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Kapitel 8: Ehwaz – Freundschaft auf der Probe

Später fand ich mich frierend, müde und zerschlagen am Schreibtisch wieder.
  Nach einer Dusche stand mir nicht der Sinn, obwohl ich mich anschließend sicher wohler gefühlt hätte, doch der Gedanke an noch mehr Wasser auf meiner aufgeweichten Haut erzeugte eine tiefe Abneigung in mir, sodass ich mich nur aus den klammen Kleidern schälte und mich mit einem heißen Getränk begnügte.
  Der Kaffee schien die niederdrückende Schläfrigkeit nur weiter zu befeuern, anstatt sie zu vertreiben. Immer wieder kam mir der Antrag in die Finger, auf dessen Bewilligung Volker so sehnsüchtig wartete, aber jedes Mal, wenn ich mich mit ihm befassen wollte, weil mein schlechtes Gewissen mich dazu zwang, hielt mich eine dunkle Angst davon ab und ich legte den Wisch zurück auf den Stapel unbearbeiteter Formulare. Nur, um ihn wenig später wieder in die Hand zu nehmen und nach einem kurzen inneren Kampf erneut auf den Stapel zu schieben. Die Augen fielen mir immer häufiger zu. Es kostete mich mit jedem Mal mehr Kraft, sie wieder zu öffnen.
  Irgendwann wurde der Schlaf übermächtig.

Jemand packte mich grob an der Schulter. Verwirrt kehrte ich aus düsteren Traumbildern zurück.
  „So, das Amt kommt also nicht in die Gänge, was?“, knurrte Volkers Stimme mit mühsam unterdrückter Wut.
  Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen und sah mich um. Volker ragte drohend über mir auf, das Gesicht vor Zorn puterrot angelaufen, seine Ohren schienen regelrecht zu glühen, während ich wohl am Schreibtisch in meinem Zimmer eingenickt sein musste. Ich streckte träge den Arm aus und nuschelte: „Gib den Antrag her!“
  Der Archäologe wich einen Schritt zurück. Der Wisch in seiner Hand zerknitterte etwas, als er ihn wie ein Beweisstück schüttelte. „Das hättest du wohl gerne, was? Damit du ihn weiter zurückhalten kannst!“, blaffte er nun deutlich lauter, als es nötig gewesen wäre.
  Allmählich begriff ich, in welcher Situation ich mich befand. Wut stieg in mir auf, was hatte er in meinem Zimmer zu suchen? Ich stand auf und drehte mich zu ihm um: „Was fällt dir ein, wie bist du überhaupt reingekommen?“
  „Geht dich 'nen feuchten Dreck an. Warum behinderst du die Ausgrabungen?“
  „Das tue ich nicht, ich habs einfach vergessen.“
  „Von wegen, der Antrag liegt ganz oben auf deinem Stapel. Du bescheißt mich seit einer beschissenen Woche und lügst mich auch noch frech an.“
  „Jetzt reicht's, das muss ich mir nicht gefallen lassen!“
  „Ach ja? Willst du vielleicht mit mir vor die Tür gehen?“
  „Ja, das will ich!“
  „Das wollen wir doch mal sehen!“
  Ich rauschte an ihm vorbei. Aus dem Augenwinkel registrierte ich, wie Volkers Arme kurz abwehrend zuckten, aber ich hatte nicht vor, mich in einem Hotelzimmer zu prügeln.
  Der Archäologe polterte hinter mir die Treppe runter und folgte mir durch den Empfang auf den Parkplatz. Der Nieselregen war stärker geworden und fiel jetzt in langen dünnen Schlieren.
  Ich drehte mich zu Volker um und reckte provokativ das Kinn in die Höhe: „Na, was ist jetzt?“
  Volker hob die Fäuste und kam herausfordernd auf mich zu: „Meinste, ich kneife? Dat kannste knicken.“
  Damit holte er aus. Die Bewegung kam so schnell und überraschend, dass ich kaum reagieren konnte. Er traf meine Wange, die schmerzhaft zwischen den Zähnen verklemmte und aufgeschlitzt wurde.
  „Alter Penner“, keuchte ich, taumelte zwei Schritte zurück und spuckte etwas Blut auf den Schotter. Dann machte ich ohne Vorwarnung einen Satz nach vorne, schlug, ohne hinzusehen, zurück und traf sein Kinn.
  Volkers Zähne knirschten. Er schien sich auf die Zunge gebissen zu haben, denn auch er spuckte etwas Blut. „Boah, du mieser-“, der Rest ging in einem wütenden Ausruf unter. Er holte erneut aus, aber dieses Mal wich ich aus. Dafür erwischte er meinen Kragen und zog instinktiv daran. Nähte rissen, dann hatte er mich plötzlich im Schwitzkasten, drückte mir die Luft ab und bohrte in kreisenden Bewegungen die Knöchel seiner Faust in meinen schmerzempfindlichen Hinterkopf. Ich rammte ihm einmal, zweimal den Ellenbogen in die Seite und er ließ los, was mich zur Seite taumeln und hinfallen ließ.
  Schwer atmend stützte er sich auf die Knie und hielt sich die Seite, während ich auf dem Boden sitzend nach Luft japste. Regen lief mir in die Augen. Außerdem war ich in einer Pfütze gelandet.
  Unsere Blicke trafen sich, wir hatten beide genug. Die Prügelei war zu Ende.
  „Bier?“, nuschelte ich durch das Pochen in meiner Wange.
  „Gute Idee“, stimmte Volker kurzatmig zu.
  Auf dem Weg in die Kneipe stützten wir uns gegenseitig.

„Zwei Pils, zwei Jägermeister und zwei nasse Lappen“, nuschelte ich an der Theke.
  Die Blondine warf uns einen vielsagenden Blick zu und zauberte aus dem Kühlschrank unter der Theke zwei gelgefüllte Kühlpacks hervor.
  Der Jägermeister folgte, während das Bier noch gezapft wurde.
  Wir kippten den Schnaps runter und schwiegen einen Moment. Jeder sortierte seine Gedanken.
  „Ich find die Höhle scheiße gruselig“, begann ich.
  „Volker nickte. „Ja, ich weiß was du meinst. Man hat das Gefühl, dass es trotz der ganzen Flutlichtbeleuchtung da unten nicht richtig hell wird.“
  Ich schüttelte vage den Kopf: „Das auch. Seit diese ganze Sache angefangen hat, spielt mir meine Fantasie pausenlos Streiche, und nachts krieg‘ ich kein Auge zu, weil ich Albträume habe, die ich nicht mal beschreiben kann. Ich werde noch irre! Verstehst du? Diese Statue ist das Unheimlichste, was ich jemals gesehen habe, und-“, ich holte tief Luft. Es fiel mir schwer, damit rauszurücken, „Ich fühle mich von ihr beobachtet. Selbst wenn ich die Höhle wieder verlassen habe, fühle ich mich verfolgt und das Gefühl lässt erst Stunden später langsam nach.“ Aus dem Augenwinkel schielte ich zu dem Archäologen rüber, in der Erwartung, dass er mich jetzt auslachen würde, aber in seinem Gesicht zeichnete sich Verständnis ab.
  „Ah“, brummte er, „Und du dachtest, wenn du den Experten nicht anfragst, könntest du die Konfrontation noch eine Weile rausschieben, wie?“
  „So ungefähr“, seufzte ich, „Ich weiß, das war kacke von mir.“
  Das Bier kam. Wir stießen betreten an und tranken in langsamen Zügen, ob der Schmerzen.
  „Und dann habe ich die Statue auch noch in den Himmel gelobt“, der Archäologe kicherte trocken, „Das muss dir sicher wie beginnender Wahnsinn vorgekommen sein.“
  Ich nickte zustimmend und er fuhr fort: „Weißt du, ich finde die Statue auch nicht „schön“ in dem selben Sinn, wie ich einen Sonnenuntergang oder eine Frau schön finde. Sie ist mehr faszinierend - auf eine morbide und irgendwie archaische Weise.“
  Das beruhigte mich ein wenig.
  Volker dreht sein Glas in den Händen: „Ich habe mich inzwischen so lange mit ihr beschäftigt, dass ich glaube, sie besitzt nicht einmal ein menschliches Gesicht. Aber ich bin trotzdem neugierig, was unsere Ahnen da gezaubert haben, ich kann mir einfach nicht helfen, ich muss die ganze Zeit daran denken“, er nahm einen weiteren Schluck seines Bieres und ich tat es ihm gleich. Dann grinste er unvermittelt: „Du hast übrigens den Schlüssel von außen in deiner Zimmertür stecken lassen. Ich wollte ihn dir eigentlich nur bringen, als ich den Antrag ganz oben auf dem Stapel liegen sah. Da ist es mit mir durchgegangen, tut mir leid.“
  „Oh“, machte ich und seufzte betreten in mein Bier, „Du hast ja auch Recht, wütend zu sein. Morgen beim Frühstück füll ich den Wisch aus und bring ihn auf dem Weg zur Ausgrabung gleich zur Post, dann ist er endlich weg.“
  Volker nickte zustimmend und winkte der blonden Kellnerin. „Klingt nach einem guten Plan. Noch zwei Jägermeister.“
Die Gläser vor uns wurden neu befüllt. Wir erhoben den eiskalten Schnaps.
  „Zum Schimpfen und zum Raufen, brauchst du immer was zum Saufen! Prost!“
  „Hau wech.“

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Kapitel 9: Tiwaz – Recht und Gerechtigkeit

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