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Ein junger uniformierter Mann legt mir mit zitternden Händen die Handschellen an, ich versuche ihm zu helfen, zeige mich kooperativ. Wir gehen den Gang hinunter und betreten die kleine, jedoch verhältnismäßig gemütliche Zelle. Einer der Beamten, die mir an der Tür mit „Lebe-Wohl-Gesichtern“ hinterher sehen, deutet auf die Bibel, die auf dem kahlen Nachtschränkchen liegt. Auf Wunsch erhalte ich einige aktuelle Magazine mit Themen rund um die Welt. Ich werde versuchen sie alle zu lesen. Die qualvollen Stunden bis zur Hinrichtung gestalten sich so vielleicht erträglicher und halten die grausamen Bilder fern, die sich langsam ihren Weg in mein Bewusstsein bahnen sollen. 
 
Ein junger uniformierter Mann legt mir mit zitternden Händen die Handschellen an, ich versuche ihm zu helfen, zeige mich kooperativ. Wir gehen den Gang hinunter und betreten die kleine, jedoch verhältnismäßig gemütliche Zelle. Einer der Beamten, die mir an der Tür mit „Lebe-Wohl-Gesichtern“ hinterher sehen, deutet auf die Bibel, die auf dem kahlen Nachtschränkchen liegt. Auf Wunsch erhalte ich einige aktuelle Magazine mit Themen rund um die Welt. Ich werde versuchen sie alle zu lesen. Die qualvollen Stunden bis zur Hinrichtung gestalten sich so vielleicht erträglicher und halten die grausamen Bilder fern, die sich langsam ihren Weg in mein Bewusstsein bahnen sollen. 
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[[Kategorie:Kurz]]
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[[Kategorie:Tod]]
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[[Kategorie:Schockierendes Ende]]

Version vom 23. Februar 2020, 14:02 Uhr

Ich beiße herzhaft in das noch dampfende Brötchen mit der geschmolzenen Butter und den kleinen Salzkristallen darauf. Es schmeckt unglaublich. Eine Träne läuft meine Wange hinab. 

So etwas wird es bald nicht mehr geben. 

Ich tunke das Brötchen in die Tomatencremesuppe, auf der ein paar Basilikumblätter hin und her schwimmen. Ich schiebe mir das Brötchen in den Mund und schließe die Augen. 

Die Suppe ist perfekt. Langsam öffne ich die Augen wieder und an den Blicken um mich herum kann ich erkennen, dass sie auch gerne von all den Leckereien probieren würden. 

Nichts kriegen sie. Verschwinden sollten sie! Das ist mein Moment, ich habe mir diese Wohltat verdient. 

Egal wie abweisend ich sie behandle, ihre starren Augen wollen nicht von mir ablassen. Nun gut, ich muss sie wohl ignorieren. Eigentlich weiß ich ja auch, dass niemand etwas an ihrer Anwesenheit ändern kann. Sie sind da und sie bleiben bis alles vorbei ist. 

Ich nehme noch einen Löffel von der dampfenden Suppe und denke nach. An Früher. Wie ich auf der gepolsterten Eckbank meiner Großmutter saß und meine Hausaufgaben erledigte. Wie sie am Herd stand und es mir manchmal schwer fiel bei dem Geruch bei meinen Matheaufgaben zu bleiben. 

„Jetzt ist es auch mal genug, mit den ganzen Aufgaben lässt man euch ja gar nicht mehr Kinder sein. Kleine Erwachsene nur mit Rucksäcken statt Aktenkoffern, die Schule verlangt doch schon, dass ihr stundenlang im Klassenraum sitzt, warum das gleiche Spiel zu Hause?“ 

Sie kochte sagenhaft und mit leidenschaftlicher Hingabe. 

„Alle stehen sie heute unter Leistungsdruck. Der Nachbar wurde neulich vom Krankenwagen abgeholt, Mitte 30, Herzinfarkt. Kann froh sein, dass es im Hinterhof bei den Mülltonnen und nicht in seiner Wohnung passiert ist. Dann hätte es aber gestunken, das sage ich dir.“ 

Sie lachte und ich verstand erst viel später was sie damit gemeint hatte. Und dann ging ich nicht mehr zur Schule und auch nicht zur Arbeit. Ich suchte mir andere Wege meinen, nicht grade bescheidenen, Lebensstil zu finanzieren. 

Ich lasse mir Zeit. Esse in Ruhe weiter. Lasse mir Zeit. Ich weiß, dass ich die Zeit gut nutzen werde, egal was ich tue. Ich werde diese Zeit bewusst verbringen. 

Wie konnte ich die Zeit so aus den Augen verlieren?  

Zeit wirkt so endlos im Moment bis man mit geschlossenen Augen gegen die Wand fährt und sich plötzlich im Nachhinein befindet. Dann ist alles vorbei und man steht im nächsten Kapitel seines Lebens. 

Stop. Dieses Gedankenkreisen führt zu nichts mehr. Mir ist durchaus bewusst, dass ich meine Zeit falsch genutzt habe, sonst würde ich mich nicht in dieser Situation befinden. 

Ich wische mir mit der Servierte behutsam den Mund ab. Gute Manieren waren für mich stets von großer Bedeutung. Ich bitte darum der Küche mein Lob ausrichten zu lassen. 

Ein junger uniformierter Mann legt mir mit zitternden Händen die Handschellen an, ich versuche ihm zu helfen, zeige mich kooperativ. Wir gehen den Gang hinunter und betreten die kleine, jedoch verhältnismäßig gemütliche Zelle. Einer der Beamten, die mir an der Tür mit „Lebe-Wohl-Gesichtern“ hinterher sehen, deutet auf die Bibel, die auf dem kahlen Nachtschränkchen liegt. Auf Wunsch erhalte ich einige aktuelle Magazine mit Themen rund um die Welt. Ich werde versuchen sie alle zu lesen. Die qualvollen Stunden bis zur Hinrichtung gestalten sich so vielleicht erträglicher und halten die grausamen Bilder fern, die sich langsam ihren Weg in mein Bewusstsein bahnen sollen. 

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