Fandom


Manchmal bedarf es gar nicht viel, um die Welt eines Menschen zu zerstören. Wichtig ist, dabei nicht zu plump vorzugehen. Schritte müssen geplant und Vorsorge betrieben werden. Etwas den Zufall zu überlassen ist schlicht und einfach ein Luxus, den man sich ab einem gewissen Punkt nicht erlauben kann.

„Und Sie können das machen, ja?“, riss mich die erschöpfte Stimme des kargen Mannes aus meinen Gedanken. Sein Gesicht war eingefallen, tiefe Augenringe zeichneten sich unter seine Augenhöhlen ab. Seine Haltung war buckelig, zerknirscht, gebrochen. Sein rechter Arm hing schlaff von seinem Körper ab, als wäre er ein Kuscheltier, dem an einer Stelle die Füllung fehlte. Mit seiner linken Hand umklammerte er das Bündel Geldscheine, das er mir nun entgegenstreckte, „Ich habe auch das Geld.“, krächzte seine Stimme schwach.

Ich atmete laut aus und schnalzte mit der Zunge, „Schon klar, ja ich kriege das hin. Ich geh zu ihr, spendier ihr einen Drink, schlafe mit ihr und breche ihr danach ihr kleines Herzchen.“

Bei dem letzten Teil des Satzes glaubte ich ein kurzes Lodern in seinen müden Augen gesehen zu haben, doch ehe dem eine Flamme entspringen konnte, erlosch es wieder.

„Die Bitch soll dafür zahlen, was sie mir angetan hat.“, seine Hände begannen zu zittern. Ich ergriff desinteressiert die Geldscheine, doch seine dürren Finger hielten das Papier weiterhin fest, „Niemand macht einfach mit mir Schluss. Was denkt die denn, wer sie ist, hä? Die soll sich mal nicht so anstellen, nur weil mir ein paar Mal die Hand ausgerutscht ist. Überhaupt, was soll das eigentlich? N Klaps zur Erziehung hat noch keinen geschadet.“,knurrte er, „Und so gut sieht sie jetzt auch nicht aus. Ich hätte mir jede aussuchen können, aber ich habe mich für sie entschieden. Aber ist sie dankbar? Natürlich nicht. Scheiß Weiber.“ Ich musterte das Häufchen Elend, das vor mir stand einen Moment und zweifelte schließlich entschieden daran, dass dieser Mensch jemals eine hohe Anzahl an romantischen Anwerberinnen hatte, schob diesen Gedanken jedoch beiseite.

„Sicher.“, murmelte ich nur und nahm nun mit etwas entschlossener Kraft das Geld an mich. Der Mann wirkte von der kurzen Anstrengung, die durch seinen kleinen Wutausbruch verursacht wurde nun noch eingefallener und erschöpfter als zuvor.

„Dann zeigen Sie es dieser Hure.“, presste er noch mit letzter Kraft raus, „Und vergessen Sie die Fotos nicht.“


Es war bereits spät in der Nacht, als ich mich an die lange Schlange des „Feiergelagers“ anstellte. Das „Feiergelager“ war eine Diskothek in einem eher heruntergekommenen Viertel der Stadt. Doch in diesen Club sollte sich, zumindest nach ihrem Instagram-Status, meine Zielperson heute aufhalten. Nach einigen Sekunden ereignislosen Wartens entschloss ich mich eine Packung Zigaretten aus meiner Hosentasche zu kramen und mir kurz vor der Arbeit noch eine Kippe zu gönnen. Nach einem Gespräch suchend, fand ich nur eine Menschenmasse, die sich unter ihren eigenen Blitzlicht beerdigte, vor. Scheiß Handys. Scheiß Dauerbeschallung. Inzwischen ist man so darauf getrimmt durch Smartphone und Co. dauerhaft bespaßt zu werden, dass man ganz vergisst wie man sich während des Nichts-Tuns beschäftigen kann. Überhaupt, warum dauerte er da eigentlich so lange? Sind die Türsteher eingeschlafen oder was?

Ich lehnte mich genervt zur Seite, um zu sehen, was die Schlange aufhielt und erkannte eine Gruppe von Jugendlichen die zweifellos unter 18 waren und versuchten den, wiederum langsam sehr gereizt wirkenden, Türsteher vom Gegenteil zu überzeugen. Ich nahm einen Zug, das konnte noch dauern.

„Kann ich auch eine haben?“, ertönte eine helle Stimme neben mir. Ich blickte mich um, dann schaute ich herunter. Die Dame war mit ihren 1,60 in der Menge fast zu übersehen, doch nun starrte sie mich mit ihren eindringlichen Rehaugen an.

Ich ging demonstrativ ein wenig in die Knie, „Bist du nicht etwas zu jung dafür?“, gab ich mit hochgezogener Augenbraue zurück.

Ich konnte ein leichtes Schnauben erkennen, bevor sie eher weniger als mehr erfolgreich versuchte ihren Unmut über diese Aussage zu unterdrücken. Trotz der schlechten Belichtung konnte ich erkennen, wie ihr Kopf langsam rot wurde und ihre Adern traten leicht hervor. Ich setzte mein charismatischstes Lächeln auf, um sie zu beruhigen.

„Das war nur ein Witz, verstehst wohl keinen Spaß, was? Du siehst aus, als wolltest du mir gleich an die Kehle springen.“, ich schob eine weitere Zigarette heraus und reichte sie der Frau hin. Sie nahm diese energisch entgegen.

„Haha, sehr witzig. Weil ich klein, muss ich ein Kind sein. Den habe ich ja noch nie gehört. Hast du diese heiße Information schon an die Tageszeitung weitergegeben?“, sie zündete sich die Zigarette an und nahm einen langen Zug. Oh gott, so eine auch noch. Nun verkniff ich mir, um einiges erfolgreicher, meinen Ausdruck, „Okay, der war schlecht, sorry. Lass uns von vorne anfangen, okay? Ich bin Hannes und du bist…“

Ich streckte ihr die Hand entgegen. Sie musterte sie einen Moment lang, dann mein Gesicht: „Christine. Und ich bin übrigens Mitte 20.“, würgte sie schließlich heraus und verschränkte ihre Arme vor die Brust. Mir wurde bewusst, dass das alles war, was ich bekommen würde und ließ meine Hand sinken.

„Christine, ein wunderschöner Name. Nun denn Christine, darf ich dich später auf einen Drink einladen? Das heißt, wenn wir in dieser Nacht noch in den Club reinkommen.“, sprach ich, immer noch mit falschen Lächeln auf den Lippen. Gott wirkte mein Gelaber künstlich.

Aber ihre Haltung entspannte sich wieder etwas und sie nahm ihre Hände herunter. „Ach was passt schon, müh‘ dich wegen mir nicht ab.“

Die Schlange setzte sich wieder langsam in Bewegung.

„Was meinst du denn mit Abmühen?“, gab ich etwas verwundert, zurück.

„Ich bitte dich Hannes, du bist ein gut aussehender Typ. Ich kann und will, auch aus Respekt mir gegenüber, nicht glauben, dass du mir freiwillig einen Drink ausgeben willst. Du fühlst dich jetzt verpflichtet und ich sage, das musst du nicht. Schwamm drüber.“

Ich öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, als ich von einer rauen, genervten Stimme unterbrochen wurde, „Den Ausweis, bitte.“


Am nächsten Morgen wachte ich im Bett meiner Zielperson auf. Mein Kopf schmerzte, doch ich griff instinktiv nach meinem Handy. Es war 9:00 Uhr. Blick nach rechts, ich konnte nur die Haare der Frau sehen, ihr Gesicht war in der Bettdecke eingemurmelt. Sie schien noch tief und fest zu schlafen. Wieder Blick zurück aufs Handy, ich tippte auf die Galerie. Die Fotos und das Video, welches ich dort vorfand würde meinen Klienten zweifellos reichen, um das Leben seiner Ex zumindest teilweise zu zerstören. Es ist so einfach, einen Menschen kaputt zu machen, besonders in der heutigen Zeit. Das Internet und die sozialen Medien tun ihr restliches, um aus dieser Erde den vergifteten Schmutzfleck zu machen, der wir wirklich und wahrhaftig sind. Da landet ein anonym gepostet Video mal einfach auf einer etwas heikleren Website, der Link dazu wird immer mal wieder geteilt und- oh upps, da kriegt auf einmal der Chef davon Wind. Und vielleicht die Familie. Ob die das dann so gut auffassen werden? Nun, mein Problem soll es nicht sein. Ich tätschelte der Frau freundschaftlich auf den nackten Rücken. „Guten Mor-“, der Rest blieb mir im Hals stecken, mein Atem stockte und ich fror einen Moment ein. Die Haut der Frau war eiskalt.

Unklar ist zu sagen, wie lange ich in der Bewegung erstarrt blieb. Tausende Gedanken schossen mir durch den Kopf und nahmen jedes Zeitgefühl. Ist sie tot? Natürlich du Idiot. Was ist passiert? Was hast du gemacht? Nichts, was soll ich schon gemacht haben? Du warst schon immer aggressiv, wenn du Alkohol getrunken hast, deshalb hat Klara dich auch verlassen. Klara ist jetzt nicht mehr wichtig, wichtig ist die verdammte Leiche, die neben mir im Bett liegt. Oh mein Gott, oh mein Gott ohmeingott was sollen wir tun?

Ding Dong.

Scheiße.

Ich sprang hastig auf und knallte dabei ungelenk mit dem großen Zeh gegen das Nachtschränkchen. „Fuck.“, entfleuchte es mir, während ich in der Bewegung und unter leisen Fluchen zur Tür humpelte. Ich schaute durch den Spion, doch schon davor vernahm ich ihre Stimme.

„Larissa? Hannes? Seid ihr dann auch mal wach?“, Christine stand ungeduldig vor der Haustür meiner Zielperson. Einen Moment wurde mir schwindelig und ich knickte ein. Meine Augen hatten zunehmend Probleme damit sich auf einen Punkt zu fokussieren und ich musste mich zusammen reißen nicht auf der Stelle ohnmächtig zu werden. Ich gab mir eine Ohrfeige und schlagartig wurde die Welt wieder ein wenig klarer. Desorientiert blickte ich mich um. Ich war nun mit Händen und Füßen auf den Boden gesunken und hatte gar nicht bemerkt, dass ich angefangen hatte zu hyperventilieren. Verdammt, wie alt war ich? Zwölf? Ich hatte keine Atemprobleme mehr seit… seit.. ich schüttelte die Erinnerung ab.

Das Rasseln von Metall brachte mich wieder in die Situation zurück. Ein Klicken ertönte und die Tür öffnete sich mit einem gewaltigen Ruck. Das verdutzte Gesicht von Christine begrüßte mich, „Hannes? Bist du das?“, es war schwer zu sagen, ob in ihrer Stimme Verwunderung oder Belustigung lag, „Was zur Hölle machst du da?“

„Ich… ich war das nicht.“, stammelte ich. Mir lief etwas Speichel aus dem Mundwinkel, „Du musst mir das glauben, ich war das nicht.“, schrie ich nun so laut, dass Christine einen Schritt zurück aus der Wohnung machte. Ihre Augen waren vor Überraschung weit aufgerissen.

„Was meinst du da-“, sie schielte in Richtung des Schlafzimmers und erblickte wahrscheinlich die leblose Larissa, denn schlagartig hechtete sie an mir vorbei und schlug dabei die Tür hinter sich zu. „Larissa? Komm schon, das ist nicht lustig.“, hörte ich sie unsicher sagen. Ich hatte nicht die Kraft mich umzudrehen. „Larissa? Komm schon, Larissa?“, Christines Stimme wurde zu einem hysterischen Schluchzen, dann einen Weinen und schließlich ein panisches Heulen.

Funfact: Man dachte lange, einzig Menschen wären in der Lage Gefühle zu entwickeln und zu Trauern. Jedoch stellte sich über die Zeit durchaus heraus, dass auch Tiere Gefühle verspüren. Von Trauer zu reden wäre dabei etwas wage, aber Elefanten oder Hunde zeigen tatsächlich ähnliche Symptome, indem sie zum Beispiel am Todesort eines Lebewesens (Artgenosse oder Herrchen) verharren. Um Trauer zu verspüren bedarf es im theoretischen gewisser Kriterien, die erfüllt werden müssen: passende Hirnstrukturen, soziale Strukturen oder auch ein entsprechend reagierender Hormonhaushalt. Allerdings muss hier auch klar differenziert werden: Der Elefant spürt Trauer sich selbst gegenüber, er hat kein Mitleid. Sich schlecht zu fühlen wegen den Unglück eines anderen Artgenossens ist eine Fähigkeit, die man Menschen und vielleicht noch wenigen Menschenaffenarten unterstellen kann. Aber nicht den meisten Tieren. Der Elefant ist ein

„Arschloch.“, Christine drückte mich gegen die Wand und durchdrang mich mit ihren eiskalten Augen, so dass mir das Herz in die Hose rutschte und ich gleichzeitig auch anfangen wollte zu weinen. „Was hast du mit ihr gemacht?“, mein Blick schweifte zu ihren Händen, sie hatte schon mal keine Waffe, das war gut, „Jetzt rede mit mir du verdammter-“ „Ich habe nichts gemacht.“, krächzte ich hervor. Meine Stimme klang instabil. „Ich bin hier aufgewacht und sie war tot. Ich weiß nicht warum, ich weiß nicht wer, ich...“, wieder stockte ich, „Ich weiß nichtmal wie ich hier her gekommen bin. Was zur Hölle machst du hier?“

Ungläubig schaut sie mich an. „Ich wohne hier, gottverdammt.“, antwortete sie schließlich, „Kannst du dich gar nicht mehr an letzte Nacht erinnern?“

Ich nahm all meine Kraft zusammen und schüttelte den Kopf, „Ich weiss nur noch, wie ich in den Club rein bin und mir einen Drink bestellt habe, danach ist alles… verschwommen. Wieso? Was ist passiert?“

Christine ließ meine Schulter los, ich bemerkte erst jetzt, dass ich ihr nur in Unterhose gegenüber saß und das wahrscheinlich mit rotzverschmierten Gesicht. Wie erbärmlich ich ausgesehen haben muss… Wahrscheinlich hat sie auch eben deshalb entschieden mir zu glauben.

Sie seufzte, „Circa eine Stunde nachdem wir uns in der Schlange begegnet sind, hast du Larissa, meine Mitbewohnerin und Freundin seit Kindheitstagen, angesprochen. Ihr habt scheinbar ganz nett miteinander geredet und sie hat dich an den Mädelstisch gebracht, wo wir, das heißt ich und ein paar andere Freundinnen, zusammen getrunken haben. Du warst zu dem Zeitpunkt ganz offensichtlich schon sehr gut dabei, weil du dich nicht mehr auf zwei Beinen halten konntest, deshalb wollte Larissa auch, dass du dich zu uns setzt und mal ne Pause machst. Ich hatte an dem Abend Fahrdienst und habe die Bande und dich später allesamt Heim gebracht. Gern geschehen übrigens. Ich selber hatte keinen Bock mir euren Bettsport anzuhören, so gut ging es dir scheinbar dann wieder, also habe ich mich entschieden bei einer Freundin zu schlafen.“, sie stoppte und einen Moment wirkte es so, als würde sie wieder ihre Fassung verlieren. „Ich konnte ja nicht wissen, dass...“ Ich strich ihr sanft über die Schulter,

„Nein, das konntest du nicht.“, drückte ich tröstend heraus.

„Wir müssen das Arschloch finden, das ihr das angetan hat.“

Verwirrt schaue ich sie an. „Was? Wir? Was ist mit der Polizei?“

„Die Polizei hat in dieser Stadt zu viel zu tun, um richtige Ermittlungen vorzunehmen. Sie wird den halbnackten, betrunkenen Mann mit Gedächtnisverlust verhaften, der sie das letzte Mal lebend gesehen hat. Liegt das in deinem Interesse?“

Ich hielt kurz inne und schüttelte dann den Kopf.

„Das dachte ich mir, dann zieh dich an und komm mit, wir sollten anfangen. Wir müssen so schnell wie möglich Hinweise auf den Täter finden, bevor es zu spät und er vielleicht aus der Stadt geflüchtet ist.“

„Ich weiß schon, wo wir hinmüssen.“, meine Stimme hatte sich wieder etwas stabilisiert und ich wagte einen Versuch, langsam aufzustehen. „Ich kenne da vielleicht jemanden mit einem Motiv.“, schwankend und gegen die Wand lehnend hievte ich mich umständlich hoch. Christine reichte mir ihre Hand, „Worauf warten wir dann noch?“, damit half sie mir auf die Beine.


Ding Dong. Wieder fand ich mich an der Haustür der abgelegenen Wohnung meines Klients wieder. Er wohnte in einem alten Mehrfamilienhaus, dessen Bewohner eher arbeitslose Nichtsnutze als tatsächliche Familien waren. Schon als Christine und ich durch die Eingangstür traten, stieß mir ein starker Geruch von Alkohol und Ammoniak in die Nase und schlagartig fingen meine Augen an zu tränen. Für mich und meine Kreise war diese Mischung aus Pisse und Erbrochenem sicher nichts Neues, aber Christine schien die Geruchsexplosion offensichtlich nicht zu bekommen. Intuitiv hielt sie sich die Hand vor Mund und Nase, doch ich konnte erkennen, wie sie ihren Würgereiz unterdrückte.

„Du wartest hier am Treppengelände.“, hatte ich sie beim Betreten des Stockwerks angewiesen, „Falls er abhauen sollte, halte ihn auf!“

Sie hatte mir nicht widersprochen, was wohl daran lag, dass der Gestank innerhalb des Stockwerks eindeutig stärker wurde und sie kein weiteren Anstalten machte, sich davon zu überzeugen. Ich trat also allein den Gang entlang. Meine Schritte klangen auf seltsame Weise bedeutungslos im Hallen des leeren Flurs. Wenn ein Baum im Wald umfällt und keiner es hört, ist dieser dann wirklich umgefallen? Bestätigen wir nicht unsere eigene Existenz durch die Validierung von anderen? Hier, in dem stinkenden Gang war keine Menschenseele zu sehen. Auf einmal wirkte alles so unwirklich, so unecht. Die tote Larissa, Christine, diese Nacht.. Gott, warum kann ich mich nicht erinnern?

Ich blieb abrupt stehen und drehte mich nach rechts. Meine Augen scannten meinen Anblick ab, nach Dingen, die mich vielleicht von der bitteren Realität hätten ablenken können. Stattdessen fanden sie nur ein Metallschild vor, in dem die Buchstaben des Bewohners eingraviert waren, sowie eine alte, vergilbte Klingel, die auch noch aus dem Jahre 1980 stammen könnte. Unterbewusst hatte mich mein Gehirn an die Stelle geführt, an der alles begann: Die Wohnung des Herrn Starenowitsch. Ding Dong.

Der Mann öffnete die Tür. Er sah besser aus, als am Tag davor. Er sah immer noch nicht gut aus, aber immerhin hatte er etwas Farbe im Gesicht gehabt, bis er mir die Tür geöffnet hatte und ihm eben diese wieder schlagartig entwich.

„Ich dachte, sie wollten mir die Fotos online zukommen lassen, was machen Sie denn hier?“, hektisch streckte er seinen Kopf aus dem Türrahmen heraus und schaute sich um, „Wenn sie ständig auftauchen, werden die Nachbarn noch misstrauisch. Die Wände hier haben Ohren, sie können sich nicht um ihren eigenen Kram kümmern.“, flüsterte er mir in bedeckten Ton zu.

„Ich muss mit Ihnen etwas klären, jetzt.“, ich versuchte das letzte Wort absichtlich hart zu betonen, um meine Dominanz in gegebener Situation klaren Ausdruck zu verleihen. Es funktionierte insofern, dass Starenowitsch zurückwich.

„Meine Güte, sie sind ja gut drauf. Na gut, kommen sie rein. Das muss ja nicht gleich jeder hören.“ Bevor ich eine Antwort geben konnte, wies er mich an ihm zu Folgen und verschwand durch seinem Hausflur hinter einer Tür.

Ich trat ein und lehnte vorsichtig die Tür an, für den Fall, dass ich die Wohnung schnell verlassen müsste. Ich ging nicht davon aus, dass Starenowitsch selber den Mord an Larissa begangen haben könnte. Er könnte jedoch jemanden engagiert haben. Trotz der schäbigen Lebensumstände schien er zumindest über ausreichend Kapital zu verfügen, Leute zu engagieren, die die Drecksarbeiten für seine niedrigen Bedürfnisse erledigten. Ich trat durch den mit Teppich bedeckten Flur und öffnete die Tür, durch die soeben noch der alte Mann gegangen war. Als ich das Zimmer, was allem Anschein nach ein Wohnzimmer war, betrat wich der vorherige Gestank einer Geruchsmischung aus Duftbäumchen und vermodernden Stoff. Auf einem der alten Sessel saß Starenowitsch mit einem Glas Flüssigkeit in der Hand, welche sicher nicht der billig-Alkohol aus dem untersten Regal war.

Ich pfiff durch die Zähne.„Dafür, dass sie das Geld zum Trinken haben, leben sie ja in einer recht ärmlichen Gegend.“, stieß ich hervor. Sein rechter Mundwinkel setzte zum Lächeln an.

„Ich spare mein Geld nicht beim Alkohol.“

Dann kurze Stille.

„Sie sind ganz sicher nicht zum Plauschen hergekommen, was wollen Sie?“

Ich schluckte. Was ich wollte? Antworten wären nicht schlecht. Vielleicht ein paar Erklärungen. Vielleicht konnte er mich zwicken, ich würde aufwachen und es würde sich herausstellen, dass dies alles nur ein Traum war und ich nicht an einer inoffiziellen Ermittlung beteiligt sei, wie ein verdammter Privatdetektiv.

„Wer ist Larissa?“, fragte ich stattdessen. Er seufzte.

„Sagen Sie nicht, diese Schlampe hat sie auch um den Finger gewickelt. Ich bitte Sie, ich habe Sie für klüger gehalten.“, er starrte mich herausfordernd an, aber mein Blick blieb fixiert. Unsicher sank er etwas in seinem Sessel ein. „Ich habe sie über Tinder kennengelernt.“, fuhr er schließlich fort, „Sie wissen ja, wie das ist. Man schreibt, findet sich sympathisch, verliebt sich, trifft sich, zieht zusammen und all das. Das war ja auch alles schön und gut, bis sie mich um Geld fragte.“

Ich zog eine Augenbraue hoch.

„Jetzt schauen Sie mich doch nicht so an. Ich mag nicht so aussehen“, er strich mit einer Hand durch das fahle, halb ausgefallene Haar, „Aber ich bin ein waschechter Romantiker. Und ich wollte ihr helfen. Nur hatte ich ab einem Punkt nicht mehr genug Geld, also habe ich...“, er zögerte.

„WAS haben Sie?“, würgte ich heraus. Ich hatte keine Zeit für die Sentimentalität eines alten Mannes. Er zuckte zusammen.

„Ich habe mir was geborgt. Bei einem Kredithai, okay? Und als sie immer mehr wollte und ich ihr das nicht geben konnte, wollte sie ausziehen. Das konnte ich doch nicht zulassen, nicht nachdem sie mir das Gefühl gegeben hatte, etwas wert zu sein.“, seine Stimme wurde nun etwas brüchig, „Ich habe also angefangen sie zu schlagen, ja. Jedes Mal, wenn sie gedroht hatte auszuziehen, habe ich sie geschlagen. Ich wollte ihr die Idee aus den Kopf schlagen mich zu verlassen, weil ich es nicht ertragen konnte, jemals wieder allein zu sein.“, nun rannen ihm die ersten Tränen die Wangen herunter, „Aber sie… sie war eine junge Frau und ich bin ein alter Mann und eines Morgens war sie weg. Sie hat mich verlassen.“, er sackte nun noch tiefer in seinen Sessel ein, fast so als wollte er mit ihm verschmelzen. Er schämte sich.

Trotz dieses emotionalen Geständnisses brannte mir eine weitere Frage auf der Zunge.

„Und deshalb wollten Sie ihr etwas antun?“

Blitzschnell, als hätte ihn ein Insekt gestochen, richtete Starenowitsch sich auf und schaute mich mit ernster Miene an.

„Ich wollte die Fotos, um sie zu erpressen, mir noch eine Chance zu geben. Ich hätte ihr nie etwas antun können.“, nervös leckte er sich über die Lippen, „Wieso? Ist etwas passiert?“

Mein Mund wurde feucht und ich merkte, wie meine Knie wieder weich wurden, als mir bei der Frage die Bilder vom heutigen Morgen vor dem inneren Auge abliefen. Die kalte Haut, die tote Larissa, der glatte Boden, die wütende Christine. Was ist passiert? Wasistpassiert?

„Nein, ich wollte mich nur nochmal vergewissern. Ich finde gerne etwas mehr über meine Opfer heraus, um mir sicher zu sein, dass mich später keine Freunde oder Feinde verfolgen werden.“, ich hielt einen Moment inne, „Sie bekommen ihr Material auch noch. Ich lasse es Ihnen online zukommen. Ihre Anzahlung habe ich ja erhalten, der Rest der Bezahlung verläuft, wie besprochen, bargeldlos.“

Er nickte langsam und lächelte nun unsicher. „Bei Freunden müssen Sie sich keine Sorgen machen. Auch wenn Larissa doch recht hübsch war, hatte sie nicht wirklich Leute, die ihr nahe standen. Nur mit ihrer Familie hatte sie Kontakt, meines Wissens nach. Aber fragen Sie mich über die Nichts, von denen hat sie kaum was erzählt. Was Feinde allerdings angeht… nachdem sie mich verlassen hatte, ging ich zu meinem Kredithai und erklärte ihm, er müsse sich das Geld bei ihr abholen. Ich bezweifle, dass sie ihm das Geld direkt geben konnte, das wird sicher Spannungen auf beiden Seiten verursacht haben.“

Ich überlegte kurz. „Das klingt ja nach einem recht kompromissbereiten Kerl. Ich habe tatsächlich auch überlegt, ob ich mir einen Kredit für eine neue Anschaffung besorgen sollte. Ich bezweifle jedoch, dass die Bank mir den gewähren würde. Sagen Sie, Sie haben nicht zufällig den Namen des Institutes?“

Sein Lächeln wurde etwas breiter. „Ich kann Ihnen gerne die Adresse geben. Ich warne sie allerdings, er mag vielleicht bereit für Verhandlungen sein, aber übertreiben Sie ihr Glück mit ihm nicht. Er hat einen Wachhund an der Seite und wenn der beißt, endet das immer tödlich.“


Auf der Fahrt zur Adresse, Christine saß am Lenkrad und fuhr auffällig penibel stets nach Tempolimit, brachte ich meine Partnerin ins Bild. Sie war augenscheinlich überrascht über die neugewonnene Information und zeigte ein großes Interesse zu dem Kredithai zu fahren und ihm, sofern er der Mörder ist und sich die Gelegenheit ergeben würde, ihm das Handwerk zu legen.

„Wir sollten uns eine Geschichte ausdenken, warum wir etwas über Larissa wissen wollen. Ich kenne solche Kerle, die geben keine Informationen an jeden dahergelaufenen Typen heraus.“

„Wir könnten ihm sagen, dass Larissa uns auch Geld schuldet und wir einen gemeinsamen Klienten haben, der meinte, man könne uns hier weiterhelfen.“

Sie hob eine Augenbraue hoch. „Hannes, bei aller Liebe, du siehst nicht wie ein schmieriger Schuldeneintreiber aus.“

„Und du nicht wie jemand, der in seiner Freizeit Detektiv spielt, aber hier sitzen wir.“, schoss ich schnippisch zurück. Meine Augen schmerzten und ich hatte dafür jetzt keinen Nerv. Der Rest der Autofahrt verlief still.

Wir hielten vor einer Gasse an und als ich ausstieg, parkte Christine ihren Wagen schnell um die Ecke. Das gab mir die Zeit ein Bild von meiner Umgebung aufzunehmen. Die Gebäudekomplexe, die die Gasse umgaben streckten sich hoch gen Himmel. Wie menschengemachte Kolosse bewachten sie bedrohlich und trostlos den Eingang zu einer Lagerhalle, die sich in der Länge zu strecken schien.

„Los gehen wir.“, grummelte Christine, als sie ungeduldig um die Ecke gestapft kam.


Klopf Klopf. „Wer ist da?“

Ein Kichern und Glucken ertönte. Sehr lustig, was für ein Scherzbold, haben wir ja wieder ein richtig komödiantisches Mastermind angetroffen.

„Wir wollen zum Boss. Wir brauchen Informationen über eine gemeinsame Klientin.“, ergriff Christine das Wort, bevor ich etwas erwidern konnte.

Kurzes Schweigen.

„Wer ist da?“, die Stimme klang nun ernster und nachdrücklicher.

„Wir sind nur Geschäftsleute, genau wie ihr Chef. Wir suchen eine Person, die ihren Chef, wie auch uns eine Menge Geld schuldet und wir würden Ihnen gerne helfen dieses Geld wiederzubekommen. Aber wenn sie kein Interesse daran haben, respektieren wir das natürlich.“, mit einer ausgefallenen Bewegung drehte sich Christine auf dem Absatz um und deutete einen Abgang an, da öffnete sich schon die Tür.

Ich erblickte den Mann als erstes. Er hatte sehr breite Schultern und war um einiges größer als ich. Er wirkte mit seinem Glatzkopf zuerst etwas dümmlich, aber in seinen Augen erkannte ich, dass er mich in diesem Moment genauso eindringlich analysierte, wie ich ihn. Wir leisteten uns einen kurzen Anstarr-Wettbewerb, dann wendete er seinen Blick zu Christine, die sich wieder zu uns hin gedreht hatte.

„Ich traue euch nicht. Aber ich will auch nicht dafür gerade stehen, wenn wir Geld verlieren, also kommt mit.“, brachte der Mann mit einer rauchigen Stimme hervor. Der Muskelprotz geleitete uns durch einen langen, engen Gang. Er war nur schlecht beleuchtet und ich entschied mich deshalb Christine, die vor mir lief, nahe zu bleiben. Auf einmal hielt der Mann ruckartig an und ich konnte nicht verhindern, ein wenig in Christine reinzulaufen.

„Sorry.“, murmelte ich. Dann öffnete sich die Tür und wir traten in eine große Halle in dessen Mitte ein Mann hinter einem Schreibtisch saß. Vor dem Schreibtisch standen Metallstühle mit Lederpolster. Ob es Echt-oder Kunstleder war, ließ sich auch bei näherer Betrachtung nicht beurteilen, jedoch schienen die Geschäfte hier ganz klar nicht schlecht zu laufen. Der Mann hinter dem Schreibtisch hatte eine bedrohliche Narbe im Gesicht, lächelte uns allerdings freundlich an, als wir uns hinsetzten. Als ich mich umblickte sah ich einige Meter von uns entfernt jemanden auf einen Stuhl sitzen. Ein Kerl, vielleicht eins/zwei Jahr jünger als ich, der mit seinem Aussehen sowohl herausstach, als auch mit der Umgebung verschmolz. Er war seltsam. Ein junger Mann, ganz in weiß. Sein Haar, seine Haut, er war so speziell unauffällig auffällig, dass meine Augen gar nicht anders konnten als sich auf ihn zu fixieren. Christine zwang mich allerdings, indem sie mich in die Seite stupste, meinen Blick loszureißen, als der Türsteher gerade fertig war dem Boss etwas ins Ohr zu flüstern und daraufhin wieder hinter der Tür zum Gang verschwand.

„Also, Sven sagte, sie haben Informationen bezüglich eines nicht zahlenden Kunden?“, die Stimme des Boss‘ wirkte misstrauisch, „Dann bin ich mal gespannt.“

Ich räusperte mich. „Es geht um Larissa. Larissa..“, ich stockte.

„Mensing.“, ergänzte mich Christine.

„Die Freundin eines Herrn Starenowitsch.“, fügte ich noch hinzu.

Der Mann mit der Narbe nickte bestätigend. „Achja Larissa, ich kann mich gut erinnern. Nettes Mädchen. Schlechte Entscheidung bei der Partnerwahl und gelegentlich etwas kleingeistig, aber trotzdem eine sehr charmante junge Frau. Was soll mit ihr sein?“

Ein Kloß bildete sich in meinem Hals. „Sie hat nun seit einigen Wochen ihre Schulden bei uns nicht beglichen und nun suchen wir sie.“

„Ach?“, der Ausdruck des Mannes wirkte ehrlich überrascht, „Ich wusste ja gar nicht, dass sie noch woanders Geld geliehen hatte. Hätte sie das gesagt, hätten wir sicher unseren neuen Schuldenplan entsprechend angepasst. Aber meine Zahlungen liefen eigentlich einwandfrei in letzter Zeit. Ja, manchmal waren sie etwas verzögert, aber sie hatte anscheinend große Probleme in ihrem Privatleben, verstehen Sie? Sehen Sie, ich bin kein Unmensch, auch wenn man das bei meinem Aussehen sicher denken könnte. Ich versuche immer auf die Menschen um mich herum einzugehen und die Gesamtsituation so zu richten, dass wir alle davon profitieren können. Klar, manchmal muss man dafür auch über Leichen gehen, zum Beispiel wenn Kunden nicht zahlen und damit den Geschäftsfluss aufhalten. Aber Larissa war eine gute Klientin. Sie hatte einen Job, eine Wohnung und Menschen, die sie liebten.“

„Sie meinen wohl Herrn Starenowitsch?“, hackte ich nach. Er starrte mich kurz verwirrt an und brach augenblicklich in schallendes Gelächter aus.

„Ich bitte sie, nein. Herr Starenowitsch hatte sie einmal geliebt, aber in dem Moment indem sich Liebe in Obsession verwandelt, zerfällt jede Schönheit, die in der Beziehung hätte stattfinden können. Egal was man tut, es wird nur noch hässlicher, deshalb ist es besser man beendet es und das hat sie getan. Ich rede von ihrer Familie.“

„Ihre Familie? Uns hat sie nicht viel über ihre Familie mitgeteilt.“, ergriff Christine das Wort.

„Wahrscheinlich wollte sie sie nicht in Gefahr bringen. Sie wissen ja, wie das in unserem Geschäft ist, manche Leute haben sich einfach nicht unter Kontrolle, wenn sie ihr Geld nicht sofort bekommen. Das wird dann schnell primitiv. Ich will ihnen nicht zu viel sagen, da ich das Vertrauen meiner Klienten schätze, aber scheinbar gab es in ihrer Familie gesundheitliche, nennen wir es „Umstände“ die den Gebrauch von hohen Geldressourcen verlangten, welche die offiziellen Banken wiederum nicht bereit waren zu zahlen. Sie hat sich jedenfalls sehr für ihre Familie aufgeopfert, ich denke nicht, dass sie nun einfach abhauen und damit Probleme für die Menschen, die ihr nahe stehen, verursachen würde. Sicher ist sie nur im Zahlungsverzug, weil sie ihr Gehalt für diesen Monat noch nicht bekommen hat. Ihr Chef ist da oft etwas spät dran.“

Christine und ich tauschten aus dem Augenwinkel Blicke aus.

„Larissa war heute nicht zu Hause anzufinden, vielleicht können wir ihr auf der Arbeit einen Besuch abstatten. Sie hätten nicht zufällig die Adresse?“

Nun schmälerten sich die Augen des Mannes und einen Moment spannten sich meine Muskeln unkontrolliert, ich zwang mich allerdings die Ruhe zu bewahren.

„Mein lieber Herr, das sind ja nun doch eine Menge Fragen. Sie machen ja wirklich eine miserable Arbeit als Schuldeneintreiber, wenn Sie so wenig über ihre Klienten wissen.“, er musterte mich. Ich versuchte seinen Blick standzuhalten, konnte aber eine erhebliche Steigerung meines Schweißausstoßes nicht verhindern.

Schließlich seufzte er, „Es gibt da diesen Club, man nennt ihn das Feierge-“, ein Knall unterbrach unser Gespräch.

Als wir uns umdrehten wurde die Tür aufgerissen und eine Gestalt betrat mit bestimmter Autorität den Raum.

„LOS, ALLE DIE HÄNDE HOCH.“

Wir saßen wie versteinert da. Mir lief schlagartig ein kalter Schauer über den Rücken, als ich erkannte dass die Person, die gerade den Raum betreten hatte, ein matt glänzendes Sturmgewehr in der Hand hielt. Noch beunruhigender als die Tatsache, dass uns eine bewaffnete völlig vermummte Person bedrohte war, dass noch weitere Leute der gleichen Erscheinung aus dem Schatten des Flurs traten. Ich hatte die Hände schon ganz automatisch hochgehoben und schielte nun auf den Boss, der seelenruhig in seinem Sessel saß.

„HAST DU NICHT GEHÖRT, WAS ICH GESAGT HABE?“, schrie der vermummte Mann nun noch lauter.

„Ich habe Sie sehr gut gehört, doch ich denke Sie sollten sich in ihrem Ton mäßigen, wir können Sie auch so sehr gut verstehen.“, entgegnete der Boss mahnend, „Außerdem ist Capslock zum Lesen immer so anstrengend.“

„WAS?“

„Was?“

„DU HAST“, der Mann räusperte sich, als er den scharfen Blick des Boss‘ bemerkte, „Sie haben verloren, niemand kann Sie retten. Die Türen sind verriegelt, ihre Leute können unmöglich in diesen Raum kommen, bevor ich Sie erschieße.“

„Sie wollen mich erschießen, warum das denn?“, fragt der Boss verdutzt.

„Als ob Sie das nicht wissen. Sie haben meinen Sohn getötet. Ich weiß, dass er sich von Ihnen Geld geliehen hat. Eines Tages kam er nicht mehr nach Hause und seitdem habe ich ihn nie mehr gesehen. Wissen Sie, was das für ein Schmerz ist? Wissen Sie, wie es sich anfühlt nach Hause zu kommen, sich an den Esstisch zu setzen und der Stuhl neben einen leer ist?“ Der Mann begann zu zittern und richtete sein Gewehr auf dem Boss. Gleichermaßen erschrocken und überrascht weichen Christine und ich zur Seite. Ich falle dabei fast vom Stuhl, kann mich jedoch noch an der Armlehne festhalten. „Das einzige, was einen in diesen Momenten treibt, ist Rache. Also sagen Sie es mir ins Gesicht, damit ich sie endlich erschießen kann: Ist mein Sohn tot?“

„Wie heißt ihr Sohn denn?“, entgegnet der Boss nun erkennbar ungeduldig.

„Michael.“, presste der Mann mit dem Sturmgewehr heraus, „ Michael Eibl.“

Der Boss überlegte einen Moment. Dabei sah es so aus, als würde er innerlich in einem Aktenschrank die verschiedenen Karteien durchgehen. Dann leuchten seine Augen auf. „Achja, Mickey. Stimmt, hat mehrmals nicht gezahlt und mich dann mit einer Waffe bedroht.“, er lachte herzlich, „Wie der Vater so der Sohn, was?“, der vermummte Mann hielt die Waffe weiterhin fest umklammert, scheinbar reichte ihm diese Antwort nicht. Der Boss schüttelte nur verständnislos den Kopf, „Ja nagut, stimmt schon. Mickey ist tot. Und Mickey bleibt tot. Wir haben ihn getötet.“, gab er schließlich lässig zurück.

„SIE SCHWEI-“, dem Mann mit der Maske blieb das Wort im Hals stecken, als er schlagartig zu Boden ging. Seine Hände umringten seine Kehle und man konnte ein Gurgeln unter der Maske vernehmen. Die anderen Gestalten wichen überrascht zurück.

„Ich sagte doch, sie müssen nicht so schreien.“, der Boss erhob sich nun zu seiner vollen Größe. Erstmals konnte ich seine Statur wirklich wahrnehmen. Der Mann an der Tür war bereits ein Hüne gewesen, aber der Boss, mit seinem Sakko und Hemd welche sich beinahe zum zerreißen über die Brust spannten, war ein Berg von einem Mann. Unkontrolliert versteifte ich mich, als er seine große Hand auf meine Schulter lag. Die Ehrfurcht war wie eine Paralyse, die sich in Sekundenschnelle in meinem ganzen Körper ausbreitete.

„Ich entschuldige mich hiermit ganz förmlich, dass Sie in mein Etablissement in offenster Absicht gekommen sind und das hier mit ansehen mussten.“, er ließ meine Schulter wieder frei und ich meinte für einige Sekunden noch das Gewicht seiner Hand an dem Fleck spüren zu können. Hektisch blickte ich mich um und sah dabei, wie der junge Mann in Weiß von seinem Stuhl aufgestanden war. Dann schweifte mein Blick wieder zu dem vermummten Mann, dessen Röcheln immer lauter wurde. Schweißperlen traten mir über die Stirn.

„Oh Gott, er erstickt.“, quiekte Christine hervor.

Der Boss kniete sich hin. „Ja, das sieht ganz danach aus.“, sein Blick bewegte sich zuerst zu den übrigen Lakaien des Mannes, dann zu uns, „Ich denke Sie sollten gehen, wenn Sie sterbende Menschen nicht ertragen können, denn gleich wird es noch ein paar mehr Leichen geben.“


Wir rannten. Christine und ich rannten durch den endlosen Gang. Unsere Schritte hinterließen Töne, die im Nichts zu ersticken drohten, während wir der Tür langsam und ungewiss entgegen eiferten. Keiner von uns drehte sich um, denn allein der Gedanke, was in der Halle stattfinden könnte während wir genau diesem Szenario zu entfliehen versuchten, brachte eine parasitäre Taubheit in meinem Körper hervor. Ich erstickte Sie bevor sie sich ausbreitete. Ersticken, wie der Mann erstickte. Ohgottohgott, ich habe gesehen, wie sein Leben aus ihm herauswich. Ich konnte es in seinen Augen sehen, wie sie erblassten unter all dem Röcheln und Husten und Gurgeln und… Schmutz. An diesen Ort konnte man nur sterben oder überleben. Dieser Ort war nicht für das längere Verweilen gedacht. Für niemanden.

Ich stolperte, fing meinen Sturz aber mit meinen Armen auf, bis ich merkte, dass das worüber ich gestolpert war ein Mensch gewesen sein muss. Auch in schlechter Belichtung konnte ich seine leblosen Schemen ausmachen. Ich wollte schreien, doch Christine hielt mir die Hand vor dem Mund.

„Komm, wir müssen gehen.“ Sie schleppte mich den Gang weiter und riss dir Tür auf, sodass wir gemeinsam in das gleißend rote Sonnenlicht rollten, das sich im Abendrot über die ganze Stadt verteilte.


„Ich gehe alleine zum Feiergelager.“, verkündete Christine. Es war der erste Satz, der gesprochen wurde, seitdem wir die Lagerhalle verlassen hatten und in das Auto geflüchtet waren. Nun fuhren wir in so einem zackigen Tempo die Straße entlang, dass ich mich an dem Haltegriff festklammern musste, um nicht in den Kurven hin-und hergewirbelt zu werden.

„Warum das denn?“, fragte ich und gab mir alle Mühe mein Klammern dabei nicht zu lockern.

„Weil...“, Christine macht eine dramatische Pause. Linkskurve, Rechtskurve, ich hielt den Atem an, als wir im vollen Karacho auf eine Ampel zuraste, die nun schon etwas länger gelb zu sein schien. Ich riss meinen Arm vor das Gesicht, als ich ruckartig von Zugkräften nach Vorne geschleudert wurde. Der Gurt spannte sich und ich knallte unsanft wieder auf meinen Sitz zurück. Scharfe Bremsung.

„Sag mal, willst du uns eigentlich umbringen?“, schrie ich sie wütend an, „Der Boss hat uns gehen lassen, er hat unsere Geschichte geglaubt, er hat keine Anstalten gemacht uns zu folgen, also beruhige dich gefälligst und fahr wieder wie ein normaler Mensch, bevor du uns alle umbringst!“, ich atmete schwer. Dieser ganze Tag war einfach voll und ganz für den Arsch. Wenn das so weiter gehen würde, würde ich heute noch den Verstand verlieren, „Zwei Menschen sind tot.“, fügte ich nun in etwas ruhigeren Ton hinzu, „Das muss erstmal reichen.“

Für einen Moment sah ich, wie Christines starrer Blick sich entspannte und ihr entglitt ein Seufzer, „Weil du heute schon genug mitgemacht hast und so aussiehst, als könntest du etwas Ruhe vertragen. Außerdem hast du gestern Abend vielleicht etwas eine Szene in deinem betrunkenen Zustand gemacht, ich glaube also nicht dass die Leute dort dich heute gerne direkt wieder sehen würden.“

Die Ampel wechselte auf Grün und wir fuhren nun wieder im Maße des Tempolimits weiter.

„Was heisst „eine Szene“?“, fragte ich verdutzt.

Christine schüttelt nur den Kopf. „Besser, wenn du das nicht weißt.“

Wir hielten an einer mir bekannten Ecke an. Christine drehte sich zu mir. „Du kannst dich hier in dem Apartment ausruhen. Ich gebe dir jetzt den Schlüssel, verliere ihn bloß nicht.“

Ich starrte sie geschockt an. „Das Apartment mit der Leiche?“, fragte ich nach.

„Na, wenn sie nicht weggelaufen ist, dann schon.“, gab Christine schulterzuckend zurück. Sie musste meinen Gesichtsausdruck bemerkt haben und zog mitleidig ihre Augenbrauen zusammen, „Ich weiß, dass das nicht ideal ist, aber jetzt sind wir hier und ich kann dich nicht auch noch zu deinem Apartment fahren, sonst komme ich erst ins Feiergelager, wenn der Laden und die Leute dort schon voll sind. Dann kriege ich ganz sicher keine Informationen mehr über sie heraus.“

Nach langem Zögern nickte ich. „Nagut, meinetwegen. Gib schon den Schlüssel her.“

Sie reichte mir einen Schlüssel, der an einem pinken Schlüsselbund mit der Aufschrift „Ersatzschlüssel“ versehen war.

„Verlier ihn nicht.“, warnte sie mich, als ich aus dem Auto ausstieg und die Tür hinter mir zuknallte. Dann startete sie den Motor und das Auto setzte sich erneut in Bewegung – diesmal ohne mich.


Die Dunkelheit in die ich gefallen war, fühlte sich nass an, glitschig und hässlich. Zusätzlich dazu wirkte alles ein wenig fehl am Platz, so als würde man Puzzleteile ineinander quetschen, die absolut nicht zusammenpassten. Ich glaube meine Augen waren geöffnet, als ich in ihr erwachte. Es ist schwer auszumachen, da ich so oder so zunächst nichts sehen konnte, aber es musste wohl so gewesen sein. Ich watete durch die glitschige, teerige Masse, die meinen Geist am Boden hielt und nach einigen Stunden, die auch Sekunden, die auch Jahre hätten gewesen sein können, konnte ich in der Ferne einen Umriss erkennen. Ich blieb für einen Moment stehen und glaubte, dadurch schlagartig ins Versinken zu geraten. Panisch paddelte ich um mich, versuchte meinen Körper aus der alles verschlingenden Dunkelheit herauszuholen, die mich gierend und Stück für Stück aufnahm. Die Masse schlich sich meinem Hals hoch, kroch in meinem Mund und ich spürte, wie sie langsam meine Lunge füllte. Ich erstickte. Ich sah das Gesicht eines Mannes vor meinem inneren Auge, dem es ebenso erging. Der nur Antworten wollte und nun den Tod ereilte. Ein Röcheln von mir, ein Röcheln von ihm, dann eine Hand, die nach mir Griff. Hilfe.


Ich wachte auf. Im Apartment war es dunkel geworden, von Christine fehlte allerdings immer noch jede Spur. Es konnte also noch nicht sehr spät sein. Nachdem ich mich das Treppengelände hoch in die Wohnung des Grauens geschleppt hatte, kroch mir als erstes der unverkennbare Geruch von Tod in die Nase. Der erste logische Schritt danach brachte mich offensichtlicherweise ins Bad über die Toilettenbrille, wo ich mich des Restalkohols, welcher sich über den Tag nicht abgebaut hatte, schnell und einfach entledigen konnte. Als ich nicht mehr die Kraft zum Erbrechen hatte, robbte ich mit meinen schlaffen Körper in die Badewanne, schloss die Augen und hatte irgendwo die Hoffnung, dass alles vorbei sei sobald ich es wagen würde diese wieder zu öffnen. Aber als ich aus einem unangenehmen Traum aufwachte, war nichts vorbei. Der Leichengeruch hatte sich nun auch in das Badezimmer durch die Fasern der Holztür geschlichen. Ich konnte nicht mehr weglaufen, der Tod hatte mich erreicht und es war nur eine Frage der Zeit, bis er mich höchstpersönlich holen kam.


Blind.


Ja, blind war ich gewesen. Wer war ich, dass ich gedacht habe, ich könnte ein besserer Mensch werden? Klara hatte recht gehabt, als sie mit mir Schluss gemacht hat. Ich bin ein Monster und Monster können nichts anderes tun, als verletzen, zerstören, Welten brechen. Es liegt in ihrer Natur und jeder, der sich solchen Kreaturen annimmt, wird mit ihm im Sumpf des Schmerzes versinken. Ertrinken. Ersticken. Sterben.


Du bist blind.


Ich blickte auf. „Ja, das habe ich verstanden.“, rief ich durch die Tür in die leere Wohnung hinein, „Deshalb gerade eben dieser melodramatische Monolog. War das nicht selbsterklärend? Ich dachte ich könnte besser sein, aber ich habe mich geirrt. Ich war blind und naiv, wir haben es kapiert.“


Schau auf dein Handy.


Ein Schauer lief mir über den Rücken. Mein Handy? Unsicher runzelte ich die Stirn, kletterte aus der Badewanne heraus und betrat das Ess-/Wohnzimmer. „Hallo?“, sprach ich vorsichtig während ich mich umblickte, „Ist hier jemand?“

Stille.

Ich tapste den Boden entlang zum Lichtschalter. Als ich diesen umlegte ertönte ein leises Surren, dann füllte warmes Licht den Raum aus. Die Wohnung wirkte nun auf befremdliche Weise um einiges… freundlicher. Zumindest für einen Tatort. Ich öffnete ein Fenster. Als ich mich abermals, nun aber genauer, umsah fiel mein Blick auf die tote Larissa. Man konnte immer noch nur ihr Haare erkennen. Wahrscheinlich hatte Christine ihr die Decke wieder über den Körper gelegt.


Handy.


Die Stimme meldete sich erneut zu Wort. Wobei Stimme wohl kaum der richtige Ausdruck war. Es klang eher nach einem Flüstern vieler Stimmen. Ein Kollektiv? Ich entschied mich dagegen, die Stimme erneut auszufragen und beschloss zunächst erst einmal ihrem Ratschlag zu folgen und mein Handy aufzusuchen.

Vorsichtig näherte ich mich der Leiche und schlich an ihr vorbei auf meine Seite des Bettes, so als könnte ich sie noch aus ihrem Schlaf wecken. Dort angekommen schaute ich auf dem Nachtisch, unter Bettdecke und Kopfkissen, sowie unter dem Bett.

„Wo ist mein verdammtes Handy?“, fluchte ich leise, „Das kann doch nicht weg sein.“


Du bist blind.


„Ja, verdammt, so weit waren wir schon.“, gab ich nun genervt zurück, „Ich suche ja gerade nach meinem Handy, ich geb‘ ja schon mein bestes, meine Güte. Ich weiß zwar nicht, was du bist, aber ich habe grad einen gottverdammten Scheißtag hinter mir und habe keinen Bock, mir von irgendso einer körperlosen Stimme Vorwürfe zu machen, weil ich mein blödes Drecks-Handy nicht finde.“, ich machte eine Pause, aber es kam keine Antwort, „Ich weiss, ich hatte es noch nachdem ich aufgewacht bin. Dann habe ich Larissa entdeckt, dabei muss es mir runtergefallen sein und dann.. dann kam“, ich stockte, „Christine.“


Du bist blind.


„Versuchst du mir gerade zu sagen, dass Christine mein Handy gestohlen hat?“ Wieder keine Antwort. „Warum hätte sie das tun sollen? Ihre Freundin ist gerade gestorben, sie hat geheult wie ein Schlosshund. Ihre Augen waren rot.“ Waren ihre Augen rot? „Und sie hat mich danach direkt an die Wand gepresst, wann hätte sie es einstecken können?“ Du hast dich umgezogen. „Und selbst, wenn sie es eingesteckt hat, warum sollte sie das tun? Wenn es irgendetwas gäbe, dass ich an meinem Handy nicht sehen sollte, hätte sie mich nur von dieser Wohnung fernhalten müssen.“ So konnte sie dich loswerden. „Außerdem wäre es doch viel zu gefährlich das Handy die ganze Zeit bei sich zu tragen. Sie wusste doch gar nicht, ob ich es vielleicht laut geschalten habe, sie hätte es so schnell wie möglich irgendwo weg schmeißen müssen und dazu hatte sie doch keine Zeit gehabt.“ Du hast sie allein gelassen. Bei Starenowitsch. „Oder?“, meine Stimme klang wieder brüchig, ich merkte wie mir langsam die Tränen kamen.


Du beginnst zu sehen. Schau dich um.


Ich blickte auf die Leiche von Larissa, dann wieder weg.

Ich will das nicht tun. Ich will das echt nicht tun.

Vorsichtig hob ich die Decke an und legte damit erstmals Larissas Gesicht frei. Eine schöne junge Frau, zweifellos. Ihre Haut sah sanft und weich aus. Ihre Nase war klein und süß, sie erinnerte fast an eine kleine Maus. Ich betrachtete ihre Lippen. Sie waren etwas schmal, aber trotzdem brachte genau diese Imperfektion ihrem Gesicht ein charmantes Aussehen. Es wirkte menschlich. Eine Person, wie du und ich, nur… tot.


Schau genauer hin.


Die Stimme meldete sich zu Wort, bevor ich etwas sagen konnte. Ich zwang meinen Blick wieder zu Larissa und da sah ich es. Eine bläuliche Färbung am Kinn, welche die Adern auf der blassen Haut leicht erkennbar machten. Vorsichtig legte ich meinen Finger an die Stelle. Sie war eiskalt, aber ich versuchte mich davon nicht zu stark ablenken zu lassen und fuhr der Verfärbung nach, dem Hals entlang und weiter runter. Als ich den Rest ihres Körpers freilegte wurde mein Verdacht bestätigt.

„Woran bist du bloß gestorben, Larissa?“, fragte ich laut mit dem Wissen, dass mir niemand antworten würde. Keine Wunden, keine Prellungen, nur ein bleicher, toter Körper, der eine leicht bläuliche Verfärbung aufwieß, die sich an der Brust verlief.

Ich stand auf und sah mir nun auch die Wohnung genauer an. Dabei fiel mir ein eingerahmtes Foto auf, welches in einem Bücherregal Platz gefunden hatte. Bei näherer Betrachtung konnte ich die zwei Personen erkennen: Es waren Larissa und Christine. Die beide standen an einem Strand und wirkten überglücklich. Das Foto konnte noch nicht zu alt sein, vielleicht ein paar Monate.

Seltsam, meinte Christine nicht, sie seien Freundinnen seit Kindheitstagen gewesen? Hat man dann nicht eher auch ein paar ältere Bilder rumstehen, statt nur ein neues? Moment, hatte Starenowitsch nicht gesagt, dass Larissa keine Freunde hatte? Aber es könnte ja eine Freundschaft sein, die sich nach der Trennung wieder zusammen gefunden hat. Das konnte durchaus sein, das konnte…

In Gedanken verloren nahm ich das Bild aus dem Rahmen, um es näher zu betrachten und drehte es dabei um. Auf der Rückseite war etwas geschrieben:

„Familie, Freunde und Flitterwochen. Braut und Ehefrau, bis dass der Tod uns scheidet XOXO.“


Als ich den Text durchlas hörte ich eine Tür hinter mir quietschen. Ruckartig drehte ich mich um, doch bevor ich Beweise zurücklegen konnte, stand Christine in der Tür, mit einer Plastiktüte in der einen und einem seltsamen Fläschchen mit durchsichtiger Flüssigkeit in der anderen Hand. Geschockt erstarrte ich für einen kurzen Moment, doch leider war das genug Zeit für Christine die Tür hinter sich zuzuknallen und abzuschließen.

„So, da sind wir wohl.“, seufzte sie schließlich, „Du hast es doch noch herausgefunden. Oder fehlen noch ein paar Puzzleteile?“, sie lächelte. Ausdruckslos blieb ich stehen, mein Mund war zu trocken, um etwas zu erwidern, „Ja, Larissa und ich waren verheiratet. Verrückt, nicht wahr? Aber hey, es ist ja auch nicht mehr 1970, sowas soll es heute geben.“, sie machte eine Pause und ihr Lächeln erblasste. Stattdessen legten sich erste Sorgenfalten über ihre Stirn., „Sie hat mich aber nicht geliebt, das wusste ich. Ich wusste es schon weit vor der Hochzeit, aber ich dachte mir.. ich dachte mir, ich könnte mir mal die Illusion erlauben, ich wäre jemanden wirklich wichtig. Ich hatte es einfach gehofft.“

„Du hast Larissa umgebracht.“, würgte ich heraus.

„Ja, das habe ich.“, ihr Ausdruck änderte sich wieder. Nun wirkte sie fast emotionslos, „Ich meine, jetzt kann ich es dir ja sagen. Es ist immerhin nicht so, als würde es einen Unterschied machen. Ich arbeite in einem Pharmazieunternehmen. Dort habe ich mir die nötigen Mittel zusammengesucht und mitgehen lassen, um Larissa zu vergiften. Als ich Larissa bei der Arbeit besuchen wollte, kamst du mir entgegen Hannes und du warst perfekt. Der perfekte Sündenbock – ein junger Typ, ein einfacher Mensch mit einfachen Bedürfnissen. Es war ein Leichtes, euch beiden ein Betäubungsmittel unterzumischen, bloß dass bei Larissas Getränk eine tödliche Note noch mitschwang. Der Rest war Schauspielerei. Nachdem du Larissas Leiche vorgefunden hast, warst du so verzweifelt, du hättest alles geglaubt. Du hast alles geglaubt. Daran war auch das Mittel schuld, welches ich dir immer wieder verabreicht habe.“ Meine Augen blitzten auf, sie hatte mir den Mund zugehalten, als wir aus der Lagerhalle geflohen und ich über die Leiche des Türstehers gestolpert bin. „Ah, dir fällt es scheinbar gerade ein. Ja, eigentlich hatte ich dir genug verabreicht, dass du fürs erste außer Gefecht gesetzt sein solltest. Ursprünglich wollte ich dich nämlich gerade töten, weißt du? Du bist der letzte Beweis, den ich noch nicht beseitigt habe.“

„Warum hast du sie umgebracht?“

Christine ließ ihren Kopf senken, „Sie hat mich nicht geliebt, aber das war nicht alles. Ich habe eine sehr gut verdienende Familie, manche würden sie sogar reich nennen. Entsprechend bin ich auch selber doch sehr gut vermögend. Mit der Hochzeit konnte Larissa auf mein Konto zugreifen und hat für ihre Familie immer wieder hohe Summen an Geld abgebucht. Das geriet ab einem Punkt einfach außer Kontrolle und sie ließ sich sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Da hatte ich einfach keine große Wahl.“

„Wie wäre es mit Scheidung gewesen?“

„Ich bitte dich.“, sie ließ belustigt Luft aus, „Meine Familie war schon geschockt, dass ich eine Frau heirate. Wie wäre es dann gewesen, wenn ich mich von ihr nach ein paar Wochen schon wieder geschieden hätte? Mal abgesehen davon, wie sehr sich die Klatschpresse ihr Maul zerrissen hätte. Der Voyeurismus des Menschen kann grausam sein. So makaber es klingt, aber das hier war die einfachere Lösung.“

„Sie hätte noch gelebt.“, gab ich kleinlaut zurück.

„Ja, das hätte sie.“ Christine trat durch das Wohnzimmer, an mir vorbei zum Bett, wo Larissas Leiche lag. Meine Augen folgten ihren Bewegungen präzise. Dann hob sie die Flasche und zerschmetterte sie über Larissas Kopf, so dass eine Platzwunde entstand. Überrascht trat ich einen Schritt zurück, während sich die Scherben auf Boden und Bett verteilten. Warnend hielt Christine ihre Hand hoch und wies mich an, still zu stehen.

Von irgendwo her dröhnten Polizeisirenen. „Oh, achja. Ich habe übrigens die Polizei gerufen, weil ich einen Anruf meiner Frau bekommen habe, dass jemand in ihre Wohnung eingebrochen sei. Ursprünglich sollte der Einbrecher dabei meine Frau töten und sich aus Schuldgefühlen selber umbringen, aber scheinbar wurde der Einbrecher von mir erwischt und aufgehalten.“, sie betrachtete ihre Hand, die von den scharfen Glasscherben verletzt war, „Scheinbar habe ich mich dabei verletzt.“

„Du bist ein Mo-“, das Geräusch von parkenden Autos unterbrach mich.

„Ein Monster? Nagut,vielleicht. Immerhin habe ich dir den ganzen Tag etwas vorgespielt und dich damit grundlos leiden lassen. Aber unterscheide ich mich damit wirklich so sehr von den Menschen um mich herum? Sind wir nicht alle anders, als es von Außen zunächst scheint?“

Ein Poltern ertönte. Mehre Personen schienen gerade das Treppenhaus hochzulaufen.

„An deiner Stelle würde ich jetzt versuchen zu fliehen.“, bemerkte Christine, „Oder du stellst dich den Polizisten, aber sein wir mal ehrlich: Wem glaubt man mehr? Einen fremden Typen, dessen DNA überall in der Wohnung zu finden ist oder einer verletzten Ehefrau?“

Ich knurrte, schaute mich panisch um und erblickte das Fenster, das ich gerade eben erst geöffnet hatte und sprintete dort hin.

„Es ist umsonst. Aus dieser Wohnung führt keine Feuerleiter.“, rief Christine mir nach.

Ich beugte mich über das Fenster. Tatsächlich war nirgends wo ein Leiter zu sehen.

An der Tür hämmerte es „POLIZEI, AUFMACHEN.“

„Gib auf, du hast verloren. Schachmatt.“

Nun lächelte ich. „Die Dinge sind immer anders, als sie scheinen.“ Damit ließ ich mich nach hinten fallen.

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