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Kapitel 9: Tiwaz – Recht und Gerechtigkeit

Volker begleitete mich am nächsten Morgen auf Schritt und Tritt, um mit Argusaugen darauf zu achten, dass ich Wort hielt. Ich nahm es ihm nicht übel, denn es widerstrebte mir immer noch, den Antrag abzuschicken. So zwang er mich dazu, meinen Job zu erledigen und mein Wort zu halten.
Ein Teil von mir war ihm dankbar dafür, doch der weitaus größere Teil erging sich in bösen Vorahnungen und Furcht, sodass es mich viel Mühe kostete, Haltung zu bewahren. Ich drängte ihn, früher loszufahren, damit ich es schneller hinter mir hätte, und so brachen wir knapp zwei Stunden früher auf, während das Ausgrabungsteam noch gemütlich beim Frühstück saß, als wir das Hotel verließen. Nach dem kleinen Umweg über die Postfiliale, der mir ewig lang erschien, fuhren wir zur Höhle.

Es regnete immer noch. Der Nieselregen hatte sich in den typischen, leichten Niederschlag verwandelt, der sich oft über Tage halten konnte. Die Temperaturen waren etwas angestiegen, doch der Regen war eiskalt geworden.
Schon von weitem erkannten wir deutliche Spuren einer nächtlichen Sabotage.
„Verdammte Scheiße!“, fluchte Volker neben mir. Er öffnete die Tür, noch bevor ich den Wagen am Ende der Schotterpiste zum Stehen brachte. Vor Schreck ging ich hart in die Eisen.
„Mensch, mach keinen Unsinn!“, herrschte ich meinen ungeduldigen Beifahrer an, doch dieser war bereits ausgestiegen. „Fuck!“, fluchte ich nun selbst. Volker eilte zu den Überresten der Umzäunung, die aus den Sockeln gezerrt, verbogen und mit Gewalt auseinandergerissen worden war. Die Kunststoffplane mit dem Logo der Baufirma, die vorher als Sichtschutz gedient hatte, fehlte an den meisten Elementen oder war zu einer schwarzen Masse verlaufen, was auf den ersten Blick nach Brandstiftung aussah.
Volker kletterte über den ramponierten Bauzaun. Ich eilte ihm nach, dorthin, wo der Generator stand, die Stromversorgung für das Licht in der Höhle.
Der Archäologe vor mir wurde langsamer, blieb schließlich stehen und warf die Arme in die Höhe. Die Hände schlugen über dem Kopf zusammen und er drehte sich wütend und frustriert einmal um die eigene Achse. Endlich holte ich ihn ein und erhaschte einen Blick auf das Massaker.
Vom Generator war so gut wie nichts übriggeblieben.
Der Randalierer hatte ihn ebenfalls in Brand gesteckt und das heiße Metall offenbar hinterher noch mit einem Vorschlaghammer bearbeitet, wenn ich die Beulen und Dellen richtig interpretierte.
Der Kabelbaum, der vom Generator zum Höhle führte, lag mit einem verkohlten Ende und völlig ausgefranst im nassen Gebüsch oberhalb der Doline. Der Grabenverbau schien oberflächlich betrachtet nicht beschädigt zu sein, aber die Leiter lag unten auf dem Grund.
Ich hetzte zum Wagen zurück und holte die Taschenlampen. Volker brütete in dumpfen Zorn vor sich, als ich ihm grimmig eine Leuchte zuwarf.
Die Rampe aus Holzbohlen, die uns täglich als Zugang zur Doline diente, war überraschenderweise unbeschädigt geblieben.
Aus der Nähe entdeckte ich allerdings am Grabenverbau Spuren von Manipulation, frische Kratzer und Macken auf den metallischen Wänden zeugten davon, dass jemand versucht hatte, sie zu beschädigen. Das kam mir sonderbar vor, doch der Gedanke entglitt mir gleich wieder, denn wir mussten die Ausgrabungsstätte kontrollieren.
Volkers Gesicht glühte vor Zorn, als wir nacheinander in die Höhle krabbelten, die jetzt wieder beträchtlich unheimlicher auf mich wirkte.
Die Lichtkegel der Lampen enthüllten das volle Ausmaß der Zerstörungswut.
Akribisch hatte der Täter jedes einzelne Stromkabel aufgeschlitzt, sodass die blanken Kupferadern im Licht glänzten.
Die dünnen Leitungen der Lampen waren allesamt durchtrennt und in der Höhle verstreut worden.
Eine völlig neue Lichtinstallation musste her, und ich wusste auch schon, wer den Papierkram dafür erledigen würde.
Ein resignierter Seufzer stieg in mir hoch.
Hinter mir lachte Volker plötzlich kurz und boshaft auf und ich wandte mich zu ihm um.
Seine Aufmerksamkeit galt den Sinterbecken.
„Das ist unfassbar, Thomas. Das musst du dir ansehen!“, schnaubte er grimmig.
Der Lichtstrahl seiner Lampe glitt über die Sinterbecken, die seit Tagen Anlass für anhaltende Streitigkeiten waren. Der Randalierer hatte unwissentlich den Archäologen in die Hände gespielt. Ich seufzte, während mein Blick über die Stufen glitt. Die zarten, nur Zentimeter dicken Sinterschichten waren sorgsam zertrümmert worden. Splitter verteilten sich wie Scherben in alle Richtungen über den Hang. Aber Volkers Interesse galt eher dem Felsen, der darunter zum Vorschein kam. Er ließ sich in die Hocke sinken und strich über die weich konturierte Kante der ersten Stufe.
Sie war annähernd rechteckig. „Es gibt keine rechten Winkel in der Natur“, hauchte ich, bevor er etwas sagen konnte.
Volker lachte wieder trocken. „Dieser Kackvogel hat uns doch tatsächlich die Arbeit abgenommen.“
Ich grunzte eine vage Zustimmung und meinte: „Aber nur, wenn er deine Göttin-“, weiter kam ich nicht. Mit einem Ausruf des Entsetzens schnellte der Archäologe in die Höhe und raste wie von Sinnen über die Treppe in die Tiefe.
„Warte!“, rief ich ihm hinterher. Beinahe hätte ich noch „Lass mich nicht alleine!“, gerufen, doch ich hätte mich lediglich vor mir selbst blamiert, denn Volker war bereits außer Reichweite. Eilig folgte ich ihm. Der Strahl meiner Lampe tanzte über Steine und Geröll, deren Schatten zu einem bizarren Eigenleben erwachten, sodass ich mein Tempo vorsichtig drosselte, um den Lichtkegel ruhig zu halten.
Meine Fantasie hatte sich jedoch längst wieder verselbstständigt und gaukelte mir Bewegungen am Rande des Sichtfeldes vor, die mich mehrmals erschreckten.
Ich erreichte den runden Platz. Die Säulen schienen intakt und unbeschädigt zu sein. Ebenso die beiden Ausgrabungsstätten, die sich als schwarze Rechtecke im Boden auftaten und mich kurz schaudern ließen.
Ich prüfte die Säulen eingehender, um mich von ihrer Unversehrtheit zu überzeugen.
Der helle Stein reflektierte das Licht so grell, dass es fast in den Augen schmerzte.
Die Oberfläche zeigte keine Spuren von Beschädigungen.
Erneut fiel mir die Verzierung auf. Das Spiralmuster, das sich um die Säulen wand. Je länger ich es betrachtete, desto mehr entstand der Eindruck einer optischen Täuschung. Es musste so sein, denn mir kam es so vor, als drehten die Spiralen sich auf beiden Seiten weg vom Durchgang in ihrer Mitte. Wie große, aufrechtstehende Walzen, die mich zurückwerfen würden, wollte ich entgegen ihrer Drehbewegung durch die Mitte schreiten.
Ein dumpfer Schrei riss mich aus meinen Gedanken. Ich realisierte, dass ich die Säulen seit geraumer Zeit einfach nur anstarrte. „Volker!“, rief ich. Mit pochendem Herzen stolperte ich auf den Durchgang zu und war tatsächlich einen kurzen Augenblick verwirrt, dass mich keine unsichtbare Macht davon abhielt.
Im Tunnel hielt ich unbewusst aus einer irrationalen Angst die Luft an, um die schattengetränkte Luft nicht einzuatmen. Mit letzter Kraft taumelte ich in die Kuppelgrotte.
„Volker, ist alles okay?“, japste ich außer Atem.
„Sie ist unverletzt“, klang die erleichterte Stimme des Archäologen verklärt aus dem dunklen Zentrum des Steinkreises. Ich stutzte kurz, als mir die sonderbare Wortwahl bewusst wurde.
Unverletzt, als handele es sich um ein Lebewesen. Ein Schauer jagte mir den Rücken hinunter und ich ärgerte mich unfassbar, dass ich den verdammten Antrag abgeschickt hatte. Mehr denn je bereute ich meine Entscheidung, an dieser Ausgrabung überhaupt teilzunehmen. Vielleicht hätte ich auch einen anderen Kompromiss mit dem Archäologen schließen können. Man hätte das Götzenbildnis entfernen und in einer Werkstatt restaurieren können. Hauptsache nicht da, wo ich mich aufhielt!
„Du hast geschrien“, hakte ich nach.
„Nein“, erwiderte Volker gedehnt.
„Okay, dann ist ja gut“, stammelte ich und suchte nach einem Grund, um die Kuppelgrotte sofort wieder verlassen zu können. „Ich geh wieder nach oben und rufe die Polizei. Der Schaden muss gemeldet werden.“
„Hat das nicht Zeit?“, klang es vage aus der Dunkelheit im Innern des Steinkreises, „Ich muss dir noch so viel zeigen. Ich habe inzwischen einige der Wandmalereien studiert und glaube sie inzwischen interpretieren zu können. Bist du gar nicht neugierig?“
Ich lachte irritiert. „Was denn, jetzt? Ohne Licht? Nachdem wir einen Einbruch hatten und noch gar nicht das ganze Ausmaß des Schadens feststellen können?“
Ein Seufzen drang aus der Finsternis vor mir. „Du hast Recht. Tu deine Pflicht!“, sagte Volker, in einem Tonfall, als kehre er grade aus einer Art Trance zurück.
Meine Beine setzten sich in Bewegung, noch bevor ich wirklich daran dachte zu gehen, und trugen mich so schnell sie konnten ans Licht zurück.

Ich erledigte meine „Pflicht“ gewissenhafter, als ich es mir zugetraut hätte. Das Ausgrabungsteam informierte ich als erstes über die Sabotage, aber sie waren bereits unterwegs und wollten nicht mehr umkehren. Jeder sorgte sich um seine Funde und Erkenntnisse, was ich ihnen nicht verübeln konnte.
Erst, nachdem die Polizei begonnen hatte, den Tatort einzugrenzen und ihr hübsches Absperrband auszurollen, begriff ich endlich, dass die Höhle bis zum Ende des Tages und vielleicht sogar noch länger für Zivilisten gesperrt blieb, damit die Spurensicherung alle Indizien sammeln konnte, die sie finden mochte. Ein wenig zu erleichtert und geradezu in Hochstimmung fuhr ich nach meiner Befragung zurück zum Hotel.
Mit neuem Enthusiasmus packte ich den Stapel unerledigter Dinge und verlegte mein Büro kurzerhand in die Kneipe, wo ich mir große Mühe geben musste, mir die gute Laune nicht anmerken zu lassen.
Das Ausgrabungsteam kehrte nach und nach zurück und verzog sich in die hinterste Ecke, um dort missmutig Stadt, Land, Fluss zu spielen.
Volker schmollte, weil er die Kuppelgrotte auf Drängen der Polizei hatte verlassen müssen, und der Geologe war völlig aufgelöst, seit er gesehen hatte, was aus den Sinterbecken geworden war.
Ich kümmerte mich kaum darum und widmete mich voll und ganz den Unterlagen, führte eine Reihe Telefonate, um meine Vorgesetzten über den Vorfall in Kenntnis zu setzen, bestellte eine neue Lichtinstallation und gab den Bau einer Stahltür in Auftrag, die zukünftig den Höhleneingang sichern sollte, damit sich der Vorfall nicht wiederholen konnte.

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Kapitel 10: Sowilu – Durch die Macht der Sonne

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