Atme ein... atme aus.

Bleibe im Rhythmus... bleibe ruhig.

Konzentriere dich nicht auf sie ... lege deinen Fokus auf die Anderen.

All diese Dinge versuche ich mir einzureden, während ich wie angewurzelt auf einer von 32 weißen Kacheln stehe, die gemeinsam mit weiteren Kacheln gleicher Anzahl, deren Farbe jedoch von einem glänzenden Schwarz sind, eine im gleichmäßigen Abstand von hell zu dunkel wechselnde Oberfläche bilden auf welcher außer mir 17 weitere Spieler einen ihnen zugewiesenen Platz belegen. Ich weiß, ich sollte meinen Blick eben auf diese 17 Leute richten, doch meine Augen wandern immer wieder hinauf zu der kleinen Tribüne, von der zwei Männer mit nachdenklicher Miene zu uns hinunter blicken. Hinter ihnen befindet sich eine große Uhr zwischen den ledernen Sesseln beider Herren und zählt im gleichwährenden Takt von 60 rückwärts auf 0. Ich habe gehört, dass sie in der Regel von 150 runter zählt, doch die bereits vom Alter gezeichneten Spieler haben den Ruf die Besten der Besten zu sein.

Der Rechte hat ein hoffnungsvolles Leuchten in den Augen, während sich der Linksplatzierte die ersten stressbedingten Schweißperlen von seiner Stirn tupfen muss. Schwarz ist am Zug - der rechts Sitzende betätigt ein paar Knöpfe auf der kleinen Tischfläche vor sich und keine drei Sekunden später leuchtet eine grünlich schimmernde Kombination aus Zahlen und Buchstaben auf dem großen Monitor oberhalb der Spielfläche auf.

G7 auf A7

Innerhalb eines kurzen Augenblicks setzt sich die junge Frau mit den feurig roten Haaren und der imposanten Rüstung in Bewegung und schnellt auf den schlanken und großgewachsene Mann zu, der gut sieben Meter neben ihr steht. Mit Geschick und einer herausragenden Geschwindigkeit lässt dieser die Spitze seines gut zwei Meter langen Speers durch die Luft schnellen, doch er kann mit seiner athletischen, aber trotzdem recht hageren Statur, nicht genügend Kraft aufbringen, um mit seiner Waffe, obgleich ihrer Tödlichkeit, die schimmernde schwarze Rüstung seiner Gegnerin zu durchbrechen.

Mit einem stöhnenden Schrei der Anstrengung, lässt die Königin die blitzende Klinge ihres mächtigen Schwertes durch die Luft sausen und teilt die Waffe ihres Gegenspielers in zwei Hälften, nur um unmittelbar darauf ein weiteres Mal auszuholen und den glänzenden Stahl durch dessen schwachen Panzer in seinen Brustkorb zu stoßen, aus welchem augenblicklich knallig rotes Blut heraus strömt, als das scharfe Metall aus dem Rücken des zusammenbrechenden Mannes tritt und seinem Leben ein jähes Ende bereitet.

Während der Körper auf der schwarzen Kachel zusammen bricht und reglos liegen bleibt, kann ich die sich ausbreitende Lache auf den umliegenden glatten, weißfarbenen Steinplatten erblicken, welche die, in stählernen Stiefeln steckenden, Füße der Frau umspielt und ihre Erscheinung umso bedrohlicher gestaltet.

Meine Augen wandern hinauf zum Monitor...

Schach!

Mein Atem stockt, meine Muskeln frieren ein und eine geisterhafte Blässe breitet sich auf meiner eiskalten Haut aus. Mein erstarrter Leib ist gefangen in einer gewaltigen Rüstung und in meinen Händen halte ich ein Schwert, dass zwar nicht so monströs und furchterregend wie das der Königin, aber dennoch todbringend genug ist, um mich ihres bevorstehenden Angriffes erwehren zu können.

Meine Augen wandern wieder hinauf zu den beiden Spielern. Beide haben sicherlich mehrere tausend Dollar dafür bezahlen müssen, um an einem dieser Spiele teilnehmen zu können. Soviel ich weiß gründete ein ehemaliger Weltmeister namens Adrian Santario diese kleine Untergrundgesellschaft hier gemeinsam mithilfe von einem guten Freund und vier überaus ehrgeizigen Wissenschaftlern, deren Abbilder wir allem Anschein nach sind. So wurde es mir erzählt. Je reicher, umso sadistischer - so hatte mir ein Gleichgesinnter versucht die Menschen zu beschreiben. Manche verloren sogar absichtlich, um möglichst viele Figuren sterben zu sehen.

Nach meiner Geburt wuchs ich schnell heran und mehrere Monate lang wurde ich trainiert. Nun stehe ich auf dem Spielfeld und sehe voller Verzweiflung in die Augen des Mannes von dessen Entscheidung mein so unbedeutsames Leben abhängt. Er schaut enttäuscht drein, während sich im Gesicht seines Gegners bereits der Ausdruck des Trimphes manifestiert hat.

Ich habe nie viel von diesem Spiel verstanden, nur die Grundregeln, um später die entscheidenden Befehle auch vernünftig ausführen zu können, doch jetzt wusste ich, dass ich so gut wie verloren war. Ich wusste es schon vor den letzten fünf Zügen... und ich habe Angst. Ich habe noch nie in meinem Leben Schmerzen verspürt, doch ich habe gehört sie sollen grauenvoll sein. Ich habe gesehen wie sie sich abgeschlachtet haben, habe gehört wie sie schreiend vor Leid in sich zusammen fielen und dann nicht mehr aufstanden. Als erstes traf es die kleinen Männer.

Natürlich sind sie nicht wirklich klein, sondern in etwa genauso groß wie jeder von uns, doch so wurden sie uns vorgestellt und so haben wir sie seit jeher genannt. Sie waren es die zuerst getötet wurden, zumindest ein großer Teil von ihnen. Sie besaßen keine dicke Rüstung oder gar ein Schwert, nein. Alles was sie am Leibe trugen war ein viel zu dünnes Kettenhemd und ihre Waffe war ein einfaches Messer. Gegen die Speere der Sprinter, die Keulen der Reiter oder den schweren Hammer der Festungswächter hatten sie keine Chance.

Ich sehe über das Spielfeld, während im Hintergrund die unheilvollen Zeiger der Uhr vor sich hin ticken.

Tickkkk... mehrere Meter links von mir hat sich ein Festungswächter auf A2 platziert.

Tickkkk... unmittelbar vor mir, auf G3, steht ein Reiter und schwingt bedrohlich seine Keule, während er mich anstarrt. Ich wette er hofft auf ein baldiges Ende dieses Schreckens und ich bin sicher, das wird er ziemlich bald bekommen.

Tickkkk...auf D5 steht ein Sprinter. Auch er hat mich fest ins Visier genommen und wartet nur auf den Befehl meines und dann seines Gebieters.

Tickkkk... auf dem Feld verteilt stehen ein paar kleine Männer verteilt, doch sie sind momentan weder eine Bedrohung noch ein Hindernis. Doch auch sie haben diesen starren eiskalten Blick, mit dem sie mich zu durchbohren versuchen, so als wären es die Speerspitzen der Sprinter, von denen bereits bis auf einen alle getötet wurden.

Tickkkk... und auf A7 - steht die Königin und schaut mich erwartungsvoll an. Sie will mich einschüchtern, will mich signalisieren, dass ich mich nicht wehren soll, damit es schnell vorbei ist. Sie hat die Situation in welcher ich stecke erkannt.

Tickkkk...in ihrem Schatten versteckt sich der Erhabene - jene Figur, deren Tod diesem perfiden Spiel ein Ende bereitet. Sie bewacht ihn von vorne und zu seiner Linken steht ein Festungswächter, der keinem Angreifer eine Chance gibt zu ihm hindurch zu dringen.

Ich schaue auf. Er kann nichts tun. Er hat verloren - ... Ich bin verloren.

Er macht seinen Zug.

G1 auf F2.

Er hat aufgegeben.

Ich sehe wie die Königin einer wilden Bestie gleichend auf mich zu stürmt und die Klinge ihres Schwertes hebt, wobei eine wirre Mischung aus Angst und Mordlust in ihren Augen funkelt. Ich hebe meine Waffe mit der letzten Kraft die ich noch besitze. Mein diagonaler Schritt von G1 auf F2 war mein letzter Schritt; jetzt gab es keine Flucht, keine Verteidigung... keine Hoffnung.

Durch den hohen Anteil an Adrenalin, der ihren Körper durchfluten muss, schmettert die Königin ihre Klinge mit solch einer Kraft auf mich nieder, dass sie die Meine wie einen Spiegel zerschlägt und ihr dahinter befindliches Ziel, nämlich mich, ebenfalls trifft. Ich beginne zu wanken, starre entsetzt auf den tiefen Schnitt der in meiner Rüstung klafft und auf ein paar Tropfen Blut die von der unterhalb des Panzers beigefügten Wunde herrühren. Sie ist nicht tief, doch ich weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie zum nächsten Schlag ausholt. Ein Schlag, der tötet... Sie zögert nicht lange.

Das grausige Metall durchdringt meine Rüstung ohne weitere Probleme und schneidet tief in mein kaltes Fleisch. Das Gefühl, welches mich durchfährt, ist kurz. Ist er das? Ist dies der Schmerz, den alle so fürchten? Es ist ein sehr unangenehmes Gefühl, doch... ich fühle Freiheit. Zum ersten Mal in meinem kurzen Dasein auf Erden - fühle ich Freiheit. Mein Körper sackt zu Boden, hinab auf die schwarzen und weißen Kacheln, die auf mich inzwischen wie das wirken, was unsere Schöpfer als Grabsteine bezeichnen. Ob ich auch einen bekommen werde? Vermutlich nicht. Unseresgleichen verschwindet in einer Leichengrube deren Inhalt mit Spiritus übergossen und verbrannt werden wird. Ich werde verschwinden, aus der Geschichte ausgelöscht werden, falls ich überhaupt jemals ein Teil von ihr war. Schließlich bin ich nur einer von vielen; eine einfache Schachfigur.

Niemand weiß von mir außer meine Schöpfer, die Spieler und meinesgleichen. Doch letzteren bringt das Ende des Spiels nicht das Ende jenes Terrors in welchem sie täglich bestehen müssen. Sie werden einfach in den nächsten Kampf geschickt und die, die gefallen sind, werden durch neue Imitate ersetzt. Ich wünschte ich könnte in Würde sterben, doch dieses Privileg steht nur den Schöpfern und ihresgleichen zu. Ich bin nur ein Klon, ein menschliches Spielzeug ohne jeglichen Wert. Gezüchtet, um zur Unterhaltung meiner Schöpfer und ihrer Gäste zu töten oder getötet zu werden.

Meine Atmung versagt, jeder einzelne Muskel in meinem Leib erschlafft und alles was meine schwächer werdenden Augen noch erkennen können, ist das rote Licht auf dem Monitor über mir.

Schachmatt...

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