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Sterne… So wunderschöne, hellfunkelnde Sterne, dachte ich, während ich mit einem Finger über meine spröden Lippen strich. Instinktiv formten sich diese zu einem Lächeln. „Wie lang ist es her?“, flüsterte ich unheilvoll, in die vom künstlichen Licht erleuchtete Dunkelheit hinein. „Wie lang ist es schon her, dass ich ein Mädchen von ihrer bitteren Qual erlöst habe?“ Viel zu lange. Wirklich eine halbe Ewigkeit, antwortete meine innere Stimme, während ich mir leise kichernd über meine langen, schwarzen Haare strich. Spielerisch streckte ich meine Hand hinauf in den pechschwarzen Himmel, um eines dieser kleinen Sonnen zu fassen. Doch was machte ich da nur? Nie würde ich hoch genug kommen, um auch nur eine von ihnen berühren zu können. Zumindest nicht, ohne mir dabei die Hände zu verbrennen. „Ja… es ist alle mal viel zu lange her“, bestätigte nun auch ich den Gedankengang meiner inneren Stimme. „Und langsam wird es Zeit, dass sich etwas ändert“, fügte ich leise hinzu. Mit diesen Worten, richtete ich mich vom Dach eines verlassenen Hauses auf. Ich kletterte über die Regenrinne hinab und sprang die letzten Meter leichtfüßig auf den Boden. Meine Hände in die Taschen der rabenschwarzen Lederjacke, ging ich langsamen Schrittes meinen ziellosen Weg voran.

Das Eis unter meinen Schuhen knackte hörbar, derweil ich meine Augen schloss und mich auf nahstehende Geräusche zu fokussieren versuchte. Doch alles was ich wahrnahm war das unaufhörliche Knacken des glitzernden Eis, als Folge meiner automatisch fortsetzenden Bewegung. Die Luft aus meinen Lungen formte weiße Schwaden in der Luft und unter dem gelborangen Licht der Straßenlaterne, unter der ich zum Stehen kam, sah es so aus, als würde ich rauchen. Immer noch nichts, sprach nach einer Weile die Stimme in meinen Gedanken das enttäuschende Ergebnis meiner konzentrierten Suche aus. Doch ihre Worte vollends von meinem Bewusstsein verdrängt horchte ich weiter und hörte schlussendlich etwas, was mich abermals ausatmen ließ, doch dieses Mal war es stockend. Voller Entsetzen und mit einem bitteren Hauch von Mitleid.

Dort hinten in diesem Haus weint je- „Ja ich weiß. Ich höre es auch“, unterbrauch ich meinen Klang, ehe es seinen Satz beenden konnte. Auch wenn die Stimme manchmal Sachen zu mir sagte, die mehr als offensichtlich waren (so wie gerade zum Beispiel), so war sie meine einzige Zuflucht, wenn ich jemanden zum Reden brauchte oder einfach nur wollte, dass man mir zuhörte und mich verstand. Denn sie widersprach mir nicht. Kein einziges Mal. Nie. Wie denn auch, wenn sie allein mir gehörte? Sie und ich verkörperten so viele verschiedene Wesen; doch waren wir in ein und demselben Körper gefangen.

Meine Schritte wurden schneller, je lauter und schmerzvoller das Weinen klang. Jedoch verspürte ich, je näher wir unserem Ziel kamen, wie der Schmerz in Form eines regelrechten Infernos in mir überging. Denn neben meiner Stimme war ich ebenso in der Lage Gefühle einer jeden Person, in Form jeglicher Zustände, zu erfassen. So bildeten diese eiskalten Tränen mit jedem Mal, in dem sie über das Gesicht des Mädchens rannten nicht nur eine einfache Kälte, sondern zugleich ein Feuer, welches eine erste, einfache Glut erzeugte. Diese wandelte sich jedoch mit jedem Schluchzen, das sich immer mehr in herzzerreißendes Schreien verwandelte, in unzählige Flammen. Und jene Flammen drohten meine Brust wortwörtlich von innen heraus zu verbrennen. Erzählungen nach kam es nicht gerade selten vor, dass so jemand wie ich daran verstorben war. Dennoch war ich stärker als die anderen und gewillt diesem Mädchen so sehr zu helfen. Schließlich half sie mir, sobald ich ihr geholfen hatte.

Trotz der Pein, die mich allmählich sichtbar schwächte, zwang ich mich selbst dazu, bis hinauf zu ihrem Fenstersims zu klettern. Selbst wenn sie sich wundern würde, wer plötzlich auf eben jenen sitzen würde, sie wäre zu sehr gequält von ihrem Leid und ihre Augen zu erschöpft und verquollen von den unzähligen Tränen, die sie womöglich lange vor mir vergossen hatte, als dass sie realisieren würde, wie absurd mein urplötzliches erscheinen bei ihr doch war. Um meine spätere Form, die ich ihr gegenüber annehmen würde, nicht sofort zu offenbaren, bat ich meinen liebsten Klang sich noch eine Weile zurückzuhalten. Auch wenn es nicht das erste Mal war, dass ich anhand von meiner ungeduldigen Stimme meine Wandlung zurückhalten musste, so war es (vor einiger Zeit, bei einer anderen Person) das letzte Mal, dass die Formwandlung viel zu früh erscheinen würde, als geplant. Natürlich, hatte ich beim letzten Mal „Glück“, dass das Mädchen von damals sich zuvor aus blanker Dummheit heraus von ihren Gefühlen hatte leiten lassen und sich somit ihren Arm aufgeschnitten hatte. Denn allein durch diese (wenn auch unglückliche) Tat hatte sie nicht verstanden, wie ich mich so plötzlich in den Engel aus ihrem Gedicht hatte verwandeln können. Ich lächelte leicht bei dem Gedanken an die vergangene Tat. Wie töricht von ihr all dies gewesen war. Doch dieses Mädchen hier nun vor mir war anders. Ihr Herz war von unzähligen Narben übersäht worden. Jede einzelne von ihnen erzählte eine Geschichte. Die Geschichte von Menschen, die sie über alles geliebt und verloren hatte – aus den unterschiedlichsten Gründen.

Das Glück befand sich diesmal auf meiner Seite, als ich eine Hand nach dem Fenster ausstreckte um jenes zu öffnen. Doch meine Hand zitterte durch die langsam immer stärker werdenden Schmerzen stetig und erschwerte es mir somit, dass minimal offene Fenster ein ganzes Stück weiter zu öffnen. Als ich es endlich geschafft hatte, trafen sich unsere Blicke. Meine lilafarbenen stachen in ihre goldgelben. Ihr Blick war (wie zu erwarten) verwirrt und vollends verquollen. „Wer bist du?“, hauchte sie gebrochen, derweil sie sich ihre letzten Tränen wegwischte und es mir somit erlaubte, mich wieder allmählich und mit größter Vorsicht ein Stück weiter zu bewegen, als nur bis zum Fenstersims. Langsam setzte ich zunächst ein Bein in ihr warmes Zimmer hinein und dann das andere. Als meine Füße den warmen dunkelroten Teppichboden berührten geriert ich kurzzeitig ins Schwanken, doch konnte ich mich mit meiner Hand, welche zudem aufgehört hatte zu zittern, rechtzeitig halten, um einen Sturz zu vermeiden. Ihr Mund regte dazu an, besagte Frage von vor wenigen Momenten nochmal zu stellen, doch ehe sie dies tun konnte war ich bereits bei ihr, legte eine Hand auf ihre Lippen und befahl ihr ruhig zu sein.

Als ich meine freie Hand auf ihr Gesicht legte, konnte ich spüren, wie jede einzelne Pore unterhalb ihrer Augen mit der salzigen Flüssigkeit besetzt war. Für jeden Menschen, wäre meine darauffolgende Tat fraglich gewesen, doch für mich selbst war sie entscheidend. Entscheidend für mein Leben. Behutsam nahm ich das letzte bisschen, der beinahe zu Gänze vertrockneten Tränen mit einem Finger auf, indem ich jeden einzelnen und noch so kleinen Tropfen von ihrer Haut auf meine Fingerspitze übertragen ließ. Als ich alles beisammen hatte, leckte ich genüsslich über meine Finger, um jenes Gefühl der gewonnen Kraft zwischen der Flüssigkeit und meiner Zunge herstellen zu können. All die Emotionen, wie Wut, Trauer, Enttäuschung und Schmerz waren nicht allein ein Leid für Wesen wie mich – sie waren ebenso kurz vor ihrem Verschwinden eine unerlässliche Nahrungsquelle, die es uns erlaubte wieder all jene Energie in uns zu regenerieren, die wir zuvor verloren hatten. Doch nur wenige waren im Stande so lange durchzuhalten und die besagte Person, die uns die Kraft geraubt hatte zuerst zur Ruhe zu bringen, ehe sie von der neugewonnen Macht profitieren konnten. Nur wenige Sekunden nach meiner Energiezufuhr ummantelte urplötzlich Kälte meinen Geist, schloss ihn in sich ein und ließ meine Adern am gesamten Körper sichtbar pulsieren. Ein breites Grinsen formte sich auf meinen Lippen, während ich auf das mittlerweile schlafende Gesicht dieses Mädchens blickte. „Showtime“, ertönte mein innerer Klang jetzt unheilvoll aus meinem Mund.



Aus der Sicht des Mädchens:

Wovor hast du am meisten Angst?, hörte ich eine mir unbekannte Stimme in der nie enden wollenden Dunkelheit jene Frage stellen. Verwirrt von dieser Erkundigung zögerte ich zunächst, ehe ich mit versucht starker Stimme erwiderte: „Warum sollte ich vor etwas Angst haben?“ Doch mir war bewusst, dass mein erdachtes Vorhaben sich nur in einen brüchigen, zittrigen Laut verwandelt hatte, der meine Unsicherheit umso mehr unterstrich. Kaum hatte ich meine Gegenfrage gestellt, verfluchte ich mich im Inneren für meine ständige Feigheit. Nie schaffte ich es sie zu unterdrücken oder gar gänzlich von meinem Charakter auszuschließen. Lüg mich nicht an!, kam es nun forsch von der fremden Stimme, welche nunmehr durch ihren Zorn den dunkeln Boden unter mir erzittern ließ. Ich spüre sie, fuhr jene fort. Die Angst, die ihre Blüten in dir erblühen lässt und dich mit ihren Ranken und Blättern zu ersticken droht ist eine, welche viele Menschen haben. Aber noch nie habe ich die Blüte der Furcht so schnell in jemanden wachsen sehen, wie in dir. Dennoch bist du in keinster Weise gewillt dieser Blüte ein Ende zu bereiten. Stattdessen nährt sie sich von deiner Unsicherheit und leckt durch ihre Blätter, die deinen Mund verschließen und dir somit jede Möglichkeit des Sprechens verwehren, an deinen bittersüßen Tränen der Verzweiflung. Beinahe wie auf ein Stichwort, erschienen aus der undurchdringlichen Dunkelheit, in Form von grau-weißen Nebelgestalten, all jene Menschen, denen ich einst vertraute, doch die ihre dreckigen Fingernägeln tief in meine Brust hineingebohrt hatten und somit gewaltsam und ganz ohne Rücksicht mein Herz Mal für Mal aus meinem Körper entrissen hatten. Sie hatten mich betrogen, verletzt und hintergangen, ohne Reue zu verspüren.

In ihren verräterischen Augen lag tief verborgen, in dem kleinsten Funken, welcher sich nur schwach zu erkennen gab, die Gier durch die sie nicht auch nur eine Sekunde lang zögerten mir selbst die letzte Hoffnung zu rauben. Gefolgt von ihren nach Verderben und Leid dürstenden Augen ragten, infolge eines siegreichen Lächelns, nun auch ihre spitzen Reißzähne hervor, welche unterstützt durch das genüsslich-widerlich begleitete Lecken eben jener mit der Zunge, die Zähne vor strahlender Reinheit hervorblitzen ließ. Jedoch würde eben jene Reinheit in nicht weniger als einigen Augenblicken besudelt sein, von all dem Blut, von dem sie zum Stillen ihres wilden Durstes nach Tod trinken würden. Je näher ihre lautlosen Schritte (deren Spuren im Nichts verdampften) mir kamen, desto größer war die Furcht, welche sich hör- und spürbar durch meinen steigenden Herzschlag machte.

Ich kann sie dir vertreiben, wenn du willst. Diese Angst, dessen giftige Schlinge sich unaufhaltsam um dein Herz und deine Lunge geschlungen hat, sprach die mir unbekannte Stimme nun deutlicher und weniger hallend zu mir. Es war die Stimme eines jungen Mannes. Ich kann sie dir bekämpfen, wenn du dies verlangst. Die Blätter, die sich fest um deinen Mund gebunden haben und sich von deinen Tränen ernähren, setzte der Fremde sein Angebot fort. Und ich kann sie dir töten, diese Unsicherheit, die deine Seele Stück für Stück zerstören lässt. Aber… dafür muss du mir eine einzige Sache gewähren. Nur eine. Dann werden all deine Sorgen und all deine Trauer für immer im Nichts versiegen. Das verspreche ich dir. „Was willst du?“, fragte ich, getrieben von unbändiger Furcht, welche bald ihre Unermesslichkeit erreichen würde, je mehr die hüllenlosen Hände des Zornes und des Grauens dieser geisterhaften Personen, sich nach meinem Hals und meiner Brust austreckten. Ganz gleich, wie sehr ich mich gegen die nahestehende Wand drückte, oder um Hilfe schrie.  Nicht einer dieser grauenvollen Wesen ließ von mir ab.

Als ich meinen Kopf verzweifelt gegen die Wand presste, um mich von meinen Peinigern abwenden zu können, vernahm ich kurz darauf das schemenhafte Leuchten zweier Lichter, welche jeweils in den Farben von Grün und Blau die Dunkelheit erhellten. Ein scharfes Zischen in der Luft, gefolgt von einem markerschütternden Schrei, welcher im Einklang mit all diesen Monstern die Umgebung zum erzittern brachte, sorgte dafür, dass ich es endlich wagte meine Sicht demjenigen zu widmen, dem ich meine Rettung zu verdanken hatte. Gib mir dein Leben, hauchte mein Retter in unheilvoller Düsternis seine Antwort in mein Ohr. Schenk der Klinge meines Skalpells das Blut, nach welchem es verlangt! Kaum waren jene Worte seinem Sprechorgan entflohen, durchzuckte ein scharfer Schmerz meinen Körper. Gefolgt von der seltsam wohltuenden Wärme meines eigenen Bluts.

Ruckartig schlug ich meine Augen auf, während ich hilflos auf das nach Triumph dürstende Gesicht meines Mörders blickte. Pechschwarze Engelsflügel zierten seinen muskulösen Körper, als wären sie nicht allein eine Zierde, sondern seine fedrigen Begleiter, welche er im Schutz der nächtlichen Dunkelheit lange im Verborgenen gelassen hatte. Einzelne Tränen kullerten zum letzten Mal meine Wangen hinunter, doch ehe sie dumpf auf dem Kopfkissen landen konnten, fing der fremde Engel mit seiner einen, freien Hand sie auf, indem er sie behutsam von meinen Wangen strich. „Schhhhh… ich habe doch dafür gesorgt, dass du nicht mehr eine einzige Träne vergießen muss. Also sorg dafür, dass dies auch deine letzte für alle Ewigkeit bleibt, verstanden?“, fragte er mit einem Hauch von blinder Ironie, ehe er mit einem gewaltsamen Ruck sein Werkzeug aus meinem Hals zog und aufmerksam, sowie zufrieden auf sein Geschenk starrte, dass er sich genommen hatte.

Alles, was in dieser einen Nacht, in diesem einen Moment zu hören und zu sehen war, waren meine gurgelnde Laute, welche schnell wieder verstummten. Mein fremder Retter strich mir behutsam über meine schweißnasse Stirn und bat mich beinahe liebevoll letzten Atemzüge für das Jenseits aufzusparen. Die verschiedenfarbigen Augen, meines Erlösers, erleuchteten meine Dunkelheit ein allerletztes Mal mit Hoffnung, ehe sie in der eiskalten Außenwelt für immer verschwanden.



Sie hielten sich im Verborgenen, bis sie sich das nächste Mal wieder zu erkennen geben würden.   Geschrieben von: BlackRose16 (Diskussion) 13:16, 5. Mär. 2019 (UTC)               

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