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„Elvira. Elvira! Komm sofort her.“ erklang die kraftvolle, aber panische Stimme ihrer Mutter. Elvira war daran gewöhnt, ihr zu gehorchen. Doch gerade jetzt gab es Wichtigeres. Und das, was wichtiger war, hatte kleine schwarze Knopfaugen, eine putzige Schnauze, einen stacheligen, stacheligen Körper und kauerte verängstigt auf der Straße vor ihrem Haus.

„Mein Gott! Elvira! Das ist gefährlich. Du kommst jetzt sofort zu mir!“ schrie ihre Mutter mit wachsender Ungeduld. Und Elvira wollte auch gehorchen. Dieser wohlbekannten Stimme folgen, nach der sie ihr ganzes bisheriges Leben ausgerichtet hatte und auf die sie – das dachte sie zumindest zu dieser Zeit – wohl ihr ganzes Leben lang hören würde. Aber heute nicht. Heute würde sie den kleinen Igel retten. Er hatte doch sonst niemanden. Sie streckte die Hände aus, wusste aber nicht, wie sie ihn anfassen sollte. Seine Stacheln machten ihr Angst.

In diesem Moment hörte sie das Auto heranrasen. Der Fahrer war unkonzentriert und achtete nicht auf die Straße. Und er fuhr viel zu schnell. „Elvira!“ schrie ihre Mutter ein weiteres Mal, und gerade, als sich Elvira endlich dazu überwunden hatte, den verängstigten Igel anzufassen, packte sie ihre Mutter und riss sie zurück. „Nein! Ich kann ihn noch retten, Mama.“ Und das stimmte. Das Auto war noch weit genug weg. Elvira strampelte und wehrte sich heftig, doch hatte sie keine Chance gegen den festen Griff ihrer Mutter, der sie unaufhaltsam auf den Bürgersteig zog.

Elvira konnte den Tod des Igels nicht genau beobachten, da der Wagen alle Einzelheiten verbarg. Aber sie hörte das ekelhafte Geräusch der Igelknochen, die unter dem Gewicht zusammengedrückt wurden, und sie sah den zermatschten kleinen Körper, durch den Reifenspuren gingen, nachdem das Auto vorbeigefahren war. Auch wenn von dem Igel nicht viel mehr als Blut und gebrochene Stacheln auf schmutzigem Asphalt übrig blieb, ging von ihm eine stumme Anklage aus. Er schien zu fragen: Warum hast du mich nicht gerettet? Warum hast du nicht sofort zugegriffen?

Aus diesem Erlebnis hätte die kleine Elvira viele Lehren ziehen können. Dass das Leben kostbar ist, zum Beispiel. Oder dass man sich von der eigenen Angst nicht aufhalten lassen sollte, wenn es darum geht, ein Leben zu retten. Doch auch wenn diese Gedanken ebenfalls durch ihren jungen Kopf gegeistert waren, während sie die kommenden Tage betrübt in ihrem Zimmer vor sich hingebrütet hatte, so spielten doch zwei andere Lehren eine weitaus größere Rolle: Nämlich, dass man nie zögern, sondern immer beherzt zupacken muss, und dass man nie von jemandem abhängig sein sollte. Vor allem letztere Leitlinie hatte die kleine Elvira in die Position gebracht, in der sie sich jetzt befand. Sie war der Fremdbestimmung der mütterlichen Arme entwachsen und hatte sie nie mehr gegen etwas eingetauscht.

In manchen Momenten verstand sie zwar den Reiz, der in der gegenseitigen Abhängigkeit einer verbindlichen Beziehung oder einer ernsthaften Freundschaft lag, aber letztlich schien es ihr den Preis nicht wert. Sie wollte immer bereit sein, ohne erzwungene Zurückhaltung zu reagieren. Egal, ob nun ein Igel oder ein Unternehmen gerettet werden müsste. Wobei sie natürlich inzwischen auch die Ausrottung sämtlicher Igel für ihren Erfolg in Kauf genommen hätte. Prioritäten änderten sich eben.

Einen Moment lang gab sie sich der Illusion hin, dass sie mit dem Typen, mit dem sie heute Nacht ihr Bett geteilt hatte und in dessen Armen sie gerade aufwachte, eine feste Beziehung führen würde. Dieses Gedankenspiel spielte sie häufiger. Dabei wusste sie nicht mal so richtig, wie der Mann hieß – vielleicht „Stefan?“ oder „Sebastian“? oder „Kevin“? – oder ob es sich um einen ehrgeizigen Mitarbeiter, einen Gigolo oder irgendeinen notgeilen Typen von der Straße handelte. Diese Details interessierten sie nicht. Sie hatte an Winner entsprechende Vorgaben übermittelt – warum auch nicht, immerhin war der Typ von Beruf „Werber“. Demnach sollten ihre Sexualpartner folgsam sein, diskret, reinlich und weder zu dumm noch zu schlau. Und natürlich sollten sie gewisse körperliche Merkmale aufweisen.

Dieses unromantische Prozedere spielte für die Illusion aber keine Rolle. Genauso wenig, dass Elvira keinen Pfifferling auf das Wohlergehen oder die Gesundheit dieser Männer gab. Wenn sie schweigend in ihren Armen lagen, waren sie eine geeignete Projektionsfläche für die köstliche Illusion von Harmonie. Und das Schöne an solch einer Illusion war: Sie verpflichtete zu nichts.

Sie entschied, dass der Mann mit dem kantigen Kinn und den kurzen, braunen Haaren, der in Elviras Armen lag und der ein recht brauchbarer Liebhaber war, heute Jonathan hieß. In Erinnerung an ihren widerspenstigen, schnuckeligen Doktor, der ihr leider durch die Lappen gegangen war. Jonathan und sie waren seit zwei Jahren verheiratet, sie hatten sich in einer Bar kennengelernt, wo sie sich aus lauter Verzweiflung über die Welt volllaufen ließ. Sie hatte sofort gewusst, dass sie den gleichen Schmerz teilten. Seitdem hatten sie sich endlich vollständig gefühlt. Vor kurzem waren sie zusammen in ein kleines Haus gezogen. Sie hatten noch keine Kinder, aber einen Golden Retriever namens …

„Guten Morgen …“ murmelte „Kevin“ oder „Dave“ oder „Tim“ und zerstörte damit ihre mühsam aufgebaute Traumvorstellung. Sie hasste ihn sofort dafür. Vielleicht sollte sie auf stumme Typen umsteigen. Allerdings würde das ihre Auswahl stark verringern, und wenn sie einfach die Zungen der Männer entfernte, würde das zu viele Fragen und Unannehmlichkeiten nach sich ziehen. Leider.

Sie wandt sich aus seinem Griff heraus wie eine Schlange und war dabei auch genau so kalt. „Das wäre dann alles. Für eine weitere Runde besteht kein Bedarf. Wenden Sie sich für alles Weitere an Herrn Winner. Guten Tag.“ sagte sie und begann damit, sich anzuziehen. „Karl“ oder „Sascha“ machte einen verdutzten Gesichtsausdruck, und sie hoffte inständig, dass er nicht versuchen würde, sie noch einmal zu berühren. Sie hatte so schon genug zu tun, auch ohne dass sie eine Leiche entsorgen musste. Aber „Dennis“ oder „Christoph“ war schlauer, als sie dachte. Er nickte und griff ebenfalls nach seiner Hose. Anscheinend hatte Winner doch keine so miese Wahl getroffen. Eine zweite Runde kam trotzdem nicht in Frage. Sie hatte zu tun.

~o~

Eine halbe Stunde später saß sie an ihrem Schreibtisch. Winner kam herein.

„Guten Morgen, Frau Djarnek.“ begrüßte er sie. Er hatte ein Tablet in der Hand und machte einen besorgten, aber auch resignierten Eindruck und hatte die Ausstrahlung eines Mannes, der mit seinem Gewissen gerungen und es schweren Herzens ermordet hatte. Sehr gut.

„Haben Sie gut geschlafen?“ fragte er sie und meinte damit, ob sie mit ihrem letzten Liebhaber zufrieden war.

„Ich hatte schon schlimmere Nächte.“ antwortete sie wahrheitsgemäß. „Aber ob mein Morgen gut wird, hängt vor allem von den Zahlen ab, die Sie mir präsentieren.“

Das immerhin zauberte kurz ein Lächeln auf sein Gesicht. Erfolg war anscheinend noch immer das beste Mittel gegen Skrupel.

Winner tippte und wischte kurz auf dem Display des Tablets herum und begann dann zu sprechen. „MannaRed ist inzwischen in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Dänemark, Schweden, Polen, Holland und Belgien erhältlich und im Schnitt haben wir einen Marktanteil auf dem Lebensmittelmarkt von über 60 Prozent. In Deutschland liegen wir sogar bei 90 Prozent. Dutzende von Lebensmittelkonzernen und Hunderte von Restaurants und Supermärkten mussten inzwischen Konkurs anmelden. Die anderen führen nur noch MannaRed. Bald sind auch jene gezwungen, sich davon zu ernähren, die eigentlich den normalen Lebensmitteln treu bleiben wollen.“

Elvira grinste breit. Das war weit besser als der halbgare Orgasmus von heute morgen. „Dann sollten wir unsere treuen Geschäftspartner nicht im Stich lassen. Immerhin wollen auch sie etwas verdienen. Erhöhen sie die Preise für den Anfang auf sieben Euro pro Dose.“

„Das ist viel zu hoch!“ protestierte Winner. „Viele Menschen werden sich das überhaupt nicht leisten können. Außerdem werden wir so keine Neukunden mehr gewinnen.“

Anscheinend hatte Winner noch immer mehr Skrupel als gut für ihn war. Zu viele innere Mütter, die ihn davon abhielten, das zu tun, was notwendig war. „Für Neukunden verteilen wir einfach Rabattcodes. Und was die Anderen betrifft: Die Menschen werden es sich schon irgendwie leisten können. Sie müssen nur kreativ werden. Prostitution, Diebstahl, Medikamententests, überflüssige Organe – es gibt so viele Möglichkeiten, sich etwas dazuzuverdienen. Und wer sich dafür zu schade ist, kann ja noch immer normale Lebensmittel essen. Die gibt es ja jetzt quasi umsonst.“ Elvira lächelte geschäftsmäßig. Natürlich wusste sie genau, dass kein MannaRed-Süchtiger etwas anderes essen würde. Eher würden sie verhungern. Dabei kam ihr ein Gedanke.

„Winner?“

„Ja, Frau Djarnek?“

„Wir haben doch inzwischen bestimmt Engpässe bei der Rohstoffgewinnung, oder irre ich mich?“

Winner schluckte schwer. „Ja, wir werden der Nachfrage gerade noch gerecht, aber lange wird es nicht mehr so bleiben. Die ersten Opfer… ich meine die ersten Rohstofflieferanten zeigen bereits Ermüdungserscheinungen. Ich glaube, bald könnten uns Hunderte von ihnen auf einmal verloren gehen. Und wir finden kaum noch neue Verzweifelte und Obdachlose, die wir für die Produktion verwenden können.“

„Bedauerlich.“ kommentierte Elvira und dachte dabei nicht an die ausgepumpten Menschen, sondern an die zu erwartenden Gewinnausfälle. „Aber vielleicht habe ich eine Lösung dafür. Durch die höheren Preise werden, wie sie angemerkt haben, viele Menschen sich das Produkt nicht mehr leisten können und es dennoch verzweifelt wollen. Was liegt also näher, als diesen Menschen das zu geben, was sie begehren?“

Nun war Winner verwirrt. „Wie meinen Sie das?“

Elvira lächelte ihr bestes Haifischgrinsen. „Nun. Wir könnten beispielsweise eine Teststudie initiieren, bei der wir vordergründig die Formel für eine neue Geschmacksrichtung von MannaRed erproben. Für Süchtige, die knapp bei Kasse sind, ist das ein hervorragender Deal: Wir versprechen ihnen ein wenig Geld, und sie dürfen kostenlos von ihrem Lieblingsgetränk kosten.“

„Aber das ist nicht der eigentliche Plan.“ kommentierte Winner. Dumm war der Mann immerhin nicht, auch wenn ihn die Abscheu in seiner Stimme weiterhin störte.

„Exakt. In Wirklichkeit liegt ihre Belohnung darin, selbst den Rohstoff für MannaRed zu bilden. Eigentlich eine schöne Überraschung. Näher könnten sie dem Ziel ihrer Träume gar nicht sein.“ Sie fand in der Tat eine perverse Freude an diesem Gedanken, auch wenn ein winziger Teil von ihr das gleichzeitig schäbig fand. Diese fast verlorene, jüngere Elvira, die ihr Leben für einen Igel riskiert hatte.

„Wie dem auch sei. Ich will, dass sie sofort eine entsprechende Maßnahme in die Wege leiten. Und außerdem sollten sie die Abfüllung und Vermarktung von MannaBlue vorbereiten. Wenn bereits so viele unserer Rohstoffquellen kurz vor dem Tod stehen, wie sie sagen, werden wir bald auch hier mit der Produktion beginnen können. Unsere wohlhabende Zielgruppe wird für dieses Geschmackserlebnis bestimmt zu gewissen Investitionen bereit sein. Ich denke, 50.000 Euro sind ein angemessener Preis.“ Der Preis für ein Leben, dachte Elvira fasziniert. Der Preis für eine Seele.

„Ok.“ sagte Winner nur knapp. So langsam ging ihr sein Geschmolle auf die Nerven.

„Ist etwas nicht in Ordnung?“ fragte sie ihn mit aufgesetzter Liebenswürdigkeit. „Verspüren Sie vielleicht den Drang, Ihre Seele für die erste Charge MannaBlue zu opfern?“

Winner schüttelte den Kopf. „Nein. Natürlich nicht. Alles in Ordnung.“ Er begann zu schwitzen. Gut so. Angst war der Vater des Gehorsams.

„Wunderbar. Ist sonst noch etwas?“ fragte Elvira.

„Ja.“ erwiderte Winner, und man sah ihm an, dass er froh war, das Thema wechseln zu können.

Er tippte auf den Touchscreen seines Tablets „Das Serum für unsere neuen Supersoldaten findet reißenden Absatz. Nachdem wir es an Nordkorea, den Islamischen Staat, China und Russland verkauft haben, wollen Südkorea, die Amerikaner, die Japaner und verschiedene Staaten der Europäischen Union ebenfalls etwas von dem Stoff. Sollen wir ihn ihnen geben?“

Elvira dachte kurz nach. „ Warum nicht? Nennen sie einfach einen Preis, der der Hälfte ihres Bruttoinlandsproduktes entspricht. Sie werden natürlich ablehnen. Aber wenn sie nur genug unter Druck stehen und um ihre kostbare Bevölkerung fürchten, werden sie letztendlich nachgeben.“

Winner nickte. „Wie Sie wünschen.“

Elvira zog einen Schmollmund. „Etwas mehr Begeisterung, wenn ich bitten darf. Wir sind dabei, Geschichte zu schreiben und die Welt mehr zu verändern als es alle CEOs, Revolutionen und Diktatoren der letzen Zeit sich auch nur hätten träumen lassen. Also sollten Sie nicht klingen, als hätte ich ihnen aufgetragen, sämtliche Nummern des Telefonbuchs schriftlich miteinander zu multiplizieren. Und Sie sollten auch nicht klingen wie das kleine, unterwürfige Anhängsel des großen wahnsinnigen Professors. Sie sind so wenig eine Karikatur, wie ich es bin. Wir sind einfach nur zwei Menschen, denen es bald sehr gut gehen wird.“

„Vermutlich haben Sie recht.“ kommentierte Winner tonlos.

Elvira verdrehte die Augen. “Für jemanden, der im Marketing arbeitet, sind Sie ein erbärmlich schlechter Schauspieler. Aber gehen sie nur zurück in Ihr Zimmer und heulen Sie über die Schlechtigkeit der Welt. Aber erst, nachdem Sie meine Anweisungen umgesetzt haben!“

„Natürlich.“ sagte Winner und verließ dann den Raum wie ein geprügelter Hund. Elvira konnte nicht glauben, wie jemand so verweichlicht sein konnte. Winner war ein brillanter Geist, aber er hatte im Grunde kein bisschen Rückgrat. Es störte sie dabei nicht mal, dass er ihre Methoden in Frage stellte. Diese Position konnte man ihr gegenüber einnehmen. Zwar barg eine solche Haltung das Risiko, einen schmerzhaften und äußerst kreativen Tod nach sich zu ziehen, aber dennoch war es eine legitime Position.

Was sie tat, war unmenschlich, grausam und egoistisch. Das war ihr durchaus bewusst. Sie war keine Psychopathin. Sie hatte emotionale Schmerzen, wenn sie an das Leid all jener Menschen dachten, die für ihren Erfolg zu Schaden kam. In manchen Nächten hatte sie sogar Alpträume. Aber kein großer Erfolg wurde ohne Schmerzen errungen. Kein Marathonläufer gab wegen Seitenstechen einfach auf, kein Boxer verzichtete auf den Sieg, weil er einen Treffer kassiert hat. Und auch Elvira ließ sich von ein paar Tränen nicht zurückhalten. Trotzdem: Man konnte ihr Handeln verurteilen. Das war es nicht, was sie Winner vorwarf. Sie warf ihn vielmehr vor, dass er nicht zu seinen Überzeugungen stand.

Jonathan dagegen. Jonathan war da anders gewesen. Klar, zuletzt war er unter Dr. Kivings Folter eingeknickt. Aber er hatte lange widerstanden. Sehr lange. Winner hätte an Jonathans Stelle wahrscheinlich schon bei der Erwähnung von Kivings Namen alles gestanden, was er weiß. Jonathan war ein verdammter Idealist gewesen. Aber ein mutiger Idealist. Sie stellte fest, dass sie sich noch immer wünschte, ihn in ihr Bett zu bekommen. Sie liebte die Vorstellung, ihn an ihrer Seite zu wissen, wenn sie die Geschicke der Welt erst vollends in der Hand hatte. Als trotziges, rebellisches und hübsches Haustier für besondere Stunden. Natürlich hasste er sie – das war ihr bewusst –, aber Hass war eine starke Emotion. Und starke Emotionen waren doch genau das, worauf eine große Romanze aufgebaut wurde.

~o~

Wie ein mächtige Bombe aus schwarzem Chitin brach die erste Schneidfliege der Welt aus ihrem Kokon hervor und erhob sich sofort in die Lüfte. Das Schlagen ihrer Flügel verursachte ein ohrenbetäubendes, brummendes Geräusch. Lucy hatte nie zuvor etwas derart Beeindruckendes gesehen. Die Fliege war mehr als zwei Meter lang, und ihre schimmernden Flügel besaßen eine Spannweite von fast vier Metern. Obwohl ihr dicker, haariger Körper und der hervorstehende Saugrüssel tiefschwarz waren, waren ihre dünnen, langen Beine von der gleichen schmutzigweißen Farbe wie die Made, aus der sie hervorgegangen war. Auch ihre Facettenaugen besaßen diesen Farbton.

„Mein Gott. So muss sich Oppenheimer gefühlt haben.“ brachte Dr. Jameson hervor, der sich so gar nicht über den Erfolg seiner Experimente freute. Vielmehr kauerte er bleich und zitternd in der Ecke des Labors, wo „Tod“ und „Strafe“ ihn nach wie vor bewachten.

„Wer?“ fragte Lucy verwirrt. Allen unheimlichen Veränderung zum Trotz war sie immer noch ein kleines Mädchen, das von Geschichte nicht allzu viel Ahnung hatte.

„Der Mann, der die Atombombe erfunden hat.“ erklärte Carina, die sich schon immer für Geschichte interessiert hatte, auch wenn man das bei ihrem wilden Äußeren nicht vermuten würde. „Jetzt bin ich zum Tod geworden, der Zerstörer der Welten.“ zitierte sie. „So hieß es doch, oder?“ Sie ging ein paar Schritte auf den verängstigten, glatzköpfigen Dr. Jameson zu, der noch immer nervös in seiner Ecke kauerte und abwechselnd auf die schwebende Schneidfliege und auf das gepiercte Teenagermädchen achtete, dass sich ihm mit geschmeidigen Bewegungen näherte wie ein hungriges Raubtier.

Sie strich ihm über die von Angstschweiß feuchte Wange. Ihr Gesicht formte einen Ausdruck, der lasziv gewirkt hätte, wenn die weißen Linien und der kalte Glanz in ihren schwarzen Augen nicht gewesen wären.

„Sie haben keinen Grund, sich mit Oppenheimer zu vergleichen. Sie haben keine komplexen physikalischen Gleichungen entschlüsselt oder sonst etwas Beeindruckendes vollbracht. Sie hatten mit dem Thyroxin eine nette Idee, mehr aber auch nicht.“ Plötzlich verzerrte sich ihr Gesicht vor Zorn. „Dafür sind Sie bereits vorher zum Tod geworden und haben die Welt zumindest für ihre Kollegen zerstört. Vergessen Sie das nicht. Sie sind kein genialer Wissenschaftler, sondern ein Arschloch, dass nur deswegen noch lebt, weil wir niemand Nützlicheren in der Nähe haben.“

„Sie und Lucy haben auch getötet. Viel häufiger als ich!“ platzte es aus Jameson heraus, auch wenn er sich für sein vorlautes Mundwerk selbst hätte ohrfeigen können.

Carina betrachtete ihn wie ein lästiges Insekt. Und für einen schrecklichen Moment glaubte Jameson, dass sie ihn zerquetschen würde. Dann aber entspannten sich ihre Gesichtszüge. „Das haben wir. Aber wir sind keine Menschen mehr. Wir können kein Mitleid empfinden. Sie dagegen haben diese Fähigkeit und haben ihre Kollegen trotzdem getötet. Aber jetzt genug davon. Finden wir lieber heraus, was unsere Schneidfliege alles kann.“ Sie zog sich von Jameson zurück und betrachtete wieder das majestätische Insekt, welches über ihren Köpfen schwebte.

„Eine gute Idee.“ stimmte Lucy zu. „Ich werde jetzt unser Versuchsobjekt hereinlassen.“ Sie drehte sich zu Jameson und sagte in beinah freundlichem Ton „Dabei handelt es sich sogar um eine Person, die noch weit weniger Wert hat als sie.“ Dann gab sie das vereinbarte Signal und zwei ihrer Kaninchen – ein kleiner blonder Junge und ein braungelocktes Teenagermädchen in Carinas Alter – brachten Erwin Schröder herein. Erwin Schröder war ein blasser, hellblonder Mann skandinavischen Typs und sah für sein Alter noch immer relativ attraktiv aus. Er besaß sogar ein gewisses Charisma und hätte einen guten Politiker abgegeben. Aber er hatte sich anderen Dingen zugewandt.

„Hallo, Herr Schröder.“ begrüßte Lucy den Mann, der von den beiden Madenkindern an einen Platz direkt unterhalb des gewaltigen Schneidfliegenrüssels geführt wurde. Schröder sah neugierig zu der Fliege hoch. Er zeigte keine Angst.

„Hallo, meine Kleine.“ erwiderte er mit samtweicher Stimme, hinter der sich absolute Kälte verbarg. Lucy musste zugeben, dass ihr der Mann ähnlicher war, als es ihr lieb war.

„Sie wissen, dass Sie sterben werden.“ kommentierte Lucy. „Dass sie qualvoll sterben werden.“

„Ja. Aber ich habe gelebt. Darauf kommt es doch an.“ bestätigte Schröder und grinste dabei selbstzufrieden.

„Und Sie wissen, dass sie hier wegen den Dingen stehen, die sie der kleinen Jenny angetan haben?“

Schröder versuchte gar nicht erst, es abzustreiten. „Möglich. Aber das war es wert. Leider hat sie mit ihren sieben Jahren nicht die Kraft gehabt, lange durchzuhalten. Aber ihre weiche Haut und ihre Schreie waren das Schönste, was ich je genießen durfte.“

In Lucy brodelte die Wut wie nie zuvor und machte ihr Gesicht zu einer unförmigen Schlangengrube. Dennoch blieb ihre Stimme ruhig. „Dann werden wir sehen, ob wir diese Erfahrung noch toppen können.“

„Spucken!“ sagte Lucy, und wie Jameson ihr bereits im Vorfeld versprochen hatte, ergoß sich aus dem Chitinrüssel eine schwarz-weiße Substanz, die direkt auf Schröder landete. Und egal wie kalt und selbstzufrieden der pädophile Psychopath vorher gewesen war – nun war es damit vorbei.

Sofort, als das Sekret seinen Laborkittel berührte, fraß es sich wie ein gieriges Tier durch den Stoff in seine Haut. Seine Brust, die Arme und die Oberschenkel lösten sich mit rasender Geschwindigkeit auf und seine Schreie hatten nichts Menschliches mehr an sich. Leider waren sie nicht so lang wie bei Jenny, deren Verhängnis er erst vor wenigen Wochen geworden war. Aber wenigstens waren sie ähnlich laut. Es dauerte keine dreißig Sekunden, bis von Erwin Schröder nur noch ein Haufen Schleim übrig war, der sich langsam durch die oberste Schicht des Laborbodens fraß, bis er letztlich seine Zerstörungskraft verlor.

Lucy nickte zufrieden. „Ich denke, wir sollten ein paar mehr Fliegen erschaffen. Meinen Sie nicht auch, Jameson?“

~o~

Thomas Schumann sah aus wie ein Gespenst. Sein noch immer dichtes, schwarzes Har lag wirr auf seinem Kopf, sein Anzug war zerknittert und durchgeschwitzt und seine freundlichen, hellgrünen Augen hatten Schwierigkeiten, einen bestimmten Punkt zu fixieren. Er saß verzweifelt und nervös in einer ihm bisher unbekannten Bar in Berlin, hatte sich einen Mojito mit extra viel Rum bestellt und lauschte den Nachrichten. Trotz des tropischen Cocktails war ihm nicht nach Feiern zumute. Er hatte sich von seiner Frau getrennt – nach neunzehn Jahren Ehe.

Er hatte ihr etwas von einer bereits seit längerem andauernden Affäre erzählt und behauptet, dass aus ihrer Beziehung einfach die Luft raus sei. Dass er ein Sabbatjahr einlegen und auf eine Selbstfindungsreise durch die Welt gehen wolle, und das sie alles haben könne, außer fünftausend Euro Bargeld und dem kleinen Elektroauto. Den SUV, das Haus, den Rest von seinem Geld. Einfach alles. Vor lauter Verwirrung hatte sie zugestimmt. Jedenfalls demzufolge, was er zwischen ihren Wein- und Schreikrämpfen heraushören konnte. Dann hatte er ein paar Sachen gepackt, war in den Wagen gestiegen, hatte sich ein Hotel genommen und war letztendlich in dieser Bar gelandet.

Er wusste nicht, wie es nun weitergehen sollte. Er hatte den Tipp bekommen, dass sie Morgen die Redaktionsräume stürmen würden, und ihn an seine Mitarbeiter weitergegeben. Sein Job war Geschichte und wahrscheinlich hatten sie einen Killer auf ihn angesetzt. Aber das war ihm im Moment reichlich egal. Viel schlimmer war die Tatsache, dass es keine Affäre gegeben hatte. Dass er seine Frau noch immer fast so stark liebte wie in den ersten Wochen ihres Kennenlernens. Und dass er trotzdem keine andere Möglichkeit gesehen hatte, um sie zu schützen. Sie würde ihn hassen. So richtig hassen – immerhin hatte er seine Affäre in jedem pikanten, fiktiven Detail beschrieben und sich wie das perfekte Klischee eines gefühllosen Mannes benommen, der nichts bereute.

Aber sie wäre immerhin aus der Schusslinie. Wenn sie bei ihm geblieben wäre, hätte er nicht für ihre Sicherheit garantieren können. In Deutschland war nun alles möglich. Demokratie und Rechtsstaatlichkeit lösten sich bereits auf. Zwar hatte er die Bevölkerung mit seinen Veröffentlichungen wachgerüttelt und die Geheimhaltung zerstört, wie es die Bilder auf dem Bildschirm eindeutig bewiesen, aber das war nur ein letztes Aufbäumen. Es wurden überall Redaktionen geschlossen, Journalisten ohne Gerichtsverfahren weggesperrt und sogar auf Demonstranten geschossen.

Die Väter des Grundgesetzes hatten vielleicht an die Bedrohung völkischer Verführer und gnadenloser Diktatoren gedacht. Aber nicht an monsterhafte Maden, lebende Tote und andere übernatürliche Schrecken.

Noch hatte er seinen Drink nicht angerührt. Seine eigenen Gedanken und das, was er in den Nachrichten hörte – wahrscheinlich den letzten freien Nachrichten überhaupt – verstörte ihn viel zu sehr.

„Szenen der Apokalypse. Verschiedene Videoclips aus unterschiedlichsten Quellen haben den Beweis geliefert, dass Deutschland von alptraumhaften Madengeschöpfen und lebenden Toten angegriffen wird. Und das schon seit mehreren Wochen. Abertausende von Menschen werden vermisst oder wurden bereits tot aufgefunden. Wie es zum Auftreten dieser Kreaturen gekommen ist und wie viele es sind, ist noch unklar. Aber die Menschen sind verständlicherweise schockiert und empört, dass man diese Gefahr so lange verschwiegen hat, und verlangen, dass die Regierung etwas unternimmt. Ihre Wut und Fassungslosigkeit treibt die Menschen auf die Straße. So gab es massive Proteste und Ausschreitungen in den Innenstädte von Berlin, Frankfurt, Düsseldorf, Dresden, München und vielen anderen Städten.

Die Regierung hat in einem staatsstreichartigen Akt die Grundrechte ausgesetzt und den Ausnahmezustand ausgerufen. Die Polizei geht mit äußerster Brutalität vor. Es gibt hunderte von Verletzten. Auf einer Demo in Berlin wurde eine 71-jährige Dame schwer verletzt in ein Krankenhaus eingeliefert. In Düsseldorf wurden sogar zwei Menschen von Polizisten totgeprügelt. Politiker der noch nicht verbotenen Oppositionsparteien und Vertreter verschiedener NGOs haben sich den Demonstrationen angeschlossen. Die Regierung hingegen verteidigt das Vorgehen und bezeichnet die Proteste als kontraproduktiv und als eine Gefahr für die Sicherheit des Landes. Wie es weitergeht, ist unklar, aber die Lage gerät zunehmend außer Kontrolle.“

Das Gesicht des Nachrichtensprechers war aufrichtig betroffen und besorgt. Aber Schumann wusste, dass bereits in wenigen Tagen jemand dort sitzen würde, der völlig neutral oder mit einem falschen Lächeln davon erzählen würde, wie gut die Regierung alles unter Kontrolle habe.

Schumann konnte kaum glauben, wie schnell die Welt aus den Fugen geraten war. Der schwarze Fleck auf der Sonne, den viele für ein Zeichen der Apokalypse hielten, dieses komische Getränk, das beinah alle anderen Nahrungsmittel ersetzte – es war ein Wunder, dass es in dieser Bar noch etwas anderes gab. Monster und Untote, die sich wie selbstverständlich aus dem Sagenreich in die Realität begaben, die Berichte von Menschen, die sich selbst das Fleisch von den Knochen rissen und sich einem wahnsinnigen Kult anschlossen, der sich „Die Weisen des Gebeins“ nannte. Und nun verwandelte sich eine der stabilsten Demokratien der Welt innerhalb weniger Tage in einen autoritären Polizeistaat. Und das hatte nicht mal mit dem kürzlichen Einzug der Rechtspopulisten ins Parlament zu tun, auch wenn die sich nicht übermäßig über die Polizeigewalt beschwert hatten. Immerhin waren die beiden Toten afrikanischer Abstammung. Doch wenigstens regte sich jetzt kaum einer der ehemaligen Wutbürger mehr über irgendwelche Flüchtlinge auf. Vielleicht sollte man stattdessen versuchen, eine Obergrenze für Monstermaden festzusetzen. Da wäre er sofort dabei.

Aber weder Sarkasmus noch Galgenhumor konnten etwas an Schumanns Weltuntergangsstimmung ändern. Letztlich brauchte er jetzt einfach etwas Ordentliches zu trinken.

Er wollte gerade den ersten Schluck nehmen und freute sich schon auf das Zusammenspiel von kräftigem Rum, aromatischer Minze, braunem Zucker und erfrischenden Limetten, als er den Blick eines Mannes auffing, der ein paar Stühle weiter saß. Es handelte sich um einen völlig unscheinbaren Typen, der wie ein beliebiger Geschäftsmann wirkte, aber die Art, wie er ihn ansah, und vor allem, wie schnell er wieder wegsah, machte Schumann stutzig.

Er holte unauffällig das kleine Gimmick aus der Tasche, welches er sich in einem Anfall von Paranoia zugelegt hatte – einen digitalen Geigerzähler – und hielt ihn in die Nähe seines Getränks, wobei er gut darauf achtete, ihn in seiner Handfläche verborgen zu halten. Der Geigerzähler machte nicht das typische, knackende Geräusch, das man aus Filmen kennt, aber der Wert auf der Anzeige, der weit oberhalb jeglicher irgendwie vertretbaren Grenzwerte lag, machte ihm deutlich, was mit ihm geschehen würde, wenn er dieses Getränk genoss.

Das dort hineingemischte Polonium würde größtenteils wieder ausgeschieden werden. Aber der Rest würde in seinen Blutkreislauf gelangen und innerhalb weniger Tage oder Wochen – je nach Dosis – würde er die Haare und Zähne verlieren und letztlich an der Strahlenkrankheit sterben, ohne das man seinen Tod auf jemand Bestimmten zurückführen konnte. Schumann erinnerte sich an einen russischen Dissidenten, mit dem vor einigen Jahren dasselbe passiert war. Dann legte er etwas Geld auf den Tisch, stand auf und begann zu rennen. Hinter sich hörte er schneller werdende Schritte.

Knochenwald-Serie:


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