Deutsches Creepypasta Wiki
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Der angenehme aber entfernte Geruch von Lagerfeuerrauch hängt noch immer Jonas‘ Mantel und steigt mir in die Nase, während der Jeep die Straße in halsbrecherischer Geschwindigkeit hinunterrauscht. Er hat das gigantische Ding regelrecht auf mich geworfen, als ich Richtung Zelt zum Schlafen gegangen war, doch nun, selbst unter dem wärmenden Kleidungsstück, zittere ich wie verrückt. Der Regen klatscht unaufhörlich gegen die Scheibe und verstärkt mein Gefühl der Unsicherheit. Der Angst? Vielleicht beides? Ich will nicht daran denken.

Mein Atem beschlägt das Glas, bildet somit ausgefallene, auf eine groteske Art und Weise wunderschöne Muster... weswegen ich den Blick abwende und auf den gleichmäßigen Asphalt vor mir hefte, der nicht hätte monotoner sein können. Der Wagen hebt sich kurzzeitig von dem sicheren Boden ab und kommt dann wieder mit einem unangenehm lauten Geräusch auf, welches die Stille zerteilt, die alles andere als empfindlich gewesen ist. Durch die gegebene Situation hat sich mein Herzschlagtempo rapide gesteigert. Nun kuschele ich mich beinahe ängstlich tiefer in den Stoff, der die letzte Illusion trägt, dass alles wieder gut werden könnte. Aber nichts wird wieder gut. Es gibt kein Entkommen. Ein panisches Gefühl drückt sich mit einer atemberaubenden Kraft gegen mein Brustbein und ich muss mehrere Male schlucken, um es zu lösen. Doch es kehrt immer wieder ein wenig heftiger zurück. Ich schnappe nach Luft.

Jonas legt eine seiner Hände von dem Lenkrad zu meinem Knie – eine beruhigend gemeinte Geste – doch ich verkrampfe beinahe sofort. Er bemerkt das. Plötzlich taucht auf seiner Stirn eine tiefe Furche auf, bei dem sich seine Nase ein wenig kräuselt. Ich habe das Bedürfnis, sie mit dem Daumen glatt zu streichen, doch ich wage es nicht. „Selin, geht es dir gut?“ Mit seiner Stimme spricht die Sorge, welche genauso erkennbar in seinen Augen funkelt. Ich muss mich überwinden, um seinen Blick zu erwidern, in dem eine Art rabenähnliche und freche Intelligenz widerspiegelt, die ich jetzt einfach nicht ertragen kann. Die Lüge dümpelt gefährlich tief in ihrem Inneren.

Nein.

Nein, mir geht es nicht gut. Er weckt mich mitten in irgendeinem durchgeknallten Albtraumszenario und fragt mich allen Ernstes, ob es mir gut geht? Nach allem, was unseren Freunden gerade passiert ist? Nach alldem was „uns“ gerade passiert ist. Ist er nun vollends übergeschnappt?

Alles in mir läuft auf dreihundertsechzig und mein Herz setzt einen Rhythmus an, der auf keinen Fall gesund sein kann. Angst. Gottverdammte Angst schnürt in mir alles ab, dass eigentlich vollkommen offenliegen müsste, weswegen ich meine Fingernägel in den Stoff des Sitzes unter mir bohre, woraufhin das Auto ein seltsam wehleidiges Geräusch von sich gibt. Mein Griff verstärkt sich ein wenig. Doch eines weiß ich mit Sicherheit.



Ich will kreischen.

Ich will durchdrehen.

Ich will aus dem Wagen springen.



Ich will Jonas‘ Hand von mir schütteln und ihn anbrüllen: „Was zum Henker waren das für Dinger?“

Ich will einfach nur noch vergessen was heute passiert ist, obwohl sich die Bilder wie ein Fotoalbum in meine Gehirnwindungen eingebrannt haben. Denn...


Marlenes Schrei gellte über die Lichtung, während ich den Fehler machte, einen gehetzten, noch schlaftrunkenen Blick zurück zu werfen. Ich sah aus dem Augenwinkel dieses… Ding… das ihr hinterher setzte. Es hatte ein abartiges Grinsen auf den Lippen, das seinen Kopf in zwei Teile zu spalten schien, wenn es noch ein bisschen breiter gewesen wäre. Scharfe Reißzähne blitzten gelblich und vermodert auf, obwohl die einzige Lichtquelle weit und breit ein von den Wolken verdeckter Halbmond war. Die Augen waren auf den Himmel gerichtet, und es bewegte sich nicht, sondern schien mehr von einem Ort zu verschwinden und am nächsten Punkt wieder aufzutauchen. Ohne auch nur mit den Wimpern zu zucken. Dunkelheit. Mehr konnte ich nicht erkennen. Wenige Sekunden später war es ein Wolf. Dann ein Motorrad. Zuletzt eine Fahnenstange, die sich mit erschreckender Zielgenauigkeit direkt durch ihren Kopf bohrte und kurz darauf im Boden steckenblieb. Ihr Körper streckte sich aufgespießt dem Himmel entgegen. Ihr Mund hatte die überraschte Form eines "o" angenommen. Ihre Augen weiteten sich noch. Sie krisch abermals mit diesem Ding in der Stirn, bevor ihre geballten Fäuste erschlafften. Wie eine Art Mahnmahl hing sie nun über dem geschehen und rutschte langsam an dem Metall ab, welches begann unter dem verschmierten, roten Farbton hungrig zu glänzen.

Ich stolperte, und fiel. Der Boden war matschig und das ekelhafte Zeug verkrustete sich unter meinen Fingernägeln, als ich versuchte, mich aufzurappeln. Keine Chance. Jonas rief meinen Namen und zog mich auf die Beine. Sie gaben abermals unter mir nach. Ihm entfuhr ein frustriertes Knurren. Mein Blick wanderte zurück zu dem schrecklichen Anblick, in der Hoffnung, dass mein Gehirn mir nur einen Streich spielte. Doch die Fahnenstange war weg, und meine Gedanken viel zu konfus, um noch irgendeinen Sinn zu ergeben. Es war so kalt. Lagerfeuer. Wärme. Fort. Dafür sah ich aber mehr von… Denen.

Striemen gingen von ihnen aus, als ob sie diese dürren Gestalten belustigt umschmeicheln würden, während sie immer wieder verschwanden und immer wieder auftauchten. Eines von diesen Dingern zerriss Christoph als Vogelschwarm in der Luft, der schon gestorben war, als sich ein Messer selbstständig in seinen Rücken gebohrt hatte. Das Schnappen der Wirbelsäule hallte unangenehm laut über die Lichtung. Ein Anderes riss Jaqueline als Steinbrocken nieder, zerquetschte ihren Schädel so, dass das Knirschen meinen Schrei übertönte, und die Blutspritzer beinahe bis zu uns hinüberreichten. Damian streckte noch eine Hand nach uns aus. So hilflos. So flehentlich. Er wurde plötzlich von einem Brandt eingeschlossen, der nicht rot, sondern eigengrau glühte. Die Hitze verbrannte meine Haarspitzen, obwohl sie noch so unendlich weit weg, und somit außerhalb meiner Reichweite waren. Aus meiner Kehle drang kein Geräusch mehr.  Jonas packte mich und riss mich hinter sich her. Meine Beine wollten nicht. Konnten nicht.

Das Lachen der Wesen war ohrenbetäubend als sie sich immer weiter verwandelten. Mannequins, deformierte Menschen, Albtraumgestalten. Dürre Fühler streckten sich mir entgegen. Spinnen rannten auf uns zu. Bäume streckten ihre Äste zu uns hinab. Raubtiere nahmen unsere Fährte auf. Sie waren Etwas. Etwas und somit Alles. Kein Entkommen.


Ich will vergessen.

Ich will mich wehren.

Ich will um mich schlagen.

Ich will mir diesen ganzen Mist möglichst laut von der Seele kreischen.


Mindestens so laut wie… dieses abartige Lachen der Dinger, als sie begonnen hatten, uns zu verfolgen. Lauter als ich Jonas angeschrien hatte, der Jahre brauchte, um den verdammten Motor zu starten. Lauter als das Dröhnen im Kopf, dass mir den Atem raubt, und eine ekelhafte Leere in meinem ganzen Gehirn hinterlässt. Lauter als die Welt. Lauter als meine Panik…

Die Landschaft jagt an uns vorbei und doch bleibt die Nacht wie ein tiefer, auswegloser Schleier über unseren Köpfen. An den mittlerweile leicht vernebelten Seiten kann ich die Bäume vorbeiflitzen sehen. Der Jeep seufzt protestierend. Er scheint sein Limit an PS erreicht zu haben. Sie sind kaum mehr als eine verschwommene Linie irgendwo weit weg vom Horizont, und irgendwann weiß ich nicht mehr genau, wo Fantasie beginnt, oder Realität aufhört. Alles fühlt sich einfach nur falsch an.


Ich will schreien.

Aber ich tue es nicht.

Ich kann nicht.


„Pass… pass einfach auf die Straße auf…“, flüstere ich, wobei ich mein Bein ein wenig zurück ziehe und er seine Hand wieder aufs Lenkrad legen muss. Sein Gesichtsausdruck wirkt verletzt, was mir ebenfalls weh tut. Doch ich weiß es. Und er darf nicht wissen, dass ich es weiß.

Ich hasse den Aufruhr in meiner Stimme, aber das Adrenalin raubt mir sowohl Nerven als auch Sinne. Mein Körper zittert. Trotz der Wärme. Die heftige Bewegung ist wohl auf einen Schock zurückzuführen, doch ich bin weit entfernt von jeglicher Logik. Ein kurzer Blick in den Rückspiegel. Lagen schon immer so viele leere Getränkedosen auf dem Sitz hinten? Ich zittere so unendlich stark.

Stark.

Stärker.

Am stärksten.


Abgesehen von meiner Hand.

Auf die konzentriere ich mich ganz besonders, sodass sie vollkommen bewegungslos daliegt. Sie spielten mit uns. Die Drecksviecher spielten mit uns. Ich will nicht, dass sie wissen, was ich weiß. Wir waren nur ein lächerlicher, unbedeutender Zeitvertreib. Ich will nicht wissen, dass meine Freunde tot sind. Wir waren in ihren Augen nicht mehr als Spielzeug und es war nur eine Frage der Zeit, bis sie uns nicht mehr amüsant genug finden würden. Ich will ganz besonders nicht, dass „Jonas“ das Klimpern der Autoschlüssel in „seiner“ Jackentasche hört.

Ich will ehrlich gesagt einfach nur schreien.


Doch stattdessen hefte ich meinen gläsernen Blick stumm auf die endlose Straße.

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