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Das schrille Geräusch des Weckers riss mich aus dem Tiefschlaf. Stöhnend drehte ich mich auf die Seite und zog mir die Decke über den Kopf, um dem unangenehmen Ton zu entgehen, doch wie jeden Morgen musste ich mich der Realität stellen und meine Augen gezwungenermaßen öffnen. „Alexa, Wecker aus“, murrte ich müde und rappelte mich langsam auf, während die ersten Sonnenstrahlen mein Gesicht wärmten. Nachdem ich mich ausgiebig gestreckt hatte, schlurfte ich müde ins Bad und machte mich fertig für einen neuen Tag.

„Neuer Tag, neues Glück“ murmelte ich, während ich mir das Gesicht wusch und mir die Zähne putzte.

Nachdem ich mich in meine Klamotten geschmissen hatte, verließ ich die Wohnung. „Guten Morgen Madison“, begrüßte ich meine Nachbarin auf dem Weg zum Bäcker. Wie jeden Morgen ignorierte sie mich eiskalt und ich verdrehte die Augen.

„Neuer Tag, neues Glück...“, summte ich leise vor mich hin, während ich die Straße entlang schlenderte.

Viele bekannte Gesichter begegneten mir auf dem Weg zum Konditor, einige grüßten mich fröhlich, andere wiederum übergingen meine morgendliche Begrüßung schlichtweg. Doch das trübte meine gute Laune nicht. Heute würde ich sicherlich Glück haben.

„Ein Käsebrötchen und zwei Mettbrötchen bitte“, verkündete ich meine Bestellung an der Theke. Der Bäckereiverkäufer musterte mich gelangweilt und drückte mir wortlos ein Tablett in die Hand, welches ich freundlich lächelnd an mich nahm. Ich blieb zehn Minuten in der Bäckerei und genoß mein Frühstück, als die nette Dame zwei Straßen weiter sich zu mir gesellte.

„Wieder nur der übliche Fraß, nech? Die sollten mal dringend die Speisekarte überarbeiten“, sagte sie mit kalter Stimme. Anscheinend hatte sie keinen so guten Start in den Tag gehabt wie ich, doch nichts und niemand sollte mir heute meine positive Einstellung vermiesen. Ich sprach sowieso ungern mit ihr, immer hatte sie irgendetwas zu meckern. „Ich finde das Mett schmeckt vorzüglich“, erwiderte ich lächelnd und sie hob verwirrt eine Augenbraue, als hätte ich ihr gerade erzählt, dass der Weihnachtsmann vor der Tür stand.

Schweigend stand ich auf, verabschiedete mich höflich von ihr und setzte meinen Weg fort - Auf zur Arbeit!

Denn: Neuer Tag, neues Glück!

Nach einem kurzen Spaziergang zur Apotheke, wo ich einige Schlaftabletten besorgte, um nachts leichter in den Schlaf zu finden, betrat ich die Büroräume, in denen meine Kollegen schon fleißig am arbeiten waren.

„Na, wie war das Wochenende?“, fragte ich Maya, meine Kollegin aus der Buchhaltung. Sie grinste mich belustigt an, wie auch jeden Morgen, sagte aber kein Wort. War ich schon gewohnt, war OK für mich.

Ich setzte mich in mein Büro und begann meinen täglichen Job - Sachbearbeitung vom Feinsten, meine Finger flogen nur so über die Tastatur und nach mehreren Stunden harter Arbeit, schmerzten bereits meine Finger.

„Ich mach dann mal Feierabend“, lies ich meine Kollegen, nach einem Blick auf die Uhr, wissen. Gleichgültig arbeiteten sie weiter und ich verließ schulterzuckend das Bürogebäude. Wieder zuhause angekommen, schmiss ich mich müde in mein Bett und nahm meine Tabletten ein, um in meinen wohlverdienten Tiefschlaf zu fallen.

Was für ein schönes geregeltes Leben!

Und morgen hieß es wieder: Neuer Tag, neues Glück!

Vielleicht würde das Glück mich schon morgen ereilen...

Das Personal der Weinmann-Psychiatrie hatte sich entschieden, für einen Betriebsausflug in ein Restaurant zu gehen.

„Habt ihr heute wieder den Schmidt erlebt?“, fragte Emma in die Runde. Allesamt mussten sie auflachen. „Er hat mich heute morgen, als ich alle Patienten routiniert geweckt habe, wieder Alexa genannt!“, kicherte sie kopfschüttelnd.

„Was soll ich denn sagen?“, schnaubte Hermann, der Küchenleiter und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Schmidt dachte wieder er wäre beim Bäcker und hat Brötchen bestellt. Sogar als ich ihm die Pampe aufgetischt habe, hat er auf das Tablett geschaut, als wären warme Semmel darauf zu sehen!“.

Der Mediziner der Anstalt, Bernd, winkte lässig ab. „Der Verrückte hält seine Pillen für Schlaftabletten. Erzählt mir ständig, dass er die braucht weil er sonst nicht einschlafen kann“.

Nina, eine Aushilfe, die mit den Insassen nachmittags Bastelstunden abhielt, um sie zu beschäftigen und ihrem tristen Leben einen Sinn zu verleihen, gab ebenfalls ihren Senf dazu: „Wisst ihr was, der Schmidt denkt doch wirklich jeden Tag aufs neue, dass er Sachbearbeiter in einer großen Firma ist. Dabei bastelt er nur Schmetterlinge und kleine Häschen aus Pappe und Wolle!“.

Die Mitarbeiter lachten amüsiert, als auch schon der Kellner erschien und ihnen Pizzen und Pasta brachte.

„Wisst ihr eigentlich warum der Schmidt ständig „Neuer Tag, neues Glück“ sagt?“, fragte Nina die Aushilfe plötzlich, während sie herzhaft in ihre Pizza Hawaii biss.

Ein dunkler Schatten huschte über das Gesicht von Bernd, dem Mediziner. „Schmidt ist schizophren und hat vor etwa vier Jahren seine Kinder getötet. Sie waren gerade mal im Grundschulalter. Seine Frau hat überlebt und ist geflohen, bevor er ihr etwas antun konnte. Er ist fast drei Jahre hinter ihr her gewesen, bevor man ihn gepackt und eingewiesen hat.

In seinem Tagebuch, das man in seiner Wohnung fand, stand vor jedem neuen Eintrag: „Neuer Tag, neues Glück! Heute erwische ich die Schlampe!“.

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