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Kaim

Lasst uns eine Münze werfen...

Du willst dich also der Goldenen Legion anschließen? Bitte folge mir! Bevor wir deine Kampferprobung unter die Lupe nehmen, gibt es einiges, worüber wir dich informieren müssen. Formalitäten, Bürokratie… Ja, auch in Söldnergruppen gibt es so etwas wie Bürokratie, was denkst du denn? Andernfalls würde hier einiges durcheinander kommen, und deine Familie, sofern du eine hast, will ja schließlich auch über dein mögliches Ableben informiert werden.

Nimm Platz!

Dein Name ist also Yustis Mell. Freut mich, Yustis, mein Name lautet Anthony Graz und meine Aufgabe ist die Aufnahme, Begutachtung, Belehrung und Einschätzung neuer Verbandsmitglieder. Ich werde dich beobachten, dir Fragen stellen, dich auf die Probe stellen und am Ende des Tages über deine Aufnahme entscheiden. Aber zunächst zu deiner Person.

Name: Yustis Mell

Alter: Dreiundzwanzig

Geboren am 13ten Frühlingstag im Jahre 876 alter Zeitrechnung.

Du bist nicht verheiratet, hast keine Kinder und auch keine Geschwister. Deine Eltern leben im Dorf Reshah unweit des Aercillen-Waldes. Du bist einen Meter achtzig groß und wiegst siebzig Kilo, korrekt?

Gut, dann kommen wir nun zu einigen Hinweisen. Präg dir meine Worte gut ein, denn diese könnten unter Umständen dein Leben retten. Im Falle einer Aufnahme wirst du einem Verband zugeteilt. Dieser Verband wird aus maximal sechs Gefährten bestehen. Diese Männer und Frauen werden sich während eines laufenden Auftrags auf dich verlassen und du wirst das Nämliche tun. Du wirst dein Leben in ihre Hände legen und sie ihres in deine. Ihr seid dann eine Familie. Du wirst dich ausschließlich in unserer Gilde aufhalten, es sei denn, du hast Freigang oder bist in einem Auftrag unterwegs.

Durch einen Vertrag gebundene Söldner werden mindestens zu zweit ausgesandt. Alleingänge sind untersagt. Ein solcher Vertrag kann vieles beinhalten, wie zum Beispiel als Leibwache für eine ranghohe Person zu dienen. Wenn nicht anders festgehalten, ist jeder Vertrag auf vierundzwanzig Stunden zeitlich befristet. Du wirst einen Flakon ausgehändigt bekommen. Dieses Gefäß wirst du immer bei dir tragen. Im Falle einer Kriegsgefangenschaft oder irgendeiner Gefangenschaft, deren Ziel es ist, an Informationen über Auftraggeber oder unsere Gilde zu gelangen, wirst du schweigen, bis du die Möglichkeit bekommst, den Inhalt des Flakons zu trinken.

Es ist Gift, welches dich in Sekundenschnelle töten wird. Du wirst schweigen… Auch wenn du das Gefäß verlierst oder den Inhalt aus Gründen nicht trinken kannst. Solltest du dich je in einer aussichtslosen Situation befinden, sollten deine Gefährten gefallen sein und du siehst dein Leben in ernsthafter Gefahr, ist es dir gestattet zu fliehen. Fliehst du und lässt deine Gefährten zum Sterben zurück, dann bete lieber, dass auch wirklich alle tot sind, denn andernfalls wird dies als Desertion betrachtet. Solltest du deine eigenen Kameraden töten…

 

Verzeih… Es ist nichts. Nur eine schlimme Erinnerung, die sich ihren Weg erneut in mein Gedächtnis gebahnt hat…

Sag, bist du jemals einem Mann namens Kaim Couldry begegnet oder hast schon mal von diesem gehört? Ach, es ist nur… Du musst wissen, ich habe mich vor drei Wochen versetzen lassen. Ich war zuvor ebenfalls als Söldner der Goldenen Legion tätig. Doch nach diesem Vorfall konnte ich es nicht länger ertragen in einem Verband zu leben. Was ich erlebt habe, hat mich in gewisser Weise traumatisiert. Du bist der erste neue Anwärter seitdem.

Ich denke, du solltest dies wissen. Dieses Wissen könnte tatsächlich über dein Leben oder deinen Tod entscheiden. Lach ruhig, aber ich weiß, Monster existierten schon immer. Wesen, Erscheinungen, Kreaturen und Dämonen aber sie waren nie weit verbreitet. Sichtungen und Opfer hielten sich stets in Grenzen. Irgendwie hat sich das jedoch geändert und nun häufen sich Berichte über diverse Schrecken. Bei den Ahnen, mittlerweile haben sich Gruppierungen von Monsterjägern gebildet. Du bist vermutlich nie einer Hexe, einem Ghul oder einer Erscheinung begegnet, stimmt’s? Nichts kann schlimmer sein als er. Als Kaim Couldry. Einen Ghul oder eine Erscheinung kann man vernichten. Man kann sie in die Tiefen der Hölle, der sie entsprangen, zurückschicken.

Bei Kaim wäre ich mir da jedoch nicht so sicher. Er kam wie du als Anwärter in unser Haus. Ich hatte Zweifel an den Angaben zu seiner Person, aber Junge… Er hat sämtliche Tests mit Auszeichnung bestanden. Noch nie zuvor habe ich jemanden gesehen, der so kampferprobt war wie er. Keiner von uns war in der Lage, ihm auch nur den kleinsten Kratzer zuzufügen, und das will was heißen. Kaim war bei seiner Aufnahme achtzehn Jahre, sofern dies die Wahrheit über ihn ist. Ein wirklich vielversprechender Rekrut.

Er sprach nie viel, also wirklich nie. Doch er war verdammt intelligent, seine Schnelligkeit und Stärke stellte alles mir bis dato Bekannte in den Schatten. Beinahe schon übermenschlich. Zu jemandem wie ihm konnten und wollten wir wirklich nicht Nein sagen. Er hatte diese Eigenschaft bei Entscheidungen eine Münze zu werfen. Wirklich bei so gut wie jeder. Er warf immer eine Münze.

Ich habe das nie hinterfragt. Eine Angewohnheit. Für mehr habe ich dies nie gehalten. Aber…Je mehr ich so im Nachhinein darüber nachdachte, desto mehr erhärtete sich der Verdacht, dass da mehr dahinter stecken musste. Es verstrich ein Monat. Meine Gruppe war sehr gefragt, und das hatten wir nicht zuletzt Kaim zu verdanken. Dann kam da diese Anfrage. Eigentlich waren es mehrere Anfragen, doch der Inhalt war bei allen derselbe. Schau nicht so, das hat auch uns verwundert. Passiert nicht alle Tage, dass mehrere Personen durch eine menschenleere Siedlung wandern, die hätte eigentlich bewohnt sein müssen. Vielleicht hast du ja davon gehört. Die Einwohnerzahl von Am’Ahril soll plötzlich auf Null gesunken sein. Keine Menschen. Nirgends.

Mein Verband wurde ausgesandt, um dem nachzugehen und nach Möglichkeit Bewohner ausfindig zu machen. Mit Kaim waren wir zu fünft. Zwei Tagesmärsche hat es gedauert, ehe wir die Siedlung erreichten. Am’Ahril ist umgeben von einem dichten Wald. Unweit im Nordwesten kann man die Turmspitze einer alten Ruine aufragen sehen. Gerüchten zufolge soll sich dort eine Krypta befinden. Die Gerüchte stimmen, Kleiner. Was soll ich sagen, natürlich war die Siedlung wie ausgestorben. Es gab kaum brauchbare Spuren. Doch wir hatten ja Kaim, den Wunderknaben. Er bemerkte Schleifspuren am Boden. Kaum sichtbar, ehrlich, doch er hat sie entdeckt. Sie führten tief in den Wald hinein.

Wir diskutierten lange, was wir nun unternehmen sollten. Marci und ich wollten uns noch weiter in der Siedlung umsehen. Wohingegen Jory und Devinn der Spur nachjagen wollten. Da Kaim sich nicht entscheiden konnte, warf er wieder eine Münze. Kopf, er blieb bei uns. Zahl, er untersuchte mit den anderen die Spur. Alles natürlich kühl und resigniert, wie er war, versteht sich. Die Münze zeigte Zahl und damit teilte sich die Gruppe auf. Scheiße, das war ein großer Fehler, wobei ich nicht wüsste, inwiefern sich unsere Situation geändert hätte, wäre es anders gelaufen.

Es verging eine Menge Zeit und die Sonne war dabei unterzugehen, als wir Schreie aus dem Wald vernahmen. Hastig eilten wir in Richtung der Ruine, aus der wir die Schreie vermuteten. Diese Laute… Das waren die Schreie eines Mannes, der sich in einem Todeskampf befand. Keine Ahnung, ob du so etwas schon mal gehört hast, aber falls nicht, erfreue dich daran. Ich meine, Marci und ich waren schon lange bei der Goldenen Legion. Wir hatten viel gesehen und gehört, aber bei diesen von Angst durchtränkten Schreien stellten sich selbst bei uns die Nackenhaare auf. Und nicht nur das, sie klangen auch nach Jory. Die Hälfte des Weges hatten wir geschafft, da verstummten Jorys bestialische Laute. Es wurde so beängstigend still.

Meine Gedanken rasten. Was war mit ihm? Was ging da vor sich? Ging es den anderen gut? Ich machte mir Sorgen, schließlich waren sie meine Familie, verstehst du? Ich zwang meine Beine dazu, schneller zu laufen. Keuchend und völlig außer Atem waren wir angekommen. Die von Efeu überwucherten Mauern strahlten eine eisige Kälte aus. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Du hattest sofort das Gefühl, an einem falschen Ort zu sein. Das Gefühl, sofort wieder umkehren zu müssen, aber das konnten wir nicht. Vorsichtig stiegen wir die zerstörte Treppe der Ruine hinauf. Die Krypta befand sich tief im Inneren, doch so weit mussten wir nicht einmal vordringen.

Aus den Schatten vernahmen wir ruhige Schritte. Sie wurden lauter, kamen näher. Das war Kaim, der seelenruhig aus dem Inneren der Ruine auf uns zulief. Die letzten Sonnenstrahlen drangen durch die Baumwipfel. Er war blutüberströmt. Sein Blick wie üblich emotionslos. Die kalten, blauen Augen erfassten uns und blieben auf uns haften. Er strich kurz durch seine pechschwarze, kurze Mähne und setzte sich anschließend auf eine umgekippte Säule, die offensichtlich zur Ruine gehörte. Stumm schwang er das rechte Bein über das linke. Marci fragte:

„Was ist hier los?! Wir dachten, wir hätten Jory schreien gehört? Wo sind die Anderen?“

In aller Gelassenheit streckte Kaim seinen linken Arm aus und deutete auf die Schwärze, die sich immer weiter auszubreiten schien.

„Kaim…? Geht es dir gut? Wessen Blut ist das?“, fragte ich ihn vorsichtig.

Ich hatte wirklich Angst, die Antwort darauf zu erhalten. Aber er antwortete nicht. Stattdessen sah er zum Himmel hinauf, als hätte er darauf gewartet, dass die Sonne der Finsternis Platz schaffte. Erneut stellte ich ihm dieselben Fragen, dieses Mal jedoch nachdrücklicher und mit einer, zumindest versuchten, gewissen Autorität in der Stimme.

Plötzlich ertönten schnelle, trampelnde Schritte. Jemand rannte hörbar keuchend auf uns zu. Überrascht starrten wir alle auf die Finsternis vor uns, selbst Kaim schien ein wenig verwundert. Meine Waffenhand zitterte stärker, je näher die Schritte kamen. Dann erblickten wir Devinn, der panisch aus der Dunkelheit stürmte und in dem nur noch minimal verbliebenen Licht der Sonne auf dem kalten Boden zusammenbrach. Marci sog erschrocken die Luft ein und auch ich starrte auf das, was noch von ihm übrig geblieben war.

Seine linke Gesichtshälfte schien völlig zerfressen. Fleischige Fetzen Haut hingen hinunter. Das Auge baumelte aus der Augenhöhle. Sein Rücken war zerfetzt, man konnte bis auf die Knochen sehen. Die Arme ebenfalls völlig zerfetzt. Es war wie in einem Alptraum. Was das auch getan hatte, schien in einem völligen Blutrausch gewesen zu sein. Wir eilten zu Devinn, der noch immer am Leben war. Marci begutachtete vorsichtig seine Wunden. Devinns Atmung wurde zunehmend schwächer. Diese Flucht muss das letzte Bisschen seiner verbliebenen Kraft gekostet haben. Doch der Junge hatte einen starken Überlebenswillen.

Ich beugte mich zu ihm hinunter und begann damit ihm gut zuzusprechen. Ihm den Segen zu geben, in die neue Welt einzutreten. Seine letzten Worte waren:

„Monster.“

Ich weiß nicht, ob er die Kreaturen meinte oder ob er von Kaim sprach. Sieh, auch jetzt beginnen meine Hände zu zittern, sobald ich davon spreche. Ich will dir keine Angst machen, du sollst nur verstehen. Verstehe, wie wichtig es ist, dich von ihm fernzuhalten, solltest du ihm je begegnen. Kaim ist… anders. In vielerlei Hinsicht.

„Er ist tot“, stellte Marci schließlich fest. Erneut wandte ich mich an Kaim. Ich war wütend, verstört und irritiert zugleich. Dies alles geschah unter meiner Führung. Das waren meine Gefährten!

„Kaim! Rede endlich, verdammt!“, brüllte ich ihn an. Sein Blick wanderte umher und blieb an Devinns Leichnam haften.

„Weiß nicht genau“, begann er kühl.

„Die Spur führte hierher. Jory befahl mir, hier zu warten. Dann ging er mit Devinn ins Innere. Das nächste, was passierte, waren die Schreie. Ich warf eine Münze. Kopf, ich gehe nachsehen. Zahl, ich halte meine Position“, schilderte er besonnen.

„Weiter drinnen fand ich eine Fackel, die einer von Beiden fallengelassen haben musste. Jory schrie noch immer, daher war es einfach, seine Position ausfindig zu machen. Als ich ihn fand, waren diese Kreaturen bereits dabei, ihn Bissen für Bissen auseinanderzunehmen.“

Ich schwöre, als ich das hörte, erstarrten meine Gesichtszüge. Ich bin selten sprachlos, aber da war ich es. Mir war nicht entgangen, dass Marci neben mir immer unruhiger wurde. Ihr Blick wanderte immer wieder zum Eingang der Ruine. Mir war, als hätte ich Geräusche aus dem Inneren gehört.

„Was bei den Ahnen…?“, keuchte Marci ungläubig. Ich drängte ihn, mit seiner Schilderung fortzufahren.

„Na, für Jory konnte ich nichts mehr tun. Und auch Devinn hatten sie bereits erreicht. Er bat mich um Hilfe und-“

„Und du hast eine Münze geworfen?“, beendete ich seinen Satz in völliger Fassungslosigkeit. Stumm sah ich, wie er zustimmend nickte. Ich ballte meine rechte Hand zur Faust. Ich war sowas von bereit, ihm diesen kalten Gesichtsausdruck aus der Visage zu prügeln. Jory und auch Devinn.

Scheiße.

„Das ist nicht mein Blut. Es ist ihres“, erklärte er und sah zum Eingang hinüber. Ich folgte seinem Blick. Da waren wieder diese Geräusche… Und sie kamen näher. Es war keine Einbildung. Da war etwas und es kam zu uns.

Wir starrten auf diese Umrisse, die lechzend nach Fleisch im Schatten der Ruine warteten. Darauf warteten, dass auch das letzte Licht erlosch. Diese abnormen, stechenden Augen. Sie beobachteten jede unserer Bewegungen. Die Laute, die sie von sich gaben, passten zu keinem mir bekannten Tier. Aber ja, weil es keine Tiere waren. Sie zischten…Oder fauchten, ich bin mir nicht sicher. Dann dieses Knurren und… ich weiß nicht… Schnattern? Du weißt schon, wie Katzen, nur dass das lediglich Ähnlichkeiten hatte, jedoch nicht exakt so klang.

Ich wies Marci sofort an, eine Fackel zu entzünden. Wir hatten kaum noch Zeit. Kaim hingegen saß weiterhin in alle Ruhe auf dieser Säule.

„Kaim!“, schrie ich ihm zu, während ich nach meiner Waffe griff.

„Sitz da nicht nur rum!“

Ernsthaft, ich dachte, wenn er da bloß Däumchen dreht, ist er dem Tode geweiht. Aber dann stellte ich mir selbst die Frage, wieso er mit heiler Haut davon gekommen war? Ich meine, ja, Kaim ist außergewöhnlich, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren, aber das waren Unzählige. Kein Scherz, ich alleine zählte ungefähr zehn Augenpaare, und hinter der ersten Reihe drängten sich immer mehr.

Er runzelte die Stirn. Ich sah zu Marci, die es noch immer nicht geschafft hatte, diese gottverdammte Fackel zu entzünden.

„Kaim! Wenn du nicht willst, dass mit uns dasselbe geschieht, solltest du dich kampfbereit machen!“, brüllte ich ihn abermals an. Er kramte in seiner Hosentasche. Ich sah auf den runden, leicht glänzenden Gegenstand zwischen seinen Fingern.

„Werfen wir eine Münze!“, erwiderte er mir.

Diese Drecksmünze wurde in die Luft geschnipst und im selben Moment stürmten diese Dinger auf uns zu. Alles passierte so schnell. Marci neben mir wurde zu Boden gerissen. Ich sah sie nicht einmal mehr. Da waren zu viele von ihnen und sie alle stürzten sich auf sie. Ihre abartigen Schmerzensschreie drangen gedämpft in mein Gehör. Natürlich gingen sie auch mir ans Leder. Ich wehrte so viele ab, wie ich konnte. Diese… Viecher. Ihre Gliedmaßen waren dünn und lang. Ihre Rücken buckelig, und die Wirbel waren erkennbar. Mager und grotesk. Eine dunkle, kränkliche Hautfarbe. Scharfe, lange Krallen…

Ich weiß, das klingt absolut absurd, aber ich garantiere, dass ich bei klarem Verstand bin und war. Ich kann es beweisen.

Hier… Schau mal! Ihr Geschenk an mich. Meine Unterarme sind übersät mit tiefen Narben und hier… An meiner linken Hand fehlen zwei Finger, falls du es noch nicht bemerkt hast. Sieh dir diese Wunden an und sag mir, ob das eine Klinge hätte tun können? Pass auf, du kannst mir glauben oder eben nicht. Ich erzähle dir das, um dich zu schützen, kapiert?

 

Ghule oder nicht, ich hatte keine Chance. Wegrennen war unmöglich. Ich kämpfte mich verbissen durch die Reihen, doch sie schienen sich nicht zu lichten. Und dann, gerade als sie mich zu Boden rissen, trat er auf den Plan. Er metzelte Unzählige eiskalt nieder. Er schaffte es, die Reihen zu lichten und mich vor größerem Schaden zu bewahren. Schwer atmend, sah ich zu ihm auf. Er stand mit dem Rücken zu mir. Diese Dinger um uns herum. Aber… Aber keines von ihnen griff erneut an. Sie standen einfach da. Als wäre Kaim sowas wie ihr Meister oder… Allghul? Ich bin mir nicht sicher, wie man einen solchen König oder was auch immer nennt, jedenfalls war es genau so. Kaim tat eine Handbewegung, als würde er einen streunenden Hund verjagen wollen, und diese Kreaturen verkrochen sich zurück in die Finsternis, aus der sie kamen.

Schnallst du es? Ein gottverdammter Münzwurf hat mein Leben gerettet. Dafür sind alle anderen tot. Ich habe nicht länger gezögert und rannte um mein Leben. Ich ließ diese Ruine hinter mir, den Wald, die Siedlung und auch Kaim.

Ich habe keinen Schimmer, was mit Kaim passiert ist, aber ich habe Gerüchte gehört. Diesen Gerüchten zufolge sollen Reisende und auch Ausgesandte unserer Gilde einen Mann, auf den seine Beschreibung passt, in der Bendari-Wildnis gesehen haben. Einige Zeit darauf soll es begonnen haben, in eben dieser Wildnis nur so von monströsen Erscheinungen zu wimmeln. Ich will gar nicht wissen, was sich dort herumtreibt, aber ich hörte von Dämonen, widerlichen Abscheulichkeiten und noch ganz anderen Schrecken.

Einmal erzählte mir jemand, dass er undefinierbare Kreaturen sah, die sich um einen Mann versammelten. Ich würde die restlichen Finger meiner linken Hand darauf verwetten, dass es sich bei diesem Mann um Kaim handelte.

Nachdem einige Zeit ins Land gegangen war, wollte ich herausfinden, inwieweit Kaims Angaben der Wahrheit entsprachen. Damals gab er an, aus einem Dorf in der Nähe von Weisswasser zu kommen. Trinstal. Ich reiste dorthin und hörte mich um. Die Leute wussten, von wem ich sprach, und so besuchte ich sein Elternhaus. Ein wirklich imposantes Haus, für diese Gegend zumindest. Eine ältere, gebrechlich aussehende Frau öffnete mir die Tür. Nein, sie war nicht seine Mutter. Seine Familie lebte dort nicht mehr, doch die Dame schien etwas über sie zu wissen. Sein Vater soll ein durchgeknallter Kerl gewesen sein. Er spielte gerne mit den verschiedensten Substanzen herum und versuchte sich wohl sogar an Magie.

Zum Leidwesen seiner Frau.

Angeblich sollen die Nachbarn erzählt haben, wie sie sie schreien gehört haben. Des Nachts, wenn alles schlief. Die Gerüchteküche brodelte und es hieß, dass er an ihr experimentierte, und das, während sie mit Kaim schwanger war. Ich habe keine Ahnung, wie viel da dran ist, aber nach dem, was ich erlebt habe, würde ich es nicht abstreiten.

Noch eine Sache…

Halte dich, sobald die Sonne untergegangen ist, von Friedhöfen und Krypten fern. Ghule hausen dort, tief im Schutze der Dunkelheit. Und sobald die Sonne vom Horizont verschwunden ist… wird das Letzte, was du sehen wirst, gelbe, durchdringend starrende Augen sein und ein Maul voller Reißzähne, die dich genüsslich zerfleischen werden. Angeblich ziehen sie ihre Opfer mit unter die Erde.

Sollte dir das je passieren…

Bete, dass du da bereits tot bist.

Du weißt jetzt Bescheid.

Kaim Couldry ist ein Monster. Nicht weniger schlimm als diese Ghule.

Halte dich von einem Mann fern, dessen blaue Augen pure Emotionslosigkeit ausdrücken. Ein Mann, der resigniert spricht und unnatürlich begabt scheint.

Ein Mann, der um eine Entscheidung zu treffen,… eine Münze wirft.

Autor Dianart18

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