergänzung sein und wenn Sie sich weiterhin so gut machen, können Sie sogar zum Team-Leader aufsteigen.“

„Das klingt hervorragend“, erwiderte Karmon. Mich hingegen bedachte er mit ein knappen „Danke“. Immerhin ein Anfang.

„Das will ich meinen“, erwiderte Enry, „jetzt aber genug getrödelt. Um mein Schätzchen hier wird sich schon irgendein Freiwilliger kümmern, der daran interessiert ist, seine Gliedmaßen noch eine Weile zu behalten. Wir hingegen werden unsere nun selbst benutzen müssen. Husch, Husch, mein Großer. Das Enryversum wartet.“

~o~

Unser Eintritt ins „Enryversum“ war weniger spektakulär, als ich erwartet hatte. Nachdem wir den Rest der Strecke durch die Tiefgarage zu Fuß zurückgelegt hatten, gelangten wir zu einer einfachen Stahltür mit der Aufschrift „Personal“, wobei dieses Wort immerhin in einer zittrigen Gruselschrift geschrieben war, die direkt aus einem Horror-Blockbuster der frühen Achtziger hätte stammen können. Irgendwie schienen sich die Deovani nicht nur gerne bei der englischen Sprache, sondern auch ganz allgemein bei der terranischen Popkultur zu bedienen. Der Flur hingegen, der hinter dieser Türe wartete, war zwar schwarz gestrichen, aber darüber hinaus recht nüchtern und schmucklos gestaltet. Dabei verhinderte eine weiße Führungslinie auf dem Boden und einige orangefarbene Lichter an der Decke, dass man in der Dunkelheit die Orientierung verlor. Ab und an gingen zur linken oder zur rechten weitere Türen ab, deren Aufschriften ich mir genau merkte. Die Erste, die auf der linken Seite auftauchte, war als „Labyrinth“ gekennzeichnet und führte wahrscheinlich in den Todesparcours des „House of Life“. Zwei weitere Türen, die auf der rechten Seite des Gangs eingebaut waren, trugen die Aufschriften „Training“ und „Check-Up“. Dann sah ich – wieder auf der Labyrinth-Seite – eine rot lackierte Tür mit der passenden Bezeichnung „Red Door“.

„Was ist das?“, fragte Karmon, den dies wohl ebenso neugierig machte, wie mich.

„Das“, erwiderte Enry, „ist eine Art Notausgang. Wer an dieser Stelle des Hauses noch lebt und der Meinung ist, dass er genug hat, kann ihn gegen die Zahlung von fünf Millionen Dominanten benutzen und auf das große Finale verzichten.“

„Ein Notausgang nur für Vermögende also?“, fragte Karmon.

„Natürlich“, erwiderte Enry, „so ist die Ordnung der Dinge. Nur den Erfolgreichen stehen alle Wege offen. Und wenn ihre Füße diesen hier beschreiten, fallen unzählige von Münzen von ihren Fersen direkt auf mein Konto.“

Schließlich erreichten wir das Ende des Gangs, wo zwei Türen auf uns warteten. Die Rechte trug die Aufschrift „Enry‘s Wormpit“ und ihr Rahmen wurde von einer Nachbildung seines Kopfes gebildet, die ihren Mund unnatürlich weit aufriss und in deren Gesicht sich Dutzende von Würmern tummelten.

Die Linke erinnerte mich vage an die Darstellungen des Höllentores, da sie von unzähligen, schreienden, gequält aussehenden Köpfen von Deovani, aber auch von Bravianern, Menschen und anderen Völkern eingerahmt wurde, die gemeinsam ein Lied der Qualen sangen. „Creep Cave“ stand darauf geschrieben. Beide Räume verströmten ein schwaches Aroma von Kunstnebel, in das sich jedoch eine unbekannte, bittersüße Note mischte.

„Wir sind da“, sagte Enry, rückte seine Brille und seinen Anzug zurecht und legte seine rechte Hand auf eine Stelle an der linken Tür, an der sich ein kleines, geöffnetes Dämonenmaul befand, welches sich im Augenblick der Berührung sofort wie eine Schnappfalle um Enrys Hand schloss. Den Nehmer schien das nicht zu überraschen. Er zuckte nicht einmal mit der Wimper, sondern drehte sein Handgelenk um neunzig Grad nach Links, woraufhin sich die Tür mit einem lauten Knarren und Kreischen öffnete. Dabei war ich mir ziemlich sicher, dass es sich um einen künstlich erzeugten Soundeffekt und nicht um das Produkt schlecht geölter Scharniere handelte.

Der Raum, der sich uns zeigte, bestand im Wesentlichen aus sechs mit schweren, dunklen Stahlgittern gesicherten Zellen, deren Inneres ich nicht erkennen konnte. Zuerst nahm ich an, dass es an der kleinen Rotlichtlampe lag, die ein eher kümmerliches Licht von der Decke warf, aber da sich dieses Licht nicht einfach langsam im Raum verlief, sondern abrupt hinter den Zellentüren endete, schien mir das nicht der Grund zu sein. Es sah mehr so aus, als würden die Zellen ihre eigene, scharf abgegrenzte Dunkelheit abstrahlen.

Nicht schon wieder ein Gefängnis, dachte ich, der auf seinen Reisen nun wirklich schon genug Zellen von innen gesehen hatte. Auf den zweiten Blick entdeckte ich jedoch zu meiner großen Erleichterung, dass die Gitter nicht verschlossen, sondern nur angelehnt waren, etwas, dass es bei einem gewöhnlichen Gefängnis wohl nie gegeben hätte. Zudem passte auch der breite, rustikale, rötlich-braune Holztisch nicht ins Bild, um den herum acht verspielte, mit krummen Beinen und grünen, stoffbespannten Sitzflächen ausgestattete Stühle standen. Auf einem dieser Stühle, direkt am Kopfende, saß eine Frau mit spitzem Gesicht, hellgrünen Augen und drei streng gebundenen Zöpfen, die in ein eng anliegendes Kleid aus dunkelgrüner Reptilienhaut gehüllt war. Ihre Füße waren nackt und etwas länglicher und gebogener als bei Menschen, was mir endgültig zeigte, dass es sich bei ihr um eine Andrin handeln musste. Dieser Eindruck verstärkte sich, als ich die dornenbesetzte Peitsche erblickte, die mich wahrscheinlich nicht ohne Grund an On-Grarins-Peitsche erinnerte, welche ich in Uranor verloren hatte.

Hinter der Frau hing eine Reihe von Bildern an den grauen Zielgelwänden, die allesamt triste, verstörende Szenen von traurigen, gebrochenen Personen, verwüsteten Landschaften und grauenhaften Massakern zeigten.

Insgesamt erinnerte der Raum mehr an eine Mischung aus Kasino, SM-Studio und expressionistischem Atelier, als an ein Gefängnis. Trotzdem konnte ich nicht behaupten mich dort wohlzufühlen.

„Ein wahrer Prachtbursche“, sagte die Frau mit der Peitsche, wobei sie eine unerwartet zarte und liebliche, ja beinahe kindliche Stimme offenbarte. Kindlich, aber nicht albern oder gar liebevoll, „sollte ein guter Ersatz für Silence sein.“

„Das hoffe ich, Slura“, sagte Enry, „wenn nicht, wird er vielleicht genauso enden wie er.“

Enry lachte verächtlich und die Andrin stimmte glockenhell in sein Lachen ein.

„Wie heißt du, Gigant? Und vor allem, was bist du?“, erkundigte sich Slura, die uns – oder besser gesagt Karmon – mit prüfendem Blick begutachtete.

„Mein Name ist Karmon“, erwiderte mein ehemaliger Seelenpartner, „und ich bin ein Kwang Grong. Ein Kwang Dru, um genau zu sein.“

„Belüge mich nicht, Ware“, zischte Slura scharf und strich zärtlich über eine der Klingen an ihrer Peitsche, „Geschichte ist meine Leidenschaft, musst du wissen und die Wissenschaft über die Kreaturen des Multiversums gehört zu meinem Beruf. Ich weiß, dass Kwang Grong kleine Symbionten sind und keine angsteinflößenden, riesigen Bastarde. Falls du wirklich ein Kwang Dru wärst, wäre dieser Wirtskörper nach wie vor bewohnt und sein Besitzer könnte mir sicher sagen, zu welchem Volk er gehört.“

„Es gibt keinen Wirtskörper“, beharrte Karmon, „nicht mehr. Ich bin allein.“

Obwohl ich inzwischen schon genug Tiefschläge von meinem ehemaligen Symbionten hatte hinnehmen müssen, taten diese Worte weh.

„Und wie soll das gehen?“, fragte Slura, „hast du einfach so hart trainiert, bis aus einem kleinen Wurm ein großer Killer geworden ist?“

„Nein“, antwortete Karmon völlig humorlos, „diesen Leib habe ich einem Pyritgeweihten zu verdanken. Eine ziemlich lange Geschichte.“

„Die du mir bis ins kleinste Detail erzählen wirst, sobald Zeit dafür ist“, verlangte Slura und wirkte einigermaßen zufrieden, wenn auch ziemlich überrascht, „aber fürs Erste reicht mir das als Erklärung aus. Pyritgeweihte sind zu erstaunlichen Dingen fähig, auch wenn ihre Zucht hier in Deovan leider offiziell illegal ist, wegen Inflation und Wettbewerbsverzerrung. Aber das ist ein anderes Thema.“

„Wäre das alles, Nehmer Enry?“, wandte sie sich an ihren Vorgesetzten, „wollten Sie mir lediglich dieses Riesenbaby abliefern oder haben Sie noch andere Aufgaben für mich?“

„Nein, Slura. Für Sie nicht. Aber für Rusthead“, fügte Enry hinzu, „es hat einen Zwischenfall mit meinem Wagen geben und wenn mich nicht alles täuscht, war er heute Morgen für die Wartung zuständig. Ich müsste das mal mit ihm klären.“

„Ich verstehe“, antwortete Slura, „das trifft sich perfekt. Ich hatte mich schon gefragt, wo ich den Riesen unterbekommen soll.“

„Rusthead! Enry will dich sprechen!“, schrie die Andrin mit einer schrillen Stimme in Richtung einer der Zellen.

Einige Sekunden verstrichen, doch nichts geschah. „Rusthead! Komm raus verdammt! Wenn du bockig bist, wird es nicht besser!“

Wieder geschah nichts.

„Ich dachte eigentlich, du hättest deine Leute besser im Griff“, sagte Enry lauernd und plötzlich ohne jeden Humor.

„Das habe ich auch“, sagte Slura, „ich vermute, seine Audio-Implantate sind wieder defekt. Er hatte damit in letzter Zeit häufiger Probleme, wie du wahrscheinlich weißt.“

„Probleme, die nicht meine sind“, erinnerte Enry, „wenn er nicht hören kann, dann schleppe ihn eben her. Befragen kann ich ihn auch über eine Thought-Schnittstelle.“

Slura nickte, verschwand in einer der Zellen und kehrte mit einem Mann wieder, der aussah, als hätte ein Deovani mit einem Schrottplatz geschlafen und dabei nicht unbedingt ein Wunschkind gezeugt. Aus einem breiten, biologischen Deovani-Kopf sprossen silberne, an Metalldrähte erinnernde Haare, zwischen denen verschiedene, kleine Klinkenbuchsen lagen, die mehr an Brandlöcher einer Zigarette erinnerten. Anstelle von Ohren hatte er nur zwei runde Löcher in seinem Kopf. Sein linkes Auge bestand aus mattem, trüben Glas und drehte sich unabhängig von seinem rechten. Aus seiner nackten Brust ragten drei zusätzlich Metallarme mit je drei Fingern, von denen einer in unterschiedlich langen Abständen zitterte. Sein rechter, biologischer Arm war dünn, verkürzt und verkümmert, während sein linker, aus dem an einigen Stellen dünne Metallfasern wie Stroh aus einer altertümlichen Matratze ragten, schon fast absurd muskulös war. Sein Gesicht wirkte düster, müde und entsetzt.

Enry schwang seinen Schirm wie einen Zauberstab, woraufhin sich ein winziges Kabel aus der Spitze herauswand und sich in eine der Öffnungen in Enrys Kopf bohrte.

„Mein Wagen ist kaputt“, sagte er danach laut und an Rustheads noch verzweifelter werdenden Gesichtsausdruck erkannte man, dass er die Worte des Nehmers nun trotz seiner defekten Gehörimplantate verstand, „und es liegt nicht an mir.“

„‘ab alles ‘berprüft“, sagte der Mann, dessen Stimme so abgehackt klang, als wäre etwas an seinen Stimmbändern defekt, „die ‘ktronik, ‘en Geflechtantrieb, alles. ‘ab mein Bestes getan, wirklich.“

„Ich weiß, Rusthead“, sagte Enry sanft und scheinbar verständnisvoll und lege ihm die Hand auf die Schulter. „Sie können mir alles ganz genau erklären. Folgen Sie mir einfach in mein Büro.“

Die angespannte Haltung, die Rustheads Körper daraufhin annahm, kannte ich ganz genau. Er erwog ernsthaft seinen Chef anzugreifen, hatte vielleicht sogar die Hoffnung, ihn überwältigen zu können. Jedoch besann er sich schließlich eines besseren und nickte. Bevor Enry jedoch zu seiner Befragung aufbrach, richtete er sich noch einmal an Karmon.

„Merken Sie sich eins“, warnte Enry ihn, „solange ich nicht da bin, ist Slura Ihre Göttin. Sie hat ebenfalls die volle Kontrolle über ihre Act-Blocker, weswegen Sie sich keine Sorgen darum machen müssen, etwas Falsches zu tun. Aber auf ihre Zunge müssen Sie selber aufpassen. Hütten Sie sie gut.“

Dann überließ Enry uns Slura und ging mit Rusthead zu seiner Befragung. Ich hatte wenig Zweifel daran, dass sie nicht gut für ihn verlaufen würde.

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„Was geschieht nun?“, fragte Karmon, die ihn noch immer so ansah, als könnte sie nicht wirklich einschätzen, woran sie mit ihm war.

„Tja, ganz einfach“, antwortete Slura, „ich stelle dir kurz den Rest der Creeps vor und dann beginnen wir mit dem Training, damit du so bald wie möglich bereit für deinen ersten Einsatz bist und Gewinn abwirfst. Einverstanden? Also nicht, dass du irgendeine Wahl hättest, aber ich finde es immer ganz nett so etwas zu fragen. Das schafft eine familiärere Stimmung.“

Sie grinste und auch wenn dieses Grinsen böse und sadistisch war, transportierte es auch einen gewissen Charme. Jene Art von Charme, die nahelegte, dass Sluras Opfer dazu neigten, ein Stockholm-Syndrom zu entwickeln und ihr diffus zugetan zu sein, selbst wenn sie ihnen schon mehrere Zähne und Fingernägel entnommen hatte.

„Einverstanden“, erwiderte Karmon.

„So ist brav“, antwortete Slura, „machen wir es kurz und schmerzlos.“

Plötzlich erklang von irgendwo her eine leiernde, unheimliche Musik, mit verzerrten Klavierklängen, unterlegt von einem tiefen, wabernden Bass.

Dann knallte Slura mit ihrer Peitsche in die Luft wie die einer Dompteurin und eine der Zellen wurde plötzlich taghell erleuchtet und offenbarte einen wirklich grotesk muskulösen Rorak mit drei Köpfen, die es an Attraktivität nicht ansatzweise mit Korf aufnehmen konnten, was vor allem an seinen asymmetrisch liegenden, stumpfen Augen und den extrem dicken, hängenden Lippen lag. Die Zelle, in der er saß, schuf durch Projektionen an ihren Wänden die fast perfekte Illusion einer düsteren Steppenlandschaft, in der sich eine Reihe von Kadavern und Skeletten türmte. Dabei saß er auf einem bequem wirkenden Stuhl und starrte auf drei flache Monitore, von denen aus drei Kabel direkt in seine Köpfe gingen.

„Das ist der Bulle“, erklärte Slura, „lass dich nicht von seinem Äußeren täuschen. Er war einmal ein begabter Techniker, aber das war vor der Mutation. Inzwischen ist er nur noch fürs Töten begabt und das ist gut, denn darum ist er hier. Darum sind wir alle hier, auf die ein oder andere Art. Bei ihm geschieht das auf sehr direkte Weise, wie ihr euch vorstellen könnt.“

„Hat er einen richtigen Namen?“, wollte Karmon wissen.

„Nicht mehr“, erwiderte Slura, „er hat ihn verkauft. Für ein wenig Amüsement. Genauso wie seine Vergangenheit. Das haben fast alle unserer Creeps. Wir zwingen niemanden dazu, sie aufzugeben, aber wenn sie es anbieten, greifen wir zu. Zu viele Erinnerungen machen alles nur kompliziert und niemand, wirklich niemand von unseren Kunden würde tiefsinnige Konversationen mit Creeps führen wollen.“

„Was haben diese Kabel zu bedeuten?“, fragte Karmon.

„Schulungsmaterial“, antwortete Slura knapp. Dann schwang sie ihre Peitsche erneut und eine weitere Zelle wurde erleuchtet. Sie war im Stil einer nebeligen, blubbernden Sumpflandschaft gestaltet und beherbergte eine Scyonin, die in ein geisterhaftes, zerrissenes, weißes Kleid gehüllt war. An ihrem durchscheinenden Mund klebte Blut, welches sowohl Dekoration, als auch ein Überbleibsel ihrer letzten Mahlzeit sein konnte. Auch in ihrer Zelle gab es einen Bildschirm. Sie betrachtete jedoch nicht ihn, sondern Karmon und das auf eine sehr hasserfüllte Art.

„Das da ist Spectra“, erklärte Slura, „Sie ist eine Scyonin, eine Sumpfhexe, und als solche dafür verantwortlich, unseren Gästen magische Fallen zu stellen und sie aus der Distanz zu vernichten. Sie ist wütend, stets gut genährt und womöglich die gefährlichste Person in diesem Raum. Abgesehen von mir.“

Das Licht erlosch. Ein weiterer Knall. Diesmal flackerte das Licht in gleich zwei der offenen Zellen auf. Zwei Tronhiire kamen zum Vorschein. Auch sie waren verkabelt und ihre Blicke waren auf Bildschirme geheftet. Dennoch erkannte ich an ihrer Haltung und an der Tatsache, dass sie getrennt waren, dass sie alles andere als glücklich waren. Darüber hinaus wirkten sie krank. Ich konnte zwar nur die Verbindung Zoenhir als Maßstab heranziehen, aber trotzdem erschienen mir ihre bräunlich verfärbten Eiersäcke, ihr stumpfes Fell und ihre eingefallenen Gesichter als ein untrügliches Zeichen. Hinter ihnen spielte sich die Illusion einer sumpfigen, von Schluchten, Gräben und Höhlen zerfurchten Ackerlandschaft voll grauem, schmierigem, spiralförmigen Getreide ab, auf dem kleine leuchtende Kugeln wie dicke Tautropfen glitzerten.

„Das sind Schlinger und Schlund“, stellte Slura sie vor, „Sie verzehren selbst den stärksten Körper mit ihren breiten Mäulern und sammeln die Seelen in ihren Eiersäcken und vielen reicht bereits der Anblick ihrer Hungergestalt aus, um jede Hoffnung auf ein Entkommen zu verlieren.“

Dunkelheit kehrte in die Zelle zurück. Die Peitsche knallte erneut, aber kein Licht war zu sehen. Stattdessen legten sich dunkle, kriechende Schatten über den Raum und fraßen das funzelige, rote Licht des Raumes einfach auf. Vollständige Dunkelheit kehrte ein und schien dann immer dichter zu werden. Nicht überall, sondern nur an einer ganz bestimmten Stelle und schließlich – auch wenn das physikalisch unmöglich sein sollte – schälte sich dort ein Umriss heraus, der so unglaublich finster war, dass er einen erkennbaren Kontrast zur lichtlosen Umgebung bildete. Eine schlanke, weibliche, humanoide Gestalt erschien. Ihr Körper bestand offenbar nicht, oder zumindest nicht allein aus Fleisch und Blut, sondern hatte eine harte, steinerne Anmutung und besaß einen matten Edelsteinglanz. Ihr offenes, etwas mehr als schulterlanges Haar machte dabei keine Ausnahme. Ihr Gesicht war relativ gutaussehend, auch wenn ein bitterer, zynischer, grausamer Zug um ihren Mund lag. Plötzlich öffneten sich ihre Augen und offenbarten ein strahlendes, überirdisches Weiß, was mich – oder genauer gesagt Karmon – beinah blendete. Lediglich ihre Pupillen blieben schwarze, unergründliche Löcher, die aufmerksam im Raum umher kreisten.

„Oblivia ist unsere Onyx-Geweihte“, kommentierte Slura, „sie ist nicht mehr weit davon entfernt in ihr Endstadium einzutreten, was bedauerlich ist, da sie eine große Bereicherung für unseren Parcours ist. Sie nimmt unseren Besuchern nicht nur die Sicht, sondern ist auch schon so manchem in den Rücken gefallen ist, der andernfalls vielleicht den Ausgang erreicht hätte.“

Ein letztes Mal ließ Slura die Peitsche knallen, Oblivia verschwand und die Lichtverhältnisse normalisierten sich.

„Was ist mit dir?“, fragte Karmon, „bist du ebenfalls Teil des Parcours?“

„Denkst du etwa, ich würde mir den Spaß entgehen lassen?“, fragte Slura mit einem mädchenhaften Grinsen, „ich bin die letzte Verteidigungslinie. Die Wächterin des Ausgangs. Wer mich überwindet, hat sich die Freiheit und seinen Gewinn redlich verdient. Dies geschieht aber nur sehr selten und auch das nur, weil Enry irgendwann festgestellt hat, dass es die Nachfrage verringert, wenn niemals jemand lebend die andere Seite erreicht. Dass es schwierig ist, akzeptiert unsere Kundschaft. Ein Teil von ihr erwartet es sogar. Aber wer den absolut sicheren Tod will, entscheidet sich für andere Optionen. Deshalb hält Enry mich zurück und zwingt mich dazu, einige von jenen laufen zu lassen, die es so weit geschafft haben. Natürlich so, dass es nicht auffällt. Den Rest reiße ich in Fetzen und manchmal überlässt Enry mir den ein oder anderen zum Spielen.“

„Und wo soll meine Position sein?“, erkundigte sich Karmon.

„Überall“, antwortete Slura, „Die anderen – mich eingeschlossen – haben ihre festen Plätze. Ihren perfekt abgestimmten Bewegungsradius. Viele Besucher kennen sie aus den Berichten der Überlebenden. Sie sind die Prüfsteine, die berühmten Herausforderungen, die es zu überwinden gilt. Doch wir brauchen auch einen Joker, einen Springer, einen Unsicherheitsfaktor, mit dem keiner der Besucher rechnet.“

„Wäre Oblivia da nicht besser geeignet?“, fragte Karmon.

„Gut mitgedacht“, lobte Slura, „aber Oblivia ist aufgrund des fortgeschrittenen Stadiums ihrer Erkrankung sehr speziell. Wenn sie im Parcours ist, müssen wir sie an ihren Platz festketten, sonst neigt sie zu so unkontrollierten Wutausbrüchen, dass nicht einmal die stärksten Act-Blocker sie noch in Zaum halten können. Deshalb fällt die Aufgabe dir zu. Doch nun haben wir genug geredet. Es wird Zeit, dass du lernst und dich integrierst.“

Obwohl Slura ihre Peitsche diesmal ruhen ließ, erwachte die Lampe in der einzigen leeren Wohnzelle, zwischen der des Bullen und der von Oblivia. Die Wände dieser Zelle zeigten grünliches Wasser voller kleinerer und größerer, nur schemenhaft erkennbarer Kreaturen, die sich gegenseitig jagten, verletzten, flohen, wuchsen, schrumpften und fraßen, starben und geboren wurden. Zudem gab es einen schwarzen, thronähnlichen Sessel, der genau an Karmons Größe angepasst zu sein schien.

„Der Seelenwirbel“, flüsterte Karmon erschrocken und ich konnte seine Angst, seinen Schrecken unmittelbar spüren.

„Ein ungefährer Nachbau, ja“, stimmte Slura zu, „gestaltet nach den Schilderungen dutzender Kwang Dru, Kwang Ana und Kwang Shinnon. Wir streben danach, jedem Creep eine möglichst natürliche Umgebung zu bieten. Tritt ruhig ein.“

Karmon machte nicht den Eindruck eintreten zu wollen. Im Gegenteil. Er ging einige Schritte zurück, bevor ein heftiger Schlag durch seinen Körper ging.

„Mach mir keine Szene, Großer“, sagte Slura, „Ich will lediglich, dass du dich auf diesen Stuhl setzt und ein wenig entspannst. Ich habe durch meine Folter schon ganz andere Dinge erreicht, aber meine Künste dafür anzuwenden wäre unter meiner Würde und wahrscheinlich auch unter deiner, oder? Immerhin wissen wir beide, dass du dich auf lange Sicht nicht weigern kannst.“

Ob Karmon nun bei seiner Logik, oder seiner Ehre gepackt worden war, war für mich unmöglich zu sagen, aber so oder so setzte er sich in Bewegung und ließ sich schließlich auf dem Stuhl nieder, wobei er genau darauf achtete den falschen Seelenwirbel nicht zu genau zu betrachten und konzentrierte sich stattdessen auf den Bildschirm, der vorerst schwarz blieb und auf Slura, die sich entspannt in ihrem eigenen Stuhl rekelte.

„Was geschieht jetzt?“, fragte Karmon.

„Warte es ab“, sagte Slura und mit einem Mal gingen wieder alle Lichter aus.

„Slura!“, rief Karmon unsicher, „was soll das?“

Doch die Andrin antwortete nicht und auch aus den anderen Zellen kam kein Laut.

Das einzige, was ich hörte, war in mir. In uns. Ein Zittern. Ein Schluchzen. Eine Welle der Furcht.

„Ich habe Angst, Adrian“, sagte Karmon und es klang so verloren, so nackt, wie ich es noch nie bei dem mächtigen Symbionten erlebt hatte. Nicht einmal bei seiner Beinahe-Vernichtung in Uranor. Seine Worte waren eine offene Wunde, ein Schrei im Dunkeln, ein flehender Hilferuf und auch wenn ich inzwischen genügend Gründe hatte Karmon zu hassen, ihn mit Missachtung zu strafen, tat ich es nicht.

„Ich auch, mein Grong-Shin“, sagte ich stattdessen tröstend, entschied mich dennoch zugleich für Offenheit, „vor all dem hier, genau wie vor dir.“

„Vor mir habe ich auch Angst“, gab Karmon zu, ohne das genauer zu erklären.

„Was meinst du damit?“, fragte ich ihn.

„Vor dem, was ich tun könnte. Vor dem, was ich tat. Ich habe diese Barbarin in Uranor verzehrt, ich habe beinah ein Mädchen gefressen, ich habe diesen Gorskard verspeist. All das hätte niemals passieren dürfen. Es … es hat mich verändert“, erwiderte Karmon.

„Hast du mich deswegen so behandelt?“, fragte ich, „Wie Dreck? Wie einen Ausgestoßenen?“

„Zum Teil“, gab Karmon zurück, „aber nicht nur. Ich … ich hatte es tatsächlich satt die Verantwortung allein zu tragen und mir dabei deine guten Ratschläge anzuhören. Dann diese Gefühle für Sandra, ihre Entführung, unsere Trennung, dieser neue Körper, die Erschaffung Autemgas, die Zerstörung deines Körpers …. das alles war … zu verwirrend. Ich war zuvor noch nie unabhängig gewesen. Nicht wirklich. Ein Kwang Grong ist ohne Wirt zwar überlebensfähig, aber beinahe hilflos. Nun hatte ich einen Körper. Nun hatte ich die Gelegenheit zu handeln und so wollte ich meine eigenen Entscheidungen treffen und sehen, wohin sie mich führen.“

„Scheint, als ob die Philosophie von Deovan auf dich abgefärbt hat“, folgerte ich mit gutgemeintem Spott.

„Kein Wunder“, antwortete Karmon, „Sie ist nicht so verschieden von der des Seelenwirbels. Streben nach Dominanz, Entwicklung auf Kosten anderer, vollständige Rücksichtslosigkeit. Dieses Denken ist mein Samen, mein Mutterschoß und meine größte Angst.“

„Und wohin hat dich dieser Weg geführt?“, wollte ich von meinem alten Freund wissen.

„In eine Sackgasse“, gestand sich Karmon ein, „ich plante Enrys Vertrauen zu gewinnen, für ihn unersetzbar zu werden, um ihn benutzen zu können für unsere Pläne, um mehr herauszufinden über die Strukturen dieser Welt, über Kollom, vielleicht sogar über den Verbleib von Sandra. Aber nun glaube ich nicht mehr, dass das funktionieren kann. Dass Enry rücksichtslos ist, war mir von Anfang an klar, aber ich hatte unterschätzt, wie egal ihm seine Schützlinge wirklich sind. Unter seiner Führung gibt es keinen Aufstieg, nur den Abstieg ins Vergessen.“

„Das hätte ich dir gleich sagen können, Karmon. Verdammt, ich habe es dir gesagt“, hielt ich ihm entgegen.

„Das hast du“, stimmte Karmon zu, „aber du solltest am besten wissen, wie schwer es ist, von einem einmal eingeschlagenen Pfad abzuweichen. Umzukehren, wenn man eigentlich schon erkannt hat, dass man einen schweren Fehler gemacht hat. Lieber flieht man vor dem Blick in den Spiegel, immer schneller und schneller, aus Angst, der Anblick könnte einen zerstören.“

Ich dachte an meine Taten in Konor und musste ihm zustimmen. „Hat er dich zerstört?“, fragte ich.

„Nein“, sagte Karmon, „aber der Weg, den ich eingeschlagen habe, wird das vielleicht. Wir sind erneut in eine Sackgasse geratten und diesmal sehe ich keinen Weg, wie wir sie verlassen können.“

„Kein Grund zur Resignation. Immerhin haben wir uns, Karmon“, versuchte ich ihn zu trösten.

„Das Monster und der Stein“, spottete der Kwang Grong. Es klang freundlich.

„Das klingt verdächtig nach einem Märchen“, erwiderte ich halb ironisch, „die gehen meistens gut aus.“

„Das mag für deine Welt gelten, Adrian“, sagte Karmon nachdenklich, „andere Welten haben andere Geschichten.“

Plötzlich fegte ein erneuter Schlag durch Karmons Körper. Doch es war kein elektrischer und wo sich der Schock des „Act-Blockers“ auf Karmons gesamtes System erstreckt hatte, beschränkte sich dieser vor allem auf seinen Kopf.

Dann erwachte der Bildschirm vor uns zum Leben und zeigte die Worte. „Mind restructure Routine – powered by Cognotia Unlimited“

Keine sehr vertrauenerweckenden Worte.

„Was geschieht hier?“, fragte Karmon laut.

„Ach ja, das habe ich ganz vergessen, dir zu erklären“, erklang Sluras Stimme in Karmons Kopf, „dieser Ort hier ist ein Ort der Angst. Ein Ort des Schreckens und der Grausamkeit. Wir alle hier sind Kreaturen der Finsternis. Geschöpfe der Leere und der Verachtung allen Lebens. Die meisten von uns sind es nicht aus freier Entscheidung, nicht aus philosophischer Überzeugung oder aus Lust. Sie sind es geworden, weil es ihr Job ist, es zu sein. Weil es das ist, was Enry von ihnen erwartet. Und er erwartet es auch von dir. Du bist ein Kwang Dru, Karmon. Ein Wesen, welches mancher schlichter Geist bereits als monströs begreifen würde, aber du hast einen gewissen Respekt für das Leben, für den Wert und die Gedanken anderer Lebewesen. Das können wir nicht dulden. Deshalb werden wir dich füttern, mit Hass, mit Mord, mit Folter und Egoismus, bis du uns von maximalem Nutzen bist. Wir brauchen hier keinen Kwang Dru, Karmon. Was wir brauchen, ist ein Kwang Ana und genau das wirst du werden. Oder sterben.“

Als ihre Worte endeten, begannen die Bilder.

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Es dauerte nicht allzu lange, bis sich Sandras Tür erneut öffnete. Sie hatte erst mit der bizarren Gestalt von Disruptor Yonis gerechnet, aber stattdessen stand Kollom in der Tür. Er wirkte ungeduldig und nervös. „Ich hoffe, Sie haben sich gut erholt. Ich muss dringend mit Ihnen sprechen.“

„Natürlich“, sagte Sandra, die nun froh darüber war, nicht mehr unter dem Einfluss der Droge zu stehen. Langsam erhob sie sich vom Bett.

„Was macht Schaufel in diesem Raum?“, fragte Kollom, der sie jetzt erst bemerkt zu haben schien und dessen Gesichtszüge schlagartig entgleisten.

„Nanita ist meine Assistentin“, erklärte Sandra selbstbewusst, “Sie wird mich begleiten.“

„Das wird sie nicht!“, widersprach Kollom, „Sie wird schön in meinen Manifestor zurückkehren. Sie ist MEINE Assistentin.“

„Das war sie“, bestätigte Sandra, „bis vor Kurzem. Doch da ich als Laborleiterin stärker in das operative Geschäft involviert bin als sie, und Sie gerade wohl kaum eine Schaufel benötigen, hat der Aufsichtsrat auf meine Bitte hin entschieden, dass sie mir zugeteilt wird. Sie können ihn gerne fragen. Es hat alles seine Richtigkeit.“

Solch eine Absprache hatte es natürlich nie gegeben. Sandra war dem Aufsichtsrat ja noch nicht einmal begegnet. Aber selbst wenn Kollom auf die Idee kommen sollte, sich beim Rat zu erkundigen, glaubte sie nicht, dass er ihren Schilderungen widersprechen würde. Nicht, nach dem, was ihr Nanita erzählt hatte.

„Dann wünsche ich viel Freude mit ihr“, sagte Kollom widerwillig, „aber sie wird dennoch nicht mitkommen.“

„Als meine Assistentin muss Sie mich ins Labor begleiten können. Sonst kann sie mir wohl kaum assistieren“, beharrte Sandra.

„Wir gehen nicht ins Labor“, widersprach Kollom, „Nicht sofort. Zuerst gehen wir in mein Büro. Es geht um ein vier Augen Gespräch. Wir können Sie auf dem Rückweg hier einsammeln. Doch bis dahin bleibt sie hier.“

„Was gibt es denn so Geheimes zu besprechen?“, fragte Nanita und sah Kollom herausfordernd an. Offenbar genoss sie es, nicht mehr unter seinem direkten Befehl zu stehen.

„Vielleicht planen wir Ihr baldiges Ableben, wer weiß?“, schlug Kollom böse grinsend vor und Sandra sah Nanita für einen kurzen Moment zusammenzucken, bevor es ihr gelang ihre Beherrschung wiederzuerlangen.

„Warte auf uns, Nanita“, sagte Sandra, während sie auf die Tür zuging und fühlte sich dabei, als würde sie einem Hund Anweisungen geben. Es fühlte sich gut an. Viel besser als bei Thrill Jill. Leider, dachte sie, war sie nach wie vor auch Kolloms Hund. Zumindest bis auf Weiteres.

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„Was wollen Sie mit Schaufel?“, fragte Kollom, während sie nebeneinander den Gang hinunterliefen.

„Jeder braucht Unterstützung“, antwortete Sandra schulterzuckend.

„Eine Unterstützung ist sie wohl kaum. Sie ist keineswegs qualifiziert“, bemerkte Kollom.

„Sie ist qualifiziert“, widersprach Sandra, „andernfalls wäre sie wohl kaum der CEO eines Unternehmens und meine direkte Vorgängerin gewesen.“

„Bei beidem ist sie grandios gescheitert“, erwiderte Kollom, „davon abgesehen ist sie alles andere als vertrauenswürdig.“

„Das sind Sie auch nicht, dennoch arbeite ich mit Ihnen zusammen“, konterte Sandra.

„Es kränkt mich wirklich, dass Sie so denken, Sandra“, entgegnete Kollom, „doch selbst wenn Sie das so sehen, sollten Sie sich daran erinnern, dass ich Sie nie körperlich bedrängt habe. Anders als Nanita. Nach allem, was ich gehört habe, unterhält sie eine Freibrief-Vereinbarung mit Ihnen. Eine, bei der sexuelle Gefälligkeiten eine Rolle spielen. Oder irre ich mich?“

Sandra erwog durchaus das zu leugnen, aber sie brachte es nicht übers Herz. Sie konnte sich nach wie vor nicht dazu durchringen Nanita zu verteidigen, zumal Kollom offenbar Wege hatte solche Dinge in Erfahrung zu bringen. „Sie haben mich zu einer Vertragsunterzeichnung genötigt und mich in Ihren verschissenen Koffer gesperrt. Denken Sie wirklich, das wäre besser? Und davon abgesehen hätte mich Nanita nie in die Finger bekommen, wenn Sie mich nicht dort eingesperrt hätten.“

„Das erklärt nach wie vor nicht, warum Sie sie auch noch für sich arbeiten lassen“, bemerkte Kollom, „haben Sie etwa Gefallen an Ihrer Gegenwart gefunden?“

„Wir haben einen Deal, OK?“, offenbarte Sandra, die keine Lust mehr hatte über das Thema zu reden. Erst recht nicht mit Kollom, „ich stelle sie ein und dafür lässt sie ihre Finger von mir. Das ist alles.“

„Ich verstehe“, sagte Kollom, „was ich aber nicht verstehe, ist, warum Schaufel auf so einen Deal eingeht, nachdem sie es geschafft hat, Ihnen einen Freibrief abzutrotzen.“

„Das müssen Sie sie schon selber fragen“, entgegnete Sandra.

„Oh, das werde ich auch“, versprach Kollom.

Inzwischen hatten sie Kolloms Büro erreicht. Er öffnete die Tür und beide traten ein.

„Haben wir überhaupt die Zeit für ein solches Gespräch?“, fragte Sandra.

„Wieso?“, erkundigte sich Kollom neugierig und an seinem Tonfall bemerkte sie, dass sie so etwas nicht hätte sagen sollen. Falls Kollom bereits vermutet haben sollte, dass Nanita den offiziellen Auftrag hatte, ihn auszuspionieren, hatte er nun ein weiteres Indiz.

„Immerhin scheinen wir an einem wichtigen und lukrativen Forschungsprojekt zu arbeiten. Direkt eine Pause einzulegen, nachdem wir gerade erst die Einsatzkräfte eingeteilt haben, erscheint mir wenig sinnvoll“, versuchte Sandra ihr Wissen um das Ultimatum des Rates zu verbergen.

„Für manche Dinge muss man sich Zeit nehmen“, sagte Kollom, ging zu seinem Schreibtisch, nahm etwas aus seiner Hosentasche heraus und legte es auf den Tisch.

„Wissen Sie, was das ist?“, fragte er.

„Nein“, antwortete Sandra, die von ihrer Position aus nur eine dunkle, etwa Handteller-große Metallscheibe erkennen konnte.

„Dann treten Sie näher“, sagte er und auch wenn Sandras Instinkt ihr zur Vorsicht riet, war ihre Neugier stärker. Langsam trat sie an den Schreibtisch heran, wobei Kollom einen Schritt zurücktrat, um ihr Platz zu machen. Schließlich erkannte sie, dass es sich nicht nur um eine Scheibe handelte, sondern um deren drei, die lose aufeinanderlagen. Die oberste besaß drei unterschiedlich große Ausschnitte, die wechselnde Ziffern und Buchstaben zum Vorschein brachten, da sie sich schnell drehte, auch wenn die Geschwindigkeit rasant abnahm.

„Keine Ahnung, was das sein soll“, sagte Sandra verwirrt. Die Scheibe kam zum Stillstand. Sandra spürte plötzlich, wie sich Kolloms linker Arm um ihre Hüfte legte und noch bevor sie sich darüber empören konnte, wuchs eine große, schwarze Blase mit regenbogenfarbenen Reflexionen aus dem Gegenstand heraus, hüllte sie beide ein und entfernte sie spurlos aus Kolloms Büro.

Für Sandra, die nur sehr kurz in Hyronanin gewesen war, mochte das Objekt nicht mehr gewesen sein, als ein fremder, verwirrender Gegenstand, der sie höchstens an diese Codescheiben aus Pappe erinnerte, die ihrer Zeit manche Gaming-Nerds für ihre Computerspiele hatten verwenden müssen. Ich jedoch hätte an ihrer Stelle eine andere Assoziation gehabt: Das hier war nicht anderes, als eine winzige, tragbare, leicht veränderte Version der Portalmaschine aus Hyronanin.

Fortgeschritten:

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