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Inhaltsverzeichnis des "Mehrteilers": Suchende und ihr Pfad zur Erleuchtung

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Nichts als Mutmaßungen Bearbeiten

„Sieh dir diese Sauerei an.“

„Ja…“

„Ich bin froh, das nicht sauber machen zu müssen.“

„Hmhm…“

„Andererseits haben wir hier auch ganz schöne Drecksarbeit zu erledigen.“

„Jupp…“

Statt weiter das Bild zu kommentieren, das er vor sich sah, wandte Anwärter Illinger sich Kommissar Wellton zu. „Nicht sonderlich gesprächig heute, hm?“

Der Ältere atmete tief ein und entließ die eingezogene Luft dann schwer seufzend. Es war schon spät, ihm tat der Rücken weh – wie fast ständig dieser Tage – und langsam setzten auch noch Kopfschmerzen ein. Und jetzt auch noch sowas… Dieser Fall würde sich noch die ganze Nacht hinziehen. Hätte er doch nur ausnahmsweise einmal pünktlich Feierabend gemacht und sein Diensttelefon im Fluss versenkt.

„Nein, bin ich nicht“, brummte er deswegen, wobei er unfreundlicher klang als beabsichtigt, was ihm auch sogleich leidtat. Der Anwärter konnte ja nichts dafür, dass er selbst langsam zu alt für den Scheiß wurde. „Sorry, war ein langer Tag.“

„Ist schon ok, Chef“, winkte der andere ab, ehe er seine Arme wieder vor der Brust verschränkte, wodurch die beiden erneut in der gleichen Position verharrt, nebeneinander standen und die stillstehemde Szenerie vor sich beobachteten. Obgleich dieser Zustand erst wenige Minuten anhielt, kam es ihnen bereits so vor, als wären Stunden vergangen und wenn die Dinge so schlecht standen, wie sie vermuteten, würde es tatsächlich noch dazu kommen.

Trotz ihrer misslichen Lage entlocken diese Worte dem Mann ein leises Lächeln. „Werden Sie jemals aufhören, mich so zu nennen?“

„Was, Chef? Nein, ich denke nicht Chef.“

Die Ernsthaftigkeit, mit der er das sagte, ließ die frohe Miene auf Welltons Gesicht noch ein wenig breiter werden, allerdings gefror sie gleich wieder, als er sich durch ein Ziepen seiner Hüfte besann, an welchem Ort er sich gerade befand, warum er dies tat und wie viel Zeit er hier vorrausichtlich noch verbringen würde. Apropos, seit wann hatte er eigentlich auch noch Schmerzen in der Hüfte? Wenn das so weiter ging, würde es bald keine Stelle mehr in seinem Körper gehen, die ihm nicht ununterbrochen wehtat oder sonst wie Probleme bereitete. Es wurde wirklich Zeit, dass er über seine Pension nachdachte. Andererseits konnte er die Mannschaft schlecht im Stich lassen, vor allem da sie nach diesem Vorfall in der Seeburger Straße 67 vor mittlerweile über einem Jahr, jeden Mann gut gebrauchen konnten. Insbesondere, wenn man die aktuelle Lage betrachtete, in der sich die gesamte Welt befand.

Je länger er darüber nachdachte, desto mehr deprimierte es ihn, weswegen er entschied, dazu überzugehen, sich doch mit seinem Kollegen zu unterhalten. „Und was meinen Sie Illinger, wird die Spurensicherung noch vor morgen früh hier eintreffen?“

Der junge Mann zuckte mit den Schultern. „Wenn ich ehrlich sein soll, Chef, wage ich es fast zu bezweifeln. Immerhin müssen wir uns dafür nicht mit Schaulustigen rumschlagen.“ Er unterbrach sich selbst, warf einen kurzen Blick aus dem Schaufenster und räusperte sich verhalten. „Korrigiere, fast keine.“

Nach einer schnellen Analyse, stellte Wellton fest, dass sein Partner recht hatte. Vor dem Schaufenster des kleinen Lebensmittelladens, der für die nächsten Stunden vordergründig ein Tatort sein würde, hatte sich eine „Gruppe“ von zwei Menschen versammelt. Ein Mann und eine Frau, die versuchten zwischen den vor dem Fenster aufgebauten Regalen ein paar morbide Details zu erhaschen.

„Sollten wir…?“

„Nein, nein“, schüttelte der Ältere den Kopf. „Lassen Sie sie ruhig einen kurzen Blick werfen.“

Er lag mit seiner Vermutung goldrichtig. Während die Augen der beiden hier hin und dort hin huschten und ihre Köpfe unterschiedliche Positionen einnahmen, um den bestmöglichen Winkel zu erreichen, weiteten sich die Lider des Paares fast zeitgleich. Sie verharrten ein paar Sekunden regungslos, während ihnen sämtliche Farbe aus dem Gesicht lief. Dann, als wäre ein Schalter umgelegt worden, schienen sie es auf einmal sehr eilig zu haben, weiterzukommen. Der Mann erwiderte vorher noch den berechnenden Blick des Kommissars, wobei er nun bei weitem nicht mehr so neugierig und vielmehr schuldbewusst wirkte. Gut so.

„Woher…?“

„Erfahrung Jungchen“, unterbrach Wellington seinen Partner. „Es ist immer das gleiche mit diesen Schaulustigen. Erst sind sie noch ganz heiß darauf, zu erfahren, was sich hier wohl abgespielt hat und wenn sie es dann zu Gesicht bekommen, wird ihnen auf übel und sie können es gar nicht erwarten schnell genug wegzukommen. Die glauben, sie wären durch Film und Fernsehen abgehärtet, aber dass ist ein Trugschluss. Wer dem Tod erst einmal in der Realität entgegenblickt, bekommt den Spiegel vorgesetzt. Die wenigsten schaffen es diesem Bild lange Zeit standzuhalten.“

Nun, dass war eine längere Rede geworden, als er es geplant hatte, aber schaden konnte es wohl nicht sein Wissen und seine kleinen Weisheiten weiterzugeben, vor allem wenn man bedachte, dass er selbst nicht jünger wurde. So konnte er wenigstens etwas für die Nachwelt hinterlassen Und mit Illinger hatte er überdies jemanden gefunden, der seine Worte zu schätzen wusste – oder ihm zumindest immer gebannt zuhörte, hoffentlich nicht nur, der Höflichkeit wegen. Was er dann mit dem Gehörten anfing, blieb beliebe ihm überlassen.

„Tja, vor ein paar Monaten hätte ich vermutlich ähnlich reagiert“, lächelte der Junge, wobei seine Züge jedoch von Bitternis und nicht von Belustigung sprachen.

„Strenggenommen hast du das“, bemerkte der andere trocken, wobei er glatt seinen sonst gebührenden Respekt vergaß und ihn duzte. Nicht, dass das wichtig gewesen wäre, da ihr gewohnter Ton ohnehin eher lockerer Natur war.

Einen Augenblick lang herrschte Stille zwischen den beiden, ehe sie unvermittelt in Prusten ausbrachen. Die Erinnerung an jenen Fall war eigentlich nicht zum Lachen, immerhin hatte er dafür gesorgt, dass Illinger sich glatt an der nächsten Ecke übergeben hat, aber wer regelmäßig mit solchen Dingen konfrontiert wird, dem blieb nur einen verdammt schwarzen Humor zu entwickeln oder ernsthaften Schaden davonzutragen.

Der Anwärter wiegte leicht den Kopf hin und her. „Andererseits, ist das hier schon ein sehr spezieller Fall, also sei es den beiden verziehen.“

„Das können Sie allerdings laut sagen“, brummte der andere, schlagartig wieder der Ernst in Person. Angewidert verzog er das Gesicht. „Wer auch immer hierfür verantwortlich ist, wir sollten ihn schnellstmöglich finden und seiner gerechten Strafe zukommen lassen.“

„Seien Sie mir nicht böse Chef, aber das haben Sie bei den letzten drei Fällen auch schon gesagt.“

Wahr gesprochen, wie er zu seinem Leidwesen zugeben musste. Andererseits… „Solange die Beweise nicht gesichert sind, wollen wir mal keine voreiligen Schlüsse ziehen.“

„Nichts für ungut Chef, aber wollen Sie mir wirklich weismachen, dass Sie nicht an den gleichen Täter glauben?“

Wieder ins Schwarze getroffen. Wellton konnte nicht einmal maßgebliche Punkte zu seiner Verteidigung vorbringen. Er fühlte sich lediglich müde und wünschte sich, dieser Albtraum würde endlich aufhören, doch ahnte er nur allzu sehr, dass er noch nicht einmal richtig angefangen hatte. Nicht genug, dass sie derzeit mit einer akuten Krise zu kämpfen hatten, die sich mit rasender Geschwindigkeit über die Erdkugel ausbreitete, nein, es musste in einer solchen Situation auch noch Menschen geben, die die katastrophalen Zustände ausnutzten, um sie noch schlimmer als ohnehin schon zu machen.

„Nein“, seufzte er deswegen. „Sie haben vermutlich recht, Illinger. Das war der gleiche Kerl.“

„Ein Kerl, Chef? Eine gewagte Aussage, wenn man bedenkt, dass wir nicht einmal einen Ansatz von einem Hinweis auf das Profil des Täters haben.“

Seine übermäßige Korrektheit in allen Ehren, aber hier musste der Kommissar widersprechen. „Mag sein, jedoch ist es einmal mehr meine Erfahrung, die mir sagt, dass wir es mit einem Mann zu tun haben. Vermutlich um die vierzig, bis fünfzig Jahre alt, intelligent, sozial unterkühlt. Ein Grübler, vermutlich selbsternannter Philosoph. Ein Kerl, der glaubt mit seinen Taten eine Botschaft zu vermitteln, die Welt zu verändern, oder zumindest einen kleinen Teil der Menschheit in eine von ihm gewünschte Richtung zu stoßen.“

Anders als erwartet, stieß er mit seiner Analyse nicht gerade auf Gegenliebe. Dafür auf umso mehr bissigen Sarkasmus. „Und in seiner Kindheit hat er kleine Kätzchen in seiner Badewanne ertränkt?“

Für diese Bemerkung hatte Wellton nur einen finsteren Blick übrig. Sein Partner dürfte sich ja viel herausnehmen, doch es gab Grenzen. Der kaltblütige, wenn auch fiktive Mord an kleinen, unschuldigen Kätzchen, stellte eine dieser Grenzen dar. Genauso wie die damit verbundene Untergrabung seiner Autorität und jahrelanger Berufserfahrung. Nicht zu vergessen, dass sein Instinkt in Frage gestellt wurde. Ein Instinkt, der ihn noch nie oder wenn, dann höchstselten im Stich gelassen hat.

„Vertrauen Sie meinem Urteil etwa nicht mehr, Illinger?“, fragte er deswegen mit skeptisch hochgezogener Augenbraue.

„Würde mir im Traum nicht einfallen, Chef“, widersprach dieser sogleich vehement, was den Älteren ein wenig milder stimmte. „Aber auch, wenn unser Bauchgefühl häufig schwerer wiegt, als das Handbuch, nach dem wir arbeiten, sollten wir es doch trotzdem niemals einfach vergessen, oder was meinen Sie Chef?“

„Nein, da haben Sie natürlich recht“, stimmte er einmal mehr zu. Der Junge lernte schnell. Gut so, sie konnten Leute wie ihn gebrauchen. Schade nur, dass es zu wenige seines Kalibers gab, die die Alten langsam ersetzen konnten. Das hieß, wenn sie nicht gerade vorher… Nicht schon wieder daran denken. Er schüttelte entschieden den Kopf, warf einen Blick auf seine Uhr, schaute hinaus und stellte verdrossen fest, dass die Straße still dalag, während die Nacht langsam über das Land hereinbrach. Wo blieb nur die verfluchte Spurensicherung?

Da sie ja eh Zeit totzuschlagen hatten, beschloss Wellton den Fokus wieder ein wenig geradezurücken. „Wissen Sie was, Illinger? Wenn wir hier schon ohnehin nur dumm rumstehen können, können wir auch genauso gut schon mal ein paar Theorien durchgehen.“ Er nickte in Richtung Tatort, wobei dieser strenggenommen aus der halben Ladenfläche bestand. „Was meinen Sie?“

Ein seltsames Lächeln huschte über das Gesicht des jungen Mannes. Es war ein Lächeln, dass Freude an der Herausforderung andeutete, dass besagte, dass der Kommissar hier jemanden vor sich hatte, der nach einer kleinen Eingewöhnungszeit anfing, voll in seinem Beruf aufzugehen. Allerdings zeigte sich dieses Lächeln auch streng analytisch. Solange er keine Gefühle zuließ, konnte er es aufrechterhalten, wenn er später nach Hause kam und sich selbst im Spiegel betrachtete, würde diese helle Miene versteinert sein, während sein zerrütteter Geist sich auf eine schlaflose Nacht vorbereitete, da er sich wieder und wieder gezwungen sah, dass erlebte zu durchleben und zu durchdenken.

„Tja“, setzte der junge Mann mit nüchterner, professioneller Stimme an. „So wie ich das sehe, hat es sich folgendermaßen abgespielt.“

 

Ein Virus reist um die Welt Bearbeiten

Wenige Stunden zuvor, herrschte in dem kleinen Lebensmittelladen noch… nun, sicher kein reges Treiben, zumindest nicht so wie sonst, aber doch wenigstens so etwas wie Leben.

Verkäufer standen an den Kassen, hinter Plexiglasscheiben vor den Einkaufenden geschützt und Kunden schlichen durch die Gänge, auf der Suche nach lebensnotwendigen Dingen, wie Essen, Hygieneartikeln und Ähnlichem. Nicht, dass es davon noch viel gegeben hätte. Seit der Abriegelung wurden die Bestände immer knapper. Strickte Reglementierungen waren eingeführt worden, wer von was wie viel erwerben dürfte – nicht, dass sich daran auch wirklich alle halten würden.

Abriegelung, welch ein hartes Wort. Man mochte meinen, die Menschen säßen eingepfercht in ihren Wohnungen, wartend, auf das Signal ihren Käfig wieder verlassen zu dürfen. Wann es soweit sein würde? Ungewiss.

Ganz so extrem war es glücklicherweise noch nicht gekommen, auch wenn es genügend Stimmen gab, die genau diese Maßnahmen prognostizierten. Andererseits prophezeiten diese auch den dritten Weltkrieg und vertraten die Meinung, dass der Virus beabsichtigt auf die Menschheit losgelassen worden war, also was wussten die schon?

Herzlich wenig. Dann wiederum: Das galt auch für alle anderen. Niemand wusste etwas mit hundertprozentiger Sicherheit. Es wurde spekuliert und sich auf Zahlen berufen, doch was heute noch galt, konnte morgen schon Schnee von gestern sein. Die vergangenen Wochen hatten es häufig genug gezeigt. Vor ein paar Monaten hatte man schließlich auch noch geglaubt, die scharfen Sicherheitsmaßnahmen würden schon bald wieder vorbei sein. Mittlerweile war fast ein Jahr vergangen und die Zeichen standen schlecht.

Wie hatte es nur so außer Kontrolle geraten können? Eine einfache Infektion. Ein Mensch. Ein einziger von einem Virus Verurteilter. Wenige Wochen später hatte sich niemand mehr an den Namen dieses Mannes erinnern können, aber alle kannten das Virus. Über die gesamte Weltkugel war es gereist, hatte sich in jeder Stadt eingenistet, es sich heimelig gemacht und terrorisierte seitdem das Menschengeschlecht, welches zusehends auf einen bodenlosen Abgrund zumarschierte. Schuld daran, trugen sie zu einem nicht unwesentlichen Teil selbst.

Jetzt, Monate später, galten in jedem Land Regelungen, an die ein jeder einzelne sich zu halten hatte. Zur Sicherheit des Einzelnen, denn jedes Leben zählte. Moralisch wahre Worte, deren Sinn sich vielen nach einigen Wochen der Isolation jedoch nicht mehr erschloss. Selbst der nobelste Weltverbesserer und Menschenfreund ergab sich irgendwann seinen blanken Nerven und war allzu gern bereit, auf den Rest der Welt einen feuchten Kehricht zu geben, wenn er denn dafür nur sein eigenes, gewohntes Leben zurückbekam.

Jeder Teil der Welt verfolgte seine eigenen Reglementierungen, doch in einer Hinsicht gab es eine gewisse Konformität: Das öffentliche Leben musste strickt eingeschränkt werden. Ausgangssperren standen mancherorts an der Tagesordnung. In der hiesigen Ortschaft hatte man sich bisher noch darauf geeinigt, unbedingt notwendige Gänge – Arbeit (sofern noch ausführbar und nur mit bestimmten Bescheinigungen der Arbeitsstelle), Einkäufe und einen halbstündigen Spaziergang alle zwei Tage – zuzulassen.

In den ersten Wochen hatten die Bürger sich daran natürlich nur bedingt gehalten, immerhin gab es kaum jemanden der diese schiere Anzahl an Menschen überblicken und überwachen konnte. Nachdem jedoch gezwungenermaßen immer mehr Menschen zu Hause bleiben mussten, sei es nun wegen den Kindern, die nicht mehr zur Schule dürften, oder weil die eigene Arbeitsstellte aufgrund von nicht Notwendigkeit für die Gesellschaft geschlossen worden war – nicht wenige Unternehmen waren bereits insolvent gegangen, was die Beschäftigung zusätzlich reduzierte –, änderte sich dies.

Plötzlich gab es genug Menschen, die sich gern bereit zeigten eine alternative Arbeit aufzunehmen und sei es auch nur gegen eine gewisse Entlohnung, Wachhund zu spielen und die Nachbarn im eigenen Haus zu beobachten und selbige zu melden, wenn diese gegen die Regelungen verstießen. Kam ein Nachbar beispielsweise nach einer Stunde von einem ausgiebigen Spaziergang zurück und hatte offensichtlich keine Einkaufstüten bei sich, konnte er damit rechnen schon am nächsten Tag eine Rechnung mit einer ganz empfindlichen Aufforderung zu einer Strafzahlung im Briefkasten vorzufinden.

Dass diese Situation die Gemüter nur noch weiter brodeln ließ als ohnehin schon und Misstrauen fortan, insbesondere in finanziell schwachen Gegenden an der Tagesordnung stand, muss hier nicht extra erwähnt werden.

Gewaltverbrechen gehörten irgendwann zum täglichen Leben dazu. Wer nicht rauskonnte und mit seiner Familie Tag ein Tag aus auf engem Raum zusammenhockte, dem brannten schnell mal die Sicherungen durch. Vor allem bei sowieso schon leicht reizbaren Menschen, die schlimmstenfalls auch noch mit Ehe- und Lebenspartnern und drei Kindern, die sich schnell langweilten, alle Hände voll zu tun hatten.

Aber auch unter den Nachbarn herrschte Krieg. Da der Zwangsurlaub vieler nicht genug vergütet wurde oder Jobs gar gänzlich wegbrachen, benötigte jeder Geld, um sich die Gegenstände des Alltags leisten zu können, die überdies dank der wirtschaftlichen Turbulenzen auch noch immer teurer wurden. Entsprechend hielt selbst der Anständigste irgendwann die Augen nach einer Gelegenheit offen, seinen Mitmenschen zu verpfeifen und ein wenig Geld in die Haushaltskasse zu spülen, welches wiederum durch die Strafzahlung finanziert wurde. Ein nicht enden wollender Teufelskreis.

Gleichzeitig wurden durch besagte wirtschaftliche Beben, bestimmte Güter zur Mangelware. Sei es nun wegen Lieferengpässen, weil die Herstellung hinterherhing oder Länder begannen sich untereinander zu bekriegen, da der eigene Vorteil immer mehr an Gewicht gewann und Solidarität zumindest dem Anschein nach, nur Nachteile mit sich brachte. Schließlich galt es in erster Linie, die eignen Bürger zu versorgen. Genug für alle war sowieso nie da, das galt in Zeiten wie diesen, nur noch mehr als sonst.

Schlussendlich führten all diese kleinen Schmetterlingsflügelschläge an jeder Ecke also dazu, dass Wirbelstürme die Welt von allen Seiten beharkten. Das Einkaufen wurde für viele zur Tortur, regelmäßig wurde sich zwischen den Regalen um die letzte Packung eines x-beliebigen Objekts geprügelt. Die Schnellen, Starken oder Gewitzten entwickelten Methoden um ihre „Rechte“ durchzusetzen, sei es nun durch schiere Gewalt oder durch Handlungsgeschick – aka, Bestechung –, und der Rest – die Gutmenschen, die tatsächlich noch glaubten, das Karma sei ihnen wohlgesonnen – schauten in die Röhre.

Noch war niemand in seiner Wohnung verhungert – zumindest hörte man nichts davon –, doch rechnete ein nicht geringer Bestandteil der Menschheit damit, dass diese Zustände nur in einer finsteren Ecke darauf lauerten hervor zu preschen und ein großes Stück Fleisch aus ihnen herauszureißen. Den Virus selbst, der all dies verursacht hatte, fürchtete hingegen mittlerweile kaum mehr jemand, geschweige denn, dass über ihn viele Worte verloren wurden, obgleich er weiterhin mit ungezügelter Kraft wütete. Jedoch galt für die, die von ihm verschont blieben oder ihn überstanden hatten, an ganz anderer Frontline zu kämpfen, zu bangen und zu beten.

Nun, alles Beten hatte den Menschen in eben jenem Laden, in dem Kommissar Wellton und Anwärter Illinger sich derzeit befanden, nichts genutzt. Ihnen war eine gänzlich andere Macht erschienen, eine noch dunklere, uralte, nach Verwesung und Tod stinkende. Denn in Zeiten wie diesen, wenn Finsternis über die Länder hereinbricht, kommen lichtscheue Kreaturen aus ihren Löchern gekrochen und nutzen die Gunst der Stunde, um sich an dem Leid anderer zu laben. Um Zerstörung und Chaos über die Welt zu bringen.

Es war ein verhältnismäßig ruhiger Tag für den Laden gewesen, zumindest bis zu einer gewissen Stunde. Zu besagter Stunde am Nachmittag, wurde nämlich die Ware angeliefert, was mittlerweile jeder gute Bürger, der in diesem Stadtteil wohnte, nur allzu gut wusste. Vor diesem Stichpunkt, zu einer Zeit also, in der die Regale sich weitgehend leer und verwaist zeigten, hatten die Verkäufer gelangweilt hinter ihren Kassen gesessen und nur wenige Besucher begrüßt.

Obwohl, konnte hier wirklich von Langeweile gesprochen werden? Nein, ganz sicher nicht. Vielmehr starrten sie alle paar Sekunden gebannt auf die Uhr, während ihr Puls sich langsam, aber stetig zu beschleunigen begann. Sie fürchteten sich vor dem Moment, an dem die Ware ankam, denn dann würden die Leute ihren Laden stürmen und die Sachen von den Paletten reißen, bevor überhaupt die Chance bestand, sie in die Regale einzuräumen – aus diesem Grund hatte man einen Großteil der Regale auch abgebaut, so dass besagte Paletten nur noch aufgebaut werden mussten.

Die Frage warum sie sich diese Zustände überhaupt zumuteten, stellte sich unter den Verkäufern trotzdem niemand, denn die Antwort war denkbar simpel: Geld. Sie hatten im Gegensatz zu vielen anderen immerhin noch eine Arbeit, der sie nachgehen konnten und zudem auch noch einige… „Vergünstigungen“, in Form von Gütern, die sie sich schon vor Platzierung im Laden sichern dürften, was freilich nur ein Mittel darstellte, sie an sich und die Geschäftsstelle zu binden, denn Geld allein rechtfertigte diesen (Knochen-)Job schon lange nicht mehr.

So harrten sie also, die fleißigen Bienchen, der Minute, in der der Lastwagen anfahren und die begehrten Materialien liefern würde. Die Stimmung bis dahin als gedrückt zu bezeichnen, wäre einer maßlosen Untertreibung gleichgekommen. Man sprach kaum ein Wort, hing seinen Gedanken, Sorgen und Ängsten nach und ließ zu, dass dieses Gemisch immer weiter hochkochte und seine Dämpfe die Luft verpesteten.

Dann war es plötzlich soweit: Stunde Null. In dem Moment, in dem einige Mitarbeiter per Hubwagen die Paletten auf die Verkaufsfläche schoben, wurde die Tür zum Laden aufgerissen und eine Heerschar wilder Tiere stürmte herein.

Wie aus dem Nichts schienen sie zu kommen. Blind, rasend, regelrecht tollwütig. Man stieß sich gegenseitig beiseite um der erste zu sein, der die Folien von den Waren reißen konnte. Man nahm so viel man tragen konnte, in Maßen natürlich, denn je nach Art des Gutes, war der Einkauf auf eine bestimmte Stückzahl begrenzt, worauf scharf geachtet wurde.

Ebenso wie mehrere Sicherheitsleute – die ebenfalls von den Vergünstigungen profitierten – mit Argusaugen beobachteten, dass die Ausschweifungen keine überhandnahmen. Wer zu –übermäßiger – Gewalt überging, wurde herauskomplementiert. Ohne Einkauf. Nicht, dass sich dadurch diverse Übergriffe in diesem und anderen Läden komplett vermeiden ließen.

Nach einer guten Stunde war es auch schon wieder vorbei. Der größte Andrang versiegte und nur noch diejenigen, die es sich nicht leisten konnten oder wollten, sich diesem Wahnsinn auszusetzen, trudelten noch hinein, um die Reste abzugreifen. Die zahlreichen Verkäufer verrichteten nunmehr ihre Arbeit wie ausgehöhlte Zombies.

Diese eine kurze Stunde, die ihnen wie eine Ewigkeit vorgekommen war, hatte sie sämtlicher Kraft beraubt. Diskussionen darüber, dass man mehrere Haushalte versorge, einen Einkauf für seine Nachbarn mache oder Schuldzuweisungen, dass sämtliche Mitarbeiter an dem unmöglichen Zustand in ihrem Laden mitverantwortlich wären, waren regelmäßig laut geworden, während sich gleichzeitig weiter hinten Kunden gegenseitig anbrüllten, oder generell über alles und jeden beschwerten. Ein wahres Pulverfass also, in dem ein einziger Funke gereicht hätte, um es endgültig zur verheerenden Explosion zu bringen.

Gut nur, dass dieser Funke ausgeblieben war. Ja, es war stressig gewesen, ja, es hatte einige blaue Flecken gegeben, reichlich Frust und Wut sowieso, aber im Vergleich zu manch anderen Tagen, war dies fast schon ein guter gewesen. Verwunderlich, wie schnell sich doch die Grenzen der Definition „gut“ verschoben.

Und dann war, ehe sie sich versahen, der Feierabend näher gerückt. Zum Ende des Tages war es verhältnismäßig ruhig geblieben, ja, man hatte sich sogar schon fast ein wenig entspannen können. Einzig der Gedanke an die Ungewissheit, wann all dies sich wieder in Normalität wandeln würde, unterband ein erleichtertes Aufatmen. Vor allem, da auch Normalität keiner festen, unverrückbaren Grenze unterlag…

 

Wer hamstert da bei Nacht und Nebel?Bearbeiten

„Soweit so gut“, nickte Wellton. „Ein gewöhnlicher Tag, wie wir ihn derzeit in fast jedem noch geöffneten Laden erleben. Was mich jedoch zur ersten Frage führt: Wieso gehen Sie davon aus, dass sich das hier“, dabei deutete er auf den Tatort als Ganzes, „erst zum Feierabend hin abgespielt hat.“ Eine reine Test-Frage. Der Kommissar zweifelte selbst keine Sekunde daran, dass es genauso gewesen sein musste, doch wollte er seinen Partner langsam daran heranführen sich warmzulaufen, statt die generelle Situation zu beschreiben, wie sie sie regelmäßig auf den Straßen der Stadt erlebten.

„Netter Versuch Chef, aber wir wissen beide, dass die Indizien für sich sprechen. Die Opferzahl beschränkt sich allein auf Mitarbeiter und den Filialleiter. Keine Kunden oder Sicherheitsleute. Weiterhin wurde die Zentrale um kurz nach sieben verständigt, also eine knappe Stunde vor Ladenschluss. Zugegeben, das hier hätte sich auch deutlich früher abspielen können, doch auch wenn die Kundschaft nach dem großen Andrang deutlich nachlässt, versiegt sie doch nie gänzlich, wie die letzten Wochen mehrfach gezeigt haben. Und was das Sicherheitspersonal anbelangt: Die machen bekanntermaßen derzeit um sechs Feierabend, beziehungsweise begeben sich auf andere Posten, an denen sie dringender gebraucht werden, weil nachts ganz andere Orte derzeit zu Risikobereichen werden. Entsprechend hätten wir schon viel eher davon erfahren müssen, wenn es denn früher passiert wäre und können mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass die Tatzeit zwischen sechs und sieben liegt.“ Er machte eine kurze Pause und fügte dann leiser hinzu. „Außer wir gehen von allem Schlechten im Menschen aus und erwarten, dass mehrere dutzend treue Bürger nach Sichtung des Vorfalls nicht den Notruf gewählt oder eingegriffen haben.“

„Hmhm, soweit so gut“, machte der andere zufrieden. Etwas anderes hatte er auch nicht erwartet. „Weiter im Text: Wie lange glauben Sie, wird der Täter für sein kleines Werk hier gebraucht haben?“

Die Frage versetzte den Anwärter nicht einmal ins Grübeln. „Da wir davon ausgehen, dass es der gleiche Kerl ist, der sich schon für die anderen drei Fälle zu verantworten hat, müssen wir wohl auch davon ausgehen, dass er routiniert und geplant vorgeht. Alles in allem würde ich sagen, nicht länger als eine halbe Stunde. Und um Ihnen gleich zuvorzukommen: Glück. Er kann nicht jede Eventualität eingeplant haben, also hat er einfach darauf vertraut, nicht gestört zu werden. Andernfalls… nun, ich schätze eine Leiche mehr oder weniger, hätte für ihn keinen Unterschied gemacht.“

„Sind Sie sich da sicher?“, zweifelte Wellton. „Es hätte seine Botschaft, oder was auch immer das hier sein soll, stören können.“

Auch davon ließ er sich nicht verunsichern. Gelassen mit den Schultern zuckend, erwiderte er in einem Tonfall, mit dem man für gewöhnlich übers Wetter plaudern würde: „Dann hätte er sie halt anderweitig entsorgt. Beim Lieferanteneingang stehen auch die Tonnen. Und ja, ich hab es überprüft, keine weitere Leiche drin.“

Tadellos, sehr gut. „Schön… oder weniger schön“, korrigierte er sich verbittert. „Kommen wir zum Tathergang.“

„Gerne.“ Ob er das wirklich gern tat, konnte natürlich bezweifelt werden, doch war er zu sehr in seine Analyse vertieft, als dass er auf derartige Dinge achtgegeben hätte. „So wie ich das sehe, kam der Täter durch die Tür und hat als erstes direkt den Filialleiter mit einem Messer oder einer ähnlichen Stichwaffe attackiert, daher die Wunde in seinem Bein. Er wollte ihn vermutlich bewegungsunfähig machen. Erkennbar an dem Blut unter seinem Körper, welches nicht verschmiert worden ist.“

Er legte eine kurze Pause ein, um dem Kommissar die Gelegenheit für Einwürfe zu gewähren. „Soweit gehe ich mit. Fahren Sie fort.“

„Ich vermute, dass er danach eine Schusswaffe gezogen hat – wenn nicht schon vorher – um die anderen in Schach zu halten und am Fliehen zu hindern. Mit dem Messer hat er zudem wahrscheinlich weiterhin den Filialleiter bedroht und an ihre Menschlichkeit appelliert.“

„Mit anderen Worten: Wer zu fliehen versucht, hat den Tod eines Menschen zu verantworten.“

„Ganz genau“, bestätigte Illinger. „Ab hier an wird es ein wenig… kompliziert.“

Allerdings, das wurde es. Sie erreichten den Punkt, der Wellton auch noch Kopfzerbrechen bereitete. Wie hatte ein Mann, das allein schaffen sollen?

„Acht Menschen an einer Wand zum Erschießungskommando aufzureihen ist eine Sache“, überlegte der Anwärter. „Sie nacheinander zu erschießen, ohne dass jemand von ihnen versucht zu fliehen, eine ganz andere.“

Tatsächlich saßen alle acht leblosen Körper an der Wand gelehnt und in sich zusammengesackt da. Keine Spuren von Fesseln oder anderen Mitteln, mit denen sie festgehalten worden wären. Nach dem ersten Schuss wäre es sehr wahrscheinlich gewesen, dass selbst der größte Schock durch reinen Überlebensinstinkt überlagert wurde und zumindest ein Teil von ihnen wie aufgeschreckte Hühner losgerannt wäre. Im Idealfall hätten sogar ein oder zwei der Opfer genug Mut gefunden, sich auf den Täter zu stürzen. Sicher, es hätten nicht alle überlebt, aber wenigstens wären sie nicht wie die Lämmer vor die Schlachtbank geführt worden. Genau das, war jedoch passiert.

Keine Anzeichen irgendwelcher Abwehrreaktionen. Keine Fluchtversuche. Keine Kämpfe. Nur acht Leichen, die sich bereitwillig ihrem Schicksal hingegeben haben.

„Über die Reihenfolge kann ich ebenfalls nur mutmaßen“, führte Illinger weiter aus. „Allerdings gehe ich stark davon aus, dass zuerst die Mitarbeiter hatten dran glauben müssen.“

„In der Zeit, hätte der ihr Chef aber versuchen können, abzuhauen, oder meinen Sie nicht?“

„Zwei Möglichkeiten.“ Der junge Anwärter hatte auch auf alles eine Antwort parat. „Entweder der Täter hat ihn weiter bedroht, oder aber die Wunde am Bein hat eine Arterie erwischt und er war zu diesem Zeitpunkt schon zu schwach, um sich noch zu regen.“

„Dieses Rätsel wird hoffentlich der Gerichtsmediziner lösen können.“ Und wo sie gerade schon wieder beim Thema waren: Wo blieben die Jungs eigentlich? Von der Spurensicherung fehlte immer noch… nun ja, jede Spur. Wellton hätte darüber gelacht, wenn ihm danach zumute gewesen wäre. „Bleibt noch ein letztes Detail, dass wir nicht besprochen haben. Das Kernstück des Ganzen, sozusagen.“

„Ein nicht zu übersehenes Detail noch dazu“, stimmte Illinger zu, wobei er leicht den Kopf neigte und noch einmal besagtes Detail genauestens ins Auge fasste. Einen ganzen Batzen Toilettenpapier, um genau zu sein, der dem Leiter dieser kleinen, ehemals beschaulichen Filiale, aus dem weit aufgerissenen Mund ragte. Auch wenn er es beliebe noch nicht mit Sicherheit sagen konnte, befürchtete der junge Mann bereits, dass sie dieses Papier bis in den Tiefen seines Halses gesteckt finden würden. „Meinen Sie er ist erstickt, bevor er verblutet ist?“

„An Toilettenpapier erstickt…“ Dem Kommissar schauderte. „Das ist…“ Er fand keine Worte dafür. Beinahe hoffte er, dass der Kerl vorher an seiner Wunde verstorben war.

„Was meinen Sie Chef“, fuhr sein Partner in lockerem Ton fort, als würde ihn das Alles nicht im Geringsten tangieren, „hat er sich damit selbst übertroffen? Mein persönlicher Favorit, ist ja immer noch der mit den Nudeln.“

Ah ja, der letzte Fall vor ihrem jetzigen. Wellton erinnerte sich, als wäre es gestern gewesen. Was es nicht war. Glücklicherweise. Mehrere solcher Bearbeitungen direkt hintereinander und er würde vermutlich zusammenbrechen. Nicht dass es ihm mit der hiesigen Alternative so viel besser ging.

„Wirklich?“, erwiderte er trotz seiner Stimmung in gelassenem Ton. „Ich fand es ja ein wenig geschmacklos. Ich meine, dem Kerl während er schläft, zärtlich die Kehle aufzuschneiden, eine Packung Nudeln auszuschütten und sie ihm in den Hals zu stecken – sprichwörtlich – und dann seine Augen mit… ach, wie hießen die Dinger noch mal?“

„Farfalle, Chef. Italienisch für Schmetterling.“

Wellton sockte kurz, während er sich fragte, woher der Jungspund das nun wieder wusste, ehe er fortfuhr. „Ja, jedenfalls ihm diese Farfalle, statt Münzen auf die geschlossenen Lider zu legen…“ Er schüttelte den Kopf, fand auch dafür keinerlei passenden Formulierungen. „Abgesehen davon, ist die Botschaft in Zusammenhang mit unserem Freund hier“, dabei nickte er in Richtung der Leiche des Filialleiters, „ein wenig einfallslos, finden Sie nicht?“

„Ihr kriegt den Hals nicht voll genug?“ Der andere zuckte mit den Schultern. „Ich muss zugeben, es hat etwas sehr Prägnantes, Simples. Es ist eine brutale, unverfälschte Botschaft, die jeder erkennt, die keiner ausufernden Interpretation bedarf. Ich meine, in beiden Fällen hatten wir es mit Hamsterern zu tun. Der Kerl mit den Nudeln hatte einen ganzen Vorratsschrank und der Filialleiter, hat seine Stellung ausgenutzt, um Toilettenpapier zu bunkern, wie man an seinem Arbeitsplatz, an dem sich die Packungen, die er heute mitnehmen wollte stapeln, gut erkennen kann.“

Skeptisch hob der Kommissar eine Augenbraue. „Wenn man Sie so reden hört, Illinger, könnte man glatt meinen, Sie bewundern den Kerl.“

„Bewundern?“, fragte der junge Mann seinerseits verwundert. „Nein, kein bisschen. Er ist ein Monster, dass eingesperrt gehört, aber ich komme nicht umhin, ihn zumindest ein klein wenig zu verstehen. Seine Methoden sind ohne Frage falsch, seine Denkweise jedoch, würde dem ein oder anderen Mitglied unserer Gesellschaft sicher nicht schaden.“

Da hatte er nicht ganz unrecht. Wenn alle Welt aufhören würde verrückt zu spielen und nur an das eigene Überleben zu denken – dass so außerordentlich nicht einmal gefährdet war, zumindest von der Grundsituation her – würde es auch allen besser gehen. So viel Verstand konnte den Menschen jedoch in dieser Zeit nicht mehr eingeprügelt werden. Weder durch vernünftige Worte noch durch aggressives Vorgehen. Alles was der Täter damit erreichte, war die ermittelnden Beamten wie Bluthunde weiter auf seine Spur zu führen, auf dass sie seinem Treiben ein hoffentlich baldiges Ende bereiteten.

Um das Thema fortzuführen und die einsetzende Stille zu durchbrechen, die Wellton ein wenig nervös machte, erklärte er: „Mein Favorit ist immer noch der Mehl-Bunkerer.“ Kaum ausgesprochen bereute er es sogleich. Es fühlte sich absolut falsch an, in diesem Kontext von Favorisierung zu sprechen, die eine gewisse Bewunderung vermuten ließ. Andererseits beruhigte es den Mann beinahe, dass er sich vor sich selbst ekelte, bedeutete es doch, dass er noch nicht so abgestumpft war, wie er immer vermutete.

„Oh ja“, stimmte Illinger leidenschaftslos zu. „Was das für ein Feuerwerk gewesen sein muss, als mehrere Kilo Mehl in der Luft verteilt angezündet worden sind. Unser Täter hat seine Chemie-Hausaufgaben jedenfalls gemacht.“

„Allerdings“, knurrte der andere, dem die Erinnerungen an das zerstörte Dachgeschoss plötzlich wieder kristallklar vor Augen hing. Sie konnten sich glücklich schätzen, dass es nur den Mieter der Wohnung erwischt hatte und die restlichen Menschen wohlbehalten evakuiert worden waren. „Im Vergleich“, brummte er weiter, um diese Liste zu Ende zu führen und sich wieder anderen Dingen widmen zu können, „war der erste Fall schon beinahe langweilig.“

„Begraben unter Konservendosen“, nickte sein Partner bedächtig. „Das Opfer war von dieser Präsentation der Grausamkeit trotzdem ziemlich geplättet.“

Wellton klappte der Mund leicht auf, während er dem Anwärter einen flüchtigen, entsetzten Seitenblick zuwarf. Dann fasste er sich wieder und musste sich gar zusammenreißen, über diesen mehr als makabren Wortwitz nicht zu lachen.

Glücklicherweise wurde er gar nicht erst in die Verlegenheit gebracht, da kurz darauf die Tür hinter ihnen aufgestoßen wurde und ein schlaksiger, junger Mann hereinkam, der schnurstracks auf den Tatort zumarschierte und bereits die Umgebung über seine schmale Brille hinweg, durch kühle, berechnende Augen zu analysieren begann. „Entschuldigen Sie die Verspätung, viel los heute“, murmelte er im Vorbeigehen.

„Und wer sind Sie bitte?“, verlangte Wellton mit autoritärer Stimme zu wissen, wobei er sich – zumindest noch nicht – in Bewegung setzte, um den Eindringling festzuhalten.

Der Fremde kam zum Stillstand, drehte sich auf dem Absatz um und musterte einige Sekunden lang die beiden Polizisten, ehe er sich dazu herabließ eine Antwort zu liefern. „Der Gerichtsmediziner natürlich.“

 

Eine Nacht der Befreiung… Bearbeiten

„Aha“, machte Wellton wohlweislich nickend. „Und das können Sie sicher auch nachweisen.“

Der Mann verdrehte übertrieben die Augen, griff jedoch widerstandlos in die Innentasche seines dunklen Mantels, aus der er seine Brieftasche und kurz darauf einen Ausweis zutage förderte, der ihn als berechtigt auszeichnete, am Tatort anwesend zu sein und Untersuchungen vorzunehmen.

„Entschuldigen Sie Doktor Kreed“, erklärte der Kommissar nach einer kurzen Überprüfung, „dieser Tage kann man nicht vorsichtig genug sein.“

„Schon in Ordnung, Kommissar…“

„Wellton.“

„Wellton“, nickte er. „Erfreut Ihre Bekanntschaft zu machen. Wenn Sie dann gestatten würden?“

Erst verstand der Mann nicht, was der andere von ihm wollte, ehe es Klick machte. „Ja, natürlich, bitte. Wir wollten Sie nicht an Ihrer Arbeit hindern.“

Kreed verschwendete keine weitere Zeit, drehte sich wieder um und begab sich zu aller erst zu der Leiche des Filialleiters, um eine erste, grobe Untersuchung vorzunehmen. Eifrig, wie Wellton meinte. Eigentlich nach seinem Geschmack, doch irgendetwas störte ihn an dem Kerl. Es ging schon mit dem Namen los. Kreed… kam ihm seltsam vertraut vor, nur woran lag das? Und dann dieses aalglatte Verhalten und die Selbstverständlichkeit, mit der er reinspaziert gekommen war…

Bevor er dazu kam weiter darüber nachzudenken, unterbrach Illinger seine geistigen Prozesse. „Chef, ich mag mit den üblichen Abläufen noch nicht so vertraut sein, aber ist es nicht eher ungewöhnlich, dass der Gerichtsmediziner persönlich zum Tatort kommt?“

Fast schon beiläufig antwortete der Kommissar, wobei seine Augen unentwegt auf ihren neusten Zuwachs ruhten. „Kommt auf den Fall und seine Kapazitäten an. Etwas anderes ist es, was mich langsam viel mehr unruhig werden lässt.“

„Und das wäre?“

Statt zu antworten, machte er ein paar Schritte in den Raum hinein und stellte eine Frage an Kreed. „Hey, Sie wissen nicht zufälligerweise wo die Spurensicherung bleibt? Die Jungs sollten schon vor einer Stunde hier sein.“ Eine glatte Lüge, immerhin hatte er ja nicht einmal eine Ahnung, wie viel Zeit seit ihrem eigenen Eintreffen vergangen war, da er den Überblick verloren hatte.

„Kann ich Ihnen nicht sagen“, erwiderte der Mann, ohne aufzublicken. Seine Aufmerksamkeit galt voll und ganz der Leiche vor sich. „Allerdings habe ich vorhin gehört, dass heute, wie auch an jedem anderen Tag seit Wochen, einiges los ist. Also müssen Sie sich wohl einfach noch ein wenig gedulden, Kommissar Wellton.“

Müssen tat er überhaupt nichts. Dafür musste er sich schwer zusammenreißen, ihm diese Erwiderung nicht an den Kopf zu knallen. „Na schön“, murrte er eine schwache Antwort und verzog sich zurück zu Illinger.

Dieser hatte sogleich wieder eine Idee parat. „Was halten Sie davon die Zentrale zu kontaktieren, Chef? Vielleicht weiß man dort mehr, von unserer vermissten Spurensicherung.“

„Einen Versuch ist es wert“, meinte der Kommissar. Er hatte selbst schon daran gedacht, den Vorschlag jedoch nicht geäußert, da er als die Besinnlichkeit in Person auftreten wollte, als Vorbild, für den jungen Anwärter. Warten, gehörte schließlich zu ihrem Job dazu und das häufig genug mehr, als ihm lieb war, obwohl es ihm immer noch tausendmal lieber war, als ständig zu Tatorten wie diesem hier gerufen zu werden.

Jetzt jedoch hatte er quasi die Erlaubnis dazu seinem Bedürfnis nachzugehen. Also griff er an das Funkgerät an seiner Schulter, betätigte die Taste und fragte: „Zentrale?“

„Wellton?“, fragte eine freundliche, wenn auch zugleich ernste Stimme.

„Wollte nur mal fragen, ob ihr was von der Spurensicherung gehört habt. Wir warten hier schon… keine Ahnung, eine ganze Weile jedenfalls.“

„Nein tut mir leid Wellton, hab‘ nichts von den Jungs gehört. Momentan haben wir aber auch mit massiven Verbindungsschwierigkeiten zu kämpfen. Wenn die Leitungen nicht gerade heiß laufen, liegen sie brach. Wenn ich was höre, melde ich mich.“

„Alles klar, trotzdem danke.“ Und dann fügte er noch ohne einen bestimmten Grund hinzu: „Wenigstens ist der Gerichtsmediziner schon hier.“

„Warte, was für ein Gerichts…“ Dann brach die Verbindung auf einmal ab.

Der Kommissar wartete noch einen Moment, hörte jedoch nur Rauschen. Er betätigte noch einmal die Taste. „Zentrale?“ Nichts. So viel dazu…

Neben sich bemerkt er, wie Illinger ihm durch kaum merkliche Körpersprache vermittelte, dass er seine Aufmerksamkeit suchte. Als er aufblickte, erkannte er eine eindeutige Frage in seinen Augen, die auch ihm selbst sofort durch den Kopf geschossen war: Was hat er sagen wollen? Außerdem lag Anspannung und Wachsamkeit in seiner Miene. Der Junge spürte etwas, das gleiche Etwas, dass auch die Nackenhaare des Kommissars sich aufrichten ließ. Ihr Instinkt ließ ihre Alarmglocken schrillen. Gut, dass der Anwärter in einer entsprechenden Situation auf ihn hörte, dass konnte später den Unterschied zwischen Sekunden, vor allem aber zwischen Leben und Tod ausmachen.

„Na dass ging schneller als erwartet“, tönte plötzlich eine Stimme aus der Mitte des Raumes.

Wellton stellte keine Frage, er setzt nicht zu einer Erwiderung an, er verschwendete keine Zeit, sondern tat nur eines: Seine Waffe zücken und sie auf den angeblichen Gerichtsmediziner richten. „Hände hoch und hinter den Kopf verschränken“, bellte er mit gefasster Stimme einen Befehl.

„Oh bitte“, winkte der Mann ab, der sich schon vorher erhoben hatte und nähergekommen war – und dass ohne, dass einer der Polizisten es mitbekommen hätte. „Benehmen wir uns doch wie vernünftige Menschen, Kommissar. Nehmen Sie die Waffe runter und lassen Sie uns reden.“

„Sicher, sobald ich Ihnen Handschellen angelegt und Sie ins Revier gebracht habe, können wir uns gerne die ganze Nacht unterhalten.“

Der andere setzte ein schiefes Lächeln auf. „Und auf welcher Grundlage, wollen Sie mich festnehmen?“

„Mordverdacht.“

Jetzt lachte er tatsächlich kurz auf, aber es schwang keinerlei Wärme oder Freude in diesem Lachen mit. „Sie glauben, ich hätte das hier zu verantworten?“ Während er das fragte, breitete er die Arme aus und deutete auf den Tatort als Ganzes, wobei seine Miene wieder ernst wurde. „Ich versichere Ihnen, dass bin ich nicht.“

Nun war es an Wellton zu lachen. „Und Sie erwarten jetzt wohl, dass ich Ihnen das einfach glaube?“

„Nein, keineswegs. Sie haben allen Grund mich zu verdächtigen, bin ich Ihnen doch von Anfang an suspekt vorgekommen. Dennoch bitte ich Sie, mir einen Moment zuzuhören, danach werde ich mich freiwillig in Ihr Gewahrsam begeben.“

Das gefiel ihm gar nicht, aber eine Chance auf einen sich nicht wehrenden Verbrecher, zog er immer einer vor, bei der er Gewalt anwenden musste. Mit einem kurzen Blick zur Seite, bei dem er erstmalig feststellte, dass auch Illinger seine Waffe gezogen hatte und den angeblichen Gerichtsmediziner taxierte, gab er diesem zu verstehen, dass er auf das Angebot eingehen und erst einmal zuhören würde. Der Junge verstand sofort, blieb aber wachsam, wenn er nicht gar noch aufmerksamer wurde.

„Sehr schön“, nickte Kreed zufrieden, der ebenfalls ununterbrochen die Lage analysierte und dem nichts zu entgehen schien. „Wissen Sie, was das Problem an der aktuellen Situation ist, in der unsere schöne Welt sich befindet?“

Da er nicht fortfuhr, musste Wellton annehmen, dass es sich um keine rhetorische Frage handelte, weswegen er angespannt antwortete: „Nein, aber sicherlich werden Sie mich gleich erhellen.“

„Mit Vergnügen, obgleich ich erwähnen möchte, dass sie die Antwort sehr wohl kennen. Immerhin haben Sie Tag für Tag damit zu tun. Menschen, die während ihrer Einkäufe über die Strenge schlagen, nur an sich denken und deswegen zu Gewalt neigen. Menschen, die sich in ihren Wohnungen zusammenrotten, sich über ihr Leiden beklagen, über ihre Freiheitsberaubung, obwohl es ihnen im Gegensatz zu anderen noch gut geht. Sie sind gesund, haben alle Mittel, die sie zum Leben benötigen, aber das reicht nicht. Es reicht nie. Dann haben wir noch Menschen, die mit ihrem gewohnten Alltag schon nicht klar kommen. Die Schwermütigen und Depressiven. Eine Frage: Wie hoch ist die Suizidrate in den letzten Wochen und Monaten, seit der Abriegelung gestiegen? Höher als die Todesrate der Infizierten? Na, auch egal“, winkte er ab, ehe eine Erwiderung erfolgen konnte.

Da er es jetzt schon nicht mehr ertrug, unterbrach der Kommissar seinen redseligen Verdächtigen. „Worauf wollen Sie hinaus, Kreed? – Sofern dass ihr richtiger Name ist.“

Davon ließ dieser sich jedoch nicht beirren. „Nur die Ruhe, Kommissar Wellton, Sie werden es gleich erfahren und nein, ist er nicht, aber das spielt im Augenblick keine Rolle. Wo waren wir gerade? Ah ja. Das Problem ist denkbar simpel: Es ist der Mensch selbst.“

„Machen Sie nicht sowas…“ Seine Aussage triefte nur so, vor Sarkasmus.

Aber auch das, brachte sein Gegenüber nicht im Geringsten aus der Fassung. „Na, na, na, Herr Kommissar, keine voreiligen Schlüsse.“ Hätte er dafür nicht die Hand runternehmen müssen, er hätte vermutlich tadelnd mit dem Zeigefinger gewinkt. „Sie erkennen nicht das große Ganze. Wie sehr wurden Sie zuletzt von Ihrer Arbeit in Anspruch genommen, hm? Doppelt so viel, wie sonst? Dreifach? Vierfach? Mit was haben Sie es so zu tun? Gewaltdelikten im Lebensmittelladen nebenan? Selbstmorden? Vandalismus von größeren Gruppen, mit erhöhtem Promillewert, die ihrem Frust Luft machen?“ Er drehte sich leicht zur Seite und nickte in Richtung der Leichen. „Ein paar symbolische Morde?“ Er legte eine kurze Kunstpause ein, ließ seine Worte wirken, sich langsam entfalten… Es ging Wellton tierisch gegen den Strich und er verlor langsam die Geduld. „Die Sache ist die: Das sind Kleinigkeiten, Peanuts, wenn Sie so wollen, verglichen zu dem, wozu die Menschen fähig wären, wenn man Ihnen nur den richtigen Anstoß gibt.“

„Oh das wird ja immer besser“, raunte der Kommissar. „Die Welt hat im letzten Jahr nicht angefangen zu brennen, da wird sie nicht urplötzlich mit der spontanen Selbstentzündung anfangen. Ja, es gab und gibt diverse Zwischenfälle, aber die meisten…“

„Die meisten Menschen, sind vernünftig, natürlich“, stimmte er zu, bevor der andere ausreden konnte. „Aber die meisten Menschen sind auch Egoisten und vor allem Herdentiere. Sie folgen dem Stärkeren, in dem Glauben, dass sie einen Vorteil aus ihm ziehen können und der Stärkere ist nicht selten, die Masse. Und wenn die Masse erst einmal gewisse Entscheidungen trifft, nun, dann zieht der Rest der Herde meistens mit.“

Da hatte er leider nicht ganz unrecht… Wellton würde sogar soweit gehen, die Herde als Ganzes, als dumm zu bezeichnen. Das Individuum für sich konnte noch so intelligent sein, geriet die Allgemeinheit in Panik oder stürmte geradewegs von wie auch immer geartete, voreiligen Schlüssen los, widersetzten sich nur die wenigsten, da sie mitgerissen wurden und Gefahr liefen, unter den Massen zertrampelt zu werden, wenn sie doch dagegen ankämpften.

Und dennoch: Ihre aktuelle Situation mochte nicht rosig sein und Kreed in vielen Punkt richtig liegen, aber das bedeutete noch lange nicht, dass die Apokalypse schon an ihre Tür klopfte. Sie würden einfach noch ein bisschen länger durchhalten müssen. Es erforderte einen langen Atem, zugegeben, doch sie hatten ein so weites Stück des Weges bereits hinter sich gebracht, da würden sie den Endspurt auch noch schaffen.

„Ich weiß was Sie jetzt denken, Herr Kommissar“, riss Kreed ihn aus seinem frohen Mut. „Aber Sie vergessen etwas: Niemand weiß, wie lange wir noch auszuharren haben. Ein Impfstoff ist immer noch in weiter Ferne, ein Heilmittel sowieso. Die einzige Heilung, die wir bisher gegen das Virus haben ist Zeit und Hoffnung und beides, hält nicht ewig an. Vor allem Letzteres, wird viel zu schnell von Verzweiflung verdrängt, von Frust, Wut und anderen angestauten Emotionen, die nur darauf warten endlich ausbrechen zu dürfen. Die Menschen selbst warten darauf, endlich aus ihren Käfigen aus…“

Er wurde mitten im Satz durch eine laute, krächzende Stimme unterbrochen, die aus Welltons Schulter kam. Oder vielmehr, war es sein Funkgerät, dass plötzlich zum Leben erwachte und verkündete: „An alle Einheiten, es gab eine Explosion in der… Was?“ Der Beamte lauschte kurz einer Stimme, die niemand außer ihm hören konnte. „Was soll das heißen, ein Ausbruch? Kubin… Oh mein Gott.“

Die letzten Worte ließen dem Kommissar das Blut in den Adern gefrieren. Diese Andeutung… konnte es sein, dass…? Nein, unmöglich! Er packte sein Funkgerät und verhaspelte sich beinahe bei der darauffolgenden Frage, so schnell sprach er. „Zentrale, was ist da los?“ Keine Reaktion. „Zentrale, bitte kommen!“

Während er seine Aufmerksamkeit voll und ganz auf den Versuch richtete, eine Verbindung herzustellen, verlor er Kreed aus dem Fokus. Glücklicherweise hatte er den aufmerksamen Anwärter Illinger an seiner Seite, der den Verdächtigen keine Sekunde aus den Augen ließ. Nicht, dass es einen Unterschied gemacht hätte, denn der Gerichtsmediziner in spe, schien ohnehin nicht vorgehabt zu haben, irgendwelche krummen Dinger zu drehen. Vielmehr stand er gelassen da und lächelte leise in sich hinein.

„Zen…“, setzte Wellton erneut an, wurde jedoch durch die erneut erklingende Stimme unterbrochen.

„An alle… -heiten. Es gibt … Zwischen-… der ganzen Stadt. Wir… Versu-…“ Und dann nichts mehr, nur noch Rauschen.

Feine Schweißperlen bildeten sich auf der Stirn des Mannes, der eindeutig und definitiv, ohne jeden Zweifel, zu alt für diesen Bockmist war, der sich hier gerade abspielte. Jede Faser in seinem Körper war zum Zerreißen gespannt, sein Herz raste und pumpte Adrenalin durch sein Venen. Einerseits fühlte er sich von Energie erfüllt, andererseits wollte er sich nur hinlegen und darauf warten, dass jemand kam und ihm erzählte, dass das alles nur ein schlechter Scherz gewesen war. Oder ein Traum. Ja, ein Traum wäre gut gewesen.

Doch dazu kam es nicht. Er blieb stehen, versteinert und fassungslos, unfähig eine Entscheidung zu treffen. Vermutlich hätte er rausgehen sollen, um mit eigenen Augen zu sehen, was sich da abspielte, aber das wollte er nicht. Unter gar keinen Umständen wollte er das.

Ein leises Kichern riss ihn aus seiner Trance. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf den Hauptverdächtigen. „Was haben Sie getan?“, hauchte er kaum hörbar.

„Ich?“, fragte Kreed belustigt. „Gar nichts. Ich habe nur gewartet. Auf den rechten Augenblick. Er ist zu früh eingetreten, ich hatte gar keine Chance, meine Rede zu Ende zu führen“, er zuckte mit den Schultern, „aber mir soll es recht sein. Meine Beobachtungen und Einschätzungen haben sich größtenteils als richtig erwiesen. Niemand kann von mir erwarten, den Moment des Ausbruchs punktgenau bestimmen zu können.“

„Was für einen Scheiß reden Sie da?“, verlangte der Kommissar nun brüllend zu erfahren. Aus seiner Paralyse erwuchs Wut und das Verlangen irgendetwas oder irgendjemanden kleinzuschlagen.

„Chef, Sie…“

Doch er hörte Illinger nicht einmal mehr. Stattdessen stürmte er auf das einzige Ziel zu, dass er noch sah. Innerlich machte er bereits ihn verantwortlich. Für alles. Die Morde, das vorherrschende Chaos, scheiße noch mal, vermutlich war der Kerl selbst an dem Virus schuld. Und an Hungersnöten, Weltkriegen und genereller Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben. Schuldig im Sinne der Anklage, Fall abgeschlossen, das Urteil lautet Hinrichtung, durchgeführt an Ort und Stelle.

Soweit würde er natürlich nicht gehen, aber er könnte, oh ja. Dieser ganze Mist ging ihm so gegen den Strich. Vor über einem Jahr hat es angefangen, als Kubinsky und sein ganzes Team bei diesem verfluchten Fall in der Seeburger Straße hatten dran glauben müssen – mehr oder weniger, immerhin lebte der Kommissar Kubinsky ja noch und Anwärter Griedfeld galt immer noch als vermisst. Nicht, dass es das so viel besser machte.

Ganz im Gegenteil, seitdem ging alles nur noch bergab. Wellton spürte das Alter an sich zehren. Damit hätte er ja noch leben können, wenn nicht kurz darauf, dieser vermaledeite Virus seine Fühler ausgestreckt und die Welt zum Verrücktspielen veranlasst hätte. Er bekam meine ruhige Nacht mehr, hatte mit immer extremeren Fällen zu kämpfen. Häusliche Gewalt, Prügeleien, Suizide, Totschläge… Mord. Er hatte genug, wollte nur, dass es endlich aufhörte. Wollte, nur… Frieden. Sich von diesen Lasten befreien.

Er sah ein, dass Kreed recht hatte. Schon wieder. Und er hasste sich dafür. Aber egal, damit konnte er sich später beschäftigen. Sobald er den Kerl krankenhausreif geprügelt hatte.

Gerade als er ihn erreichte, alle Muskeln gespannt, um seinem Gegenüber das breiter werdende, eiskalte Lächeln aus der Fresse zu polieren, geschahen mehrere Dinge gleichzeitig. Erst hörte er noch einmal Illinger rufen. „Chef!“ Dann, wie die Ladentür aufgestoßen wurde und gleich darauf einen ohrenbetäubenden Lärm, der alles andere überdeckte.

Eine Welle aus Hitze flammte über seinen Rücken und eine Welle aus Druck schleuderte, nein, katapultierte ihn gegen Kreed, mit dem er zusammen mehrere Meter flog und unsanft aufprallte. Irgendwie hatte der Kerl es geschafft sich im Flug leicht zu drehen, so dass es Wellton war, der den Aufprall am härtesten zu spüren bekam. Es trieb ihm die Luft aus den Lungen und bei dem Versuch, selbige wieder zurück zu pumpen, hatte er arge Schwierigkeiten. Zum einen, weil sein gesamter Körper aufgrund der Schmerzen, die ihn von überallher gleichzeitig anbrüllten, sich mit aller Kraft dagegen wehrte, zum anderen, weil es scheinbar nicht mehr genug davon in seiner Umgebung gab. Da war nur unerträgliche Hitze, die allen Sauerstoff vertrieb.

Was war geschehen? Wollte er das überhaupt wissen? Nein. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er die Lider geschlossen gehalten und sich dem ewigen Schlaf hingegeben, doch so leicht machte sein Körper es ihm nicht. Darauf trainier immer einsatzbereit zu sein und bis zum Letzten zu kämpfen, arbeiteten seine Lungen weiter, während sein Geist wach blieb. So wach zumindest, wie er ihn noch aufrechthalten konnte.

Nachdem er sich halbwegs an die immer noch von allen Seiten pochenden Schmerzen gewohnt hatte und feststellte, dass das Atmen zwar schwer ging, aber nicht unmöglich war, öffnete er die Augen und betrachtete die Zerstörung.

Der Laden zeigte sich als Trümmerfeld. Der Eingangsbereich existierte quasi nicht mehr. Da war nur Schutt, Metallteile, die in alle Richtungen zeigten, Glassplitter und Feuer. Zur Mitte des Geschäfts hin, wurde die Zerstörung geringer, dafür entdeckte Wellton ein anderes, schreckliches Detail in diesem Bild des Chaos: Illingers reglosen Körper, ungefähr dort, wo zuvor noch Kreed gestanden hatte.

„Ill…“, krächzte der Kommissar. Kaum ein Ton kam über seine Lippen. Plötzlich bemerkte er eine Bewegung neben sich. Ruckartig riss er den Kopf zur Seite, was er sogleich bereute, da sich alles um ihn herum zu drehen begann. Schwindel hin oder her, dennoch erkannte er sofort, worum es sich bei dem sich bewegenden Objekt handelte.

Panisch tastete er mit seinen Händen zu beiden Seiten nach seiner Waffe, doch er fand sie nicht. Bis seine Augen sich, fast wie von selbst, auf den Gegenstand in Kreeds rechter Hand fokussierten.

Nein, dachte er, jedoch nicht verzweifelt oder in Angst, sondern lediglich mit einem seltsam zufriedenstellenden Gefühl, der Endgültigkeit. Das war’s alter Junge, deine Tage sind gezählt. Zeit Abschied zu nehmen. War schön mit euch. Man sieht sich in einem anderen Leben.

Aber so einfach sollte er es nicht haben.

Statt auf ihn zuzugehen, lief Kreed nämlich von ihm weg und auf den immer noch regungslosen Anwärter zu. Wellton wollte etwas sagen, wollte ihn hindern, wollte irgendetwas tun, doch alles was er zustande brachte, war ein kaum wahrnehmbares Stöhnen, dass seiner Kehle entstieg.

Somit konnte er nur daliegen und zusehen, wie der angebliche Gerichtsmediziner sich neben Illinger kniete, seinen Puls fühlte, den Kopf schüttelte, sich wieder aufrichtete, die Hand hob und drei Schüsse in den Kopf des wehrlosen jungen Mannes abfeuerte. Schnell hintereinander. Präzise. Erbarmungslos. Dem Kommissar drehte sich der Magen um.

„Du verdammte Bastard, dafür reiße ich dir dein schwarzes Herz aus dem Leib!“, hätte er gerne geschrien, doch raus kam nur weiter dieses unnütze Gestöhne.

Sein neu auserkorener Erzfeind kam auf ihn zu, um sich neben ihm niederzuknien, wie er es zuvor bei seinem Partner getan hatte. „Sehen Sie es ein, Herr Kommissar, der Junge wäre sowieso gestorben. Er stand der Explosionsquelle am nächsten. Es ist ein Wunder, dass er überhaupt noch gelebt hat. Und wo wir gerade dabei sind: Sie“, dabei deutete er kurz mit der Waffe auf ihn, was ihn jedoch keine Sekunde auch nur zucken ließ, „machen auch nicht mehr lange, wenn wir uns nicht um Sie kümmern. Gut, dass ich mir tatkräftige Unterstützung besorgt habe. Er wartet sicher schon draußen, also wollen wir uns ein wenig beeilen, ja?“

Statt zu versuchen eine Erwiderung zu äußern – was sowieso schief gegangen wäre – taxierte Wellton sein Gegenüber nur mit finsterem Blick

„Oh, jetzt sehen Sie mich nicht so an Kommissar. Ich habe Sie doch gewarnt und Sie hatten mehr als genug Gelegenheit und Zeit, sich aus der Affäre zu ziehen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Was kann ich dafür, dass Sie mir nicht glauben wollten?“ Jetzt drehte er halb den Oberkörper und schwang dabei weitflächig den Arm. „Die Welt da draußen, befreit sich endlich, wie ich es vorhergesehen habe. Ein paar Menschen, ein paar Gruppen, die die Steine ins Rollen brachten, haben eine ganze Stadt dazu animiert, ihre Ketten zu sprengen und auf die Konsequenzen ihres Handelns zu pfeifen. Sie werden wüten, sie werden toben, sie werden zerstören und was Ihnen vermutlich am wenigsten gefällt: Sie werden den Bestien dieser Welt Deckung gewähren, so dass sie sich im Schutze der Nacht und des Chaos mal so richtig austoben können. Sie glauben mir nicht? Dann nehmen Sie sich einen Moment und lauschen Sie…“

Alles in dem Mann sträubte sich dagegen, dieser Aufforderung nachzugehen, doch was blieb ihm denn anders übrig? Er fühlte sich nicht dazu in der Lage auch nur einen Arm zu heben, wie sollte er sich da die Ohren zuhalten? Also lauschte er und was er hörte, ließ ihn innerlich beben.

Selbst über das Knistern des Feuers konnte er sie hören: Menschen. Dutzende von ihnen, die auf den Straßen unterwegs waren. Sie sangen in Chören irgendwelche Parolen, so krumm, schief und durcheinander, dass sich kein klares Wort daraus vernehmen ließ. Durchbrochen wurde dieser schiefe Singsang durch das Scheppern von zerspringenden Glasscheiben, durch Autoalarme, durch wildes Gekreisch und Gebrüll, durch alle nur erdenklichen Formen, in denen Gefühlen Raum geschaffen werden konnte.

Irgendwann hatte Wellton genug. Er ertrug es nicht mehr mit anhören zu müssen, wie seine Stadt, die zu schützen er sich vor Jahren einmal geschworen hatte, vor die Hunde ging. Es war ja nicht so, dass er sie nicht verstand. Die Menschen, die die Gelegenheit beim Schopfe packten. Ihm selbst war es schließlich nicht anders ergangen. Und dennoch… diese Maßnahmen waren doch nur zu ihrem Schutz ergriffen worden, zum Schutze aller, während alle gleichermaßen darunter zu leiden hatten.

Aber stimmte das wirklich? Stammte ein Hauptteil des Frustes nicht daher, dass es selbst in dieser Situation, in der ein Virus das Leben aller bedrohte, ein Teil der Menschheit immer noch besser dran war, als der Rest? Ein nicht unerheblicher noch dazu? Geld regierte selbst in diesen Zeiten immer noch die Welt und wer es besaß, stand auf der grüneren Seite des Zauns. Natürlich spielten noch ganz andere Faktoren eine Rolle, jede Menge, individuelle sogar, doch wog dieser wie in so vielen anderen Bereichen auch, mitunter am schwersten.

„Wie ich sehe, erkennen Sie es jetzt“, frohlockte Kreed. „Und um auf ihre stumme Frage zu antworten: Gar nichts. Ich sagte es bereits, aber ich wiederhole mich gern: Ich habe nichts mit alldem zu tun. Schuld daran trägt der allein der Herdentrieb. Ich gestehe höchstens ein, ihn ein wenig für meine Zwecke ausgenutzt zu haben. Wissen Sie Wellton, ich beobachte Sie nun schon so lange… etwas über ein Jahr, mittlerweile und endlich ist sie gekommen, meine Stunde.“ Er legte ein breites, fast schon diabolisches Grinsen auf. „Soll ich Ihnen ein kleines Geheimnis verraten, Herr Kommissar?“ Er kam ganz nah, um dem Mann ins Ohr flüstern zu können. „Ich bin eines der vielen Monster, die aus ihren finsteren Löchern gekrochen kommen, wenn Dunkelheit sich über die Ländereien ausbreitet und Sie, mein Freund, kennen meinen wahren Namen nur allzu gut.“

„Griedfeld“, hauchte der Kommissar, wobei seine Augen sich weit öffneten. Er wusste nicht woher diese Erkenntnis auf einmal kam, doch einmal ausgesprochen, zweifelte er keine Sekunde daran, dass er mit seiner Aussage goldrichtig lag. Er verstand nur nicht, wie das sein konnte. Dieser Kerl… oder was auch immer er war… Er sah nicht aus wie der junge Anwärter, der vor einem Jahr verschwunden war. Oder zumindest nicht so, wie Wellton ihn in Erinnerung hatte. Andererseits, je länger er ihn betrachtete, desto mehr schien sein Gesicht vor ihm zu verschwimmen, sich zu verändern, als passe es sich automatisch seiner Vorstellung an.

Das Lächeln auf den Lippen seines Gegenübers blieb, doch wirkte es auf einmal fast schon warm und ehrlich. Er hob eine Hand und tätschelte liebevoll die Wange des anderen. „Haben Sie mich also endlich erkannt, Großvater Wellton? Dann kommen Sie, draußen wartet ein alter Bekannter.“

Mitkommen konnte er natürlich schlecht von sich aus, weswegen Griedfeld ein wenig nachhelfen musste, indem er hinter ihn trat und ihn rauschleifte. Und tatsächlich, als sie in die Nacht hinaustraten, die erfüllt war von den Aktivitäten der sich selbst Befreiten, erblickte Wellton ein nur allzu vertrautes Gesicht, dass er an einem Ort wie diesem, jedoch nie wieder zu erblicken erwartet hätte.

„Kubinsky“, flüsterte er beinahe ehrfürchtig, bevor er in eine lang anhaltende Ohnmacht fiel, aus der er erst an seinem Bestimmungsort wieder erwachen würde. Wo und wann, dass auch immer war.

 

… und ihre Folgen Bearbeiten

Am Ende dieser Nacht, als die Sonne langsam am Horizont hervorbrach und die Welt in ihr gleißendes Licht tauchte, begonnen die Menschen zurück in ihre Wohnungen und Häuser zu kriechen. Unter der Herde vermischt, krochen auch die Kreaturen der Finsternis zurück in ihre Löcher. Beide Parteien hatten sich gelabt, sich ihren Begierden hingegeben oder von denen der anderen (ver)leiten lassen.

Die Zerstörung und das Chaos aufzuräumen, sollte die Stadt nicht nur mehrere Tage, sondern auch mehr Geld kosten, als sie sich eigentlich leisten konnten. Dieser Umstand wurde ihr mit deutlich ruhigeren Umgangstönen vergolten.

Die die es nötig hatten, hatten geplündert und ihre Vorräte aufgestockt.

Der, der es als inneres Bedürfnis verspürte, hatte einiger dieser Menschen aufgesucht und sie noch an Ort und Stelle mit mehr von ihren bevorzugten Gütern versorgt, als sie vertragen konnten. Er sollte noch wochenlang wüten, ehe er gefasst wurde. Bis dahin würde sein Name in den Zeitungen sich längst als Hamsterer-Killer etabliert haben.

Die, die sich eingesperrt und ihrer Freiheit beraubt gefühlt hatte, haben Gelegenheit genug bekommen, ein wenig frische Luft zu schnuppern, ehe sie sich bereitwillig zurück in den Kerker einschlossen, den sie sich selbst in ihren Köpfen geschaffen hatten.

Diejenigen, denen der Kontakt zu anderen versagt geblieben war, haben ihn ausgiebig genossen und dabei das Virus, dass lange nicht kontrolliert, aber zumindest eingedämmt worden war, neu angefeuert. Die Zahl der Neuinfizierten innerhalb einer kurzen Zeit, erreichte in dieser Nacht ihren örtlichen, historischen Höchstpunkt.

In den folgenden Tagen und Wochen wurden die Reglementierungen erst schärfer angezogen, jedoch gleichermaßen weniger stark durchgesetzt, da es einen starken Rückgang an gegenseitigem Verrat unter Nachbarn zu verzeichnen gab. Irgendwann lockerte man die Zügel wieder und das Ergebnis blieb gleich. Eine Zeit lang zumindest.

Einkäufe sollten geregelter und mit weniger Drängeleien und Prügeleien vonstattengehen – gänzlich aus blieben sie jedoch nicht.

Gewalt unter Familien, Freunden und Bekannten gab es ebenfalls weniger, ebenso wie die Zahl der Suizide sich minderte.

Keiner dieser Umstände hielt ewig. Je weiter die Nacht der Befreiung in die Vergangenheit rückte und desto mehr die Menschen erneut in ihrer Gedanken- und Gefühlswelt versanken, umso mehr schossen auch die Zahlen wieder in die Höhe, wodurch Polizei und Notärzte nach einer verhältnismäßig kurzen Atempause, schon bald wieder alle Hände voll zu tun hatten.

Andere Städte aus anderen Ländern, nahmen sich ein Beispiel an dieser Nacht und es kam zu gleichen oder ähnlichen gebündelten Ausschreitungen. Die Folgen fielen überall beinahe deckungsgleich aus. Überlegungen wurden angestellt, die Einschränkungen, die allerorts eingeführt worden waren zu lockern, um weitere Klimaxe dieser Art zu vermeiden. Die Ideen dazu jedoch weitgehend verworfen, da die Angst vor dem Virus weiterhin die Oberhand behielt.

Anwärter Illingers Leiche wurde Stunden nach seiner Ermordung geborgen. Er bekam ein anständiges Begräbnis, seine Familie trauerte lange um ihn.

Von Kommissar Wellton fehlt seit jener Nacht jede Spur. Ebenso bleibt der Aufenthalt des ehemaligen Kommissar Kubinsky, der nach einer verheerenden Explosion aus der Nervenheilanstalt, in der er betreut worden war, fliehen konnte, ungewiss.

Beide Fälle sollten Monate später zu en Akten gelegt werden.

Die Suche nach einem gewissen Griedfeld wurde nie wieder aufgenommen, da es dazu keine Veranlassung gab.

Einen Gerichtsmediziner namens Kreed, hat es nie gegeben.  

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