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Kapitel 19: Gebu – Die große Opferung

Zuerst erwachte der Schmerz.
Hämmernde Schläge eines Presslufthammers versuchten mir den Schädel zu spalten.
Ich gab einen gequälten Laut von mir.
Dann drang die Kälte auf mich ein. Unter dem ersten Schüttelfrost erschauerte ich und bemerkte, dass ich nicht mehr gefesselt war. Mein Unterarm brannte heiß und pochend, doch das war nichts im Vergleich zu dem Hämmern in meinen Schläfen.
Ich tastete mit der anderen Hand den Arm ab und fühlte klebrige Wärme und einen langen Schnitt.
Verdammt, was hatte das zu bedeuten?
Jetzt erst versuchte ich die Augen zu öffnen. Ich konnte sehen, wenn auch nicht viel, denn der bläuliche Schein hatte sich in ein diffuses Zwielicht verwandelt, gerade ausreichend, um die Umrisse der Menhire zu erkennen. Ich befand mich außerhalb des Steinkreises.
Erleichterung übermannte mich. „Volker?“, wisperte ich in die wogenden Schatten hinter der steinernen Barriere. Mahlender Stein antwortete mir. Die Stimme erzeugte ein Echo in der Höhle und ich begriff, dass etwas Furchtbares geschehen sein musste, während ich bewusstlos gewesen war.
Panik schäumte aus der Tiefe hoch, doch ich kämpfte sie nieder.
Wo war Volker?
Warum hatte er mich aus dem Steinkreis gebracht?
Mein Herz jagte. Was sollte ich tun? Hier ging etwas Schreckliches vor, etwas Unerklärliches. Jede Faser meines Körpers schrie: „Lauf!“, aber ich konnte nicht. Kauerte wie paralysiert an den Felsen gelehnt und starrte in die viskose Finsternis, die sich im Innern des Steinkreises zusammenballte.
Dann fiel mir wieder das Streichholzbriefchen ein.
Hastig kontrollierte ich meine Taschen. Bei der hektischen Bewegung schwoll der hämmernde Kopfschmerz an. Ich unterdrückte ein Stöhnen.
Die erste Tasche enthielt nur ein 50 Cent-Stück. Aber in der zweiten Tasche stießen meine Finger auf dünnen Karton.
Endlich! Warum fand man die wichtigen Dinge immer erst in der letzten Hosentasche?
Vor lauter Anspannung bekam ich es beim ersten Versuch nicht richtig zu fassen, es verkantete sich in einer Falte des Hosenfutters, aber dann hielt ich die Rettung in meinen zitternden Händen. Es kostete mich viel Konzentration, den Deckel des Briefchens aufzuschlagen und ein Streichholz aus dem Verbund herauszubrechen, sodass es nicht in der Mitte abknickte.
Mit erzwungener Ruhe wischte ich das Schwefelköpfchen über die Anreißfläche, ein leises Zischen ertönte und eine kleine helle Flamme flackerte empor.
Mein erleichterter Ausruf hätte das Feuer fast wieder ausgepustet.
Geschützt durch den goldenen Schein riskierte ich einen Blick auf den Steinkreis.
Schatten wogten hinter der unsichtbaren Barriere, als wäre der Raum dort erfüllt von schwarzem Rauch, der sich wie bei einem Hurrikan im Kreis drehte und dabei eine Kuppel formte, die dem Verlauf der Höhle exakt folgte. Manchmal entstanden Wirbel und bizarre Formen in der viskosen Finsternis. Bildeten Fratzen und klauenbewehrte Gliedmaßen aus, die über die Felsen kratzten.
Die Ritzungen in den Hinkelsteinen glühten jetzt in einem rötlichen Ton, der mich an Lava erinnerte.
Ich warf einen Kontrollblick auf das Streichholz und entzündete das nächste einfach an der Flamme.
Sie brannten zu schnell herunter. Ich versuchte aufzustehen, aber Schwindel und Kopfschmerzen ließen mich taumeln.
Verdammt! Das Licht würde nicht reichen, um die Höhle zu verlassen.
Was sollte ich tun?
„Volker?“, rief ich lauter. Nichts. Aus dem Innern des Steinkreises klang ein Laut, der an herabfallende Felsblöcke erinnerte. Das Echo dröhnte in meinen Ohren und befeuerte den Kopfschmerz. Ich konnte nicht ewig hier herumlungern und warten!
Das Streichholz war schon wieder heruntergebrannt und ich entzündete das nächste. Dann vernahm ich wieder die kratzige Stimme. Meine Beine begannen zu zittern. Ich wollte zum Tunneleingang, doch mein Körper gehorchte mir nicht. Stattdessen setzte ich den ersten Schritt auf den Steinkreis zu. Nicht dahin! Raus, ich wollte hier raus! Panik übermannte mich. „Fick dich! Du kriegst mich nicht!“, schrie ich dem gestaltlosen Schrecken entgegen. Das Streichholz näherte sich erneut dem Ende.
Ich brauchte einen besseren Plan, oder das Licht ging mir aus. Was immer sich auch hinter den Schatten verbarg, brauchte nur zu warten und ich wäre verloren.
Die Stimme setzte erneut zu einer Rede an, aber ich schrie ihr einfach ins Wort. Fluchte, beschimpfte sie, während ich mich auf das konzentrierte, was ich wirklich wollte, aus Angst, den Faden zu verlieren und der unheimlichen Macht zu erliegen, die mich überhaupt erst hierhergebracht hatte.
Mein Blick irrte ein letztes Mal durch die Höhle. Es gab hier unten nichts Brennbares.
Bevor das Streichholz mir die Finger verbrannte, legte ich es auf das Briefchen mit den verbliebenen Hölzern und platzierte es auf dem Boden. Die Stichflamme, die aus den Schwefelköpfen emporschoss, als alle Streichhölzer gleichzeitig Feuer fingen, verschaffte mir genug Zeit, um den Pullover auszuziehen und länglich zusammenzurollen. Er bestand größtenteils aus Baumwolle und ich hoffte, dass er brennen würde, damit ich die Höhle verlassen konnte. Aus dem Innern des Steinkreises erklang ein wütender Laut, der an berstenden Felsen erinnerte.
Wieder übertönte ich die Entität mit einem Schrei, um sie nicht hören zu müssen, hielt die Kleidungsrolle an die kleiner werdende Flamme und sah erleichtert, dass der Pullover tatsächlich brannte, wenn auch nur unter großer Rauchentwicklung.
Als die Flammen sich tiefer in den Stoff fraßen, stolperte ich vorwärts.
Die raue Stimme verlangte meine Rückkehr, meine Kapitulation, aber der Zwang war nicht stark genug, um die Panik zu durchdringen, der ich mich völlig hingegeben hatte.
Ich erreichte den Tunnel, taumelte hindurch und auf der anderen Seite wieder heraus. Die Säulen erglühten in einem tiefen Scharlachrot, danach stolperte ich schon über die steinernen Stufen, dem Ausgang entgegen, der sich als trüber Fleck irgendwo über mir abzeichnete.
Draußen dämmerte bereits der Tag. Meine schlecht improvisierte Fackel rußte immer stärker, sodass ich husten musste und die Flammen züngelten gefährlich in alle Richtungen, während der Stoff immer mehr zerfiel. Auf halbem Weg musste ich den Pullover fallen lassen, weil er mir den Arm versengte. Ein schleimiges Geräusch verfolgte mich, verlieh mir die Kraft, die ich brauchte, um durch die Dunkelheit zu stolpern, mit dem trüben Ausgang als einzigen Orientierungspunkt.
Wie oft ich hinfiel, wusste ich hinterher nicht mehr zu sagen. Vielleicht lief ich gar nicht wirklich, sondern kroch vielmehr ins Freie, aber es gelang mir, und das war alles, was zählte.

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Kapitel 20: Kauna – Der Preis für großes Wissen

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