FANDOM


Ich stehe im rotgoldenen Sonnenuntergang und betrachte sie. Wie ich sie so betrachte, ist mein Herz erfüllt von Freude. Ihre Umrisse schimmern vor meinen Augen vor der goldenen Abendsonne und die Strahlen ummanteln sie wie ein Heiligenschein. Genau das war sie schon immer für mich. Eine Heilige. Eine Göttin. Alles würde ich für sie tun, das hatte ich ihr versprochen, als wir uns unser Wort gaben. Nun, wie ich dort vor mir ihre langen, blonden Haare auf ihre schmalen Schultern fallen sehe, ihre zarte Haut, welche nicht mit einem einzigen Mal versehen ist, ihre Augen, blau wie die unendliche Nacht, welche durch meine Mauern hindurch in meine Seele zu blicken scheinen, so erfüllen mich Freude und Genügsamkeit.

Ich atme die frische Meeresluft ein und schließe für einen Moment lang die Augen. Meine Fingerspitzen fahren über ihre weichen Wangen. Ich genieße das Gefühl ihrer Wärme auf meiner Haut und frage mich, wie lange es nun her ist, dass wir zum letzten Mal ein solch friedsames Beisammensein genossen. Es ist das erste Mal, fällt es mir nun auf. Dieses Mal jedoch, denke ich, wird es wohl auch das letzte Mal sein, denn ich werde sie verlassen. Mir schweben noch immer all die Worte im Geiste umher, welche sie zu mir sagte in jener verhängnisvollen Nacht, jene Worte, um mich zu schimpfen, welche sie mir ins Gesicht schrie. Ihre wunderschönen, blauen Augen so voll von Hass, so unerträglichem, verletzendem, abgrundtiefem Hass. Ich wische mir eine Träne aus dem Augenwinkel. Doch nun ist all dies Vergangenheit und ich weiß, wir trennen uns im Guten. Sie blickt mich noch immer stumm an, als ich die Augen wieder öffne.

Nun scheinen ihre Wangen noch roter als vor einigen Minuten zu sein. Ich bin mir nicht sicher, ob dies an meiner Berührung liegt oder an dem Strick um ihre Kehle, welcher ihren noch immer warmen Körper in der Luft hält. Die seichte Meeresbrise zerzaust ihre Locken und ich lächle. So friedlich habe ich meinen Engel seit langer Zeit nicht gesehen. Ich spreche ein Wort des Abschiedes, bevor ich bedauernd ihre Hand loslasse und ihr den Rücken zukehre. Die Kratzspuren an meiner Hand tun noch immer etwas weh, doch ich kann nun immerhin sagen, dass ich ihr beigestanden habe, bis sie tot war. Versteht mich nun nicht falsch, ich bin kein Mörder. Als ich ihr den Strick umlegte, geschah dies einvernehmlich. Über ihre Lippen kam kein Wort der Beschwerde, wobei ich mir nicht sicher bin, ob dies an dem Knebel oder an ihrem reinen Vertrauen zu mir lag.

Doch ich bin mir sicher, dass es Letzteres war. Allzu bedauerlich, dass ich nun meinem besten Freund erklären muss, wie seine kleine Tochter bei einem schrecklichen Unfall um ihr Leben kam. Ich denke, er wird es jedoch, so wie all die Anderen auch, recht gut verkraften.

Nutzung von Community-Inhalten gemäß CC-BY-SA , sofern nicht anders angegeben.