Deutsches Creepypasta Wiki
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Zweierlei Schwur[]

„Hey Drake, ich bin zu Hause!“

„Kaum zu überhören. Du trampelst durch das Treppenhaus, wie eine ganze Herde Elefanten!“, kam prompt die Antwort aus der Küche.

Indes John sich die Schuhe auszog, lachte er leise in sich hinein. Sein Bruder hatte schon Recht, er war ein Trampeltier. Alte Gewohnheiten wurde man nicht so schnell los und diese, hatte früher eine ausgezeichnete Möglichkeit die Erzieher des Waisenhauses, in dem sie groß geworden sind, auf die Palme zu bringen. Ein Akt der Rebellion, gegen die Ungerechtigkeit der Welt, vor allem aber gegen Strafen, wie das Ausfallen des Abendessens, weil die beiden mal wieder nur Unsinn im Sinn hatten.

„Wie war dein Tag?“, fragte Drake, als John in die Küche kam, wo bereits das Essen zubereitet wurde.

„Frag‘ nicht. Aber du kennst ja die Regel: Was muss, das muss.“

„Ha!“, lachte der Andere. „Wie könnte ich das nur jemals vergessen ...“ Er verzog dabei ein wenig die Miene, besann sich der alten Tage, in denen er diese Worte einmal zu oft gehört hatte.

Da die Stimmung zu kippen drohte, beeilte der Jüngere sich, zu fragen: „Was zauberst du heute wieder Schönes?“ Es war aus Johns Sicht, keine Übertreibung, wenn er behauptete, sein Bruder würde beim Kochen zaubern. Für ihn stand fest, dass dieser mit seinen Künsten den Teufel Höchstselbst bestechen könnte. Verschwendetes Talent, wenn er bedachte, dass seine bessere Hälfte fast ausschließlich für ihn am Herd stand.

„Ach nichts Besonderes“, erwiderte Drake, dessen Laune sich nur bedingt besserte. „Hatte heute keine Lust mich groß zu bemühen, daher simple Bolognese.“

„Du weißt doch, dass mich das nicht im Geringsten stört.“ Ein lahmer Spruch, der keine weitere Resonanz hervorbrachte. Der Koch rührte stumm in der Soße rum, der Heimgekehrte stand unschlüssig in der Tür.

Da Letzterer sich dabei langsam unwohl fühlte, machte er kehrt und es sich auf der Couch bequem. Er schnappte sich die Fernbedienung und zappte zwischen Nachmittagsgerichtsshows zu Soaps zu Dokumentationen durch.

Läuft mal wieder nur Scheiße im Fernsehen, dachte er murrend, was ihn sonst nicht kümmerte, heut aber sein Gemüt nicht förderte. Deswegen schaltete er die Flimmerkiste wieder aus. Dem folgte ein resigniertes Wegwerfen der Fernbedienung, begleitet von einem tiefen Seufzen. Der Abend versprach spaßig zu werden ...

Just in diesem Moment kam Drake mit den Tellern rein, reichte John seinen, setzte sich neben ihn und legte die Füße auf den Tisch. Auf seinem Gesicht ruhte ein sanftes Lächeln.

„Also gut, was machen wir heute?“, fragte er überraschend fröhlich.

John, der sich unlängst daranmachte seine Mahlzeit zu verschlingen, da er jetzt erst bemerkte, was für ein Hunger seinen leeren Magen quälte, war sich nicht sicher, wie er darauf antworten sollte. Vor allem da ihn der Hundertachtziggradschwenk der Laune seines Bruders irritierte. „Ähm ... keine Ahnung. Hast du was Bestimmtes im Sinn?“

„Nun, du hast morgen frei, richtig?“, erkundigte Drake sich, indes er seelenruhig aß. Nichts schien ihn jemals wirklich aus der Fassung zu bringen.

„Ja, wieso?“

„Tja, zufällig bin ich vorhin selbst mit meinem aktuellen Projekt fertig geworden. Also lass uns heute Abend mal wieder ein wenig raus gehen. Um die Häuser ziehen halt.“

Bei dem „Projekt“ handelte es sich um irgendwelchen Computerkram, von dem John nichts verstand. Sein Bruder verdingte sich in Selbstständigkeit und arbeitete von zu Hause aus. Er hingegen war in einem Altenheim als Pfleger angestellt.

Obgleich der Tag ihn geschlaucht hatte und er längst sein Bett rufen hörte, stimmte der Jüngere zu, schon, um die Gemütslage nicht gleich wieder zu kippen.

Mit dem Essen fertig und gesättigt, saßen beide auf der Couch und schauten in die Leere, indes die Zeit an ihnen vorbeistrich.

Keinen der Brüder drängte es, sich sofort auf den Weg zu begeben, dafür stand die Sonne ohnehin noch zu hoch am Himmel. Daher saßen sie nur da, schwiegen, genossen die Gesellschaft des jeweils anderen. Für sie brauchte es keine stete Unterhaltung, kein ununterbrochenes Gerede, gemeinsam die Ruhe genießen zu dürfen, war ihnen oft schon genug.

„Hey John?“, fragte Drake nach einer Weile.

„Hm?“

„Erinnerst du dich noch an die Zeit, im Waisenhaus?“

Die Frage versetzte ihm einen Stich, nicht nur wegen der Heiterkeit, die sie kürzlich erst wieder erlangt hatten, sondern auch aufgrund so mancher Bilder, die unvermittelt auf ihn einprasselten. „Wie könnte ich sie jemals vergessen?“, fragte er bitter.

„Dann erinnerst du dich auch an unseren Schwur, den wir gesprochen haben, als wir die dunkelsten Stunden unseres Lebens erreichten.“ Seine Stimme klang nüchtern, tonlos.

Der Andere schluckte. Die Bilder wurden schärfer, förmlich kantig. Sie schnitten tief. „Sicher weiß ich das noch“, flüsterte er. „Wir haben uns geschworen, für immer zusammen zu bleiben, alles auszuhalten und alles zu teilen. Ob Freude oder Schmerz. Es ist einerlei. Wir gehören zusammen und werden es immer bleiben.“

„Ja.“ Danach schwieg Drake. Mehr gab es dazu nicht zu sagen. Was einzig zählte, war, dass sie dies nie vergaßen.

Das große Schweigen hielt erneut Einzug, bis die rechte Stunde schlug und die Sonne sich langsam im abendlichen Rot verabschiedete.

Da erhob Drake sich. „Hey, wir sollten bald los, nicht das wir noch einschlafen.“

John erwachte nur langsam aus seinem tranceartigen Zustand. Er brauchte einen Moment, um zu reagieren. „Klar.“

Zwei die sich fanden[]

„Oh man, was für ein Abend!“, rief Drake laut aus, als sie wieder zu Hause ankamen. Sein Pegel überstieg weit das Maß, welches noch unter gesund gewertet werden konnte.

John nickte nur stumm und grinste in sich hinein. Er hatte zwar ebenfalls einen über den Durst getrunken und fühlte sich angenehm angetrunken, aber den Zustand seines Bruders hatte er lange nicht erreicht.

„Okay, ich ...“, lallte dieser. „Ich geh erst mal ins Bad und dann ... was wollte ich dann machen?“, fragte er, mitten im Wohnzimmer und im Begriff stehend, auf der Stelle einfach umzukippen.

„Vielleicht ins Bett gehen und schlafen?“, schlug der Andere vor, der wenig Lust verspürte, seine bessere Hälfte rüber und auf die Matratze schleppen zu müssen.

„Schlafen?! Bist du irre?! Ich kann doch jetzt noch nicht ...!“ Er torkelte ein wenig hin und her, fing sich in letzter Sekunde auf, indem er sich am Sofa festhielt, wobei er den Eindruck erweckte, sich weiterhin auf einem schwankenden Schiff zu befinden. „Obwohl. Du hast recht ... schlafen klingt gut.“ So schlich er hin und her wankend davon und marschierte direkt ins Schlafzimmer, wo er sich vermutlich ohne Umwege ins Bett fallen ließ. Dass er nochmal ins Bad wollte, hatte er schon längst wieder vergessen.

John sah seinem Bruder kopfschüttelnd hinterher, wartete, bis dieser außer Sichtweite war, und griff in seine Jackentasche. Er zog den Zettel heraus, den er seit einer gefühlten Ewigkeit mit sich rumschleppte, während das Gewicht der Notiz unentwegt auf ihm lastete. Darauf stand eine Nummer sowie ein Name: Jennifer.

Die Brüder waren in dieser Nacht in so manche Bar eingekehrt, hatten getrunken, sich unterhalten, gelacht, waren von einer Location zur nächsten gezogen, hatten sich treiben lassen. Eine dieser vielen Etablissements war John jedoch besonders im Gedächtnis geblieben.

An einem Tisch, nahe der Fensterfront sitzend, hatte Drake von seinem neuesten Projekt erzählt. Nicht nur, dass John die Hälfte davon ohnehin nicht verstand, war es ihm überdies nicht möglich gewesen, der anderen Hälfte zu folgen, da seine Aufmerksamkeit von etwas oder vielmehr jemandem, abgelenkt worden war.

Er hatte die ganze Zeit nur Augen für die hübsche Dame gehabt, die für sich allein am Tresen saß, ungerührt von ihrer Umwelt, die von ihr ebenso wenig Notiz zu nehmen schien – mit einer Ausnahme. Wie es der Zufall wollte, bemerkte sie nach einiger Zeit ihren heimlichen Beobachter und machte im Gegensatz zu ihm, keinen Hehl daraus, dass sie nun ihrerseits ihn musterte.

Irgendwann war Drake aufgestanden, um die Toiletten aufzusuchen – John hatte gar nicht mitbekommen, dass der Redefluss seines Bruders versiegte und er auf einmal allein da saß – da war seine Angebetete zu ihm herübergekommen und hatte ihm einen Zettel auf den Tisch gelegt.

Ein kurzer Blick hatte ihm sogleich verraten, was darauf stand. Wieder aufschauend, hatte er nur ein Zwinkern geerntet, ehe die Dame, die offenkundig Jennifer hieß, ohne ein weiteres Wort davonzog und ihn verdutzt zurückließ.

Noch völlig benommen, hatte John die Notiz in seiner Jacke verstaut. Kurz darauf war Drake zurückgekommen, sie hatten bezahlt und waren weitergezogen. Der eine der beiden hatte weiterhin wie ein Loch gesoffen, der andere war dafür zu sehr in Gedanken versunken, hatte sich danach gesehnt, nach Hause zu gelangen.


Nun waren sie endlich zurück. Drake schlief längst tief und fest – sein lautes Schnarchen drang aus dem Schlafzimmer – und John stand seit Minuten unschlüssig mitten im Raum, indes er auf ein kleines Stück Papier und die feine Handschrift starrte.

Da war er, der Moment auf den er den ganzen Abend gewartet hatte, länger gar, denn die Sonne schob sich bereits über den Horizont, um den neuen Morgen zu begrüßen. Aber in seinem Kopf herrschte nichts als Leere, sein Körper ließ sich nicht davon überzeugen, irgendetwas zu unternehmen.

Die Minuten zogen sich schon wie Kaugummi, da fasste er kurzschlussreaktionsartig endlich seinen Mut und setzte sich in Bewegung. Er griff nach dem Telefon, wählte die Nummer und verharrte in letzter Sekunde, als sein Daumen über der Taste zum Bestätigen des Anrufs schwebte.

Nun komm schon, drück endlich! Was hast du zu verlieren? Sie hat dir doch nicht umsonst ihre Nummer gegeben!, ermahnte er sich und wählte.

Es klingelte ein Mal, zwei Mal, drei Mal … Vielleicht schläft sie schon? Sein Herzschlag schien sich dem rhythmischen Tuten anzupassen. Es hämmerte von innen gegen seine Rippen. Vier Mal, fünf Mal ... Er wollte schon auflegen, da ging endlich jemand ran.

„Ja?“, kam es aus dem Hörer.

John war wie gelähmt. Da er nicht mehr damit gerechnet hatte, dass sie abhob, sah sein Hirn sich nicht in der Lage, ihm nur einen einzigen, sinnvollen Satz zu präsentieren – nicht, dass er sich im Voraus groß Gedanken darüber gemacht hätte ...

„Ähm ... Hi!“, stammelte er vor sich hin und kam sich wie der größte Idiot vor. Am liebsten hätte er direkt wieder aufgelegt und das Ganze vergessen, aber wie zuvor, weigerte sein Körper sich, etwaigen Befehlen zu gehorchten. Verräter!

„Ja hi, wer ist denn da?“ Bevor sie ihm Gelegenheit gab, etwas zu erwidern, sprach sie schon weiter. „Moment! Bist du etwa mein heimlicher Beobachter, aus der Bar?“

„Ähm ...“ Die Fähigkeit zu besitzen, im Boden zu versinken, das hätte er gut gebrauchen können. „Ja, der ... der bin ich wohl“, holperte er weiter über die Sätze, nur um überhastet hinzuzufügen: „Es tut mir leid, ich wollte eigentlich nicht so spät, äh … früh noch anrufen aber ... Ich konnte einfach nicht mehr warten.“ Oh verdammt, was rede ich da?! Er spürte förmlich, wie sein Gesicht feuerrot anlief.

Auf der anderen Seite herrschte Schweigen. „Sind Sie noch da?“, fragte John zweifelnd. Fast wünschte er sich, sie wäre es nicht.

„Oh ja sicher, tut mir leid“, sie kicherte kurz. „Ich ... puh ... ich muss ehrlich sein. Ich hab‘ sowas noch nie gemacht, ich weiß auch nicht, was mich da überkommen hat.“

„Oh ... ich verstehe.“ Peinlich oder nicht, diese Reaktion ließ Enttäuschung sich in ihm ausbreiten.

„Nein nein, so meinte ich das nicht!“, widersprach die Andere schnell. „Ich meine ... ach ich weiß auch nicht, wie ich das sagen soll. Ich sah dich nur dort so sitzen und ... nun ja, du wirktest einfach anziehend auf mich ...“ Eine kurze Pause. „War das jetzt zu direkt?“

Da er genauso empfand – und sich gleichzeitig Erleichterung darüber einstellte – erklärte John: „Nein. Nein, ich weiß, was Sie meinen.“

Wieder ein Augenblick Stille. „Kannst du mir den Gefallen tun und aufhören mich zu Siezen?“

„Oh.“ Sein Gesicht wechselte von feuer- zu tomatenrot. Er war nie glücklicher, einem Gesprächspartner nicht direkt gegenüberzusitzen. „Tut mir leid. Das ist nur so eine Angewohnheit.“

Erneutes Kichern. Ein gutes Zeichen ... oder? „Ist doch kein Problem, gehört ja schließlich auch zum guten Ton. Also Fremder, wie heißt du eigentlich?“


Das Gespräch hielt eine ganze Weile an. Sie unterhielten sich über Gott und die Welt, Belanglosigkeiten, lernten sich ein wenig kennen und Johns Anziehung zu Jennifer wuchs mit jeder Minute.

Allerdings wurde er mit der Zeit immer müder, da die verstrichenen Stunden ohne Schlaf, sowie die Strapazen des Arbeitstages an ihm zerrten. Bald schon konnte er kaum mehr die Augen aufhalten, weswegen sie sich verabschiedeten.

Mit einem Grinsen im Gesicht und dem Versprechen auf ein zeitnahes Wiederhören begab er sich zu Bett. Ehe er in einen traumlosen Schlaf fiel, spielte sein Geist noch ihre letzten Worte, wie ein Lied wieder und wieder ab: „Bis bald.“

Zweites Treffen[]

„Hey John, steh auf, wir sollten langsam frühstücken. Weißt du eigentlich, wie spät es ist?“ Der Angesprochene öffnete die Augen und erfuhr es schlagartig, denn er schaute auf den Wecker vor sich, welcher die Botschaft mit grausamer Präzision präsentierte. Er zeigte neun Uhr morgens an ...

Ist das sein Ernst?, lautete der einzige Gedanke, zu dem sein übermüdetes Hirn fähig war.

„Oh gottverflucht, ich habe so einen verdammten Kater ... Was haben wir gestern bitte alles gesoffen?“, fragte Drake grummelnd, indes er langsam aus dem Zimmer schlich. Er war demnach selbst gerade erst aufgestanden.

Der Andere erinnerte sich nur bruchstückhaft. Nicht, dass das eine Rolle spielte. Wenn es nach ihm ginge, hätte er sich auf die andere Seite gedreht und weitergeschlafen. Aber da er nun schon mal wach war ...

Beim Frühstück war John nicht dazu in der Lage zuzuhören. Er bemerkte zwar, dass Drake ihm die ganze Zeit über etwas erzählte, dass sich sein Mund bewegte und ein endloser Schwall Worte sich daraus ergoss, vermochte aber partout nicht zu folgen.

Einerseits hielt die Tonnenschwere seiner Müdigkeit weiterhin an ihm fest, zerrte nicht nur seine Aufmerksamkeit, sondern auch seine Augenlider mit hinab, anderseits umkreisten seine Gedanken einen deutlich priorisierten Aspekt, der im Begriff stand, sich in sein Leben zu schleichen.

Nach dem Frühstück teilte Drake mit, dass er sich wieder hinlegen wolle. Er wäre immer noch total verkatert und hätte sich wohl etwas überschätzt, was seinen „Wachheitsgrad“ anbelangte.

John, der seinerseits mittlerweile langsam einen Zustand erreichte, der als halbwegs ansprechbar gewertet werden konnte, zeigte sich nicht begeistert. Da wurde er schon so früh geweckt, nur damit der Verantwortliche für diesen unmenschlichen Akt, sich wieder aufs Ohr haute. Sein Klagen hielt sich dennoch in Grenzen, da ihm auffiel, dass dieser Umstand sein Spektrum an Möglichkeiten für den Tag, drastisch erweiterte.

Kaum das Drake sich zurückgezogen hatte, begab er sich ins Wohnzimmer, suchte sein Telefon, wählte die Nummer, welche sich in sein Gedächtnis gebrannt hatte und wartete. Es dauerte eine ganze Weile, bis seine Gesprächspartnerin sich mit einem knappen: „Hallo?“, meldete.

„Hi, ich bin’s.“ Anders als zuvor ging John bei weitem selbstsicherer vor. „Ich hoffe, ich habe dich nicht geweckt.“

„Um genau zu sein hast du das“, meldete sich ihre Stimme auf der anderen Seite. „Aber das ist schon okay. Auch wenn ich heute frei habe, verschlafe ich ungern den ganzen Tag. Also was gibt’s?“ Im Gegensatz zu ihm klang sie recht munter, vor allem dafür, dass sie just in diesem Moment erst geweckt wurde.

Aber dieser Gedanke drang gar nicht zu ihm durch, da ein anderer sich mit ausgespreizten Ellenbogen vorkämpfte: Sie hat frei ...

„Okay“, antwortete der Andere nach einem Moment des Überlegens. „Das mag jetzt etwas direkt klingen, aber hast du heute schon was vor?“ Insgeheim schlich sich der Zweifel wieder an ihn heran. Er rechnete mit einem: Ja, ich habe heute jede Menge zu tun, sorry. Oder schlimmer: Weißt du, nachdem ich jetzt eine Nacht drüber geschlafen hab‘ ... Aber die Antwort fiel zu seinen Gunsten aus.

„Nein, wieso?“

Johns Herz machte einen Hüpfer. Entgegen der Zerschlagung seines Pessimismus lauerte dieser weiterhin in den Schatten, bereit jederzeit vorzupreschen und über sein Versagen zu lachen.

„Nun, ich hatte überlegt, dass wir uns vielleicht, treffen könnten.“ Damit war es raus, jetzt gab es kein Zurück mehr.

Das Schweigen, welches ihm im ersten Moment entgegen dröhnte, ließ seinen Mut sinken. Hatte er sich doch selbst überschätzt, sich zu früh gefreut? Mit jeder verstreichenden Sekunde wurde er nervöser.

„Klar“, kam schließlich die erlösende Antwort. „Hast du schon einne bestimmten Ort im Sinn?“

Den Drang im Zimmer auf- und abzuspringen, unterdrückte er nur mit Mühe. Stattdessen legte sich ein breites Lächeln auf sein Gesicht. „Wie wäre es, mit der Bar von gestern?“

„Ist mir recht. Wann kannst du da sein?“

„In zwei Stunden?“

„Alles klar. Dann bis in zwei Stunden, Sweetheart.“ Sie legte auf.

John nahm das Telefon zur Seite und saß noch eine Weile regungslos da. Das Bewusstsein über seine nahende Verabredung, die er soeben vereinbart hatte, sickerte nur langsam durch. Ebenso wie die Erkenntnis, dass er sich dafür fertig machen sollte.

Jäh sprang er auf und begab sich daran, die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Nur nicht zur Ruhe kommen und zulassen, dass sein Hirn im Steine in den Weg legte, Fragen stellte, die mit was wenn ...? begannen und Zweifel säten, wo soeben Hoffnung keimte.

In seiner Aufregung war er so beschäftigt, dass er nicht mitbekam, dass die Tür zum Schlafzimmer einen Spalt weit offen stand. Durch diesen hindurch musterte ihn die undurchdringliche Miene Drakes, welcher sich nach einiger Zeit wieder zurückzog und hinlegte.

Knappe zwei Stunden später erreichte John wie abgesprochen die Bar. Jennifer saß bereits an einem Tisch und schaute erwartungsvoll auf, als er hereinkam. Ihre Blicke trafen sich, die Welt schien stillzustehen, wenngleich nur für Sekunden, da sie eben keine Rücksicht nahm, und ein weiterer Gast, der eintrat, ihn von hinten anrempelte, wodurch der Bann gebrochen wurde.

Davon ungerührt, da seine Aufmerksamkeit von ihrer Präsenz gefangen war, ging er zu ihr und setzte sich. Sie gerieten sogleich ins Reden, führten fast nahtlos ihr Gespräch der Nacht zuvor fort. Beiläufig bestellten sie, unterhielten sich weiter, so vergingen Stunden.

Das gleißende Licht der Sonne überquerte den Himmel, Besucher gingen in dem Etablissement ein und aus, die Bedienung tuschelte über das Paar, welches völlig von sich vereinnahmt schien. Die beiden bekamen von alldem nichts mit. Sie hatten nur Augen für sich, bemerkten nicht, wie die Zeit verstrich.


John gähnte herzlich. Indessen lösten sich seine Augen für einen Moment von seinem Gegenüber und wanderten zu einem der großen Fenster herüber, durch die nicht länger das Grell des Morgens hereinschien, sondern das Rot der Dämmerung. „Wie lange sitzen wir hier schon?“, fragte er leicht schockiert.

„Gute Frage“, erwiderte Jennifer schulterzuckend, unbekümmert. Sie schaute auf ihre Armbanduhr. „Auf jeden Fall schon eine ganze Weile. Es ist gleich acht.“

„Acht?!“ Der Mann zeigte sich fassungslos. Obschon er seine Reaktion bereute, da diese sicher keinen guten Eindruck auf seine Gesprächspartnerin schindete, kam er nicht umhin, dass seine Gedanken unweigerlich um Drake kreisten, dem er nicht mitgeteilt hatte, wo er sich aufhielt. Was wenn dieser sich sorgte? Panisch die Stadt nach ihm absuchte? Wie oft kam es schon vor, dass einer von ihnen ohne Ankündigung verschwand? Strenggenommen, wie oft kam es überhaupt vor, dass einer von ihnen etwas ohne den anderen unternahm?

Im Grunde nie, lautete die nüchterne Antwort, die John einen Schauer über den Rücken jagte, ohne dass er so recht wusste warum. Dessen ungeachtet warf er einen kurzen Blick auf sein Handy, aber dieses zeigte keinerlei Benachrichtigungen an. Sein Bruder hatte ihn weder versucht zu erreichen, noch ihm geschrieben.

Was wenn er etwas ahnte ...? Aber nein, woher denn? Und selbst wenn, warum bereitete dieser Gedanke ihm Sorgen? Sein gehetzter Verstand ließ ihm keine Zeit, dem weiter nachzugehen.

Vermutlich pennt er immer noch ... Eine plausible Erklärung. Das bedeutete, wenn er jetzt nach Hause ging, könnte er es rechtzeitig schaffen ...

Er wurde aus seiner Überlegung gerissen, als Jennifer fragte: „Stimmt was nicht?“

Erneut schreckte er hoch, da er beinahe vergessen hatte, dass er nicht allein hier war. Schuldgefühle machten sich in ihm breit und wurden intensiver, da er feststellte, dass zweifelnd dreinschaute. Ein wenig so, als ob sie glaubte, etwas falsch gemacht zu haben. Ein Eindruck, den er auf gar keinen Fall erwecken wollte.

„Nein. Nein!“, versicherte John daher eilig. „Es ist nur ...“ Ja was? Dass er seinen Bruder vergessen hatte, in mehrerlei Hinsicht? Immerhin hatte er ihn ihr gegenüber bislang nicht einmal erwähnt. Warum eigentlich? Es war ja nicht so, dass er sich für ihn schämte oder so ... Und dennoch hinderte eine Art Beklemmung ihn daran, nur seinen Namen in den Mund zu nehmen.

„Ich war nur kurz in Gedanken“, schloss er lahm.

„Okay ...“ Sie wirkte nicht überzeugt. Zu Johns Überraschung fragte sie dennoch gleich darauf: „Sag mal, du hast zufällig Lust noch zu mir zu kommen?“

Dieser überlegte fieberhaft. Ja, selbstverständlich!, wollte er ausrufen, aber wenn er jetzt mitging, würde er definitiv erst nach Drakes Erwachen nach Hause kommen. Dann wiederum standen die Chancen ohnehin gegen ihn und außerdem: Was gab es dahingehend zu befürchten? Er beging doch kein Verbrechen ... oder?

Je mehr Sekunden verstrichen, desto mehr verhärmte sich Jennifers Mimik. Sie würde nicht ewig warten und er sie im Zweifel nie wiedersehen. Außer er erklärte sich, aber dafür war es jetzt auch zu spät. Abgesehen davon, war es ja nicht so, dass er nicht wollte ...

„Sehr gern“, antwortete er daher.

Zweifel am Morgen[]

In den Morgenstunden des nächsten Tages grübelte John auf seinem Rückweg fieberhaft, wie er Drake gegenübertreten sollte. Zwischenzeitig entfachte gar der schwache Hoffnungsschimmer, dass sein Bruder womöglich den ganzen Tag verpennt hatte – so unwahrscheinlich das auch klang.

Eine Illusion, die sich nicht bewahrheitete.

Als er nach Hause kam – wobei er die Tür möglichst leise öffnete und sich hineinschlich – fand er in der Küche einen putzmunteren Drake am Essenstisch sitzend vor. Besagter Tisch war zum Frühstück gedeckt worden. Darüber hinweg musterte ihn ein Augenpaar, das unergründlich stierte und nur diese eine Botschaft übermittelte: Ich habe auf dich gewartet.

„Hi Drake“, versuchte der Jüngere es mit einer lockeren Konversation, bekam jedoch keine Antwort.

Der Andere saß nur da, die Hände ineinander verschränkt, das Kinn darauf abgestützt. Sein Gesicht eine steinerne Make.

Dieser fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Noch weniger wie zuvor. „Wie ich sehe, hast du bereits Frühstück gemacht.“ Weiterhin keine Antwort. Er trat von einem Fuß auf den anderen. „Ich weiß, du fragst dich sicher, wo ich war ...“

„Nein, das tue ich nicht.“ Die Worte kamen so unvermittelt, dass der Bruder zusammenzuckte. Nüchtern, monoton. Ähnlich wie seine Mimik und gesamte Körperhaltung, in der sich nichts änderte. Als wäre er zur Statue erstarrt.

Nach einer bedeutungsschwangeren Pause fuhr er fort. „Ich weiß es.“

John schluckte. Warum kam er sich nur so vor, als stünde er vor Gericht und das Urteil kurz bevor? Er redete hier doch mit seinem Bruder! Aber Familienbande hin oder her, der Mann, der ihm auf einmal wie ein Fremder erschien, ließ Angst in ihm erwachen. Eine, die er sich nicht zu erklären vermochte, auf die nur sein Unterbewusstsein und tief vergrabene Erinnerungen eine Antwort hatten.

„Ich habe dein Telefonat gestern Morgen mitgehört“, erklärte Drake weiter. „Das nächste mal solltest du vielleicht warten, bis ich wirklich eingeschlafen bin.“

„Drake ich ...“ Der Angesprochene erhob sich aus seinem Stuhl. Das Leben in ihn geriet, ließ das Herz des Anderen schneller schlagen und ihn einen vorsichtigen Schritt zurückmachen. Ein Teil von ihm kam sich albern vor. Ein anderer wollte rennen ...

Drake hob eine skeptische Augenbraue, was in seinem sonst weiterhin ausdruckslosem Gesicht nicht fragend wirkte, sondern die stumme Anklage untermauerte.

„Was ist denn?“, erkundigte er sich und lachte kurz humorlos auf. „Hast du etwa Angst vor mir? Vor deinem eigenen Bruder?“ Während er das fragte, stand er immer noch am Essenstisch. Seine rechte Hand ruhte mit aufgelegten Fingern darauf. Nicht weit entfernt von einem Messer, wie John feststellte.

Dieser schaute eilig auf, schüttelte über sich selbst den Kopf. Was dachte er da nur?! „Nein!“, beeilte er sich, zu sagen. „Nein“, wiederholte er etwas schwächer. „Natürlich nicht.“ Mit jeder Silbe troff mehr Unsicherheit hinaus. Ohne sich dessen bewusst zu sein, setzte er einen weiteren Fuß nach hinten. „Das wäre doch albern, nicht wahr?“ Er lachte nervös.

Sein Gegenüber stimmte nicht ein, musterte ihn nur unentwegt. „Genau meine Rede. Du hast also jemanden kennen gelernt, ja? Und ich gehe wohl recht in der Annahme, dass du gestern bei ihr warst?“

„Ähm ... ja.“ John fühlte sich entblößt. Als würden seine dunkelsten Geheimnisse offenbart, als lägen diese aufgeschlagen wie ein Buch, für jeden einsehbar.

Jetzt umrundete Drake den Tisch. Der Blick des Jüngeren fiel auf diesen, das Messer verweilte an Ort und Stelle. Dennoch überkam ihn das Drängen einen weiteren Schritt rückwärts zu tätigen. Oder hundert. Im besten Fall sich umzudrehen, auf die Kennzahl zu pfeifen und schlicht zu rennen.

Er unternahm nichts dergleichen. Harrte der Ankunft seines Bruders, welcher gleich darauf nur wenige Zentimeter vor ihm stehen blieb.

„Na dann“, meinte Drake, wobei er einige Sekunden lang die Spannung in die Höhe trieb, indem er erneut verstummte und erstarrte.

Dann geschah alles sehr schnell. Ein Lächeln, warm und herzlich, breitete sich auf seinem Gesicht aus, er posaunte: „Herzlichen Glückwunsch, Bruderherz“, und preschte vor, um ihn so fest zu umarmen, dass dem Anderen glatt die Luft wegblieb.

Der Schrecken Johns löste sich wie ein Knoten. Er atmete erleichtert auf, erwiderte die Umarmung. Was hatte er sich nur gedacht?

Schließlich löste sein Bruder sich von ihm, hielt ihn aber weiter vor sich. „Zeit wurde es“, sagte er, wobei er ihm auf die Schulter klopfte. „Komm, lass uns frühstücken.“

Damit setzten sie sich, um bei heiterer Stimmung ihr gemeinsames Mahl zu sich zu nehmen.

Wenn zwei sich streiten ...[]

Nach jenem Morgen kam es lange Zeit zu keinen Zwischenfällen dieser Art mehr. Die Brüder verstanden sich wie eh und je und Jennifer wurde zu einem festen Bestandteil in Johns Leben.

Schon bei ihrem nächsten Treffen erzählte er ihr endlich von Drake, dass sie eine gemeinsame Wohnung bezogen und quasi unzertrennlich waren. Dies führte zu einer ganzen Reihe Rückfragen, die der Euphorie über die Erzählung einen herben Dämpfer verpassten.

Das mulmige Gefühl kehrte zurück. Er sprach nur selten über seinen Bruder, ihr Verhältnis zueinander und vor allem nicht über das Fundament, welches dieses begründete. Die Vergangenheit ...

Das dies schwer auf ihm lastete, schien seine Freundin zu merken, weswegen sie die Fragerei alsbald einstellte, womit das Thema jedoch lange nicht vom Tisch war. Statt ihn zu löchern, stellte sie nur gelegentlich Fragen, woran er sich gewöhnte und daher über die Wochen langsam aus sich herauskam.

Es tat gut, sich diese Dinge von der Seele zu reden, sich jemandem anzuvertrauen, jemand Außenstehendem. Obwohl ihn gleichzeitig das schlechte Gewissen packte, da ihn das Gefühl beschlich, seinen Bruder damit zu verraten.

Was völliger Unsinn war, da dieser die Veränderung im Leben des Jüngeren wohlwollend begrüßte. Er freute sich für ihn, ließ nie ein negatives Wort fallen, selbst dann nicht, als bereits fast ein Jahr ins Land zog und John die beiden immer noch nicht vorgestellt hatte.

Ein Umstand, der sich rächen sollte ...


„Oh man, das ist so gut!“, staunte Jennifer, noch halb kauend. „Wo hast du so Kochen gelernt?“

John, der ihr gegenüber am Wohnzimmertisch auf dem Sessel saß, während sie die Couch ihrer kleinen Wohnung vereinnahmte, lächelte milde. „Ach das ist doch gar nichts“, winkte er ab, da es ihm jedes Mal unangenehm war, wenn sie so übertrieb, was seine „Kochkünste“ anbelangte. „Das habe ich alles von Drake gelernt und erreiche dabei nicht mal ansatzweise sein Niveau.“

„Kaum vorstellbar, bei dem was du so erzählst ...“, murmelte die Andere.

Die Temperatur im Raum sank schlagartig um ein paar Grad. John ließ sein Besteck sinken. „Wie war das?“

Sie merkte, dass sie einen Fehler begangen hatte, von dem es kein Zurück mehr gab. Dennoch versuchte sie es. „Oh sorry, ich wollte nicht ... vergiss es einfach.“

„Nein“, erwiderte ihr Gegenüber. „Was meinst du damit?“

Jennifer schaute ihn einen Moment lang unschlüssig an. Dann legte sie ihr Besteck selbst nieder, festigte ihre Miene und erklärte deutlich selbstsicherer: „Es ist nur, in all den kleinen Erzählungen, in denen du mir von den Heldentaten deines Bruders berichtest – die ich wohlbemerkt gar nicht anzweifeln will! – habe ich stets das Gefühl, dass er gleichzeitig der Verursacher des Ärgers war, aus dem er dich später rausgeholt hat.“ Sie seufzte schwer. „Er scheint wirklich ein guter Kerl zu sein, aber ...“

„Aber was?“ Johns Hände verkrampften, seine Innereien ebenso. Es brodelte in ihm, er sah rot. Wut kochte in ihm hoch. So redete niemand über seinen Bruder!

Seine Freundin nahm dies wahr, schien darum aber weniger besorgt, sondern mehr mitleidig, was das Feuer nur schürte. „Hey, ich wollte dich nicht verärgern.“ Sie hob abwehrend die Hände. „Ich kenne ja auch nicht die ganze Geschichte, also ...“

„Nein, tust du nicht.“

Ihr Mund verwandelte sich zu einem Strich. Aus Erfahrung wusste John, dass sie es überhaupt nicht leiden konnte, unterbrochen zu werden. Wenn er nicht achtgab, würde jeden Augenblick Zorn an Zorn prallen, aber er vermochte nicht aufzuhören.

„Du warst nicht dabei“, zischte er. „Du weißt nicht, wie es war. Wie die Verwalter des Waisenhauses uns behandelt haben. Wie ...“ Ihm stockte der Atem. Erinnerungsfetzen prasselten auf ihn ein. Unvollständige, doch nicht minder grausame Bilder.

Und stetig war da nur Drake, der ihn hielt, ihn tröstete, ihm in dunklen Nächten gut zuredete und vor den Schrecken, die vor ihrer Tür lauerten, beschützte.

Nein, sie hatte keine Ahnung.

Bruchstück um Bruchstück sammelte sich in seinem Verstand. Verstörend. Irritierend. Er bekam sie nicht zusammen, wusste nur schemenhaft um die Nachtmahre, die im Gesamtbild lauerten. Es bereitete ihm Kopfschmerzen, darüber zu sinnieren.

So in sich versunken, bemerkte er fast nicht mehr, sich weiterhin in Gegenwart von Jennifer zu befinden.

Diese beobachtete ihn eine Weile und schwenkte dann das Thema ein wenig um. „In welchem Waisenhaus ward ihr noch gleich untergebracht?“

„Hale.“ Das Wort schoss wie ein Blitz, nicht nur durch seinen Mund, sondern auch seinen Geist. Ein grelles Leuchten, das ihn mit tausenden von Nadelstichen malträtierte.

„Nach der Leiterin benannt“, murmelte er mit bitterem Unterton. Eine schemenhafte Gestalt prangte vor ihm. Eine ernste, forschende Miene. Als würde sie unentwegt nach Mitteln suchen, dem Objekt, das sie betrachtete, größtmögliche Qualen zu bereiten.

„Also habe ich es doch richtig verstanden. Seltsam. Ich habe ein wenig recherchiert und unter dem Namen Hale kein Waisenhaus gefunden, nur eine ...“

„Du hast was?!“ John war unvermittelt aufgesprungen. Die Richtung, in die sich das Gespräch entwickelte, versetzte ihn, ohne dass er zu sagen vermochte warum, in panische Angst. Angst, der er mit sich weiter steigerndem Zorn begegnete.

„Ich wollte nur ...“, doch er ließ sie nicht zu Wort kommen.

„Nein!“ Er schüttelte den Kopf. „Du wolltest gar nichts.“ Seine Stimme klang eisig. „Du hast nichts zu wollen. Hör auf, in unserer Vergangenheit zu wühlen. Das geht dich nichts an. Mein Bruder geht sich nichts an. Verstanden?“

Es war seiner Raserei nicht förderlich, dass Jennifer sich davon unbeeindruckt zeigte. Ihre Miene war zu einer eisernen Maske geworden. „Ja, sicher“, erwiderte sie kühl. „Es ist wohl besser, wenn du jetzt gehst.“

Ein Stich, doch kein Vergleich zu denen der Vergangenheit, die weiterhin auf ihn niedergingen.

John machte auf dem Absatz kehrt, schnappte sich seine Sachen und ging ohne ein weiteres Wort.


Zuhause angekommen, erwartete ihn Drake im Wohnzimmer sitzend. Als sein jüngerer Bruder eintrat, hob dieser eine fragende Augenbraue. „Schon zurück?“

John ging nicht darauf ein, warf nur seine Sachen in die Ecke und sich auf die Couch neben den Anderen.

„Ärger im Paradies?“, neckte der Ältere.

„Lass uns nicht darüber reden“, kam als brummende Antwort.

Drake zuckte mit den Schultern. „Okay. Ist ja nicht so, dass das was Neues wäre.“

Obgleich er den nächsten Sturm aufziehen spürte und alles in ihm schrie, davor wegzulaufen, stellte er sich mit verschränkten Armen dagegen. „Was soll das bitte bedeuten?“

„Oh, gar nichts.“ Nur, dass diese Formulierung das genaue Gegenteil vermuten ließ. „Nur die Tatsache, dass du jetzt fast ein Jahr mit dieser Frau zusammen bist und sie mir bis heute nicht vorgestellt hast, die stört mich schon ein wenig. Ich meine, du verbringst die Hälfte deiner Lebenszeit mit ihr und alles, was ich bekomme, sind halbgare Erzählungen – häufig nicht einmal das.“

John wusste, dass das stimmte, dass er sich unfair gegenüber beiden verhielt. Dennoch ging er in die Defensivhaltung über. Sein Kopf pulsierte, am liebsten hätte er sich hingelegt, er hatte keinen Nerv sich jetzt zusätzlich mit seinem Bruder zu streiten.

„Wenn du ein Problem mit ihr ...“

„Ich habe kein Problem mit ihr – wie auch, ich kenne sie ja nicht“, unterbrach er direkt, „sondern mit dir oder vielmehr, mit deinem Verhalten. Du hast dich verändert, Bruderherz und ich fürchte, nicht zum Guten. Weißt du noch, damals im ...“

„Hör auf damit!“, sagte John energisch, er schrie fast. „Immer wenn es mal schwierig wird, kommst du darauf zurück. Immer heißt es nur, damals ... das Waisenhaus. Unser Versprechen. Ich bin dir dankbar, das weißt du, aber sollten wir die Vergangenheit nicht langsam begraben? Ich will nicht mehr dorthin zurück. Nicht einmal hier“, er tippte sich auf die Schläfen, „versteht du? Ich will das endlich hinter mir lassen.“

Entgegen seiner Worte, wurde das Pulsieren stärker. Wie ein rhythmisches Klopfen an der Tür. Die Vergangenheit bat um Einlass.

Drake wurde indes ruhiger, seine Miene verfinsterte sich, doch dieses Mal ließ John sich davon nicht beeindrucken – noch nicht. „Mir schwant“, erklärte der Ältere, „du warst mit der Beerdigung ein wenig früh dran. Du scheinst bereits vergessen zu haben. Was geschehen ist, was ich für dich getan habe, wer dich gerettet und am Leben gehalten hat, während sie dich malträtierte.“

„Nein“, der Andere schüttelte den Kopf, „ich habe nicht vergessen, wie könnte ich? Aber ich will damit abschließen. Außerdem ...“

„Außerdem was?“

„Bin ich mir heute gar nicht mehr so sicher, was du genau für mich getan hast, oder ob du nicht gar der Ursprung alle des Unheils warst, der mir widerfahren ist.“ Jetzt war es raus. Unbewusst hatte er die kürzlich gefallenen Worte Jennifers wiederholt, derer er tief in sich ein Quäntchen Wahrheit entlockte.

Unsicher rutschte er auf seinem Platz hin und her, er war zu weit gegangen, dessen war er sich gewahr. Doch als er zu Drake aufschaute, stellte er erschrocken fest, dass dieser milde lächelte.

„Nanu“, sagte er, „wer hat dir denn diesen Floh ins Ohr gesetzt?“

„Drake, ich ...“

Der Andere hob abwehrend eine Hand. „Nein, schon okay. Aber bevor wir damit fortfahren, dass du dich von deinem großen bösen Bruder abnabelst, wollen wir doch sicherstellen, dass alle Beteiligten die gleiche Faktenlage kennen, ja?“

John wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Angst machte sich erneut in ihm breit, er vermochte nur nicht mit Bestimmtheit zu sagen, wovor mehr: Seinem Bruder oder der Vergangenheit, die er wieder aufzuleben bereit schien.

„Eine Geschichtsstunde also“, fuhr Drake lächelnd fort, nur dass ihm dies nunmehr einen irren Ausdruck verlieh. „Über einen verstörten Jungen, eine inkompetente Doktorin und das Hale-Klinikum.“

Als er die Begriffe hörte, schoss sein Blut schlagartig wie Eiswasser durch seine Adern. „Du meinst Direktorin und Waisenhaus“, korrigierte John kleinlaut.

Dafür erntete er einen mitleidigen Blick. „Oh kleiner Bruder, genau davon rede ich doch: Du hast es vergessen. Aber das Klinikum ist ein Teil von uns, so wie ich einer von dir bin und du von mir. Wir können es nicht hinter uns oder verlassen.“

„Ich will aber ...“, wimmerte John, wobei er, ohne es selbst zu merken, die Knie anzog, sie mit den Armen umschlang und mit offenen, in die Leere starrenden Augen leicht zu wippen begann.

Verschwommene Bilder bekamen Kanten, wurden zu Klingen ... einmal mehr. Zum wievielten Mal?

„Ich weiß“, erwiderte Drake, wobei er sich erhob und vor seinem Bruder aufbaute. Er legte eine Hand in seinen Nacken und beugte sich vor, so dass seine Stirn das Haupt des Anderen berührte.

„Ich weiß es nur zu gut“, wiederholte er mit beruhigendem, tiefen Ton. „Wir werden abtauchen, in den finstren Abgrund springen, mutigen Schrittes, blindlings ins Verderben und gestärkt daraus hervorgehen. Doch zuvor musst du mir etwas versprechen.“

„Alles.“ John wehrte sich nicht länger. Er ergab sich gänzlich der trügerisch warmen Umarmung seines Bruders. Der Konstante, die ihn sein Leben lang begleitete.

„Du feierst bald Jahrestag, Bruderherz. Eine passende Gelegenheit, findest du nicht? Für ein gemeinsames Treffen? Ein Kennenlernen? Ich werde mich auch von meiner besten Seite zeigen. Was sagst du?“

„Ich verspreche es.“ Wie ein Tonband, ein Automatismus. Es gab nur diese eine Antwort. Keine Alternative. Kein Ausweg.

„Gut.“ Das Lächeln kehrte zurück, breitete sich aus. Drake streichelte sanft den Hinterkopf des Jüngeren. „Gut.“

Zwiespalt[]

Der Abend des Sprungs in den Abgrund hinterließ keine Spuren. Nur ganz tief hinten in Johns Bewusstsein, setzte sich die Erinnerung fest, stapelte sich auf älteren, wie ein wackliger Turm, gebaut aus Kieselsteinen, die nur darauf warteten, endlich ins Rollen gebracht zu werden. Und wenn sie erst einmal rollten, würden sie zur Lawine werden, sich zu Felsbrocken bündeln und alles unter sich zermalmen.

Am nächsten Morgen rief er bei Jennifer an und entschuldigte sich reumütig für das Geschehene. Er sprach davon, dass es Zeit wurde, dass sie seinen Bruder kennenlernte und das er dies zusammen mit einer Überraschung, für ihren Jahrestag plante.

„Warum ausgerechnet an diesem Tag?“, hinterfragte sie.

Sie klang wieder besserer Dinge, wenngleich weit davon entfernt, ihren Geliebten mit offenen Armen zu empfangen. Die Worte des Streits echoten weiterhin in ihren Ohren, dessen war John sich bewusst, obschon die Erinnerung an die genauen Laute ihm nur verschwommen vor Augen hingen.

Er wusste, dass er sie ungerecht behandelt hatte und dass sie Zweifel hegte, nur in welchem Kontext, dessen vermochte er sich partout nicht zu besinnen.

„Weil ...“ Ja warum eigentlich? Weswegen wollte er den ersten großen Tag in ihrer Beziehung damit zubringen, sie ihrem Bruder vorzustellen, statt die Zeit in trauter Zweisamkeit zu verbringen?

Die Antwort lag auf der Hand.

„Weil ihr beide die mir wichtigsten Menschen in meinem Leben seid und ich diesen Tag gebührend feiern möchte.“ Komisch. Obwohl sich Wärme in seiner Brust ausbreitete, während er diesen Satz aussprach, kam es ihm so vor, als hätte sie ihm jemand in den Mund gelegt. Ein Gedanke, der sich bei der Erwiderung Jennifers schnell verflüchtigte.

„Du bist süß“, kicherte sie, wurde aber gleich wieder ernst. Sie raunte leise, wenn auch ein wenig gespielt. „Na schön, dann will ich mal keine Spielverderberin sein und lass‘ mich von dir überraschen.“

„Perfekt!“ John grinste breit. Den Streit hatte er fast schon wieder vergessen.

Alles lief nach Plan. Wenn er nur geahnt hätte, nach wessen ...


Die Zeit bis zum Jahrestag verging im Flug. Der Streit und dessen Thema, kamen nicht wieder auf und John, verliebt und ohnehin blind für seine direkte Umgebung, bemerkte die Skepsis nicht, die dezente Distanz, die sich zwischen ihm und Jennifer aufbaute, die, wurde sie nicht geschlossen, sich nur allzu bald zu einer Kluft auftun und einen von ihnen, wenn nicht beide, in die Tiefe reißen würde.

Dann kam er, der große Tag und damit einher, alles anders als geplant.

John kam pünktlich bei ihrer Wohnung an, um sie abzuholen. Ein Strauß Blumen zur Begrüßung und eine weitere Überraschung in der Tasche, pumpte sein Herz Nervosität durch seine Adern. Es würde perfekt werden, versichert er sich immer wieder, doch sein Unterbewusstsein konnte es nicht unterlassen, leise zu sticheln und Zweifel zu sähen.

Aber worum sorgte er sich? Drake würde am vereinbarten Ort warten, der Bar, an der Jennifer und er sich kennengelernt hatten – wo sonst? – sie würden eine Kennenlernrunde betreiben, gut essen, ein wenig trinken, sich unterhalten, die besinnliche Stimmung genießen und wenn der richtige Moment kam, musste er nur noch vor ihr auf die Knie gehen, das Schächtelchen hervorholen und ...

Allein der Gedanke an den Antrag ließ sein Herz, statt schneller zu schlagen, fast anhalten. Was, wenn sie nein sagte?

Aber warum sollte sie? Warum sollte sie ...

Die Sorge vermochte er sich nicht abzusprechen, gleichzeitig schritt er zuversichtlich voran. Wird schon schiefgehen, sagte er sich, atmete ein letztes Mal tief durch und klingelte.

Der Summer wurde kurze Zeit später betätigt, die Haustür öffnete sich, er hastete die Treppe nach oben, erreichte ihre Wohnungstür binnen Sekunden, da ihn die Überzeugung packte, dass, sobald er sie sah, alles gut werden würde. Wie sollte es auch anders sein?

Oben angelangt, wartete er. Die Tür öffnete sich nicht. Die Anspannung wurde unerträglich.

Gleich, dachte er mit dem linken Fuß trippelnd. Gleich. Doch die Erlösung kam nicht. Sie ließ ihn zappeln.

Er ertrug es nicht länger, hob die Hand und klopfte, wobei die dezente Berührung seiner Knöchel reichte, den offenbar nur angelehnten Einlass leicht aufzuschwingen.

„Was ...?“, murmelte er zu sich selbst, legte die Hand vollends an und schwang die Tür gänzlich auf. Dahinter kam ein verwaister Flur zum Vorschein. Von Jennifer keine Spur.

Trotzdessen sie nunmehr ein Jahr zusammen waren, scheute John sich davor, ohne Erlaubnis ihrerseits einzutreten, weswegen er sich vorbeugte und nach ihr rief.

Keine Reaktion.

Die Nervosität fiel von ihm ab und wich ernster Sorge. Was, wenn ihr etwas zugestoßen war? In den wenigen Sekunden, die du gebraucht hast, hier hochzukommen?, mahnte sein Verstand.

Durchaus vorstellbar, sprach er dagegen, doch da stahl sich schon ein weitaus schrecklicherer Gedanke dazwischen: Was, wenn es gar nicht Jennifer war, die ihm die Haustür geöffnet hatte?

Von einer Mischung aus Angst und Mut gepackt, ließ er all seine Manieren fallen und trat ein. Er rief nicht erneut, sondern suchte nur akribisch und auf alles gefasst – zumindest redete er sich das ein – jeden Winkel der Wohnung ab.

Weit kam er dabei nicht, denn als er in der Tür zum Schlafzimmer stand, stahl sich jemand an ihn heran, umschlang seinen Körper von hinten mit festen Armen und flüsterte dabei: „Hi Darling.“

Sein Herz hörte auf zu schlagen, er verkrampfte, dann die Erlösung ... tiefes Ausatmen. „Du ...“, knurrte er gespielt drohend.

„Ich?“, fragte Jennifer unschuldig.

„Du hast mich zu Tode erschreckt!“

„Oh, das tut mir leid.“ Nur dass sie nicht so klang, als fühlte sie nur im Geringsten Schuld. Langsam ließ sie von ihm, ihre Hände strichen über seinen Körper, indes sie sie zurückzog. „Ich will es wieder gut machen. Dreh‘ dich doch mal um.“

Er tat wie geheißen und sein Beinaheinfarkt war vergessen. Sie stand da, wie von Gott geschaffen, demzufolge vor allem ohne einen einzigen Hauch Stoff am Leib.

„Wa ...“, stammelte John geistreich.

Sie kam auf ihn zu, legte ihm einen Finger auf die Lippen. „Psst, nicht reden, dafür haben wir später noch Zeit“, erklärte sie zwinkernd.

„Aber ... der Plan ...“

Sie rollte mit den Augen, ließ sich aber nicht aus dem Konzept bringen. „Ist in deinem Plan etwa kein Platz für einen spontanen Zwischenstopp?“

Eine Stimme in seinem Verstand wollte laut schreien: Nein! Sie wollte toben und rasen und wüten darüber, dass sie alles durcheinanderbrachte. Doch als sie ihren Körper ein wenig näher an den seinen brachte, erstickte das Krakeelen, ehe es hervorbrach.

„Ein wenig Zeit können wir wohl erübrigen“, grinste John lüstern. Und schon bald wurden aus „ein wenig“ Stunden. Stunden der animalischen Freude für den Einen. Stunden des vergeblichen Wartens für den Anderen ...


Der nächste Morgen brach an. John erwachte mit einem Schreck. Er hatte alles verpatzt!

Dann besann er sich der letzten Nacht und schon schrumpften seine Schuldgefühle auf ein Minimum. Dennoch tat es ihm um Drake leid, da er es nicht mal geschafft hatte, ihm Bescheid zu geben.

Die Vorstellung, wie er dort allein saß und ... Sind wir ehrlich, er wird sich die Kante gegeben haben, als er gemerkt hat, das wir nicht auftauchen. Der Gedanke ließ ihn grinsen. Also alles halb so wild an der Front.

Der Antrag hingegen ... Ärgerlich. Das würde er in gebührendem Maß nachholen müssen. Ebenso das Kennenlernen der zwei wichtigsten Menschen in seinem Leben.

Da fiel ihm auf, dass einer davon nicht neben ihm im Bett lag. Er tastete nach ihrer Seite. Kalt. Sie war also schon länger auf. Seltsam, wieso hatte sie ihn nicht geweckt?

Sich vorerst nichts weiter dabei denkend, erhob er sich selbst aus der Schlafstätte, zog sich eine Hose über und trat in den sonnendurchfluteten Flur hinaus. Die Wohnung lag still da.

Solange bis eine Stimme die Ruhe zerriss. „Auch endlich wach, ja?“

John zuckte zusammen. Was hatte das zu bedeuten? Er identifizierte den Sprecher eindeutig als seinen Bruder, nur ... was hatte dieser hier zu suchen?

Verärgert marschierte er in die Richtung, aus der er ihn gehört hatte, und fand Drake tatsächlich im Wohnzimmer auf der Couch sitzend vor. Allein, wie er zu seiner Verwunderung feststellte.

Seine bessere Hälfte schaut von einem Ordner auf, den er ausgiebig zu studieren schien. „Na endlich. Ich hatte schon gedacht, du willst den ganzen Tag verschlafen“, erklärte er, als wär es das Normalste auf der Welt, in der Wohnung der Freundin des Bruders aufzuschlagen, die er bis dato nie zuvor gesehen hatte.

„Was tust du hier?“, verlangte John zu wissen.

Der Andere ignorierte seine Frage, schaute stattdessen aus dem Fenster und redete mit niemand Bestimmten. „Ich habe gewartet. Gestern. Ein Jahr lang.“ Er schüttelte den Kopf, wandte sich nun doch seinem Bruder zu. „Du hast mich enttäuscht.“

Obwohl er es nicht wollte, da es Dringlicheres zu klären galt, setzte er zu einer Rechtfertigung an. „Das mit gestern tut mir leid, ich ...“

„Nein, tut es nicht, aber ist auch egal. Hat es denn wenigstens geklappt? Habt ihr euch verlobt?“

„Nein, wir ...“

„Oh, das ist schade.“ Die Bekümmerung schauspielerte er so miserabel, dass es an Hohn grenzte. „Wirklich schade ...“ Er wandte sich erneut ab, schaute aus dem Fenster. Das warme Sonnenlicht schien in sein ausdrucksloses Antlitz. Dort, wo es ihn berührte, erkaltete es, wurde fahl und bleiern.

„Du hast meine Frage nicht beantwortet“, fing John sich, wobei Wut sich in ihm staute. „Was tust du hier?“

Aber sein Gegenüber zeigte auch weiterhin kein Interesse daran, ihm Rede und Antwort zu stehen. „Schau es dir an“, erklärte er verbissen. „Ich wusste ja, dass die Kleine Ärger bedeutet, aber das“, er brachte so etwas wie ein anerkennendes Nicken zustande, „ist wirklich die Krönung.“

„Was soll ich mir ansehen?“

Ohne eine weitere Erklärung schob Drake den Ordner zu ihm herüber. Ein gut strukturiertes und gefülltes Exemplar. Einige Zeitungsartikel prangten John entgegen, aber er weigerte sich, diesen seine Aufmerksamkeit zu spenden.

„Was ist das?“

„Sieh es dir an“, kam die nüchterne Erwiderung.

„Nein.“

Sein Bruder harrte einen Moment aus, ehe er sich gemächlich zu ihm drehte. Der Ausdruck war derselbe und dennoch, wurden dem Jüngeren die Knie weich. Da lag eine Härte in seinen Augen, die er nie zuvor erblickt hatte – zumindest nicht, soweit er sich gegenwärtig erinnern konnte.

„Sieh. Es. Dir. An.“ Jedes Wort ein Befehl, einen Schlag androhend, wenn er nicht spurte.

Also beugte er sich hinab, blätterte. Durch Artikel, Berichte, Ausdrucke von Recherchen, Zusammenfassungen, Notizen.

Alles drehte sich um Hale. Ein Klinikum. Eine geschlossene Anstalt. Eine gleichnamige Direktorin. Und Patienten. Vor allem Patienten.

Einige der Dokumente waren spärlich, andere umfassend, in nicht wenigen las er seinen eigenen Namen ...

„Die Frau hat ihre Hausaufgaben gemacht, das muss man ihr lassen.“

„Was ...“ John verstand nichts. Er hörte nichts. Nur Wummern. Das tosende Hämmern an der Innendecke seines Schädels. Gleißende Blitze, rasender Kopfschmerz und irgendwo darunter begraben, ein Moloch, der nur darauf lauert hervorzubrechen und das, was er sein Leben nannte, zu verschlingen.

„Außerdem hat sie einen größeren Schaden als wir!“ Drake lachte humorlos. „Sie hat nach uns gesucht. Gesucht. Das muss man sich mal vorstellen. Ist sie Journalisten? Will sie ein Buch schreiben? Weißt du überhaupt, womit sie ihre Brötchen verdient? Hast du dich das jemals gefragt? Vielleicht ist es auch eine Art perverser Fetisch?“ Er zuckte mit den Schultern. „Na ist jetzt auch egal.“

John vernahm seine Worte nur als Hintergrundrauschen. Tränen füllten seine Augen. Alles eine Lüge?

Die zweite Säule, die sein Leben zu tragen begonnen hatte, brach weg. Eine Konstante. Ein Fixpunkt. Ein Ausweg. Eine Fluchtroute. Alles nur Schein.

„Was ...?“, stammelte er, unfähig etwas anderes zu sagen.

„Was? Was? Was? Immer die gleiche Leier mit dir!“, lamentierte Drake, indes er aufstand und sich neben seinen Bruder hockte. Einmal mehr legte er seine Hand in dessen Nacken, dieses Mal packte er fest zu und drückte Stirn gegen Schläfe.

„Verstehst du es jetzt?“, raunte er in Johns Ohr. „Du brauchst mich. Du bist nichts ohne mich. Ich bin der einzige Mensch, auf den du dich verlassen kannst. Wurde höchste Zeit, dir das mal wieder ins Gedächtnis zu rufen!“

„Nein ...“, wimmerte der Andere. Er war drauf und dran, sich erneut in seine Kauerstellung zu begeben, aber er kämpfte dagegen an, kämpfte gegen den Sturm in seinem Kopf, gegen die Erinnerungen, die wie herumirrende Scherben darin alles in Fetzen rissen.

„Doch“, wisperte sein Bruder.

„Nein“, widersprach der Jüngere, mit mehr Kraft in der Stimme, als er sich selbst zumutete. Es verlieh ihm Mut, wenn auch nicht viel.

„Nein!“, sprach der Ältere dagegen. Der Hauch von Zweifel schwang in seiner Stimme mit.

Der Andere hielt inne. Jetzt oder nie. Entweder er brach aus oder er zerbrach. „Wo ist sie?“, flüsterte er.

„Was?“

„Wo ist sie?“, zischte er.

Der Griff um seinen Nacken wurde fester. „Das willst du nicht ...“

„Wo ist sie?“

„Ich beschütze dich!“

„Wo ist sie!“

„Narr! Vergiss sie! Sie ist bedeutungslos! Nur wir! Wir zählen! Wir! Hörst du mich!“

Stille. Das Auge des Sturms. Der entscheidende Moment.

„Nein.“

Keine Antwort. Keine Hand in seinem Nacken. Kein Bruder neben ihm. Er war allein.

John schaute auf den Ordner, schüttelte den Kopf. In einem Punkt hatte Drake recht gehabt: Es war egal. Er blickte neben sich, da wo der Ältere bis eben gehockt hatte.

War er verschwunden? Beliebe nicht. Er lauerte weiterhin in den hintersten Ecken seines Verstands. Wartete auf den rechten Augenblick, erneut vorzupreschen und sein Leben an sich zu reißen, es zu lenken, zu bestimmen ...

„Aber nicht heute“, flüsterte John. „Der heutige Tag gehört mir, mir allein.“

Damit erhob er sich und begab sich auf die Suche. Sie wartete hier irgendwo, dessen war er sich gewiss, er musste sich nur ... erinnern.

Wo sie ihn sonst quälte, ließ er sich ausnahmsweise von ihr lenken. Die Vergangenheit führte ihn durch die Wohnung, zum Badezimmer. Vor der Tür stehend, machte sich Beklemmung in ihm breit. In welchem Zustand sie sich wohl befand? Was hatte Drake ... was hatte er ihr angetan?

Was es auch war, er würde dafür geradestehen und sein Bruder mit ihm zusammen, die Rechnung bezahlen. Keine Flucht mehr, es wurde Zeit, sich zu stellen.

Als er die Hand an die Klinke legte, hörte er eine Stimme. Sie kam von überall und nirgends. Sie kam aus seinem Kopf.

„Weißt du noch, wir wollten immer alles teilen ...“

John erstarrte. Nein ...

„Ob Freude oder Schmerz ...“

„Nein ...“, flehte er wieder. Sein Gesicht verzog sich in Verzweiflung, seine Hände zitterten, sein Körper bebte.

„Alles ...“

Sein Kopf fiel nach vorn, schlug gegen die Tür. Ging zurück, fiel erneut. Er hämmerte ihn dagegen, in der Hoffnung die Stimme und die Wahrheit ungeschehen zu machen ... oder zu sterben.

Nichts dergleichen geschah. „Alles ...“, tönte das ewige Mantra. Es gab nur einen Weg, es abzustellen.

Mit einem Ruck stieß er die Tür auf. Die Tür zur Wahrheit. Die Tür zur Vergangenheit.

Der Nebel lichtete sich und offenbarte ein weiteres Mal den Schrecken seiner zwiegespaltenen Natur.

Zweierlei Berichterstattung[]

[...] Mittlerweile sind sowohl Identität des Opfers, als auch des Täters bestätigt worden.

Bei Letzterem handelt es nach ersten Berichten um einen ehemaligen Insassen des Hale-Klinikums. Die Nervenheilanstalt hat in der Vergangenheit bereits häufiger für Aufsehen gesorgt. Einerseits aufgrund zweifelhafter Praktiken, andererseits wegen, mehreren Delikten, in denen Patienten dieser Einrichtung verwickelt waren.

Ob die Entlassung des Täters zum gegebenen Zeitpunkt gerechtfertigt war, es sich demnach um einen Rückfall oder aber grobe Fahrlässigkeit handelt, ist derzeit noch unklar. Die Polizei ermittelt.

Persönliche Notiz – Dr. Hale, leitende Direktorin


So sehen wir uns also wieder Mr. Chambers ...

Dabei haben wir doch so gute Fortschritte gemacht. Und jetzt das. Ein weiterer Skandal auf der Liste. Äußerst ärgerlich.

Aber ernsthaft, hat Ihr Bruder nichts Einfallsreicheres im Sinn gehabt? Eine unschuldige Frau entzwei zu sägen, das ist so ... geschmacklos. Und die Zeitungen werden es lieben.

Andererseits sollte ich Ihnen vermutlich dankbar sein, was man so hört, war die Gute ziemlich umtriebig, vor allem was unsere schöne Einrichtung anbelangt.

Lange kein Grund, sie tot sehen zu wollen, insbesondere da uns das mehr Ärger als Erleichterung einbringt. Es ist ja nicht so, dass wir in unserem Haus irgendetwas zu verbergen hätten.

Und was mache ich jetzt mit Ihnen, Mr. Chambers? Tja, es nutzt alles nichts. Auf ein Neues also. Wir werden Ihnen diesen kleinen Teufel schon noch austreiben ...

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