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Vorwort

Die Geschichte des "crazy photographer" (zu deutsch - der verrückte Fotograf), ist eine Erzählung von einem anfangs recht normalen Typen, der gerade seine Ausbildung zum Fotografen abgeschlossen hat und Jahrgangsbester seiner Abschlussklasse war. Entsprechend konnte er sich was darauf einbilden, dass jede Menge Leute nach seiner Handwerkskunst fragten. Er beschließt sich selbstständig zu machen und eröffnet inmitten einer Großstadt sein Geschäft. Es scheint alles gut zu gehen, bis eines Tages etwas passiert, was sein ganzes Leben und das Leben seiner Mitmenschen für immer verändern wird. Er wird zum "crazy photographer"


Folge 01

#1 - Sehnsucht nach dem Unrealen

Der Morgen erwachte. Es war ein kalter, trister und grauer Morgen. Ich hasste solche

Titel-0

Tage. Meist können sich Menschen nicht aufraffen etwas zu unternehmen und trauen sich nicht, vor die Tür zu treten, um eben irgendwohin zu fahren. Ebenso solche, die ein Fotoshooting gebucht hatten und mein Studio in der Bismarckstraße aufsuchen wollten. Die Betonung liegt hierbei auf "wollten". Die Lustlosigkeit überkam meinen Kunden wohl zu schnell und kurz vor dem eigentlichen Termin hatte er nun seinen Auftritt bei mir... abgesagt. Ich hasste es! Nicht, dass die Arbeit interessant gewesen wäre. Es war auch mehr eine alltägliche Handwerksarbeit meiner Portraitfotografie. Meist sind die Menschen, die zu mir kommen eben ältere Herrschaften, die Bilder für ihre jüngeren Verwandten anfertigen ließen. Ich bot alles mögliche an, doch an der Portraitfotografie bin ich hängengeblieben. Es ist die einzige Möglichkeit, noch dauerhaft Kunden an sich zu binden. Meine wahre Leidenschaft lag allerdings in anderen Bildern. Ich kam meist nicht dazu, dem nachzugehen. Vielfach war es so, dass eben diese grauen Tage dafür sorgten, dass ich meine Unternehmung planen konnte. Meine einzige wahre Leidenschaft! Das, was keiner vor mir gewagt hatte. Ein Quell wahrer morbider Kunst in Fotografie. Der Ursprung unserer menschlichen Existenz. Die Offenbarung eines unbekannten bizarren Entsetzens. Bisher waren es nur Phantasien gewesen. Habe sie noch nicht ausleben können. Der Alltag ließ mich immer vergessen; oder zumindest verdrängen. In ruhigen Stunden konnte ich dann entfernt daran denken. Ich wagte es nicht, meine skurrilen Ideen aufzuschreiben. Ein Besucher oder meine Nachbarn könnten diese schnell entdecken und dann wohl mehr oder minder meinen, ich würde ihren eigenen Untergang planen oder Schlimmeres vielleicht..... Es störte mich nicht, dass sie denken, ich sei nur ein harmloser, Mitte Zwanzigjähriger, aufstrebender Fotograf, der hier und da seine vollkommen günstigen Dienste anbietet. Wenn es soweit ist, dann kann es eh keiner verhindern. Wenn es soweit ist, dann habe ich sowieso die Grenzen durchbrochen. Die Grenzen des Ertragbaren, jedenfalls für die meisten Menschen da draußen. Langsam packte ich die Blitzanlage wieder in den Schrank, der mit allen möglichen Gerätschaften gefüllt war. Hier und da einige Kameras, nebst Blitzgeräten und Polfiltern. Dazu einige Stative für jeden erdenklichen Zweck. Outdoor oder Indoor... egal. Ich hatte mich auf vieles vorbereitet. Auch auf meinen Besuch, der wohl heute nicht mehr kommen wird. Gedankenverloren starrte ich auf meine Kamera. Sie war frisch aufgeladen und die Speicherkarte war noch jungfräulich.

So ist die Welt, denke ich bei mir, die Tüchtigen werden eben immer zu kurz kommen. Die Faulen werden sich immer wieder durchmogeln können und die Kranken werden ungehemmt das ausleben, was sie gerade wollen. Krank? Ich? Nein. Ich bin nicht krank. Sagen wir es mal so - ich war "anders" - auf seltsame Weise zwar anders, aber eben anders. Ich denke selbst meine eigene Familie hatte Angst vor mir. Vielleicht sogar Panik. Ich fing an zu schmunzeln, als ich dies leise vor mich hin ausgesprochen hatte. Wisst Ihr.... ich redete meist mit mir selbst. Auf diese Weise kann ich sichergehen, dass wenigstens einer meiner Gesprächspartner intelligent ist. Ich lachte laut auf. Ja, das ist es! Meine morbiden Gelüste wachten endlich auf. Vielleicht würde es heute etwas mehr sein, als die jammervolle Phantasie, die zwar manchmal nützlich ist, aber dennoch nicht zum Ziel führt. Ich musste es eben wagen und dies werde ich auch. Ich nahm meinen Rucksack, der neben dem Schrank auf dem Boden lag und packte meine Kamera dort ein. Dann schnappte ich mir ein Stativ und zog mir meine Lederjacke an. Der Zeitpunkt war da - und ein geeignetes Motiv wird sich sicher finden lassen.


#2 - Ein Motiv, um es zu knechten

Es wurde langsam Nacht. Eine dunkle Gasse. Regen kam auf. Jeder meiner Schritte hallte durch die dunklen Häuserschluchten. Es ist eines der Viertel, das Menschen beherbergt, die keiner vermissen würde, wenn diese fehlen und nicht mehr zur Arbeit erscheinen, wenn sie überhaupt einer nachgehen. Es ist der sogenannte Abschaum der Gesellschaft. Typen mit Problemen, die in der feinen Gesellschaft nicht vorkommen. Albträume die keine guten Häuser berühren. Gossenkinder, Junkies und Prostituierte. Letzteres wartend in der Kälte, angelehnt an einer Laterne, die ein warmes Licht ausstrahlt. Ihr Gesicht sah traurig aus. Sie hielt eine halb abgebrannte Zigarette in den Händen. Als sie mich bemerkte, blickte ich in ihre traurigen Augen, die schon seit Tagen keinen Schlaf mehr gefunden zu hatten. Es war ein Gefühl von Freude in mir. Die merkwürdige Mischung aus Euphorie und Anspannung, was mich innerlich zittern ließ. Meine Kamera hatte ich noch im Rucksack, diese sollte später zum Einsatz kommen, wenn mein Werk fast vollendet war. Doch vorerst musterte ich ihre Erscheinung. Sie fragt mich etwas - es drang an meine Ohren nur schemenhaft. Ich sollte vielleicht auf ihre Frage antworten. Ich wartete ab. Vielleicht wirkte ich dadurch interessanter. "Hey Junge! Was starrst Du so?" "Meinst Du mich?", fragte ich geistesabwesend. "Ist doch sonst keiner hier. Hast was getrunken?; oder warum hast du so einen müden Blick drauf?" Ich antwortete nicht auf ihre Fragen. Mir war eigentlich egal was ich Ihr zu sagen habe. Sie ist für mich eher ein Objekt, wo jegliche Menschlichkeit verschwunden war. Einen Schritt näher, sie wich zurück. Ich konnte ihre Angst spüren. Wie ein Raubtier umkreiste ich ihren Körper, der noch immer von der Laterne angestrahlt wurde. Mein Blick wich nicht von ihr. Sie dachte wohl was für ein armer Irrer ich wohl sein mag. Soll sie nur. Es würde das letzte sein, was sie denkt. Es würde der letzte Moment sein, den ich noch vollkommen unschuldig sein werde. Der Moment für mein erstes morbides Motiv.

"Sag mal - Was soll das?!", sie hatte wirklich Angst. Ein weiterer Schritt näher... Ich legte meine Hände ruckartig um ihren Hals. Ich konnte förmlich ihre Kehle zerdrücken und genieße es, ihre Versuche zu Atmen zu spüren. Ihre Augen traten langsam hervor. Jeder Schrei ging über in einem undefinierbaren, gurgelnden Geräusch. Ihre Zunge trat vor und wenige Augenblicke später erschlaffte ihr wohlgeformter Körper. Ich ließ ihren Hals los; Irgendwie fühlte sich dieser erschlafft nicht mehr so toll an. Es widerte mich förmlich an. Die Schlampe lag nun vor mir auf den vom Regen benässten Asphalt. Ich zog ihren Körper weg von diesem Licht. Keiner sollte es sehen, wenn ich es mache. Ich wollte ungestört sein. Keiner sollte meine Arbeit stören. Keiner sollte meine Kunst unterbrechen. Als ich in einem dunklen Häusereingang alleine mit meinem Motiv war, holte ich meine Kamera aus dem Rucksack und stellte meinen Blitz ein. Noch ein Reflektor und das ganze Set war fertig. Ihre Augen waren noch immer geöffnet - Perfekt! Das Abbild des Todes, geprägt in das Gesicht einer verbrauchten Seele. Ihre ansprechenden Kurven verschönerten enorm die traurige Szenerie. Ich versuchte Ihr Gesicht im kaum vorhandenen Licht einzufangen. Es gelang mir - Der Blitz erhellte den Schauplatz des Todes. Ich war ein wenig stolz auf mich. Schade, dass ich hier so schnell arbeiten musste. Im Studio wäre es angenehmer gewesen. Das dachte ich so bei mir und verstaute schnell meine Kamera in den Beutel und schaltete auch meinen Blitz wieder aus. Ich fing an zu realisieren, was eben passiert ist. Das Foto konnte ich nicht einfach ins Netz laden. Es wäre eine zu gute Spur zum Mörder dieser "Tussi". Spätestens morgen würde sie jemand finden. Dann sind die Zeitungen und Radiosender voll davon. Ich sah schon die Schlagzeilen vor mir. "Unbekannte Leiche in der Nordstadt gefunden." So hatte ich nun meinen ersten Mord begangen. Ich konnte noch das Adrenalin in meinem Körper spüren. Es war ein tolles Gefühl. Noch mehr begeistert war ich von dem Foto, was ich angefertigt hatte. Das Bildnis des Morbiden. Ein Augenblick - für die Ewigkeit festgehalten. Doch leider konnte es noch keiner sehen. Wenn ich dies auf meine Homepage packe, dann werden die Bullen mich bestimmt schnell finden und dann kann ich meine Kunst nicht weitermachen. Es muss was anderes her! Ich dachte das "Deepweb" wird mir dabei behilflich sein. Ich musste nur noch einen Weg finden, wie ich dort eine neue Homepage integrieren konnte. Ich verwarf meine Gedanken schnell wieder und beschleunigte meine Schritte. Der Regen wurde stärker. Ich knöpfte meine Jacke zu und verließ den Ort des Geschehens. Die Lust ist gestärkt worden - Vielleicht sollte ich diese Eindrücke intensivieren. Ein Donner war in der Ferne zu hören - Eine erfolgreiche, aber verregnete Nacht ging weiter dahin... Eine Nacht meines Schaffensdrangs, der noch mehr erreichen wollte.


Folge 02 - grausame Vorbereitungen

The Photofreak 02

Prolog

Ein Kunde der "gute" Fotos haben wollte. Wie jeder, der zu mir kam. Meist langweilen mich "normale" Fotos. Es waren eben Werke, die Handwerklich vielleicht weiterbringen - jedoch in der Kunst nichts weiter gewinnbringend waren. Ich wollte den Horror aufs Bild bannen. Das Entsetzen meines eigenen Geistes. Den Alb des Perversen. Das Grauen aus Farbe und Motiv - die Manifestation des absoluten abartigen Entsetzens. All das, was ich in meiner Seele empfand... Doch was war dies genau? Angst gehört zu meinem Alltag. Angst durchströmte meine Seele. Angst war mein ständiger Begleiter. Manchmal stellte ich mir einen dunklen Schäferhund vor, der mich auf meinem Weg, den man Leben nennt, begleitete und jeden Fehltritt mit einem Knurren beachtete. Die Stunde kam näher - der Kunde kommt.... Ich werde diesmal nicht nur "gute" Fotos machen - "Gut" ist was für Anfänger. Diesmal würde es eines meiner Vorstellungen geben - etwas, was das Grauen in den ewigen Schatten stellt. Diesmal würde ich es erschaffen, das endlose Entsetzen meines ängstlichen Geistes.


#1 - Verborgener Ruhm

Ich mochte immer männliche Motive. Wobei auch Frauen gern gesehen waren in meinem Studio. Die letzte Nacht lag mir noch in den Knochen und ich konnte leicht benommen den Lokalteil der Radionachrichten verfolgen. Man hatte das Mädchen gefunden. Dabei war sie bestimmt schon Anfang zwanzig gewesen. Im Radio hatte man um Mithilfe gebeten. Ich musste dabei leise kichern; in der Nordstadt sind viele Menschen, die sich einen Dreck um ihre Nachbarn, geschweige denn sich um irgendwelche Huren kümmern. Es ist ein Ort der Anonymität, der Abgeschiedenheit inmitten der Großstadt. Als ich mir meinen morgendlichen Kaffee machte, überlegte ich eine Kleinigkeit. Zwar war ich dunkel gekleidet gewesen, doch mein Gesicht war noch als solches zu erkennen. Die Schlampe hatte mich als "Junge" bezeichnet. Es stimmt schon, dass ich jünger aussehe, als ich in Wirklichkeit bin, doch sie erkannte mich zweifelsohne als jungen Mann. Es musste etwas anderes her. Ein Kapuzenpullover würde hier nicht reichen. Außerdem sollte ich, wenn ich es noch einmal machen sollte, vorsichtiger sein. Es hätte mich jemand dabei beobachten können und dann? Die Zeitung hätte fein säuberlich ein Phantombild anfertigen können. Wenn es soweit ist, dann dauert es nicht mehr lange und die Bullen kreuzen auf und dann... Ich verwarf den Gedanken schnell wieder. Es ist gut, versuchte ich mir selbst einzureden, es ist gut, sie werden dich nicht finden und keiner hat etwas gesehen. Eine Stimme, die mir gut zuredet. Na toll. Werde ich nun auch noch verrückt? Der Kaffee schmeckte mir nicht. Viele Gedanken gingen mir durch den Kopf, keiner davon war sehr erheiternd. Ich hatte es zwar getan, doch wofür eigentlich? Es war nur eine kurze Befriedigung meiner Arbeit. Ein kurzes Vergnügen. Ein kleiner "Snack" für meine Sinne, die für kurze Zeit in Euphorie gefallen sind. Vielleicht sollte ich das angefertigte Foto auf meinen Rechner laden. Schließlich habe ich diese Schlampe nur deswegen getötet, weil ich ein Bild von ihr haben wollte, wie sie soeben gestorben ist. Die Ästhetik des Todes ins Bild gebrannt, dafür lohnt es sich zu leben und zu töten. Mit einem Gefühl der Vorfreude auf das, was da noch kommen mag, schob ich die Speicherkarte in den Rechner und lud meine Bildbearbeitungssoftware. Das Foto erschien und ich betrachtete es genauer. Eigentlich schon ganz ordentlich. Doch irgendwie sah die Leiche nicht so aus, wie ich es wollte. Die Belichtung war erstklassig. Man konnte alles sehen - ihre geöffneten toten Augen, wie sie ins Leere starrten. Ein schöner Anblick. Wenn man nicht gewusst hätte, dass sie schon tot daliegt, hätte man annehmen können, dass sie gerade in diesem Moment für dieses Bild posiert. Ich kicherte abermals und freute mich so.

Ich war froh, ein Bild des mir so geliebten Todes in Händen zu halten und das Beste war, ich hatte diesen Tod herbeigeführt, um für mich zu Modeln! Ich war der Fotograf, der diese Prostituierte auf dem Gewissen hatte und jetzt liegt ein außergewöhnliches Kunstwerk vor mir! Zwar war sie noch sehr jung, doch ihre Augen verrieten schon, dass sie süchtig war. Ihre Augenringe waren selbst im Tode noch gut zu erkennen, wenngleich ihre entspannten Gesichtsmuskeln ihr ein gelassenes Aussehen verliehen. Im Grunde konnte sie froh sein, noch zu einem bedeutenden Bestandteil meines Werkes gewesen zu sein. Die Bearbeitung des Bildes war abgeschlossen und ich blickte auf ein übermächtiges Bildnis einer Leiche. Leider wird es sonst keiner zu sehen bekommen. Es sei denn, ich finde einen Weg es absolut anonym ins Netz zu stellen. Doch vorerst muss ich mich um was anderes kümmern - Etwas, was ich schon letzte Nacht hätte dabei haben sollen.


#2 - Die Maske

In dieser Stadt gab es an jeder Ecke groteske Läden mit allerlei komischen Zeug. Wenn man was in dieser Metropole nicht finden konnte, dann existierte es auch nicht. Bin früher gerne in die Einkaufsstadt gegangen. Viele Leute getroffen - einige hatten sich dann auch in mein Studio verirrt. Flüchtige Bekanntschaften, nichts weiter. Der Regen von gestern hatte aufgehört. Es war mitten im Oktober und meist waren die trockenen Zeiten nur kurze Augenblicke am Tage. Schnellen Schrittes lief ich durch die Fußgängerzone. Ich hatte ein Ziel; es war mir bekannt. Der Horrorladen am Ende der Lessingstraße. Der Besitzer sah so aus, als wenn er selbst aus deiner Geisterbahn entsprungen wäre. Halbglatze, große Tränensäcke und eine wulstige Unterlippe, die immer zu zittern schien. Einen langen weißen Rauschebart, dazu eine kleine Nickelbrille, die er immer lässig auf die Nasenspitze trug. Mit einem gekünsteltem Lächeln begrüßte er mich überschwänglich, scheinbar hatte er nicht viele Kunden am Tage. Jedenfalls nickte ich ihm zu und er fing an zu zwinkern: "Na, junger Mann, suchen Sie was Bestimmtes?" Er fing wieder an zu lächeln. "Nein, ich sehe mich nur mal so um." "Aha, verstehe", erwiderte er freundlich, "...Wenn ich ihnen helfen kann, dann lassen Sie es mich wissen, Ok?" "Ja, werde ich machen. Vielen Dank auch...", ich machte auf den Absatz kehrt und ging in dem hinteren Teil des Ladens, dort, wo all die Horrormasken zu finden waren. Freddy Krüger, Jason und dutzende anderen Masken konnte ich entdecken. Das Regal schien nie enden zu wollen und mir fiel die Wahl sichtlich nicht einfach. Der sonst schon verstaubte Laden offenbarte unter dieser, sagen wir es mal so, "Schmutzschicht" das eine oder andere Schätzchen. Ich musste meine Maske finden, schoss es mir durch den Kopf. Sie sollte schon ein Massenprodukt sein. Sie sollte auch schon vielfach verkauft worden sein. Ich wäre ja schön bescheuert, wenn ich mir eine Maske aussuchen sollte, die kaum jemand gekauft hatte. Ebenso wie das Internet, verbirgt sich hier das Risiko, dennoch entdeckt zu werden. Mein Widersacher, die Polizei, könnte schnell herausfinden, wo eine seltene Maske in letzter Zeit gekauft worden ist. Zum Glück hatten wir bald Halloween. Ein Fest, das ich schon als Kind sehr gemocht hatte. Das Verkleiden, die Süßigkeiten, das Makabre und Morbide waren immer schon meine Welt. Ich grübelte weiter. Die Suche schien nie ein Ende zu finden. Es schien mir entweder zu Klischeehaft, Stichwort Horrorclown oder einfach zu aufwendig. Ich möchte auf meiner Jagt nach perversen, morbiden Fotos nicht lange eine Maske anpassen müssen. Sie sollte einfach zu entfernen sein und schnell wieder aufgesetzt werden können. "Haben Sie noch kein Glück gehabt, junger Mann?" Ich wirbelte herum. Hinter mir stand der alte Ladenbesitzer. Seine großen Augen blickten mich vergnügt an. Er hatte mich mit voller Absicht aus meinen Gedanken gerissen.

"Was?! Hmmm, oh ja... Die Auswahl ist hier doch sehr groß.", stammelte ich vor mich hin. Der alte Mann lachte laut auf und blickte sich freudestrahlend um. "Ja... Ja, das ist wahr. Die Auswahl. Ein komisches Ding, nicht? Eigentlich suchen Sie eine Maske, doch sie sollte nicht gleich auffallen, oder? Sie sollte leicht sein und leicht wieder abzunehmen sein. Hmmm, nun, auch keine Clownsmaske. Ja, das kenne ich nur zu gut." Hatte der Alte meine Gedanken gelesen?! Wenn dem so ist, konnte er auch meine Gedanken davor lesen? Wer oder was war dieser alte Mann? Verflucht... Ich werde schon paranoid. Er kann eigentlich meine Gedanken nicht lesen. Das kann kein Mensch! Oder doch! "W-woher wissen Sie..." "...das mit der Maske?", beendete er meine Frage. "Sie haben mit sich selbst gesprochen, junger Mann. Ich denke, das tun sie schon, ohne es zu merken." Mir fiel ein Stein vom Herzen. Der Alte hatte mich wohl leise sprechen hören, als ich noch auf der Suche war. Er konnte also tatsächlich nicht meine Gedanken hören.

Nach einem kurzen Räuspern fuhr er fort: "Wissen Sie... Ich habe genau das Richtige für Sie. Eine leichte, nicht klischeehafte und leicht abnehmbare Maske - Sie war schon immer mein Verkaufsschlager." Sehr gut - der Alte verstand sein Geschäft. Jedenfalls ging er in einen Nebenraum und ließ mich für kurze Momente alleine. Als er wieder zurück kam, präsentierte er mir eine Gesichtsmaske. Sie war schlicht, aber auch schön anzusehen. Die Grundfarbe war ein schimmerndes Violett, worauf lauter Kreuze abgedruckt waren. Für Nase, Mund und Augen waren Öffnungen ausgeschnitten. Kein weiterer unnützer Schmuck. Mit einer langsamen Handbewegung legte der alte Ladenbesitzer die Maske in meine Hand. "Fühlen Sie die Maske?" Er kicherte leise. "Sie ist so... ist so leicht... Aus welchem Material ist sie?"

Der Mann nahm seine Brille ab und musterte mich eindringlich. "Sie ist aus beschichtetem Papier. Doch keine Angst - sie können Sie auch im Regen tragen. Sie ist nahezu unverwüstlich und sicher auch ihr Geld wert." Perfekt! Dachte ich bei mir. Es war die Maske, die meine Opfer als einziges und letztes sehen werden. Es war ein diabolisches Symbol für den Mörder, der seine Opfer für die höhere Kunst richten wird. Fast geistesabwesend blickte ich auf meine neue Errungenschaft. Der Alte ging in den vorderen Teil seines Ladens. Ich folgte ihm, wie ein domestizierter Kater, der sich auf sein Fresschen freut. Als ich den angegebenen Betrag ohne viel Murren bezahlte und mich verabschieden wollte, packte mich der Alte am Arm und zog mich näher zu sich. Was zur Hölle war jetzt los mit ihm! Sein stechender Blick traf meine erschrockenen Augen und wir starrten uns gegenseitig an - noch nicht einmal eine Handbreit passte zwischen unseren Gesichtern. Ich konnte seinen Atem auf meinen Lippen spüren und war wie paralysiert. Es schien Minuten zu vergehen, eine halbe Ewigkeit, bis der Ladenbesitzer endlich anfing zu sprechen: "Pass auf dich auf Junge - hörst du!? Ich habe mehr von dir Gehört, als andere es jemals wissen sollten. Hör mir gut zu, David... Mord ist ein schlimmes Geschäft. Ich bin alt genug, um dies zu wissen. Lass dich nicht erwischen... Hörst Du?!" Wie gebannt starrte ich dabei in seine stahlgrauen Augen. Seine dicke Unterlippe bebte dabei noch stärker als sonst, als er diese Worte sprach. Er weiß es! Er weiß viel über mich! Verdammt! War ich wieder zu viel mit mir selbst beschäftigt? Was wird er jetzt tun? "Sie... Sie sagen es doch keinem, oder? Ich bitte Sie... sagen Sie es keinem!... " Seine Hand lies meinen Arm los, den ich darauf ruckartig zurückzog. Sein Blick wurde wieder sanfter und er setzte seine Brille wieder auf. "David. Wenn ich es gewollt hätte, dann wärst du nicht mehr in Freiheit - Mehr musst du jetzt nicht wissen... Und jetzt gehe deines Weges!" Ich war wie benommen, als ich wieder draußen auf der Straße stand. Eine starke und kalte Brise peitschte mir ins Gesicht. Was war hier geschehen? Wer war dieser alte Mann? Ich hielt noch immer die Maske in Händen. Schnell versteckte ich diese unter meine Lederjacke, als ich mich auf dem Weg in mein Studio machte. Es würde ganz sicher die nächste Nacht kommen und dieses mal bin ich besser vorbereitet. Eines sollte ich mir jedoch abgewöhnen - Das "mit mir selbst" zu sprechen, könnte noch mein Untergang sein, der, so hoffe ich, noch lange auf mich warten wird. Epilog Wenn ich aus dem Fenster sah, erblickte ich eine Fabrik. Eine einzige Fabrik inmitten der Natur. Abends um diese Zeit waren da meist Arbeiter zu geben, die noch schnell die letzte Schicht des Tages hinter sich bringen wollten. Ich sah ihnen zu und dachte mir dabei, was das ganze eigentlich soll? Einen Tag Arbeit - einen müden Lohn - eine schwere Arbeit - für noch weniger Lohn. Manche gaben sich damit zufrieden; ich wollte mich damit nicht zufrieden geben. Mein Blick schweifte ab. Wenn ich an die Lage dieser Arbeiter dachte, werde ich nur noch deprimierter. Ich war keineswegs alt, doch alt geworden. Erfahrener? Ja, schon... Reifer? NEIN... Ich wollte meine Jugend bewahren, doch die Jugend verlässt mich. Man wurde eben alt - Sah in den Spiegel und erkannte mich zwar noch, aber mein Aussehen hatte nicht mehr die Frische eines 15-jährigen. Man war älter geworden. In mir brodelten Ängste. Verflucht mächtige Ängste - merkbar, makaber und immer da, so wie der Tod selbst. Dieser war immer der ständige Begleiter. Er war immer da. Er wird dich beobachten; sehen, was du tust.

Dann gab es das Leben, das immer an dieser Stelle vergänglich ist. Dieses festzuhalten, war meine Aufgabe. Den Übergang festzuhalten. Den Übergang von Leben und Tod. Die Schönheit des Todes, gepaart mit der Frische des Lebens. Der ewige Kreislauf, festgehalten in einem Bild. Mir war schon klar, dass ich keine Leichen ausbuddeln durfte oder konnte, nur um eben ein Foto davon zu erstellen. Habe mal beim Krankenhaus nachgefragt - Leider haben die wohl gemeint, ich hätte Nekrophilie oder dergleichen. Doch woher sollte man solche Aufnahmen herbekommen? In diesem Moment, wo man darüber nachdachte und sich tief versunken in die einsamen Stunden flüchtete, merkte man urplötzlich einen unstillbaren Drang danach, etwas vollkommen abnormes zu unternehmen. Das Festhalten den Augenblick des Überganges. Das Herbeieilen eines wichtigen Faktors in meinem Leben. Ich beobachtete weiterhin diese Arbeiter. In der einfachen Fabrik irgendwo auf dem Lande. Keiner von denen machte sich Sorgen über den nächsten Tag, ob sie diesen noch erleben würden oder ob sie morgen noch Arbeit hatten. Ich lächelte in mich hinein. Meine Gedanken erfreuten sich über ein fiktives Szenario. Wird es fiktiv bleiben? Ich wiederholte leise diese Worte: Keiner von denen machte sich Sorgen über den nächsten Tag, ob sie diesen noch erleben würden... Dann fügte ich noch leise flüsternd, kaum hörbar einen Satz hinzu: ... dabei hätten sie allen Grund dazu...


Folge 03 - Blutiges Shooting

Photgrapher03

#1 - Schwierige Models

"Nun halte endlich still verdammt!", rief ich dem Arbeiter entgegen, der sich momentan auf dem Stuhl in meinem Studio vor Schmerzen krümmte. "Ich habe sonst viel zu viel Bewegungsunschärfe im Bild, bei der enormen Belichtungszeit!" Der Arbeiter schien meine Anweisungen zu ignorieren. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass dieses ganze Unternehmen in die Hose ging. Es war gestern Abend gewesen. Ich hatte mich mit einem Baseballschläger bewaffnet und meine Maske, nebst Kapuzenshirt und dunkler Hose angezogen und mich zu dieser einen Fabrik geschleppt. Es war gerade die Spätschicht in der Firma und irgendwie hatten alle viel zu tun. Mich hatte man kaum bemerkt, was auch verständlich war, da ich mich meist im Schatten der einzelnen Gebäude befand. Der eine junge Typ, der gerade den Stapler abgestellt hatte, war so in meinem Alter, das heißt Mitte zwanzig, rauchte genüsslich eine Zigarette und hielt einen kleinen Plausch mit seinem Kollegen, der ihm einen Zettel überreichte, worauf wohl so etwas wie eine Arbeitsanweisung stand. Als der ältere Kollege dann wieder zurück in das angrenzende Hauptgebäude gegangen war und den jüngeren Kollegen alleine ließ, nahm ich all meinen Mut zusammen und schlich mich nah genug an mein Opfer heran, um ihn mit einem beherzten Schlag auf dem Hinterkopf "auszuschalten". Es war nicht sonderlich schwer, ihn zu meinem Wagen zu schleifen, der um die Ecke geparkt war. Ich konnte nur hoffen, dass mich keiner der anderen Arbeiter gesehen hatte. Kurzum - es war das Werk eines Augenblicks. Der bewusstlose Junge mit dem blonden Haaren und tiefliegenden Augen würde nun eines meiner weiteren Models sein. Ihr versteht das sicher, dass ich ihn nicht einfach so fragen konnte. Wie fast jeder, den ich auf der Straße wegen einem Shooting angesprochen hatte, war eher dazu geneigt abzulehnen und Ablehnung konnte ich mir nun nicht mehr leisten. Das schwerste war eigentlich ihn wieder aus dem Auto zu bekommen, ihn in die Wohnung zu schleppen und auf den Stuhl zu fesseln. Meine Knoten sind nicht die besten und ich stelle mich, zugegeben, etwas dämlich dabei an. Als ich den Typen dann auf den Stuhl fixiert und mein Studioset aufgebaut hatte, kam mein Opfer langsam aber sicher wieder zu sich. Ein leichtes Stöhnen und mehr nicht. Scheinbar hatte ich ihn härter mit dem Schläger getroffen, als befürchtet. Aktennotiz: Etwas sanfter zuschlagen. Es dauerte eine weitere Stunde, bis er überhaupt fähig war meine Worte aufzunehmen. Die Studioblitze waren eingestellt. Die Kamera aufgebaut. Es konnte eigentlich losgehen. Als er seine Augen öffnete fing mein unfreiwilliger Gast an zu labern. "Wo bin ich?! Was soll das?? Was zum... mache ich hier?" Ich trat ins Licht und baute mich direkt vor ihm auf, noch immer meine Maske im Gesicht. Es war eigentlich sinnlos. Lebend würde er diese Räume nicht mehr verlassen. Ich war wohl ein wenig zu vorsichtig, doch sicher ist eben sicher. "Halt deine Fresse. Du bist hier, damit ich meine Kunst verfolgen kann!" "Was?" "Rede ich zu undeutlich? - Du sollst einfach die Fresse halten! Ich versuche hier zu Arbeiten." Er starrte mich aggressiv an. Ihm war die ganze Angelegenheit sehr unangenehm. Es war auch verständlich. Gefesselt an einem Stuhl, mit einer Kopfwunde in einer vollkommen unbekannten Umgebung aufzuwachen, war zugegeben, nicht sonderlich schön. Doch nun wurde er vollends wach und beschimpfte mich mit Ausdrücken, die selbst Donald Trump in den Schatten stellen würden. "Hast Du sie noch alle?! Du Arschloch! Lass mich sofort wieder frei. Verficktes gestörtes Schwein, Wichser!" Das hätte er wohl gerne. Ich glaube nicht, das er diesen Abend noch überleben wird. Ich hatte mich nämlich schon vorbereitet, ihn mit einigen Gegenständen zu bearbeiten. Skalpelle, Küchenmesser und Geflügelschere - dreimal dürft ihr raten, wofür das alles ist. Bei seinen Beleidigungen wäre es wohl am besten ihm seine Wangen einzuritzen, damit er erst einmal nichts mehr sagen kann, ohne endlose Schmerzen zu spüren. "Wenn du dich nicht beruhigen willst...." fing ich meinen Satz an, "... muss ich Dir wohl jetzt weh tun." Mein unfreiwilliges Arsch von Model wurde bleich, als er sah, dass ich das Skalpell nahm und langsam auf ihn zu schritt. Es war der Moment, wo meine Gefühle einen unendlichen Triumph verspürten. Der Moment des bevorstehenden Schmerzes. Der Tod als Bildnis was ich einzufangen versuchte.


#2 - Blut, Schweiß, Tränen

Es war schon schwierig ihm die Wangen einzuritzen. Ich wollte ein Glasgowsmile ins Gesicht zaubern. Doch dieser Bastard hatte sich immer vor Schreck und Nervosität bewegt, sodass mein Schnitt nicht ganz meinen Vorstellungen entsprach. Hätte ihn am besten wieder bewusstlos schlagen sollen. Ich mag es einfach nicht, wenn mir etwas nicht zu hundert Prozent gelingt. Es stört die Harmonie des Bildes. Das ganze Konzept gerät in Gefahr. Sein Schreien war ohrenbetäubend, dennoch fing er sich überraschend schnell wieder. Eine Mischung aus Blut und Speichel lief ihm aus den Mundwinkeln. Eigentlich widerlich. Aktennotiz: Zeitungspapier beim nächsten Mal auslegen, bevor es losgeht. Als nächstes nahm ich mir die Nasenspitze vor - es sollte so eine Mischung aus Clown und verrückter Irrer sein. Ein authentisches Foto; vielleicht so etwas mörderisch, blutiges. In Anbetracht das dieser Typ gerade meinen Teppich einsaut, kann es durchaus vorkommen, dass es schon ins abartige gerät. Ich schnitt mit dem Skalpell seine Nasenspitze ab. Blutete wie Hölle - keine Ahnung was ich sagen soll. Meine Finger sind jedenfalls von Blut besudelt worden. "Na toll," sagte ich, mehr zu mir selbst "jetzt muss ich mir erst einmal die Hände waschen." Er lässt nur ein unverständliches Stöhnen, gepaart mit einem leichten Gurgeln verlauten. Ich ging ins Badezimmer und wusch mir oberflächlich meine blutenden Hände. Wieder einmal eine Aktennotiz: Benutze Latexhandschuhe beim nächsten Mal. Das Shooting sollte jetzt losgehen, habe schon viel zu viel Zeit mit den Verstümmelungen verschwendet. Zeit die Kostbar war. "Nun halte endlich still verdammt!", rief ich dem Arbeiter entgegen, der sich momentan auf dem Stuhl in meinem Studio vor Schmerzen krümmte. "Ich habe sonst viel zu viel Bewegungsunschärfe im Bild, bei der enormen Belichtungszeit!" Der Arbeiter schien meine Anweisungen zu ignorieren. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass dieses ganze Unternehmen in die Hose ging. "Es hat ja keinen Zweck!," stellte ich resigniert fest. "du bist mir viel zu unruhig. Es geht hier um ruhige Stimmung! Du verstehst es nicht! Halte endlich still!!" Aus seinem Schreien konnte ich nun einige verständliche Worte hören: "Du krankes Arschloch! Ich bringe dich um! Du bist nicht ganz normal im Kopf, perverses Schwein!" "Mag sein." antwortete ich ruhig. "doch dieses perverse Schwein hat eben die Kamera in der Hand und wir sind in MEINEM Studio. Verstehst Du das? Du armseliges Gewürm.. Ich bin der Boss hier!" Mit diesen Worten machte ich die ersten Fotos. Sein schmerzverzerrtes Gesicht mit einem Anflug von Erstaunen über meine Sätze, war es mir wert diesen Augenblick festzuhalten. Leider etwas verwackelt. Er hält nicht still, hört mir nicht zu. Was soll ich damit anfangen? "Jetzt kommt der Moment, wo Du dein Leben verlieren wirst.", sprach ich so aus, so als wenn es das normalste von der Welt wäre. Er blieb stumm und starrte mich nur noch fassungslos an. Sein Blutverschmiertes Gesicht mit eingeritzten Wangen und abgeschnittener Nasenspitze blieb das erste mal an diesem Abend starr. Das zweite Foto! Nun war es nicht mehr unscharf. Es zeigte die einmalige Schärfe, die ich erreichen wollte. Ein tolles Bild! Es hinderte mich nicht, ihm das Küchenmesser in die Brust zu rammen. Natürlich hatte er noch im Moment meiner Tat um sein erbärmliches Leben gebettelt. Doch ich musste es einfach durchziehen. Er sollte nun meinen letzten Akt darstellen. Der Akt des Todes. Ein Festival der bildlichen Sinne. Die bildliche Darstellung einer Leiche, blutverschmiert, gepeinigt und mit einem übergroßem Küchenmesser in der Brust. Diesmal sind die Augen geschlossen. Beinahe schon friedlich sieht er aus. Seine Verstümmelungen traten in den Hintergrund. Weitere Fotos entstanden. Ich löste die Fesseln. Er kippte vorne über - ich hielt ihn fest. Es tat mir schon beinahe leid, dass er nun tot vor mir lag. Er sah noch sehr jung aus. Genau mein Typ - doch nun ist er tot. Vergangenheit. Ich machte ein weiteres Foto, wie ich seine Leiche in den Arm legte, stützend, helfend, so als wenn ich einen toten Freund in Händen halte und zu Grabe trug. War fast schon traurig, dass es schon vorbei war. Ich räumte mein Studio auf und legte die Leiche in einen Schlafsack. Werde sie morgen in den Graben werfen. Ich machte das Licht aus. War fast teilnahmslos und melancholisch. Es war viel zu schnell vorbei. Die Fotos werde ich morgen bearbeiten. Habe leider noch keinen Weg gefunden eben diese zu veröffentlichen. Der Teppich hatte leider viel Blut abbekommen. Ich denke die Tage mal darüber nach, wie ich damit fertig werden kann; momentan war ich sehr müde und unglücklich. Mein Drang war keinesfalls gestillt. Es war simpel. Zu einfach. Zu unspektakulär. Sei es drum; wenn die Fotos was geworden sind, dann bin ich ja beruhigt. Aktennotiz: Das nächste mal mehr Zeit mit meinem Opfer verbringen, damit das Shooting vollends ausgekostet werden kann.


Folge 04 - Vergangenheit und Menschenfeinde

#1 - Der Tod in der Vergangenheit

Cover Photographer04

Weiß blau sind nicht nur die Farben einer Fußballmannschaft, sondern auch die Farben des Todes. Der junge Arbeiter, ich habe ihn Bob getauft, lag nun im Schlafsack im Garten meines Studios. Im kalten herbstlichen Nachtwind schien es, als wenn seine Leiche immer mehr ins blaue überging. Ich dachte mir nichts dabei und ließ ihn alleine im Garten verrotten. Wenn er dann ein gewisses Verwesungsstadium erreicht hätte, könnte ich wenigstens noch dies mit meiner Kamera festhalten. Anders als so mancher "Möchtegern Gruftie" denken mag, ist eigentlich nichts ästhetisches am Tod selbst. Wir verelenden alle gleich, zerfressen von Fliegen und Maden irgendwo im Wald oder auf einem überfüllten Friedhof. Die Verwesung ist meist davon abhängig wie kalt es ist und ob man noch von irgendwas konserviert wurde. Es würde aber bei Bob nicht so lange dauern, bis die ersten Fliegen ihre Eier in ihm ablegen werden. Spätestens wenn es wieder wärmer wird, könnte es gut sein, dass sein Gestank die Gegend verpesten würde. Bestimmte Insekten und ihre Larven auf dem verwesenden Körper, würden ihn langsam aber sicher zersetzen. Ihr Entwicklungsstadium lässt einen ungefähren Rückschluss darauf zu, wie lange beispielsweise ein Mordopfer schon in einem Waldstück oder wie in meinem Fall, im Garten gelegen haben könnte. Meine Gedanken drehten sich nun darum diese Leiche vollends loszuwerden. Doch wie sollte ich das anstellen? Ich hatte weder Chemikalien oder einen Hochofen, der einen Leichnam gänzlich vernichten konnte. Ich brauchte also von irgendwoher Hilfe, um eben Bob loszuwerden.

Mir kam da der alte Kostümladenbesitzer in den Sinn. Er hatte eine Ahnung davon, was ich hier tat und er gab mir irgendwie noch immer Rätsel auf. Es war schon eigenartig, dass er mich so sehr in die Augen starrte und meinen Namen wusste, den ich ihm nie genannt hatte. Etwas diabolisches lag in seiner Stimme und ich konnte das Gefühl nicht loswerden, dass er vielleicht einen Ausweg finden würde. Egal wie lange ich darüber nachdachte und bei jedem Gedanken das „Für" und „Wieder" abzuwägen versuchte, ich musste es wagen ihn abermals aufzusuchen. Bob lag zu meinen Füßen. Sein blanker Oberkörper wurde im fahlen Mondlicht immer bläulicher. Sein verstümmeltes Gesicht war zum Himmel gerichtet. Es war schon bemerkenswert, dass so viel Ruhe in seinem Gesicht lag. Auch wenn wir verwesen werden, eine gewisse Ruhe strahlen alle Leichen aus. Stille, vollkommene Stille; mit einem Hauch von Friedlichkeit, die sich im Mondlicht einer nie zuvor dagewesenen Romantik darbot. Armer Bob - dachte ich noch, als ich den Reißverschluss seines Schlafsackes betätigte und Seine Leiche vollkommen darin verschwinden ließ. Ein letzter Blick. Ich mache auf dem Absatz kehrt und gehe zurück ins Haus. Ich muss noch den Teppich reinigen, bevor ich morgen zu den alten Ladenbesitzer gehe. Irgendwie sind meine Vorbereitungen sehr stümperhaft gewesen. Ich sollte schon aufpassen welche Schweinerei ich in meinem Studio veranstalte. Wird eine ganz schöne Arbeit werden. Wie man Blut vom Teppich reinigt, davon hatte ich bisher keine Ahnung gehabt. Muttern konnte das. Sie wusste immer Bescheid, wenn es darum ging, gewisse Gegenstände zu reinigen. Sie war eine tolle Frau gewesen. Bis mein Vater sie aus einem Anfall von Eifersucht zusammengeschlagen hatte. Er hatte später der Polizei gesagt, dass es ein Unfall war. Ich war damals noch klein, also so zwölf oder dreizehn Jahre alt. Von mir wollte man die Wahrheit nicht hören. Mein Vater wusste es ebenso wie ich, dass ich die einzig lebende Person war, die die Wahrheit kannte, dass eben ER sie auf dem Gewissen hatte. Jeden Abend kam er zu mir. Sein Gestank liegt mir jetzt noch in der Nase, denn er trank übermäßig viel Whiskey, fast jeden Tag. Mit einem breiten, überlegenen Grinsen machte er mir jedes Mal klar, dass wenn ER nicht mehr sein wird, ich alleine wäre und wohl ins Waisenhaus müsste. Würde ich jemals ein Wort über diesen folgenschweren „Unfall" verlieren, dann wüsste ich ja wohl was passieren würde. Er machte mir absichtlich immer mehr Angst, als ich ohnehin schon hatte. Seine vom Alkohol glasig gewordenen Augen fixierten mich solange, bis ich ihn nicht mehr in die Augen sehen konnte. Ich hasste ihn! Er hatte meine Mutter auf dem Gewissen und das einzige was ihn davon abgehalten hatte, mich zu töten, war dass dies zu auffällig gewesen wäre. Wenn ich meinen Blick abgewendet hatte fing er an hämisch zu lachen und beschimpfte mich mit den Worten: "Aus dir wird eh nix werden. Du elender Lappen! Kaum zu glauben, dass Du mein Sohn bist!" Danach verließ er mein Zimmer, mehr taumelnd als richtig gehend - unter meiner Bettdecke liefen Tränen über mein Gesicht. Es waren die Tränen der Vergangenheit, einer schöneren Zeit. Erinnerungen. So wie meine Fotos.


#2 - Der mysteriöse alte Mann

Der Laden war, wie immer, leicht zu finden. Lessingstraße. Letztes Gebäude gleich links. Als ich den Laden betrat, konnte ich noch eine ältere Dame im hinteren Teil des Ladens erkennen. Sie suchte sich wohl was für ihre Kinder aus, die zu Halloween Süßigkeiten sammeln wollten. Der Alte stand neben ihr. Als er die kleine Türglocke hörte, blickte er auf und fing wieder an, dieses komische Grinsen an den Tag zu legen, offenbar erkannte er mich wieder. Nachdem die fremde Frau ihre Artikel ausgesucht und bezahlt hatte und endlich den Laden verließ, kam der Ladenbesitzer bedächtig auf mich zu. "Hummeln im Hintern David?" Er erkannte wohl, dass ich was auf dem Herzen hatte, was mich sehr beschäftigt. "Sie wissen immer alles wie?", gab ich spöttisch zurück "Nur soviel das es reicht, dich in- und auswendig zu kennen." Er blickte mir nun ernster in die Augen und ich hatte Schwierigkeiten seinen Blicken stand zu halten. Nach einer kleinen Weile, für mich schienen die Minuten zu Stunden zu werden, fuhr er fort: "Du bist schon ein ziemlich dunkler und verschlossener Typ, David. Ich spüre es geradezu, dass Du etwas getan hast, dessen Folgen Du nur allzu gern wieder loswerden willst - stimmt das?" Mein Herz vollendete einen Extraschlag, als ich diese Worte vernahm, doch ich blieb ruhig und ließ mir nichts anmerken, so dachte ich jedenfalls. "Ach es ist nichts weiter - ich habe nur ein Problem mit dem Hausmüll und..." "Lügner!", sagte der Alte scharf. "Du hast das getan, wovon ich Dir abgeraten hatte Du verdammter Bengel!" "Wie reden Sie mit mir?!", gab ich nun etwas lauter zurück. Hatte schon ein wenig Lust verspürt gerade ihn zu töten, warum starrte er mich eigentlich immer noch so an?! "Ich kenne dich David! Du hast nicht umsonst die Maske gekauft. Du bist kein Typ für Halloweenpartys, dass habe ich gespürt." Mit diesen Worten ging er zur Ladentür und verschloss diese mit einem rostigen Schlüssel, den er beiläufig aus seiner Hosentasche zog. Danach drehte er sich zu mir um. Ich hatte jetzt schon wieder ein gewisses Gefühl von Angst in der Magengegend. "W... was haben Sie jetzt vor?", stammelte ich. "Ich?", er fing an zu lachen. "...ich möchte mich mit dir Unterhalten mein kleiner Künstler.... Hihi" "Ich verstehe nicht." "Doch das tust Du. Du bist doch Fotograf oder nicht? Jedenfalls hast du ein Gebiet entdeckt, dass deiner Kunst, sagen wir mal, sehr dienlich ist." Meine Angst verwandelte sich in eine Art Zorn und ich wurde langsam immer unruhiger. "Wenn Sie soviel über mich wissen, warum weiß ich nichts über Sie?" Der alte Mann nahm seine Brille ab und fing an zu lächeln. "Weil ich deine Gedanken lesen kann, mein Junge." "Was?!" entglitt es mir ungläubig. "Ja - ich kann deine Gedanken lesen und weiß genau was Du tust. Schon beim ersten Mal, als Du diese Schwelle überwunden hattest, meinen Laden zu betreten. Ich habe Dir gesagt, dass Mord ein schlimmes Geschäft ist und jetzt stehst Du vor eben einem solchen Problem, was mit Mord zu tun hat oder?" Ich war fast benommen, als er seinen letzten Satz beendet hatte. Ich hatte es bisher vermutet, doch jetzt waren alle Zweifel dahin. Warum er mich nicht verraten hatte, konnte ich mir nicht erklären. Vielleicht war es ihm auch egal gewesen. "Warum haben Sie mich nicht der Polizei gemeldet?" , fragte ich, schon beinahe teilnahmslos. Ich konnte mir die Antwort vielleicht schon selbst geben. Der Alte setzte sich genüsslich auf einen Stuhl der hinter der Ladentheke stand und verschränkte die Arme. In seiner Stimme lag so was wie eine Verbitterung über das, was wir als Gesellschaft kennen: "Ich bin ein alter Mann. Du bist noch sehr jung und hast noch dein ganzes Leben vor dir. Was hätte ich davon Dich zu verraten? Die Menschen haben es eigentlich nicht verdient, so zahlreich auf dieser Welt zu wandeln. Wir sind nichts weiter als ein Krebsgeschwür auf Erden. Ich habe mit der Gesellschaft schon längst abgeschlossen. Im Gefängnis war ich schon, musst Du wissen. Für etwas was ich nicht getan hatte. Erst da merkte ich, dass mich diese Gesellschaft mal am Hintern lecken kann!" "Jetzt lassen Sie einem Mörder freien lauf?", warf ich ein. Der alte Ladenbesitzer lachte leise. "Jeder braucht sein Hobby David. Du vollbringst zudem noch etwas, was vorher noch keiner gewagt hatte. Auch wenn ich die Gesellschaft verachte - Dich mag ich irgendwie, weil Du eben anders bist."

"Da wir uns nun besser kennen , wie ist Ihr Name?" Es vergingen einige Augenblicke, bis sich der Alte durchringen konnte, mir seinen Namen zu nennen. "Man nennt mich den alten Oswald. Merke dir diesen Namen gut, denn ich werde ihn nicht noch einmal über meine Lippen kommen lassen." Nach diesen Worten erhob er sich von seinem Stuhl und öffnete mir die Ladentür und wies mich mit einer Handbewegung an, ihn nun alleine zu lassen. Bevor ich den Laden aber verließ, drehte ich mich noch einmal zu ihm um; etwas brannte noch immer auf meiner Seele: "... und was ist mit meinem Problem? Können Sie mir helfen, Oswald?" Er fing an zu schmunzeln und strich bedächtig über seinen Bart. "Ich werde morgen Abend vorbeikommen. Dann können wir dein Problem beseitigen."

Das waren die letzten Worte, die ich an diesem Tage von Oswald zu hören bekommen hatte. Der Mann war schon unheimlich. Seine ganze Art war komisch. Doch ich bin ja auch nicht ganz normal oder? Da haben sich wohl zwei Menschenfeinde gefunden, dachte ich noch so bei mir, als auch schon die Nacht hereinbrach und die Lichter der Stadt nun die immer leerer werdenden Straßen beleuchteten.

Fortsetzung folgt.....