Es war der 31. März des Jahres 2192, als ich von der Raumstation Nora 26, der Heimatstation meiner Mutter, nach Daris 3 zurückkehrte. Ich und mein Vater waren dort stationiert. Wir beide arbeiteten für die Terranova Initiative. Eine Unternehmung deren Ziel es war, neue Planeten zu entdecken, auf denen die Rahmenbedingungen für ein Leben an der Oberfläche gegeben waren. Ich fand die Arbeit der Explorer, wie unser Beruf genannt wurde, schon als kleines Kind das coolste, das es gab. Und so ergab es sich, dass ich meinem Vater nacheiferte. Ich war ein aufgewecktes und wissbegieriges Kind. Wie ich diese Zeit vermisse.. Es ist nicht so, dass meine Lust am Leben zu sein irgendwie abnahm, jedoch empfand ich die Welt früher als.. Schlichter. Vor zwei Jahren lernte ich Mia kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick, wie man so schön sagt. Ich glaubte nie wirklich an solche Märchen-Love-Stories, doch wie es in diesem Universum oft der Fall ist, wurde ich vom Gegenteil überzeugt. Darüber bin ich heilfroh. Es gibt für mich nichts Wichtigeres als Mia. Ich war praktisch mein ganzes Leben lang alleine.. Einsam. Und nie hätte ich es für möglich gehalten, einmal ein so hübsches und korrektes Mädchen, meine Freundin nennen zu dürfen. Ihr ganzes Wesen strahlte eine Lebendigkeit aus, die mich bei jedem ihrer Blicke, bei jeder ihrer Berührungen gefangen zu halten wusste. Es fiel mir immer äusserst schwer, nach meinen Besuchen am Wochenende wieder den Dienst antreten zu müssen. Am Liebsten hätte ich sie mir unter den Arm geschnallt und mitgenommen. Auch sie wohnte auf Nora 26, nahe dem Quartier meiner Mutter. „Bring mir keine Aliens mit nach Hause, ja?“, waren jedes Mal die letzten Worte meiner Mutter, wenn sie und Mia mich am Montag morgen, in der Shuttlebucht verabschiedeten. Und ich schüttelte jedes Mal amüsiert den Kopf.

Jedenfalls kam ich so gegen 9 Uhr morgens auf Daris 3 an. Ich wollte unbedingt meinen Vater sehen, denn ich hatte grosse Neuigkeiten. Die wichtigsten seit.. Naja seit immer denke ich. Da er aber nicht in unserem Wohnquartier aufzufinden war, stattete ich Lester Brooks, unserem Kommandanten, einen Besuch ab. Ich klopfte an die Tür seines Büro's und trat ein. „Aah, Captain Hanwell!“, sagte er freundlich, als er mich durch seine runde Lesebrille ansah, „Gut dass Sie da sind. Ich wollte Sie sowieso gleich sprechen, sobald Sie ankommen würden.“ Neugierig nickte ich ihm zu und setzte mich auf den freien Stuhl vor seinem Schreibtisch. „Sir? Dürfte ich vielleicht zuerst eine Frage stellen? Haben Sie meinen Vater gesehen? Ich muss ihm dringend etwas sagen, aber er war nicht in unserem Wohnraum.“, fragte ich und hoffte er würde mir nicht übel nehmen, zuerst ein wahrscheinlich weniger wichtiges Thema anzuschneiden. Doch ich irrte. „Nun.. Darum geht es, Adam.“ Ich stutzte. Das er mich bei dieser Sache mit dem Vornamen ansprach, behagte mir ganz und gar nicht. „W-was ist denn los?“, stotterte ich nervös. Brooks presste die Lippen zusammen. Offensichtlich wusste er nicht genau, wie er beginnen sollte. Schliesslich atmete er tief ein und sagte: „Ihr Vater.. Ist vor zwei Tagen zur Erde aufgebrochen.“ Ich liess mich tief in den Stuhl sinken und verkniff die Augen. „Die Erde..? Aber die ist doch seit 40 Jahren in Quarantäne?!“ „Seit 50..“, korrigierte er mich. Ich konnte es nicht fassen, dass mein Vater einfach so ging, ohne mir vorher Bescheid zu sagen. „Wann kommt er denn wieder?“, wollte ich wissen und rutschte an die vordere Kante meines Stuhles. Brooks senkte seinen Kopf und spielte etwas verlegen mit seinem Stift herum. „Wir.. haben seit gestern Abend keinen Funkkontakt mehr zu seinem Schiff. Von dieser Aussage, wie von einem Blitz getroffen, erhob ich mich. „Laden Sie mir die letzten Koordinaten auf mein Data-Pad. Ich breche sofort auf.“ „Adam, bitte setzen Sie sich wieder. Ihr Vater.. Er meinte wir sollten Ihnen nicht erlauben, ihm zu folgen.“ „Schwachsinn!“, rief ich mit einer Geste, die jeden Stein halbiert hätte. „Ich muss und werde ihn finden! Laden Sie mir also die verdammten Koordinaten hoch oder muss ich mich selbst darum kümmern?!“ Nun fuhr auch Brooks hoch und verschränkte die Arme hinter seinem Rücken. „Captain Hanwell.“, begann er mit strenger Stimme, „Ich verbiete Ihnen, Ihrem Vater zu folgen! Die Erde ist tabu und das wissen Sie. Wir können uns später noch einmal darüber unterhalten, wenn Ihnen wieder eingefallen ist, wo ihr Platz ist. Wegtreten!“ Dann setzte er sich wieder und tat geschäftig. Die Muskeln in meinem Nacken verkrampften sich und ich biss wütend die Zähne zusammen. Doch ich versuchte gefasst zu wirken, ging zur Tür und öffnete sie normal, obwohl ich sie am Liebsten aus den Angeln gerissen hätte. Bevor ich heraustrat, vernahm ich einen Seufzer hinter mir. „Es.. Es tut mir Leid, Adam.. Wirklich.“ Ohne zu antworten trat ich in den Gang und schloss kräftig die Tür.

Nachdenklich rieb ich über die Brandwunde an meiner linken Wange, die ich mir vor wenigen Monaten zugezogen hatte. Auf der Station war ein Feuer ausgebrochen, bei dem einige Menschen zu Schaden gekommen waren. Ein Mädchen war von Trümmern eingeschlossen und ich wusste, ich muss ihr helfen. Wir entkamen, doch meine Haut hat leider etwas abbekommen. Es mussten um die drei Minuten gewesen sein, die ich vor dem Büro verharrte und keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Eine vertraute Stimme unterbrach meinen Gedankenstrom. „Hey Adam, wie steht's?“, sagte Ted, einer der Aufseher der Shuttlebucht verwundert. Ich mochte ihn, auch wenn wir nicht oft miteinander zu tun hatten. Blitzschnell schaltete mein Verstand. „Ted!“, begrüsste ich ihn, bemerkte dann, dass ich mich immer noch vor dem Büro befand und begann zu tuscheln. „Kannst du mir einen Gefallen tun?“ Während ich das fragte, nahm ich ihn leicht beim Arm und zog ihn mit mir. „Ääh, na klar.. Was denn?“ „Es geht um die Koordinaten eines Flug's. Nichts Wichtiges..“ Es machte mir keine Freude ihn anzulügen, aber darauf konnte ich keine Rücksicht nehmen. Ich musste nach meinem Vater suchen, koste es was es wolle. Doch genau da machte ich einen Fehler. Niemand mag Unaufrichtigkeit. Und ich Idiot hatte nicht daran gedacht, dass man Ted sicher bereits über die Lage informiert hatte. „Du fragst wegen deinem Vater, stimmt's?“ Ich seufzte. „Ja..“, gab ich zu. „Sorry Adam, aber ich würde meinen Arsch riskieren, wenn ich dir diese Information zustecke.“ Was ich dann tat, war einerseits darauf zurückzuführen, dass ich unglaublich wütend war, dass mein Vater einfach so ging, ohne Bescheid zu sagen und andererseits, weil ich verzweifelt nach Jemandem suchte, der mir helfen konnte. Wir waren allein im Gang und standen unmittelbar vor einer Abstellkammer. Ich packte Ted, der sich gerade zum Gehen abwandte, bei den Schultern. Ich riss ihn mit aller Kraft zu Boden und schlug zwei Mal zu, bis er bewusstlos liegen blieb. Wie ein Wahnsinniger stierte ich umher, öffnete die Tür der Kammer und zerrte Ted mit hinein. In der Dunkelheit tastete ich seine Brust nach der Code-Karte ab, die man benötigte um Zugriff auf die Koordinaten sämtlicher Flüge zu erhalten. Die Karte klickte, als ich sie von seiner Brusttasche zog und dann machte ich mich, begleitet von einer gewaltigen inneren Unruhe, auf zur Shuttlebucht.

Ohne mich gross umzusehen, setzte ich mich an Ted's leeren Arbeitsplatz. Bis jetzt hatte noch niemand verdacht geschöpft. Ich loggte mich mittels der Code-Karte in seinen Account ein und ging die Einträge der letzten Stunden durch. Kurz darauf sah ich, was ich zu finden erhofft hatte. „Bryan Hanwell – Samstag, der 29. März 2192 – 17:35 – Zielort: Erde (Quarantänezone) Letzter Aufenthaltsort in Koordinaten des Jeweiligen Planeten: 43° 56' N, 120° 35' W – Oregon, USA.“ Treffer. Hastig klickte ich auf die Schaltfläche „Send Data“ und wählte die ID meines Data-Pad's. „Oregon..“, sinnierte ich. Wenn ich mich recht erinnere, hat mein Vater diesen Ort schon ein paar Mal erwähnt. Es musste sein früherer Wohnort sein, denn er hatte die Zerstörung der Erde noch miterlebt. Er war gerade mal 8 Jahre alt gewesen. „Ted, bist du schon fertig mit den..“ Ich zuckte zusammen. Einer von Ted's Kollegen trat um die Ecke und hob eine Augenbraue. „Adam? Was tun Sie da?“ Ich wusste nichts zu erwidern. Ich war zu aufgewühlt. Ehrlich zu sein wäre sicher wieder die bessere Option gewesen. Aber im Nachhinein ist man sowieso immer schlauer. Rasch erhob ich mich von Ted's stuhl und lief ohne ein Wort an dem Mann vorbei, zum Eingangstor der Garage, in der mein Schiff abgestellt war. „Zum Teufel Adam, was haben Sie getan?!“, rief er mir hinter her. Doch ich hatte meine Entscheidung getroffen. Ich zog meine ID durch den Schlitz des Türöffners, während plötzlich eine Sirene in meine Ohren zu kreischen begann. Dann rannte ich los, verfolgt von einem wilden Stimmengewirr. Gekonnt kletterte ich ins Cockpit meiner Maschine, legte hier einen Hebel um, drückte da einen Schalter und schoss durch die Luke, raus in die unendlichen Weiten des All's.

Die Reise zum Planeten Erde, dauerte dank des eingebauten Quantensprung-Antriebs nur ungefähr zwölf Stunden. Sehr wenig für diese Entfernung. Die Menschheit hatte sich nach dem Zusammenbruch, weit weg von der Erde neu angesiedelt und den ganzen Bereich als Quarantäne- oder Gefahrenzone eingestuft. Das Alte kaputt machen und dann was neues suchen, nur um das dann auch wieder kaputt zu machen.. Man muss sich selbst treu bleiben, oder? Ich schaltete gleich zu Beginn meines Flugs sämtliche Kommunikation zu Daris 3 aus. Sie würden mich genug tadeln können, wenn ich wieder zurück bin, dachte ich. Nach ungefähr sechs Stunden im Hyperraum wurde ich etwas schläfrig und machte kurz die Augen zu. Ich bin mir nicht sicher ob ich träumte oder noch wach war. Jedenfalls erschien das Bild meines Vaters vor meinem inneren Auge. Aber da war auch noch jemand anders. Sie unterhielten sich, schüttelten ab und zu den Kopf und beobachteten mich. Fast so als würden sie eines dieser alten Gemälde studieren. Die, die in den protzigen Schlössern hingen und ihre Lordschaften verzauberten. Es war mir nicht wohl in diesem Raum. Mein Vater sah sehr traurig aus. Ich wollte weg und sobald dieser Gedanke durch meinen Kopf ging, wachte ich auf. Oder.. Kam zu mir. Die restliche Zeit grübelte ich darüber, was dieser seltsame Traum zu bedeuten hatte.

Sobald ich aus dem Hyperraum schoss, empfing mich ein trostloser Anblick. Ich kannte den früheren Zustand der Erde, aufgrund von Satellitenbildern. Diese Erde, glich der früheren nur noch wenig. Sie besass jedoch auch schon von weitem ihre eigene Schönheit. Eine grün-schwarz gefärbte Kugel. Was wollte mein Vater hier nur..? Seufzend traf ich alle Vorsichtsmassnahmen, die nötig waren, um in die Atmosphäre des Planeten einzudringen. Danach wurde ich heftig in meinen Sitz gedrückt und durchgeschüttelt. Ich liebte es. Mein Schiff brach durch die dichte Wolkendecke und flitzte über die beeindruckende Landschaft. Es fühlte sich anders an, auf einem Planeten herum zu düsen, als im Raum. Viel.. träger. Auch dieses Gefühl war mir äusserst angenehm. Ich staunte über den traurigen und zugleich mächtigen Anblick dieser neuen Welt. Riesige, dunkelgrüne Ranken hatten den Boden aufgebrochen und bewegten sich träge hin und her. Bis hoch zu mir in den Himmel hinauf ragten sie. Es schien fast so als wäre die Erde lebendig geworden und versuchte sich nun von den Schäden, die, die Menschheit verursacht hatte, zu erholen. Ach ich idiot. Natürlich war die Erde auch schon zuvor lebendig gewesen. Ich meine damit, dass sie sichtlich aktiv wurde. Als hätten wir etwas sehr Mächtiges geweckt, dass eigentlich lieber in stiller Wachsamkeit geruht hätte. Vom Fuss dieser gewaltigen Ranken gingen grüne Flächen aus, die langsam aber sicher den Schutt und die Trümmer vergangener Gräueltaten zu verschlingen trachteten. Ich lächelte bei diesem Anblick. Ich war froh, dass die Erde uns nicht brauchte um sich zu erhalten. Dann schien mir auch dieser Gedanke an Lächerlichkeit nicht zu übertreffen.. „Uns brauchen..“, liess ich mir die Worte im Mund zergehen, während ich naserümpfend die Szenerie betrachtete. Als ob dieses Wunder, diese gewaltige Intelligenz uns in irgendeiner Weise „brauchen“ würde. Wir wurden bestenfalls toleriert. Der Mensch hatte seine Chance auf ein befriedigendes „Miteinandersein“ gehörig vertan. Oder war es die Bestimmung des Menschen zu versagen?.. Schliesslich hatte der Kosmos dieses Ereignis ja herbeigeführt. Aber ich gerate ins Schwafeln. Ich hoffte dennoch, dass die nächste Spezies, die dieser Planet hervorbringen mag, einen weiseren Repräsentanten abgeben würde.

Nachdenklich tippte ich die Koordinaten von Oregon in den Kurzstreckenscanner. In nicht einmal einer Minute Flugzeit war ich dort angekommen. Nun flog ich tiefer. Ich schaltete den Scanner um, auf den Raster „Transponder-Signale“, denn jedes unserer Schiffe verfügte über einen Tracker. Es dauerte nicht lange, bis der Scanner ausschlug und mir zeigte wo ich suchen musste. Ich stoppte mein Schiff in der Nähe einer etwas kleineren Ranke. Es hatte eine „Hover-Funktion“ um von einer höher gelegenen Position das Gelände untersuchen zu können. Mein Blick fiel auf ein verbogenes Etwas, dessen Material ich aus dieser Höhe nur schlecht zuweisen konnte. Nicht weit davon steckte ein weiteres im Boden. Und ein weiteres. Es waren die Bruchteile des Schiffes meines Dad's. Meine Hände kribbelten vor Aufregung über diesen Fund - Vor Aufregung und vor Angst um meinen Vater. Würde ich es verkraften können, wenn ihm etwas passiert wäre? Ich landete in der Nähe des Cockpits, das abgebrochen am Erdhügel der Ranke lehnte und eilte nach draussen. Meine Stiefel tauchten ein in ein russiges, grünes Meer aus Gras, das sich das Land zurückholte. Ich wagte es aber nicht meinen Schutzhelm abzunehmen, obwohl mich sehr interessierte, wie die Luft hier schmeckte. Wenige Schritte später, vom aufkommenden Wind gepeitscht, begutachtete ich das Wrack. Von meinem Vater keine Spur. Meine Atmung beruhigte sich langsam wieder und ich schaute mich um.

Plötzlich vernahm ich ein Geräusch. Eine leise Stimme, die.. sang? Ich hob eine Augenbraue und ging vorsichtig auf den Ursprung der Geräusche zu, der wie es schien, in einer Öffnung der Ranke selbst lag. Die Stimme wurde nun etwas klarer. Es war Musik. Solche, die mein Vater gerne hörte, wenn er in seinem Zimmer sass, Zigarre rauchte und der Vergangenheit sinnierte. Diese Musik war auch für ihn schon sehr alt, doch das hat natürlich nichts darüber auszusagen, was, wem gefällt. Ich mochte sie auch. Es war ein Lied der 1940er Jahre. Nun da ich es besser hörte, erkannte ich es sogar. Es war eines meiner Favoriten aus dieser Zeit. Das Stück hiess: „I dont want to set the world on fire“ von einer Gruppe namens „The ink spots“. Wie zum Teufel kam diese Musik hier her. Verwirrt lauschte ich dem Lied und ging durch die Öffnung in der Ranke. Ein Tunnel führte tief in die Erde hinab. Die Stimme des Sängers hallte gespenstisch von den Wänden, während ich wie hypnotisiert voranschritt. Gefühlte fünf Minuten später weitete sich der Gang. Da es nun zu dunkel war, um etwas zu erkennen, griff ich in eine meiner Gürteltaschen und kramte den „Pieper“ hervor. Der Pieper war eigentlich eine Taschenlampe, doch man nannte sie nur „den Pieper“, weil sie beim Aufstarten drei mal kurz piepte. Ich drückte auf den Knopf an der Seite des kleinen Geräts und sein Licht durchfloss die Höhle. Vor mir befand sich eine Art Hohlraum, dessen Wände von einem schwarzen Geflecht überzogen waren. Ich trat näher und untersuchte es. Es zuckte und knisterte leise. Seltsames Zeug. Das Lied verstummte nun zunehmend, als ich mich weiter vorwagte.

Es wich einem Keuchen. Ich trat um eine Ecke und mein Kinn sank wie automatisch nach unten. An einer nahegelegenen Wand, eingebettet in dieses hässliche Geflecht hing.. mein Vater. Er atmete schwer sobald er mich auf ihn zugehen sah. „Wer.. wer ist da?“, fragte er und hustete stark. Eine durchsichtige Flüssigkeit quoll aus seinem Mund hervor. Als ich besorgt näher trat, nahm ich einen strengen Geruch wahr. Es roch nach Alkohol. Schon als ich den Tunnel betrat, war dieser Geruch präsent. Wenn auch um einiges schwächer. Nur ist er mir durch die Ablenkung des Liedes nicht gross aufgefallen. Warum konnte ich ihn überhaupt riechen, wenn ich doch meine Atemmaske trug? War der Filter im Eimer? Ich beschloss mich später damit zu befassen. „Dad? Was ist passiert?“ Ich stand nun wenige Meter vor ihm und leuchtete seinen Körper ab. Er hustete wieder und schluckte schwer. Das Sprechen bereitete ihm grosse Mühe. „Adam.. ich habe den anderen doch gesagt.. Du sollst..“, dann blickte er sich plötzlich aufgeregt um, als wäre ihm mitten im Satz etwas eingefallen, „E-e-es ist hier irgendwo. Bewaffne dich! Schnell mein Sohn!“ Geschwächt schloss er die Augen. Als ich meinen Kopf ein wenig zur Seite neigte, um in das Gewölbe zu horchen, stellten sich mir die Nackenhaare auf. Ich hörte wieder dieses Keuchen. Doch wie ich zuvor angenommen hatte, kam es nicht von meinem Vater. Ich wirbelte herum. Das helle, bläuliche Licht des Piepers stach durch die Finsternis und brachte im hinteren Teil der Höhle ein paar Säulen aus Stein und Erde zum Vorschein. Auch daran klebte das knisternde Gewächs. Sowie ich das Gebiet absuchte, veränderte sich das Keuchen zu einem leisen, grauenhaften Knurren. Mein Herz pochte nun wie wild. Dann huschte etwas von einer Säule zur anderen. Ein Schatten. Gross, mit dünnen Gliedmassen. Ich zog meinen Blaster. Eine kompakte Handfeuerwaffe, die verschiedenfarbige Laserstrahlen abfeuerte. Das Wesen huschte von Säule zu Säule und kam dabei immer näher. Ich feuerte jedes mal, wenn der Schatten wieder auftauchte. Die Geschosse sausten umher, trafen die Säulen und bohrten glühende Einschusslöcher hinein. Kleine Stücke von Steinen und Erde spritzten durch den Lichtkegel meiner Lampe. Doch der Schatten war unglaublich schnell. Ich wurde immer nervöser und schoss schon fast blind umher. Und dann.. Nur eine Säule entfernt, die im Abstand von ungefähr fünf Metern, vor mir in die Höhe ragte – Dort verharrte der Schatten.

Es wurde nun sehr still. Noch immer richtete ich Licht und Blaster auf die Säule und wartete auf den Moment, in dem, was auch immer es war, auf mich los ging. Und dann geschah es. Jedoch nicht wie ich erwartet hätte. Ein tiefes Knurren. Dann ein Knall. Die Säule barst, ja explodierte fast in meine Richtung. Bevor ich wusste wie mir geschah, wurde ich wuchtig nach hinten geschleudert. Ich prallte hart gegen eine Wand, nahe bei meinem Vater und konnte mich nicht mehr rühren. Ich klebte fest. Umgeben von einem knisternden Elend, das jede Bewegung meines Körpers unmöglich machte. Laut atmend, starrte ich in den Raum. Etwa einen Meter über dem Boden hing ich da und sah kaum was unter mir passierte. Dann hörte ich, wie sich etwas an mich heranschlich. Es krabbelte links von mir an der Wand. Es näherte sich meinem Ohr. Eine dunkle, abscheuliche Präsenz, die in mir Gefühle auslöste, die niemals ein Mensch fühlen sollte. „Erinnere.. Dich..“, befahl eine Stimme, die tiefer und dämonischer nicht sein konnte. Es berührte meine Stirn. „Nein!“, schrie mein Vater, „Tu das meinem.. Sohn nicht an..“ Doch es tat es mir an. Eine warme, feuchte Berührung an meiner Stirn. Wie ein Taser durchfuhr mich ein stechender Schmerz. Bilder entstanden bei jedem Schock.

Zuerst war da ein Mann, der gefesselt auf einem primitiven Gerät aus Holz befestigt war. Ich fühlte mich als wäre ich dieser Mann – Als hätte ich seinen Körper übernommen. Jedoch hatte ich keine Macht darüber. Eine grosse Menschenmenge um mich herum applaudierte, sobald ein weiterer Mann mit schwarzer Kapuze neben mich trat. Er betätigte einen Hebel. Meine Gliedmassen wurden mit einem Ruck aus meinem Körper gerissen. Ich schrie auf und.. war wieder in der Höhle. Dann der zweite Schock. Ein Mann in einer Soldatenuniform. Wieder war ich im Körper dieses Mannes und konnte fühlen, was er fühlte. Erschöpfung. Eine schmerzende Wunde am Arm, die vor Blut triefte. Angst. Nein.. Angst wäre untertrieben. Todesangst. Ein brennen im ganzen Körper. Und seine Gedanken. Der Mann dachte, dass nun sein Leben vorbei wäre. Sie waren unterlegen. Der nächste Angriff der Amerikaner würde sein Ende bedeuten. Zusammengekauert hockte er in einem Graben, umringt von seinen japanischen Kameraden. Manche brüllten unter immenser Anspannung Befehle durcheinander. „Das Leben erinnert sich.. Erinnere dich auch..“, brach die Stimme wie ein Donner vom Himmel. Ohne Kontrolle über meinen Körper als Soldat hob ich die Arme und feuerte über den Graben. Dann spähte ich darüber. Eine feindliche Salve schlug vor mir in den Boden ein und ein Schuss in meinen Kopf, beendete die Szene. Wieder in der Höhle. In meinem Kopf dröhnte es wie in einem Bienenstock. Dieses Hin und Her schwächte meinen Körper ungemein. „Ich erinnere mich. Erinnert euch auch!“ Nun hörte ich auch meinen Dad unter Schmerzen aufschreien. Der nächste Schock – Die nächste Szenerie.

Ich sass auf einer Bank, hoch oben über einer mir fremden Stadt. Mein Vater war auch da. Er sass ruhig neben mir, seine Augen trübe und seine Gesichtszüge von Traurigkeit durchtränkt. Er berührte meine Hand und drückte sie. „Du musst hinsehen Adam. Auch wenn es dich schmerzt.“, sagte er mit einer Wärme in der Stimme, die ich nur selten von ihm gehört hatte. Wir wandten unsere Köpfe der Stadt zu. Von einer Sekunde auf die andere, war der Himmel erfüllt von kleinen, schwarzen Strichen, die langsam und doch unaufhaltsam in die Höhe stiegen. Sie wurden verfolgt von schmalen, grauen Linien, bis.. sie sich in der Luft wendeten und in verschiedene Richtungen los zischten. Eine der Raketen steuerte direkt auf uns zu. Ich blickte nach unten in die Stadt. Die Leute dort spielten verrückt. Sie gingen aufeinander los, wüteten in den Strassen und setzten Fahrzeuge, Gebäude, sogar andere Menschen in Brand. „Wertvolles Leben.. Vernichtet sich selbst.. Warum?“, erklang erneut die Stimme des Dämons. Diesmal jedoch mit einer anderen Stimmlage als zuvor. Sie klang weniger wütend.. eher.. enttäuscht. Die Rakete schlug direkt in den Turm der Kirche ein, dessen Glockenspiel auseinander geschlagen wurde, wie eine Tomate vom Baseballschläger. Eine Kuppel aus Feuer breitete sich aus – Pulverisierte alles, was sie berührte und raste tosend auf uns zu. Mein Vater drückte meine Hand fester. Und dann war alles vorbei.

Als ich die Augen öffnete, war ich wieder in der Höhle. Völlig am Ende schloss ich sie wieder. Es schien, als hätten wir einen Moment Ruhe, denn die Präsenz des Schattens war soweit ich feststellen konnte, nicht zugegen. „W.. Was machst du hier?“, fragte mein Vater. „Ich muss dir unbedingt etwas sagen..“, erwiderte ich unter Anstrengung. „Und was ist so wichtig.. dass du dafür dein Leben riskierst?“ Ich dachte kurz nach und musste lächeln. Ein schmerzverzerrtes Lächeln. Aber ein Lächeln. „Die.. Spüle muss repariert werden..“ Stille. Dann sah ich zu ihm hinüber, den Kopf noch immer fest an die Wand gedrückt. Seine Mundwinkel hoben sich langsam. Und dann lachte er lauthals hinaus. Augenblicklich wurde ich davon angesteckt. Unser Gelächter prallte mit lautem Echo von Wand zu Wand. Als wir langsam verstummten, atmete ich tief ein und sagte: „Mia ist schwanger..“ Nie hatte ich mich leichter gefühlt, als in dem Moment, in dem ich meinem Vater das sagen konnte. „Du wirst.. Vater?“, sagte er überrascht. Oder.. Es war eher ein Flüstern. „Oh Adam..“ Dann blieb es für eine Weile still, bis ich fragte: „Und du? Warum bist du hier? Ohne Bescheid zu sagen?“ „Ich bin hier geboren, wie du weisst. Und ich wollte meine Heimat unbedingt noch einmal sehen bevor.. Naja du weisst schon. Du hättest es mir doch nur ausreden wollen.“ „Ich wäre mitgekommen..“, widersprach ich nach einem gekränkten Schnauben. Er wollte etwas dazu sagen, verstummte aber gleich wieder. Nicht weil er dachte, es wäre unangebracht, jetzt eine Diskussion zu starten. Nicht weil ihm plötzlich bewusst wurde, dass er meinen Worten Glauben schenken konnte, bevor sein Widerspruch, seine Lippen verliess. Sondern weil ein bekanntes, leises Knurren ihm über den Mund fuhr. Es kroch aus der Dunkelheit auf uns zu, schlich, vibrierte den Wänden entlang und manifestierte sich dann auf dem Boden, im Schein des Piepers. Ich richtete meine Augen nach unten. Der Boden brodelte, als würden sich schwarze Ranken ungezähmt übereinander schlagen. Sprachlos schaute ich dem Gewächs zu, wie es plötzlich Gestalt annahm. Eine humanoide, grosse und schlanke Kreatur stieg aus dem Boden, wie der Satan persönlich. Lange, dünne Arme hingen von seinem Torso. Sein Körper etwas gebückt. Die Haut schien teils aus dem Knistergewächs und teils aus Wurzeln oder Ranken zu bestehen. Es kam auf mich zu. Sein Kopf war genau auf einer Augenhöhe mit mir. „Sieh.. mich.. an, Adam..“, befahl das Wesen in ruhigem Ton. Sein Blick durchbohrte mich. Seine Augen waren.. widersprüchlich. Furchterregend und zugleich sanft. Voller Hass, doch voller Mitgefühl. Dann streckte es seinen Arm aus und riss mir die Maske vom Gesicht. „Nein! Hör auf ihn zu quälen!“, rief mein Dad. Ich hörte wie er in seinem Wurzelgefängnis tobte – Versuchte, sich mit einem letzten Ausbruch von Energie zu befreien. Die drei fingrige Hand des Wesens legte sich über meine Stirn. Und dann. Ein weiterer Schock. So stark und furchtbar, wie alle bisherigen zusammen.

Erneut tat sich vor mir eine Welt auf. Die Person, in die ich fuhr, fühlte sich vertraut an. Sie war umringt von Feuer und ihre vergossenen Tränen zischten in den Flammen, die über ihr Gesicht strichen. Dann tauchten vor mir zwei weitere Personen auf. Ich ging durch das Feuer auf sie zu und streckte ihnen meine brennende Hand entgegen. Die Haut an meinen Fingern schmolz, tropfte von den Knochen. Plötzlich wurde die Szene von einem hellen, weissen Blitz durchzogen und die Welt zerriss wie ein Foto aus Papier. Zurück blieb eine Leere. Ein tiefes, unbezwingbares Gefühl von Sinnlosigkeit. Nach wenigen Augenblicken, in deren Flüchtigkeit mein Bewusstsein ziellos umherirrte, wurde ich zurück in die Höhle geworfen, als wäre ich aus tiefem Wasser aufgetaucht. Ich sah meinen Dad. Er fiel gerade mit dem Wesen zu Boden und drosch auf sein Gesicht ein. Wie konnte er sich nur befreien? „Erinnere dich Daran, du Stück Scheisse!“, fluchte er. Doch dem Teufel schienen die Schläge nichts auszumachen. Darüber hinaus lachte er meinen Vater aus. Ein düsteres, kehliges Lachen. Dad's Ablenkung, war aber nicht ganz für die Katz' gewesen. Sowie ich wieder zu mir kam und die eben beschriebene Szene sich abspielte, lösten sich auch meine Fesseln allmählich. Ich bot all meine verbliebene Kraft auf, wand mich, stiess mich so gut es ging ab und platschte schliesslich in die Erde. Schnaubend eilte ich meinem Vater zu Hilfe, der gerade seine Waffe ziehen wollte, während er über der Brust des Feindes kniete. Noch bevor er die Hand überhaupt am Holster hatte, verzog er sein Gesicht und schaute entsetzt nach unten. Direkt über seiner Hüfte ragte etwas Schwarzes hinaus. Ich schreckte zurück. Es war der knorrige Arm des Teufels, der in ihn gefahren war und seine Eingeweide zusammenquetschte. Ich handelte sofort und trat dem Feind so fest ich konnte ins Gesicht, griff nach der Waffe meines Vaters und pumpte diesem Drecksvieh vier Laserbolzen in die Schläfe. Es zuckte noch ein wenig, schien aber tot zu sein. Ich konnte den löchrigen Kopf jedoch nicht länger im Auge behalten, denn mein Dad kippte plötzlich zur Seite und ich musste ihn festhalten. Ich steckte die Waffe in meinen eigenen Holster. „Dad! Wir müssen hier weg! Komm schon!“, rief ich, griff nach dem Pieper, der noch immer auf dem Boden lag und half meinem Vater hoch. Gemeinsam humpelten wir einige Schritte, bis mir einfiel, dass wir beide ohne Schutzmaske nach oben wollten. Doch umdrehen erübrigte sich. Der Körper des Toten begann zu glühen. Er löste sich auf und die schleimige Masse versickerte in der Erde. Wir warfen uns einen unheilvollen Blick zu und rannten los, so gut es eben ging. Die Erde fing an zu beben. Der Boden unter unseren Füssen brach an manchen Stellen auf.

Dann drang ein Gewirr aus Gestöhne und Gewimmer aus den Löchern. Es gewann stark an Lautstärke, sobald die unheimlichen Körper zahlreicher Untoter Wesen aus den Rissen im Boden hervorkrochen. Darunter waren auch Schreie von Kindern oder gar Babies. Wir waren gerade im Gang zur Oberfläche verschwunden, als das Gelände hinter uns, begleitet vom tiefen Knurren, Feuer fing und das bereits verkohlte Fleisch der Viecher zu zischen begann. Die züngelnden Flammen breiteten sich an den Wänden des Tunnels aus und verfolgten uns. Der furchtbare Tumult spornte meinen schwachen Körper an, jede noch so kleine Energiereserve durch meine Adern zu jagen. Mein Vater hing nun schwerer an meiner Schulter. Ich wusste er würde nicht mehr lange durchhalten und wies ihn an, auf meinen Rücken zu steigen. Er brummte etwas widerwilliges, tat es dann aber doch. Als ich kurz nach hinten sah, bot sich mir ein unglaubliches Bild. Schreiende, jammernde Kreaturen knackten und stolperten durch ein höllisches Inferno auf uns zu. Sie waren schon sehr nahe, also griff ich nach meinem Blaster. Meine Arme umschlangen die Beine meines Vaters, der sich an meiner Brust festklammerte, doch ich konnte den Arm in der ich die Waffe hielt anwinkeln und auf die Feinde schiessen. Ich feuerte eine schnelle Salve ab und lief dann wieder dem Ausgang entgegen. Immer wieder drehte ich mich kurz um sie mit Laserbolzen einzudecken. Es funktionierte und die Feinde fielen zurück. Kurz darauf nahm uns das grünlich-blasse Tageslicht der Oberfläche in Empfang. Die Luft schmeckte etwas säuerlich, aber wir würden wohl nicht all zu grosse Schäden davon tragen wenn wir schnell verschwinden konnten. Ich war völlig ausser Atem, als wir endlich bei meinem Schiff eintrafen. Mein Dad war inzwischen bewusstlos geworden und hing nur noch lose an meinem Rücken. Ich legte ihn behutsam in den Gepäckraum, direkt hinter dem Cockpit. Dann schwang ich mich vor's Steuer, während dieses verdammte Erdbeben immer stärker wurde. Meine Nerven lagen blank, doch irgendwie schaffte ich es trotz des Gerüttels, die Startsequenz einzuleiten. Mit lautem Knall starteten die Düsen und drückten mein Schiff dem Himmel entgegen. Der gesamte Planet schien nun zu vibrieren. Als ich über die Schulter sah, fiel mir die Kinnlade herunter. Eine gewaltige Ranke preschte aus dem Boden hervor. Wie ein Pfeil pfiff sie haarscharf an unserer linken Aussenhülle vorbei. Zum Glück konnte ich gerade noch einen Schwenker hinlegen. Dann neigte sich die Ranke und versuchte uns dann mit einem gezielten Hieb vom Himmel zu peitschen. Sie verfehlte nur knapp unser Heck und danach.. verschwanden wir in den Weiten des All's. Besorgt stemmte ich mich aus dem Sitz und sah nach meinem Dad, sobald ich den Autopiloten aktiviert hatte. „Dad?“, fragte ich und ging vorsichtig auf ihn zu. Ich kniete mich neben ihn hin und legte meine Hand auf seine Stirn. Er war ganz.. Was.. Was zum..! „Erinnere dich. Erinnere dich, Adam!“, brüllte mein Vater und schlang seine Arme um mich. Er erdrückte mich! Ich konnte nicht!.. Ich konnte nicht..

Adam schrie wie am Spiess. Die beiden Männer durften nicht bleiben. Sie mussten ihm eine Pause gönnen. Sie traten aus der Tür in einen kleinen Nebenraum und nahmen an einem Tisch in der Ecke platz. Eine kurze Zeit herrschte Stille zwischen den beiden Männern, bis einer von ihnen das Wort ergriff: „Nun, Mr. Hanwell.. Es tut mir Leid. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Sie sich gerade fühlen müssen.“ Der andere Mann schwieg und fixierte abwesend einen Punkt auf der Tischplatte. „Bitte.. Ich möchte Ihnen das wirklich ersparen, jedoch muss ich Sie trotzdem bitten, mir die Geschehnisse der letzten Monate zu erzählen. Ich möchte Adam's Geschichte besser verstehen können, damit ich ihm helfen kann.“ Stille.. „Erzählen Sie mir vom 31. März letzten Jahres. Was ist an diesem Tag genau vorgefallen? Da war dieser Unfall..“ Mr. Hanwell nickte träge. „Wir..“, begann er, „Wir fuhren über eine Landstrasse.. Es.. War bereits dunkel geworden.“ Der andere Mann nickte ermutigend. „Adam sagte mir er habe.. grosse Neuigkeiten und möchte am Abend mit mir, seiner Mutter und Mia etwas essen gehen.“, fuhr Hanwell fort. Sein Blick schweifte ab. „Es.. Wir.. fuhren der Landstrasse entlang. Es herrschte nicht viel Verkehr, glaube ich.. Ich erinnere mich an einen Song im Radio. Ein alter Song.“ „Der aus Adam's Geschichte?“ „Wird wohl so sein ja..“, bestätigte Hanwell und überlegte weiter. „Dann waren da die Lichter eines grossen Autos. Ein roter Pickup. Und.. Ein Tier. Ein Reh vielleicht, ich weiss nicht mehr genau. Es huschte etwa 100 Meter vor uns aus dem Wald und lief über die Strasse. Es rannte vor den Wagen, der uns entgegen kam. Der Fahrer muss sich erschrocken haben und verlor die Kontrolle über sein Fahrzeug. Er brach durch die steinerne Absperrung in der Mitte und kam direkt auf uns zu. Mein Sohn.. steuerte hart nach rechts, doch der Laster traf uns trotzdem. Wir stürzten einen Abhang hinab und..“ „Sie verloren das Bewusstsein?“ Hanwell nickte. „Ja ich.. kam erst wieder zu mir, da hatte mich Adam schon aus dem Auto gezerrt. Ich lag benommen im Gras. Ich richtete mich auf und..“, er verbarg seinen Mund mit der Handfläche. Seine Augen wässerten. „Ich sah Adam.. Er stand halb in der offenen Hecktür, wo die Frauen sassen. Unser Auto brannte. Adam griff immer wieder durch das Feuer um sie heraus zu holen, ich weiss nicht mehr, wer, wo sass. Entschuldigen Sie..“ Er rieb sich mit den Handballen die Tränen aus dem Gesicht. „Ist in Ordnung..“, beschwichtigte ihn der andere Mann mit verständnisvoller Miene. Also.. Adam versuchte die beiden zu retten, nachdem er Sie bereits aus dem Auto getragen hatte?..“ Hanwell nickte abermals. „Er versuchte es immer wieder. Er schrie, weil die Flammen sein Gesicht verbrannten.“, sagte er, seufzte und schüttelte den Kopf. „Er.. konnte ihnen nicht mehr helfen.. Nach dem Unfall redete Adam kein Wort mehr.. Mit Niemandem. Ich versuchte mit ihm darüber zu sprechen, aber Adam sass jeden Tag einfach nur da. Ich hielt es irgendwann nicht mehr aus – Wurde wütend und ging. Ich besuchte ihn immer weniger und.. wurde rückfällig. Ich fühlte mich so unglaublich machtlos.“ „Sie haben kürzlich einen Entzug gemacht?“ „Ja, ich bin seit einer Woche aus der Klinik raus. Lester Brooks, der Sheriff unseres Ortes, hat mich hergefahren. Bitte Doktor..“, Hanwell's Atmung beschleunigte sich, „Wird mein Sohn wieder gesund?“ Der Arzt presste die Lippen zusammen und schnaubte. „Ich weiss es nicht genau.. Es wird sich zeigen. Bei einem Sturz aus dem dritten Stock sind die Überlebens-Chancen nicht all zu hoch. Die Operation am Schädel ist zwar gut verlaufen, aber wie Sie sehen ist Adam's Erinnerung völlig durcheinander. Ich denke aber das Heilung möglich ist. Es gab durch ihre Anwesenheit schon ein, zwei kleine Änderungen oder.. Lücken in seiner Geschichte. Ich bin mir sicher, dass wir ihn mindestens einmal für kurze Zeit zurück holen konnten. Zu der Geschichte selbst.. Die Parallelen zu den Ereignissen der letzten Monate sind meiner Meinung nach nicht zu übersehen. Ihre Rettung, die Musik, die beiden Frauen, die sein Verstand isoliert und so "in Sicherheit" gebracht hat.. Aber drei bestimmte Punkte finde ich besonders wichtig. Da wäre einerseits dieses Monster in der Höhle, das Adam und sie mit Erinnerungen quält. Es stellt Adam's Gewissen oder.. die Erinnerung an sich dar. Zweitens Adam's Wut darüber, dass Sie nicht bei ihm geblieben sind, als er Sie am Dringendsten brauchte.“ Hanwell schlug wütend auf den Tisch. „Wie hätte ich denn!?..Ich war doch selbst ein Wrack!“ Seine Stimme bebte. Der Arzt versuchte ihn zu beruhigen. „Entschuldigen Sie Mr. Hanwell. Ich möchte keineswegs über Sie urteilen. Ich sage Ihnen lediglich, wie ich Adam's Geschichte interpretiere. Darf ich fortfahren?“ Hanwell atmete lange aus und lehnte sich müde im Stuhl zurück. „Drittens, und das finde ich die wichtigste Komponente – Der Kern sozusagen. Drittens ist Adam's Erschütterung darüber, seinem Vater nicht mehr berichtet haben zu können, dass Mia sein Kind in sich trug..“ Hanwell rang erneut mit den Tränen und sagte: „Ja.. Das Mädchen.. Ich wusste nicht wie..“, sein Atem stockte und er sah durch das Fenster zu Adam in den Nebenraum. Der Drang bei seinem Kind zu sein übermannte ihn. Er sprang auf und stürmte in den Raum. Er kniete sich neben seinen Sohn – Umschloss seine Hand mit beiden Händen. „Mein Junge.. Adam.. Bitte komm zu dir!“ Der Arzt lehnte sich an die Türschwelle. Machtlos schaute er einem aufgelösten Vater zu, der verzweifelt um sein Kind kämpft. „Wen habe ich denn noch, wenn du nicht mehr hier bist?!“ Hanwell presste seine Stirn auf Adam's Handrücken. Dann atmete er kurz auf, als wäre ihm etwas eingefallen. „Mia.. S-s-sie war schwanger!“, rief er zu Adam's ausdruckslosem Gesicht hoch. Seine Stimme hatte nun einen schon fast heiteren Ton angenommen. „Mia bekam ein Kind, ich weiss es jetzt! Du hast es mir jetzt gesagt, Adam! Mia bekam ein Kind. Sie bekam ein Kind..“ Er flüsterte es noch ein paar mal zu sich selbst. Dann hörte er hinter sich etwas wie ein Stutzen oder Schnauben. Er sah zum Arzt, der grosse Augen machte und dann zu seinem Sohn. „Welchen Namen fändest du schöner..“, fragte Adam, „Nora.. oder Daris?“

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