Deutsches Creepypasta Wiki
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Sanft wiegen sich die Flammen der Kerzen in der warmen Nachtluft, die durch das offene Fenster in die kleine Kammer strömt. Die Sterne funkeln am wolkenlosen Firmament und der Mond liebkost mit seinen Strahlen die Bäume und Sträucher, die in sommerlicher Blüte stehen. Vom Schein einiger Kerzen beleuchtet sitzt er an seinem Fenster und blickt sehnsüchtig in die Ferne. Trotz der Schwüle der Nacht fühlt er einen kalten Schauer über seinen Rücken kriechen. Die Sterne, die nur für ihn zu funkeln scheinen, erfüllen ihn nicht mit der üblichen Ruhe, die er bei ihrem Anblick sonst empfindet. Heute scheint ihr Licht kalt und anklagend. Die Mater Dolorosa in der Ecke scheint ihr Angesicht abzuwenden, als sein tränenumflorter Blick ihr durchbohrtes Herz flehend ansieht. Seine Hände zittern leicht, als er sie zum stummen Gebet faltet.

Tage zuvor: Mit strammen Schritten durchschreitet er die Flure des alten Gebäudes. Seine Schritte hallen auf dem Marmorboden und erzeugen einen militärisch anmutenden Ton, welcher ihm ein Gefühl von Sicherheit gibt, von Bedeutsamkeit. Seine Kleider wehen hinter ihm her, wie von einem plötzlichen Sturm erfasst. Er hat den Blick niedergeschlagen, die Hände verschränkt. Er grüßt nicht, als bekannte Gesichter an ihm vorbeiziehen. Für ihn gibt es jetzt nur noch ein Ziel.

Als er die Kapelle betritt, weht sein Mantel nicht mehr. Äußerlich wirkt er nun ruhig. Er wirft sich in der leeren Kapelle nieder. Das Gesicht auf den Boden gepresst weint er leise, wagt es nicht, aufzusehen. Die Ikonen der Heiligen, welche die Wände säumen scheinen ihn mit Spott und Verachtung anzustarren. Er weiß, was das Richtige ist, weiß, was er tun muss. Doch warum fühlt sich das vermeintlich Richtige nur so falsch an?

Als die Sonne bereits untergeht, erklingt erneut ein schneller Schritt durch die Flure. Diesmal sind die Schritte weniger gehetzt. Nun sind sie zögerlich, schwer. Die Flure sind nun fast leer. Genau wie das innere seiner Brust. Verlassen und allein. Seine Schritte stoppen vor einer schweren Tür mit einem goldenen Namensschild darauf. Er hat diesen Namen schon unzählige Male gelesen, geschrieben und ausgesprochen, hat den Namen angefleht oder verflucht, hat ihn mit Abscheu und Ehrfurcht gesprochen. Doch dieses Mal scheint der Name auf dem Schild so fremd, als hätte er ihn noch nie zuvor gehört. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne spiegeln sich auf dem polierten Schild und illuminieren den darauf stehenden Namen. Er klopft langsam an der Tür. Dreimal. Laut und kräftig. Er zuckt zusammen, als ein deutliches „Herein!“ erklingt.

Der kleine, glatzköpfige Regens scheint in Aufbruchsstimmung, doch als er seine verweinten Augen sieht, legt er seine Sachen wieder ab und lädt ihn mit einer Geste ein, sich zu setzen. Mit leiser Stimme erzählt er, zuckt jedes Mal vor dem Klang seiner eigenen Stimme zusammen. Der Regens legt die Stirn in Falten, faltet die Hände vor dem Mund und hört schweigend zu. Er nickt ab und an und murmelt Worte der Zustimmung, doch die Augen hinter den Brillengläsern sind ausdruckslos und kalt. Als er geendet hat, erhebt sich der Regens langsam. Er steht ebenfalls auf, teils aus Reflex, teils aus Anstand. Die Glatze legt ihm einen Arm auf die Schulter und sagt, er habe das Richtige getan. Dann geleitet er ihn zur Tür.

Der kommende Morgen beginnt wie ein Traum. Vogelstimmen läuten einen herrlichen Sommertag ein, als sich die Männer zum Frühstück eintreffen. Er ist wie üblich sehr früh da und sein Blick fällt gleich auf den Regens, der ihn mit besorgtem Blick mustert. An seinem Tisch sitzen die Entscheidungsträger und die wichtigsten Mitglieder des Seminars. Größtenteils alte, strenge Männer, die so fromm waren, dass sie vermutlich Weihrauch furzen konnten. Einer von ihnen, ein sehr dürrer und alter Mann, dessen Gesicht so eingefallen ist, dass es einem Totenschädel glich, erhebt sich von seinem Stuhl und schreitet mit finsterer Miene zu ihm hin. Er ergreift seine Hand und drückt sie stumm. Dann wendet er sich ab und geht auf einen sichtlich verwirrten jungen Mann zu. Als er ihn sieht, beginnen seine Knie zu schlottern, er beißt sich auf die Zunge und kämpft gegen Übelkeit und Tränen zugleich. Der dürre Alte redet mit wilden Gesten auf den jungen Mann ein, dessen Blick hilflos durch den Raum schweift. Als er ihn sieht, füllen sich seine Augen mit Tränen. Sein Mund formt ein Wort: „Warum?“

Nun ist die Schlacht gegen die Tränen geschlagen. Der Damm bricht und die heiße, salzige Flüssigkeit füllt seine Augen. Durch den Schleier dringen nur vereinzelte Worte an sein Ohr. „Sodomit“, „suspendiert“ und „Sünde“. Er schlägt den Blick nieder, als er die schwere Hand des Regens auf seiner Schulter spürt. „Es war das Richtige.“, sagt er mit leiser Stimme, ehe er den jungen Mann aus dem Raum geleitet.

Zurück in der Gegenwart: Er blickt in den dunklen Raum. Sein Blick fällt auf das Bett, wo er sein sollte. Das Bett, das nun leer ist. Hier hat er es getan. Hier hat er es ihm gesagt und hier ist er…

Er denkt den Gedanken nicht zu Ende. Langsam faltet er den Abschiedsbrief auf und wirft einen letzten Blick darauf. „Es war das Richtige.“, hallt die Stimme des Regens durch seinen Kopf. „Warum?“, fragt der weinende Mann. Die Mater Dolorosa schweigt. Er legt den Brief langsam auf das Fensterbrett. Der Rosenkranz in den zittrigen Fingern gibt ein rasselndes Geräusch von sich, als er das Kreuz daran küsst. Dann atmet er tief ein und springt aus dem Fenster.

Der Regens sitzt schweigend hinter seinem Schreibtisch. Der dürre Alte tritt ein und blickt ihn geschockt an. „Stimmt es, dass…“, fragt er nur. Statt zu antworten, reicht der Regens ihm den Zettel, den er auf dem Fensterbrett gefunden hat. Darauf steht nur ein Wort:

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Autor: Kurator MGR

Gewidmet: Für T.

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