Fütterungszeit.



Ich schleppte die Frau nach oben wie jeden Samstagabend. Sie hatte zwar ihren Namen erwähnt aber ich hatte ihn schon wieder vergessen. Sie war, obwohl ich sie gut abgefüllt hatte und obwohl sie etwas von mir wollte, ein wenig widerspenstig. Vielleicht spürte sie etwas. Naja wie dem auch sei ich musste sie auf jeden Fall ziehen. Das Abschleppen ging leicht, fast zu leicht. Ja ich hatte eine gewisse Anziehungskraft auf junge Frauen, aber das sie teilweise schon nach drei Worten mit mir kamen machte mir klar, wie ernst und unnatürlich meine Lage war. Ich durfte mir keine Fehler erlauben.


Dabei hatte alles so harmlos angefangen. Alles fing wegen diesem blöden Fred an. Ich mochte Fred einst wirklich sehr, aber nun gebe ich ihm immer mehr die Schuld an meiner Misere. Fred mochte exotische Tiere Vogelspinnen, Tausendfüßler und anderes verrücktes Zeug. Eines Tages hatte er sich dann einen Oktopus zugelegt. Eigentlich ein ganz niedliches Tierchen verglichen mit dem anderen Zeugs, das er so in der Wohnung hatte. Er meinte, das Tier komme irgendwo aus Asien, aus einem noch unerforschten See irgendwo in China. Die seltsame rot-schwarze Musterung und das unnatürliche Zucken seiner Tentakeln hätten mich ahnen lassen sollen, dass, da etwas nicht stimmt. Aber wie hätte ich wissen sollen, dass es so absurd enden würde?


Ich zog die Kleine weiter und in den Lift.

„Warum hast du es denn so eilig?“, fragte sie

„Rede nicht, komm einfach mit“, schnauzte ich sie an.

„Ich fühle mich irgendwie unwohl bei der ganzen Sache“, sagte sie. Ich versuchte sie zu ignorieren und beobachtete, wie der Lift weiter nach oben fuhr.

„Ehrlich du machst mir Angst“, fuhr sie fort.

„Du brauchst keine Angst zu haben, wir sind ja gleich da“, sagte ich.

Die Lüge fiel mir leichter als ich gedacht hatte. Es fiel mir immer leicht, die jungen Dinger zu belügen. Schließlich hatte ich es mit etwas wirklich richtig Furchterregenden zu tun. „Ich glaube, ich will lieber nach Hause“, sagte sie in etwas schrillem Ton. Ich küsste sie spontan und merkte sofort, wie sich ihre Nerven beruhigten.


Na endlich dachte ich mir, als sich die Türe des Fahrstuhls öffnete. Wir gingen ein paar Schritte, bis wir an eine Tür kamen, Apartment 86. Nervös suchte ich die Schlüssel und hoffte das keine verräterischen Geräusche durch die Tür kamen. Mir fielen die Schlüssel aus der Jackentasche, rasch hob ich sie vom Flur auf. „Alles in Ordnung“, hauchte ich. Die Kleine verzog ihr Gesicht, als ob sie mir nicht ganz glaubte. Aber es spielte keine Rolle, es war ohnehin zu spät. Vorsichtig trat ich hinter sie und öffnete mit meinem weit vorgestreckten Arm die Türe.


„Warum ist es so dunkel hier drinnen“, fragte sie. Was für eine alberne Frage, weil niemand den Lichtschalter betätigt hatte. Dann stieß ich sie in die Wohnung und sperrte hinter ihr rasch zu. Ich hatte mein Soll für diese Woche erledigt. Gerade als ich mich umdrehte und wieder gehen wollte, vernahm ich ein entsetzlich dunkles „Gutgemacht.“ aus der Wohnung hinter mir. Mir schauderte und ich wollte so schnell wie möglich weg von hier. „Halt! Warte!“, hörte ich erneut die Stimme hinter der Türe. Ich fuhr zusammen und meine Schritte stockten. „Bis nächste Woche“, sagte die Stimme hinter der Türe. In ihrem Klang lag etwas Herrisches und Befehlshaberisches. Ich konnte mich den dunklen Worten nicht entziehen. Ich wusste, dass ich noch mal kommen würde. Ohne ein Wort zu erwidern, ging ich zum Lift.


Die Situation damals mit meinem Freund wurde zunehmend absurder. Er fütterte das Weichtier mit lebendigem Fisch. Das war nicht weiter ungewöhnlich, da er alle seine, ich hätte schon fast gesagt Kreaturen, Tiere, mit lebender Nahrung fütterte. Ein Schauspiel, dem ich für gewöhnlich nicht gerne beiwohnte. Aber etwas war anders, als er das mit Tentakeln besetzte etwas, fütterte. Zwar stürzte es sich auf die Beute wie auch die anderen Tiere, aber es schien eine Art von böser Absicht dahinter zu sein. Eine Absicht die über das rein animalische Bedürfnis zu Fressen weit hinaus ging. Zudem schien es so, als wuchs das Tier absonderlich schnell. Jedes Mal wenn ich Fred besuchte, war es ein Stück größer geworden. Bis es schließlich nicht mehr in das Aquarium passte.


Die Arbeitswoche verging schnell, zu schnell und mir stellten sich bei dem Gedanken was ich am Wochenende gezwungen war erneut zu tun die Haare zu Berge. Aber das Wochenende kam unaufhaltsam näher. Ich sagte mir, diesmal nicht, diesmal holst du keine junge Frau. Doch dann spürte ich die entsetzlichen Bewegungen hinter meiner Stirn, die mich mahnten, mich nicht zu widersetzen. Ich konnte fühlen wie sich eine Wulst über meine Stirn bewegte. Ich konnte die entsetzlichen Bewegungen des fremdartigen Körpers spüren, der mir eingesetzt wurde. Ich wollte es mir schon ein paar Mal einfach aus der Stirn schneiden aber ich hatte Angst, Angst vor dem Schmerz, ich war einfach zu feige.


Ich hatte auch ein paar Mal einen Doktor aufgesucht, doch der fand nichts. Was umso entsetzlicher war, da ich wusste, dass etwas in mir war. Ich war hilflos. Also machte ich mich wieder auf die Suche nach einer jungen Frau um den unstillbaren Hunger des fremdartigen Wesens zu befriedigen. Denn er will nur saftiges und junges Fleisch und er will nur das Fleisch von Menschen. Als ich mich auf den Weg zum Klub machte, kamen mir zwei junge Polizisten entgegen. Ich hoffte, nein ich betete, dass sie etwas Entsetzliches und Unnatürliches in mir sehen würden und dass sie mich von dem abhalten würden, was ich im Begriff war zu tun. Aber sie lächelten nur freundlich, grüßten mich und gingen weiter. Sie gingen einfach weiter, als wäre ich nicht irgendeine Art von Monster.


Die Wulst in meiner Stirn wurde unruhig bei dem Gedanken, dass ich geschnappt werden möchte. Und es war mir, als könne ich dunkle und mahnende Worte in einer alten mir unbekannten Sprache vernehmen, die mich davor warnte, ja keine Fehler zu begehen. An diesem Abend traf ich die Kleine, mit ihrem traurigen Blick sie hieß Nela. Wir unterhielten uns gut über alle möglichen Dinge, Kunst, Kultur, Politik und sogar über Sport. Es war das erste Mal seit gut zwei Jahren, das ich mich wirklich mit einer Frau unterhielt. Um so tragische empfand ich das ihr bevorstehende Schicksal. Ich konnte sie dem Ungetüm nicht überlassen.


Doch kaum hatte ich den Gedanken gefasst, meldete sich die groteske Wulst in meiner Stirn. Vielleicht wäre es das Beste mein eigenes Leben zu beenden, vielleicht so dachte ich, wäre das der beste Weg um Nela zu beschützen. Nela fragte mich, ob wir zu mir gehen wollen. Ich versuchte nein zu schreien, aber aus irgendeinem Grund sagte ich ja. Dicht an mich geschmiegt verließen ich und Nela die Bar. Ich lotste sie zu jenem schrecklichen Hochhaus, in dessen 86ter Wohnung ihr Verderben lauerte.


„Warum bist du so traurig“, wollte Nela wissen. „Es ist nichts“, log ich. Wir gingen gerade an einer Brücke vorbei und ein überwältigender Drang mich einfach in die Fluten zu stürzen ergriff mich. „Glaubst du an das Böse?“, fragte ich Nela, als ich in den reißenden Fluss starrte. „Jeder Mensch hat seine guten und schlechten Seiten“, meinte Nela. „Nein das meine ich nicht ich meine ... Es ist schwer zu erklären“, sagte ich. „Du meinst so was wie den Teufel?“, fragte Nela. „Ja genau so was wie den Teufel. Etwas Altes und Böses“, sagte ich als sich wieder meine Wulst meldete, die außer mir niemand wahrzunehmen schien. „Es gibt Dinge auf der Welt, die wir nicht erklären können“, sagte Nela. „Ja“, seufzte ich.


Wir gingen weiter. Ich weiß bis heute nicht, warum ich nicht einfach gesprungen bin. Süße arme Nela. Wir gingen weiter zu seiner Wohnung. Nela folgte mir ohne Widerstand und ohne das Geringste zu ahnen. Als ich sie dann in die Wohnung stieß, hoffte ich nur das es schnell gehen würde. Aber ich wusste es nicht, ich wusste nur, dass niemals Schreie nach außen drangen. Aber ich habe das dunkle Gefühl, das er gerne spielt. So deprimiert wie an diesem Abend war ich schon lange nicht mehr. Das dunkle Wesen hatte sich wie immer vergewissert, dass ich nächste Woche wieder kommen würde und wie immer schien ich keine Wahl zu haben. Es schien, als saugte dieses Etwas nach und nach meinen Lebenswillen aus. Ich war erschöpft, fertig, konnte nicht mehr und eine Übelkeit machte sich in mir breit als ich auf den Weg nach Hause war.


Ich kann mich noch erinnern, wie mir mein Freund erzählte, dass es angefangen hat zu atmen. Er meinte damit Luft zu atmen aber, er hatte es nicht so genau formuliert. Als Erstes war ich ein wenig entsetzt aber dann siegte die Neugierde. Ich ging Fred besuchen und da saß also die weiche Masse auf Freds Bett und glotzte mich zufrieden an. Ich wusste damals nicht, das Oktopusse auch über Land wandern konnten. Aber selbst wenn ich das gewusst hätte, wäre die Situation nicht weniger bizarr gewesen. Fred hatte inzwischen ein größeres Aquarium für die Kreatur besorgt, aber das benutzte sie nicht mehr. Stattdessen glotzte sie uns die ganze Zeit an. Selbst wie ich und Fred anfingen, ein paar Videospiele zu spielen konnte ich den bohrenden Blick des Wesens in meinem Rücken spüren. Und dann? Dann wurde es größer noch größer.


Ich wusste zum damaligen Zeitpunkt ehrlich nicht, warum sich Fred das Scheusal behielt, aber er schien eigenartig fasziniert von diesem Wesen zu sein. Ich ging Fred immer seltener besuchen, weil mir das Wesen schon damals gehörige Angst einjagte. Mehr als es seine Spinnen und Hundertfüßler und sein anderes Getier jemals getan hatten. Ich besuchte Fred dann doch wiedereinmal. Da war es bereits so groß wie ein Dobermann und hockte mit glotzenden Augen auf seinem Schreibtischsessel.


Ich fragte Fred, ob es nicht an der Zeit wäre, die Tierschutzbehörde zu alarmieren. Doch Fred bat mich inständig, dies nicht zu tun. In seinem Kühlschrank fand ich indessen riesige Brocken von Fleisch. Als ich Fred darauf ansprach, sagte er nur er müsse es eben füttern. Erst vier Tage nach dem Besuch fragte ich mich, wie Fred das Geld für so viel rotes Fleisch aufbrachte.


Er hatte mir auch erklärt das es Hunde und Katzenfutter verschmähte, das es nur von Blut durchzogenes Fleisch fraß. Nach diesem Besuch beschloss ich, gar nicht mehr zu Fred zu gehen. Doch dann ein knappes Jahr später erhielt ich einen Anruf. Es war Freds Telefonnummer. Eine seltsame Stimme war am Apparat, sie klang irgendwie heiser und dunkel. Der Anrufer versicherte mir mehrmals, dass er Fred sei und er forderte mich auf, zu ihm zu kommen.


Vielleicht war es Nostalgie, die mich die Warnungen aus meinem Inneren vergessen ließen, vielleicht war es Dummheit. Aber ich ging „Fred“ besuchen. Nur was ich dort fand, war nicht Fred. Das Weichtier nahm bereits einen ganzen Raum ein, und bevor ich schreien oder fliehen konnte, wickelte es seine dicken und stämmigen Fangarme um mich und drückte mir den Mund zu. Dann begann es in einer alten und fremden Sprache zu sprechen und tat mir etwas unvorstellbar Grausames an. Ich hatte in meinem ganzen Leben nie wieder solche Schmerzen gehabt.


Es drückte während dieser quälenden Prozedur etwas in meine Stirn. Etwas Organisches. Und das entsetzlichste Kopfweh, das man sich nur vorstellen kann, begleitete diese Operation. Danach sah ich noch ein letztes Mal meinem Freund, oder das, was von ihm übrig war. Es hatte seine Knochen einfach ins Zimmer gespuckt und nach einer Weile hat es wohl gemerkt, dass es nicht mehr gefüttert wurde. Ich weiß, nicht warum sich dieses Scheusal ausgerechnet an mich erinnerte, warum es sich niemand anderen gesucht hatte, um es zu nähren.

Vielleicht einfach nur deshalb, weil ich öfter zu Besuch war. Bevor es mich wieder gehen ließ, erklärte es mir, dass es mir jetzt überall jene Schmerzen zufügen konnte, die ich bereits erlebt hatte und dass es Fleisch brauche.


Es hielt mich weiter dazu an, ihm nur junge Frauen zu bringen. Aber es waren nicht nur die Schmerzen, die es mir zufügen konnte, es war etwas Tieferes und Unheimlicheres das mich an dieses Wesen band. Es war die Angst, dass es mich jederzeit hohlen konnte, wenn es wollte. Ich weiß die Vorstellung das sich so ein riesiges Tier ungesehen durch die Straßen bewegt ohne das Aufsehen der Behörden auf sich zu ziehen klingt absurd. Man möchte meinen, es schaffe es kaum 500 Meter, bevor es erschossen, betäubt oder auf andere Art unschädlich gemacht wird. Aber ich weiß dem ist nicht so, ich weiß es würde mich finden, wenn es wollte, ungesehen, rasch und mit unvorstellbarer Konsequenz für mich.


Ich wurde schon einmal zu dem Verschwinden von jungen Frauen befragt. Weil ich immer wieder mit den Orten in Verbindung gebracht wurde, an denen die Mädchen das letzte Mal gesehen wurden. Aber man ließ mich einfach wieder gehen. So als ob etwas über mich wachen würde. Und jedes Mal, wenn ich darüber nachdenke, mir selbst das Leben zu nehmen, ist mir als höre ich ein dumpfes und schallendes Lachen. Als wüsste das Etwas hinter meiner Stirn, das ich viel zu feige bin, um mir selbst etwas anzutun. Doch eines Tages, wenn ich es nicht mehr aushalte, werde ich es tun.


Ulysses Kedl

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