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Kapitel 22: Ansus – Seelenfrieden

Wir standen vor dem finsteren Schlund, der uns kreisrund aus dem Felsen angähnte.
Der frostige Morgen versprach einen schönen Tag. Immer wieder war die Wolkendecke aufgerissen und hatte blauen Himmel und manchmal einen Sonnenstrahl durchgelassen, während wir unsere Vorbereitungen trafen.
Mein Herz schlug schnell. Ich packte meine Infrarot-Lampe und den schweren Ring Verlängerungskabel über meiner Schulter fester. Die Lampe hatte ich bereits eingeschaltet. Sie verströmte leichte Wärme, obwohl der eisige Wind das Meiste davon verschluckte.
Dieses Mal gingen wir nicht das Risiko ein, die Lampen erst in der Höhle einzuschalten.
„Wird schon schiefgehen“, brummte Klaaßen neben mir und nickte aufmunternd.
Ohne Akkus mussten wir die Lampen mittels Verlängerungskabel über den Generator betreiben. Wir hatten die Hauptversorgung eingeschaltet und planten, im Innern der Höhle weitere Infrarot-Lampen über die Kabeltrommeln unter den Flutlichtstrahlern anzuschließen. Leider waren die Lampenkabel so kurz, dass wir noch zusätzliche Verlängerungskabel mitnehmen mussten. Jeder trug eine Infrarot-Lampe als Lebensversicherung, die direkt am Generator hing, sodass wir uns die langen Leitungen umgeschlungen hatten. Ich fühlte mich wie mit einer Nabelschnur mit dem Generator verbunden, von dem unser Erfolg abhängig war.
Die anderen Lampen hatten wir aufgeteilt. Zusätzlich hütete nun jeder von uns eine Sprengladung Dynamit, Zündschnur, die bis zum Eingang reichte, und ein Feuerzeug, falls das Licht ausfiel.
Alles in allem hatten wir viel Gewicht zu schleppen.
Der eigentliche Plan bestand daraus, die Kuppelgrotte zu sprengen und den verbliebenen Hohlraum mit Beton aufzufüllen. Dafür stand uns nur ein knappes Zeitfenster von eineinhalb Stunden zur Verfügung, dann traf der LKW ein. Ich räusperte mich verlegen. „Bevor wir da reingehen“, begann ich zu dem Geologen gewandt, „muss ich Ihnen noch etwas gestehen.“
Er hob den Blick und sah mich stirnrunzelnd an.
„Ich habe Ihren Namen vergessen. Es ist mir furchtbar peinlich und ich möchte mich entschuldigen.“
Das Ende meines Geständnisses ging in einem schallenden Lachen unter, das gar nicht mehr enden wollte. Schließlich wischte der Geologe sich eine Träne aus dem Augenwinkel und klopfte mir herzlich auf die Schulter.
„Sagen Sie einfach Hannes zu mir“, gluckste er belustigt.
Heiner kicherte ebenfalls und schüttelte den Kopf. Verdammt, war das peinlich!
Hannes krabbelte immer noch lachend als Erster durch den Eingang. Ich folgte ihm, um der unangenehmen Situation so schnell wie möglich zu entkommen.
„Meta menardi“, klang es dumpf vor mir. Ich hielt erschrocken inne, noch konnte ich mich nicht wieder aufrichten.
„Was haben Sie gesagt?“, rief ich nach vorn, dem Geologen zu.
„Passen Sie auf, wenn Sie aus dem Eingangsbereich rauskommen, hier ist alles voller Höhlenspinnen“, tönte es ungläubig zurück.
„Igitt“, klang es hinter mir. Ich war froh, dass Klaaßen meine Abneigung teilte, sparte mir den Kommentar und kämpfte mich schnell weiter vor.
Der Eingang hatte sich völlig verändert. Von der Decke bis zum Boden hatte eine unüberschaubare Zahl ekelhaft großer Spinnen ihre Netze gespannt.
Hannes hatte sich bereits einen Weg durch die seidenen Insektenfallen gekämpft und winkte mir, ihm zu folgen. Ich versuchte nicht so genau hinzusehen, wie nah ich den Viechern kam, aber ich sah aus dem Augenwinkel genug Bewegung, um mich zu beeilen. Ein paar Mal streifte ich die Netze und schauderte. Sobald ich die erste Stufe der Sintertreppe erreichte, endete der Spuk wie abgeschnitten. Ich atmete auf, konnte aber einen kritischen Kontrollblick auf meinen Körper nicht unterdrücken, weil es mich überall vor Ekel kribbelte, und machte Platz.
Hinter mir kletterte Heiner fluchend vom Eingangsfelsen auf die Treppe und schüttelte sich angewidert.
„Ich hasse Spinnen. Keiner hat was von Spinnen gesagt“, beschwerte er sich düster.
„Als ich vor ein paar Stunden die Höhle verließ, hab ich nichts von einer Spinnenplage mitbekommen“, gab ich zu bedenken, „Können die wirklich so schnell ihre Netze bauen, oder ist das auch so ein unerklärliches Phänomen?“ „Theoretisch sind sie schnelle Netzbauer“, bestätigte Hannes, „Aber die Kolonie war während der ganzen Zeit recht überschaubar. Ich habe sie im Auge behalten, weil diese Spinnen typische Höhlenbewohner sind. Es waren nie mehr als acht oder zehn Tiere. Jetzt müssen es Hunderte sein, und das ist ungewöhnlich.“
„Das gefällt mir nicht“, bemerkte Klaaßen.
„Mir auch nicht“, stimmte ich zu.
„Wir sind ja auch nicht zum Kaffeekränzchen hier“, drängte Hannes uns zum Weitergehen.
Die Augen gewöhnten sich schnell an das dämmrige, rote Licht, das von den Infrarot-Lampen ausging. Die Höhle wirkte wie verwandelt, ruhig, friedlich, harmlos. Tote Felsen, harmlose Schatten.
Einen Moment lang zweifelte ich an meinen Erlebnissen. Es schien mir unwirklich, wie ein Traum, der nur noch vage im Gedächtnis präsent ist, bevor er in Vergessenheit gerät.
Unsere Schritte erzeugten nur wenig Echo auf den Stufen. In regelmäßigen Abständen rollten wir unsere Verlängerungskabel ab, die unser Licht sicherten.
„Man könnte meinen, wir seien verrückt geworden“, sprach Heiner meinen Gedanken aus.
„Joar, ich trau der Sache nicht. Das ist die Ruhe vor dem Sturm“, antwortete Hannes.
Die erste Kabeltrommel kam in Sicht.
Wir arbeiteten schnell und schweigsam. Heiner hängte eine der Lampen an das Stativ der Flutlichtstrahler und richtete den Kegel zurück auf den Eingang, während ich ein zusätzliches Verlängerungskabel ausrollte, die Lampe in die Dose steckte und Hannes den Stecker gab, der bereits die Kabeltrommel in den Lichtkreis geholt hatte, um das Verlängerungskabel einzustecken. Als das Licht aufflammte, schien der Rückweg gesichert zu sein. Kurz tauschen wir Blicke aus. Jeder hoffte, dass es funktionieren würde.
So arbeiteten wir uns vor, schneller und reibungsloser als erwartet, und wir sprachen nicht mehr miteinander, aus dem unbestimmten Gefühl heraus, belauscht und beobachtete zu werden.
Schließlich erreichten wir den Säulenplatz.
Im Schein der Infrarot-Lampen erglühte das unbekannte Material in einem tiefen Karmesinrot.
Je näher wir kamen, desto überwältigender wurde der Anblick.
Das Spiralmuster leuchtete scharlachfarben auf und schien sich zu bewegen. Eine langsame Rotation, die sich von innen nach außen bewegte und uns am Betreten des Tunnels hindern wollte.
„Wow“, kommentierte Heiner das Phänomen voller Ehrfurcht.
Wir installierten eine Lampe für den Rückweg und achteten darauf, dass die Säulen noch im Streulichtkegel lagen, denn wir teilten das intuitive Empfinden, dass dieses Phänomen uns nicht feindlich gesonnen war. Im Gegenteil. Es sprach viel dafür, dass diese Säulen mit einem Gefängnistor vergleichbar waren und unwissenden Besuchern eine Warnung zuflüsterte.
Eine Warnung in einer verlorengegangenen Sprache, die wir nicht mehr verstanden und deshalb wochenlang missachtet hatten.
Ich hoffte inständig, dass wir das Richtige taten, indem wir die Höhle sprengten.
Mit angehaltenem Atem traten wir schließlich zwischen den Säulen hindurch in den Tunnel.
Hier flohen die Schatten erstmalig vor uns. Ein schleimiges Geräusch erfüllte den niedrigen Gang.
Unsere Schritte wurden langsamer. Wir achteten darauf, die Verlängerungsleitungen der Infrarot-Lampen ordentlich abzurollen, damit kein Missgeschick zu einem Verlust des kostbaren Lichtes führte.
In der Kuppelgrotte bot sich uns ein schrecklicher Anblick.
Die Ritzungen der Menhire erglühten im Karmesinrot der Säulen. Wellen und Kreuzmuster erwachten zum Leben, verließen ihr steinernes Bett und flossen träge über den Stein. Das Innere des Steinkreises war von absoluter Schwärze erfüllt, als würde sich eine lichtfressende Säule bis zur Höhlendecke erstrecken. Die Rampe, die um den Steinkreis herumführte, flimmerte und verschwamm in dem allgegenwärtigen karmesinroten Leuchten, sodass die Sicht auf wenige Schritte begrenzt war.
Der Anblick war wunderschön und grauenhaft zugleich, weil er gegen alles verstieß, was ich bisher zu wissen geglaubt hatte.
„Ach du Scheiße“, entfuhr es Hannes.
Ich blickte in die Gesichter meiner Begleiter und war erleichtert, in ihren Gesichtern das gleiche Maß an Unverständnis und Grauen zu lesen, das mich selbst erfüllte.
„Was ist das?“, fragte Heiner. Seine Stimme zitterte.
„Willst du bleiben, um es zu untersuchen?“, entgegnete ich und löste mich mit einiger Anstrengung von den hypnotischen Mustern. Ich packte meine beiden Begleiter am Arm. Sie fuhren erschrocken zusammen. Hastig arbeiteten wir uns vor, aber wir kamen nicht so recht voran. Immer wieder wurde einer von uns durch die flirrenden Muster und Ornamente in seinen Bann gezogen.
Nachdem Heiner mich aus einer dieser Starren befreit hatte, stieg Panik in mir auf.
Wie viel Zeit blieb uns noch? Mit wachsender Eile rollte ich mein Verlängerungskabel ab und stellte fest, dass ich am Ende der Leitung angelangt war.
„Ich kann nicht weiter“, keuchte ich. Wir hatten schätzungsweise das erste Drittel der Kuppelgrotte durchquert.
„Ich hab auch nicht mehr viel Spielraum“, bemerkte Heiner.
„Nicht schlimm, macht es da, wo ihr steht“, knurrte Hannes. Er war ungeduldig geworden und schritt zügig voran. Über seiner Schulter lagen noch einige Schlaufen Verlängerungskabel, die er nach und fallen ließ.
Ich konzentrierte mich auf meine Aufgabe und zückte das Dynamit. Hannes hatte mir erklärt, was ich damit machen musste, aber bevor ich soweit kam, hallte die Grotte von Heiners erschrockenem Schrei wider. Er stand nur wenige Schritte von mir entfernt, war aber nur noch undeutlich zu erkennen.
„Hannes, bleib auf dem Weg!“, brüllte der Baustellenleiter seinem Freund zu, den ich nicht mehr sehen konnte.
„Was ist mit ihm?“, rief ich zurück.
„Er ist in den Steinkreis gegangen! Ich muss ihm helfen!“
„Nein, bleib! Das ist viel zu gefährlich!“
„Ich kann ihn nicht im Stich lassen. Ohne ihn funktioniert es sowieso nicht. Er ist der Einzige, der Bescheid weiß.“
„Dann lass uns wenigstens gemeinsam gehen“, forderte ich.
„Heiner!“
Aber ich bekam keine Antwort mehr.
Eine Handvoll Herzschläge verstrich, ich wartete, unfähig mich zu rühren.
„Heiner!“, brüllte ich in das flirrende, rote Licht.
Ich wollte nicht in den Steinkreis. Ich wollte nicht, dass die Beiden zu Schaden kamen. Ich mochte sie, nicht nur, weil sie mich gerettet hatten, sondern weil sie mir von Grund auf sympathisch waren.
Meine Gedanken rasten. Ich wollte auf keinen Fall den Steinkreis betreten, aber ich konnte dieses Unternehmen auch nicht alleine beenden, weil ich keine Ahnung hatte, wie man das Dynamit zündete.
Plötzlich rutschte Heiners Kabel an mir vorbei und beschleunigte, als würde er um sein Leben laufen.
Verdammt, ich musste mich endlich entscheiden!
Entweder ich versuchte auf eigene Faust die Höhle zu sprengen und würde mich bis zu meinem Lebensende einen Feigling schimpfen; oder ich stellte mich der Angst und dem Unbekannten, bewahrte meine Selbstachtung und rettete vielleicht sogar den beiden das Leben.
Heiners Lampenkabel spannte sich, dann hob es vom Boden ab und stieg steil in die Höhe.

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Kapitel 23: Thurisaz – Die Flammen des Riesengeschlechts

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