Deutsches Creepypasta Wiki
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Verdammungsmärchen

Inhaltsangabe:

Kapitel 1: Der Hobbyautor

Kapitel 2: Die Begegnung

Kapitel 3: Die Kunst des Niedergangs

Kapitel 4: Daniels Obsession

Kapitel 1: Der Hobbyautor

„Mann, was hätte ich doch gern einen richtigen Buchvertrag, oder zumindest einen erfolgreicheren Channel“, seufzte Daniel. Daniel Weigert war ein leidenschaftlicher Hobbyautor. Noch lieber wäre er ein erfolgreicher Romanautor gewesen, doch dies blieb ihm verwehrt. Er war ein ziemlicher Träumer, der gerne große Erfolge gehabt hätte. Daniel hatte selbst Geschichten geschrieben und versucht, einen Buchvertrag zu kriegen. Aber obwohl er teilweise auch wirklich gute Ideen hatte, die er in Romanlänge niederschrieb, ging er einfach unter.

Es gab viele Menschen, die seinen Traum teilten, und es war nicht leicht, unter ihnen aufzufallen. Da er aber seine Geschichten gerne weitergeben wollte, fing Daniel an, sie einfach im Internet zu veröffentlichen. Egal, ob er Horrorkurzgeschichten in Creepypasta-Wikis oder andere Stories auf Wattpad brachte, er hoffte auf Leser und Anerkennung. Später kreierte er einen YouTube-Channel und vertonte einige seiner Geschichten dort. Es gelang ihm sogar, sich eine kleine Fan-Base zu schaffen, aber der große Erfolg blieb aus.

Der geringe Erfolg quälte ihn. Er hatte eine sensible Seele und sah sich als missverstandenen Künstler. So gern hätte er viele Menschen mit seinen Werken erfreut, so sehr bemühte er sich, bekannt zu werden, aber es klappte einfach nicht. Mittlerweile war es ihm sogar egal, dass er nicht seinen Lebensunterhalt damit bestreiten konnte, wenn er doch nur einen gewissen Einfluss mit seinen Werken zu erzeugen vermochte. Er schrieb schon seit zwei Jahrzehnten und betrieb seit drei Jahren einen Kanal auf YouTube, der aber gerade mal rund 700 Abonnenten aufwies. Sowohl beim Schreiben als auch beim Vertonen war die Aufmerksamkeit eher durchschnittlich für diese Hobbyautorenszene. Er wurde nicht als Geheimtipp gerühmt und konnte keine Geschichte vorweisen, welche als Kult galt.

Es deprimierte Daniel sehr. Er gab sich so viel Mühe, Geschichten zu schaffen und eigene Welten zu formen. Sein Traum, als Autor durchzustarten, blieb ihm halt verwehrt und er arbeitete in einem Call Center. Doch wenn er nur wenigstens eine Geschichte schaffen konnte, die mehr Beachtung fand und mit der er Kultstatus erreichen konnte, würde ihm das mittlerweile genügen.

Daniel war in dieser Hinsicht nicht allein. Im Internet hatte er sich irgendwie mit einem anderen Autor angefreundet. Zumindest soweit man es Freundschaft nennen konnte. Er kannte nur den Autorennamen, den sich sein Freund im Internet gab, und hatte nie dessen Gesicht gesehen. Zynischer Weltverbesserer nannte sich sein Freund im Internet, und das traf es gut. Häufig brachte er Geschichten, die Missstände anprangerten und die selten hoffnungsvoll endeten. Auch der zynische Weltverbesserer litt ein wenig darunter, nicht wirklich in der Masse aufzufallen. Aber er war es, der Daniel Mut zusprach und darauf verwies, dass, egal wie erfolglos sie waren, sie keiner daran hindern konnte, ihre eigenen Welten zu erschaffen.

Irgendwie war das merkwürdig, Daniel kannte ihn und dann auch wieder nicht. Alles, was er über ihn wusste, war aus den Chats mit ihm bei Discord und er konnte sich ein Bild von ihm machen, über den Stil seiner Geschichten. Dass jemand, der so düster schrieb, doch so aufbauend sein konnte, war wirklich ein kleines Wunder für Daniel. Dennoch wäre ihm lieber gewesen, einmal Erfolg zu haben, statt getröstet zu werden.

„Scheiße, scheiße, scheiße! Was kann ich nur machen? Ständig gebe ich mir Mühe und es wird trotzdem nicht honoriert. Ich würde alles dafür tun!", brach es mal wieder aus Daniel heraus. Tatsächlich regte ihn das jeden Tag aufs Neue auf.

Völlig frustriert schaute er auf ein Bild, das er vor kurzem gekauft hatte. Es war kein berühmtes Werk, er hatte es auf einem Flohmarkt entdeckt, aber es hatte ihn gleich angesprochen. Darauf war eine Szenerie aus der Antike zu sehen, bei der ein Mann vor einer großen Menge sprach und eine Schreibfeder in der Hand hielt. Es war erst banal anzuschauen, dennoch gab es Daniel etwas. Der Maler hatte alles durchaus ansprechend auf die Leinwand gebannt, doch war nicht das für ihn wichtig. Es weckte einfach ein Gefühl in ihm, würde doch auch er so gern Anerkennung finden.

„Würden die Menschen doch mir so zujubeln, wenigstens ein einziges Mal“, sprach Daniel verbittert und legte den Kopf in seine Hände. Eigentlich war er gerade an seinem PC und schrieb mal wieder eine Geschichte, aber er brauchte einen Moment. In solchen Dingen war er doch sehr sensibel und konnte ganz schnell runtergezogen werden. Plötzlich erschrak er. In seinem Kopf war eine tiefe Stimme zu hören. Du möchtest also Erfolg haben und würdest alles dafür tun? Dann kann ich dir helfen. Jemanden wie dich habe ich lange gesucht.

„Was! Wer ist da?, rief Daniel verwirrt und etwas erschrocken, dann er sah sich um. Er konnte niemanden sehen und dachte sich nur: Toll, jetzt habe ich auch noch Halluzinationen. Er wollte seinen Kopf wieder in seinen Händen vergraben, da hörte er die Stimme erneut, diesmal nicht in seinem Kopf.

„So schnell gibst du schon auf? Habe ich mir etwa doch den Falschen ausgesucht? Nein, dir muss man wohl nur etwas auf die Sprünge helfen“, kam die Stimme leicht amüsiert von Daniels neuem Bild. Dort hatte sich die Figur auf der Tribüne bewegt und den Kopf aus dem Kunstwerk gestreckt. Dabei lächelte sie Daniel wohlwollend an.

„Ich muss wohl wirklich unter Wahnvorstellungen leiden. Ich sehe schon, wie sich eine Figur aus einem Gemälde herausbewegt. Vielleicht bin ich ja genauso ein durchgeknallter Künstler wie einst Van Gogh. Wer weiß, vielleicht werden meine Werke ja auch nach meinem Tod erst wirklich erfolgreich“, kam es von Daniel, der jetzt ein wenig lachte. Offenbar dachte er tatsächlich, dem Wahn verfallen zu sein.

„Erfolg erst nach deinem Tod, das wäre aber schade. Ich sehe durchaus Potential in dir. Du solltest noch zu Lebzeiten Ruhm erlangen und Anerkennung bekommen. Zwar wird die größte Kunst mit dem Ende des wahren Künstlers erreicht, aber dafür ist es noch zu früh. Zunächst solltest du etwas vom Ruhm genießen können. Du brauchst nur Hilfe.“

„Hilfe? Ich glaube es nicht, ich rede gerade mit einem Bild, welches mir Hilfe anbietet. Ich muss wohl noch verzweifelter sein, als ich sowieso schon dachte. Ich führe schon Selbstgespräche mit einer imaginären Person aus einem Bild. Was kommt als nächstes, verstümmele ich mich selber, genauso wie Van Gogh?“

„Aber, aber, Daniel, wer wird denn gleich? Ich bin kein normales Bild, Ich bin Byraq´Nul. Seit Urzeiten bin ich auf der Suche nach Künstlern aller Art, um sie zu unterstützen. Es kann ein Maler sein, ein Poet, ein Darsteller oder was auch immer. Für mich ist nur wichtig, dass die Person, der ich helfe, einen wichtigen Beitrag zur Kunst liefert. Dieses Gemälde nutze ich nur als Wohnsitz, während ich darauf warte, dass es ein würdiger Künstler bekommt.“

„Wirklich? Ist das etwa meine Chance, etwas Wichtiges zu schaffen. Etwas mit dem ich Ruhm erlange und die Welt bereichere?, fragte Daniel nun etwas verwundert.

„Oh ja! Dies ist deine Chance und es ist wichtig, dass du sie ergreifst. Ein neues Zeitalter bricht an. Viele bedeutende Personen und Staaten werden untergehen. In ihrem Todeskampf, kurz vor ihrem Ende, wird sich noch einmal ihre ganze Schönheit offenbaren. Es braucht einen wichtigen Künstler, welcher diese Momente erfasst. Denn damit kann er sie unsterblich machen. Erst im Angesicht des Todes entflammt die Lebensflamme noch einmal ganz und der größte Moment der Schönheit entsteht. Danach bleiben nur die Erinnerungen, welche wir bewahren müssen.“

„Wirklich? Was kann ich da tun? Auf mich wurde doch niemand wirklich je aufmerksam.“

„Ich verstehe deine Frustration, aber ich kann deine verborgenen Reserven der Kreativität hervorholen und die Aufmerksamkeit auf dich lenken. Mit deiner Hilfe kann ich die Welt wieder mit großartigen Werken beschenken, welche einige unsterblich machen wird, auch dich.“

„Was muss ich dafür tun?“, fragte Daniel fasziniert mit einer leicht zittrigen Stimme.

„Du musst mir nur deine Treue schwören und, dass du alles dafür tust, die großartigste Kunst zu fördern“, sprach das Wesen und nahm eine schemenhafte Gestalt an, die vor Daniel stand. Sie wirkte, als bestünde sie aus Rauch.

„Ich schwöre es. Ich will dir immer dienen und die Kunst in jeder Form unterstützen und beschützen, wo ich nur kann!“, sagte Daniel nun wie in Trance. Irgendwie hatte Byraq'Nul ihn in seinen Bann gezogen. Selbst wenn er es gewollt hätte, Daniel hätte nicht die Kraft gehabt zu widerstehen.

„So sei es! Fortan wirst du der Messias des Schreibens sein. Ich nutze dich als Herold der Kunst, um unsterbliche Werke in die Welt zu tragen.“

Daniel merkte auf einmal, wie etwas in ihm erwachte. Er bekam irgendwie ein Gefühl dafür, wie er sich besser ausdrücken musste, um seine Ideen niederzuschreiben. Ohne es ausprobiert zu haben, wusste er bereits, dass er einen besseren Schreibstil haben würde. Auch spürte er, wie seine Aufmerksamkeit sich steigerte. Er wusste, dass er leichter an Inspirationen kommen würde, da ihm auf einmal Dinge schneller auffielen.

„Ich hatte schon Angst, dass ich den Verstand verloren habe. Nun aber merke ich, dass du real bist. Ich weiß nicht wie, aber du hast bereits etwas geändert. Ich weiß jetzt, dass mir der Erfolg als Autor gewiss sein wird. Ich spüre, wie ich neue Stärken entwickle.“

„Ja, Daniel, ich habe etwas in dir geweckt. Nun wirst du in der Lage sein, dein Potential zu nutzen. Ferner werde ich dafür sorgen, dass deine Werke schneller Aufmerksamkeit erlangen. Alle, die deine Werke lesen, werden von Anfang an spüren, dass sie etwas Besonderes sind.“

„Ja, ich habe auch bereits eine Idee, die ich unbedingt niederschreiben muss. Sie wird mir einen Zugang zum Ruhm garantieren.“

„Sehr gut, ich sehe, wie du dich entwickelst. Ich bin froh, mich nicht in dir getäuscht zu haben. Aber lass dir sagen, du kannst nicht immer nur reine Phantasie zu Papier bringen. Du bist nun auch verpflichtet, den Niedergang großer Personen und Gesellschaften in einer Geschichte zu verewigen. Dann und wann musst du hierbei sogar die Entwicklung gestalten. Denke daran, der Niedergang ist der Höhepunkt der Existenz. Genau hier blüht jemand noch einmal auf, bevor er vergeht. Dann und wann muss ich dich für bestimmte Geschichten einspannen. Damit wirst du die Grundlage für die zukünftige Kunst schaffen.“

„Ich verstehe. Welcher Art sind die Geschichten denn genau?“

„Alles zu seiner Zeit. Erlange zunächst Erfolg und genieße diesen! Die wahre Arbeit wartet noch auf dich. Außerdem muss ich dir noch mitteilen, dass, wenn du eine Idee mitbekommst, die dich innerlich wahrlich berührt, du diese niederschreiben musst. Der Drang, so eine Geschichte zu erschaffen, wird unwiderstehlich sein.“

„Gut, ich bin bereit dafür. Danke für deine Hilfe, aber jetzt will ich mich an meinem PC setzen. Meine erste Geschichte wartet. Ich lege los und zeige es der Welt!“

Byraq´Nul nickte anerkennend und zog sich in das Gemälde zurück. Daniel machte sich indes sofort daran, einen neuen Roman zu schreiben. Er war bereit, einen Bestseller abzuliefern, und wusste, diesmal würde er Erfolg haben.

Kapitel 2: Die Begegnung

„Wie hat er das nur geschafft?“, fragte sich Hanna immer wieder. Hanna Lindemann war eine Hobbyautorin, welche unter dem Pseudonym Der zynische Weltverbesserer Geschichten schrieb, welche auf Wattpad und auch auf Creepypast-Seiten landeten. Einen YouTube-Channel betrieb sie nicht und sie nahm auch an keinen Treffen teil, ihr war Datenschutz schon ziemlich wichtig. Sie machte noch nicht einmal in den Voicechats auf Discord mit. Solange sie nur schrieb, konnten weniger Rückschlüsse auf sie gezogen werden. Zur Zeit wussten die Menschen nicht mal, dass eine Frau hinter ihrem Pseudonym steckte.

Allerdings wünschte sie sich dennoch einen gewissen Erfolg. Es gab ja viele Creepypasta-Kanäle auf YouTube, die Geschichten vertonten. Daher bestand die Chance, Geschichten und Figuren zu schaffen, welche viral gingen im Internet, wenn genug Kanäle die entsprechenden Stories vertonten und diese auch häufig angeklickt wurden. Natürlich wurde auch gelegentlich eine ihrer Geschichten vertont, dennoch hielt sich der Erfolg in Grenzen.

Auch wenn sie sich mehr erhoffte, nahm sie es sich nicht zu sehr zu Herzen. Ja, sie wollte Erfolge haben, aber da war sie nicht allein, und nicht jeder konnte erfolgreich sein. Etwas anders sah es mit einem befreundeten Autoren aus. Der Terrorbarde, wie sich ihr Freund nannte, wollte unbedingt berühmt werden. Er schrieb Geschichten und er vertonte auch welche davon auf seinem Kanal. Er hatte sogar schon versucht, Romane und Drehbücher bei Verlagen und Produktionsfirmen unterzubringen, doch war ihm das nicht gelungen. Zumindest war es lange so; jetzt hatte er auf einmal Erfolg, und so witzig es auch es auch war, sie erfuhr dadurch seinen echten Namen. Daniel Weigert hieß er. Irgendwie fragte sie sich, inwieweit sie wirklich Freunde waren, wo sie doch erst jetzt wirklich seinen Namen erfuhr. Vorher hatten sie nur in Chats und Kommentaren miteinander kommuniziert.

Sie spendete ihm regelmäßig Trost, da er trotz aller Mühen nicht die erhoffte Anerkennung für seine Werke bekam. Doch das war offenbar vorbei, ihm gelang der Durchbruch und sie war verblüfft, wie gut ihm das auf einmal gelang. Das würde sie ihn auf jeden Fall fragen, wenn sie sich endlich wirklich trafen. Er war neugierig und wollte seinen befreundeten Autoren endlich mal wirklich kennenlernen. Daher hatte er sie kontaktiert und um einen Voicechat und ein Treffen gebeten. Da auch Hanna jetzt neugierig geworden war, stimmte sie zu, obwohl sie so etwas sonst nicht tat.

Beim Voicechat war er sichtlich überrascht, dass Der zynische Weltverbesserer eine Frau war. Er wollte unbedingt mehr über sie erfahren und machte einen Termin aus, um sie zu besuchen. Hanna fand ihn zwar etwas übereuphorisch und wohl auch exzentrisch, dennoch war sie ebenfalls gespannt. Heute wollte er vorbeikommen und sie freute sich schon. Noch zwei Stunden, bis er da war. Sie fing an zu kochen und überlegte, wie es werden würde. Sie konnte es kaum abwarten, ihn endlich zu begrüßen.

Mann, bin ich aufgeregt. Ich bin echt neugierig, wie sie aussieht, dachte sich Daniel auf dem Weg zu Hannas Wohnung. Er hatte so lange nicht einmal gewusst, dass Der zynische Weltverbesserer in Wahrheit eine Frau war.

„Das ist irgendwie paradox. Ich wusste echt gar nichts über sie. Dabei dachte ich doch schon immer, jemanden gefunden zu haben, der mich versteht. Ich sah in ihr einen Freund und wusste nichtmal, dass sie eine Frau ist. Das Internet kann wohl wirklich nicht alles ersetzen“, murmelte Daniel vor sich hin.

Er war bald bei ihr und dachte ständig darüber nach, wie unpersönlich ihr Verhältnis zueinander bisher gewesen war. Dabei sah er in ihr einen Freund, dessen Meinung ihm wichtig war. Aber wie sehr konnte es Freundschaft sein, wenn man sich nicht einmal kannte. Aber das würde sich ändern, jetzt konnten sie sich endlich kennenlernen. Dann stand er vor Ihrer Tür und klingelte. Die Vorfreude in Daniel steigerte sich und die Tür wurde geöffnet. Jetzt stand sie vor ihm.

„Hallo Daniel, schön, dich endlich mal zu treffen. Komm doch rein!“

Daniel war ein wenig perplex. Er hatte sich so unzählige Dinge ausgemalt, wie sie wohl aussah, und seine Phantasie war mit ihm durchgegangen, was für eine umwerfende Schönheit sie ist. Aber tatsächlich stand einfach nur eine normale Frau vor ihm, kein Topmodel. Sicher, sie sah auch nicht schlecht aus, sie war schlank, brünett und hatte blaue Augen, aber sie war niemand, der sich optisch groß abhob von anderen Menschen. Er verstand, dass er sich wohl etwas voreilig ein Bild von ihr gemacht hatte und wohl auch recht obsessive Gedanken besaß. Das tat ihm etwas leid und nach einem kurzen, peinlichen Augenblick des Wartens antwortete er ihr.

„Hi Hanna, es freut mich, dich kennenzulernen. Ich habe mir diesen Moment so oft vorgestellt und war kurz überwältigt, deshalb sorry für meine langsame Reaktion.“

„Ist schon gut, komm einfach rein!“

Daniel folgte ihr in die Wohnung, wo sie ihn kurz herumführte. Dann begaben sie sich in die Küche, in der das Essen so gut wie fertig war. Er setzte sich an den Esstisch und sie brachte die zubereiteten Speisen samt einem Wein. Sie aßen gemütlich zusammen, tranken etwas und sprachen über ihre Leidenschaft zum Schreiben. Als sie mit dem Essen fertig waren, fragte sie, ob sie sich einen Film anschauen wollten.

„Klingt gut, was schwebt dir denn so vor?“

„Wie wäre es mit It Follows? Ist ein ziemlich guter Horrorfilm.“

„Das gefällt mir, ich wollte den schon länger sehen, kam aber noch nicht dazu.“

„Wunderbar, dann schmeiß ich gleich mal die DVD rein.“

Beide gingen in die Stube und Hanna schob den Film in den DVD-Player. Daniel gefiel der Film, in dem ein Mädchen von einem Wesen verfolgt wurde, das seine Gestalt wandeln konnte. Der Fluch traf sie, nachdem sie mit ihrem Freund Sex hatte, der zuvor verflucht wurde, und das Wesen verfolgte sie so lange, bis es sie bekam oder sie mit jemand anderem Sex hatte, den es verfolgen konnte. Sehen konnten es nur die, die vom Fluch betroffen waren, für alle anderen war es unsichtbar. Zum Glück folgte es nur in Schrittgeschwindigkeit, aber es war schwer, das Ding loszuwerden. Er hatte schon gehört, dass der Film eine Allegorie auf Geschlechtskrankheiten war, welche einen ebenfalls immer wieder verfolgten. War irgendwie passend, dachte er.

Nach dem Film redeten sie noch etwas und dann machte er sich wieder auf den Weg nach Hause, an der Tür verabschiedeten sie sich noch.

„Das sollten wir mal wiederholen“, sagte Hanna.

„Absolut, vielleicht nenne ich dir sogar das Geheimnis meines Erfolgs.“

„Haha, super, dann werde ich ebenfalls eine große Autorin.“

„Ganz bestimmt, Tschüss, bis zum nächsten Mal.

„Bis zum nächsten Mal. Tschüss.“

Daniel machte sich zufrieden auf den Heimweg. Sie war nicht das Topmodel, welches er sich ausgemalt hatte, aber ihm gefiel ihre Art. Er war fasziniert von ihren Interessen und ihren Fähigkeiten als Autorin, auch wenn sie damit noch keinen Erfolg hatte. Vielleicht kann ja Byraq'Nul noch etwas nachhelfen. Apropos, ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen, wo ist er?, ging es Daniel durch den Kopf, als er wieder zuhause war.

„Hattest du einen schönen Abend, Daniel?“, hörte er auf einmal Byraq'Nuls Stimme.

„Wenn man vom Teufel spricht. Ich habe gerade an dich gedacht.“

„Das trifft sich gut, ich habe nämlich eine Aufgabe für dich.“

„Eine Aufgabe?“

„Ja, du sollst ein Verdammungsmärchen schreiben.“

„Ein Verdammungsmärchen? Was ist ein Verdammungsmärchen?“

„Das ist ein Teil unseres Vertrags. Du wirst über eine bedeutende Person schreiben, und zwar, wie sie stirbt oder zumindest in ihr absolutes Unglück fällt, und du sollst es kreativ machen.“

„Warum soll ich denn das machen?“

„Diese Geschichte wird die Schönheit des Niedergangs widerspiegeln. Tatsächlich wird die Menschen, über die du schreibst, dieses Unglück treffen.“

„Es wird die Menschen treffen, aber das kann ich doch nicht machen. Wieso verlangst du so etwas Grausames von mir?“

„Ich hatte dich vorgewarnt, dass der Erfolg seinen Preis hat. Aber du musst dir nicht zu viele Gedanken machen, genau solche Geschichten machen Menschen wahrhaft unsterblich. Erinnere dich an bedeutende Sagen, wie die von Troja, oder echte Geschichten wie die von Johanna von Orleans oder Pompeji. Jeder erinnert sich daran, gerade weil sie so tragisch enden. Das Ende ist Teil allen Lebens, jeder stirbt irgendwann. Was aber nicht jedem zuteil wird, ist ein bedeutsames Leben mit einem bedeutsamen Ende. Dieses Privileg erhalten nur wenige.“

„Das soll ein Privileg sein?“

„Natürlich, erst in einer wahren Tragödie erkennen die Menschen wirklich den Wert des Lebens. Jeder hat nur eins und nicht jeder macht etwas Bedeutendes daraus. Wenn besondere Menschen sterben, merkt jeder erst, welcher Verlust der Tod dieser Personen ist. Jeder erkennt an, dass alles, was die Person getan hat, wahrhaftig Bedeutung besaß, weil sie eben nicht unendlich viele Versuche hatte. Irgendwann ist das Leben vorbei und dann zeigt sich, was sie vollbracht hat.“

„Und wer soll diese Geschichten lesen? Wenn diese an die Allgemeinheit gelangen und die Personen genau auf die von mir beschriebene Weise starben, können sich doch die Leute denken, dass ich was damit zu tun hatte.“

„Keine Sorge, diese Geschichten werden nicht in dieser Welt veröffentlicht. Sie werden in meiner Welt die Leute erfreuen und zu Tränen rühren.“

„In deiner Welt.“

„Ja, ich bin ein spirituelles Wesen, welches in einer anderen Sphäre zuhause ist. Zu uns kommen die Seelen der Toten, welche darauf warten, irgendwann wiedergeboren zu werden, oder sich komplett in eine andere Sphäre einzufügen. Also ist es praktisch das Jenseits, wo ich herkomme. Natürlich gibt es neben mir noch weitere Wesen, welche die Toten bewachen. Du erfreust sowohl die Seelen der Gestorbenen als auch uns Hüter mit deiner Kunst.“

Daniel schwieg kurz. Er musste das erstmal alles verdauen, aber er ahnte schon, es gab keinen Weg daran vorbei. Er musste seinen Verpflichtungen nachkommen und, um ehrlich zu sein, empfand er sogar etwas Aufregung und Vorfreude. Er würde es sein, der wichtige Personen unsterblich machte, Irgendwie machte es ihn stolz, auch wenn er wusste, dass dieses Gefühl sehr düster und morbide war.

„Ich verstehe, Byraq'Nul, ich werde meinen Verpflichtungen nachkommen und diese Welt mit meinen Geschichten mitformen.“

„Sehr gut, das wollte ich hören, Daniel.“

Kapitel 3: Die Kunst des Niedergangs

Vier Tage war es nun her, dass Daniel bei Hanna war. Sie machte sich so ihre Gedanken über ihn. Es war irgendwie merkwürdig, er hatte sich bemüht, normal zu sein, aber sie hatte gemerkt, dass es gespielt war. Sie war einfach nur neugierig gewesen und wollte höflich sein, aber sie spürte immer, dass er mehr wollte. Sie merkte, dass er durchaus obsessive Verhaltensweisen an den Tag legte. Vor allem nach dem Treffen. Er hatte an den darauffolgenden Tagen Chatnachrichten geschickt, wie toll ihr Treffen war und dass er sie gern wiedersehen würde. Er wollte ihr auch unbedingt helfen, berühmt zu werden.

Sie bekam mittlerweile etwas Angst und dachte sich, hoffentlich habe ich jetzt keinen Stalker. Er berichtete zwar nur davon, dass er sie genauer kennenlernen wolle, weil Freunde das tun und das er sich einfach nur freute, eine Verwandte im Geiste zu besitzen, aber ganz glauben wollte sie ihm nicht. Vielleicht war er wirklich nur jemand, der Aufmerksamkeit brauchte und einfach keine Freunde hatte, aber vielleicht hatte er auch eine krankhafte Obsession von ihr; sie war sich nicht sicher.

Jedenfalls hatte sie ihn gebeten, ihr ein paar Tage zu geben, um für sich selbst zu sein. Sie brauchte Ruhe und konnte nicht ständig antworten. Er hatte zugestimmt und sie hoffte, dass er sich daran halten würde.

„Verflucht, ich hoffe, ich habe sie nicht verschreckt. Ich bin kein Stalker, aber ich muss stillhalten, damit sie das auch versteht. Nur brauche ich jetzt dringend einen Freund.“

Daniel lief in seinem Wohnzimmer auf und ab. Er musste das Verdammungsmärchen schreiben, und das stresste ihn. Er konnte jetzt einen Seelenverwandten gebrauchen, welcher ihm zusprach. Sie musste ihn nicht lieben, er brauchte wirklich nur einen Freund bzw. eine Freundin. Er war sowieso ständig allein, was ihn fertigmachte. Auch der neue Erfolg als Autor hatte ihm nicht geholfen, wirklich Freunde zu finden. Jetzt war er im Begriff, ein Leben zu zerstören, der Vertrag verlangte das von ihm, und Byraq'Nul war auch gut darin, ihn zu überzeugen, damit die Leute unsterblich zu machen, aber es war dennoch ein gewaltiger Schritt.

„Nun, andererseits hätte ich ihr eh nie die Wahrheit erzählen können“, tröstete er sich selbst. Allerdings hätte er zumindest gern jemanden gehabt, mit dem er unverfänglich über schwere Entscheidungen hätte reden können. Irgendwas wäre ihm schon eingefallen, aber nun war er allein mit seiner Pflicht und er hatte Angst.

Byraq'Nul hatte ihn eingewiesen, er teilte ihm mit, dass alle seine Künstler in ihrem Metier eine Kunst des Niedergangs durchführten. Autoren schrieben Verdammungsmärchen; Skulpteure, Maler, Darsteller, Musiker bekamen ihre eigenen Mittel, so ein Kunstwerk zu schaffen. Nun war er an der Reihe und Byraq'Nul gab ihm mit: desto tragischer das Ereignis, desto unvergesslicher die Person dahinter.

Daniel überlegte und überlegte. Wen konnte er nehmen, und was sollte der Person widerfahren? Die Suche nach einem Opfer und dem passenden Ende machte ihn fertig. Es war, als würde er den Verstand verlieren, so etwas zu tun, nur dass er wirklich von einer höheren Macht bedroht wurde. Da kam ihm eine Idee. Er erinnerte sich an eine Frau aus den Nachrichten. Cheryl Johnson war ihr Name und sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen über Geisteskrankheiten aufzuklären in Regionen, wo man dachte, Geisteskranke wären von Dämonen besessen.

Tatsächlich verhielt es sich so, dass sie selbst unter Schizophrenie litt und regelmäßig Medikamente dagegen nahm. Sie hatte Psychologie studiert, um anderen Menschen mit psychischen Erkrankungen zu helfen, und ihr war es ein Anliegen aufzuzeigen, dass auch solche Erkrankungen Teil der Gesellschaft waren. Sie hatte sich betrübt gezeigt, dass Menschen mit einem geistigen Leiden besonders gemieden wurden, obwohl so etwas genauso passieren konnte wie eine körperliche Erkrankung. Es ist nun einmal Teil der Realität, dass ein Mensch erkranken kann, nicht nur körperlich, sondern auch geistig.

Eine geistige Erkrankung sorgte leider viel zu oft dafür, dass jemand von der Gesellschaft gemieden wurde, obwohl er einfach nur ein Mensch war, der eine Behandlung benötigte, genauso wie bei einem körperlichen Leiden.

Am schlimmsten empfand es Cheryl Johnson, dass in weniger gebildeten, dafür sehr religiösen Gebieten Menschen mit einem psychischen Leiden oft als von Dämonen besessen angesehen wurden. Das gab es in Entwicklungsländern, aber auch manchmal in einigen religiösen Gemeinden in der entwickelten Welt, z.B. in den USA. Daher reiste sie viel in betroffene Gebiete, um die Menschen aufzuklären, damit Exorzismen und Verstoßungen betroffener Menschen aufhörten und diese stattdessen endlich eine Behandlung erhielten. Für ihren Kampf wurde sie ausgezeichnet und in der internationalen Presse gelobt.

Wenn ihr etwas zustößt und ihre Arbeit zunichte gemacht wird, würde das eine gute Tragödie ergeben, dachte sich Daniel. Also ersann er eine Geschichte, die sich um ihren Tod und dessen Auswirkungen drehte. Jetzt machte er sich daran, sie zu schreiben; er hatte von Byraq'Nul ein spezielles Buch und eine Schreibfeder erhalten, um die Verdammungsmärchen zu schreiben. Als er die Feder ansetzte, wurde er auf einmal in das Buch gezogen und fand sich ganz woanders wieder.

„Was ist hier los, wo bin ich?“, fragte sich Daniel selbst. Er blickte sich um, es schien eine Siedlung aus Wellblechhütten zu sein, wo er sich befand. Viel erkennen konnte er nicht, die Sonne war bereits untergegangen, aber immerhin war Vollmond, so dass er etwas ausmachen konnte.

„Sobald du ein Verdammungsmärchen beginnst, wirst du an den Ort der Geschichte gezogen und dein Geist schreibt die Geschichte“, hörte Daniel auf einmal Byraq'Nuls Stimme hinter sich. Er drehte sich erschrocken um.

„Oh, du scheinst ziemlich erschrocken zu sein, Daniel. Nun, ich kann dir sagen, du musst dir keine Sorgen machen, du beobachtest praktisch alles aus einer anderen Dimension, keiner kann dich sehen oder dir etwas tun.“

Daniel brauchte einen Moment, dann erwiderte er: „Das hättest du mir auch vorher sagen können. Ich hab mir gerade fast vor Schreck in die Hose gemacht.“

„Stimmt, tut mir leid. Manchmal vergesse ich solche Details zu erwähnen. Aber jetzt weißt du ja, was Sache ist und du kannst das Märchen schaffen, welches du ersonnen hast“, sagte Byraq'Nul und verschwand plötzlich wieder.

Na super! Ich hoffe, dass er nicht mehr solcher Überraschungen auf Lager hat, ging es Daniel durch den Kopf, bevor er sich wieder dem Märchen widmete.

Er war schon erstaunt, hier zu sein; er hatte gehört, dass Cheryl Johnson sich derzeit in Nigeria aufhielt für ihre Aufklärungsarbeit. Daher ergab auch dieser Slum aus Wellblechhütten einen Sinn. Er empfand es aber auch als zusätzliche Belastung, dass er wohl zusehen musste, wie das Unglück über sie hereinbrach. Es nützte nichts, er hatte eine Verpflichtung, der er nicht entkam. Er sprach sich selbst Mut zu, indem er an Byraq'Nuls Worte dachte, dass seine Opfer durch diese Tragödien wahrhaft unsterblich werden würden.

Er machte sich auf die Suche nach ihr und beschwor geistig einige dämonische Wesen hervbei. Seine Idee bestand darin, sie durch Wesen zu töten, welche eigentlich nur einem Aberglauben entstammen konnten. Dabei sollten auch Zeugen in der Umgebung sein, damit ihre Arbeit vor Ort zunichte gemacht und die Tragödie perfekt wurde. Wenn die Menschen sahen, dass ausgerechnet Dämonen ihren Tod verursachten, würde es den Aberglauben der Gemeinde nur stärken, statt ihn zu bekämpfen. Nun sah er, wie die Tür einer Kirche geöffnet wurde, einige verließen sie, unter anderem Cheryl Johnson.

Cheryl verließ seufzend die Kirche. Es war eine Sisyphusaufgabe, die Menschen davon zu überzeugen, dass es keine Dämonen gab. Sie führte immer einen harten Kampf, vor allem mit den radikalen Predigern, welche den Aberglauben für sich nutzten in Regionen mit geringer Bildung. Häufig verdienten diese sehr gut am Zulauf ihrer Gemeinden und dem einen oder anderen Exorzismus.

Aber so frustrierend es auch war, sie würde nie aufgeben. Die Menschen, die betroffen waren, hatten eine Krankheit, welche behandelt werden musste. Noch schlimmer war: einige der Opfer waren sogar kerngesund und deren Familien suchten nur einen Vorwand, um diese auf die Straße zu setzen, weil ihnen der Unterhalt zu teuer wurde. Es traf also nicht nur Menschen mit einer psychischen Erkrankung, sondern sehr häufig auch gesunde Menschen, meist Kinder, der Vorwurf, von einem Dämon besessen zu sein.

Das war eine wirklich bittere Angelegenheit. Cheryl ging zunächst nur von geringer Bildung und religiöser Verblendung aus. Dann verstand sie, dass nur allzu oft auch wirtschaftliche Interessen ein Faktor waren. Sehr oft traf es einfach Kinder, deren Eltern starben und die zu Verwandten kamen, oder Kinder mit nur einem Elternteil, welcher neu geheiratet hatte. Viele lebten in bitterer Armut und ein Vorwand, ein unliebsames Familienmitglied loszuwerden, kam vielen nur recht. So viele Kinder wurden verstoßen und mussten fortan auf der Straße oder irgendwelchen Müllhalden um ihr Überleben kämpfen.

Cheryl zerriss es das Herz und sie wusste: auch die, die anfangs gesund waren, würden nach so einem traumatischen Erlebnis eigentlich eine psychotherapeutische Behandlung brauchen. In ihr stieg regelmäßig die Wut auf, wenn sie immer wieder aufs Neue mit Aberglauben und im Prinzip auch Rücksichtslosigkeit konfrontiert wurde. Wie sehr sie auch kämpfte, es gab immer viele, die sich gegen die Aufklärung wehrten. Auch dieses Mal gab es eine hitzige Diskussion. In der Kirche, welche auch als Gemeindezentrum genutzt wurde, hatte sie einen wirklich harten verbalen Schlagabtausch hinter sich gebracht. Immerhin hatte sie das Gefühl, einige der Anwesenden nachdenklich gestimmt zu haben, aber viele würden nach wie vor darauf beharren, dass unliebsame Verwandte von Dämonen besessen seien. Es war traurig, aber sie konnte einfach nicht jeden erreichen.

Sie war tief in Gedanken versunken, während sie auf dem Weg zu ihrer Unterkunft war, als sie plötzlich etwas aufschreckte. Vor ihr erhoben sich auf einmal einige rotleuchtende Schemen aus dem Boden.

„Du hast uns verleugnet, dafür werden wir dich bestrafen!“, wurde Cheryl von einem der Wesen auf englisch angesprochen.

Sie war erstmal total perplex. Was war das? Hatte sie vergessen, ihre Medikamente zu nehmen? Schnell nahm sie mit zittrigen Händen eine Dose mit Pillen aus ihrer Hosentasche. Diese hatte sie für alle Fälle immer dabei. Sie warf zwei Pillen ein und hoffte, dass die Schemen gleich verschwanden. Doch das Wesen sprach wieder.

„Du hast uns verleugnet, deiner Strafe entkommst du nicht.“

Sie war starr vor Angst und blickte sich um. Einige Passanten um sie waren da, die die Wesen auch sehen konnten, zumindest hatte es den Anschein. Konnte das sein, gab es etwa doch Dämonen? Cheryl schüttelte den Kopf, es musste eine Wahnvorstellung sein, so etwas konnte es nicht geben und sie hatte Schizophrenie. Ihre Pillen wirkten vielleicht nicht mehr, dass musste es sein, ihr Gehirn entwickelte eine Resistenz gegen die Pillen.

Während sie sich ihre Gedanken machte, fuhren die Wesen in einige der umstehen Passanten ein. Diese bekamen urplötzlich rotglühende Augen. Die besetzten Passanten starten sie nun an. Obwohl Cheryl nicht an das Übernatürliche glaubte, fing sie an zu rennen, jetzt übernahm ihr Instinkt. Prompt liefen ihr die Besessenen hinterher. Sie rannte durch die engen Wege zwischen den Häusern. Sie mühte sich, alle abzuschütteln, aber sie konnte sie die ganze Zeit hinter sich hören.

Immer wieder wechselte sie die Richtung, in der Hoffnung, ihre Verfolger doch noch abzuschütteln, aber was sie auch tat, sie blieben ihr auf der Spur. Plötzlich erschrak sie und kam ins Schlittern, als sie abbremste. Ihre Verfolger hatten ihr den Weg abgeschnitten, nun war sie eingekreist. Langsam näherten sie sich ihr.

„Bitte lasst mich in Ruhe, ich habe doch niemanden etwas getan.“

„Cheryl Johnson, du hast uns verleugnet, nun wirst du den Preis dafür zahlen“, vernahm sie aus mehren Kehlen. Alle Verfolger sprachen simultan zu ihr.

Verzweifelt blickte sie sich um, hoffte doch noch eine Lücke zu finden, aber es gab keine. Nun waren alle nah genug heran, um sie zu berühren. Sie stürzten sich auf sie und die Dämonen fuhren von den Besessenen in sie ein. Sie schrie verzweifelt und vor Schmerzen. Die Wesen fingen an, sie von innen heraus zu zerfetzen. Verzweifelt rief sie nach Hilfe, aber es kam keine. Aus einiger Entfernung erkannte sie einige erschrockene Zuschauer, die zu verängstigt waren, um einzugreifen. Dann zerfetzte es ihren Körper und sie hatte es endlich hinter sich.

Daniel war bei der Geschichte wie erstarrt. Er konnte kaum glauben, dass er dafür verantwortlich war, dennoch war es so. Plötzlich wurde er wieder in seine Wohnung gezogen, vor ihm war das Buch, welches Byraq'Nul ihm gegeben hatte, und nun stand da die Geschichte, welche er gerade erst erschaffen hatte. Sie war in blutroten Buchstaben auf dem Papier in seiner Handschrift verfasst. Obwohl er nicht wirklich etwas geschrieben hatte, sondern sein Geist die Geschichte schuf, erkannte er seine Handschrift. Plötzlich erschien Byraq'Nul.

„Sehr gut Daniel! Jetzt haben wir dein erstes Verdammungsmärchen, ich habe es in meiner Welt vorgetragen und die Geschichte fand viel Anklang. Sehr schön auch, dass du die Auswirkungen dieser Tat mit einbezogen hast, die Tragödie wird damit nur umso größer, ein wahres Meisterwerk.“

Daniel schwieg einfach nur, er hatte es noch nicht verarbeitet.

Kapitel 4: Daniels Obsession

Daniel fühlte mittlerweile kaum noch etwas. Zwei Monate war Cheryl Johnsons Tod nun her. Ihr Ende hatte, wie von ihm beabsichtigt, dafür Sorge getragen, dass ihre Bemühungen ebenfalls zunichte gemacht worden waren. Viele, die sie in Nigeria überzeugt oder zumindest nachdenklich gestimmt hatte, waren nun wieder fest vom Aberglauben über besessene Menschen überzeugt.

Offiziell hieß es, habe ein wütender Mob sie ermordet, der so brutal vorging, dass sie regelrecht zerfetzt wurde. Die Menschen, die dank Daniel zu Besessenen wurden, waren ebenfalls tot. Die Bewohner vor Ort lynchten alle, da sie Angst vor ihnen hatten, glaubten sie doch, alle seien noch besessen. 30 weitere Männer und Frauen waren es, die somit auch auf Daniels Konto gingen. Byraq'Nul beglückwünschte ihn für die Tragweite der Geschichte.

Cheryl Johnson wurde hingegen in den Medien tatsächlich für ihre Leistungen und ihren Mut geehrt. Es gab einen Nachruf, welcher ein großes Echo erzeugte, und ihre Geschichte wurde weit verbreitet in der Welt. Ja, in gewisser Weise hatte Daniel sie tatsächlich unsterblich gemacht; diese Tragödie würden sich die Menschen merken.

Seit dieser Gräueltat hatte er sogar noch zwei weitere Verdammungsmärchen geschaffen. Er musste seinen Verpflichtungen nachkommen und dies tat er auch. Jetzt war er soweit, dass er total abstumpfte. Sein Verstand schaltete gewissermaßen ab, damit er nicht wirklich begriff, was er da eigentlich tat. Im Prinzip war es zu viel für ihn, auch wenn sich jetzt eine gewisse Gewöhnung einstellte. Aber etwas brachte Daniel immer noch regelmäßig aus der Ruhe. Hanna wollte, das er sie in Ruhe lässt.

Er hatte einige Male noch versucht, wieder Kontakt mit ihr aufzunehmen. Ihm war wichtig mitzuteilen, dass er nur befreundet sein wollte, er fühlte sich einsam und brauchte jemanden wie ihn selbst, jemanden, der ihn verstand. Hanna teilte ihm dann mit, dass er sich ziemlich gruselig verhielt, so sehr, wie er sie belagerte, und dass sie sehr unterschiedlich seien, daher könne sie ihm nicht helfen. Daniel war manchmal einem Nervenzusammenbruch nahe, wenn er an Hanna dachte. Er wollte nur mit einem anderen Autoren zu tun haben und sie hatten doch einiges gemeinsam, wollte sie das denn nicht sehen?

Daniel wollte so dringend mit jemanden über sein Schicksal reden. Er merkte jetzt mehr denn je, dass er eigentlich keine Freunde hatte und dass es auch schwer war für ihn, Freunde zu finden. Selbst seit seinem Durchbruch als Autor wurde das nicht besser, jetzt kamen nur Leute, die etwas von seinem Ruhm und seinem Geld haben wollten. Er vermisste die Zeiten, als er Hanna nur als zynischen Weltverbesserer kannte. Damals hatte er wenigstens das Gefühl gehabt, mit jemanden befreundet zu sein. Jetzt war ihm klar, wie einsam er eigentlich war. Das schmerzte so sehr, vor allem, wo er jetzt diese schlimmen Dinge tun musste und niemanden hatte, mit dem er reden konnte. Selbst wenn er nicht die Wahrheit sagen konnte, wünschte er sich einfach jemanden, dem er zumindest erzählen konnte, dass ihn etwas belastete.

So sehr er wollte, er kam nicht von Hanna los. Sie kannte ihn vermutlich am besten, wusste, was in der Seele eines Autoren vorging, wusste, was ihn als Autor bewegte. Es ließ ihn erst verzweifeln und dann machte es ihn wütend. Vielleicht muss sie meine Lage erleben. Was ist, wenn sie auch Byraq'Nuls Handel abschließt? Ich kann ihn fragen, ob er auch zwei Künstler fördert, aber zunächst muss ich ihr die Bedeutung dessen klar machen, dachte Daniel.

Wie konnte er das erreichen? Sie musste verstehen, dass der Niedergang großer Menschen diese erst unsterblich machte. Erst beim tragischen Verlust einer wichtigen Person verstand man, was man wirklich verlor, wenn diese nicht mehr da war. Ich muss jemanden finden, den sie besonders bewundert und dessen Verlust sie erlebt. Wenn er weg ist und durch seinen Nachruf unsterblich wird, dann wird sie mich verstehen, durchfuhr es Daniels Gedankenwelt.

Er überlegte, wer in Frage kam. Hatte sie einmal jemanden erwähnt, den sie toll fand? Er machte sich seine Gedanken, während er sich informierte, was auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse geplant war. Dieses Mal würde er endlich auch einen Stand haben. Seine Bücher waren erfolgreich und so einen Auftritt hatte er sich schon lange gewünscht. Als er die Liste der Autoren sah, welche Signierstunden abhielten, fiel ihm ein Name auf. Harold Cole, ein international erfolgreicher Schriftsteller, von dem Hanna früher in höchsten Tönen gesprochen hatte. Damals, als sie sich nur online kannten und noch gar nicht begegnet waren.

Vielleicht will ja auch Hanna ein Autogramm von ihm. Jedenfalls werde ich mit einer Geschichte dafür sorgen, dass sie auch da ist und dass sie erlebt, wie er durch eine Tragödie unsterblich wird, fing Daniel an, in seinen Gedanken Pläne zu schmieden. Er hatte jetzt eine Idee, was zu tun war, und setzte sich daran, diese auszuarbeiten. Bald würde es ein weiteres Verdammungsmärchen geben.

Heute war endlich der Tag gekommen. Daniel freute sich das erste Mal darauf, ein Verdammungsmärchen zu schaffen. Es würde eine Bindung zwischen ihm und Hanna schaffen, dessen war er sich sicher. Aber er brauchte für alles weitere noch Unterstützung, damit sie wirklich verstand, um was es ging.

„Byraq'Nul, bist du da?“, fragte Daniel frei heraus. Er war gerade allein, in einem bereitgestellten Privatraum.

„Ja, Daniel, wie kann ich dir helfen?“, kam die Antwort und die schemenhafte Gestalt Byraq'Nuls erschien vor ihm.

„Du weißt, ich plane ein weiteres Verdammungsmärchen, aber diesmal ist es mehr. Ich möchte, dass Hanna versteht, was ich mache; ich will, dass sie selbst eine Chance bekommt, Teil des Ganzen zu werden.“

„Du willst also, dass ich zwei Personen fördere. Deswegen hast du das Verdammungsmärchen auch schon begonnen, aber erstmal abgebrochen. Du wolltest sichergehen, dass sie kommt.“

„Ja.“

„Ungewöhnlich, aber ja, das habe ich ein paarmal gemacht in all den Jahrtausenden. Aber bist du sicher, dass sie es möchte?“

„Wenn wir es gut erklären, wird sie verstehen, wie wichtig diese Arbeit ist. Ich bin überzeugt, wir können sie auf unsere Seite holen.“

„Gut, wie du willst. Sei dir aber bewusst: falls sie nicht möchte, sollte sie besser keinen Ärger machen, ansonsten wirst du dich um sie kümmern müssen. Schon beim kleinsten Anzeichen müssen wir einschreiten und eines deiner Märchen wird sich mit ihr beschäftigen.“

„Ich verstehe. Wir werden nicht scheitern.“

„Da bist du dir aber sehr sicher. Nun gut, ich bin dann mal gespannt, wie du Harold Cole verdammst. Hast du dir etwas Besonderes ausgedacht, dass du sie als Zeugin mit hineinschreibst?“

„Er ist ein Autor, der sowohl Dark Fantasy-Geschichten als auch gesellschaftskritische SciFi-Romane schreibt. Eine Story, die sie mag, verwebt das ein wenig abgedreht. Dort werde ich ansetzen.“

„Dann bin ich mal gespannt, wie es wird.“

Hanna war auf der Buchmesse und hielt Ausschau nach dem Signierstand von Harold Cole. Erst wollte sie nicht kommen; immerhin war auch Daniel vor Ort, und der wurde ihr unheimlicher und unheimlicher. Früher konnte sie ihn gut leiden, aber er war so obsessiv, suchte zu oft ihre Aufmerksamkeit und wirkte auch manchmal wie im Wahn. Wochenlang hatte er sie mehrmals täglich angeschrieben und wollte eine Aussprache, da sie ja keinen Kontakt mehr wollte. Es war ihr aber zu anstrengend und zuletzt eben auch zu unheimlich. Sie hatte regelrecht Angst, dass er zum Stalker wurde. Dafür sprach nun einmal die Aufdringlichkeit seiner Nachrichten, die oft mit Nachdruck formuliert waren, sich wieder zu treffen und auszusprechen.

Dennoch war sie auf der Messe, irgendwie hatte sie ein unheimliches Verlangen nach dem Autogramm ihres Lieblingsautors. Außerdem hatte er sich in den letzten zwei Wochen nicht mehr gemeldet, das beruhigte sie etwas. Es war sowieso seltsam, dass er nicht merkte, wie oft er sie angeschrieben hatte und wie sehr er sie zuletzt belästigte. Irgendwie schien er den Sinn dafür verloren zu haben, zumindest bis vor zwei Wochen, aber jetzt hatte sie wieder ihre Ruhe.

Vermutlich war er einfach ein Stück von der Realität abgedriftet und verstand jetzt wieder etwas mehr, was um ihn herum geschah. Jedenfalls hoffte sie das. Früher bei Discord hatten sie sich so gut verstanden. Er hatte noch nicht diese Obsession entwickelt, als er ihre Identität noch nicht kannte. Letztlich war er wohl nur ein sehr sensibler, verletzlicher Mensch ohne Freunde. Sie verstand das, aber sie musste sich auch selbst schützen. Sein aufdringliches und zuletzt schon zunehmend wahnhaftes Verhalten belastete sie einfach.

Immerhin war ja die Messehalle sehr groß, vermutlich konnte sie ihm hier sehr gut aus dem Weg gehen. Er wusste wohl nicht einmal, dass sie hier war. Also warum sollte sie sich Sorgen machen? Jetzt hatte sie auch endlich den Stand mit Harold Cole gefunden und stellte sich bei den Autogrammjägern an. Von Daniel war nichts zu sehen, was konnte also schiefgehen? Die Schlange vor ihr wurde kürzer und endlich war sie dran.

Harold signierte ihr eine Ausgabe ihres Lieblingsromans, den sie extra mitgebracht hatte. Dieser Roman von ihm hatte in ihr sogar den Wunsch geweckt, selbst Schriftstellerin zu werden, auch wenn es letztlich nur zur Hobbyautorin gereicht hatte. Sie bedankte sich und wollte gerade gehen, als auf einmal ein Knall zu hören war.

Es gab ein heilloses Durcheinander. Viele Menschen liefen in Richtung der Ausgänge, der Knall hatte die Menschen erschreckt. Jetzt sah sie auch die Überreste eines Standes, die brannten. Auf einmal fielen ihr ein paar Männer auf, die sich Harolds Stand näherten.

„So, Harold, schön, dich kennenzulernen. Bist du nicht das Kommunistenschwein, das meint, wir wären in Wahrheit Dämonen?“, sagte einer der Männer auf englisch.

Hanna war wie erstarrt, sie erkannte nun, dass einer von ihnen wohl einen Granatwerfer hielt, die Anderen trugen Sturmgewehre. Verflucht! Was ist hier los, wie konnten Bewaffnete hier reinkommen, gibt es keine Kontrollen?“, dachte Hanna zitternd. Sie verfolgte, wie sich die Bewaffneten näherten. Plötzlich übernahmen bei ihr die Instinkte und sie rannte weg. Vor sich erkannte sie nun Harold, der ebenfalls das Weite suchte, beide liefen geduckt und versuchten stetig, hinter sich die Buchstände zu haben, während sie liefen.

„Das feige Kommunistenschwein will wegrennen, lasst ihn nicht entkommen!“, hörte Hanna einen der Terroristen auf englisch schreien.

Plötzlich hörten sie Schüsse hinter sich und vernahmen das Einschlagen von Kugeln. Sie erreichten eine Tür, die in ein Treppenhaus führte. Schnell gingen sie hindurch und rannten hinunter. Sie hofften einen Ausgang zu finden. Sie gelangten in einen Keller und schauten sich nach einem Ausgang um. Plötzlich sah Hanna das Zeichen für den Notausgang und sie liefen in die entsprechende Richtung. Als sie hindurchgehen wollten, stand der Terrorist mit dem Granatwerfer vor ihnen. Sie rannten schnell wieder hinein, keinen Moment zu früh, denn eine Granate schlug in die Tür ein und zerstörte diese. Teile der Decke fielen herab und verschütteten den Ausgang.

„Verflucht, er hat uns wohl den Weg abgeschnitten“, wurde Hanna auf englisch angesprochen. Harold hatte sich mit zittriger Stimme an sie gewandt.

„Wir sollten einen anderen Ausgang suchen“, antwortete sie ihm.

Beide suchten verzweifelt nach einer weiteren Tür oder einem Fenster nach draußen, als sie hörten, wie sich die Terroristen näherten. Schnell gingen sie in eine kleine Kammer mit Putzmitteln. Hanna schloss die Tür hinter sich und nahm einen Besenstiel, welcher an einer Wand lehnte, um damit den Türgriff zu verkeilen. Kurz danach hörten sie, wie an der Tür gerüttelt wurde, aber sie blieb zu. Dann gab es Maschinengewehrfeuer, aber die Tür war aus massivem Stahl und hielt. Danach wurde es erstmal still.

„Warum sind Sie eigentlich zusammen mit mir geflüchtet, suchen diese Verbrecher sie etwa auch?“, fragte Harold Hanna.

„Nein, es war einfach nur Zufall, ich bin irgendwann instinktiv geflohen, wer täte das nicht? Zufällig bin ich dann hinter ihnen gewesen.“

„Dann hatte ich wohl noch mal Glück gehabt. Sie waren sehr gedankenschnell, ohne sie hätten die mich bereits erwischt. Wie schnell sie die Lage erfasst haben, ist wirklich erstaunlich.“

„Danke, aber wir sollten uns noch nicht zu früh freuen, noch sitzen wir fest. Immerhin hält die Tür und wir können auf Hilfe warten.“

„Ist dem so? Ich wäre mir da nicht so sicher“, hörten sie auf einmal eine Stimme.

Sie blickten zur Tür und ein rotleuchtender Schemen war dort zu erkennen. Beide waren vollkommen perplex; was konnte das nur sein? Sie waren zu überrascht, um zu reagieren, sie hatten sogar zunächst keine Angst, so überrascht waren sie. Der Schemen bewegte sich dann durch die geschlossene Tür nach draußen, als wäre sie nur aus Luft. Man hörte draußen kurz Schreie und dann ein Ächzen aus mehreren Kehlen.

Auf einmal wurde die Tür aus den Angeln gerissen. Die Terroristen standen dort mit rot glühenden Augen und es wirkte, als wenn langsam ihre Muskeln wuchsen. Beide schauten einfach nur entsetzt auf das Schauspiel, welches sich ihnen bot.

„Harold, Harold, warum denn so erschrocken? Du siehst aus, als hättest du Geister gesehen! Hattest du nicht in deinem Roman „Braune Dämonen“ geschrieben, dass wir Patrioten eigentlich Teufel sind?“, sagte einer aus der Gruppe.

Hanna konnte es nicht fassen, „Braune Dämonen“ war ihr Lieblingsbuch von Harold Cole. Dort wurde eine dystopische Zukunft beschrieben, in der zunächst der Lebensstandard für die Allgemeinheit kollabierte. Infolgedessen folgten viele Menschen Demagogen. Einer davon war ein Teufel, der sich dem Rassismus und Faschismus verschrieben hatte. Er hatte schon einst versucht, mit Hitler seine Macht auszubauen, bis der dann doch gestoppt wurde. Als dann aber später die Rechtsradikalen immer stärker wurden in den USA, sah er seine erneute Chance. Er ging es erst langsamer an, bevor er einen Krieg startete. Als das braune Gedankengut stark genug wurde durch seine enorme Anhängerschaft, hatte er hinreichend Macht, um ihre innere Finsternis zu beschwören und sie zu Dämonen zu machen. Daraufhin startete er den dritten Weltkrieg.

Sie fragte sich, wie das sein konnte. Sie schienen sich wirklich in Dämonen zu verwandeln, dabei war es doch nur eine Geschichte. Es war nur eine Fantasygeschichte, welche eine gewisse Kritik und Satire gegenüber dem rechten politischen Lager und radikalen Predigern, die diese unterstützten, verkörperte.

Plötzlich bekamen die Männer tatsächlich eine dämonische Gestalt und sie fielen über Harold her. Hanna sah, wie er auseinandergerissen wurde. Sie hielt es nicht mehr aus und rannte aus dem Raum, dann vernahm sie ein Grollen hinter sich. Als sie sich umdrehte, sah sie, dass die Decke des Raums eingestürzt war und alles unter sich darin begraben hatte. Wie konnte das passieren, fragte sich Hanna.

Sie war traumatisiert und konnte nicht verarbeiten, was sie gerade gesehen hatte. Ohne bewusst darüber nachzudenken, ging sie in Richtung Treppenhaus. Als sie es betrat, veränderte sich die Umgebung. Nun war sie einer anderen Art Treppenhaus, welches aussah, als wäre es aus einem Alptraum. Überall gab es Treppen, die kreuz und quer gingen wie in einem Bild von M.C. Escher, einige sogar überkopf. Keine davon hatte ein Geländer. Es sah nach einem Treppenlabyrinth aus. Die Treppen selbst leuchteten weiß, was auch die einzige Lichtquelle war, die Umgebung war ansonsten pechschwarz. Sie drehte sich um, um wieder zurückzugehen, aber die Tür war verschwunden.

Sie stand nun auf einem Vorsprung, von dem aus mehrere Treppen abgingen. Die Fläche, auf der sie stand, war recht groß und es gingen wirklich viele Treppen hiervon ab. Sie wusste nicht, wohin sie sich orientieren sollte. Sie fragte sich, ob sie unter Wahnvorstellungen litt und sich alles nur einbildete. So etwas konnte doch nicht sein, was war hier los? Die Situation überforderte sie immer mehr. Hanna erlitt einen Nervenzusammenbruch. Sie ging in die Hocke, hielt sich den Kopf und weinte.

„Was soll ich nur machen? Was ist das hier? Bin ich etwa in der Hölle gelandet?“, fragte sich Hanna verzweifelt.

„Aber nicht doch, das ist hier nur eine Geschichte und ich kann dir den Weg nach draußen zeigen“, erklang auf einmal Daniels Stimme.

Vor ihr wuchs Daniel Weigert aus dem Boden. Er lächelte merkwürdig und wirkte jetzt so unheimlich wie noch nie.

„Du wurdest Zeuge eines Verdammungsmärchens.“

„Eines Verdammungsmärchens?“

„Ja, eines Verdammungsmärchens.“

„Was soll das sein?“, fragte sie mit zitternder Stimme.

„Eine Geschichte, bei der eine Person verdammt wird und dennoch - oder gerade deshalb - Unsterblichkeit erlangt.“

„Was?“

„Byraq'Nul, vielleicht übernimmst du besser die Erklärung.“

Auf einmal erschien neben ihm eine schemenhafte Gestalt, die aussah, als bestünde sie aus Rauch.

„Gut, dann übernehme ich. Daniel hat mit mir einen Pakt geschlossen, damit er endlich die Aufmerksamkeit erhält, die er für seine Geschichten verdient. Aber dies hat einen Preis. Er ist verpflichtet, der Kunst zu dienen, so gut es nur möglich ist. Dabei kann er nicht ausschließlich fiktive Geschichten schaffen. Die Tragödien des wahren Lebens sind die wahrhaftigste Kunst, die Kunst des Niedergangs! Daher muss er Geschichten über reale Menschen schreiben und sie damit verdammen. In diesen Momenten, kurz vor ihrem Ende, flackert die Lebenskraft aller Menschen noch einmal auf und erblüht unfassbar schön. Dies zieht alle in ihren Bann und die gewaltige Tragödie macht die Person dann unsterblich, denn sie lebt in den Erinnerungen weiter.“

„Was soll das heißen?“

„Nun, ich habe Harold Cole getötet mit der Geschichte.“

„Was?“

„Ich habe ihn verdammt und gleichzeitig unsterblich gemacht. Seine Geschichte wird als große Tragödie eingehen in die Weltgeschichte und das Verdammungsmärchen wird tatsächlich auch im Jenseits vorgetragen, wo er ebenfalls Berühmtheit erlangt.“

„Wie konntest du nur?“

„Hanna, ich weiß, anfangs ist es schwer, aber ich habe ihm und der Welt ein großes Geschenk gemacht. Jedes Mal, wenn so eine großartige Person geht, und dann noch so tragisch, weiß man erst, was man verloren hat. So erkennt man den Wert wahrlich großer Menschen.“

„Du bist doch wahnsinnig. Und warum erzählst du mir das alles?“

„Nun, ich will, dass auch du den Pakt eingehst. Es ist einsam, dieser Berufung nachzugehen. Ich wünsche mir jemanden, mit dem ich darüber reden kann. Außer dir habe ich keinen Menschen. Ich habe keine Verwandten mehr und ich habe auch keine Freunde. Diese Bürde allein zu tragen schmerzt.“

„Warte, dein obsessives Verhalten war deswegen! Du wolltest mich auch noch mit hineinziehen.“

„Ja, das möchte er. Du wirst endlich Erfolg haben, wenn du den Pakt schließt, und du kannst Großes vollbringen. Du wirst tolle Geschichten schreiben, Aufmerksamkeit bekommen und den Lauf der Welt mit beeinflussen. Du hilfst Leuten, aufzublühen vor ihrem Niedergang, und lässt die Gesellschaft dadurch ihren Wert erkennen“, erzählte ihr Byraq'Nul.

„Ihr wollt mir tatsächlich dieses Angebot machen?“

„Nun, Daniel hat mich darum gebeten und ich bin gewillt, dir eine Chance zu geben. Es ist nicht schwer. Du schwörst einen Eid und die Geschichten werden nur so angeflogen kommen. Du wirst dann und wann jemanden kreativ in den Abgrund führen, entweder durch den Tod oder eine andere schreckliche Tragödie, die es damit aufnehmen kann. Wenn du von einer Idee etwas mitbekommst, die dein Herz berührt, wirst du diese niederschreiben müssen, ein unwiderstehlicher Drang wird dich dazu bringen. So schlimm sind die Auflagen doch nicht und du erhältst Anerkennung, Ruhm und viel Geld.“

„Dafür musste Harold sterben, ihr seid irre, lasst mich in Ruhe!“, schrie Hanna und lief davon.

Sie nahm eine der vielen Treppen und rannte unentwegt. Nahm einige der kreuzenden Treppen und hoffte die Beiden abzuschütteln. Plötzlich erschien vor ihr wieder der Vorsprung mit Byraq'Nul und Daniel.

„Hanna, bitte, du kannst nicht fliehen“, sagte Daniel.

Sie dachte nicht daran, auf ihn zu hören. Sie nahm eine andere Treppe und rannte dieses Mal stur geradeaus, doch irgendwann kam sie wieder zu dem Vorsprung.

„Hast du es bald?“, fragte Byraq'Nul.

Sie nahm erneut eine weitere Treppe, welcher sie folgte, bis sie wieder zum Vorsprung kam. Dieses Schauspiel wiederholte sich mehrfach, bis sie sich irgendwann erschöpft auf den Boden des Vorsprungs setzte.

„Hanna, ich schuf diese Welt, in der wir gerade stehen. Bitte verstehe, nur durch diesen Pakt kommst du wieder hinaus. Byraq'Nul hat mir klargemacht, dass ich sichergehen muss, dass du keinen Ärger machst, falls du ablehnst. Deswegen habe ich Harolds Verdammungsmärchen auf diesen Bereich ausgeweitet. Wenn du nicht akzeptierst, bleibst du hier. Ich werde dir natürlich Nahrung usw. zur Verfügung stellen, aber du wirst dann zu einer Geschichte statt zu einer gefeierten Autorin.“

Sie richtete sich wieder auf und nahm diesmal keine Treppe, sondern stürzte sich über den Rand des Vorsprungs in die dunkle Tiefe. Doch ihr Sturz bremste sich langsam ab und sie landete auf einmal wieder auf dem Vorsprung. Genau wie Daniel gesagt hatte, gab es kein Entkommen.

„Lass das nicht auch noch dein Verdammungsmärchen werden! Akzeptiere den Pakt und diene der Kunst! Du erhältst tolle Ideen, Erfolg und eine Aufgabe. Ja, die Verpflichtung kann hart sein, aber man gewöhnt sich daran und du bewirkst großes damit. Zu guter Letzt musst du sonst nur eine Geschichte formen, wenn dir jemand eine Idee nennt, die dein Herz berührt. Das ist kein schlechter Deal. Willst du wirklich für immer hier bleiben?“

Hanna setzte sich hin und schnaufte ein paar Mal durch. Sie ging alles noch einmal durch in ihrem Kopf, während Daniel und Byraq'Nul warteten. Dann sprach sie Daniel an.

„Du sagst also, eine Idee, die dich berührt, musst du niederschreiben; und dass ihr durch den Niedergang einer Person die größte Kunst erschafft.

„Ja, es muss nicht unbedingt eine Person sein, ein Staat oder eine Organisation kann es auch treffen, aber doch so sieht es aus, wenn du seinen Pakt eingehst.“

„Was hältst du von der Idee? Schreibe über den Niedergang von dir und Byraq'Nul! Was könnte eine größere Tragödie sein als das? Außerdem bist du doch so einsam, zumindest sagst du es immer wieder. Das wird sich nicht ändern, aber du kannst mit einem unfassbaren Finale einen großen Abgang machen!“

Daniel seufzte und schüttelte den Kopf: „Du willst mein Angebot nicht annehmen, wie enttäuschend, aber da kann man nichts machen, du bleibst hier.“

„Nein, Daniel, ich meine es ernst. Ihr sagt, die Tragödien zeigen den Wert einer Person oder einer Gruppe, wieso sollte dann nicht der Künstler das Opfer bringen. Wenn ihr der Welt zeigt, was ihr ihr geschenkt habt und das dieses Geschenk verschwindet mit eurem Untergang, dann sieht sie doch euren Wert. Sie wird euch verfluchen und doch vermissen, denn selbst wenn sie den Frieden dadurch findet, so verliert sie doch einiges an Faszination. Sei ehrlich, Daniel, wenn du den Menschen diese Tragödie bringst und sie gleichzeitig lehren kannst, vernünftig zu werden, verliert sie doch etwas - und ihr habt die ultimative Kunst des Niedergangs geschaffen!“

Daniel schaute sie verblüfft an. Er war sprachlos und ihm kamen die Tränen. Er wusste, es war vor allem ein Versuch Hannas, ihr Schicksal abzuwenden, aber dennoch hatte sie Recht. Diese Idee hatte sein Herz berührt und er musste sie zu einer Geschichte formen. Er schaute zu Byraq'Nul hinüber und dieser nickte.

„Du bist wirklich clever; schade, dass du keinen Pakt mit mir eingehst. Ich weiß, es ist eine Finte, um dich selbst zu retten, aber die Idee ist gut. Ich bin uralt und auf der Suche nach der finalen Kunst; und ich sehe, nur der Untergang des größten Künstlers kann diese sein. Du hast auch mich mit der Idee berührt“, sagte Byraq'Nul zu Hanna.

Auf einmal veränderte sich die Umgebung. Hanna, Daniel und Byraq'Nul waren jetzt im normalen Treppenhaus der Messehalle.

„Du bist frei, Hanna. Lebe dein Leben, aber sei dir bewusst, welch großes Angebot du ausgeschlagen hast und was du und die Welt verlieren werden durch das Verdammungsmärchen, welches ich schaffe. Mein und Byraq'Nuls Niedergang wird diese Welt ihrer größten Künstler berauben und die Wertschätzung vieler Dinge wird abnehmen. Am Ende wird es hier wohl ziemlich langweilig sein. Lebewohl, dies ist das letzte Mal, dass wir uns sehen“, sprach Daniel und verschwand mit Byraq'Nul vor ihren Augen. Es war, als hätten sie sich in Luft ausgelöst.

Daniel schuf ein Märchen, in dem den Menschen klar wurde, dass es noch andere Wesen gab, die auf einer höheren Ebene existierten. Dass Tragödien häufig gefördert wurden von Byraq'Nul und seinen Künstlern und dass die Menschen erst durch Verlust den wahren Wert einer Sache oder einer Person verstanden. Am Ende wurden beide aufgehalten und ausgelöscht. Die Menschen lernten hieraus und verhielten sich vernünftiger. Jahrhundertelang kam es deutlich seltener zu Gräueltaten und anderen menschengemachten Tragödien. Doch die Menschheit hatte auch etwas verloren, es gab weniger zu verlieren, weniger Gelegenheit, in Angesicht der Gefahr seinen Mut zu beweisen, und weniger aufregende Momente. Die Welt wurde viel ereignisloser. Dies währte so lange, bis die Menschen die Lektion langsam vergaßen und die Tragödien wieder zunahmen, wodurch ein neues Wesen wie Byraq'Nul geboren wurde.

Hanna hingegen ging wieder zu ihrem normalen Leben über. Zumindest so gut sie konnte; sie brauchte psychotherapeutische Unterstützung, nachdem sie so schlimme Dinge erlebt hatte. Sie dachte häufig an Daniel, Byraq'Nul und das Angebot. Sie verstand Daniel, dass er es annahm. Sie wollte auch erfolgreiche Geschichten schreiben und sie sah, dass er eigentlich ein einsamer, armer Mann gewesen war. Doch der Preis war zu hoch, das konnte er nicht begreifen und es hatte ihn wahnsinnig gemacht.

Sie war froh mit ihrem einfachen Leben in einem Job, der nicht gut bezahlt war, und ihrem geringen Erfolg als Hobbyautorin. Sie mochte nicht die großen Massen erreichen, aber dennoch konnte sie ihre eigenen Welten schaffen, dies konnte ihr keiner nehmen. Hätte doch auch Daniel sich damit zufrieden gegeben.


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Autor: Schatteneremit


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